EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Einfache Reproduktion.
Welches immer die gesellschaftliche Form des Produktionsprocesses, er muß kontinuirlich sein oder periodisch stets von neuem dieselben Stadien durchlaufen. So wenig eine Gesellschaft aufhören kann zu konsumiren, so wenig kann sie aufhören zu produciren. In einem stetigen Zusammenhang und dem beständigen Fluß seiner Erneuerung betrachtet, ist jeder gesellschaftliche Produktionsproceß daher zugleich Reproduktionsproceß.
Die Bedingungen der Produktion sind zugleich die Bedingungen der Reproduktion. Keine Gesellschaft kann fortwährend produciren, d. h. reproduciren, ohne fortwährend einen Theil ihrer Produkte in Produktionsmittel oder Elemente der Neuproduktion rückzuverwandeln. Unter sonst gleichbleibenden Umständen kann sie ihren Reichthum nur auf derselben Stufenleiter reproduciren oder erhalten, indem sie die, während des Jahres z. B., verbrauchten Produktionsmittel, d. h. Arbeitsmittel, Rohmateriale und Hülfsstoffe, in natura durch ein gleiches Quantum neuer Exemplare ersetzt, ||529| welches von der jährlichen Produktenmasse abgeschieden und von neuem dem Produktionsproceß einverleibt wird. Ein bestimmtes Quantum des jährlichen Produkts gehört also der Produktion. Von Haus aus für die produktive Konsumtion bestimmt, existirt es großentheils in Naturalformen, die von selbst die individuelle Konsumtion ausschließen.
Hat die Produktion kapitalistische Form, so die Reproduktion. Wie in der kapitalistischen Produktionsweise der Arbeitsproceß nur als ein Mittel für den Verwerthungsproceß erscheint, so die Reproduktion nur als ein Mittel, den vorgeschoßnen Werth als Kapital zu reproduciren, d. h. als sich verwerthenden Werth. Die ökonomische Charaktermaske des Kapitalisten hängt nur dadurch an einem Menschen fest, daß sein Geld fortwährend als Kapital funktionirt. Hat z. B. die vorgeschoßne Geldsumme von 100 Pfd. St. sich dieses Jahr in Kapital verwandelt und einen Mehrwerth von 20 Pfd. St. producirt, so muß sie das nächste Jahr u. s. f. dieselbe Operation wiederholen. Als periodisches Inkrement des Kapitalwerths, oder periodische Frucht des processirenden Kapitals, erhält der Mehrwerth die Form einer aus dem Kapital entspringenden Revenue1).
Dient diese Revenue dem Kapitalisten nur als Konsumtionsfonds oder wird sie ebenso periodisch verzehrt wie gewonnen, so findet, unter sonst gleichbleibenden Umständen, einfache Reproduktion statt. Obgleich letztere nun bloße Wiederholung des Produktionsprocesses auf derselben Stufenleiter, drückt diese bloße Wiederholung oder Kontinuität dem Processe gewisse neue Charaktere auf oder löst vielmehr die Scheincharaktere seines nur vereinzelten Vorgangs auf.
