MEGA/II/15/MEGA2-II-15-0308.html

NEUNZEHNTES KAPITEL.
Das Geldhandlungskapital.

Die rein technischen Bewegungen, die das Geld durchmacht im Cirkulationsproceß des industriellen Kapitals und, wie wir jetzt hinzusetzen können, des Waarenhandlungskapitals (da dies einen Theil der Cirkulationsbewegung des industriellen Kapitals als seine eigne und eigenthümliche Bewegung übernimmt) – diese Bewegungen, verselbständigt zur Funktion eines besondren Kapitals, das sie, und nur sie, als ihm eigenthümliche Operationen ausübt, verwandeln dies Kapital in Geldhandlungskapital. Ein Theil des industriellen Kapitals, und näher auch des Waarenhandlungskapitals, bestände nicht nur fortwährend in Geldform, als Geldkapital überhaupt, sondern als Geldkapital, das in diesen technischen Funktionen begriffen ist. Von dem Gesammtkapital sondert sich nun ab und verselbständigt sich ein bestimmter Theil in Form von Geldkapital, dessen kapitalistische Funktion ausschließlich darin besteht, für die gesammte Klasse der industriellen und kommerziellen Kapitalisten diese Operationen auszuführen. Wie beim Waarenhandlungskapital, trennt sich ein Theil des im Cirkulationsproceß in der Gestalt von Geldkapital vorhandnen industriellen Kapitals ab, und verrichtet diese Operationen des Reproduktionsprocesses für das gesammte übrige Kapital. Die Bewegungen dieses Geldkapitals sind also wiederum nur Bewegungen eines verselbständigten Theils des in seinem Reproduktionsproceß begriffnen industriellen Kapitals.

Nur wenn, und in so weit, Kapital neu angelegt wird – was auch der Fall bei der Akkumulation – erscheint Kapital in Geldform als Ausgangspunkt und Endpunkt der Bewegung. Aber für jedes, einmal in seinem Proceß befindliche Kapital erscheint Ausgangspunkt wie Endpunkt nur als Durchgangspunkt. Soweit das industrielle Kapital, vom Austritt aus der Produktionssphäre bis ||300| zum Wiedereintritt in dieselbe, die Metamorphose W′–G–W durchzumachen hat, ist, wie sich schon bei der einfachen Waarencirkulation zeigte, G in der That nur das Endresultat der einen Phase der Metamorphose, um der Ausgangspunkt der entgegengesetzten, sie ergänzenden zu sein. Und obgleich für das Handelskapital das W–G des industriellen Kapitals stets als G–W–G sich darstellt, so ist doch auch für es, sobald es einmal engagirt ist, der wirkliche Proceß fortwährend W–G–W. Das Handelskapital macht aber gleichzeitig die Akte W–G und G–W durch. D. h. nicht nur ein Kapital befindet sich im Stadium W–G, während das andre sich im Stadium G–W befindet, sondern dasselbe Kapital kauft beständig und verkauft beständig gleichzeitig, wegen der Kontinuität des Produktionsprocesses; es befindet sich fortwährend gleichzeitig in beiden Stadien. Während ein Theil desselben sich in Geld verwandelt um sich später in Waare rückzuverwandeln, verwandelt der andre sich gleichzeitig in Waare, um sich in Geld rückzuverwandeln.

Ob das Geld hier als Cirkulationsmittel oder als Zahlungsmittel fungirt, hängt von der Form des Waarenaustausches ab. In beiden Fällen hat der Kapitalist beständig an viele Personen Geld auszuzahlen, und beständig von vielen Personen Geld in Zahlung zu empfangen. Diese bloß technische Operation des Geld-Zahlens und des Geld-Einkassirens bildet Arbeit für sich, die, soweit das Geld als Zahlungsmittel fungirt, Bilanzberechnungen, Akte der Ausgleichung nöthig macht. Diese Arbeit ist eine Cirkulationskost, keine Werth schaffende Arbeit. Sie wird dadurch abgekürzt, daß sie von einer besondren Abtheilung von Agenten oder Kapitalisten für die ganze übrige Kapitalistenklasse ausgeführt wird.

