ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Theilung des Profits. Zinsfuß. Natürliche Rate des Zinsfußes.
Der Gegenstand dieses Kapitels, sowie überhaupt alle später zu behandelnden Erscheinungen des Kredits, können hier nicht im Einzelnen untersucht werden. Die Konkurrenz zwischen Verleihern und Borgern und die daher resultirenden kürzern Schwankungen des Geldmarkts fallen außerhalb des Bereichs unsrer Betrachtung. Der Kreislauf, den die Zinsrate während des industriellen Cyklus durchläuft, unterstellt zu seiner Darstellung die Darstellung dieses Cyklus selbst, die ebenfalls hier nicht gegeben werden kann. Dasselbe gilt für die größere oder geringere, annähernde Ausgleichung des Zinsfußes auf dem Weltmarkt. Wir haben es hier nur damit zu thun, die selbständige Gestalt des zinstragenden Ka ||343|pitals und die Verselbständigung des Zinses gegen den Profit zu entwickeln.
Da der Zins bloß ein Theil des Profits ist, der nach unsrer bisherigen Voraussetzung vom industriellen Kapitalisten an den Geldkapitalisten zu zahlen ist, so erscheint als Maximalgrenze des Zinses der Profit selbst, wo der Theil, der dem fungirenden Kapitalisten zufiele, = 0 wäre. Abgesehn von einzelnen Fällen, wo der Zins thatsächlich größer als der Profit sein, dann aber auch nicht aus dem Profit gezahlt werden kann, könnte man vielleicht als Maximalgrenze des Zinses betrachten den ganzen Profit minus dem später unten zu entwickelnden Theil desselben, der in Aufsichtslohn (wages of superintendence) auflösbar. Die Minimalgrenze des Zinses ist ganz und gar unbestimmbar. Er kann zu jeder beliebigen Tiefe fallen. Indessen treten dann immer wieder gegenwirkende Umstände ein, und heben ihn über dies relative Minimum.
„Das Verhältniß zwischen der Summe, bezahlt für den Gebrauch eines Kapitals, und diesem Kapital selbst drückt die Rate des Zinsfußes aus, gemessen in Geld.“ – „Die Zinsrate hängt ab 1) von der Profitrate; 2) von dem Verhältniß worin der Gesammtprofit getheilt wird zwischen Verleiher und Borger.“ (Economist, 22. Januar 1853.) „Da das, was man als Zins bezahlt, für den Gebrauch dessen, was man borgt, ein Theil des Profits ist, den das Geborgte zu produciren fähig ist, so muß dieser Zins stets regulirt sein durch jenen Profit.“ (Massie, l. c., p. 49.)
Wir wollen zuerst annehmen, es existire ein fixes Verhältniß zwischen dem Gesammtprofit und dem Theil desselben, der als Zins an den Geldkapitalisten wegzuzahlen ist. Dann ist es klar, daß der Zins steigen oder fallen wird wie der Gesammtprofit, und dieser ist bestimmt durch die allgemeine Profitrate und ihre Schwankungen. Wäre z. B. die Durchschnittsprofitrate = 20 % und der Zins = des Profits, so der Zinsfuß = 5 %; wenn jene = 16 %, so der Zins = 4 %. Bei einer Profitrate von 20 % könnte der Zins auf 8 % steigen, und der industrielle Kapitalist würde immer noch denselben Profit machen wie bei einer Profitrate = 16 % und Zinsfuß = 4 %, nämlich 12 %. Stiege der Zins nur auf 6 oder 7 %, so würde er immer noch einen größern Theil des Profits behalten. Wäre der Zins gleich einem konstanten Quotum des Durchschnittsprofits, so folgte, daß je höher die allgemeine Profitrate, um so größer die absolute Differenz zwischen dem Gesammtprofit und dem Zins, um so größer also ||344| der Theil des Gesammtprofits, der dem fungirenden Kapitalisten zufällt, und umgekehrt. Gesetzt der Zins sei = des Durchschnittsprofits. von 10 ist 2; Differenz zwischen dem Gesammtprofit und dem Zins = 8. von 20 ist = 4; Differenz = 20 - 4 = 16; von 25 = 5; Differenz = 25 - 5 = 20; von 30 = 6; Differenz = 30 - 6 = 24; von 35 = 7; Differenz = 35 - 7 = 28. Die verschiednen Zinsraten von 4, 5, 6, 7 % würden hier immer nur oder 20 % vom Gesammtprofit ausdrücken. Sind also die Profitraten verschieden, so können verschiedne Zinsraten dieselben aliquoten Theile des Gesammtprofits, oder denselben Procentantheil am Gesammtprofit ausdrücken. Bei solch konstantem Verhältniß des Zinses wäre der industrielle Profit (die Differenz zwischen dem Gesammtprofit und dem Zins) um so größer, je höher die allgemeine Profitrate, und umgekehrt.
