NEUNTES KAPITEL.
Rate und Masse des Mehrwerths.
Wie bisher, wird in diesem Kapitel der Werth der Arbeitskraft, also der zur Reproduktion oder Erhaltung der Arbeitskraft nothwendige Theil des Arbeitstags, als gegebne, konstante Größe unterstellt.
Dieß also vorausgesetzt, ist mit der Rate zugleich die Masse des Mehrwerths gegeben, die der einzelne Arbeiter dem Kapitalisten in bestimmter Zeitperiode liefert. Beträgt z. B. die noth||267|wendige Arbeit täglich 6 Stunden, ausgedrückt in einem Goldquantum von 3 sh. = 1 Thaler, so ist der Thaler der Tageswerth einer Arbeitskraft, oder der im Ankauf einer Arbeitskraft vorgeschoßne Kapitalwerth. Ist ferner die Rate des Mehrwerths 100 %, so producirt dieß variable Kapital von 1 Thaler eine Masse Mehrwerth von 1 Thaler, oder der Arbeiter liefert täglich eine Masse Mehrarbeit von 6 Stunden.
Das variable Kapital ist aber der Geldausdruck für den Gesammtwerth aller Arbeitskräfte, die der Kapitalist gleichzeitig verwendet. Sein Werth ist also gleich dem Durchschnittswerth einer Arbeitskraft, multiplicirt mit der Anzahl der verwandten Arbeitskräfte. Bei gegebnem Werth der Arbeitskraft steht also die Größe des variablen Kapitals in direktem Verhältniß zur Anzahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter. Ist der Tageswerth einer Arbeitskraft = 1 Thaler, so ist also ein Kapital vorzuschießen von 100 Th., um 100, von n Th., um n Arbeitskräfte täglich zu exploitiren.
Ebenso: Producirt ein variables Kapital von 1 Thaler, der Tageswerth einer Arbeitskraft, einen täglichen Mehrwerth von 1 Thaler, so ein variables Kapital von 100 Thalern einen täglichen Mehrwerth von 100, und eins von n Thalern einen täglichen Mehrwerth von 1 Thaler × n. Die Masse des producirten Mehrwerths ist also gleich dem Mehrwerth, den der Arbeitstag des einzelnen Arbeiters liefert, multiplicirt mit der Anzahl der angewandten Arbeiter. Da aber ferner die Masse Mehrwerth, die der einzelne Arbeiter producirt, bei gegebnem Werth der Arbeitskraft, durch die Rate des Mehrwerths bestimmt ist, so folgt dieß erste Gesetz: Die Masse des producirten Mehrwerths ist gleich der Größe des vorgeschoßnen variablen Kapitals multiplicirt mit der Rate des Mehrwerths oder ist bestimmt durch das zusammengesetzte Verhältniß zwischen der Anzahl der von demselben Kapitalisten gleichzeitig exploitirten Arbeitskräfte und dem Exploitationsgrad der einzelnen Arbeitskraft.
Nennen wir also die Masse des Mehrwerths M, den vom einzelnen Arbeiter im Tagesdurchschnitt gelieferten Mehrwerth m, das im Ankauf der einzelnen Arbeitskraft täglich vorgeschoßne variable Kapital v, die Gesammtsumme des variablen Kapitals V, den Werth einer Durchschnitts-Arbeitskraft k, ihren Exploitationsgrad und die Anzahl der angewandten Arbeiter n, so erhalten wir: |
|268| M =
Es wird fortwährend unterstellt, nicht nur daß der Werth einer Durchschnitts-Arbeitskraft konstant ist, sondern daß die von einem Kapitalisten angewandten Arbeiter auf Durchschnitts-Arbeiter reducirt sind. Es giebt Ausnahmefälle, wo der producirte Mehrwerth nicht verhältnißmäßig zur Anzahl der exploitirten Arbeiter wächst, aber dann bleibt auch der Werth der Arbeitskraft nicht konstant.
