|377| VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses in der Form des zinstragenden Kapitals.
Im zinstragenden Kapital erreicht das Kapitalverhältniß seine äußerlichste und fetischartigste Form. Wir haben hier G–G′, Geld das mehr Geld erzeugt, sich selbst verwerthenden Werth, ohne den Proceß, der die beiden Extreme vermittelt. Im Kaufmannskapital, G–W–G′, ist wenigstens die allgemeine Form der kapitalistischen Bewegung vorhanden, obgleich sie sich nur in der Cirkulationssphäre hält, der Profit daher als bloßer Veräußerungsprofit erscheint; aber immerhin stellt er sich dar als ein Produkt eines gesellschaftlichen Verhältnisses, nicht als Produkt eines bloßen Dings. Die Form des Kaufmannskapitals stellt immer noch einen Proceß dar, die Einheit entgegengesetzter Phasen, eine Bewegung, die in zwei entgegengesetzte Vorgänge zerfällt, in Kauf und Verkauf von Waaren. Dies ist ausgelöscht in G–G′, der Form des zinstragenden Kapitals. Wenn z. B. 1000 £ vom Kapitalisten ausgeliehen werden, und der Zinsfuß ist 5 %, so ist der Werth von 1000 £ für 1 Jahr = C + Cz′, wo C das Kapital, und z′ der Zinsfuß, also hier 5 % = = , 1000 + 1000 × = 1050 £. Der Werth von 1000 £ als Kapital ist = 1050 £, d. h. das Kapital ist keine einfache Größe. Es ist Größenverhältniß, Verhältniß als Hauptsumme, als gegebner Werth, zu sich selbst als sich verwerthendem Werth, als Hauptsumme, die einen Mehrwerth producirt hat. Und wie man gesehn, stellt sich das Kapital als solches dar, als dieser unmittelbar sich verwerthende Werth, für alle aktiven Kapitalisten, ob sie mit eignem oder geborgtem Kapital fungiren.
G–G′: Wir haben hier den ursprünglichen Ausgangspunkt des Kapitals, das Geld in der Formel G–W–G′ reducirt auf die beiden Extreme G–G′, wo G′ = G + ΔG, Geld das mehr Geld schafft. Es ist die ursprüngliche und allgemeine Formel des Kapitals, auf ein sinnloses Resumé zusammengezogen. Es ist das fertige Kapital, Einheit von Produktionsproceß und Cirkulationsproceß, und daher in bestimmter Zeitperiode bestimmten Mehrwerth abwerfend. In der Form des zinstragenden Kapitals erscheint dies unmittelbar, unvermittelt durch Produktionsproceß und Cirkulationsproceß. Das Kapital erscheint als mysteriöse und selbstschöpferische Quelle des Zinses, seiner eignen Vermehrung. ||378| Das Ding (Geld, Waare, Werth) ist nun als bloßes Ding schon Kapital, und das Kapital erscheint als bloßes Ding; das Resultat des gesammten Reproduktionsprocesses erscheint als eine, einem Ding von selbst zukommende Eigenschaft; es hängt ab von dem Besitzer des Geldes, d. h. der Waare in ihrer stets austauschbaren Form, ob er es als Geld verausgaben oder als Kapital vermiethen will. Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwerthende Werth, Geld heckendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältniß ist vollendet als Verhältniß eines Dings, des Geldes, zu sich selbst. Statt der wirklichen Verwandlung von Geld in Kapital zeigt sich hier nur ihre inhaltlose Form. Wie bei der Arbeitskraft, wird der Gebrauchswerth des Geldes hier der, Werth zu schaffen, größren Werth als der in ihm selbst enthalten ist. Das Geld als solches ist bereits potentiell sich verwerthender Werth, und wird als solcher verliehen, was die Form des Verkaufens für diese eigenthümliche Waare ist. Es wird ganz so Eigenschaft des Geldes, Werth zu schaffen, Zins abzuwerfen, wie die eines Birnbaums Birnen zu tragen. Und als solches zinstragendes Ding verkauft der Geldverleiher sein Geld. Damit nicht genug. Das wirklich fungirende Kapital, wie gesehn, stellt sich selbst so dar, daß es den Zins, nicht als fungirendes Kapital, sondern als Kapital an sich, als Geldkapital abwirft.