Der Produktionsproceß wird eingeleitet mit dem Kauf der Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit, und diese Einleitung erneuert sich beständig, sobald der Verkaufstermin der Arbeit fällig und damit eine bestimmte Produktionsperiode, Woche, Monat u. s. w. abgelaufen ist. Gezahlt wird der Arbeiter aber erst, nachdem seine ||530| Arbeitskraft gewirkt und sowohl ihren eignen Werth, als den Mehrwerth, in Waaren realisirt hat. Er hat also wie den Mehrwerth, den wir einstweilen nur als Konsumtionsfonds des Kapitalisten betrachten, so den Fonds seiner eignen Zahlung, das variable Kapital, producirt, bevor es ihm in der Form des Arbeitslohnes zurückfließt, und er wird nur so lange beschäftigt, als er ihn beständig reproducirt. Daher die im sechzehnten Kapitel unter „II“ erwähnte Formel der Oekonomen, die das Salair als Antheil am Produkt selbst darstellt2). Es ist ein Theil des vom Arbeiter selbst beständig reproducirten Produkts, das ihm in der Form des Arbeitslohns beständig zurückfließt. Der Kapitalist zahlt ihm den Waarenwerth allerdings in Geld. Dieß Geld ist aber nur die verwandelte Form des Arbeitsprodukts. Während der Arbeiter einen Theil der Produktionsmittel in Produkt verwandelt, rückverwandelt sich ein Theil seines früheren Produkts in Geld. Es ist seine Arbeit von voriger Woche oder vom letzten halben Jahre, womit seine Arbeit von heute oder vom nächsten halben Jahr gezahlt wird. Die Illusion, welche die Geldform erzeugt, verschwindet sofort, sobald statt des einzelnen Kapitalisten und des einzelnen Arbeiters Kapitalistenklasse und Arbeiterklasse betrachtet werden. Die Kapitalistenklasse gibt der Arbeiterklasse beständig in Geldform Anweisungen auf einen Theil des von der letzteren producirten und von der erstren angeeigneten Produkts. Diese Anweisungen gibt der Arbeiter der Kapitalistenklasse ebenso beständig zurück und entzieht ihr damit den ihm selbst zufallenden Theil seines eignen Produkts. Die Waarenform des Produkts und die Geldform der Waare verkleiden die Transaktion.
Das variable Kapital ist also nur eine besondre historische Erscheinungsform des Fonds von Lebensmitteln oder des Arbeitsfonds, den der Arbeiter zu seiner Selbsterhaltung und Reproduktion bedarf, und den er in allen Systemen der gesellschaftlichen Produktion stets selbst produciren und reproduciren muß. Der Arbeitsfonds fließt ihm nur beständig in Form von Zahlungsmitteln seiner Arbeit zu, weil sein eignes Produkt sich beständig in der Form des Kapitals von ihm entfernt. Aber diese Erscheinungsform des Arbeitsfonds ändert nichts daran, daß dem Arbeiter seine eigne vergegenständlichte Arbeit vom Kapitalisten vorgeschossen wird3). ||531| Nehmen wir einen Frohnbauer. Er arbeitet mit seinen eignen Produktionsmitteln auf seinem eignen Acker z. B. 3 Tage in der Woche. Die drei andren Wochentage verrichtet er Frohnarbeit auf dem herrschaftlichen Gut. Er reproducirt seinen eignen Arbeitsfonds beständig, und dieser erhält ihm gegenüber nie die Form von einem Dritten für seine Arbeit vorgeschoßner Zahlungsmittel. Im Ersatz erhält auch niemals seine unbezahlte Zwangsarbeit die Form freiwilliger und bezahlter Arbeit. Wenn morgen der Gutsherr den Acker, das Zugvieh, die Samen, kurz die Produktionsmittel des Frohnbauern sich selbst aneignet, so hat dieser von nun an seine Arbeitskraft an den Frohnherrn zu verkaufen. Unter sonst gleichbleibenden Umständen wird er nach wie vor 6 Tage in der Woche arbeiten, 3 Tage für sich selbst, 3 für den Exfrohnherrn, der jetzt in einen Lohnherrn verwandelt ist. Er wird nach wie vor die Produktionsmittel als Produktionsmittel vernutzen und ihren Werth auf das Produkt übertragen. Nach wie vor wird ein bestimmter Theil des Produkts in die Reproduktion eingehn. Wie aber die Frohnarbeit die Form der Lohnarbeit, nimmt der vom Frohnbauer nach wie vor producirte und reproducirte Arbeitsfonds die Form eines ihm vom Frohnherrn vorgeschoßnen Kapitals an. Der bürgerliche Oekonom, dessen beschränktes Hirn die Erscheinungsform von dem, was darin erscheint, nicht trennen kann, schließt die Augen vor der Thatsache, daß selbst noch heutzutag der Arbeitsfonds nur ausnahmsweis auf dem Erdrund in der Form von Kapital auftritt4).