In der Produktion einer bestimmten Masse Mehrwerth kann daher die Abnahme des einen Faktors durch Zunahme des andren ersetzt werden. Wird das variable Kapital vermindert und gleichzeitig in demselben Verhältniß die Rate des Mehrwerths erhöht, so bleibt die Masse des producirten Mehrwerths unverändert. Muß unter den frühern Annahmen der Kapitalist 100 Thaler vorschießen, um 100 Arbeiter täglich zu exploitiren, und beträgt die Rate des Mehrwerths 50 %, so wirft dieß variable Kapital von 100 einen Mehrwerth von 50 Th. ab, oder von 100 × 3 Arbeitsstunden. Wird die Rate des Mehrwerths verdoppelt, oder der Arbeitstag, statt von 6 zu 9, von 6 zu 12 Stunden verlängert, so wirft das um die Hälfte verminderte variable Kapital von 50 Thalern ebenfalls einen Mehrwerth von 50 Thalern ab oder von 50 × 6 Arbeitsstunden. Verminderung des variablen Kapitals ist also ausgleichbar durch proportionelle Erhöhung im Exploitationsgrad der Arbeitskraft, oder die Abnahme in der Anzahl der beschäftigten Arbeiter durch proportionelle Verlängerung des Arbeitstags. Innerhalb gewisser Grenzen wird die vom Kapital erpreßbare Zufuhr der Arbeit also unabhängig von der Arbeiterzufuhr202). Umgekehrt läßt Abnahme in der Rate des Mehrwerths die Masse des producirten Mehrwerths unverändert, wenn proportionell die Größe des variablen Kapitals oder die Anzahl der beschäftigten Arbeiter wächst.
Indeß hat der Ersatz von Arbeiteranzahl oder Größe des variablen Kapitals durch gesteigerte Rate des Mehrwerths oder Verlängerung des Arbeitstags unüberspringbare Schranken. Welches ||269| immer der Werth der Arbeitskraft sei, ob daher die zur Erhaltung des Arbeiters nothwendige Arbeitszeit 2 oder 10 Stunden betrage, der Gesammtwerth, den ein Arbeiter, Tag aus, Tag ein, produciren kann, ist immer kleiner als der Werth, worin sich 24 Arbeitsstunden vergegenständlichen, kleiner als 12 sh. oder 4 Thaler, wenn dieß der Geldausdruck von 24 vergegenständlichten Arbeitsstunden. Unter unsrer frühern Annahme, wonach täglich 6 Arbeitsstunden erheischt, um die Arbeitskraft selbst zu reproduciren oder den in ihrem Ankauf vorgeschoßnen Kapitalwerth zu ersetzen, producirt ein variables Kapital von 500 Thalern, das 500 Arbeiter zur Mehrwerthsrate von 100 % oder mit zwölfstündigem Arbeitstag verwendet, täglich einen Mehrwerth von 500 Thalern oder 6 × 500 Arbeitsstunden. Ein Kapital von 100 Thalern, das 100 Arbeiter täglich verwendet zur Mehrwerthsrate von 200 % oder mit 18stündigem Arbeitstag, producirt nur eine Mehrwerthsmasse von 200 Thalern oder 12 × 100 Arbeitsstunden. Und sein gesammtes Werthprodukt, Aequivalent des vorgeschoßnen variablen Kapitals plus Mehrwerth, kann Tag aus, Tag ein, niemals die Summe von 400 Thalern oder 24 × 100 Arbeitsstunden erreichen. Die absolute Schranke des durchschnittlichen Arbeitstags, der von Natur immer kleiner ist als 24 Stunden, bildet eine absolute Schranke für den Ersatz von vermindertem variablen Kapital durch gesteigerte Rate des Mehrwerths, oder von verringerter exploitirten Arbeiteranzahl durch erhöhten Exploitationsgrad der Arbeitskraft. Dieß handgreifliche zweite Gesetz ist wichtig zur Erklärung vieler Erscheinungen, entspringend aus der später zu entwickelnden Tendenz des Kapitals, die von ihm beschäftigte Arbeiteranzahl oder seinen variablen in Arbeitskraft umgesetzten Bestandtheil so viel als immer möglich zu reduciren, im Widerspruch zu seiner andren Tendenz, die möglichst große Masse von Mehrwerth zu produciren. Umgekehrt. Wächst die Masse der verwandten Arbeitskräfte, oder die Größe des variablen Kapitals, aber nicht verhältnißmäßig zur Abnahme in der Rate des Mehrwerths, so sinkt die Masse des producirten Mehrwerths.
