FÜNFZEHNTES KAPITEL.
Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth.
Der Werth der Arbeitskraft ist bestimmt durch den Werth der gewohnheitsmäßig nothwendigen Lebensmittel des Durchschnittsarbeiters. Die Masse dieser Lebensmittel, obgleich ihre Form wechseln mag, ist in einer bestimmten Epoche einer bestimmten Gesellschaft gegeben und daher als konstante Größe zu behandeln. Was wechselt, ist der Werth dieser Masse.
Zwei andre Faktoren gehn in die Werthbestimmung der Arbeitskraft ein. Einerseits ihre Entwicklungskosten, die sich mit der Produktionsweise ändern, andrerseits ihre Naturdifferenz, ob sie männlich oder weiblich, reif oder unreif. Der Verbrauch dieser differenten Arbeitskräfte, wieder bedingt durch die Produktionsweise, macht großen Unterschied in den Reproduktionskosten der Arbeiterfamilie und dem Werth des erwachsnen männlichen Arbeiters. Beide Faktoren bleiben jedoch bei der folgenden Untersuchung ausgeschlossen.9b)
Wir unterstellen, 1) daß die Waaren zu ihrem Werth verkauft werden, 2) daß der Preis der Arbeitskraft wohl gelegentlich über ihren Werth steigt, aber nie unter ihn sinkt. |
|483| Dieß einmal unterstellt, fand sich, daß die relativen Größen von Preis der Arbeitskraft und von Mehrwerth durch drei Umstände bedingt sind: 1) die Länge des Arbeitstags oder die extensive Größe der Arbeit; 2) die normale Intensität der Arbeit, oder ihre intensive Größe, so daß ein bestimmtes Arbeitsquantum in bestimmter Zeit verausgabt wird; 3) endlich die Produktivkraft der Arbeit, so daß je nach dem Entwicklungsgrad der Produktionsbedingungen dasselbe Quantum Arbeit in derselben Zeit ein größeres oder kleineres Quantum Produkt liefert. Sehr verschiedne Kombinationen sind offenbar möglich, je nachdem einer der drei Faktoren konstant und zwei variabel, oder zwei Faktoren konstant und einer variabel, oder endlich alle drei gleichzeitig variabel sind. Diese Kombinationen werden noch dadurch vermannigfacht, daß bei gleichzeitiger Variation verschiedner Faktoren die Größe und Richtung der Variation verschieden sein können. Im Folgenden sind nur die Hauptkombinationen dargestellt.
konstant (gegeben), Produktivkraft der Arbeit variabel.
Unter dieser Voraussetzung sind Werth der Arbeitskraft und Mehrwerth durch drei Gesetze bestimmt.
Erstens: Der Arbeitstag von gegebner Größe stellt sich stets in demselben Werthprodukt dar, wie auch die Produktivität der Arbeit, mit ihr die Produktenmasse und daher der Preis der einzelnen Waare wechsle.
Das Werthprodukt eines zwölfstündigen Arbeitstags ist 6 sh. z. B., obgleich die Masse der producirten Gebrauchswerthe mit der Produktivkraft der Arbeit wechselt, der Werth von 6 sh. sich also über mehr oder weniger Waaren vertheilt.
Zweitens: Werth der Arbeitskraft und Mehrwerth wechseln in umgekehrter Richtung zu einander. Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit, ihre Zunahme oder Abnahme, wirkt in umgekehrter Richtung auf den Werth der Arbeitskraft, und in direkter auf den Mehrwerth.
Das Werthprodukt des zwölfstündigen Arbeitstags ist eine konstante Größe, z. B. 6 sh. Diese konstante Größe ist gleich der Summe des Mehrwerths plus dem Werth der Arbeitskraft, den der Arbeiter durch ein Aequivalent ersetzt. Es ist selbstverständlich, daß von zwei Theilen einer konstanten Größe keiner zunehmen kann, ohne daß der andre abnimmt. Der Werth der Arbeitskraft ||484| kann nicht von 3 sh. auf 4 steigen, ohne daß der Mehrwerth von 3 sh. auf 2 fällt, und der Mehrwerth kann nicht von 3 auf 4 sh. steigen, ohne daß der Werth der Arbeitskraft von 3 sh. auf 2 fällt. Unter diesen Umständen also ist kein Wechsel in der absoluten Größe, sei es des Werths der Arbeitskraft, sei es des Mehrwerths, möglich ohne gleichzeitigen Wechsel ihrer relativen oder verhältnißmäßigen Größen. Es ist unmöglich, daß sie gleichzeitig fallen oder steigen.