Ein bestimmter Theil des Kapitals muß beständig als Schatz, potentielles Geldkapital, vorhanden sein: Reserve von Kaufmitteln, Reserve von Zahlungsmitteln, unbeschäftigtes, in Geldform seiner Anwendung harrendes Kapital; und ein Theil des Kapitals strömt beständig in dieser Form zurück. Dies macht, außer Einkassiren, Zahlen und Buchhalten, Aufbewahrung des Schatzes nöthig, was wieder eine besondre Operation ist. Es ist also in der That die beständige Auflösung des Schatzes in Cirkulationsmittel und Zahlungsmittel, und seine Rückbildung aus im Verkauf erhaltnem Geld und fällig gewordner Zahlung; diese beständige Bewegung des als Geld existirenden Theils des Kapitals, getrennt von der Kapitalfunktion selbst, diese rein technische Operation ist es, die besondre Arbeit und Kosten verursacht – Cirkulationskosten. |

|301| Die Theilung der Arbeit bringt es mit sich, daß diese technischen Operationen, die durch die Funktionen des Kapitals bedingt sind, soweit möglich für die ganze Kapitalistenklasse von einer Abtheilung von Agenten oder Kapitalisten als ausschließliche Funktionen verrichtet werden oder sich in ihren Händen koncentriren. Es ist hier, wie beim Kaufmannskapital, Theilung der Arbeit in doppeltem Sinn. Es wird besondres Geschäft, und weil es als besondres Geschäft für den Geldmechanismus der ganzen Klasse verrichtet wird, wird es koncentrirt, auf großer Stufenleiter ausgeübt; und nun findet wieder Theilung der Arbeit innerhalb dieses besondern Geschäfts statt, sowohl durch Spaltung in verschiedne von einander unabhängige Zweige, wie durch Ausbildung der Werkstatt innerhalb dieser Zweige (große Bureaux, zahlreiche Buchhalter und Kassirer, weitgetriebne Arbeitstheilung). Auszahlung des Geldes, Einkassirung, Ausgleichung der Bilanzen, Führung laufender Rechnungen, Aufbewahren des Geldes etc., getrennt von den Akten, wodurch diese technischen Operationen nöthig werden, machen das in diesen Funktionen vorgeschoßne Kapital zum Geldhandlungskapital.

Die verschiednen Operationen, aus deren Verselbständigung zu besondren Geschäften der Geldhandel entspringt, ergeben sich aus den verschiednen Bestimmtheiten des Geldes selbst und aus seinen Funktionen, die also auch das Kapital in der Form von Geldkapital durchzumachen hat.

Ich habe früher darauf hingewiesen, wie das Geldwesen überhaupt sich ursprünglich entwickelt im Produktenaustausch zwischen verschiednen Gemeinwesen.42)

Es entwickelt sich der Geldhandel, der Handel mit der Geldwaare, daher zunächst aus dem internationalen Verkehr. Sobald verschiedne Landesmünzen existiren, haben die Kaufleute, die in fremden Ländern einkaufen, ihre Landesmünze in die Lokalmünze umzusetzen und umgekehrt, oder auch verschiedne Münzen gegen ungemünztes reines Silber oder Gold als Weltgeld. Daher das Wechselgeschäft, das als eine der naturwüchsigen Grundlagen des modernen Geldhandels zu betrachten ist.43) Es entwickelten sich ||302| daraus Wechselbanken, wo Silber (oder Gold) als Weltgeld – jetzt als Bankgeld oder Handelsgeld – im Unterschied zur Kourantmünze fungiren. Das Wechselgeschäft, soweit es bloße Anweisung für Zahlung an Reisende von dem Wechsler eines Landes an andre, hat sich schon in Rom und Griechenland aus dem eigentlichen Wechslergeschäft entwickelt.

Der Handel mit Gold und Silber als Waaren (Rohstoffen zur Bereitung für Luxusartikel) bildet die naturwüchsige Basis des Barrenhandels (Bullion trade) oder des Handels, der die Funktionen des Geldes als Weltgeldes vermittelt. Diese Funktionen, wie früher erklärt (Buch I, Kap. III, 3, c), sind doppelt: Hin- und Herlaufen zwischen den verschiednen nationalen Cirkulationssphären zur Ausgleichung der internationalen Zahlungen und bei Wanderungen des Kapitals zum Verzinsen; daneben Bewegung, von den Produktionsquellen der Edelmetalle aus, über den Weltmarkt, und Vertheilung der Zufuhr unter die verschiednen nationalen Cirkulationssphären. In England fungirten noch während des größten Theils des 17. Jahrhunderts die Goldschmiede als Bankiers. Wie sich weiter die Ausgleichung der internationalen Zahlungen im Wechselhandel etc. entwikkelt, lassen wir hier ganz außer Acht, wie alles was sich auf Geschäfte in Werthpapieren bezieht, kurz alle besondren Formen des Kreditwesens, das uns hier noch nichts angeht. |

|303| Als Weltgeld streift das Landesgeld seinen lokalen Charakter ab; ein Landesgeld wird im andern ausgedrückt, und so alle reducirt auf ihren Gehalt in Gold oder Silber, während diese letztren zugleich, als die beiden Waaren, die als Weltgeld cirkuliren, auf ihr gegenseitiges Werthverhältniß zu reduciren sind, das beständig wechselt. Diese Vermittlung macht der Geldhändler zu seinem besondren Geschäft. Wechslergeschäft und Barrenhandel sind so die ursprünglichsten Formen des Geldhandels, und entspringen aus den doppelten Funktionen des Geldes: als Landesmünze und als Weltgeld.

