VIERZEHNTES KAPITEL.
Die Umlaufszeit.
Alle bisher betrachteten Umstände, welche die Umlaufsperioden verschiedner, in verschiednen Geschäftszweigen angelegter Kapitale differenziren, daher auch die Zeiten, während deren Kapital vorgeschossen werden muß, entspringen innerhalb des Produktionsprocesses selbst, wie der Unterschied von fixem und flüssigem Kapital, der Unterschied in den Arbeitsperioden u. s. w. Die Umschlagszeit des Kapitals ist jedoch gleich der Summe seiner Produktionszeit und seiner Umlaufs- oder Cirkulationszeit. Es versteht sich daher von selbst, daß verschiedne Länge der Umlaufszeit die Umschlagszeit und daher die Länge der Umschlagsperiode verschieden macht. Am handgreiflichsten wird dies sichtbar, entweder wenn man zwei verschiedne Kapitalanlagen vergleicht, worin alle andren den Umschlag modificirenden Umstände gleich und nur die Umlaufszeiten verschieden sind, oder wenn man ein gegebnes Kapital nimmt mit gegebner Zusammensetzung aus fixem und flüssigem Kapital, gegebner Arbeitsperiode etc., und nur die Umlaufszeiten hypothetisch variiren läßt. |
|232| Der eine Abschnitt der Umlaufszeit – und der relativ entscheidendste – besteht aus der Verkaufszeit, der Epoche, worin das Kapital sich im Zustand von Waarenkapital befindet. Je nach der relativen Größe dieser Frist verlängert oder verkürzt sich die Umlaufszeit und daher die Umschlagsperiode überhaupt. Es kann auch in Folge von Aufbewahrungskosten etc. zuschüssige Auslage von Kapital nothwendig werden. Von vornherein ist klar, daß die für den Verkauf ihrer fertigen Waaren erforderliche Zeit sehr verschieden sein kann für die einzelnen Kapitalisten, in einem und demselben Geschäftszweig; also nicht nur für die Kapitalmassen, die in verschiednen Produktionszweigen angelegt sind, sondern auch für die verschiednen selbständigen Kapitale, die in der That nur verselbständigte Stücke des in derselben Produktionssphäre angelegten Gesammtkapitals bilden. Unter sonst gleichbleibenden Umständen wird die Verkaufsperiode für dasselbe individuelle Kapital mit den allgemeinenSchwankungen der Marktverhältnisseoder mit ihren Schwankungen in dem besondren Geschäftszweig wechseln. Hierbei halten wir uns jetzt nicht länger auf. Wir konstatiren nur die einfache Thatsache: Alle Umstände, welche überhaupt Verschiedenheit in den Umschlagsperioden der in verschiednen Geschäftszweigen angelegten Kapitale erzeugen, haben, wenn sie individuell wirken (wenn z. B. der eine Kapitalist Gelegenheit hat rascher zu verkaufen als sein Konkurrent, wenn der Eine mehr Methoden anwendet, welche die Arbeitsperioden verkürzen, als der Andre etc.), ebenfalls Verschiedenheit im Umschlag der verschiednen, in demselben Geschäftszweig hausenden Einzelkapitale zur Folge.
