|350| NEUNZEHNTES KAPITEL.35)
Frühere Darstellungen des Gegenstandes.
I. Die Physiokraten.
Quesnay's Tableau économique zeigt in wenigen großen Zügen, wie ein dem Werthe nach bestimmtes Jahresergebniß der nationalen Produktion sich so durch die Cirkulation vertheilt, daß, unter sonst gleichbleibenden Umständen, dessen einfache Reproduktion vorgehn kann, d. h. Reproduktion auf derselben Stufenleiter. Den Ausgangspunkt der Produktionsperiode bildet sachgemäß die letztjährige Ernte. Die zahllosen individuellen Cirkulationsakte sind sofort zusammengefaßt in ihrer charakteristisch-gesellschaftlichen Massenbewegung – der Cirkulation zwischen großen, funktionell bestimmten ökonomischen Gesellschaftsklassen. Was uns hier interessirt: Ein Theil des Gesammtprodukts – wie jeder andre Theil desselben als Gebrauchsgegenstand neues Resultat der verfloßnen Jahresarbeit – ist zugleich nur Träger von altem, in selber Naturalform wieder erscheinendem Kapitalwerth. Er cirkulirt nicht, sondern verbleibt in den Händen seiner Producenten, der Pächterklasse, um dort seinen Kapitaldienst wieder zu beginnen. In diesen konstanten Kapitaltheil des Jahresprodukts schließt Quesnay auch ungehörige Elemente ein, aber er trifft die Hauptsache, dank den Schranken seines Horizonts, worin Agrikultur die einzige, Mehrwerth producirende Anlagesphäre der menschlichen Arbeit ist, also dem kapitalistischen Standpunkt gemäß die allein wirklich produktive. Der ökonomische Reproduktionsproceß, was immer sein specifisch gesellschaftlicher Charakter, verschlingt sich auf diesem Gebiet (der Agrikultur) stets mit einem natürlichen Reproduktionsproceß.Die handgreiflichen Bedingungen des letztern klären auf über die des erstern und halten Gedankenwirren fern, welche nur das Blendwerk der Cirkulation hervorruft. |
|351| Die Etiquette eines Systems unterscheidet sich von der andrer Artikel u. a. dadurch, daß sie nicht nur den Käufer prellt, sondern oft auch den Verkäufer. Quesnay selbst und seine nächsten Schüler glaubten an ihr feudales Aushängeschild. So bis zur Stunde unsre Schulgelehrten. In der That aber ist das physiokratische System die erste systematische Fassung der kapitalistischen Produktion. Der Repräsentant des industriellen Kapitals – die Pächterklasse – leitet die ganze ökonomische Bewegung. Der Ackerbau wird kapitalistisch betrieben, d. h. als Unternehmung des kapitalistischen Pächters auf großer Stufenleiter; der unmittelbare Bebauer des Bodens ist Lohnarbeiter. Die Produktion erzeugt nicht nur die Gebrauchsartikel, sondern auch ihren Werth; ihr treibendes Motiv aber ist Gewinnung von Mehrwerth, dessen Geburtsstätte die Produktions-, nicht die Cirkulationssphäre. Unter den drei Klassen, die als Träger des durch die Cirkulation vermittelten gesellschaftlichen Reproduktionsprocesses figuriren, unterscheidet sich der unmittelbare Ausbeuter der „produktiven“ Arbeit, der Producent des Mehrwerths, der kapitalistische Pächter, von dessen bloßen Aneignern.
Der kapitalistische Charakter des physiokratischen Systems rief schon während seiner Blüteperiode die Opposition hervor, einerseits von Linguet und Mably, andrerseits der Vertheidiger des freien kleinen Grundbesitzes.
A. Smith's Rückschritt36) in Analyse des Reproduktionsprocesses ist um so auffallender, als er sonst nicht nur richtige Analysen Quesnay's weiter verarbeitet, z. B. dessen „avances primitives“ und „avances annuelles“ verallgemeinert in „fixes“ und „cirkulirendes“ Kapital,37) sondern stellenweis ganz und gar in physiokratische Irrthümer zurückfällt. Um z .B. nachzuweisen, daß der Pächter größern Werth producirt als irgend | |352| eine andre Kapitalistensorte, sagt er: „Kein gleiches Kapital setzt eine größre Menge produktiver Arbeit in Bewegung als das des Pächters. Nicht nur sein Arbeitsgesinde, auch sein Arbeitsvieh besteht aus produktiven Arbeitern.“ ❲Angenehmes Kompliment für das Arbeitsgesinde!❳ „Im Ackerbau arbeitet auch die Natur neben den Menschen; und obgleich ihre Arbeit keine Auslage kostet, so hat ihr Produkt doch seinen Werth, ebensogut wie das der kostspieligsten Arbeiter. Die wichtigsten Operationen des Ackerbaus scheinen darauf gerichtet, die Fruchtbarkeit der Natur nicht so sehr zu vermehren – obgleich sie das auch thun – als sie auf die Produktion der dem Menschen nützlichsten Pflanzen hinzulenken. Ein mit Dornen und Ranken überwachsnes Feld liefert oft genug eine ebenso große Menge Pflanzenwuchs wie das bestbebaute Weinstück oder Kornfeld. Bepflanzung und Kultur wirken oft mehr zur Regulirung als zur Belebung der aktiven Fruchtbarkeit der Natur; und nachdem jene alle ihre Arbeit erschöpft, bleibt für diese stets noch ein großes Stück Werk zu thun. Die Arbeiter und das Arbeitsvieh (!) die im Ackerbau beschäftigt werden, bewirken also nicht nur, wie die Arbeiter in den Manufakturen, die Reproduktion eines Werths, der gleich ist ihrer eignen Konsumtion oder dem sie beschäftigenden Kapital nebst dem Profit des Kapitalisten, sondern die eines weit größern Werths. Ueber das Kapital des Pächters und all seinen Profit hinaus bewirken sie auch noch regelmäßig die Reproduktion der Rente des Grundbesitzers. Die Rente kann betrachtet werden als das Produkt der Naturkräfte, deren Gebrauch der Grundbesitzer dem Pächter leiht. Sie ist größer oder geringer, je nach dem angenommenen Höhegrad dieser Kräfte, in andren Worten, je nach der angenommenen, natürlichen oder künstlich bewirkten Fruchtbarkeit des Bodens. Sie ist das Werk der Natur, welches übrig bleibt, nach Abzug oder Ersatz alles dessen, was als Menschenwerk betrachtet werden kann. Sie ist selten weniger als ein Viertel, und oft mehr als ein Drittel des Gesammtprodukts. Keine gleiche Menge produktiver Arbeit, angewandt in der Manufaktur, kann je eine so große Reproduktion bewirken. In der Manufaktur thut die Natur nichts, der Mensch alles; und die Reproduktion muß immer proportionell sein der Stärke der Agenten, die sie durchführen. Daher setzt das im Ackerbau angelegte Kapital nicht nur eine größre Menge produktiver Arbeit in Bewegung als irgend welches gleich große in der Manufaktur angewandte Kapital; sondern es fügt auch, im | |353| Verhältniß zu der von ihm beschäftigten Menge produktiver Arbeit, dem Jahresprodukt des Bodens und der Arbeit eines Landes, dem wirklichen Reichthum und Einkommen seiner Bewohner einen weit größren Werth hinzu als jenes.“ (B. II, ch. 5, p. 242.)
A. Smith sagt B. II, ch. 1: „Der ganze Werth der Aussaat ist ebenfalls im eigentlichen Sinn ein fixes Kapital.“ Hier also Kapital = Kapitalwerth; er existirt in „fixer“ Form. „Obgleich die Aussaat zwischen dem Boden und der Scheune hin und her geht, wechselt sie doch nie den Eigenthümer und cirkulirt daher nicht wirklich. Der Pächter macht seinen Profit nicht durch ihren Verkauf, sondern durch ihren Zuwachs.“ (p. 186.) Die Bornirtheit liegt hier darin, daß Smith hier nicht, wie schon Quesnay, Wiedererscheinung des Werths von konstantem Kapital in erneuter Form, also wichtiges Moment des Reproduktionsprocesses sieht, sondern nur eine Illustration mehr, und noch dazu eine falsche, für seine Differenz von cirkulirendem und fixem Kapital. – In der Smith'schen Uebersetzung von „avances primitives“ und „avances annuelles“ in „fixed capital“ und „circulating capital“ besteht der Fortschritt in dem Wort „Kapital“, dessen Begriff verallgemeinert wird, unabhängig von der