Es verdreht sich auch dies: Während der Zins nur ein Theil des Profits ist, d. h. des Mehrwerths, den der fungirende Kapitalist dem Arbeiter auspreßt, erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die eigentliche Frucht des Kapitals, als das Ursprüngliche, und der Profit, nun in die Form des Unternehmergewinns verwandelt, als bloßes im Reproduktionsproceß hinzukommendes Accessorium und Zuthat. Hier ist die Fetischgestalt des Kapitals und die Vorstellung vom Kapitalfetisch fertig. In G–G′ haben wir die begriffslose Form des Kapitals, die Verkehrung und Versachlichung der Produktionsverhältnisse in der höchsten Potenz: Zinstragende Gestalt, die einfache Gestalt des Kapitals, worin es seinem eignen Reproduktionsproceß vorausgesetzt ist; Fähigkeit des Geldes, resp. der Waare, ihren eignen Werth zu verwerthen, unabhängig von der Reproduktion - die Kapitalmystifikation in der grellsten Form.
Für die Vulgärökonomie, die das Kapital als selbständige Quelle des Werths, der Werthschöpfung, darstellen will, ist natürlich diese Form ein gefundnes Fressen, eine Form, worin die Quelle ||379| des Profits nicht mehr erkenntlich, und worin das Resultat des kapitalistischen Produktionsprocesses – getrennt vom Proceß selbst – ein selbständiges Dasein erhält.
Erst im Geldkapital ist das Kapital zur Waare geworden, deren sich selbst verwerthende Qualität einen fixen Preis hat, der im jedesmaligen Zinsfuß notirt ist.
Als zinstragendes Kapital, und zwar in seiner unmittelbaren Form als zinstragendes Geldkapital (die andren Formen des zinstragenden Kapitals, die uns hier nichts angehn, sind wieder von dieser Form abgeleitet und unterstellen sie) erhält das Kapital seine reine Fetischform, G–G′ als Subjekt, verkaufbares Ding. Erstens durch sein fortwährendes Dasein als Geld, eine Form, worin alle Bestimmtheiten desselben ausgelöscht und seine realen Elemente unsichtbar sind. Geld ist ja grade die Form, worin der Unterschied der Waaren als Gebrauchswerthe ausgelöscht ist, daher auch der Unterschied der industriellen Kapitale, die aus diesen Waaren und ihren Produktionsbedingungen bestehn; es ist die Form, worin Werth – und hier Kapital – als selbständiger Tauschwerth existirt. Im Reproduktionsproceß des Kapitals ist die Geldform eine verschwindende, ein bloßes Durchgangsmoment. Auf dem Geldmarkt dagegen existirt das Kapital stets in dieser Form. – Zweitens, der von ihm erzeugte Mehrwerth, hier wieder in der Form des Geldes, erscheint ihm als solchem zukommend. Wie das Wachsen den Bäumen, so scheint das Geldzeugen (τόκος) dem Kapital in dieser Form als Geldkapital eigen.
Im zinstragenden Kapital ist die Bewegung des Kapitals ins Kurze zusammengezogen; der vermittelnde Proceß ist weggelassen, und so ist ein Kapital = 1000 fixirt als ein Ding, das an sich = 1100 ist, und in einer gewissen Periode sich in 1100 verwandelt, wie der Wein im Keller nach einer gewissen Zeit auch seinen Gebrauchswerth verbessert. Das Kapital ist jetzt Ding, aber als Ding Kapital. Das Geld hat jetzt Lieb im Leibe. Sobald es verliehen ist, oder auch im Reproduktionsproceß angelegt (insofern es dem fungirenden Kapitalisten als seinem Eigenthümer Zins abwirft, getrennt vom Unternehmergewinn) wächst ihm der Zins an, es mag schlafen oder wachen, sich zu Haus oder auf Reisen befinden, bei Tag und bei Nacht. So ist im zinstragenden Geldkapital (und alles Kapital ist seinem Werthausdruck nach Geldkapital, oder gilt jetzt als der Ausdruck des Geldkapitals) der fromme Wunsch des Schatzbildners realisirt.