Eine stetig wirkende Ursache in der Differenzirung der Verkaufszeit, und daher der Umschlagszeit überhaupt, ist die Entfernung des Markts, wo die Waare verkauft wird, von ihrem Verkaufsplatz. Während der ganzen Zeit seiner Reise zum Markt befindet sich das Kapital gebannt in den Zustand des Waarenkapitals; wenn auf Ordre producirt wird, bis zum Moment der Abliefrung; wenn nicht auf Ordre producirt, kommt zur Zeit der Reise zum Markt noch die Zeit hinzu, wo die Waare sich auf dem Markt zum Verkauf befindet. Verbeßrung der Kommunikationsund Transportmittel kürzt die Wandrungsperiode der Waaren absolut ab, hebt aber nicht die aus der Wandrung entspringende, relative Differenz in der Umlaufszeit verschiedner Waarenkapitale auf, oder auch verschiedner Stücke desselben Waarenkapitals, die nach verschiednen Märkten | |233| wandern. Die verbesserten Segelschiffe und Dampfschiffe z. B., welche die Reise verkürzen, verkürzen sie ebensowohl für nahe gelegne wie ferne Häfen. Die relative Differenz bleibt, obwohl oft vermindert . Die relativenDifferenzen können aber in Folge der Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittel verschoben werden in einer Weise, die nicht den natürlichen Entfernungen entspricht. Z. B. eine Eisenbahn, die von dem Produktionsplatz nach einem inländischen Hauptcentrum der Bevölkerung führt, mag die Entfernung nach einem näher gelegnen Punkt des Inlands, wohin keine Eisenbahnführt, absolut oder relativ verlängern im Vergleich zu dem natürlich entferntern; ebenso mag in Folge desselben Umstands die relative Entfernung der Produktionsplätze von den größern Absatzmärkten selbst verschoben werden, woraus sich der Verfall alter und das Aufkommen neuer Produktionscentren mit veränderten Transport- und Kommunikationsmitteln erklärt. (Hierzu kommt noch die größre relative Wohlfeilheit des Transports für längre als für kürzre Distanzen.) Gleichzeitig mit der Entwicklung der Transportmittel wird nicht nur die Geschwindigkeit der Raumbewegung beschleunigt, und damit die räumliche Entfernung zeitlich verkürzt. Es entwickelt sich nicht nur die Masse der Kommunikationsmittel, sodaß z. B. viele Schiffe gleichzeitig nach demselben Hafen abgehn, mehrere Züge gleichzeitig auf verschiednen Eisenbahnenzwischen denselben zwei Punkten fahren, sondern es gehe z. B. in der Woche an verschiednen successiven Tagen Frachtschiffe von Liverpool nach New-York, oder zu verschiednen Tagesstunden Waarenzüge von Manchester nach London. Die absolute Geschwindigkeit – also dieser Theil der Umlaufszeit – wird durch diesen letztren Umstand, bei gegebner Leistung der Transportmittel, zwar nicht alterirt. Aber successive Quanta Waaren können in kürzer aufeinander folgenden Zeiträumen die Reise antreten und so successive auf den Markt kommen, ohne sich bis zur wirklichen Versendung in größren Massen als potentielles Waarenkapital aufzuhäufen. Es vertheilt sich daher auch der Rückfluß über kürzre successive Zeitperioden, sodaß beständig ein Theil in Geldkapital verwandelt ist, während der andre als Waarenkapital cirkulirt. Durch diese Vertheilung des Rückflusses auf mehrere successive Perioden wird die Gesammt-Umlaufszeit abgekürzt und daher auch der Umschlag. Zunächst entwickelt sich die größre oder geringre Häufigkeit, worin die Transportmittel fungiren, z. B. die Anzahl der Züge einer Eisenbahn, einerseits ||234| mit dem Grade, worin ein Produktionsplatzmehr producirt, ein größres Produktionscentrum wird, und nach der Richtung auf den bereits vorhandnen Absatzmarkt hin, also nach den großen Produktions- und Bevölkrungscentren, nach Exporthäfenu. s. w. Andrerseits bewirkt aber umgekehrt diese besondre Verkehrsleichtigkeit und der dadurch beschleunigte Umschlag des Kapitals (soweit er von der Umlaufszeit bedingt wird) eine beschleunigte Koncentration, einerseits des Produktionscentrums, andrerseits seines Marktplatzes . Mit der so beschleunigten Koncentration von Menschen- und Kapitalmassen an gegebnen Punkten schreitet fort die Koncentration dieser Kapitalmassen in wenigen Händen.Zugleichfindet wieder Verschiebung und Deplacement statt in Folge der mit den veränderten Kommunikationsmittelnveränderten relativen Lage von Produktions- und Marktplätzen. Ein Produktionsplatz, der durch seine Lage an Landstraßeoder Kanal besondren Positionsvortheil besaß, befindet sich jetzt an der Seite einer einzigen Zweigbahn, die nur in relativ großen Intervallen fungirt, während ein andrer Punkt, der ganz von den Hauptverkehrswegen ablag, nun am Kreuzpunkt mehrerer Bahnen liegt. Der zweite Ort kommt auf, der erste verkommt. Es wird also durch die Verändrung in den Transportmitteln eine örtliche Verschiedenheit in der Umlaufszeit der Waaren, der Gelegenheiten einzukaufen, zu verkaufen u. s. w. erzeugt, oder die schon existirende örtliche Verschiedenheit wird anders vertheilt. Die Wichtigkeit dieses Umstandes für den Umschlag des Kapitals zeigt sich in den Streitereien der kaufmännischen und industriellen Repräsentanten der verschiednen Plätze mit den Eisenbahndirektionen. (Siehe z. B. das oben citirte Blaubuch des Railway Committee.)