Der Werth der Arbeitskraft kann ferner nicht fallen, also der Mehrwerth nicht steigen, ohne daß die Produktivkraft der Arbeit steigt, z. B. im obigen Fall kann der Werth der Arbeitskraft nicht von 3 auf 2 sh. sinken, ohne daß erhöhte Produktivkraft der Arbeit erlaubt, in 4 Stunden dieselbe Masse Lebensmittel zu produciren, die vorher 6 Stunden zu ihrer Produktion erheischten. Umgekehrt kann der Werth der Arbeitskraft nicht von 3 auf 4 sh. steigen, ohne daß die Produktivkraft der Arbeit fällt, also 8 Stunden zur Produktion derselben Masse von Lebensmitteln erheischt sind, wozu früher 6 Stunden genügten. Es folgt hieraus, daß die Zunahme in der Produktivität der Arbeit den Werth der Arbeitskraft senkt und damit den Mehrwerth steigert, während umgekehrt die Abnahme der Produktivität den Werth der Arbeitskraft steigert und den Mehrwerth senkt.
Bei Formulirung dieses Gesetzes übersah Ricardo einen Umstand: Obgleich der Wechsel in der Größe des Mehrwerths oder der Mehrarbeit einen umgekehrten Wechsel in der Größe des Werths der Arbeitskraft oder der nothwendigen Arbeit bedingt, folgt keineswegs, daß sie in derselben Proportion wechseln. Sie nehmen zu oder ab um dieselbe Größe. Das Verhältniß aber, worin jeder Theil des Werthprodukts oder des Arbeitstags zuoder abnimmt, hängt von der ursprünglichen Theilung ab, die vor dem Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit stattfand. War der Werth der Arbeitskraft 4 sh. oder die nothwendige Arbeitszeit 8 Stunden, der Mehrwerth 2 sh. oder die Mehrarbeit 4 Stunden, und fällt, in Folge erhöhter Produktivkraft der Arbeit, der Werth der Arbeitskraft auf 3 sh. oder die nothwendige Arbeit auf 6 Stunden, so steigt der Mehrwerth auf 3 sh. oder die Mehrarbeit auf 6 Stunden. Es ist dieselbe Größe von 2 Stunden oder 1 sh., die dort zugefügt, hier weggenommen wird. Aber der proportionelle Größenwechsel ist auf beiden Seiten verschieden. Während der Werth der Arbeitskraft von 4 sh. auf 3, also um ¼ oder 25 % sinkt, steigt der Mehrwerth von 2 sh. auf 3, also um ½ oder ||485| 50 %. Es folgt daher, daß die proportionelle Zu- oder Abnahme des Mehrwerths, in Folge eines gegebnen Wechsels in der Produktivkraft der Arbeit, um so größer, je kleiner, und um so kleiner, je größer ursprünglich der Theil des Arbeitstags war, der sich in Mehrwerth darstellt.
Drittens: Zu- oder Abnahme des Mehrwerths ist stets Folge und nie Grund der entsprechenden Ab- und Zunahme des Werths der Arbeitskraft10).
Da der Arbeitstag von konstanter Größe ist, sich in einer konstanten Werthgröße darstellt, jedem Größenwechsel des Mehrwerths ein umgekehrter Größenwechsel im Werth der Arbeitskraft entspricht und der Werth der Arbeitskraft nur wechseln kann mit einem Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit, folgt unter diesen Bedingungen offenbar, daß jeder Größenwechsel des Mehrwerths aus einem umgekehrten Größenwechsel im Werth der Arbeitskraft entspringt. Wenn man daher gesehn, daß kein absoluter Größenwechsel im Werth der Arbeitskraft und des Mehrwerths möglich ist ohne einen Wechsel ihrer relativen Größen, so folgt jetzt, daß kein Wechsel ihrer relativen Werthgrößen möglich ist ohne einen Wechsel in der absoluten Werthgröße der Arbeitskraft.
