Glauben und in der Wahrheit Geld, innerlich beschnittne Juden sind, und zudem wunderthätige Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen.
Wenn in der einfachen Cirkulation der Werth der Waaren ihrem Gebrauchswerth gegenüber höchstens die selbständige Form des Geldes erhält, so stellt er sich hier plötzlich dar als eine processirende, sich selbst bewegende Substanz, für welche Waare und Geld beide bloße Formen. Aber noch mehr. Statt Waarenverhältnisse darzustellen, tritt er jetzt so zu sagen in ein Privatverhältniß zu sich selbst. Er unterscheidet sich als ursprünglicher Werth von sich selbst als Mehrwerth, als Gott Vater von sich selbst als Gott Sohn, und beide sind vom selben Alter, und bilden in der That nur eine Person, denn nur durch den Mehrwerth von 10 Pfd. St. ||118| werden die vorgeschossenen 100 Pfd. St. Kapital, und sobald sie dieß geworden, sobald der Sohn, und durch den Sohn der Vater erzeugt, verschwindet ihr Unterschied wieder und sind beide Eins, 110 Pfd. St.
Der Werth wird also processirender Werth, processirendes Geld und als solches Kapital. Er kommt aus der Cirkulation her, geht wieder in sie ein, erhält und vervielfältigt sich in ihr, kehrt vergrößert aus ihr zurück und beginnt denselben Kreislauf stets wieder von neuem13). G-G′, geldheckendes Geld – money which begets money – lautet die Beschreibung des Kapitals im Munde seiner ersten Dolmetscher, der Merkantilisten.
Kaufen um zu verkaufen, oder vollständiger, kaufen um theurer zu verkaufen, G-W-G′, scheint zwar nur einer Art des Kapitals, dem Kaufmannskapital, eigenthümliche Form. Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das sich in Waare verwandelt und durch den Verkauf der Waare in mehr Geld rückverwandelt. Akte, die etwa zwischen dem Kauf und dem Verkaufe, außerhalb der Cirkulationssphäre, vorgehn, ändern nichts an dieser Form der Bewegung. In dem zinstragenden Kapital endlich stellt sich die Cirkulation G-W-G′ abgekürzt dar, in ihrem Resultat ohne die Vermittlung, so zu sagen im Lapidarstil, als G-G′, Geld, das gleich mehr Geld, Werth, der größer als er selbst ist.
In der That also ist G-W-G′ die allgemeine Formel des Kapitals, wie es unmittelbar in der Cirkulationssphäre erscheint.
2. Widersprüche der allgemeinen Formel.
Die Cirkulationsform, worin sich das Geld zum Kapital entpuppt, widerspricht allen früher entwickelten Gesetzen über die Natur der Waare, des Werths, des Geldes und der Cirkulation selbst. Was sie von der einfachen Waarencirkulation unterscheidet, ist die umgekehrte Reihenfolge derselben zwei entgegengesetzten Processe, Verkauf und Kauf. Und wie sollte solcher rein formelle Unterschied die Natur dieser Processe umzaubern?
Noch mehr. Diese Umkehrung existirt nur für einen der drei Geschäftsfreunde, die mit einander handeln. Als Kapitalist kaufe ich Waare von A und verkaufe sie wieder an B, während ich als einfacher Waarenbesitzer Waare an B verkaufe und dann Waare von A kaufe. Für die Geschäftsfreunde A und B existirt dieser Unterschied nicht. Sie treten nur als Käufer oder Ver||119|käufer von Waaren auf. Ich selbst stehe ihnen jedesmal gegenüber als einfacher Geldbesitzer oder Waarenbesitzer, Käufer oder Verkäufer, und zwar trete ich in beiden Reihenfolgen der einen Person nur als Käufer und der andren nur als Verkäufer gegenüber, der einen als nur Geld, der andren als nur Waare, keiner von beiden als Kapital oder Kapitalist oder Repräsentant von irgend etwas, das mehr als Geld oder Waare wäre, oder eine andre Wirkung außer der des Geldes oder der Waare ausüben könnte. Für mich bilden Kauf von A und Verkauf an B eine Reihenfolge. Aber der Zusammenhang zwischen diesen beiden Akten existirt nur für mich. A scheert sich nicht um meine Transaktion mit B, und B nicht um meine Transaktion mit A. Wollte ich ihnen etwa das besondre Verdienst klar machen, das ich mir durch die Umkehrung der Reihenfolge erwerbe, so würden sie mir beweisen, daß ich mich in der Reihenfolge selbst irre und daß die Gesammttransaktion nicht mit einem Kauf begann und einem Verkauf endete, sondern umgekehrt mit einem Verkauf begann und mit einem Kauf abschloß. In der That, mein erster Akt, der Kauf, war von A’s Standpunkt ein Verkauf, und mein zweiter Akt, der Verkauf, war von B’s Standpunkt ein Kauf. Nicht zufrieden damit, werden A und B erklären, daß die ganze Reihenfolge überflüssig und Hokus Pokus war. A wird die Waare direkt an B verkaufen und B sie direkt von A kaufen. Damit verschrumpft die ganze Transaktion in einen einseitigen Akt der gewöhnlichen Waarencirkulation, vom Standpunkt A’s bloßer Verkauf und vom Standpunkt B’s bloßer Kauf. Wir sind also durch die Umkehrung der Reihenfolge nicht über die Sphäre der einfachen Waarencirkulation hinausgekommen und müssen vielmehr zusehn, ob sie ihrer Natur nach Verwerthung der in sie eingehenden Werthe und daher Bildung von Mehrwerth gestattet.