Ein drittes Gesetz ergiebt sich aus der Bestimmung der Masse des producirten Mehrwerths durch die zwei Faktoren, Rate des Mehrwerths und Größe des vorgeschoßnen variablen Kapitals. Die Rate des Mehrwerths oder den Exploitationsgrad der Arbeitskraft, und den Werth der Arbeitskraft oder die Größe der nothwendigen Arbeitszeit gegeben, ist es selbstverständlich, daß, je größer das variable Kapital, desto größer die Masse des produ||270|cirten Werths und Mehrwerths. Ist die Grenze des Arbeitstags gegeben, ebenso die Grenze seines nothwendigen Bestandtheils, so hängt die Masse von Werth und Mehrwerth, die ein einzelner Kapitalist producirt, offenbar ausschließlich ab von der Masse Arbeit, die er in Bewegung setzt. Diese aber hängt, unter den gegebnen Annahmen, ab von der Masse Arbeitskraft oder der Arbeiteranzahl, die er exploitirt, und diese Anzahl ihrerseits ist bestimmt durch die Größe des von ihm vorgeschoßnen variablen Kapitals. Bei gegebner Rate des Mehrwerths und gegebnem Werth der Arbeitskraft verhalten sich also die Massen des producirten Mehrwerths direkt wie die Größen der vorgeschoßnen variablen Kapitale. Nun weiß man aber, daß der Kapitalist sein Kapital in zwei Theile theilt. Einen Theil legt er aus in Produktionsmitteln. Dieß ist der konstante Theil seines Kapitals. Den andren Theil setzt er um in lebendige Arbeitskraft. Dieser Theil bildet sein variables Kapital. Auf Basis derselben Produktionsweise findet in verschiednen Produktionszweigen verschiedne Theilung des Kapitals in konstanten und variablen Bestandtheil statt. Innerhalb desselben Produktionszweigs wechselt dieß Verhältniß mit wechselnder technischer Grundlage und gesellschaftlicher Kombination des Productionsprocesses. Wie aber ein gegebnes Kapital immer zerfalle in konstanten und variablen Bestandtheil, ob der letztre sich zum erstren verhalte wie 1:2, 1:10, oder 1:x, das eben aufgestellte Gesetz wird nicht davon berührt, da früherer Analyse gemäß der Werth des konstanten Kapitals im Produktenwerth zwar wiedererscheint, aber nicht in das neugebildete Werthprodukt eingeht. Um 1000 Spinner zu verwenden, sind natürlich mehr Rohmaterialien, Spindeln u. s. w. erheischt, als um 100 zu verwenden. Der Werth dieser zuzusetzenden Produktionsmittel aber mag steigen, fallen, unverändert bleiben, groß oder klein sein, er bleibt ohne irgend einen Einfluß auf den Verwerthungsproceß der sie bewegenden Arbeitskräfte. Das oben konstatirte Gesetz nimmt also die Form an: Die von verschiednen Kapitalen producirten Massen von Werth und Mehrwerth verhalten sich bei gegebnem Werth und gleich großem Exploitationsgrad der Arbeitskraft direkt wie die Größen der variablen Bestandtheile dieser Kapitale, d. h. ihrer in lebendige Arbeitskraft umgesetzten Bestandtheile.