Allerdings verliert das variable Kapital nur den Sinn eines aus dem eignen Fonds des Kapitalisten vorgeschoßnen Werthes 4a), sobald wir den kapitalistischen Produktionsproceß im beständigen Fluß seiner Erneuerung betrachten. Aber er muß doch irgendwo und irgendwann anfangen. Von unsrem bisherigen Standpunkt ist es daher wahrscheinlich, daß der Kapitalist irgendeinmal durch ||532|irgendeine, von unbezahlter fremder Arbeit unabhängige, ursprüngliche Akkumulation Geldbesitzer ward, und daher den Markt als Käufer von Arbeitskraft beschreiten konnte. Indeß bewirkt die bloße Kontinuität des kapitalistischen Produktionsprocesses, oder die einfache Reproduktion, noch andre sonderbare Wechsel, die nicht nur den variablen Kapitaltheil ergreifen, sondern das Gesammtkapital.
Beträgt der mit einem Kapital von 1.000 Pfd. St. periodisch, z.B. jährlich, erzeugte Mehrwerth 200 Pfd.St. und wird dieser Mehrwerth jährlich verzehrt, so ist es klar, daß nach fünfjähriger Wiederholung desselben Proces ses die Summe des verzehrten Mehrwerts = 5 × 200 ist oder gleich dem ursprünglich vorgeschoßnen Kapitalwerth von 1.000 Pfd.St. Würde der jährliche Mehrwerth nur theilweis verzehrt, z.B. nur zur Hälfte, so ergäbe sich dasselbe Resultat nach zehnjähriger Wiederholung des Produktionsprocesses, denn 10 × 100 = 1.000. Allgemein: Der vorgeschoßne Kapitalwerth, dividirt durch den jährlich verzehrten Mehrwerth, ergibt die Jahresanzahl oder die Anzahl von Reproduktionsperioden, nach deren Ablauf das ursprünglich vorgeschoßne Kapital vom Kapitalisten aufgezehrt und daher verschwunden ist. Die Vorstellung des Kapitalisten, daß er das Produkt der fremden unbezahlten Arbeit, den Mehrwerth, verzehrt und den ursprünglichen Kapitalwerth erhält, kann absolut nichts an der Thatsache ändern. Nach Abfluß einer gewissen Jahreszahl ist der von ihm geeignete Kapitalwerth gleich der Summe des während derselben Jahreszahl ohne Aequivalent angeeigneten Mehrwerths, und die von ihm verzehrte Werthsumme gleich dem ursprünglichen Kapitalwerth. Allerdings behält er in der Hand ein Kapital, dessen Größe sich nicht verändert hat, wovon ein Theil, Gebäude, Maschinen u. s. w. bereits vorhanden war, als er sein Geschäft in Gang brachte. Aber hier handelt es sich vom Werth des Kapitals und nicht von seinen materiellen Bestandtheilen. Wenn Jemand sein ganzes Besitzthum aufzehrt dadurch, daß er Schulden aufnimmt, die dem Werth dieses Besitzthums gleichkommen, so repräsentirt eben das ganze Besitzthum nur die Gesammtsumme seiner Schulden. Und ebenso, wenn der Kapitalist das Aequivalent seines vorgeschoßnen Kapitals aufgezehrt hat, repräsentirt der Werth dieses Kapitals nur noch die Gesammtsumme des von ihm unentgeltlich angeeigneten Mehrwerths. Kein Werthatom seines alten Kapitals existirt fort.
Ganz abgesehn von aller Akkumulation verwandelt also die bloße Kontinuität des Produktionsprocesses, oder die einfache Re||533|produktion, nach kürzerer oder längerer Periode, jedes Kapital nothwendig in akkumulirtes Kapital oder kapitalisirten Mehrwerth. War es selbst bei seinem Eintritt in den Produktionsproceß persönlich erarbeitetes Eigenthum seines Anwenders, früher oder später wird es ohne Aequivalent angeeigneter Werth oder Materiatur, ob in Geldform oder anders, unbezahlter fremder Arbeit.