Nehmen wir den Cirkulationsproceß in einer Form, worin er sich als bloßer Waarenaustausch darstellt. Dieß ist stets der Fall, wenn beide Waarenbesitzer Waaren von einander kaufen und die Bilanz ihrer wechselseitigen Geldforderungen sich am Zahlungstag ausgleicht. Das Geld dient hier als Rechengeld, um die Werthe der Waaren in ihren Preisen auszudrücken, tritt aber nicht den Waaren selbst dinglich gegenüber. Soweit es sich um den Gebrauchswerth handelt, ist es klar, daß beide Austauscher gewinnen können. Beide veräußern Waaren, die ihnen als Gebrauchswerth nutzlos, und erhalten Waaren, deren sie zum Gebrauch bedürfen. Und dieser Nutzen mag nicht der einzige sein. A, der Wein ver||120|kauft und Getreide kauft, producirt vielleicht mehr Wein als Getreidebauer B in derselben Arbeitszeit produciren könnte, und Getreidebauer B in derselben Arbeitszeit mehr Getreide als Weinbauer A produciren könnte. A erhält also für denselben Tauschwerth mehr Getreide und B mehr Wein als wenn jeder von den beiden, ohne Austausch, Wein und Getreide für sich selbst produciren müßte. Mit Bezug auf den Gebrauchswerth also kann gesagt werden, daß „der Austausch eine Transaktion ist, worin beide Seiten gewinnen“14). Anders mit dem Tauschwerth. „Ein Mann, der viel Wein und kein Getreide besitzt, handelt mit einem Mann, der viel Getreide und keinen Wein besitzt und zwischen ihnen wird ausgetauscht Weizen zum Werth von 50 gegen einen Werth von 50 in Wein. Dieser Austausch ist keine Vermehrung des Tauschwerths weder für den einen, noch für den andren; denn bereits vor dem Austausch besaß jeder von ihnen einen Werth gleich dem, den er sich vermittelst dieser Operation verschafft hat15).“ Es ändert nichts an der Sache, wenn das Geld als Cirkulationsmittel zwischen die Waaren tritt und die Akte des Kaufs und Verkaufs sinnlich auseinanderfallen16). Der Werth der Waaren ist in ihren Preisen dargestellt, bevor sie in die Cirkulation treten, also Voraussetzung und nicht Resultat derselben17).
Abstrakt betrachtet, d. h. abgesehn von Umständen, die nicht aus den immanenten Gesetzen der einfachen Waarencirkulation hervorfließen, geht außer dem Ersatz eines Gebrauchswerths durch einen andren nichts in ihr vor als eine Metamorphose, ein bloßer Formwechsel der Waare. Derselbe Werth, d. h. dasselbe Quantum vergegenständlichter gesellschaftlicher Arbeit, bleibt in der Hand desselben Waarenbesitzers in Gestalt erst seiner Waare, dann des Geldes, worin sie sich verwandelt, endlich der Waare, worin sich dies Geld rückverwandelt. Dieser Formwechsel schließt keine Aenderung der Werthgröße ein. Der Wechsel aber, den der Werth der Waare selbst in diesem Proceß durchläuft, beschränkt sich auf einen Wechsel seiner Geldform. Sie existirt erst als Preis ||121| der zum Verkauf angebotenen Waare, dann als eine Geldsumme, die aber schon im Preise ausgedrückt war, endlich als der Preis einer äquivalenten Waare. Dieser Formwechsel schließt an und für sich eben so wenig eine Aenderung der Werthgröße ein, wie das Auswechseln einer Fünfpfundnote gegen Sovereigns, halbe Sovereigns und Schillinge. Sofern also die Cirkulation der Waare nur einen Formwechsel ihres Werths bedingt, bedingt sie, wenn das Phänomen rein vorgeht, Austausch von Aequivalenten. Die Vulgärökonomie selbst, so wenig sie ahnt, was der Werth ist, unterstellt daher, so oft sie in ihrer Art das Phänomen rein betrachten will, daß Nachfrage und Zufuhr sich decken, d. h. daß ihre Wirkung überhaupt aufhört. Wenn also mit Bezug auf den Gebrauchswerth beide Austauscher gewinnen können, können sie nicht beide gewinnen an Tauschwerth. Hier heißt es vielmehr: „Wo Gleichheit ist, ist kein Gewinn“18). Waaren können zwar zu Preisen verkauft werden, die von ihren Werthen abweichen, aber diese Abweichung erscheint als Verletzung des Gesetzes des Waarenaustausches19). In seiner reinen Gestalt ist er ein Austausch von Aequivalenten, also kein Mittel, sich an Werth zu bereichern20).
Hinter den Versuchen, die Waarencirkulation als Quelle von Mehrwerth darzustellen, lauert daher meist ein quid pro quo, eine Verwechslung von Gebrauchswerth und Tauschwerth. So z. B. bei Condillac: „Es ist falsch, daß man im Waarenaustausch gleichen Werth gegen gleichen Werth austauscht. Umgekehrt. Jeder der beiden Kontrahenten giebt immer einen kleineren für einen größeren Werth ... Tauschte man in der That immer gleiche Werthe aus, so wäre kein Gewinn zu machen für irgend einen Kontrahenten. Aber alle beide gewinnen oder sollten doch gewinnen. Warum? Der Werth der Dinge besteht bloß in ihrer Beziehung auf unsre Bedürfnisse. Was für den einen mehr, ist für den andren weniger, und umgekehrt ... Man setzt nicht voraus, daß wir für unsre Konsumtion unentbehrliche Dinge zum Verkauf ausbieten .... Wir wollen eine uns nutzlose Sache weggeben, um eine uns noth||122|wendige zu erhalten; wir wollen weniger für mehr geben ... Es war natürlich zu urtheilen, daß man im Austausch gleichen Werth für gleichen Werth gebe, so oft jedes der ausgetauschten Dinge an Werth demselben Quantum Geld gleich war ... Aber eine andre Betrachtung muß noch in die Rechnung eingehn; es fragt sich, ob wir beide einen Ueberfluß gegen etwas Nothwendiges austauschen21).“ Man sieht, wie Condillac nicht nur Gebrauchswerth und Tauschwerth durcheinander wirft, sondern wahrhaft kindlich einer Gesellschaft mit entwickelter Waarenproduktion einen Zustand unterschiebt, worin der Producent seine Subsistenzmittel selbst producirt und nur den Ueberschuß über den eignen Bedarf, den Ueberfluß, in die Cirkulation wirft22). Dennoch wird Condillac’s Argument häufig bei modernen Oekonomen wiederholt, namentlich wenn es gilt, die entwickelte Gestalt des Waarenaustausches, den Handel, als produktiv von Mehrwerth darzustellen. „Der Handel“, heißt es z. B. „fügt den Produkten Werth zu, denn dieselben Produkte haben mehr Werth in den Händen des Konsumenten als in den Händen des Producenten und er muß daher wörtlich (strictly) als Produktionsakt betrachtet werden23).“ Aber man zahlt die Waaren nicht doppelt, das einemal ihren Gebrauchswerth und das andremal ihren Werth. Und wenn der Gebrauchswerth der Waare dem Käufer nützlicher als dem Verkäufer, ist ihre Geldform dem Verkäufer nützlicher als dem Käufer. Würde er sie sonst verkaufen? Und so könnte ebensowohl gesagt werden, daß der Käufer wörtlich (strictly) einen „Produktionsakt“ vollbringt, indem er z. B. die Strümpfe des Kaufmanns in Geld verwandelt.
