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|386| FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Kredit und fiktives Kapital.

Die eingehende Analyse des Kreditwesens und der Instrumente, die es sich schafft (Kreditgeld u. s. w.), liegt außerhalb unsers Planes. Es sind hier nur einige wenige Punkte hervorzuheben, nothwendig zur Charakteristik der kapitalistischen Produktionsweise überhaupt. Wir haben es dabei nur mit dem kommerziellen und Bankier-Kredit zu thun. Der Zusammenhang zwischen dessen Entwicklung und der des öffentlichen Kredits bleibt außer Betracht.

Ich habe früher (Buch I, Kap. III, 3, b) gezeigt, wie sich aus der einfachen Waarencirkulation die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel und damit ein Verhältniß von Gläubiger und Schuldner unter den Waarenproducenten und Waarenhändlern bildet. Mit der Entwicklung des Handels und der kapitalistischen Produktionsweise, die nur mit Rücksicht auf die Cirkulation producirt, wird diese naturwüchsige Grundlage des Kreditsystems erweitert, verallgemeinert, ausgearbeitet. Im Großen und Ganzen fungirt das Geld hier nur als Zahlungsmittel, d. h. die Waare wird verkauft nicht gegen Geld, sondern gegen ein schriftliches Versprechen der Zahlung an einem bestimmten Termin. Diese Zahlungsversprechen können wir der Kürze halber sämmtlich unter der allgemeinen Kategorie von Wechseln zusammenfassen. Bis zu ihrem Verfall- und Zahlungstage cirkuliren solche Wechsel selbst wieder als Zahlungsmittel; und sie bilden das eigentliche Handelsgeld. Soweit sie schließlich durch Ausgleichung von Forderung und Schuld sich aufheben, fungiren sie absolut als Geld, indem dann keine schließliche Verwandlung in Geld stattfindet. Wie diese wechselseitigen Vorschüsse der Producenten und Kaufleute unter einander die eigentliche Grundlage des Kredits bilden, so bildet deren Cirkulationsinstrument, der Wechsel, die Basis des eigentlichen Kreditgelds, der Banknoten u. s. w. Diese beruhen nicht auf der Geldcirkulation, sei es von metallischem Geld oder von Staatspapiergeld, sondern auf der Wechselcirkulation.

W. Leatham (Bankier in Yorkshire) Letters on the Currency, 2nd edit. London 1840: „Ich finde, daß der Gesammtbetrag der Wechsel für das ganze Jahr 1839 war 528 493 842 £“ ❲er nimmt die ausländischen Wechsel auf ungefähr 1 5 des Ganzen an❳ „und der Betrag der im selben Jahr gleichzeitig laufenden Wechsel 132 123 460 £“ (p. 56.) „Die Wechsel sind ein Bestandtheil der Cirkulation von größerm Betrag als alles übrige zusammengenommen.“ (p. 3.) – „Dieser enorme Ueberbau von Wechseln ruht (!) auf der Grundlage gebildet durch den Betrag der Banknoten und des Goldes; und wenn im Lauf der Ereignisse diese Grundlage sich zu sehr verengert, geräth ihre Solidität und selbst ihre Existenz in Gefahr.“ (p. 8.) – „Schätzt man die ||387| ganze Cirkulation“ ❲er meint die Banknoten❳ „und den Betrag der Verpflichtungen sämmtlicher Banken, wofür sofortige Baarzahlung verlangt werden kann, so finde ich eine Summe von 153 Millionen, deren Verwandlung in Gold nach dem Gesetz verlangt werden kann, und dagegen 14 Millionen in Gold um diese Forderung zu befriedigen.“ (p. 11.) – „Die Wechsel können nicht unter Kontrolle gestellt werden, es sei denn, daß man den Geldüberfluß und den niedrigen Zinsfuß oder Diskonto verhindert, der einen Theil davon erzeugt und diese große und gefährliche Expansion ermuntert. Es ist unmöglich zu entscheiden, wieviel davon von wirklichen Geschäften herrührt, z. B. von wirklichen Käufen und Verkäufen, und welcher Theil künstlich gemacht (fictitious) ist, und nur aus Reitwechseln besteht, d. h. wo ein Wechsel gezogen wird um einen laufenden vor Verfall aufzunehmen, und so durch Herstellung bloßer Umlaufsmittel fingirtes Kapital zu kreiren. In Zeiten überflüssigen und wohlfeilen Geldes weiß ich, daß dies bis zu einem enormen Grade geschieht.“ (p. 43, 44.) - J. W. Bosanquet, Metallic, Paper, and Credit Currency, London 1842: „Der Durchschnittsbetrag der an jedem Geschäftstag im Clearing House ❲wo die Londoner Bankiers gegenseitig die eingezahlten Cheques und fälligen Wechsel austauschen❳ erledigten Zahlungen ist über 3 Millionen £, und der zu diesem Zweck nöthige tägliche Geldvorrath ist wenig mehr als 200 000 £.“ (p. 86.) ❲Im Jahr 1889 betrug der Gesammtumschlag des Clearing House 7 618 3 4 Millionen £ oder bei rund 300 Geschäftstagen durchschnittlich 25 1 2 Millionen täglich. – F. E.❳ „Wechsel sind unstreitig Cirkulationsmittel (currency), unabhängig von Geld, soweit sie Eigenthum übertragen von Hand zu Hand vermittelst Endossement.“ (p. 92.) „Im Durchschnitt ist anzunehmen, daß jeder cirkulirende Wechsel zwei Endossements trägt, und daß im Durchschnitt jeder Wechsel also zwei Zahlungen erledigt, ehe er verfällt. Hiernach scheint es, daß allein durch Endossement die Wechsel eine Eigenthumsübertragung vermittelten zum Werth von zweimal 528 Millionen oder 1056 Millionen £, mehr als 3 Millionen täglich, im Lauf des Jahres 1839. Es ist daher sicher, daß Wechsel und Depositen zusammen durch Eigenthumsübertragung von Hand zu Hand und ohne Beihülfe von Geld, Geldfunktionen verrichten zu einem täglichen Belauf von mindestens 18 Millionen £.“ (p. 93.)