Aus dem kapitalistischen Produktionsproceß, wie aus dem Handel überhaupt, selbst bei vorkapitalistischer Produktionsweise, ergibt sich:

Erstens, die Ansammlung des Geldes als Schatz, d. h. jetzt des Theils des Kapitals, der stets in Geldform vorhanden sein muß, als Reservefonds von Zahlungs- und Kaufmitteln. Dies ist die erste Form des Schatzes, wie er in der kapitalistischen Produktionsweise wieder erscheint, und sich überhaupt bei der Entwicklung des Handelskapitals wenigstens für dieses bildet. Beides gilt sowohl für die inländische wie die internationale Cirkulation. Dieser Schatz ist beständig fließend, ergießt sich beständig in die Cirkulation und kehrt beständig aus ihr zurück. Die zweite Form des Schatzes ist nun die von brachliegendem, augenblicklich unbeschäftigtem Kapital in Geldform, wozu auch neu akkumulirtes, noch nicht angelegtes Geldkapital gehört. Die Funktionen, die diese Schatzbildung als solche nöthig macht, sind zunächst seine Aufbewahrung, Buchführung etc.

Zweitens aber ist damit verbunden Ausgeben des Geldes beim Kaufen, Einnehmen beim Verkaufen, Zahlen und Empfangen von Zahlungen, Ausgleichung der Zahlungen etc. Alles dies verrichtet der Geldhändler zunächst als einfacher Kassirer für die Kaufleute und industriellen Kapitalisten.44)|

|304| Vollständig entwickelt ist der Geldhandel, und dies immer auch schon in seinen ersten Anfängen, sobald mit seinen sonstigen Funktionen die des Leihens und Borgens und der Handel in Kredit sich verbindet. Darüber im folgenden Abschnitt, beim zinstragenden Kapital.

Der Barrenhandel selbst, das Ueberführen von Gold oder Silber aus einem Land in das andre, ist nur das Resultat des Waarenhandels, bestimmt durch den Wechselkurs, der den Stand der internationalen Zahlungen und des Zinsfußes auf verschiednen Märkten ausdrückt. Der Barrenhändler als solcher vermittelt nur Resultate.

Bei Betrachtung des Geldes, wie sich seine Bewegungen und Formbestimmtheiten aus der einfachen Waarencirkulation entwickeln, hat man gesehn (Buch I, Kap. III), wie die Bewegung der Masse des als Kaufmittel und Zahlungsmittel cirkulirenden Geldes bestimmt ist durch die Waarenmetamorphose, durch Umfang und Geschwindigkeit derselben, die wie wir jetzt wissen, selbst nur ein Moment des gesammten Reproduktionsprocesses ist. Was die Beschaffung des Geldmaterials – Gold und Silber – von seinen Produktionsquellen angeht, so löst sie sich auf in unmittelbaren Waarenaustausch, in Austausch von Gold und Silber als Waare gegen andre Waare, ist also selbst ebenso sehr ein Moment des Waarenaustausches wie die Beschaffung von Eisen oder andren Metallen. Was aber die Bewegung der edlen Metalle auf dem Weltmarkt angeht (wir sehn hier ab von dieser Bewegung, soweit sie leihweise Kapitalübertragung ausdrückt, eine Uebertragung, die auch in der Form von Waarenkapital vorgeht), so ist sie ganz so be ||305|stimmt durch den internationalen Waarenaustausch, wie die Bewegung des Geldes als inländisches Kauf- und Zahlungsmittel durch den inländischen Waarenaustausch. Die Aus- und Einwanderungen der edlen Metalle aus einer nationalen Cirkulationssphäre in die andre, soweit sie nur verursacht sind durch Entwerthung von Landesmünze oder durch Doppelwährung, sind der Geldcirkulation als solcher fremd, und bloße Korrektion willkürlich, von Staatswegen hervorgebrachter Abirrungen. Was endlich die Bildung von Schätzen angeht, soweit sie Reservefonds von Kauf- oder Zahlungsmitteln, sei es für innern oder auswärtigen Handel darstellt, und ebenfalls soweit sie bloße Form von einstweilen brachliegendem Kapital ist, so ist sie beide Mal nur ein nothwendiger Niederschlag des Cirkulationsprocesses.