Werden Waaren oder Waaren und Geld von gleichem Tauschwerth, also Aequivalente ausgetauscht, so zieht offenbar keiner mehr Werth aus der Cirkulation heraus als er in sie hineinwirft. Es findet dann keine Bildung von Mehrwerth statt. In seiner ||123| reinen Form aber bedingt der Cirkulationsproceß der Waaren Austausch von Aequivalenten. Jedoch gehn die Dinge in der Wirklichkeit nicht rein zu. Unterstellen wir daher Austausch von Nicht-Aequivalenten.
Jedenfalls steht auf dem Waarenmarkt nur Waarenbesitzer dem Waarenbesitzer gegenüber, und die Macht, die diese Personen über einander ausüben, ist nur die Macht ihrer Waaren. Die stoffliche Verschiedenheit der Waaren ist das stoffliche Motiv des Austausches und macht die Waarenbesitzer wechselseitig von einander abhängig, indem keiner von ihnen den Gegenstand seines eignen Bedürfnisses und jeder von ihnen den Gegenstand des Bedürfnisses des Andren in seiner Hand hält. Außer dieser stofflichen Verschiedenheit ihrer Gebrauchswerthe besteht nur noch ein Unterschied unter den Waaren, der Unterschied zwischen ihrer Naturalform und ihrer verwandelten Form, zwischen Waare und Geld. Und so unterscheiden sich die Waarenbesitzer nur als Verkäufer, Besitzer von Waare, und als Käufer, Besitzer von Geld.
Gesetzt nun, es sei durch irgend ein unerklärliches Privilegium dem Verkäufer gegeben, die Waare über ihrem Werthe zu verkaufen, zu 110, wenn sie 100 werth ist, also mit einem nominellen Preisaufschlage von 10 %. Der Verkäufer kassirt also einen Mehrwerth von 10 ein. Aber nachdem er Verkäufer war, wird er Käufer. Ein dritter Waarenbesitzer begegnet ihm jetzt als Verkäufer und genießt seinerseits das Privilegium, die Waare 10 % zu theuer zu verkaufen. Unser Mann hat als Verkäufer 10 gewonnen, um als Käufer 10 zu verlieren24). Das Ganze kommt in der That darauf hinaus, daß alle Waarenbesitzer ihre Waaren einander 10 % über dem Werth verkaufen, was durchaus dasselbe ist, als ob sie die Waaren zu ihren Werthen verkauften. Ein solcher allgemeiner nomineller Preisaufschlag der Waaren bringt dieselbe Wirkung hervor, als ob die Waarenwerthe z. B. in Silber statt in Gold geschätzt würden. Die Geldnamen, d. h. die Preise der Waaren würden anschwellen, aber ihre Werthverhältnisse unverändert bleiben.
Unterstellen wir umgekehrt, es sei das Privilegium des Käufers, die Waaren unter ihrem Werth zu kaufen. Hier ist es nicht einmal nöthig zu erinnern, daß der Käufer wieder Verkäufer wird. ||124| Er war Verkäufer, bevor er Käufer ward. Er hat bereits 10 % als Verkäufer verloren, bevor er 10 % als Käufer gewinnt25). Alles bleibt wieder beim Alten.
Die Bildung von Mehrwerth und daher die Verwandlung von Geld in Kapital, kann also weder dadurch erklärt werden, daß die Verkäufer die Waaren über ihrem Werthe verkaufen, noch dadurch, daß die Käufer sie unter ihrem Werthe kaufen26).
Das Problem wird in keiner Weise dadurch vereinfacht, daß man fremde Beziehungen einschmuggelt, also etwa mit Oberst Torrens sagt: „Die effektive Nachfrage besteht in dem Vermögen und der Neigung (!) der Konsumenten, sei es durch unmittelbaren oder vermittelten Austausch, für Waaren eine gewisse größere Portion von allen Ingredienzien des Kapitals zu geben, als ihre Produktion kostet27).“ In der Cirkulation stehn sich Producenten und Konsumenten nur als Verkäufer und Käufer gegenüber. Behaupten, der Mehrwerth für den Producenten entspringe daraus, daß die Konsumenten die Waare über den Werth zahlen, heißt nur den einfachen Satz maskiren: Der Waarenbesitzer besitzt als Verkäufer das Privilegium zu theuer zu verkaufen. Der Verkäufer hat die Waare selbst producirt oder vertritt ihren Producenten, aber der Käufer hat nicht minder die in seinem Gelde dargestellte Waare selbst producirt oder vertritt ihren Producenten. Es steht also Producent dem Producenten gegenüber. Was sie unterscheidet, ist daß der eine kauft und der andre verkauft. Es bringt uns keinen Schritt weiter, daß der Waarenbesitzer unter dem Namen Producent die Waare über ihrem Werthe verkauft und unter dem Namen Konsument sie zu theuer zahlt28).