Es ist dies Eingewachsensein des Zinses in das Geldkapital als ||380| in ein Ding (wie hier die Produktion des Mehrwerths durch das Kapital erscheint), was Luther in seiner naiven Polterei gegen den Wucher so sehr beschäftigt. Nachdem er entwickelt, daß Zins verlangt werden könne, wenn aus der nicht erfolgten Rückzahlung am bestimmten Termin dem Verleiher, der seinerseits zu zahlen hat, Unkosten erwachsen, oder wenn ihm ein Profit, den er durch Kaufen, z. B. eines Gartens, habe machen können, aus diesem Grunde verloren geht, fährt er fort: „Nu ich dir sie (100 Gülden) geliehen habe, machest mir einen Zwilling aus dem Schadewacht, dass hie nicht bezalen, und dort nicht kaufen kann, und also zu beiden Teilen muss Schaden leiden, dass heisst man duplex interesse, damni emergentis et lucri cessantis … nachdem sie gehöret, dass Hans mit seinen verliehnen Hundert Gülden hat Schaden gelitten und billige Erstattung seines Schadens fordert, faren sie plumps einhin, und schlahen auf ein jeglich Hundert Gülden, solche zween Schadewacht, nämlich, des Bezalens Unkost, und des versäumeten Gartens Kauf, gerade als weren den Hundert Gülden natürlich solche zween Schadewacht angewachsen, dass, wo Hundert Gülden vorhanden sind, die thun sie aus, und rechnen darauf solche zween Schaden, die sie doch nicht erlitten haben. … Darum bist du ein Wucherer, der du selber deinen ertichten Schaden von deines Nähesten Gelde büssest, den dir doch Niemand getan hat, und kannst ihn auch nicht beweisen, noch berechnen. Solchen Schaden heissen die Juristen, non verum sed phantasticum interesse. Ein Schaden, den ein jeglicher ihm selber ertreumet. … es gilt nicht also sagen, Es künnten die Schaden geschehn, dass ich nicht habe können bezalen noch kaufen. Sonst heisst's, Ex contingente necessarium, aus dem das nicht ist machen das, das sein müsse, aus dem das ungewiss ist, eitel gewiss Ding machen. Solt' solcher Wucher nicht die Welt auffressen in kurzen Jaren. … es ist zufällig Unglück, das dem Leiher widerfaret, ohne seinen Willen, dass er sich erholen muss, aber in den Handeln ist's umgekehrt und gar das Widerspiel, da suchet und ertichtet man Schaden, auf den benetigten Nehesten, will damit sich meren und reich werden, faul und müssig, prassen und prangen von ander Leut Arbeit, sonder Sorge, Fahr und Schaden; dass ich sitze hinter dem Ofen und lasse meine Hundert Gülden für mich auf dem Lande werben, und doch weil es geliehen Geld ist, gewiss im Beutel behalte, ohne all Fahr und Sorge, Lieber, wer möchte das nicht?“ (M. Luther, An die Pfarherrn wider den Wucher zu predigen etc. Wittenberg 1540.) |
|381| Die Vorstellung vom Kapital als sich selbst reproducirendem und in der Reproduktion vermehrendem Werth, kraft seiner eingebornen Eigenschaft als ewig währender und wachsender Werth – also kraft der verborgnen Qualität der Scholastiker – hat zu den fabelhaften Einfällen des Dr. Price geleitet, die bei weitem die Phantasien der Alchymisten hinter sich lassen; Einfällen, an die Pitt ernsthaft glaubte und die er seinen Gesetzen über den sinking fund zu Säulen seiner Finanzwirthschaft machte.