Alle andern Umstände gleichgesetzt, d. h. das Verhältniß zwischen Zins und Gesammtprofit als mehr oder weniger konstant angenommen, wird der fungirende Kapitalist fähig und willig sein höhern oder niedern Zins zu zahlen im direkten Verhältniß zur Höhe der Profitrate.61) Da man gesehn, daß die Höhe der Profitrate im umgekehrten Verhältniß steht zur Entwicklung der kapitalistischen Produktion, so folgt daher, daß der höhere oder niedre Zinsfuß in einem Lande in demselben umgekehrten Verhältniß zur Höhe der industriellen Entwicklung steht, soweit nämlich die Verschiedenheit des Zinsfußes wirklich Verschiedenheit der Profitraten ausdrückt. Man wird später sehn, daß dies keineswegs stets der Fall zu sein braucht. In diesem Sinn kann man sagen, daß der Zins regulirt wird durch den Profit, näher durch die allgemeine Profitrate. Und diese Art seiner Regulirung gilt selbst für seinen Durchschnitt.
Jedenfalls ist die Durchschnittsrate des Profits als die endgültig bestimmende Maximalgrenze des Zinses zu betrachten.
Den Umstand, daß der Zins auf den Durchschnittsprofit zu beziehn, werden wir gleich näher betrachten. Wo ein gegebnes Ganze, wie der Profit zwischen zweien zu theilen ist, kommt es natürlich zunächst auf die Größe des zu theilenden Ganzen an, und diese, die Größe des Profits, ist bestimmt durch seine Durchschnittsrate. Die allgemeine Profitrate, also die Größe des Profits für ein Kapital von gegebner Größe, sage = 100, als gegeben ||345| vorausgesetzt, stehn die Variationen des Zinses offenbar im umgekehrten Verhältniß zu denen des Profittheils, der dem fungirenden, aber mit geborgtem Kapital arbeitenden Kapitalisten bleibt. Und die Umstände, welche die Größe des zu vertheilenden Profits, des Werthprodukts unbezahlter Arbeit, bestimmen, sind sehr verschieden von denen, die seine Vertheilung unter diese beiden Sorten Kapitalisten bestimmen und wirken oft nach ganz entgegengesetzten Seiten.62)
Wenn man die Umschlagscyklen betrachtet, worin sich die moderne Industrie bewegt – Zustand der Ruhe, wachsende Belebung, Prosperität, Ueberproduktion, Krach, Stagnation, Zustand der Ruhe etc., Cyklen, deren weitere Analyse außerhalb unserer Betrachtung fällt – so wird man finden, daß meist niedriger Stand des Zinses den Perioden der Prosperität oder des Extraprofits entspricht, Steigen des Zinses der Scheide zwischen der Prosperität und ihrem Umschlag, Maximum des Zinses bis zur äußersten Wucherhöhe aber der Krisis.63) Vom Sommer 1843 an trat entschiedne Prosperität ein; der Zinsfuß, im Frühling 1842 noch 4 %, fiel im Frühling und Sommer 1843 auf 2 %;64) im September selbst auf 1 % (Gilbart, I., p. 166); dann während der Krise 1847 stieg er auf 8 % und mehr.
Allerdings kann andrerseits niedriger Zins mit Stockung, und mäßig steigender Zins mit wachsender Belebung zusammengehn.