Nach dem dritten Gesetz unterstellt der Größenwechsel des Mehrwerths eine durch Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit verursachte Werthbewegung der Arbeitskraft. Die Grenze jenes Wechsels ist durch die neue Werthgrenze der Arbeitskraft gegeben. Es können aber, auch wenn die Umstände dem Gesetz zu wirken erlauben, Zwischenbewegungen stattfinden. Fällt z. B. in Folge erhöhter Produktivkraft der Arbeit der Werth der Arbeitskraft von 4 sh. auf 3, oder die nothwendige Arbeitszeit von 8 Stunden auf 6, so könnte der Preis der Arbeitskraft nur auf 3 sh. 8 d., 3 sh. 6 d., 3 sh. 2 d. u. s. w. fallen, der Mehrwerth daher nur auf 3 sh. 4 d., 3 sh. 6 d., 3 sh. 10 d. u. s. w. steigen. Der Grad des Falls, dessen Maximalgrenze 3 sh., hängt von dem relativen ||486| Gewicht ab, das der Druck des Kapitals von der einen Seite, der Widerstand der Arbeiter von der andern Seite in die Wagschale wirft.
Der Werth der Arbeitskraft ist bestimmt durch den Werth eines bestimmten Quantums von Lebensmitteln. Was mit der Produktivkraft der Arbeit wechselt, ist der Werth dieser Lebensmittel, nicht ihre Masse. Die Masse selbst kann, bei steigender Produktivkraft der Arbeit, für Arbeiter und Kapitalist gleichzeitig und in demselben Verhältniß wachsen ohne irgend einen Größenwechsel zwischen Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth. Ist der ursprüngliche Werth der Arbeitskraft 3 sh. und beträgt die nothwendige Arbeitszeit 6 Stunden, ist der Mehrwerth ebenfalls 3 sh. oder beträgt die Mehrarbeit auch 6 Stunden, so würde eine Verdopplung in der Produktivkraft der Arbeit, bei gleichbleibender Theilung des Arbeitstags, Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth unverändert lassen. Nur stellte sich jeder derselben in doppelt so vielen, aber verhältnißmäßig verwohlfeilerten Gebrauchswerthen dar. Obgleich der Preis der Arbeitskraft unverändert, wäre er über ihren Werth gestiegen. Fiele der Preis der Arbeitskraft, aber nicht bis zu der durch ihren neuen Werth gegebnen Minimalgrenze von 1½ sh., sondern auf 2 sh. 10 d., 2 sh. 6 d. u. s. w., so repräsentirte dieser fallende Preis immer noch eine wachsende Masse von Lebensmitteln. Der Preis der Arbeitskraft könnte so bei steigender Produktivkraft der Arbeit beständig fallen mit gleichzeitigem, fortwährendem Wachsthum der Lebensmittelmasse des Arbeiters. Relativ aber, d. h. verglichen mit dem Mehrwerth, sänke der Werth der Arbeitskraft beständig, und erweiterte sich also die Kluft zwischen den Lebenslagen von Arbeiter und Kapitalist11).