„Geld das Zinseszinsen trägt, wächst anfangs langsam; da aber die Rate des Wachsthums sich fortwährend beschleunigt, wird sie nach einiger Zeit so rasch, daß sie jeder Einbildung spottet. Ein Penny, ausgeliehen bei der Geburt unsers Erlösers auf Zinseszinsen zu 5 %, würde schon jetzt zu einer größren Summe herangewachsen sein, als enthalten wäre in 150 Millionen Erden, alle von gediegnem Gold. Aber ausgelegt auf einfache Zinsen, würde er in derselben Zeit nur angewachsen sein auf 7 sh. 4 d. Bis jetzt hat unsre Regierung vorgezogen, ihre Finanzen auf diesem letzteren, statt auf dem ersteren Weg zu verbessern.“80)
Noch höher fliegt er in seinen Observations on revisionary payments etc. London 1782: „1 sh. ausgelegt bei der Geburt unsers Erlösers“ ❲also wohl im Tempel von Jerusalem❳ „zu 6 % Zinseszinsen würde angewachsen sein zu einer größern Summe als das ganze Sonnensystem einbegreifen könnte, wenn in eine ||382| Kugel verwandelt von einem Durchmesser gleich dem der Bahn des Saturn.“ – „Ein Staat braucht deßwegen sich nie in Schwierigkeiten zu befinden; denn mit den kleinsten Ersparnissen kann er die größte Schuld abzahlen in einer so kurzen Zeit wie sein Interesse erfordern mag.“ (p. 136.) Welche hübsche theoretische Einleitung zur englischen Staatsschuld!
Price wurde einfach geblendet durch die Ungeheuerlichkeit der Zahl, die aus geometrischer Progression entsteht. Da er das Kapital, ohne Rücksicht auf die Bedingungen der Reproduktion und der Arbeit, als selbstthätigen Automaten betrachtete, als eine bloße sich selbst vermehrende Zahl (ganz wie Malthus den Menschen in seiner geometrischen Progression) konnte er wähnen, das Gesetz seines Wachsthums gefunden zu haben in der Formel s = c (1 + z)n wo s = Summe von Kapital + Zinseszins, c = dem vorgeschoßnen Kapital, z = dem Zinsfuß (in aliquoten Theilen von 100 ausgedrückt) und n die Reihe der Jahre worin der Proceß vorgeht.
Pitt nimmt die Mystifikation des Dr. Price ganz ernst. 1786 hatte das Haus der Gemeinen beschlossen, es solle 1 Million £ erhoben werden für den öffentlichen Nutzen. Nach Price, an den Pitt glaubte, war natürlich nichts besser als das Volk besteuern, um die so erhobne Summe zu „akkumuliren“, und so die Staatsschuld durch das Mysterium des Zinseszinses wegzuhexen. „Jener Resolution des Hauses der Gemeinen folgte bald ein von Pitt veranlaßtes Gesetz, das die Akkumulation von 250 000 £ anordnete, bis daß, mit den verfallnen Leibrenten, der Fonds auf 4 000 000 £ jährlich angewachsen sei.“ (Act 26, Georg III. Kap. 22.) In seiner Rede von 1792, worin Pitt die dem Tilgungsfonds gewidmete Summe zu vermehren vorschlug, führte er an unter den Ursachen des kommerziellen Uebergewichts Englands: Maschinen, Kredit etc., aber als „die ausgedehnteste und dauerhafteste Ursache die Akkumulation. Dies Princip sei nun vollständig entwickelt und hinreichend erklärt in dem Werk Smith's, dieses Genies … diese Akkumulation der Kapitale bewirke sich, indem man mindestens einen Theil des jährlichen Profits zurücklege um die Hauptsumme zu vermehren, die in derselben Weise im nächsten Jahr zu verwenden sei, und so einen kontinuirlichen Profit gebe.“ Vermittelst des Dr. Price verwandelt Pitt so Smith's Akkumulationstheorie in die Bereicherung eines Volks durch Akkumulation von Schulden, und kommt in den angenehmen Progreß ins Unendliche der Anleihen, Anleihen um Anleihen zu zahlen.