Der Zinsfuß erreicht seine äußerste Höhe während der Krisen, wo geborgt werden muß, um zu zahlen, was es auch koste. Es ist dies zugleich, da dem Steigen des Zinses ein Fallen im Preise der Werthpapiere entspricht, eine sehr artige Gelegenheit für Leute mit disponiblem Geldkapital, um sich zu Spottpreisen solcher zinstragenden Papiere zu bemächtigen, die, im regelmäßigen Verlauf ||346| der Dinge, mindestens ihren Durchschnittspreis wieder erreichen müssen, sobald der Zinsfuß wieder fällt.65)
Es existirt aber auch eine Tendenz zum Fallen des Zinsfußes, ganz unabhängig von den Schwankungen der Profitrate. Und zwar aus zwei Hauptursachen:
I. „Unterstellen wir selbst, Kapital würde nie anders aufgenommen als für produktive Anlagen, so ist es dennoch möglich, daß der Zinsfuß wechselt ohne irgend welchen Wechsel in der Rate des Bruttoprofits. Denn, wie ein Volk fortschreitet in der Entwicklung des Reichthums, entsteht und wächst immer mehr eine Klasse von Leuten, die durch die Arbeiten ihrer Vorfahren sich im Besitz von Fonds befinden, von deren bloßem Zins sie leben können. Viele, auch die in der Jugend und Mannheit aktiv im Geschäft betheiligt, ziehn sich zurück, um im Alter ruhig vom Zins der akkumulirten Summen zu leben. Diese beiden Klassen haben eine Tendenz, mit dem wachsenden Reichthum des Landes sich zu vermehren; denn die, die schon mit einem mittelmäßigen Kapital anfangen, bringen es leichter zu einem unabhängigen Vermögen, als die mit wenigem anfangen. In alten und reichen Ländern macht daher der Theil des Nationalkapitals, dessen Eigenthümer ihn nicht selbst anwenden wollen, ein größeres Verhältniß aus zum gesammten produktiven Kapital der Gesellschaft als in neu angebauten und armen Ländern. Wie zahlreich ist nicht die Klasse der Rentiers in England! Im Verhältniß wie die Klasse der Rentiers wächst, wächst auch die der Kapitalverleiher, denn sie sind beides dieselben.“ (Ramsay, Essay on the Distribution of Wealth, p. 201.)
II. Die Entwicklung des Kreditsystems und die damit beständig wachsende, durch die Bankiers vermittelte, Verfügung der Industriellen und Kaufleute über alle Geldersparnisse aller Klassen der Gesellschaft, und die fortschreitende Koncentration dieser Ersparnisse zu den Massen, worin sie als Geldkapital wirken können, muß ebenfalls auf den Zinsfuß drücken. Mehr hierüber später.
Mit Bezug auf Bestimmung der Zinsrate sagt Ramsay, daß sie „abhängt zum Theil von der Rate des Bruttoprofits, zum Theil von der Proportion, worin dieser getheilt wird in Zins und Unter ||347|nehmergewinn (profits of enterprise). Diese Proportion hängt ab von der Konkurrenz zwischen Verleihern und Borgern von Kapital; diese Konkurrenz wird beeinflußt, aber nicht ausschließlich regulirt durch die voraussichtliche Rate des Bruttoprofits.66) Die Konkurrenz wird nicht ausschließlich hierdurch regulirt, weil auf der einen Seite viele borgen, ohne irgend welche Absicht produktiver Anlage, und weil andrerseits die Größe des gesammten leihbaren Kapitals wechselt mit dem Reichthum des Landes, unabhängig von irgend welchem Wechsel im Bruttoprofit.“ (Ramsay, l. c., p. 206, 207.)
Um die Durchschnittsrate des Zinses zu finden, ist 1) der Durchschnitt des Zinsfußes während seiner Variationen in den großen industriellen Cyklen zu berechnen; 2) der Zinsfuß in solchen Anlagen, wo Kapital für längere Zeit ausgeliehen wird.