Ricardo hat die oben aufgestellten drei Gesetze zuerst streng formulirt. Die Mängel seiner Darstellung sind, 1) daß er die besondern Bedingungen, innerhalb deren jene Gesetze gelten, für die sich von selbst verstehenden, allgemeinen und ausschließlichen Bedingungen der kapitalistischen Produktion ansieht. Er kennt keinen Wechsel, weder in der Länge des Arbeitstags noch in der Intensität der Arbeit, sodaß bei ihm die Produktivität der Arbeit ||487| von selbst zum einzigen variablen Faktor wird. – 2) aber, und dieß verfälscht seine Analyse in viel höherem Grad, hat er ebenso wenig wie die andern Oekonomen jemals den Mehrwerth als solchen untersucht, d. h. unabhängig von seinen besondern Formen, wie Profit, Grundrente u. s. w. Er wirft daher die Gesetze über die Rate des Mehrwerths unmittelbar zusammen mit den Gesetzen der Profitrate. Wie schon gesagt, ist die Profitrate das Verhältniß des Mehrwerths zum vorgeschossenen Gesammtkapital, während die Mehrwerthsrate das Verhältniß ist des Mehrwerths zum bloß variablen Theil dieses Kapitals. Nimm an, ein Kapital von 500 Pfd. St. (C) theile sich in Rohstoffe, Arbeitsmittel etc. für zusammen 400 Pfd. St. (c) und in 100 Pfd. St. Arbeitslöhne (v); daß ferner der Mehrwerth = 100 Pfd. St. (m). Dann ist die Mehrwerthsrate = = 100 %. Aber die Profitrate = = 20 %. Es leuchtet außerdem ein, daß die Profitrate abhängen kann von Umständen, die keineswegs auf die Mehrwerthsrate einwirken. Ich werde später im Dritten Buch dieser Schrift beweisen, daß dieselbe Rate des Mehrwerths sich in den verschiedensten Profitraten, und verschiedne Raten des Mehrwerths, unter bestimmten Umständen, sich in derselben Profitrate ausdrücken können.
Intensität der Arbeit variabel.
Wachsende Intensität der Arbeit unterstellt vermehrte Ausgabe von Arbeit in demselben Zeitraum. Der intensivere Arbeitstag verkörpert sich daher in mehr Produkten als der minder intensive von gleicher Stundenzahl. Mit erhöhter Produktivkraft liefert zwar auch derselbe Arbeitstag mehr Produkte. Aber im letztern Fall sinkt der Werth des einzelnen Produkts, weil es weniger Arbeit als vorher kostet, im erstern Fall bleibt er unverändert, weil das Produkt nach wie vor gleich viel Arbeit kostet. Die Anzahl der Produkte steigt hier ohne Fall ihres Preises. Mit ihrer Anzahl wächst ihre Preissumme, während dort dieselbe Werthsumme sich nur in vergrößerter Produktenmasse darstellt. Bei gleichbleibender Stundenzahl verkörpert sich also der intensivere Arbeitstag in höherem Werthprodukt, also, bei gleichbleibendem Werth des Geldes, in mehr Geld. Sein Werthprodukt variirt mit den Ab||488|weichungen seiner Intensität von dem gesellschaftlichen Normalgrad. Derselbe Arbeitstag stellt sich also nicht wie vorher in einem konstanten, sondern in einem variablen Werthprodukt dar, der intensivere, zwölfstündige Arbeitstag z. B. in 7 sh., 8 sh. u. s. w. statt in 6 sh. wie der zwölfstündige Arbeitstag von gewöhnlicher Intensität. Es ist klar: Variirt das Werthprodukt des Arbeitstags, etwa von 6 auf 8 sh., so können beide Theile dieses Werthprodukts, Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth, gleichzeitig wachsen, sei es in gleichem oder ungleichem Grad. Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth können beide zur selben Zeit von 3 sh. auf 4 wachsen, wenn das Werthprodukt von 6 auf 8 [sh.] steigt. Preiserhöhung der Arbeitskraft schließt hier nicht nothwendig Steigerung ihres Preises über ihren Werth ein. Sie kann umgekehrt von einem Fall ihres Werths begleitet sein. Dieß findet stets statt, wenn die Preiserhöhung der Arbeitskraft ihren beschleunigten Verschleiß nicht kompensirt.
Man weiß, daß mit vorübergehenden Ausnahmen ein Wechsel in der Produktivität der Arbeit nur dann einen Wechsel in der Werthgröße der Arbeitskraft und daher in der Größe des Mehrwerths bewirkt, wenn die Produkte der betroffenen Industriezweige in den gewohnheitsmäßigen Konsum des Arbeiters eingehn. Diese Schranke fällt hier fort. Ob die Größe der Arbeit extensiv oder intensiv wechsle, ihrem Größenwechsel entspricht ein Wechsel in der Größe ihres Werthprodukts, unabhängig von der Natur des Artikels, worin sich dieser Werth darstellt.