Alle Produktionszweige, die der Natur ihres Produkts nach hauptsächlich auf lokalen Absatz angewiesen sind, wie Brauereien, entwickeln sich daher in der größten Dimension in Hauptcentren der Bevölkrung. Der raschre Umschlag des Kapitals gleicht hier zum Theil die Vertheurung mancher Produktionsbedingungen, des Bauplatzes etc., aus.
Wenn einerseits mit dem Fortschrittder kapitalistischen Produktion die Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittel die Umlaufszeit für ein gegebnes Quantum Waaren abkürzt, so führt derselbe Fortschrittund die mit der Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittelgegebne Möglichkeit – umgekehrt die Nothwendigkeit herbei, für immer entferntere Märkte, mit einem Wort, für den Weltmarkt zu ar||235|beiten. Die Masse der auf Reise befindlichen und nach entfernten Punkten reisenden Waaren wächst enorm, und daher absolut und relativ auch der Theil des gesellschaftlichen Kapitals, der sich beständig für längre Fristen im Stadium des Waarenkapitals, innerhalb der Umlaufszeit befindet. Damitwächst gleichzeitig auch der Theil des gesellschaftlichen Reichthums, der, statt als direktes Produktionsmittel zu dienen, in Transport- und Kommunikationsmitteln und in dem für ihren Betrieb erheischten fixen und cirkulirenden Kapital ausgelegt wird.
Die bloße relative Länge der Reise der Waare vom Produktions- zum Absatz-Ort bewirkt eine Differenz nicht nur in dem ersten Theil der Umlaufszeit, der Verkaufszeit, sondern auch in dem zweiten Theil, der Rückverwandlung des Geldes in die Elemente des produktiven Kapitals, der Kaufzeit. Z. B. die Waare wird nach Indien geschickt. Dies dauert z. B. vier Monate. Wir wollen die Verkaufszeit = 0 setzen, d. h. die Waare sei auf Bestellung gesandt und werde bei Abliefrung an den Agenten des Producenten gezahlt. Die Rücksendung des Geldes (die Form, in der es zurückgesandt wird, ist hier gleichgültig) dauert wieder vier Monate. So dauert es im ganzen acht Monate, bevor dasselbe Kapital wieder als produktives Kapital fungiren, dieselbe Operation damit erneuert werden kann. Die so hervorgebrachten Verschiedenheiten im Umschlag bilden eine der materiellen Grundlagen der verschiednen Kredittermine, wie denn der überseeische Handel z. B. in Venedig und Genua überhaupt eine der Quellen des eigentlichen Kreditwesens bildet. „Die Krisis von 1847 befähigte das Bank- und Handelsgeschäft jener Zeit die indische und chinesische Usance (für die Laufzeit von Wechseln zwischen dort und Europa) von zehn Monate nach Dato auf 6 Monate nach Sicht zu reduciren und der Verlauf von 20 Jahren mit seiner Beschleunigung der Fahrt und Einrichtung von Telegraphen macht jetzt eine fernere Reduktion nöthig von sechs Monaten nach Sicht auf vier Monate nach Dato als ersten Schritt zu vier Monate nach Sicht. Die Reise eines Segelschiffs um das Kap von Kalkutta nach London dauert durchschnittlich unter 90 Tagen. Eine Usance von vier Monaten nach Sicht würde einer Laufzeit von sage 150 Tagen gleichkommen. Die gegenwärtige Usance von sechs Monaten nach Sicht kommt einer Laufzeit von sage 210 Tagen gleich.