Die in einem Lande herrschende Durchschnittsrate des Zinses – im Unterschied von den beständig schwankenden Marktraten – ist durchaus durch kein Gesetz bestimmbar. Es gibt in dieser Art keine natürliche Rate des Zinses, in dem Sinn, wie die Oekonomen von einer natürlichen Profitrate und einer natürlichen Rate des Arbeitslohns sprechen. Schon Massie bemerkt hier mit vollem Recht (p. 49): “The only thing which any man can be in doubt about on this occasion, is, what proportion of these profits do of right belong to the borrower, and what to the lender; and this there is no other method of determining than by the opinions of borrowers and lenders in general; for right and wrong, in this respect, are only what common consent makes so.” Das Decken der Nachfrage und Zufuhr – die Durchschnittsprofitrate als gegeben vorausgesetzt – heißt hier durchaus nichts. Wo sonst zu dieser Formel Zuflucht genommen wird (und dies ist dann auch praktisch richtig) dient sie als eine Formel, um die von der Konkurrenz unabhängige und vielmehr sie bestimmende Grundregel (die regulirenden Grenzen oder die begrenzenden Größen) zu finden; namentlich als eine Formel für die, in der Praxis der Konkurrenz, in ihren Erscheinungen, und den daraus sich entwickelnden Vorstellungen Befangnen, um zu einer, wenn auch selbst wieder oberflächlichen Vorstellung eines innerhalb der Konkurrenz sich darstellenden innern Zusammenhangs der ökonomischen Verhält ||348|nisse zu gelangen. Es ist eine Methode, um von den die Konkurrenz begleitenden Variationen zu den Grenzen dieser Variationen zu kommen. Dies ist nicht der Fall bei dem Durchschnittszinsfuß. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, warum die mittleren Konkurrenzverhältnisse, das Gleichgewicht zwischen Ausleiher und Anleiher, dem Ausleiher einen Zinsfuß von 3, 4, 5 % etc. auf sein Kapital, oder aber einen bestimmten Procentantheil, 20 % oder 50 % vom Bruttoprofit, geben sollten. Wo hier die Konkurrenz als solche entscheidet, ist die Bestimmung an und für sich zufällig, rein empirisch, und nur Pedanterie oder Phantasterei kann diese Zufälligkeit als etwas Nothwendiges entwickeln wollen.67) Nichts ist amüsanter in den Parlamentsberichten von 1857 und 1858 über die Bankgesetzgebung und die Handelskrise, als Direktoren der Bank von England, Londoner Bankiers, Provinzial-Bankiers und professionelle Theoretiker hin- und herschwatzen zu hören über die „real rate produced“, ohne daß sie es je weiter brächten als zu Gemeinplätzen, wie z. B. daß „der Preis der von verleihbarem Kapital bezahlt wird, mit dem Angebot dieses Kapitals wechseln dürfte“, daß „hohe Zinsrate und niedrige Profitrate auf die Dauer nicht neben einander bestehn können“ und andre solche Plattheiten.68)Gewohnheit, gesetzliche Tradition etc. haben ebenso sehr, wie die Konkurrenz selbst, zu thun mit der ||349| Bestimmung des mittlern Zinsfußes, soweit dieser nicht nur als Durchschnittszahl, sondern als faktische Größe existirt. Ein mittlerer Zinsfuß muß schon in vielen Rechtsstreitigkeiten, wo Zinsen zu berechnen, als legal angenommen werden. Fragt man nun weiter, warum die Grenzen des mittlern Zinsfußes nicht aus allgemeinen Gesetzen abzuleiten sind, so liegt die Antwort einfach in der Natur des Zinses. Er ist bloß ein Theil des Durchschnittsprofits. Dasselbe Kapital erscheint in doppelter Bestimmung, als leihbares Kapital in der Hand des Verleihers, als industrielles oder kommercielles Kapital in den Händen des fungirenden Kapitalisten. Aber es fungirt nur einmal und producirt selbst den Profit nur einmal. Im Produktionsproceß selbst spielt der Charakter des Kapitals als verleihbares keine Rolle. Wie sich die beiden Personen darin theilen, die Ansprüche auf diesen Profit haben, ist an und für sich eine ebenso rein empirische, dem Reich des Zufälligen angehörige Thatsache wie die Theilung der Procentantheile des gemeinschaftlichen Profits eines Kompagniegeschäfts unter die verschiednen Theilhaber. Bei der Theilung zwischen Mehrwerth und Arbeitslohn, worauf die Bestimmung der Profitrate wesentlich beruht, wirken zwei ganz verschiedne Elemente, Arbeitskraft und Kapital, bestimmend ein; es sind Funktionen zweier unabhängigen Variablen, die sich gegenseitig Grenzen setzen; und aus ihrem qualitativen Unterschied geht die quantitative Thei- lung des producirten Werths hervor. Man wird später sehn, daß dasselbe stattfindet bei der Theilung des Mehrwerths zwischen Rente und Profit. Bei dem Zins findet nichts derartiges statt. Hier geht die qualitative Un- terscheidung, wie wir gleich sehn werden, umgekehrt aus der rein quanti- tativen Theilung desselben Stücks des Mehrwerths hervor.