Steigerte sich die Intensität der Arbeit in allen Industriezweigen gleichzeitig und gleichmäßig, so würde der neue höhere Intensitätsgrad zum gewöhnlichen gesellschaftlichen Normalgrad und hörte damit auf, als extensive Größe zu zählen. Indeß blieben selbst dann die durchschnittlichen Intensitätsgrade der Arbeit bei verschiednen Nationen verschieden und modificirten daher die Anwendung des Werthgesetzes auf unterschiedne Nationalarbeitstage. Der intensivere Arbeitstag der einen Nation stellt sich in höherem Geldausdruck dar als der minder intensive der andren12). |
Arbeitstag variabel.
Der Arbeitstag kann nach zwei Richtungen variiren. Er kann verkürzt oder verlängert werden.
1) Verkürzung des Arbeitstags unter den gegebenen Bedingungen, d. h. gleichbleibender Produktivkraft und Intensität der Arbeit, läßt den Werth der Arbeitskraft und daher die nothwendige Arbeitszeit unverändert. Sie verkürzt die Mehrarbeit und den Mehrwerth. Mit der absoluten Größe des letztren fällt auch seine relative Größe, d. h. seine Größe im Verhältniß zur gleichbleibenden Werthgröße der Arbeitskraft. Nur durch Herabdrückung ihres Preises unter ihren Werth könnte der Kapitalist sich schadlos halten.
Alle hergebrachten Redensarten wider die Verkürzung des Arbeitstags unterstellen, daß das Phänomen sich unter den hier vorausgesetzten Umständen ereignet, während in der Wirklichkeit umgekehrt Wechsel in der Produktivität und Intensität der Arbeit entweder der Verkürzung des Arbeitstags vorhergehn oder ihr unmittelbar nachfolgen13).
2) Verlängerung des Arbeitstags: Die nothwendige Arbeitszeit sei 6 Stunden oder der Werth der Arbeitskraft 3 sh., ebenso Mehrarbeit 6 Stunden und Mehrwerth 3 sh. Der Gesammtarbeitstag beträgt dann 12 Stunden und stellt sich in einem Werthprodukt von 6 sh. dar. Wird der Arbeitstag um 2 Stunden verlängert und bleibt der Preis der Arbeitskraft unverändert, so wächst mit der absoluten die relative Größe des Mehrwerths. Obgleich die Werthgröße der Arbeitskraft absolut unverändert bleibt, fällt sie relativ. Unter den Bedingungen von I) konnte die relative Werthgröße der Arbeitskraft nicht wechseln ohne einen Wechsel ihrer absoluten Größe. Hier, im Gegentheil, ist der relative Größenwechsel im Werth der Arbeitskraft das Resultat eines absoluten Größenwechsels des Mehrwerths.
Da das Werthprodukt, worin sich der Arbeitstag darstellt, mit seiner eignen Verlängerung wächst, können Preis der Arbeitskraft und Mehrwerth gleichzeitig wachsen, sei es um gleiches oder ungleiches Inkrement. Dieß gleichzeitige Wachsthum ist also in zwei ||490| Fällen möglich, bei absoluter Verlängerung des Arbeitstags, und bei wachsender Intensität der Arbeit ohne solche Verlängerung.
Mit verlängertem Arbeitstag kann der Preis der Arbeitskraft unter ihren Werth fallen, obgleich er nominell unverändert bleibt oder selbst steigt. Der Tageswerth der Arbeitskraft ist nämlich, wie man sich erinnern wird, geschätzt auf ihre normale Durchschnittsdauer oder die normale Lebensperiode des Arbeiters, und auf entsprechenden, normalen, der Menschennatur angemessenen Umsatz von Lebenssubstanz in Bewegung14). Bis zu einem gewissen Punkt kann der von Verlängerung des Arbeitstags untrennbare größere Verschleiß der Arbeitskraft durch größeren Ersatz kompensirt werden. Ueber diesen Punkt hinaus wächst der Verschleiß in geometrischer Progression und werden zugleich alle normalen Reproduktions- und Bethätigungsbedingungen der Arbeitskraft zerstört. Der Preis der Arbeitskraft und ihr Exploitationsgrad hören auf mit einander kommensurable Größen zu sein.
und Intensität der Arbeit.