“ (London Economist, 16. Juni 1866.) – Dagegen: „Die Brasilische Usance steht noch immer auf zwei und drei Monate nach Sicht, ||236| Wechsel von Antwerpen (auf London) werden drei Monate nach Dato gezogen, und selbst Manchester und Bradford ziehn auf London auf drei Monate und längre Daten. Durch stillschweigende Uebereinkunft wird dem Kaufmann so eine hinreichende Gelegenheit gegeben, seine Waare zu realisiren zwar nicht vor, aber doch bis zu der Zeit, wo die dagegen gezognen Wechsel verfallen. Daher ist die Usance indischer Wechsel nicht übermäßig. Indische Produkte, die in London meistens auf drei Monate Ziel verkauft werden, können nicht, wenn man einige Zeit für den Verkauf einrechnet, in viel kürzrer Zeit als fünf Monaten realisirt werden, während andre fünf Monate durchschnittlich verfließen zwischen dem Einkauf in Indien und der Ablieferung im englischen Lagerhaus. Hier haben wir eine Periode von zehn Monaten, während die gegen die Waaren gezognen Wechsel nicht über sieben Monate laufen.“ (Ibid., 30. Juni 1866.) „Am 2. Juli 1866 notificirten fünf große Londoner Banken, die hauptsächlich mit Indien und China verkehren, sowie das Pariser Comptoir d'Escompte, daß vom 1. Januar 1867 ihre Zweigbanken und Agenturen im Orient nur solche Wechsel kaufen und verkaufen würden, die nicht über vier Monate nach Sicht gezogen wären.“ (Ibidem, 7. Juli 1866.) Diese Herabsetzung mißglückte jedoch und mußte wieder aufgegeben werden. (Seitdem hat der Suezkanal dies alles revolutionirt.)
Esversteht sich, daß mit der längern Umlaufszeit der Waaren das Risiko eines Preiswechselsauf dem Verkaufsmarkt steigt, da die Periode wächst, innerhalb deren Preiswechsel stattfinden können.
Eine Verschiedenheit in der Umlaufszeit, theils individuell zwischen verschiednen Einzelkapitalen desselben Geschäftszweigs, theils zwischen verschiednen Geschäftszweigen nach den verschiednen Usancen, da wo nicht gleich baar gezahlt wird, entspringt aus den verschiednen Terminen der Zahlung bei Ein- und Verkauf. Wir halten uns bei diesem für das Kreditwesen wichtigen Punkt hier nicht weiter auf.
Aus dem Umfang der Liefrungskontrakte, und dieser wächst mit Umfang und Stufenleiter der kapitalistischen Produktion, entspringen ebenfalls Unterschiede in der Umschlagszeit. Der Liefrungskontrakt als Transaktion zwischen Käufer und Verkäufer ist eine dem Markt, der Cirkulationssphäre, angehörige Operation. Die hieraus entspringenden Unterschiede in der Umschlagszeit entspringen also aus der Cirkulationssphäre, schlagen aber unmittelbar auf die Produktionssphäre zurück, und zwar ||237| abgesehn von allen Zahlungsterminen und Kreditverhältnissen, also auch bei baarer Zahlung. Kohle, Baumwolle, Garn u. s. w., sind z. B. diskrete Produkte. Jeder Tag liefert sein Quantum fertiges Produkt. Uebernimmt nun aber der Spinner oder der Grubenbesitzer Liefrungen von Produktenmassen, welche eine, sage vier- oder sechswöchentliche Periode nacheinander folgender Arbeitstage erheischen, so ist das mit Bezug auf die Zeitlänge, wofür Kapital vorzuschießen ist, ganz dasselbe als ob eine kontinuirliche Arbeitsperiode von vier oder sechs Wochen in diesem Arbeitsproceß eingeführt wäre. Es wird hier natürlich vorausgesetzt, daß die ganze bestellte Masse Produkt auf einmal zu liefern ist, oder doch erst gezahlt wird, nachdem sie ganz geliefert. So hat denn, einzeln betrachtet, jeder Tag sein bestimmtes Quantum fertiges Produkt geliefert. Aber diese fertige Masse ist immer nur ein Theil der kontraktlich zu liefernden Masse. Befindet sich in diesem Fall der bereits fertige Theil der bestellten Waaren nicht weiter im Produktionsproceß, so liegt er doch als nur potentielles Kapital auf dem Lagerhaus.