Aus dem bisher Entwickelten ergibt sich, daß es keine „natürliche“ Zinsrate giebt. Wenn aber auf der einen Seite im Gegensatz zur allgemeinen Profitrate der mittlere Zinsfuß oder die Durchschnittsrate des Zinses, im Unterschied von den beständig schwankenden Marktraten des Zinses, in seinen Grenzen durch kein allgemeines Gesetz feststellbar ist, weil es sich nur um Theilung des Bruttoprofits zwischen zwei Besitzern des Kapitals, unter verschiednen Titeln, handelt, erscheint umgekehrt der Zinsfuß, sei es der mittlere, sei es die jedesmalige Marktrate, ganz anders als eine gleichmäßige, bestimmte und handgreifliche Größe als dies bei der allgemeinen Profitrate der Fall ist.69)|
|350| Der Zinsfuß verhält sich zur Profitrate ähnlich wie der Marktpreis der Waare zu ihrem Werth. Soweit der Zinsfuß durch die Profitrate bestimmt ist, ist es stets durch die allgemeine Profitrate, nicht durch die specifischen Profitraten, die in besondern Industriezweigen herrschen mögen, und noch weniger durch den Extraprofit, den der einzelne Kapitalist in einer besondren Geschäftssphäre machen mag.70) Die allgemeine Profitrate erscheint daher in der That als empirisches, gegebnes Faktum wieder in der Durchschnittszinsrate, obgleich die letztre kein reiner oder zuverlässiger Ausdruck der erstern.
Es ist zwar richtig, daß die Zinsrate selbst, je nach den Klassen der von den Borgern gegebnen Sicherheiten und nach der Zeitdauer der Anleihe beständig verschieden ist; aber für jede dieser Klassen ist sie in einem gegebnen Moment uniform. Dieser Unterschied beeinträchtigt also nicht die fixe und uniforme Gestalt des Zinsfußes.71)|
|351| Der mittlere Zinsfuß erscheint in jedem Lande für längre Epochen als konstante Größe, weil die allgemeine Profitrate – trotz des beständigen Wechsels der besondren Profitraten, wo aber der Wechsel in einer Sphäre durch entgegengesetzten in der andern sich ausgleicht – nur in längern Epochen wechselt. Und ihre relative Konstanz erscheint eben in diesem mehr oder minder konstanten Charakter des mittlern Zinsfußes (average rate or common rate of interest).
Was aber die beständig fluktuirende Marktrate des Zinses betrifft, so ist sie in jedem Moment als fixe Größe gegeben, wie der Marktpreis der Waaren, weil auf dem Geldmarkt beständig alles leihbare Kapital als Gesammtmasse dem fungirenden Kapital gegenübersteht, also das Verhältniß des Angebots von leihbarem Kapital auf der einen Seite, die Nachfrage darnach auf der andern den jedesmaligen Marktstand des Zinses entscheidet. Dies ist umsomehr der Fall, je mehr die Entwicklung und damit verbundne Koncentration des Kreditwesens dem leihbaren Kapital einen allgemein gesellschaftlichen Charakter gibt und es auf einmal, gleichzeitig, auf den Geldmarkt wirft. Dagegen existirt die allgemeine Profitrate beständig nur als Tendenz, als Bewegung der Ausgleichung der besondren Profitraten. Die Konkurrenz der Kapitalisten – die selbst diese Bewegung der Ausgleichung ist – besteht hier darin, daß sie den Sphären, wo der Profit auf längre Zeit unter dem Durchschnitt, allmälig Kapital entziehn und den Sphären, wo er darüber, ebenso allmälig Kapital zuführen; oder auch, daß sich Zusatzkapital nach und nach in verschiednen Proportionen zwischen diese Sphären vertheilt. Es ist beständige Variation der Zufuhr und der Entziehung von Kapital, diesen verschiednen Sphären gegenüber, nie gleichzeitige Massenwirkung wie bei der Bestimmung des Zinsfußes.