Wir finden schon bei Josias Child, dem Vater des modernen ||383|Bankierthums, daß „100 £ zu 10 % in 70 Jahren, bei Zins von Zins, 102 400 £ produciren würden“. (Traité sur le commerce etc. par J. Child, traduit etc. Amsterdam et Berlin, 1754, p. 115. Geschrieben 1669.)
Wie die Anschauung des Dr. Price bei der modernen Oekonomie gedankenlos unterläuft, zeigt der Economist in folgender Stelle: “Capital, with compound interest on every portion of capital saved, is so allengrossing that all the wealth in the world from which income is derived, has long ago become the interest of capital … all rent is now the payment of interest on capital previously invested in the land.” (Economist, 19. July 1859.) In seiner Eigenschaft als zinstragendes Kapital gehört dem Kapital aller Reichthum, der überhaupt je producirt werden kann, und alles was es bisher erhalten hat, ist nur Abschlagszahlung an seinen all-engrossing Appetit. Nach seinen eingebornen Gesetzen gehört ihm alle Surplusarbeit, die das Menschengeschlecht je liefern kann. Moloch.
Schließlich noch folgender Galimathias des „romantischen“ Müller: „Des Dr. Price ungeheurer Anwachs des Zinseszinses, oder der sich selbst beschleunigenden Kräfte der Menschen, setzt, wenn er diese ungeheuren Wirkungen hervorbringen soll, eine ungetheilte oder ungebrochne gleichförmige Ordnung durch mehrere Jahrhunderte voraus. Sobald das Kapital zertheilt, in mehrere einzelne, in sich fortwachsende Ableger zerschnitten wird, fängt der gesammte Proceß der Akkumulation von Kräften von neuem an. Die Natur hat die Progression der Kraft auf eine Laufbahn von etwa 20 bis 25 Jahren, die im Durchschnitt etwa jedem einzelnen Arbeiter (!) zu Theil werden, vertheilt. Nach Ablauf dieser Zeit verläßt der Arbeiter seine Laufbahn, und muß er nun das durch den Zinseszins der Arbeit gewonnene Kapital einem neuen Arbeiter übertragen, meistentheils es unter mehrere Arbeiter oder Kinder vertheilen. Diese müssen das ihnen zufallende Kapital, ehe sie eigentlichen Zinseszins davon ziehn können, erst beleben und anwenden lernen. Ferner wird eine ungeheure Menge des Kapitals, das die bürgerliche Gesellschaft gewinnt, auch selbst in den bewegtesten Gemeinwesen, lange Jahre hindurch allmälig aufgehäuft und nicht zur unmittelbaren Erweiterung der Arbeit verwendet, vielmehr sobald eine namhafte Summe zusammengebracht ist, einem andern Individuum, einem Arbeiter, einer Bank, Staat, unter der Benennung Anleihe übertragen, wo dann der Empfänger, indem er das Kapital in wirkliche Bewegung setzt, aus demselben Zinseszins zieht, und sich leicht anheischig machen kann, dem Darbringer | |384| einfache Zinsen zu bezahlen. Endlich reagirt gegen jene ungeheuren Progressionen, in der sich die Kräfte der Menschen und ihr Produkt vermehren möchten, wenn das Gesetz der Produktion oder der Sparsamkeit allein gelten sollen, das Gesetz des Verzehrens, Begehrens, Verschwendung.“ (A. Müller, l. c., II., p. 147-149.)
Es ist unmöglich, in wenigen Zeilen mehr haarsträubenden Unsinn zusammen zu faseln. Nicht zu erwähnen der drolligen Verwechslung von Arbeiter und Kapitalist, von Werth der Arbeitskraft und Zins von Kapital u. s. w., soll die Abnahme des Zinseszinses u. A. daraus erklärt werden, daß Kapital ausgeliehen wird, wo es dann Zinseszins bringt. Das Verfahren unsers Müller ist für die Romantik in allen Fächern charakteristisch. Ihr Inhalt besteht aus Alltagsvorurtheilen, abgeschöpft von dem oberflächlichsten Schein der Dinge. Dieser falsche und triviale Inhalt soll dann durch eine mystificirende Ausdrucksweise „erhöht“ und poetisirt werden.