Es ist hier offenbar eine große Anzahl Kombinationen möglich. Je zwei Faktoren können variiren und einer konstant bleiben, oder alle drei können gleichzeitig variiren. Sie können in gleichem oder ungleichem Grad variiren, in derselben oder entgegengesetzter Richtung, ihre Variationen sich daher theilweis oder ganz aufheben. Indeß ist die Analyse aller möglichen Fälle nach den unter I) II) und III) gegebenen Aufschlüssen leicht. Man findet das Resultat jeder möglichen Kombination, indem man der Reihe nach je einen Faktor als variabel und die andren zunächst als konstant behandelt. Wir nehmen hier daher nur noch kurze Notiz von zwei wichtigen Fällen.
1) Abnehmende Produktivkraft der Arbeit mit gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstags:
Wenn wir hier von abnehmender Produktivkraft der Arbeit sprechen, so handelt es sich von Arbeitszweigen, deren Produkte den Werth der Arbeitskraft bestimmen, also z. B. von abnehmender Produktivkraft der Arbeit in Folge zunehmender Unfruchtbar||491|keit des Bodens und entsprechender Vertheurung der Bodenprodukte. Der Arbeitstag sei zwölfstündig, sein Werthprodukt 6 sh., wovon die Hälfte den Werth der Arbeitskraft ersetze, die andre Hälfte Mehrwerth bilde. Der Arbeitstag zerfällt also in 6 Stunden nothwendiger Arbeit und 6 Stunden Mehrarbeit. In Folge der Vertheurung der Bodenprodukte steige der Werth der Arbeitskraft von 3 auf 4 sh., also die nothwendige Arbeitszeit von 6 auf 8 Stunden. Bleibt der Arbeitstag unverändert, so fällt die Mehrarbeit von 6 auf 4 Stunden, der Mehrwerth von 3 auf 2 sh. Wird der Arbeitstag um 2 Stunden verlängert, also von 12 auf 14 Stunden, so bleibt die Mehrarbeit 6 Stunden, der Mehrwerth 3 sh., aber seine Größe fällt im Vergleich zum Werth der Arbeitskraft, gemessen durch die nothwendige Arbeit. Wird der Arbeitstag um 4 Stunden verlängert, von 12 auf 16 Stunden, so bleiben die proportionellen Größen von Mehrwerth und Werth der Arbeitskraft, Mehrarbeit und nothwendiger Arbeit unverändert, aber die absolute Größe des Mehrwerths wächst von 3 auf 4 sh., die der Mehrarbeit von 6 auf 8 Arbeitsstunden, also um ⅓ oder 33⅓ %. Bei abnehmender Produktivkraft der Arbeit und gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstags kann also die absolute Größe des Mehrwerths unverändert bleiben, während seine proportionelle Größe fällt; seine proportionelle Größe kann unverändert bleiben, während seine absolute Größe wächst, und, je nach dem Grad der Verlängerung, können beide wachsen.
Im Zeitraume von 1799 bis 1815 führten die steigenden Preise der Lebensmittel in England eine nominelle Lohnsteigerung herbei, obwohl die wirklichen, in Lebensmitteln ausgedrückten, Arbeitslöhne fielen. Hieraus schlossen West und Ricardo, daß die Verminderung der Produktivität der Ackerbauarbeit ein Fallen der Mehrwerthsrate verursacht hätte, und machten diese nur in ihrer Phantasie gültige Annahme zum Ausgangspunkt wichtiger Analysen über das relative Größenverhältniß von Arbeitslohn, Profit und Grundrente. Dank der gesteigerten Intensität der Arbeit und der erzwungenen Verlängerung der Arbeitszeit, war aber der Mehrwerth damals absolut und relativ gewachsen. Es war dieß die Periode, worin die maßlose Verlängerung des Arbeitstags sich das Bürgerrecht erwarb,15) die Periode, speciell charakterisirt ||492| durch beschleunigte Zunahme hier des Kapitals, dort des Pauperismus.16)
2) Zunehmende Intensität und Produktivkraft der Arbeit mit gleichzeitiger Verkürzung des Arbeitstags:
Gesteigerte Produktivkraft der Arbeit und ihre wachsende Intensität wirken nach einer Seite hin gleichförmig. Beide vermehren die in jedem Zeitabschnitt erzielte Produktenmasse. Beide verkürzen also den Theil des Arbeitstags, den der Arbeiter zur Produktion seiner Lebensmittel oder ihres Aequivalents braucht. Die absolute Minimalgrenze des Arbeitstags wird überhaupt gebildet durch diesen seinen nothwendigen, aber kontraktiblen Bestandtheil. Schrumpfte darauf der ganze Arbeitstag zusammen, so verschwände die Mehrarbeit, was unter dem Regime des Kapitals unmöglich. Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt den Arbeitstag auf die nothwendige Arbeit zu beschränken. Jedoch würde die letztre, unter sonst gleichbleibenden Umständen, ihren Raum ausdehnen. Einerseits weil die Lebensbedingungen des Arbeiters reicher und seine Lebensansprüche größer. Andrerseits würde ein Theil der jetzigen Mehrarbeit zur ||493| nothwendigen Arbeit zählen, nämlich die zur Erzielung eines gesellschaftlichen Reserve- und Akkumulationsfonds nöthige Arbeit.