Man hat gesehn, daß, obgleich eine von der Waare absolut verschiedne Kategorie, das zinstragende Kapital, zur Waare sui generis, und deßhalb der Zins sein Preis wird, der, wie bei der gewöhnlichen Waare ihr Marktpreis, jedesmal durch Nachfrage und Angebot fixirt wird. Die Marktrate des Zinses, obgleich beständig schwankend, erscheint daher in jedem gegebnen Moment ebenso beständig fixirt und uniform, wie der jedesmalige Marktpreis der Waare. Die Geldkapitalisten führen diese Waare zu, und die ||352| fungirenden Kapitalisten kaufen sie, bilden die Nachfrage dafür. Dies findet bei der Ausgleichung zur allgemeinen Profitrate nicht statt. Stehn die Preise der Waaren in einer Sphäre unter oder über dem Produktionspreis (wobei von den, jedem Geschäft eignen und mit den verschiednen Phasen des industriellen Cyklus zusammenhängenden Schwankungen abgesehn wird), so findet Ausgleichung statt durch Erweiterung oder Einengung der Produktion, d. h. Ausdehnung oder Verkürzung der von den industriellen Kapitalen auf den Markt geworfenen Waarenmassen, vermittelt durch Ein- oder Auswanderung von Kapital mit Bezug auf die besondren Produktionssphären. Durch die so herbeigeführte Ausgleichung der durchschnittlichen Marktpreise der Waaren zu Produktionspreisen ist es, daß die Abweichungen der besondren Profitraten von der allgemeinen oder Durchschnittsprofitrate korrigirt werden. Dieser Proceß erscheint nie so und kann nie so erscheinen, daß das industrielle oder merkantile Kapital als solches Waare gegenüber einem Käufer ist, wie das zinstragende Kapital. Soweit er erscheint, erscheint er nur in den Schwankungen und Ausgleichungen der Marktpreise der Waaren zu Produktionspreisen; nicht als direkte Festsetzung des Durchschnittsprofits. Die allgemeine Profitrate ist in der That bestimmt 1) durch den Mehrwerth, den das Gesammtkapital producirt, 2) durch das Verhältniß dieses Mehrwerths zum Werth des Gesammtkapitals, und 3) durch die Konkurrenz, aber nur soweit, als diese die Bewegung ist, wodurch die in besondren Produktionssphären angelegten Kapitale gleiche Dividenden aus diesem Mehrwerth, im Verhältniß zu ihren relativen Größen zu ziehn suchen. Die allgemeine Profitrate schöpft also in der That ihre Bestimmung aus ganz andren und viel komplicirteren Gründen, als die durch das Verhältniß von Nachfrage und Angebot direkt und unmittelbar bestimmte Marktrate des Zinses, und ist daher kein handgreifliches und gegebnes Faktum in der Art, wie es der Zinsfuß ist. Die besondren Profitraten in den verschiednen Produktionssphären sind selbst mehr oder minder unsicher; aber soweit sie erscheinen, ist es nicht ihre Uniformität, sondern ihre Verschiedenheit, die erscheint. Die allgemeine Profitrate selbst aber erscheint nur als Minimalgrenze des Profits, nicht als empirische, direkt sichtbare Gestalt der wirklichen Profitrate.
Indem wir diesen Unterschied zwischen der Zinsrate und der Profitrate hervorheben, sehn wir selbst ab von folgenden beiden, die Konsolidation des Zinsfußes begünstigenden Umständen: 1) der ||353| historischen Präexistenz des zinstragenden Kapitals und der Existenz eines traditionell überlieferten allgemeinen Zinsfußes; 2) dem viel größern unmittelbaren Einfluß, den der Weltmarkt, unabhängig von den Produktionsbedingungen eines Landes, auf die Feststellung des Zinsfußes ausübt, verglichen mit seinem Einfluß auf die Profitrate.