Die konsequenten Vertreter der Illusion, daß der Mehrwerth aus einem nominellen Preiszuschlag entspringt, oder aus dem Privilegium des Verkäufers die Waare zu theuer zu verkaufen, unter||125|stellen daher eine Klasse, die nur kauft ohne zu verkaufen, also auch nur konsumirt ohne zu produciren. Die Existenz einer solchen Klasse ist von unsrem bisher erreichten Standpunkt, dem der einfachen Cirkulation noch unerklärlich. Aber greifen wir vor. Das Geld, womit eine solche Klasse beständig kauft, muß ihr beständig, ohne Austausch, umsonst, auf beliebige Rechts- und Gewaltstitel hin, von den Waarenbesitzern selbst zufließen. Dieser Klasse die Waaren über dem Werth verkaufen, heißt nur, umsonst weggegebenes Geld sich zum Theil wieder zurückschwindeln29). So zahlten die kleinasiatischen Städte jährlichen Geldtribut an das alte Rom. Mit diesem Geld kaufte Rom Waaren von ihnen und kaufte sie zu theuer. Die Kleinasiaten prellten die Römer, indem, sie den Eroberern einen Theil des Tributs wieder abluchsten auf dem Wege des Handels. Aber dennoch blieben die Kleinasiaten die Geprellten. Ihre Waaren wurden ihnen nach wie vor mit ihrem eignen Gelde gezahlt. Es ist dieß keine Methode der Bereicherung oder der Bildung von Mehrwerth.
Halten wir uns also innerhalb der Schranken des Waarenaustausches, wo Verkäufer Käufer und Käufer Verkäufer sind. Unsre Verlegenheit stammt vielleicht daher, daß wir die Personen nur als personificirte Kategorien, nicht individuell, gefaßt haben.
Waarenbesitzer A mag so pfiffig sein seine Collegen B oder C übers Ohr zu hauen, während sie trotz des besten Willens die Revanche schuldig bleiben. A verkauft Wein zum Werth von 40 Pfd. St. an B und erwirbt im Austausch Getreide zum Werth von 50 Pfd. St. A hat eine 40 Pfd. St. in 50 Pfd. St. verwandelt, mehr Geld aus weniger Geld gemacht und seine Waare in Kapital verwandelt. Sehn wir näher zu. Vor dem Austausch hatten wir für 40 Pfd. St. Wein in der Hand von A und für 50 Pfd. St. Getreide in der Hand von B, Gesammtwerth von 90 Pfd. St. Nach dem Austausch haben wir denselben Gesammtwerth von 90 Pfd. St. Der cirkulirende Werth hat sich um kein Atom vergrößert, seine Vertheilung zwischen A und B hat sich verändert. Auf der einen Seite erscheint als Mehrwerth, was auf der andren Minderwerth ist, auf der einen Seite als Plus, was auf der andren | |126| als Minus. Derselbe Wechsel hätte sich ereignet, wenn A, ohne die verhüllende Form des Austausches, dem B 10 Pfd. direkt gestohlen hätte. Die Summe der cirkulirenden Werthe kann offenbar durch keinen Wechsel in ihrer Vertheilung vermehrt werden, so wenig wie ein Jude die Masse der edlen Metalle in einem Lande dadurch vermehrt, daß er einen Farthing aus der Zeit der Königin Anna für eine Guinee verkauft. Die Gesammtheit der Kapitalistenklasse eines Landes kann sich nicht selbst übervortheilen30).
Man mag sich also drehen und wenden wie man will, das Facit bleibt dasselbe. Werden Aequivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwerth, und werden Nicht-Aequivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwerth31). Die Cirkulation oder der Waarenaustausch schafft keinen Werth32).
Man versteht daher, warum in unsrer Analyse der Grundform des Kapitals, der Form, worin es die ökonomische Organisation der modernen Gesellschaft bestimmt, seine populären und so zu sagen antediluvianischen Gestalten, Handelskapital und Wucherkapital, zunächst gänzlich unberücksichtigt bleiben.
Im eigentlichen Handelskapital erscheint die Form G-W-G′, kaufen um theurer zu verkaufen, am reinsten. Andrerseits geht seine ganze Bewegung innerhalb der Cirkulationssphäre vor. Da es aber unmöglich ist aus der Cirkulation selbst die Verwandlung von Geld in Kapital, die Bildung von Mehrwerth zu erklären, erscheint das Handelskapital unmöglich, sobald Aequivalente ausgetauscht werden33), daher nur ableitbar aus der doppelseitigen ||127| Uebervortheilung der kaufenden und verkaufenden Waarenproducenten durch den sich parasitisch zwischen sie schiebenden Kaufmann. In diesem Sinn sagt Franklin: „Krieg ist Raub, Handel ist Prellerei34).“ Soll die Verwerthung des Handelskapitals nicht aus bloßer Prellerei der Waarenproducenten erklärt werden, so gehört dazu eine lange Reihe von Mittelgliedern, die hier, wo die Waarencirkulation und ihre einfachen Momente unsre einzige Voraussetzung bilden, noch gänzlich fehlt.