Je mehr die Produktivkraft der Arbeit wächst, um so mehr kann der Arbeitstag verkürzt werden, und je mehr der Arbeitstag verkürzt wird, desto mehr kann die Intensität der Arbeit wachsen. Gesellschaftlich betrachtet wächst die Produktivität der Arbeit auch mit ihrer Oekonomie. Diese schließt nicht nur die Oekonomisirung der Produktionsmittel ein, sondern die Vermeidung aller nutzlosen Arbeit. Während die kapitalistische Produktionsweise in jedem individuellen Geschäft Oekonomie erzwingt, erzeugt ihr anarchisches System der Konkurrenz die maßloseste Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte, neben einer Unzahl jetzt unentbehrlicher, aber an und für sich überflüssiger Funktionen.
Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion nothwendige Theil des gesellschaftlichen Arbeitstags um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Bethätigung der Individuen eroberte Zeittheil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft vertheilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnothwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andren Schichte zuwälzen kann. Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse producirt durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit.
SECHSZEHNTES KAPITEL.
Verschiedne Formeln für die Rate des Mehrwerths.
Man hat gesehn, daß die Rate des Mehrwerths sich darstellt in den Formeln:
I) = =
Die zwei ersten Formeln stellen als Verhältniß von Werthen dar, was die dritte als Verhältniß der Zeiten, worin diese Werthe producirt werden. Diese einander ersetzenden Formeln sind begrifflich streng. Man findet sie daher wohl der Sache nach, aber nicht ||494| bewußt ausgearbeitet in der klassischen politischen Oekonomie. Hier begegnen wir dagegen den folgenden abgeleiteten Formeln:
II) = = . Eine und dieselbe Proportion ist hier abwechselnd ausgedrückt in der Form der Arbeitszeiten, der Werthe, worin sie sich verkörpern, der Produkte, worin diese Werthe existiren. Es wird natürlich unterstellt, daß unter Werth des Produkts nur das Werthprodukt des Arbeitstags zu verstehn, der konstante Theil des Produktenwerths aber ausgeschlossen ist.
In allen diesen Formeln ist der wirkliche Exploitationsgrad der Arbeit oder die Rate des Mehrwerths falsch ausgedrückt. Der Arbeitstag sei 12 Stunden. Mit den andren Annahmen unsres früheren Beispiels stellt sich in diesem Fall der wirkliche Exploitationsgrad der Arbeit dar in den Proportionen:
= = 100 %.
Nach den Formeln II) erhalten wir dagegen: = = 50 %.