Wir sahen im vierten Kapitel: Um Geld in Kapital zu verwandeln, genügte nicht das Vorhandensein von Werthproduktion und Waarencirculation. Es mußten erst, hier Besitzer von Werth oder Geld, dort Besitzer der werthschaffenden Substanz; hier Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln, dort Besitzer von nichts als Arbeitskraft, einander als Käufer und Verkäufer gegenübertreten. Scheidung zwischen dem Arbeitsprodukt und der Arbeit selbst, zwischen den objektiven Arbeitsbedingungen und der subjektiven Arbeitskraft, war also die thatsächlich gegebne Grundlage, der Ausgangspunkt des kapitalistischen Produktionsprocesses.
Was aber Anfangs nur Ausgangspunkt war, wird vermittelst der bloßen Kontinuität des Processes, der einfachen Reproduktion, stets aufs Neue producirt und verewigt als eignes Resultat der kapitalistischen Produktion. Einerseits verwandelt der Produktionsproceß fortwährend den stofflichen Reichthum in Kapital, in Verwerthungs- und Genußmittel für den Kapitalisten. Andrerseits kommt der Arbeiter beständig aus dem Proceß heraus, wie er in ihn eintrat – persönliche Quelle des Reichthums, aber entblößt von allen Mitteln, diesen Reichthum für sich zu verwirklichen. Da vor seinem Eintritt in den Proceß seine eigne Arbeit ihm selbst entfremdet, dem Kapitalisten angeeignet und dem Kapital einverleibt ist, vergegenständlicht sie sich während des Processes beständig in fremdem Produkt. Da der Produktionsproceß zugleich der Konsumtionsproceß der Arbeitskraft durch den Kapitalisten, verwandelt sich das Produkt des Arbeiters nicht nur fortwährend in Waare, sondern in Kapital, Werth, der die werthschöpfende Kraft aussaugt, Lebensmittel, die Personen kaufen, Produktionsmittel, die den Producenten anwenden5). Der Arbeiter selbst producirt daher beständig den objektiven Reichthum als Kapital, ihm fremde, ihn beherrschende und ausbeutende Macht, und der Kapitalist producirt ebenso beständig die Arbeitskraft als ||534| subjektive, von ihren eignen Vergegenständlichungs- und Verwirklichungsmitteln getrennte, abstrakte, in der bloßen Leiblichkeit des Arbeiters existirende Reichthumsquelle, kurz den Arbeiter als Lohnarbeiter6). Diese beständige Reproduktion oder Verewigung des Arbeiters ist das sine qua non der kapitalistischen Produktion.
Die Konsumtion des Arbeiters ist doppelter Art. In der Produktion selbst konsumirt er durch seine Arbeit Produktionsmittel und verwandelt sie in Produkte von höherem Werth als dem des vorgeschoßnen Kapitals. Dieß ist seine produktive Konsumtion. Sie ist gleichzeitig Konsumtion seiner Arbeitskraft durch den Kapitalisten, der sie gekauft hat. Andrerseits verwendet der Arbeiter das für den Kauf der Arbeitskraft gezahlte Geld in Lebensmittel: dieß ist seine individuelle Konsumtion. Die produktive und die individuelle Konsumtion des Arbeiters sind also total verschieden. In der ersten handelt er als bewegende Kraft des Kapitals und gehört dem Kapitalisten; in der zweiten gehört er sich selbst und verrichtet Lebensfunktionen außerhalb des Produktionsprocesses. Das Resultat der einen ist das Leben des Kapitalisten, das der andern ist das Leben des Arbeiters selbst.
Bei Betrachtung des „Arbeitstags“ u. s. w. zeigte sich gelegentlich, daß der Arbeiter oft gezwungen ist, seine individuelle Konsumtion zu einem bloßen Incident des Produktionsprocesses zu machen. In diesem Fall setzt er sich Lebensmittel zu, um seine Arbeitskraft im Gang zu halten, wie der Dampfmaschine Kohle und Wasser, dem Rad Oel zugesetzt wird. Seine Konsumtionsmittel sind dann bloß Konsumtionsmittel eines Produktionsmittels, seine individuelle Konsumtion direkt produktive Konsumtion. Dieß erscheint jedoch als ein dem kapitalistischen Produktionsproceß unwesentlicher Mißbrauch7).