Was vom Handelskapital, gilt noch mehr vom Wucherkapital. Im Handelskapital sind die Extreme, das Geld, das auf den Markt geworfen und das vermehrte Geld, das dem Markt entzogen wird, wenigstens vermittelt durch Kauf und Verkauf, durch die Bewegung der Cirkulation. Im Wucherkapital ist die Form G-W-G′ abgekürzt auf die unvermittelten Extreme G-G′, Geld, das sich gegen mehr Geld austauscht, eine der Natur des Geldes widersprechende und daher vom Standpunkt des Waarenaustausches unerklärliche Form. Daher Aristoteles: „da die Chrematistik eine doppelte ist, die eine zum Handel, die andre zur Oekonomik gehörig, die letztere nothwendig und lobenswerth, die erstere auf die Cirkulation gegründet und mit Recht getadelt (denn sie beruht nicht auf der Natur, sondern auf wechselseitiger Prellerei), so ist der Wucher mit vollstem Recht verhaßt, weil das Geld selbst hier die Quelle des Erwerbs und nicht dazu gebraucht wird, wozu es erfunden ward. Denn für den Waarenaustausch entstand es, der Zins aber macht aus Geld mehr Geld. Daher auch sein Name (τόκος Zins und Geborenes). Denn die Geborenen sind den Erzeugern ähnlich. Der Zins aber ist Geld von Geld, so daß von allen Erwerbszweigen dieser der naturwidrigste35).“
Wie das Handelskapital werden wir das zinstragende Kapital im Verlauf unsrer Untersuchung als abgeleitete Formen vorfinden und zugleich sehn, warum sie historisch vor der modernen Grundform des Kapitals erscheinen.
Es hat sich gezeigt, daß der Mehrwerth nicht aus der Cirkulation entspringen kann, bei seiner Bildung also etwas hinter ihrem ||128| Rücken vorgehn muß, das in ihr selbst unsichtbar ist36). Kann aber der Mehrwerth anders woher entspringen als aus der Cirkulation? Die Cirkulation ist die Summe aller Waarenbeziehungen der Waarenbesitzer. Außerhalb derselben steht der Waarenbesitzer nur noch in Beziehung zu seiner eignen Waare. Was ihren Werth angeht, beschränkt sich das Verhältniß darauf, daß sie ein nach bestimmten gesellschaftlichen Gesetzen gemessenes Quantum seiner eignen Arbeit enthält. Dieß Quantum Arbeit drückt sich aus in der Werthgröße seiner Waare und da sich Werthgröße in Rechengeld darstellt, in einem Preise von z. B. 10 Pfd. St. Aber seine Arbeit stellt sich nicht dar im Werthe der Waare und einem Ueberschuß über ihrem eignen Werth, nicht in einem Preise von 10, der zugleich ein Preis von 11, nicht in einem Werth, der größer als er selbst ist. Der Waarenbesitzer kann durch seine Arbeit Werthe bilden, aber keine sich verwerthenden Werthe. Er kann den Werth einer Waare erhöhn, indem er vorhandnem Werth neuen Werth durch neue Arbeit zusetzt, z. B. aus Leder Stiefel macht. Derselbe Stoff hat jetzt mehr Werth, weil er ein größeres Arbeitsquantum enthält. Der Stiefel hat daher mehr Werth als das Leder, aber der Werth des Leders ist geblieben, was er war. Er hat sich nicht verwerthet, nicht während der Stiefelfabrikation einen Mehrwerth angesetzt. Es ist also unmöglich, daß der Waarenproducent außerhalb der Cirkulationssphäre, ohne mit andren Waarenbesitzern in Berührung zu treten, Werth verwerthe und daher Geld oder Waare in Kapital verwandle.
Kapital kann also nicht aus der Cirkulation entspringen und es kann eben so wenig aus der Cirkulation nicht entspringen. Es muß zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen.
Ein doppeltes Resultat hat sich also ergeben.
Die Verwandlung des Geldes in Kapital ist auf Grundlage dem Waarenaustausch immanenter Gesetze zu entwickeln, so daß der Austausch von Aequivalenten als Ausgangspunkt gilt37). Unser ||129| nur noch als Kapitalistenraupe vorhandner Geldbesitzer muß die Waaren zu ihrem Werth kaufen, zu ihrem Werth verkaufen, und dennoch am Ende des Processes mehr Werth herausziehn als er hineinwarf. Seine Schmetterlingsentfaltung muß in der Cirkulationssphäre und muß nicht in der Cirkulationssphäre vorgehn. Dies sind die Bedingungen des Problems. Hic Rhodus, hic salta!
3. Kauf und Verkauf der Arbeitskraft.
Die Werthveränderung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht an diesem Geld selbst vorgehn, denn als Kaufmittel und als Zahlungsmittel realisirt es nur den Preis der Waare, die es kauft oder zahlt, während es, in seiner eignen Form verharrend, zum Petrefakt von gleichbleibender Werthgröße erstarrt38). Eben so wenig kann die Veränderung aus dem zweiten Cirkulationsakt, dem Wiederverkauf der Waare, entspringen, denn dieser Akt verwandelt die Waare bloß aus der Naturalform zurück in die Geldform. Die Veränderung muß sich also zutragen mit der Waare, die im ersten Akt G-W gekauft wird, aber nicht mit ihrem Werth, denn es werden Aequivalente ausgetauscht, die Waare wird zu ihrem Werthe bezahlt. Die Veränderung kann also nur entspringen aus ihrem Gebrauchswerth als solchem, d. h. aus ihrem Verbrauch. Um aus dem Verbrauch einer Waare Werth herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich sein innerhalb der Cirkulationssphäre, auf dem Markt, eine Waare zu entdecken, deren Gebrauchswerth selbst die eigenthümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Werth zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Werthschöpfung. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche ||130| specifische Waare vor – das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.
Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existiren und die er in Bewegung setzt, so oft er Gebrauchswerthe irgend einer Art producirt.
Damit jedoch der Geldbesitzer die Arbeitskraft als Waare auf dem Markt vorfinde, müssen verschiedne Bedingungen erfüllt sein. Der Waarenaustausch schließt an und für sich keine andren Abhängigkeitsverhältnisse ein als die aus seiner eignen Natur entspringenden. Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft als Waare nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem eignen Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Waare feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Waare verkaufe, muß er über sie verfügen können, also freier Eigenthümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein39). Er und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in Verhältniß zu einander als ebenbürtige Waarenbesitzer, nur dadurch unterschieden, daß der eine Käufer, der andre Verkäufer, beide also juristisch gleiche Personen sind. Die Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, daß der Eigenthümer der Arbeitskraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwandelt sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem Waarenbesitzer in eine Waare. Er als Person muß sich beständig zu seiner Arbeitskraft als seinem Eigenthum und daher seiner eignen Waare verhalten und das kann er nur, so weit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend, für einen bestimmten Zeittermin, zur Verfügung stellt, zum Verbrauch überläßt, also durch ihre Veräußerung nicht auf sein Eigenthum an ihr verzichtet40). |
|131| Die zweite wesentliche Bedingung, damit der Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Waare vorfinde, ist die, daß ihr Besitzer, statt Waaren verkaufen zu können, worin sich seine Arbeit vergegenständlicht hat, vielmehr seine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existirt, als Waare feilbieten muß.
Damit Jemand von seiner Arbeitskraft unterschiedne Waaren verkaufe, muß er natürlich Produktionsmittel besitzen, z. B. Rohstoffe, Arbeitsinstrumente u. s. w. Er kann keine Stiefel machen ohne Leder. Er bedarf außerdem Lebensmittel. Niemand, selbst kein Zukunftsmusikant, kann von Produkten der Zukunft zehren, also auch nicht von Gebrauchswerthen, deren Produktion noch unfertig, und wie am ersten Tag seiner Erscheinung auf der Erdbühne, muß der Mensch noch jeden Tag konsumiren, bevor und während er producirt. Werden die Produkte als Waaren producirt, so müssen sie verkauft werden, nachdem sie producirt sind und können die Bedürfnisse des Producenten erst nach dem Verkauf befriedigen. Zur Produktionszeit kömmt die für den Verkauf nöthige Zeit hinzu.
Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Waarenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Waare verfügt, daß er andrerseits andre Waaren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nöthigen Sachen.
Die Frage, warum dieser freie Arbeiter ihm in der Cirkulationssphäre gegenübertritt, interessirt den Geldbesitzer nicht, der den Arbeitsmarkt als eine besondre Abtheilung des Waarenmarkts vorfindet. Und einstweilen interessirt sie uns eben so wenig. Wir halten theoretisch an der Thatsache fest, wie der Geldbesitzer praktisch. Eins jedoch ist klar. Die Natur producirt nicht auf ||132| der einen Seite Geld- oder Waarenbesitzer und auf der andren bloße Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Dieß Verhältniß ist kein naturgeschichtliches und eben so wenig ein gesellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.
Auch die ökonomischen Kategorien, die wir früher betrachtet, tragen ihre geschichtliche Spur. Im Dasein des Produkts als Waare sind bestimmte historische Bedingungen eingehüllt. Um Waare zu werden, darf das Produkt nicht als unmittelbares Subsistenzmittel für den Producenten selbst producirt werden. Hätten wir weiter geforscht: Unter welchen Umständen nehmen alle oder nimmt auch nur die Mehrzahl der Produkte die Form der Waare an, so hätte sich gefunden, daß dieß nur auf Grundlage einer ganz spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise, geschieht. Eine solche Untersuchung lag jedoch der Analyse der Waare fern. Waarenproduktion und Waarencirkulation können stattfinden, obgleich die weit überwiegende Produktenmasse, unmittelbar auf den Selbstbedarf gerichtet, sich nicht in Waare verwandelt, der gesellschaftliche Produktionsproceß also noch lange nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe vom Tauschwerth beherrscht ist. Die Darstellung des Produkts als Waare bedingt eine so weit entwickelte Theilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft, daß die Scheidung zwischen Gebrauchswerth und Tauschwerth, die im unmittelbaren Tauschhandel erst beginnt, bereits vollzogen ist. Eine solche Entwicklungsstufe ist aber den geschichtlich verschiedensten ökonomischen Gesellschaftsformationen gemein.
Oder betrachten wir das Geld, so setzt es eine gewisse Höhe des Waarenaustausches voraus. Die besondren Geldformen, bloßes Waarenäquivalent, oder Cirkulationsmittel, oder Zahlungsmittel, Schatz und Weltgeld, deuten, je nach dem verschiednen Umfang und dem relativen Vorwiegen einer oder der andren Funktion, auf sehr verschiedne Stufen des gesellschaftlichen Produktionsprocesses. Dennoch genügt erfahrungsmäßig eine relativ schwach entwickelte Waarencirkulation zur Bildung aller dieser Formen. Anders mit dem Kapital. Seine historischen Existenzbedingungen sind durchaus nicht da mit der Waaren- und Geldcirkulation. Es entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt ||133| vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschließt eine Weltgeschichte. Das Kapital kündigt daher von vorn herein eine Epoche des gesellschaftlichen Produktionsprocesses an41).
Diese eigenthümliche Waare, die Arbeitskraft, ist nun näher zu betrachten. Gleich allen andren Waaren besitzt sie einen Werth42). Wie wird er bestimmt?