Dieß Gesetz wiederspricht offenbar aller auf den Augenschein gegründeten Erfahrung. Jedermann weiß, daß ein Baumwollspinner, der, die Procenttheile des angewandten Gesammtkapitals berechnet, ||271| relativ viel konstantes und wenig variables Kapital anwendet, deßwegen keinen kleinren Gewinn oder Mehrwerth erbeutet als ein Bäcker, der relativ viel variables und wenig konstantes Kapital in Bewegung setzt. Zur Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs bedarf es noch vieler Mittelglieder, wie es vom Standpunkt der elementaren Algebra vieler Mittelglieder bedarf, um zu verstehn, daß eine wirkliche Größe darstellen kann. Obgleich sie das Gesetz nie formulirt hat, hängt die klassische Oekonomie instinktiv daran fest, weil es eine nothwendige Konsequenz des Werthgesetzes überhaupt ist. Sie sucht es durch gewaltsame Abstraktion vor den Widersprüchen der Erscheinung zu retten. Man wird später203) sehn, wie die Ricardo’sche Schule an diesem Stein des Anstoßes gestolpert ist. Die Vulgärökonomie, die „wirklich auch nichts gelernt hat“, pocht hier, wie überall, auf den Schein gegen das Gesetz der Erscheinung. Sie glaubt im Gegensatz zu Spinoza, daß „die Unwissenheit ein hinreichender Grund ist“.
Die Arbeit, die vom Gesammtkapital einer Gesellschaft Tag aus, Tag ein, in Bewegung gesetzt wird, kann als ein einziger Arbeitstag betrachtet werden. Ist z. B. die Zahl der Arbeiter eine Million und beträgt der Durchschnittsarbeitstag eines Arbeiters 10 Stunden, so besteht der gesellschaftliche Arbeitstag aus 10 Millionen Stunden. Bei gegebner Länge dieses Arbeitstags, seien seine Grenzen physisch oder social gezogen, kann die Masse des Mehrwerths nur vermehrt werden durch Vermehrung der Arbeiteranzahl, d. h. der Arbeiterbevölkerung. Das Wachsthum der Bevölkrung bildet hier die mathematische Grenze für Produktion des Mehrwerths durch das gesellschaftliche Gesammtkapital. Umgekehrt. Bei gegebner Größe der Bevölkrung wird diese Grenze gebildet durch die mögliche Verlängerung des Arbeitstags204). Man wird im folgenden Kapitel sehn, daß dieß Gesetz nur für die bisher behandelte Form des Mehrwerths gilt.
Aus der bisherigen Betrachtung der Produktion des Mehrwerths ergibt sich, daß nicht jede beliebige Geld- oder Werthsumme in Kapital verwandelbar, zu dieser Verwandlung vielmehr ein be||272|stimmtes Minimum von Geld oder Tauschwerth in der Hand des einzelnen Geld- oder Waarenbesitzers vorausgesetzt ist. Das Minimum von variablem Kapital ist der Kostenpreis einer einzelnen Arbeitskraft, die das ganze Jahr durch, Tag aus, Tag ein, zur Gewinnung von Mehrwerth vernutzt wird. Wäre dieser Arbeiter im Besitz seiner eignen Produktionsmittel und begnügte er sich, als Arbeiter zu leben, so genügte ihm die zur Reproduktion seiner Lebensmittel nothwendige Arbeitszeit, sage von 8 Stunden täglich. Er brauchte also auch nur Produktionsmittel für 8 Arbeitsstunden. Der Kapitalist dagegen, der ihn außer diesen 8 Stunden sage 4 Stunden Mehrarbeit verrichten läßt, bedarf einer zusätzlichen Geldsumme zur Beschaffung der zusätzlichen Produktionsmittel. Unter unsrer Annahme jedoch müßte er schon zwei Arbeiter anwenden, um von dem täglich angeeigneten Mehrwerth wie ein Arbeiter leben, d. h. seine nothwendigen Bedürfnisse befriedigen zu können. In diesem Fall wäre bloßer Lebensunterhalt der Zweck seiner Produktion, nicht Vermehrung des Reichthums, und das letztre ist unterstellt bei der kapitalistischen Produktion. Damit er nur doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter, und die Hälfte des producirten Mehrwerths in Kapital zurückverwandle, müßte