Anders sieht die Sache aus, sobald wir nicht den einzelnen Kapitalisten und den einzelnen Arbeiter betrachten, sondern die Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse, nicht den vereinzelten Produktionsproceß der Waare, sondern den kapitalistischen Produktionsproceß in seinem Fluß und in seinem gesellschaftlichen ||535| Umfang. – Wenn der Kapitalist einen Theil seines Kapitals in Arbeitskraft umsetzt, verwerthet er damit sein Gesammtkapital. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Er profitirt nicht nur von dem, was er vom Arbeiter empfängt, sondern auch von dem, was er ihm gibt. Das im Austausch gegen Arbeitskraft veräußerte Kapital wird in Lebensmittel verwandelt, deren Konsumtion dazu dient, Muskel, Nerven, Knochen, Hirn vorhandner Arbeiter zu reproduciren und neue Arbeiter zu zeugen. Innerhalb der Grenzen des absolut Nothwendigen ist daher die individuelle Konsumtion der Arbeiterklasse Rückverwandlung der vom Kapital gegen Arbeitskraft veräußerten Lebensmittel in vom Kapital neu exploitirbare Arbeitskraft. Sie ist Produktion und Reproduktion des dem Kapitalisten unentbehrlichsten Produktionsmittels, des Arbeiters selbst. Die individuelle Konsumtion des Arbeiters bleibt also ein Moment der Produktion und Reproduktion des Kapitals, ob sie innerhalb oder außerhalb der Werkstatt, Fabrik u. s. w., innerhalb oder außerhalb des Arbeitsprocesses vorgeht, ganz wie die Reinigung der Maschine, ob sie während des Arbeitsprocesses oder bestimmter Pausen desselben geschieht. Es thut nichts zur Sache, daß der Arbeiter seine individuelle Konsumtion sich selbst und nicht dem Kapitalisten zu lieb vollzieht. So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein nothwendiges Moment des Produktionsprocesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frißt. Die beständige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt beständige Bedingung für die Reproduktion des Kapitals. Der Kapitalist kann ihre Erfüllung getrost dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeiter überlassen. Er sorgt nur dafür, ihre individuelle Konsumtion möglichst auf das Nothwendige einzuschränken, und ist himmelweit entfernt von jener süd-amerikanischen Roheit, die den Arbeiter zwingt, substantiellere statt weniger substantieller Nahrungsmittel einzunehmen8).
Daher betrachtet auch der Kapitalist und sein Ideolog, der politische Oekonom, nur den Theil der individuellen Konsumtion des ||536| Arbeiters als produktiv, der zur Verewigung der Arbeiterklasse erheischt ist, also in der That verzehrt werden muß, damit das Kapital die Arbeitskraft verzehre; was der Arbeiter außerdem zu seinem Vergnügen verzehren mag, ist unproduktive Konsumtion9). Würde die Akkumulation des Kapitals eine Erhöhung des Arbeitslohns und daher Vermehrung der Konsumtionsmittel des Arbeiters verursachen ohne Konsum von mehr Arbeitskraft durch das Kapital, so wäre das zuschüssige Kapital unproduktiv konsumirt10). In der That: die individuelle Konsumtion des Arbeiters ist für ihn selbst unproduktiv, denn sie reproducirt nur das bedürftige Individuum; sie ist produktiv für den Kapitalisten und den Staat, denn sie ist Produktion der den fremden Reichthum producirenden Kraft11).