Der Werth der Arbeitskraft, gleich dem jeder andren Waare, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses specifischen Artikels nothwendige Arbeitszeit. Soweit sie Werth, repräsentirt die Arbeitskraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit. Die Arbeitskraft existirt nur als Anlage des lebendigen Individuums. Ihre Produktion setzt also seine Existenz voraus. Die Existenz des Individuums gegeben, besteht die Produktion der Arbeitskraft in seiner eignen Reproduktion oder Erhaltung. Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln. Die zur Produktion der Arbeitskraft nothwendige Arbeitszeit löst sich also auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel nothwendige Arbeitszeit, oder der Werth der Arbeitskraft ist der Werth der zur Erhaltung ihres Besitzers nothwendigen Lebensmittel. Die Arbeitskraft verwirklicht sich jedoch nur durch ihre Aeußerung, bethätigt sich nur in der Arbeit. Durch ihre Bethätigung, die Arbeit, wird aber ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn u. s. w. verausgabt, das wieder ersetzt werden muß. Diese vermehrte Ausgabe bedingt eine vermehrte Einnahme43). Wenn der Eigenthümer der Arbeitskraft heute gearbeitet hat, muß er denselben Proceß morgen unter denselben Bedingungen von Kraft und Gesundheit wiederholen können. Die Summe der Lebensmittel muß also hinreichen, das arbeitende Individuum als arbeitendes Individuum in seinem normalen Lebenszustand zu erhalten. Die natürlichen Bedürfnisse selbst, wie Nahrung, Kleidung, Heizung, Wohnung u. s. w. sind verschieden je ||134| nach den klimatischen und andren natürlichen Eigenthümlichkeiten eines Landes. Andrerseits ist der Umfang s. g. nothwendiger Bedürfnisse, wie die Art ihrer Befriedigung, selbst ein historisches Produkt und hängt daher großentheils von der Kulturstufe eines Landes, unter andrem auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, und daher mit welchen Gewohnheiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat44). Im Gegensatz zu den andren Waaren enthält also die Werthbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element. Für ein bestimmtes Land, zu einer bestimmten Periode jedoch, ist der Durchschnitts-Umkreis der nothwendigen Lebensmittel gegeben.
Der Eigenthümer der Arbeitskraft ist sterblich. Soll also seine Erscheinung auf dem Markt eine kontinuirliche sein, wie die kontinuirliche Verwandlung von Geld in Kapital voraussetzt, so muß der Verkäufer der Arbeitskraft sich verewigen, „wie jedes lebendige Individuum sich verewigt, durch Fortpflanzung45)“. Die durch Abnutzung und Tod dem Markt entzogenen Arbeitskräfte müssen zum allermindesten durch eine gleiche Zahl neuer Arbeitskräfte beständig ersetzt werden. Die Summe der zur Produktion der Arbeitskraft nothwendigen Lebensmittel schließt also die Lebensmittel der Ersatzmänner ein, d. h. der Kinder der Arbeiter, so daß sich diese Race eigenthümlicher Waarenbesitzer auf dem Waarenmarkte verewigt46).
Um die allgemein menschliche Natur so zu modificiren, daß sie Geschick und Fertigkeit in einem bestimmten Arbeitszweig erlangt, entwikkelte und specifische Arbeitskraft wird, bedarf es einer bestimmten Bildung oder Erziehung, welche ihrerseits eine größere oder geringere Summe von Waarenäquivalenten kostet. Je nach dem mehr oder minder vermittelten Charakter der Arbeitskraft, sind ihre Bildungskosten verschieden. Diese Erlernungskosten, verschwindend klein für die gewöhnliche Arbeitskraft, gehn also ein in den Umkreis der zu ihrer Produktion verausgabten Werthe.
Der Werth der Arbeitskraft löst sich auf in den Werth einer ||135| bestimmten Summe von Lebensmitteln. Er wechselt daher auch mit dem Werth dieser Lebensmittel, d. h. der Größe der zu ihrer Produktion erheischten Arbeitszeit.
Ein Theil der Lebensmittel, z. B. Nahrungsmittel, Heizungsmittel u. s. w., werden täglich neu verzehrt, und müssen täglich neu ersetzt werden. Andre Lebensmittel, wie Kleider, Möbel u. s. w. verbrauchen sich in längeren Zeiträumen, und sind daher nur in längeren Zeiträumen zu ersetzen. Waaren einer Art müssen täglich, andre wöchentlich, vierteljährlich u. s. f. gekauft oder gezahlt werden. Wie sich die Summe dieser Ausgaben aber immer während eines Jahres z. B. vertheilen möge, sie muß gedeckt sein durch die Durchschnittseinnahme Tag ein, Tag aus. Wäre die Masse der täglich zur Produktion der Arbeitskraft erheischten Waaren = A, die der wöchentlich erheischten = B, die der vierteljährlich erheischten = C u. s. w., so wäre der tägliche Durchschnitt dieser Waaren = . Gesetzt in dieser für den Durchschnitts-Tag nöthigen Waarenmasse steckten 6 Stunden gesellschaftlicher Arbeit, so vergegenständlicht sich in der Arbeitskraft täglich ein halber Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit, oder ein halber Arbeitstag ist zur täglichen Produktion der Arbeitskraft erheischt. Dieß zu ihrer täglichen Produktion erheischte Arbeitsquantum bildet den Tageswerth der Arbeitskraft, oder den Werth der täglich reproducirten Arbeitskraft. Wenn sich ein halber Tag gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit ebenfalls in einer Goldmasse von 3 sh. oder einem Thaler darstellt, so ist Ein Thaler der dem Tageswerth der Arbeitskraft entsprechende Preis. Bietet der Besitzer der Arbeitskraft sie feil für Einen Thaler täglich, so ist ihr Verkaufspreis gleich ihrem Werth und, nach unsrer Voraussetzung, zahlt der auf Verwandlung seiner Thaler in Kapital erpichte Geldbesitzer diesen Werth.
Die letzte Grenze oder Minimalgrenze des Werths der Arbeitskraft wird gebildet durch den Werth einer Waarenmasse, ohne deren tägliche Zufuhr der Träger der Arbeitskraft, der Mensch, seinen Lebensproceß nicht erneuern kann, also durch den Werth der physisch unentbehrlichen Lebensmittel. Sinkt der Preis der Arbeitskraft auf dieses Minimum, so sinkt er unter ihren Werth, denn sie kann sich so nur in verkümmerter Form erhalten und entwickeln. Der Werth jeder Waare ist aber bestimmt durch die Arbeitszeit, erfordert um sie in normaler Güte zu liefern.