Der Akkumulationsproceß des Kapitals kann in sofern als Akkumulation von Zinseszins aufgefaßt werden, als der Theil des Profits (Mehrwerths) der in Kapital rückverwandelt wird, d. h. zur Aufsaugung von neuer Mehrarbeit dient, Zins genannt werden kann. Aber:
1) von allen zufälligen Störungen abgesehn, wird im Lauf des Reproduktionsprocesses beständig ein großer Theil des vorhandnen Kapitals mehr oder weniger entwerthet, weil der Werth der Waaren bestimmt ist nicht durch die Arbeitszeit, die ihre Produktion ursprünglich kostet, sondern durch die Arbeitszeit, die ihre Reproduktion kostet, und diese in Folge der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit fortwährend abnimmt. Auf einer höhern Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Produktivität erscheint daher alles vorhandne Kapital, statt als das Resultat eines langen Processes der Kapitalaufsparung, als das Resultat einer verhältnißmäßig sehr kurzen Reproduktionszeit.81)
2) Wie im Abschnitt III dieses Buchs bewiesen, nimmt die Profitrate ab im Verhältniß zur steigenden Akkumulation des Kapitals und der ihr entsprechenden steigenden Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit, die sich gerade in der wachsenden relativen Abnahme des variablen Kapitaltheils, gegenüber dem konstanten, ausdrückt. Um dieselbe Profitrate hervorzubringen, wenn das von einem Arbeiter in Bewegung gesetzte konstante Kapital sich verzehnfacht, müßte ||385| die Mehrarbeitszeit sich verzehnfachen, und bald würde die ganze Arbeitszeit, ja die 24 Stunden des Tages dazu nicht hinreichen, selbst wenn ganz vom Kapital angeeignet. Die Vorstellung, daß die Profitrate sich nicht verringert, liegt aber der Price'schen Progression zu Grunde und überhaupt dem „all engrossing capital, with compound interest“.82)
Durch die Identität des Mehrwerths mit der Mehrarbeit ist eine qualitative Grenze für die Akkumulation des Kapitals gesetzt: der Gesammt- arbeitstag, die jedesmal vorhandne Entwicklung der Produktivkräfte und der Bevölkerung, welche die Anzahl der gleichzeitig exploitirbaren Arbeitstage begrenzt. Wird dagegen der Mehrwerth in der begriffslosen Form des Zinses gefaßt, so ist die Grenze nur quantitativ und spottet jeder Phantasie.
In dem zinstragenden Kapital ist aber die Vorstellung vom Kapitalfetisch vollendet, die Vorstellung, die dem aufgehäuften Arbeitsprodukt, und noch dazu fixirt als Geld, die Kraft zuschreibt, durch eine eingeborne geheime Qualität, als reiner Automat, in geometrischer Progression Mehrwerth zu erzeugen, sodaß dies aufgehäufte Arbeitsprodukt, wie der Economist meint, allen Reichthum der Welt für alle Zeiten als ihm von rechtswegen gehörig und zufallend schon längst diskontirt hat. Das Produkt vergangner Arbeit, die vergangne Arbeit selbst, ist hier an und für sich geschwängert mit einem Stück gegenwärtiger oder zukünftiger lebendiger Mehrarbeit. Man weiß dagegen, daß in der That die Erhaltung, und insoweit auch die Reproduktion des Werths der Produkte vergangner Arbeit nur das Resultat ihres Kontakts mit der lebendigen Arbeit ist; und zweitens: daß das Kommando der Produkte vergangner Arbeit über lebendige Mehrarbeit grade nur solange dauert, wie das Kapitalverhältniß dauert; das bestimmte sociale Verhältniß, worin die vergangne Arbeit selbständig und übermächtig der lebendigen gegenübertritt. |