Der Durchschnittsprofit erscheint nicht als unmittelbar gegebne Thatsache, sondern als erst durch die Untersuchung festzustellendes Endresultat der Ausgleichung entgegengesetzter Schwankungen. Anders mit dem Zinsfuß. Er ist in seiner, wenigstens lokalen, Allgemeingültigkeit ein täglich fixirtes Faktum, ein Faktum, das dem industriellen und merkantilen Kapital sogar als Voraussetzung und Posten in der Kalkulation bei seinen Operationen dient. Es wird ein allgemeines Vermögen jeder Geldsumme von 100 £, 2, 3, 4, 5 % abzuwerfen. Metereologische Berichte zeichnen nicht genauer den Stand von Barometer und Thermometer auf, als Börsenberichte den Stand des Zinsfußes, nicht für dieses oder jenes Kapital, sondern für das auf dem Geldmarkt befindliche, d. h. überhaupt verleihbare Kapital.
Auf dem Geldmarkt stehn sich nur Verleiher und Borger gegenüber. Die Waare hat dieselbe Form, Geld. Alle besondren Gestalten des Kapitals, je nach seiner Anlage in besondren Produktions- oder Cirkulationssphären, sind hier ausgelöscht. Es existirt hier in der unterschiedslosen, sich selbst gleichen Gestalt des selbständigen Werths, des Geldes. Die Konkurrenz der besondren Sphären hört hier auf; sie sind alle zusammengeworfen als Geldborger, und das Kapital steht allen auch gegenüber in der Form, worin es noch gleichgültig gegen die bestimmte Art und Weise seiner Anwendung ist. Als was das industrielle Kapital nur in der Bewegung und Konkurrenz zwischen den besondren Sphären erscheint, als an sich gemeinsames Kapital der Klasse, tritt es hier wirklich, der Wucht nach, in der Nachfrage und Angebot von Kapital auf. Andrerseits besitzt das Geldkapital auf dem Geldmarkt wirklich die Gestalt, worin es als gemeinsames Element, gleichgültig gegen seine besondre Anwendung, sich unter die verschiednen Sphären, unter die Kapitalistenklasse vertheilt, je nach den Produktionsbedürfnissen jeder besondren Sphäre. Es kommt hinzu, daß mit Entwicklung der großen Industrie das Geldkapital mehr und mehr, soweit es auf dem Markt erscheint, nicht vom einzelnen Kapitalisten vertreten wird, dem Eigenthümer dieses oder jenes Bruchtheils des auf dem Markt befindlichen Kapitals, sondern | |354| als konzentrirte, organisirte Masse auftritt, die ganz anders als die reelle Produktion, unter die Kontrolle der das gesellschaftliche Kapital vertretenden Bankiers gestellt ist. Sodaß sowohl, was die Form der Nachfrage angeht, dem verleihbaren Kapital die Wucht einer Klasse gegenübertritt; wie, was das Angebot angeht, es selbst als Leihkapital en masse auftritt.
Dies sind einige der Gründe, warum die allgemeine Profitrate als ein verschwimmendes Nebelbild erscheint neben dem bestimmten Zinsfuß, der zwar seiner Größe nach schwankt, aber dadurch, daß er gleichmäßig für alle Borger schwankt, ihnen stets als fixer, gegebner gegenübertritt. Ganz wie die Werthwechsel des Geldes es nicht hindern, allen Waaren gegenüber gleichen Werth zu haben. Ganz wie die Marktpreise der Waaren täglich schwanken, was sie nicht hindert, täglich in den Berichten notirt zu werden. Ganz so der Zinsfuß, der ebenso regelmäßig als „Preis des Geldes“ notirt wird. Es ist, weil hier das Kapital selbst in Geldform als Waare angeboten wird; die Fixation seines Preises daher Fixirung seines Marktpreises, wie bei allen andern Waaren ist; der Zinsfuß sich daher stets als allgemeiner Zinsfuß, als soviel für soviel Geld, als quantitativ bestimmt darstellt. Die Profitrate dagegen kann selbst innerhalb derselben Sphäre, bei gleichen Marktpreisen der Waare, verschieden sein, je nach den verschiednen Bedingungen, worin die einzelnen Kapitale die-