Diese abgeleiteten Formeln drücken in der That die Proportion aus, worin der Arbeitstag oder sein Werthprodukt sich zwischen Kapitalist und Arbeiter theilt. Gelten sie daher als unmittelbare Ausdrücke des Selbstverwerthungsgrades des Kapitals, so gilt das falsche Gesetz: die Mehrarbeit oder der Mehrwerth kann nie 100 % erreichen17). Da die Mehrarbeit stets nur einen aliquoten Theil ||495| des Arbeitstags oder der Mehrwerth stets nur einen aliquoten Theil des Werthprodukts bilden kann, ist die Mehrarbeit nothwendiger Weise stets kleiner als der Arbeitstag oder der Mehrwerth stets kleiner als das Werthprodukt. Um sich zu verhalten wie , müßten sie aber gleich sein. Damit die Mehrarbeit den ganzen Arbeitstag absorbire (es handelt sich hier um den Durchschnittstag der Arbeitswoche, des Arbeitsjahrs u. s. w.), müßte die nothwendige Arbeit auf Null sinken. Verschwindet aber die nothwendige Arbeit, so verschwindet auch die Mehrarbeit, da letztre nur eine Funktion der erstern. Die Proportion = kann also niemals die Grenze erreichen und noch weniger auf steigen. Wohl aber die Rate des Mehrwerths oder der wirkliche Exploitationsgrad der Arbeit. Nimm z. B. die Schätzung des Herrn L. de Lavergne, wonach der englische Ackerbauarbeiter nur ¼, der Kapitalist (Pächter) dagegen ¾ des Produkts18) oder seines Werths erhält, wie die Beute sich immer zwischen Kapitalist und Grundeigenthümer u. s. w. nachträglich weiter vertheile. Die Mehrarbeit des englischen Landarbeiters verhält sich danach zu seiner nothwendigen Arbeit = 3:1, ein Prozentsatz der Exploitation von 300 %.
Die Schulmethode, den Arbeitstag als konstante Größe zu behandeln, wurde durch Anwendung der Formeln II) befestigt, weil man hier die Mehrarbeit stets mit einem Arbeitstag von gegebner Größe vergleicht. Ebenso, wenn die Theilung des Werthprodukts ausschließlich in’s Auge gefaßt wird. Der Arbeitstag, der sich bereits in einem Werthprodukt vergegenständlicht hat, ist stets ein Arbeitstag von gegebenen Grenzen.
Die Darstellung von Mehrwerth und Werth der Arbeitskraft als | |496| Bruchtheilen des Werthprodukts – eine Darstellungsweise, die übrigens aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst erwächst und deren Bedeutung sich später erschließen wird – versteckt den specifischen Charakter des Kapitalverhältnisses, nämlich den Austausch des variablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft und den entsprechenden Ausschluß des Arbeiters vom Produkt. An die Stelle tritt der falsche Schein eines Associationsverhältnisses, worin Arbeiter und Kapitalist das Produkt nach dem Verhältniß seiner verschiednen Bildungsfaktoren theilen19).
Uebrigens sind die Formeln II stets in die Formeln I rückverwandelbar. Haben wir z. B. , so ist die nothwendige Arbeitszeit = Arbeitstag von zwölf Stunden minus Mehrarbeit von sechs Stunden, und so ergibt sich: =
Eine dritte Formel, die ich gelegentlich schon anticipirt habe, ist:
III) = = .
Das Mißverständniß, wozu die Formel verleiten könnte, als zahle der Kapitalist die Arbeit und nicht die Arbeitskraft, fällt nach der früher gegebenen Entwicklung fort. ist nur populärer Ausdruck für . Der Kapitalist zahlt den Werth, resp. davon abweichenden Preis der Arbeitskraft, und erhält im Austausch die Verfügung über die lebendige Arbeitskraft selbst. Seine Nutznießung dieser Arbeitskraft zerfällt in zwei Perioden. Während der einen Periode producirt der Arbeiter nur einen Werth = Werth seiner Arbeitskraft, also nur ein Aequivalent. Für den vorgeschoßnen Preis der Arbeitskraft erhält so der Kapitalist ein Produkt vom selben Preis. Es ist, als ob er das Produkt fertig auf dem Markt gekauft hätte. ||497| In der Periode der Mehrarbeit dagegen bildet die Nutznießung der Arbeitskraft Werth für den Kapitalisten, ohne ihm einen Werthersatz zu kosten20). Er hat diese Flüssigmachung der Arbeitskraft umsonst. In diesem Sinn kann die Mehrarbeit unbezahlte Arbeit heißen.
Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit, wie A. Smith sagt. Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwerth, in welcher besondern Gestalt von Profit, Zins, Rente u. s. w. er sich später krystallisire, ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimniß von der Selbstverwerthung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit.