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|213| VIERZEHNTES KAPITEL.
Entgegenwirkende Ursachen.

Wenn man die enorme Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit selbst nur in den letzten 30 Jahren, verglichen mit allen frühern Perioden, betrachtet, wenn man namentlich die enorme Masse von fixem Kapital betrachtet, das außer der eigentlichen Maschinerie in die Gesammtheit des gesellschaftlichen Produktionsprocesses eingeht, so tritt an die Stelle der Schwierigkeit, welche bisher die Oekonomen beschäftigt hat, nämlich den Fall der Profitrate zu erklären, die umgekehrte, nämlich zu erklären warum dieser Fall nicht größer oder rascher ist? Es müssen gegenwirkende Einflüsse im Spiel sein, welche die Wirkung des allgemeinen Gesetzes durchkreuzen und aufheben, und ihm nur den Charakter einer Tendenz geben, weshalb wir auch den Fall der allgemeinen Profitrate als einen tendenziellen Fall bezeichnet haben. Die allgemeinsten dieser Ursachen sind folgende:

I. Erhöhung des Exploitationsgrads der Arbeit.

Der Exploitationsgrad der Arbeit, die Aneignung von Mehrarbeit und Mehrwerth wird erhöht namentlich durch Verlängerung des Arbeitstags und Intensifikation der Arbeit. Diese beiden Punkte sind ausführlich entwickelt in Buch I bei der Produktion des absoluten und des relativen Mehrwerths. Es gibt viele Momente der Intensifikation der Arbeit, die ein Wachsthum des konstanten Kapitals gegen das variable, also Fall der Profitrate einschließen, wie wenn ein Arbeiter größre Masse von Maschinerie zu überwachen hat. Hier – wie bei den meisten Proceduren, die zur Produktion des relativen Mehrwerths dienen – mögen dieselben Ursachen, die ein Wachsthum in der Rate des Mehrwerths hervorbringen, einen Fall in der Masse des Mehrwerths, gegebne Größen von angewandtem Gesammtkapital betrachtet, einschließen. Aber es gibt andre Momente der Intensifikation, wie z. B. beschleunigte Geschwindigkeit der Maschinerie, die in derselben Zeit zwar mehr Rohmaterial vernutzen, aber was das fixe Kapital angeht, die Maschinerie zwar schneller aufnutzen, das Verhältniß ihres Werths zum Preis der Arbeit, die sie in Bewegung setzt, indeß keineswegs afficiren. Namentlich aber ist es die Verlängerung des Arbeitstags, diese Erfindung der modernen Industrie, welche die Masse der angeeigneten Mehrarbeit vermehrt, ||214| ohne das Verhältniß der angewandten Arbeitskraft zu dem von ihr in Bewegung gesetzten konstanten Kapital wesentlich zu verändern, und welche in der That eher das letztere relativ vermindert. Sonst ist es bereits nachgewiesen – und bildet das eigentliche Geheimniß des tendenziellen Falls der Profitrate – daß die Proceduren zur Erzeugung von relativem Mehrwerth im Ganzen und Großen darauf hinauslaufen: einerseits von einer gegebnen Masse Arbeit möglichst viel in Mehrwerth zu verwandeln, andrerseits im Verhältniß zum vorgeschoßnen Kapital möglichst wenig Arbeit überhaupt anzuwenden; sodaß dieselben Gründe, welche erlauben, den Exploitationsgrad der Arbeit zu erhöhen, es verbieten mit demselben Gesammtkapital ebensoviel Arbeit wie früher zu exploitiren. Dies sind die widerstreitenden Tendenzen die, während sie auf eine Steigerung in der Rate des Mehrwerths, gleichzeitig auf einen Fall der von einem gegebnen Kapital erzeugten Masse des Mehrwerths, und daher der Rate des Profits hinwirken. Ebenfalls ist die massenhafte Einführung von Weiber- und Kinderarbeit soweit hier zu erwähnen, als die ganze Familie dem Kapital eine größre Masse Mehrarbeit liefern muß als vorher, selbst wenn die Gesammtsumme des ihr gegebnen Arbeitslohns wächst, was keineswegs allgemein der Fall. – Alles was die Produktion des relativen Mehrwerths fördert durch bloße Verbesserung der Methoden, wie in der Agrikultur, bei unveränderter Größe des angewandten Kapitals, hat dieselbe Wirkung. Hier steigt zwar nicht das angewandte konstante Kapital im Verhältniß zum variablen, soweit wir letzteres als Index der beschäftigten Arbeitskraft betrachten, aber es steigt die Masse des Produkts im Verhältniß zur angewandten Arbeitskraft. Dasselbe findet statt, wenn die Produktivkraft der Arbeit (einerlei ob ihr Produkt in die Konsumtion der Arbeiter eingeht oder in die Elemente des konstanten Kapitals) befreit wird von Verkehrshemmungen, willkürlichen oder im Lauf der Zeit störend gewordnen Einschränkungen, überhaupt von Fesseln aller Art, ohne daß dadurch zunächst das Verhältniß des variablen zum konstanten Kapitals berührt wird.

Es könnte die Frage aufgeworfen werden, ob in den, den Fall der Profitrate hemmenden, ihn in letzter Instanz aber stets beschleunigenden Ursachen einbegriffen sind die temporären, aber sich stets wiederholenden, bald in diesem, bald in jenem Produktionszweig auftauchenden Erhöhungen des Mehrwerths über das allgemeine Niveau für den Kapitalisten, der Erfindungen u. s. w. benutzt, bevor sie verallgemeinert sind. Diese Frage muß bejaht werden. |

|215| Die Masse des Mehrwerths, die ein Kapital von gegebner Größe erzeugt, ist das Produkt zweier Faktoren, der Rate des Mehrwerths multiplicirt mit der Arbeiterzahl, die zur gegebnen Rate beschäftigt wird. Sie hängt also ab bei gegebner Rate des Mehrwerths von der Arbeiterzahl und bei gegebner Arbeiterzahl von der Rate des Mehrwerths, überhaupt also von dem zusammengesetzten Verhältniß der absoluten Größe des variablen Kapitals und der Rate des Mehrwerths. Nun hat sich gezeigt, daß im Durchschnitt dieselben Ursachen, die die Rate des relativen Mehrwerths erhöhen, die Masse der angewandten Arbeitskraft erniedrigen. Es ist aber klar, daß ein Mehr oder Minder hier eintritt, je nach dem bestimmten Verhältniß, worin diese gegensätzliche Bewegung sich vollzieht, und daß die Tendenz zur Verminderung der Profitrate namentlich geschwächt wird durch Erhöhung der Rate des absoluten, aus Verlängerung des Arbeitstags stammenden Mehrwerths.

Bei der Profitrate hat sich im allgemeinen gefunden, daß dem Sinken der Rate, wegen der steigenden Masse des angewandten Gesammtkapitals, die Zunahme der Profitmasse entspricht. Das gesammte variable Kapital der Gesellschaft betrachtet, ist der von ihm erzeugte Mehrwerth gleich dem erzeugten Profit. Neben der absoluten Masse ist auch die Rate des Mehrwerths gewachsen; die eine, weil die von der Gesellschaft angewandte Masse Arbeitskraft gewachsen, die zweite, weil der Exploitationsgrad dieser Arbeit gewachsen. Aber mit Bezug auf ein Kapital von gegebner Größe, z. B. 100, kann die Rate des Mehrwerths wachsen, während die Masse im Durchschnitt fällt; weil die Rate bestimmt ist durch das Verhältniß, worin sich der variable Kapitaltheil verwerthet, die Masse dagegen bestimmt ist durch den Verhältnißtheil, den das variable Kapital vom Gesammtkapital ausmacht.

Das Steigen der Mehrwerthsrate – da es namentlich auch unter Umständen stattfindet wo, wie oben angeführt, keine oder keine verhältnißmäßige Vermehrung des konstanten Kapitals gegen das variable stattfindet – ist ein Faktor, wodurch die Masse des Mehrwerths, und daher auch die Profitrate mit bestimmt wird. Er hebt nicht das allgemeine Gesetz auf. Aber er macht, daß es mehr als Tendenz wirkt, d. h. als ein Gesetz, dessen absolute Durchführung durch gegenwirkende Umstände aufgehalten, verlangsamt, abgeschwächt wird. Da aber dieselben Ursachen, die die Rate des Mehrwerths erhöhen (selbst die Verlängerung der Arbeitszeit ist ein Resultat der großen Industrie), dahin streben, die von einem gegebnen Kapital angewandte Arbeitskraft zu vermindern, so streben | |216| dieselben Ursachen zur Verminderung der Profitrate und zur verlangsamten Bewegung dieser Verminderung. Wenn einem Arbeiter die Arbeit aufgezwungen wird, die rationell nur zwei verrichten können, und wenn dies unter Umständen geschieht, wo dieser eine drei ersetzen kann, so wird der eine so viel Mehrarbeit liefern wie früher zwei, und sofern ist die Rate des Mehrwerths gestiegen. Aber er wird nicht so viel liefern wie vorher drei, und damit ist die Masse des Mehrwerths gefallen. Ihr Fall ist aber kompensirt oder beschränkt durch das Steigen der Rate des Mehrwerths. Wird die gesammte Bevölkerung zu gestiegner Rate des Mehrwerths beschäftigt, so steigt die Masse des Mehrwerths, obgleich die Bevölkerung dieselbe bleibt. Noch mehr bei wachsender Bevölkerung; und obgleich dies verbunden ist mit einem relativen Fall der beschäftigten Arbeiterzahl im Verhältniß zur Größe des Gesammtkapitals, so wird dieser Fall doch gemäßigt oder aufgehalten durch die gestiegne Rate des Mehrwerths.

Ehe wir diesen Punkt verlassen, ist noch einmal zu betonen, daß bei gegebner Größe des Kapitals die Rate des Mehrwerths wachsen kann, obgleich seine Masse fällt, und umgekehrt. Die Masse des Mehrwerths ist gleich der Rate multiplicirt mit der Arbeiterzahl; die Rate wird aber nie auf das Gesammtkapital, sondern nur auf das variable Kapital berechnet, in der That nur auf je einen Arbeitstag. Dagegen kann bei gegebner Größe des Kapitalwerths die Profitrate nie steigen oder fallen, ohne daß die Masse des Mehrwerths ebenfalls steigt oder fällt.

II. Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Werth.

Dies wird hier nur empirisch angeführt, da es in der That, wie manches andre, was hier anzuführen wäre, mit der allgemeinen Analyse des Kapitals nichts zu thun hat, sondern in die, in diesem Werk nicht behandelte, Darstellung der Konkurrenz gehört. Doch ist es eine der bedeutendsten Ursachen, die die Tendenz zum Fall der Profitrate aufhalten.

III. Verwohlfeilerung der Elemente des konstanten Kapitals.

Alles was im ersten Abschnitt dieses Buchs über die Ursachen gesagt worden, die die Profitrate erhöhen bei konstanter Mehrwerthsrate, oder unabhängig von der Mehrwerthsrate, gehört hierher. Also namentlich daß, das Gesammtkapital betrachtet, der ||217| Werth des konstanten Kapitals nicht in demselben Verhältniß wächst, wie sein materieller Umfang. Z. B. die Baumwollmasse, die ein einzelner europäischer Spinnarbeiter in einer modernen Fabrik verarbeitet, ist gewachsen im kolossalsten Verhältniß zu dem was ein europäischer Spinner früher mit dem Spinnrad verarbeitete. Aber der Werth der verarbeiteten Baumwolle ist nicht in demselben Verhältniß gewachsen wie ihre Masse. Ebenso mit den Maschinen und andrem fixen Kapital. Kurz dieselbe Entwicklung, die die Masse des konstanten Kapitals steigert im Verhältniß zum variablen, vermindert, in Folge der gesteigerten Produktivkraft der Arbeit, den Werth seiner Elemente, und verhindert daher, daß der Werth des konstanten Kapitals, obgleich beständig wachsend, im selben Verhältniß wachse wie sein materieller Umfang, d. h. der materielle Umfang der Produktionsmittel, die von derselben Menge Arbeitskraft in Bewegung gesetzt werden. In einzelnen Fällen kann sogar die Masse der Elemente des konstanten Kapitals zunehmen, während sein Werth gleich bleibt oder gar fällt.

Mit dem Gesagten hängt zuammen die mit der Entwicklung der Industrie gegebne Entwerthung des vorhandnen Kapitals (d. h. seiner stofflichen Elemente). Auch sie ist eine der beständig wirkenden Ursachen, welche den Fall der Profitrate aufhalten, obgleich sie unter Umständen die Masse des Profits beeinträchtigen kann durch Beeinträchtigung der Masse des Kapitals, das Profit abwirft. Es zeigt sich hier wieder, daß dieselben Ursachen, welche die Tendenz zum Fall der Profitrate erzeugen, auch die Verwirklichung dieser Tendenz mäßigen.

IV. Die relative Ueberbevölkerung.

Ihre Erzeugung ist unzertrennlich von der, und wird beschleunigt durch die, Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, die sich in der Abnahme der Profitrate ausdrückt. Die relative Ueberbevölkerung zeigt sich um so auffallender in einem Lande, je mehr die kapitalistische Produktionsweise in ihm entwickelt ist. Sie ist wiederum Grund, einerseits, daß in vielen Produktionszweigen die mehr oder minder unvollständige Unterordnung der Arbeit unter das Kapital fortdauert, und länger fortdauert, als dies dem allgemeinen Stand der Entwicklung auf den ersten Blick entspricht; es ist dies Folge der Wohlfeilheit und Masse der disponiblen oder freigesetzten Lohnarbeiter, und des größern Widerstandes, den manche Produktionszweige, ihrer Natur nach, der Verwandlung ||218| von Handarbeit in Maschinenarbeit entgegensetzen. Andrerseits öffnen sich neue Produktionszweige, besonders auch für Luxuskonsumtion, die eben jene relative, oft durch Ueberwiegen des konstanten Kapitals in andren Produktionszweigen freigesetzte Bevölkerung als Basis nehmen, ihrerseits wieder auf Ueberwiegen des Elements der lebendigen Arbeit beruhn, und erst nach und nach dieselbe Karriere wie die andren Produktionszweige durchmachen. In beiden Fällen nimmt das variable Kapital eine bedeutende Proportion des Gesammtkapitals ein und ist der Arbeitslohn unter dem Durchschnitt, sodaß sowohl Mehrwerthsrate wie Mehrwerthsmasse in diesen Produktionszweigen ungewöhnlich hoch sind. Da nun die allgemeine Profitrate durch die Ausgleichung der Profitraten in den besondren Produktionszweigen gebildet wird, bringt hier wieder dieselbe Ursache, die die fallende Tendenz der Profitrate erzeugt, ein Gegengewicht gegen diese Tendenz hervor, das ihre Wirkung mehr oder minder paralysirt.

V. Der auswärtige Handel.

Soweit der auswärtige Handel theils die Elemente des konstanten Kapitals, theils die nothwendigen Lebensmittel, worin das variable Kapital sich umsetzt, verwohlfeilert, wirkt er steigernd auf die Profitrate, indem er die Rate des Mehrwerths hebt und den Werth des konstanten Kapitals senkt. Er wirkt überhaupt in diesem Sinn, indem er erlaubt, die Stufenleiter der Produktion zu erweitern. Damit beschleunigt er einerseits die Akkumulation, andrerseits aber auch das Sinken des variablen Kapitals gegen das konstante, und damit den Fall der Profitrate. Ebenso ist die Ausdehnung des auswärtigen Handels, obgleich in der Kindheit der kapitalistischen Produktionsweise deren Basis, in ihrem Fortschritt, durch die innere Nothwendigkeit dieser Produktionsweise, durch ihr Bedürfniß nach stets ausgedehnterm Markt, ihr eignes Produkt geworden. Es zeigt sich hier wieder dieselbe Zwieschlächtigkeit der Wirkung. (Ricardo hat diese Seite des auswärtigen Handels ganz übersehn.)

Eine andre Frage – die in ihrer Specialität eigentlich jenseits der Grenze unsrer Untersuchung liegt – ist die: Wird die allgemeine Profitrate erhöht durch die höhere Profitrate, die das im auswärtigen und namentlich im Kolonialhandel angelegte Kapital macht?

Kapitale, im auswärtigen Handel angelegt, können eine höhere Profitrate abwerfen, weil hier erstens mit Waaren konkurrirt wird, die von andern Ländern mit mindren Produktionsleichtigkeiten ||219| producirt werden, sodaß das fortgeschrittnere Land seine Waaren über ihrem Werth verkauft, obgleich wohlfeiler als die Konkurrenzländer. Sofern die Arbeit des fortgeschrittnern Landes hier als Arbeit von höherm specifischen Gewicht verwerthet wird, steigt die Profitrate, indem die Arbeit, die nicht als qualitativ höhere bezahlt, als solche verkauft wird. Dasselbe Verhältniß kann stattfinden gegen das Land, wohin Waaren gesandt und woraus Waaren bezogen werden; daß dies nämlich mehr vergegenständlichte Arbeit in natura gibt, als es erhält, und daß es doch hierbei die Waare wohlfeiler erhält, als es sie selbst produciren könnte. Ganz wie der Fabrikant, der eine neue Erfindung vor ihrer Verallgemeinerung benutzt, wohlfeiler verkauft als seine Konkurrenten, und dennoch über dem individuellen Werth seiner Waare verkauft, d. h. die specifisch höhere Produktivkraft der von ihm angewandten Arbeit als Mehrarbeit verwerthet. Er realisirt so einen Surplusprofit. Was andrerseits die in Kolonien etc. angelegten Kapitale betrifft, so können sie höhere Profitraten abwerfen, weil dort überhaupt wegen der niedrigen Entwicklung die Profitrate höher steht, und ebenfalls, bei Anwendung von Sklaven und Kulis etc., die Exploitation der Arbeit. Warum nun die höhern Profitraten, die in gewissen Zweigen angelegte Kapitale so abwerfen und nach der Heimath abführen, hier, wenn sonst nicht Monopole im Wege stehn, nicht in die Ausgleichung der allgemeinen Profitrate eingehn und daher diese pro tanto erhöhn sollen, ist nicht abzusehn.36) Es ist dies namentlich nicht abzusehn, wenn jene Zweige der Kapitalanwendung unter den Gesetzen der freien Konkurrenz stehn. Was Ricardo dagegen vorschwebt, ist namentlich dies: mit dem im Ausland erzielten höheren Preis werden dort Waaren gekauft und als Retour nach Hause geschickt; diese Waaren werden also im Inland verkauft, und es kann dies daher höchstens eine temporäre Extrabevortheilung dieser begünstigten Sphären der Produktion über andre ausmachen. Dieser Schein fällt weg, sobald von der Geldform abgesehn wird. Das begünstigte Land erhält mehr Arbeit zurück im Austausch für weniger Arbeit, obgleich diese Differenz, dies Mehr, wie beim Austausch zwischen Arbeit und Kapital überhaupt, von einer gewissen Klasse eingesackt wird. Soweit also die Profitrate höher ist, weil sie überhaupt höher in ||220| dem Kolonialland, mag dies bei günstigen Naturbedingungen desselben mit niedren Waarenpreisen Hand in Hand gehn. Ausgleichung findet statt, aber nicht Ausgleichung zum alten Niveau, wie Ricardo meint.

Derselbe auswärtige Handel aber entwickelt im Inland die kapitalistische Produktionsweise, und damit die Abnahme des variablen Kapitals gegenüber dem konstanten, und producirt auf der andern Seite Ueberproduktion mit Bezug auf das Ausland, hat daher auch wieder im weitern Verlauf die entgegengesetzte Wirkung.

Und so hat sich denn im allgemeinen gezeigt, daß dieselben Ursachen, die das Fallen der allgemeinen Profitrate hervorbringen, Gegenwirkungen hervorrufen, die diesen Fall hemmen, verlangsamen und theilweise paralysiren. Sie heben das Gesetz nicht auf, schwächen aber seine Wirkung ab. Ohne das wäre nicht das Fallen der allgemeinen Profitrate unbegreiflich, sondern umgekehrt die relative Langsamkeit dieses Falls. So wirkt das Gesetz nur als Tendenz, dessen Wirkung nur unter bestimmten Umständen und im Verlauf langer Perioden schlagend hervortritt.

Ehe wir nun weiter gehn, wollen wir zur Vermeidung von Mißverständniß noch zwei mehrfach entwickelte Sätze wiederholen.

Erstens: Derselbe Proceß, der die Verwohlfeilerung der Waaren im Entwicklungsgang der kapitalistischen Produktionsweise erzeugt, erzeugt eine Veränderung in der organischen Zusammensetzung des zur Produktion der Waaren angewandten gesellschaftlichen Kapitals, und in Folge dessen den Fall der Profitrate. Man muß also die Verminderung der relativen Kost der einzelnen Waare, auch des Theils dieser Kost, der Verschleiß von Maschinerie enthält, nicht identificiren mit dem steigenden Werth des konstanten Kapitals verglichen mit dem variablen, obgleich umgekehrt jede Verminderung in der relativen Kost des konstanten Kapitals, bei gleichbleibendem oder wachsendem Umfang seiner stofflichen Elemente, auf die Erhöhung der Profitrate, d. h. auf Verminderung pro tanto im Werth des konstanten Kapitals verglichen mit dem in sinkenden Proportionen angewandten variablen Kapital wirkt.

Zweitens: Der Umstand, daß in den einzelnen Waaren, aus deren Gesammtheit das Produkt des Kapitals besteht, die enthaltne zusätzliche lebendige Arbeit in einem abnehmenden Verhältniß zu den in ihnen enthaltnen Arbeitsstoffen und den in ihnen konsumirten Arbeitsmitteln steht; der Umstand also, daß ein stets abnehmendes Quantum zusätzlicher lebendiger Arbeit in ihnen vergegenständlicht ist, weil weniger Arbeit zu ihrer Produktion erheischt mit Ent ||221|wicklung der gesellschaftlichen Produktionskraft, – dieser Umstand trifft nicht das Verhältniß, worin sich die in der Waare enthaltne lebendige Arbeit in bezahlte und unbezahlte theilt. Umgekehrt. Obgleich das Gesammtquantum der in ihr enthaltnen zusätzlichen lebendigen Arbeit fällt, wächst der unbezahlte Theil im Verhältniß zum bezahlten, entweder durch absolutes oder proportionelles Sinken des bezahlten Theils; denn dieselbe Produktionsweise, die die Gesammtmasse der zusätzlichen lebendigen Arbeit in einer Waare vermindert, ist begleitet vom Steigen des absoluten und relativen Mehrwerths. Das tendenzielle Sinken der Profitrate ist verbunden mit einem tendenziellen Steigen in der Rate des Mehrwerths, also im Exploitationsgrad der Arbeit. Nichts alberner daher, als das Sinken der Profitrate aus einem Steigen in der Rate des Arbeitslohns zu erklären, obgleich auch dies ausnahmsweise der Fall sein mag. Die Statistik wird erst durch Verständniß der Verhältnisse, die die Profitrate bilden, befähigt, wirkliche Analysen über die Rate des Arbeitslohns in verschiednen Epochen und Ländern vorzunehmen. Die Profitrate fällt nicht, weil die Arbeit unproduktiver, sondern weil sie produktiver wird. Beides, Steigen der Rate des Mehrwerths und Fallen der Rate des Profits sind nur besondre Formen, worin sich wachsende Produktivität der Arbeit kapitalistisch ausdrückt.

VI. Die Zunahme des Aktienkapitals.

Den obigen fünf Punkten kann noch hinzugefügt werden der folgende, worauf aber zunächst nicht tiefer eingegangen werden kann. Ein Theil des Kapitals wird im Fortschritt der kapitalistischen Produktion, der mit beschleunigter Akkumulation Hand in Hand geht, nur als zinstragendes Kapital berechnet und angewandt. Nicht in dem Sinne, worin jeder Kapitalist, der Kapital ausleiht, sich mit Zinsen begnügt, während der industrielle Kapitalist den Unternehmergewinn einsteckt. Dies geht die Höhe der allgemeinen Profitrate nichts an, denn für sie ist der Profit = Zins + Profit aller Art + Grundrente, deren Vertheilung in diese besondren Kategorien für sie gleichgültig ist. Sondern in dem Sinn, daß diese Kapitale, obgleich in große produktive Unternehmungen gesteckt, nach Abzug aller Kosten nur große oder kleine Zinsen, sogenannte Dividenden abwerfen. Z. B. in Eisenbahnen. Sie gehn also nicht in die Ausgleichung der allgemeinen Profitrate ein, da sie eine geringre als die Durchschnittsprofitrate abwerfen. Gingen sie ein, so sänke diese viel tiefer. Theoretisch ||222| betrachtet, kann man sie einrechnen, und erhält dann eine geringre Profitrate, als die scheinbar existirende und die Kapitalisten wirklich bestimmende, da gerade in diesen Unternehmungen das konstante Kapital im Verhältniß zum variablen am größten.

Quelle: MEGA II/15: Das Kapital Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band, Seite 229-237