er zugleich mit der Arbeiterzahl das Minimum des vorgeschoßnen Kapitals um das Achtfache steigern. Allerdings kann er selbst, gleich seinem Arbeiter, unmittelbar Hand im Produktionsprocesse anlegen, aber ist dann auch nur ein Mittelding zwischen Kapitalist und Arbeiter, ein „kleiner Meister“. Ein gewisser Höhegrad der kapitalistischen Produktion bedingt, daß der Kapitalist die ganze Zeit, während deren er als Kapitalist, d. h. als personificirtes Kapital funktionirt, zur Aneignung und daher Kontrole fremder Arbeit und zum Verkauf der Produkte dieser Arbeit verwenden könne205). Die Verwandlung des Handwerksmeisters in den Kapitalisten suchte das Zunftwesen des Mittelalters dadurch gewaltsam ||273| zu verhindern, daß es die Arbeiteranzahl, die ein einzelner Meister beschäftigen durfte, auf ein sehr geringes Maximum beschränkte. Der Geld- oder Waarenbesitzer verwandelt sich erst wirklich in einen Kapitalisten, wo die für die Produktion vorgeschoßne Minimalsumme weit über dem mittelaltrigen Maximum steht. Hier, wie in der Naturwissenschaft, bewährt sich die Richtigkeit des von Hegel in seiner Logik entdeckten Gesetzes, daß bloß quantitative Verändrungen auf einem gewissen Punkt in qualitative Unterschiede umschlagen205a).
Das Minimum der Werthsumme, worüber der einzelne Geld- oder Waarenbesitzer verfügen muß, um sich in einen Kapitalisten zu entpuppen, wechselt auf verschiednen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktion und ist, bei gegebner Entwicklungsstufe, verschieden in verschiednen Produktionssphären, je nach ihren besondren technischen Bedingungen. Gewisse Produktionssphären erheischen schon in den Anfangen der kapitalistischen Produktion ein Minimum von Kapital, das sich noch nicht in der Hand einzelner Individuen vorfindet. Dieß veranlaßt theils Staatssubsidien an solche Private, wie in Frankreich zur Zeit Colbert’s und wie in manchen deutschen Staaten bis in unsre Epoche hinein, theils die Bildung von Gesellschaften mit gesetzlichem Monopol für den Betrieb gewisser Industrie- und Handelszweige206), – die Vorläufer der modernen Aktiengesellschaften.
Wir halten uns nicht beim Detail der Verändrungen auf, die das Verhältniß von Kapitalist und Lohnarbeiter im Verlaufe des ||274| Produktionsprocesses erfuhr, also auch nicht bei den weitren Fortbestimmungen des Kapitals selbst. Nur wenige Hauptpunkte seien hier betont.
Innerhalb des Produktionsprocesses entwickelte sich das Kapital zum Kommando über die Arbeit, d. h. über die sich bethätigende Arbeitskraft oder den Arbeiter selbst. Das personificirte Kapital, der Kapitalist, paßt auf, daß der Arbeiter sein Werk ordentlich und mit dem gehörigen Grad von Intensität verrichte.
Das Kapital entwickelte sich ferner zu einem Zwangsverhältniß, welches die Arbeiterklasse nöthigt, mehr Arbeit zu verrichten, als der enge Umkreis ihrer eignen Lebensbedürfnisse vorschrieb. Und als Producent fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit und Exploiteur von Arbeitskraft übergipfelt es an Energie, Maßlosigkeit und Wirksamkeit alle frühern auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionssysteme.
Das Kapital ordnet sich zunächst die Arbeit unter mit den technischen Bedingungen, worin es sie historisch vorfindet. Es verändert daher nicht unmittelbar die Produktionsweise. Die Produktion von Mehrwerth in der bisher betrachteten Form, durch einfache Verlängrung des Arbeitstags, erschien daher von jedem Wechsel der Produktionsweise selbst unabhängig. Sie war in der altmodischen Bäckerei nicht minder wirksam als in der modernen Baumwollspinnerei.