Von gesellschaftlichem Standpunkt ist also die Arbeiterklasse, auch außerhalb des unmittelbaren Arbeitsprocesses, ebenso sehr Zubehör des Kapitals als das todte Arbeitsinstrument. Selbst ihre individuelle Konsumtion ist innerhalb gewisser Grenzen nur ein Moment des Reproduktionsprocesses des Kapitals. Der Proceß aber sorgt dafür, daß diese selbstbewußten Produktionsinstrumente nicht weglaufen, indem er ihr Produkt beständig von ihrem Pol zum Gegenpol des Kapitals entfernt. Die individuelle Konsumtion sorgt einerseits für ihre eigne Erhaltung und Reproduktion, andrerseits durch Vernichtung der Lebensmittel für ihr beständiges Wiedererscheinen auf dem Arbeitsmarkt. Der römische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare Fäden an seinen Eigenthümer gebunden. Der Schein seiner Unabhängigkeit wird durch den beständigen Wechsel der individuellen Lohnherrn und die fictio juris des Kontrakts aufrecht erhalten.
Früher machte das Kapital, wo es ihm nöthig schien, sein Eigenthumsrecht auf den freien Arbeiter durch Zwangsgesetz geltend. So war z. B. die Emigration der Maschinenarbeiter in England bis 1815 bei schwerer Strafe verboten. |
|537| Die Reproduktion der Arbeiterklasse schließt zugleich die Ueberlieferung und Häufung des Geschicks von einer Generation zur andren ein12). Wie sehr der Kapitalist das Dasein einer solchen geschickten Arbeiterklasse unter die ihm zugehörigen Produktionsbedingungen zählt, sie in der That als die reale Existenz seines variablen Kapitals betrachtet, zeigt sich, sobald eine Krise deren Verlust androht. In Folge des amerikanischen Bürgerkriegs und der ihn begleitenden Baumwollnoth wurde bekanntlich die Mehrzahl der Baumwollarbeiter in Lancashire u. s. w. aufs Pflaster geworfen. Aus dem Schoß der Arbeiterklasse selbst, wie andrer Gesellschaftsschichten, erhob sich der Ruf nach Staatsunterstützung oder freiwilliger Nationalkollekte, um die Emigration der „Ueberflüssigen“ in englische Kolonien oder die Vereinigten Staaten zu ermöglichen. Damals veröffentlichte die Times (24. März 1863) einen Brief von Edmund Potter, früher Präsident der Manchester Handelskammer. Sein Brief ward mit Recht im Unterhaus als „das Manifest der Fabrikanten“ bezeichnet13). Wir geben hier einige charakteristische Stellen, worin der Eigenthumstitel des Kapitals auf die Arbeitskraft unverblümt ausgesprochen wird.
„Den Baumwollarbeitern mag gesagt werden, daß ihre Zufuhr zu groß ist .... sie müsse vielleicht um ein Drittheil reducirt werden, und dann würde eine gesunde Nachfrage für die übrigen zwei Drittheile eintreten .... Die öffentliche Meinung dringt auf Emigration .... Der Meister (d. h. der Baumwollfabrikant) kann nicht willig seine Arbeitszufuhr entfernt sehn; er mag denken, daß das ebenso ungerecht als unrichtig ist .... Wenn die Emigration aus öffentlichen Fonds unterstützt wird, hat er ein Recht, Gehör zu verlangen und vielleicht zu protestiren.“ Selbiger Potter setzt dann weiter aus einander, wie nützlich die Baumwollindustrie, wie „sie unzweifelhaft die Bevölkerung aus Irland und den englischen Agrikulturdistrikten wegdrainirt hat“, wie ungeheuer ihr Umfang, wie sie im Jahr 1860 des ganzen englischen Exporthandels lieferte, wie sie nach wenigen Jahren sich wieder ausdehnen werde durch Erweiterung des Markts, besonders Indiens, und durch Er||538|zwingung hinreichender „Baumwollzufuhr, zu 6 d. das Pfund“. Er fährt dann fort: „Zeit – eins, zwei, drei Jahre vielleicht – wird die nöthige Quantität produciren .... Ich möchte dann die Frage stellen, ist diese Industrie werth, sie festzuhalten, ist es der Mühe werth, die Maschinerie (nämlich die lebendigen