Es ist eine außerordentlich wohlfeile Sentimentalität, diese aus ||136| der Natur der Sache fließende Werthbestimmung der Arbeitskraft grob zu finden und etwa mit Rossi zu jammern: „Das Arbeitsvermögen (puissance de travail) begreifen, während man von den Subsistenzmitteln der Arbeit während des Produktionsprocesses abstrahirt, heißt ein Hirngespinnst (être de raison) begreifen. Wer Arbeit sagt, wer Arbeitsvermögen sagt, sagt zugleich Arbeiter und Subsistenzmittel, Arbeiter und Arbeitslohn47).“ Wer Arbeitsvermögen sagt, sagt nicht Arbeit, so wenig als wer Verdauungsvermögen sagt, Verdauen sagt. Zum letztren Proceß ist bekanntlich mehr als ein guter Magen erfordert. Wer Arbeitsvermögen sagt, abstrahirt nicht von den zu seiner Subsistenz nothwendigen Lebensmitteln. Ihr Werth ist vielmehr ausgedrückt in seinem Werth. Wird es nicht verkauft, so nützt es dem Arbeiter nichts, so empfindet er es vielmehr als eine grausame Naturnothwendigkeit, daß sein Arbeitsvermögen ein bestimmtes Quantum Subsistenzmittel zu seiner Produktion erheischt hat und stets wieder von neuem zu seiner Reproduktion erheischt. Er entdeckt dann mit Sismondi: „das Arbeitsvermögen .... ist Nichts, wenn es nicht verkauft wird48).“
Die eigenthümliche Natur dieser specifischen Waare, der Arbeitskraft, bringt es mit sich, daß mit der Abschließung des Kontrakts zwischen Käufer und Verkäufer ihr Gebrauchswerth noch nicht wirklich in die Hand des Käufers übergegangen ist. Ihr Werth, gleich dem jeder andren Waare, war bestimmt, bevor sie in die Cirkulation trat, denn ein bestimmtes Quantum gesellschaftlicher Arbeit ward zur Produktion der Arbeitskraft verausgabt, aber ihr Gebrauchswerth besteht erst in der nachträglichen Kraftäußerung. Die Veräußerung der Kraft und ihre wirkliche Aeußerung, d. h. ihr Dasein als Gebrauchswerth, fallen daher der Zeit nach aus einander. Bei solchen Waaren aber49), wo die formelle Veräußerung des Gebrauchswerths durch den Verkauf und seine wirkliche Ueberlassung an den Käufer der Zeit nach auseinander fallen, funktionirt das Geld des Käufers meist als Zahlungsmittel. In ||137| allen Ländern kapitalistischer Produktionsweise wird die Arbeitskraft erst gezahlt, nachdem sie bereits während des im Kaufkontrakt festgesetzten Termins funktionirt hat, z. B. am Ende jeder Woche. Ueberall schießt daher der Arbeiter dem Kapitalisten den Gebrauchswerth der Arbeitskraft vor; er läßt sie vom Käufer konsumiren, bevor er ihren Preis bezahlt erhält, überall kreditirt daher der Arbeiter dem Kapitalisten. Daß dies Kreditiren kein leerer Wahn ist, zeigt nicht nur der gelegentliche Verlust des kreditirten Lohns beim Bankerott des Kapitalisten50), sondern auch eine Reihe mehr nachhaltiger Wirkungen51). Indeß ändert es an | |138| der Natur des Waarenaustausches selbst nichts, ob das Geld als Kaufmittel oder als Zahlungsmittel funktionirt. Der Preis der Arbeitskraft ist kontraktlich festgesetzt, obgleich er erst hinterher realisirt wird, wie der Miethpreis eines Hauses. Die Arbeitskraft ist verkauft, obgleich sie erst hinterher bezahlt wird. Für die reine Auffassung des Verhältnisses ist es jedoch nützlich, einstweilen vorauszusetzen, daß der Besitzer der Arbeitskraft mit ihrem Verkauf jedesmal auch sogleich den kontraktlich stipulirten Preis erhält.
Wir kennen nun die Art und Weise der Bestimmung des Werths, welcher dem Besitzer dieser eigenthümlichen Waare, der Arbeitskraft, vom Geldbesitzer gezahlt wird. Der Gebrauchswerth, den letztrer seinerseits im Austausch erhält, zeigt sich erst im wirklichen Verbrauch, im Konsumtionsproceß der Arbeitskraft. Alle zu diesem Proceß nöthigen Dinge, wie Rohmaterial u. s. w., kauft der Geldbesitzer auf dem Waarenmarkt und zahlt sie zum vollen Preis. Der Konsumtionsproceß der Arbeitskraft ist zugleich der Produktionsproceß von Waare und von Mehrwerth. Die Konsumtion der Arbeitskraft, gleich der Konsumtion jeder andren Waare, vollzieht sich außerhalb des Markts oder der Cirkulationssphäre. Diese geräuschvolle, auf der Oberfläche hausende und Aller Augen zugängliche Sphäre verlassen wir daher, zusammen mit Geldbesitzer und Arbeitskraftbesitzer, um beiden nachzufolgen in die verborgne Stätte der Produktion, an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance except on business. Hier wird sich zeigen, nicht nur wie das Kapital producirt, sondern auch wie man es selbst producirt, das Kapital. Das Geheimniß der Plusmacherei muß sich endlich enthüllen.
Die Sphäre der Cirkulation oder des Waarenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der That ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigenthum, und Bentham. Freiheit! denn Käufer und Verkäufer einer Waare, z. B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen ||139| bestimmt. Sie kontrahiren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Waarenbesitzer auf einander und tauschen Aequivalent für Aequivalent. Eigenthum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu thun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältniß bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervortheils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andren kehrt, vollbringen alle, in Folge einer prästabilirten Harmonie der Dinge, oder unter den Auspicien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vortheils, des Gemeinnutzens, des Gesammtinteresses.
Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Cirkulation oder des Waarenaustausches, woraus der Freihändler vulgaris Anschauungen, Begriffe und Maßstab für sein Urtheil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt, verwandelt sich, so scheint es, schon in etwas die Physiognomie unsrer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der Eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der Andre scheu, widerstrebsam, wie Jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen und nun nichts andres zu erwarten hat als die – Gerberei.