Wie die ganze Geldcirkulation in ihrem Umfang, ihren Formen und ihren Bewegungen bloßes Resultat der Waarencirkulation ist, die vom kapitalistischen Standpunkt aus selbst nur den Cirkulationsproceß des Kapitals darstellt (und darin ist einbegriffen der Austausch von Kapital gegen Revenue und von Revenue gegen Revenue, soweit die Verausgabung von Revenue sich im Kleinhandel realisirt), so versteht es sich ganz von selbst, daß der Geldhandel nicht nur das bloße Resultat und die Erscheinungsweise der Waarencirkulation, die Geldcirkulation vermittelt. Diese Geldcirkulation selbst, als ein Moment der Waarencirkulation, ist für ihn gegeben. Was er vermittelt, sind ihre technischen Operationen, die er koncentrirt, abkürzt und vereinfacht. Der Geldhandel bildet nicht die Schätze, sondern liefert die technischen Mittel, um diese Schatzbildung, soweit sie freiwillig ist (also nicht Ausdruck von unbeschäftigtem Kapital oder von Störung des Reproduktionsprocesses), auf ihr ökonomisches Minimum zu reduciren, indem die Reservefonds für Kauf- und Zahlungsmittel, wenn für die ganze Kapitalistenklasse verwaltet, nicht so groß zu sein brauchen, als wenn von jedem Kapitalisten besonders. Der Geldhandel kauft nicht die edlen Metalle, sondern vermittelt nur ihre Vertheilung, sobald der Waarenhandel sie gekauft hat. Der Geldhandel erleichtert die Ausgleichung der Bilanzen, soweit das Geld als Zahlungsmittel fungirt, und vermindert durch den künstlichen Mechanismus dieser Ausgleichungen die dazu erheischte Geldmasse; aber er bestimmt weder den Zusammenhang, noch den Umfang der wechselseitigen Zahlungen. Die Wechsel und Cheques z. B., die in Banken und Clearing houses gegen einander ausgetauscht werden, stellen ganz unabhängige Geschäfte dar, sind Resultate von gegebnen Operationen, und es ||306| handelt sich nur um beßre technische Ausgleichung dieser Resultate. Soweit das Geld als Kaufmittel cirkulirt, sind Umfang und Anzahl der Käufe und Verkäufe durchaus unabhängig vom Geldhandel. Er kann nur die technischen Operationen, die sie begleiten, verkürzen, und dadurch die Masse des zu ihrem Umschlag nöthigen baaren Geldes vermindern.

Der Geldhandel in der reinen Form, worin wir ihn hier betrachten, d. h. getrennt vom Kreditwesen, hat es also nur zu thun mit der Technik eines Moments der Waarencirkulation, nämlich der Geldcirkulation und den daraus entspringenden verschiednen Funktionen des Geldes.

Dies unterscheidet den Geldhandel wesentlich vom Waarenhandel, der die Metamorphose der Waare und den Waarenaustausch vermittelt, oder selbst diesen Proceß des Waarenkapitals als Proceß eines vom industriellen Kapital gesonderten Kapitals erscheinen läßt. Wenn daher das Waarenhandlungskapital eine eigne Form der Cirkulation zeigt, G–W–G, wo die Waare zweimal die Stelle wechselt, und dadurch das Geld zurückfließt, im Gegensatz zu W–G–W, wo das Geld zweimal die Hände wechselt und dadurch den Waarenaustausch vermittelt, so kann keine solche besondre Form für das Geldhandlungskapital nachgewiesen werden.

Soweit Geldkapital in dieser technischen Vermittlung der Geldcirkulation von einer besondren Abtheilung Kapitalisten vorgeschossen wird - ein Kapital, das auf verjüngtem Maßstab das Zusatzkapital vorstellt, das sich die Kaufleute und industriellen Kapitalisten sonst selbst zu diesen Zwecken vorschießen müßten – ist die allgemeine Form des Kapitals G–G′ auch hier vorhanden. Durch Vorschuß von G wird G + ΔG für den Vorschießer erzeugt. Aber die Vermittlung von G–G′ bezieht sich hier nicht auf die sachlichen, sondern nur auf die technischen Momente der Metamorphose.

Es ist augenscheinlich, daß die Masse des Geldkapitals, womit die Geldhändler zu thun haben, das in Cirkulation befindliche Geldkapital der Kaufleute und Industriellen ist, und daß die Operationen, die sie vollziehn, nur die Operationen jener sind, die sie vermitteln.

Es ist ebenso klar, daß ihr Profit nur ein Abzug vom Mehrwerth ist, da sie nur mit schon realisirten Werthen (selbst wenn nur in Form von Schuldforderungen realisirt) zu thun haben.

Wie bei dem Waarenhandel findet hier Verdopplung der Funktion statt. Denn ein Theil der mit der Geldcirkulation verbundnen technischen Operationen muß von den Waarenhändlern und Waarenproducenten selbst verrichtet werden. |

Quelle: MEGA II/15: Das Kapital Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band, Seite 308-315