Arbeitsmaschinen) in Ordnung zu halten, und ist es nicht die größte Narrheit, daran zu denken, sie aufzugeben! Ich glaube das. Ich will zugeben, daß die Arbeiter nicht Eigenthum sind (“I allow that the workers are not a property”), nicht das Eigenthum Lancashire’s und der Meister; aber sie sind die Stärke beider; sie sind die geistige und geschulte Kraft, die in einer Generation nicht ersetzt werden kann; die andere Maschinerie dagegen, woran sie arbeiten („the mere machinery which they work“), könnte zum großen Theil mit Vortheil ersetzt und verbessert werden in zwölf Monaten14). Ermuntert oder erlaubt (!) die Emigration der Arbeitskraft, und was wird aus dem Kapitalisten? (“Encourage or allow the working power to emigrate, and what of the capitalist?” Dieser Herzensstoß erinnert an Hofmarschall Kalb.) ... Nehmt den Rahm der Arbeiter weg, und das fixe Kapital wird in hohem Grade entwerthet und das cirkulirende Kapital wird sich nicht dem Kampf mit schmaler Zufuhr einer niedrigeren Sorte von Arbeit aussetzen .... Man sagt uns, die Arbeiter selbst wünschen die Emigration. Es ist sehr natürlich, daß sie das thun .... Reducirt, komprimirt das Baumwollgeschäft durch Wegnahme seiner Arbeitskräfte (by taking away its working power), durch Verminderung ihrer Lohnverausgabung sage um ⅓ oder 5 Millionen, und was wird dann aus der nächsten Klasse über ihnen, den Kleinkrämern? Was aus den Grundrenten, was aus der Miethe der cottages? ... was aus dem kleinen Pächter, dem besseren Hausbesitzer und dem Grundeigenthümer? Und sagt nun, ob irgend ein | |539| Plan für alle Klassen des Landes selbstmörderischer sein kann als dieser, die Nation zu schwächen durch den Export ihrer besten Fabrikarbeiter und die Entwerthung eines Theils ihres produktivsten Kapitals und Reichthums?“ „Ich rathe zu einer Anleihe von 5 bis 6 Millionen, über 2 oder 3 Jahre vertheilt, administrirt durch Specialkommissäre, beigeordnet den Armenverwaltungen in den Baumwolldistrikten, unter speciellen gesetzlichen Regulationen, mit gewisser Zwangsarbeit, um die moralische Valuta der Almosenempfänger aufrecht zu erhalten .... Kann es irgend etwas Schlimmeres geben für Grundeigenthümer oder Meister („can anything be worse for landowners or masters“) als ihre besten Arbeiter aufzugeben und die übrigbleibenden zu demoralisiren und zu verstimmen durch eine ausgedehnte entleerende Emigration und Entleerung von Werth und Kapital in einer ganzen Provinz?“
Potter, das auserwählte Organ der Baumwollfabrikanten, unterscheidet doppelte „Maschinerie“, deren jede dem Kapitalisten gehört, und wovon die eine in seiner Fabrik steht, die andre des Nachts und Sonntags auswärtig in cottages haust. Die eine ist todt, die andre lebendig. Die todte Maschinerie verschlechtert und entwerthet sich nicht nur jeden Tag, sondern von ihrer existirenden Masse veraltet ein großer Theil durch den steten technischen Fortschritt beständig so sehr, daß sie vortheilhaft und in wenigen Monaten durch neuere Maschinerie ersetzbar. Die lebendige Maschinerie verbessert sich umgekehrt, je länger sie währt, je mehr sie das Geschick von Generationen in sich aufhäuft. Die Times antwortete dem Fabrikmagnaten u. a.:
„Herr E. Potter ist so impressionirt von der außerordentlichen und absoluten Wichtigkeit der Baumwollmeister, daß er, um diese Klasse zu erhalten und ihr Metier zu verewigen, eine halbe Million der Arbeiterklasse wider ihren Willen in ein großes moralisches Workhouse einsperren will. Ist diese Industrie werth, sie festzuhalten? fragt Herr Potter. Sicher, durch alle ehrbaren Mittel, antworten wir. Ist es der Mühe werth, die Maschinerie in Ordnung zu halten? fragt wieder Herr Potter. Hier stutzen wir. Unter der Maschinerie versteht Herr Potter die menschliche Maschinerie, denn er betheuert, daß er sie nicht als absolutes Eigenthum zu behandeln vorhat. Wir müssen gestehn, wir halten es nicht ‚der Mühe werth‘ oder selbst für möglich, die menschliche Maschinerie in Ordnung zu halten, d. h. sie einzusperren und einzuölen, bis man ihrer bedarf. Menschliche Maschinerie hat die Eigenschaft, während der Unthätigkeit zu verrosten, ihr mögt noch soviel dran ||540| ölen oder reiben. Zudem ist menschliche Maschinerie, wie der Augenschein uns eben lehrt, im Stand, von eignen Stücken den Dampf anzulassen und zu platzen oder einen Veitstanz in unsren großen Städten zu tollen. Es mag, wie Herr Potter sagt, längere Zeit zur Reproduktion der Arbeiter erheischt sein, aber mit Maschinisten und Geld zur Hand werden wir stets betriebsame, harte, industrielle Männer finden, um daraus mehr Fabrikmeister zu fabriciren, als wir je verbrauchen können.... Herr Potter plaudert von einer Wiederbelebung der Industrie in 1, 2, 3 Jahren und verlangt von uns, die Emigration der Arbeitskraft nicht zu ermuntern oder nicht zu erlauben! Er sagt, es sei natürlich, daß die Arbeiter zu emigriren wünschen, aber er meint, daß die Nation diese halbe Million Arbeiter mit den 700 000, die an ihnen hängen, ihrem Verlangen zum Trotz in die Baumwolldistrikte einsperren und, eine nothwendige Konsequenz, ihr Mißvergnügen durch Gewalt niederschlagen und sie selbst durch Almosen fristen muß, alles das auf die Chance hin, daß die Baumwollmeister ihrer an einem beliebigen Tag wieder bedürfen mögen.... Die Zeit ist gekommen, wo die große öffentliche Meinung dieser Eilande etwas thun muß, um ‚diese Arbeitskraft‘ vor denen zu retten, die sie behandeln wollen, wie sie Kohle, Eisen und Baumwolle behandeln“ („to save this ‚working power‘ from those who would deal with it as they deal with iron, coal and cotton“.)15)
Der Times-Artikel war nur ein jeu d’esprit. Die „große öffentliche Meinung“ war in der That der Meinung des Herrn Potter, daß die Fabrikarbeiter Mobiliarzubehör der Fabriken. Ihre Emigration wurde verhindert16). Man sperrte sie in das „moralische Workhouse“ der Baumwolldistrikte, und sie bilden nach wie vor „die Stärke (the strength) der Baumwollmeister von Lancashire“.
Der kapitalistische Produktionsproceß reproducirt also durch seinen eignen Vorgang die Scheidung zwischen Arbeitskraft und ||541| Arbeitsbedingungen. Er reproducirt und verewigt damit die Exploitationsbedingungen des Arbeiters. Er zwingt beständig den Arbeiter zum Verkauf seiner Arbeitskraft, um zu leben, und befähigt beständig den Kapitalisten zu ihrem Kauf, um sich zu bereichern17). Es ist nicht mehr der Zufall, welcher Kapitalist und Arbeiter als Käufer und Verkäufer einander auf dem Waarenmarkt gegenüberstellt. Es ist die Zwickmühle des Processes selbst, die den Einen stets als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf den Waarenmarkt zurückschleudert und sein eignes Produkt stets in das Kaufmittel des Andren verwandelt. In der That gehört der Arbeiter dem Kapital, bevor er sich dem Kapitalisten verkauft. Seine ökonomische Hörigkeit18) ist zugleich vermittelt und zugleich versteckt durch die periodische Erneurung seines Selbstverkaufs, den Wechsel seiner individuellen Lohnherrn und die Oscillation im Marktpreise der Arbeit19).
Der kapitalistische Produktionsproceß, im Zusammenhang betrachtet, oder als Reproduktionsproceß, producirt also nicht nur Waare, nicht nur Mehrwerth, er producirt und reproducirt das Kapitalverhältniß selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter20). |