Kommen wir nun zur zweiten Epoche der Umlaufszeit: der Kaufzeit oder der Epoche während deren das Kapital sich aus Geldform in die Elemente des produktiven Kapitals rückverwandelt. Während dieser Epoche muß es kürzre oder längre Zeit in seinem Zustand als Geldkapital verharren, also ein gewisser Theil des vorgeschoßnen Gesammtkapitals sich fortwährend im Zustand des Geldkapitals befinden, obgleich dieser Theil aus beständig wechselnden Elementen besteht.Es muß z. B. in einem bestimmten Geschäft von dem vorgeschoßnen Gesammtkapital n × 100 £ in der Form von Geldkapital vorhanden sein, sodaß, während alle Bestandtheile dieser n × 100 £ sich fortwährend in produktives Kapital verwandeln, diese Summe dennoch durch den Zufluß aus der Cirkulation, aus dem realisirten Waarenkapital, sich ebenso beständig wieder ergänzt. Ein bestimmter Werththeil des vorgeschoßnen Kapitals befindet sich also beständig im Zustand von Geldkapital, also in einer nicht seiner Produktionssphäre, sondern seiner Cirkulationssphäre angehörigen Form.
Man hat bereits gesehn, daß die durch Entfernung des Markts bewirkte Verlängrung der Zeit, in der das Kapital in die Form des Waarenkapitals gebannt ist, direkt verspäteten Rückfluß des Geldes bewirkt, also auch die Verwandlung des Kapitals aus Geldkapital in produktives Kapital verzögert . |
|238| Man hat ferner gesehn (Kap. VI), wie mit Bezug auf den Einkauf der Waaren die Kaufzeit, die größre oder geringre Entfernung von den Hauptbezugsquellen des Rohmaterials es nöthig macht, für längre Perioden Rohmaterial einzukaufen und in der Form von produktivem Vorrath, latentem oder potentiellem produktivem Kapital, verwendbar zu halten; daß sie also die Masse des Kapitals, das auf einmal vorgeschossen werden muß, und die Zeit, für die es vorgeschossen werden muß, bei sonst gleicher Stufenleiter der Produktion vergrößert .
Aehnlichwirken in verschiednen Geschäftszweigen die Perioden – kürzre oder längre – worin größre Massen Rohmaterial auf den Markt geworfen werden. Sofinden z. B. in London alle drei Monate große Wollversteigerungenstatt, die den Wollmarkt beherrschen; während der Baumwollmarkt von Ernte zu Ernte im ganzen kontinuirlich, wenn auch nicht immer gleichmäßig, erneuert wird. Solche Perioden bestimmen die Haupteinkaufstermine dieser Rohstoffe und wirken namentlich auch auf die spekulativen, längre oder kürzre Vorschüsse in diesen Produktionselementen bedingenden Einkäufe, ganz wie die Natur der producirten Waaren auf die spekulative, absichtliche, längre oder kürzre Zurückhaltung des Produkts in der Form von potentiellem Waarenkapital wirkt. „Der Landwirth muß also auch bis zu einem gewissen Grade Spekulant sein und daher nach Maßgabe der Zeitverhältnisse mit dem Verkauf seiner Produkte zurückhalten“; … Folgen einige allgemeine Regeln. … „Indessen kommt doch bei dem Absatz der Produkte das meiste auf die Person, auf das Produkt selbst und auf die Lokalität an. Wer bei Geschick und Glück (!) mit hinreichendem Betriebskapital versehn ist, wird nicht zu tadeln sein, wenn er seine gewonnene Fruchternte bei ungewöhnlich niedrigem Preise einmal ein Jahr liegen läßt; wem es dagegen an Betriebskapital oder überhaupt (!) an Spekulationsgeist fehlt, der wird die laufenden Durchschnittspreise zu erreichen suchen und also absetzen müssen, sobald und so oft er dazu Gelegenheit hat. Wolle länger als ein Jahr liegen zu lassen, wird