Betrachteten wir den Produktionsproceß unter dem Gesichtspunkt des Arbeitsprocesses, so verhielt sich der Arbeiter zu den Produktionsmitteln nicht als Kapital, sondern als bloßem Mittel und Material seiner zweckmäßigen produktiven Thätigkeit. In einer Gerberei z. B. behandelt er die Felle als seinen bloßen Arbeitsgegenstand. Es ist nicht der Kapitalist, dem er das Fell gerbt. Anders, sobald wir den Produktionsproceß unter dem Gesichtspunkt des Verwerthungsprocesses betrachteten. Die Produktionsmittel verwandelten sich sofort in Mittel zur Einsaugung fremder Arbeit. Es ist nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwendet, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter anwenden. Statt von ihm als stoffliche Elemente seiner produktiven Thätigkeit verzehrt zu werden, verzehren sie ihn als Ferment ihres eignen Lebensprocesses, und der Lebensproceß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich selbst verwerthender Werth. Schmelzöfen und Arbeitsgebäude, die des Nachts ruhn und keine lebendige Arbeit einsaugen, sind „reiner Verlust“ („mere loss“) für den Kapitalisten. Darum konstituiren Schmelzöfen und ||275| Arbeitsgebäude einen „Anspruch auf die Nachtarbeit“ der Arbeitskräfte. Die bloße Verwandlung des Geldes in gegenständliche Faktoren des Produktionsprocesses in Produktionsmittel, verwandelt letztre in Rechtstitel und Zwangstitel auf fremde Arbeit und Mehrarbeit. Wie diese der kapitalistischen Produktion eigenthümliche und sie charakterisirende Verkehrung, ja Verrückung des Verhältnisses von todter und lebendiger Arbeit, von Werth und werthschöpferischer Kraft, sich im Bewußtsein der Kapitalistenköpfe abspiegelt, zeige schließlich noch ein Beispiel. Während der englischen Fabrikantenrevolte von 1848–50 schrieb „der Chef der Leinen- und Baumwollspinnerei zu Paisley, einer der ältesten und respektabelsten Firmen von Westschottland, der Kompagnie Carlile, Söhne und Co., die seit 1752 besteht und Generation nach Generation von derselben Familie geführt wird“, – dieser äußerst intelligente Gentleman also schrieb in die „Glasgow Daily Mail“ vom 25. April 1849 einen Brief207) unter dem Titel: „Das Relaissystem“, worin u. a. folgende grotesk naive Stelle unterläuft: „Laßt uns nun die Uebel betrachten, die aus einer Reduktion der Arbeitszeit von 12 auf 10 Stunden fließen .... Sie ‚belaufen‘ sich auf die allerernsthafteste Beschädigung der Aussichten und des Eigenthums des Fabrikanten. Arbeitete er ❲d. h. seine „Hände“❳ 12 Stunden und wird er auf 10 beschränkt, dann schrumpfen je 12 Maschinen oder Spindeln seines Etablissements auf 10 zusammen („then every 12 machines or spindles, in his establishment, shrink to 10“), und wollte er seine Fabrik verkaufen, so würden sie nur als 10 gewerthschätzt werden, so daß so ein sechster Theil vom Werth einer jeden Fabrik im ganzen Lande abgezogen würde“208).
Diesem erbangestammten Kapitalhirn von Westschottland verschwimmt der Werth der Produktionsmittel, Spindeln u. s. w., so sehr mit ihrer Kapitaleigenschaft, sich selbst zu verwerthen, oder täglich ein bestimmtes Quantum fremder Gratisarbeit einzuschlucken, daß der Chef des Hauses Carlile und Co. in der That wähnt, beim Verkauf seiner Fabrik werde ihm nicht nur der Werth der Spindeln gezahlt, sondern obendrein ihre Verwerthung, nicht nur die Arbeit, die in ihnen steckt und zur Produktion von Spindeln ||276| derselben Art nöthig ist, sondern auch die Mehrarbeit, die sie täglich aus den braven Westschotten von Paisley auspumpen helfen, und eben deßhalb, meint er, schrumpfe mit der Verkürzung des Arbeitstags um zwei Stunden der Verkaufspreis von je 12 Spinnmaschinen auf den von je 10 zusammen!