fast immer nur Schaden bringen; während Getreidefrüchte und Oelsaat ein paar Jahre ohne Nachtheil für Beschaffenheit und Güte aufbewahrt werden können. Solche Produkte, welche für gewöhnlich einem großen Steigen und Fallen in kurzen Zeiträumen unterworfen sind, wie z. B. Oelsaat, Hopfen, Karden u. dergl. läßt man mit Recht in den Jahren liegen, wo der Preis weit unter den Produktions||239|preisen steht. Am wenigsten darf man mit dem Verkauf von solchen Gegenständen zögern, welche tägliche Unterhaltungskosten verursachen, wie ausgemästetes Vieh, oder welche dem Verderben unterliegen, wie Obst, Kartoffeln u. s. w. In manchen Gegenden hat ein Produkt zu gewissen Jahreszeiten im Durchschnitt seinen niedrigsten, zu andern Zeiten dagegen seinen höchsten Preis; so steht z. B. das Getreide um Martini im Durchschnitt an manchen Orten niedriger im Preise als zwischen Weihnachten und Ostern. Ferner sind manche Produkte in manchen Gegenden nur zu gewissen Zeiten allein gut zu verkaufen, wie das z. B. mit der Wolle auf den Wollmärktenin solchen Gegenden der Fall ist, wo außerdem der Wollhandel gewöhnlich stockt u. s. w.“ (Kirchhof, p. 302.)
BeiBetrachtung der zweiten Hälfte der Umlaufszeit, worin das Geld in die Elemente des produktiven Kapitals zurückverwandelt wird, kommt in Betracht nicht nur dieser Umsatz selbst, für sich genommen; nicht nur die Zeit, worin das Geld zurückfließt, je nach der Entfernung des Markts, auf dem das Produkt verkauft wird ; es kommt auch vor allem in Betracht der Umfang, worin ein Theil des vorgeschoßnen Kapitals sich beständig in Geldform, im Zustand von Geldkapital befinden muß.
Abgesehnvon aller Spekulation hängt der Umfang der Einkäufe derjenigen Waaren, die beständig als produktiver Vorrath vorhanden sein müssen, ab von den Zeiten der Erneuerung dieses Vorraths, also von Umständen, die wieder von Marktverhältnissen abhängig, daher für verschiedne Rohstoffe etc. verschieden sind; es muß hier also von Zeit zu Zeit Geld in größren Mengen auf einmal vorgeschossen werden. Es fließt, je nach dem Umschlag des Kapitals, rascher oder langsamer, stets aber bruchweis zurück. Ein Theil davon wird ebenso beständig wieder in kürzern Zeiträumen ausgegeben, nämlich der in Arbeitslohn rückverwandelte Theil. Ein andrer Theil aber, der in Rohmaterial etc. rückzuverwandelnde, ist für längre Zeiträume aufzuhäufen, als Reservefonds, sei es für Ankauf, sei es für Zahlung. Er existirt daher in der Form des Geldkapitals, obgleich der Umfang wechselt, worin er als solches existirt.
Wir werden im nächsten Kapitel sehn, wie andre Umstände, ob sie nun aus dem Produktions- oder Cirkulationsproceß entspringen, dies Vorhandensein einer bestimmten Portion des vorgeschoßnen Kapitals in Geldform ernöthigen. Allgemeinaber ist zu bemerken, daß die Oekonomen sehr geneigt sind zu vergessen, daß ein Theil des im Geschäft nöthigen ||240| Kapitals beständig nicht nur die drei Formen von Geldkapital, produktivem Kapital und Waarenkapital wechselweis durchläuft, sondern daß verschiedne Portionen desselben beständig neben einander diese Formen besitzen, wenn auch die relative Größe dieser Portionen beständig wechselt. Namentlich ist es der beständig als Geldkapital vorhandne Theil, den die Oekonomen vergessen, obgleich gerade dieser Umstand zum Verständniß der bürgerlichen Wirthschaft sehr nöthig ist und daher auch in der Praxis als solcher sich geltend macht.