Tooke sagt folgendes über Kredit im allgemeinen: „Der Kredit, in seinem einfachsten Ausdruck, ist das wohl oder übel begründete Vertrauen, das jemanden veranlaßt einem andern einen gewissen Kapitalbelauf anzuvertrauen, in Geld oder in, auf einen bestimmten Geldwerth abgeschätzten, Waaren, welcher Betrag stets nach Ablauf einer bestimmten Frist zahlbar ist. Wo das Kapital in Geld verliehen wird, d. h. in Banknoten, oder in einem Baarkredit, oder in einer Anweisung auf einen Korrespondenten, wird ein Zuschlag von so und soviel Procent auf den rückzuzahlenden Betrag für den Gebrauch des Kapitals gemacht. Bei Waaren, deren Geldwerth zwischen den Betheiligten festgestellt ist, und deren Uebertragung einen Verkauf ausmacht, schließt die festgestellte Summe, die gezahlt werden soll, eine Entschädigung ein für den Gebrauch des Kapitals und für das bis zur Verfallzeit übernommene Risiko. Schriftliche Zahlungsverpflichtungen auf bestimmte Verfalltage werden meist für solche Kredite gegeben. Und diese übertragbaren Verpflichtungen oder Promessen bilden das Mittel, womit die Verleiher, wenn sie Gelegenheit für den Gebrauch ihres Kapitals finden, sei es in Form von Geld oder Waaren, vor Verfallzeit dieser Wechsel, meistens im Stande sind wohlfeiler zu borgen oder zu kaufen, indem ihr eigner Kredit durch den des zweiten Namens auf dem Wechsel verstärkt wird.“ (Inquiry into the Currency Principle. p. 87.)

Ch. Coquelin, Du Crédit et des Banques dans l'Industrie. Revue des deux Mondes 1842, tome 31: „In jedem Lande vollzieht sich die Mehrzahl der Kreditgeschäfte im Kreis der industriellen Beziehungen selbst … der Producent ||388| des Rohstoffs schießt diesen dem verarbeitenden Fabrikanten vor und erhält von ihm eine Zahlungspromesse auf fixen Verfalltag. Der Fabrikant, nach Ausführung seines Theils der Arbeit, schießt wiederum und zu ähnlichen Bedingungen sein Produkt einem andern Fabrikanten vor, der es weiter verarbeiten muß, und so erstreckt sich der Kredit immer weiter, von einem zum andern bis zum Konsumenten. Der Großhändler macht dem Kleinhändler Waarenvorschüsse, während er selbst solche vom Fabrikanten oder vom Kommissionär erhält. Jeder borgt mit der einen Hand und leiht mit der andern, zuweilen Geld, aber weit häufiger Produkte. So vollzieht sich, in den industriellen Beziehungen, ein unaufhörlicher Austausch von Vorschüssen, die sich kombiniren und in allen Richtungen durchkreuzen. Grade in der Vervielfältigung und dem Wachsthum dieser gegenseitigen Vorschüsse besteht die Entwicklung des Kredits, und hier ist der wahre Sitz seiner Macht.“

Die andre Seite des Kreditwesens schließt sich an die Entwicklung des Geldhandels, die natürlich in der kapitalistischen Produktion Schritt hält mit der Entwicklung des Waarenhandels. Wir haben im vorigen Abschnitt (Kapitel XIX) gesehn, wie sich die Aufbewahrung der Reservefonds der Geschäftsleute, die technischen Operationen des Geldeinnehmens und Auszahlens, der internationalen Zahlungen, und damit der Barrenhandel, in den Händen der Geldhändler koncentrirt. Im Anschluß an diesen Geldhandel entwickelt sich die andre Seite des Kreditwesens, die Verwaltung des zinstragenden Kapitals oder des Geldkapitals, als besondre Funktion der Geldhändler. Das Borgen und Verleihen des Geldes wird ihr besondres Geschäft. Sie treten als Vermittler zwischen den wirklichen Verleiher und den Borger von Geldkapital. Allgemein ausgedrückt besteht das Bankiergeschäft nach dieser Seite darin, das verleihbare Geldkapital in seiner Hand zu großen Massen zu koncentriren, sodaß statt des einzelnen Geldverleihers die Bankiers als Repräsentanten aller Geldverleiher den industriellen und kommerciellen Kapitalisten gegenübertreten. Sie werden die allgemeinen Verwalter des Geldkapitals. Andrerseits koncentriren sie, allen Verleihern gegenüber, die Borger, indem sie für die ganze Handelswelt borgen. Eine Bank stellt auf der einen Seite die Centralisation des Geldkapitals, der Verleiher, auf der andern die Centralisation der Borger dar. Ihr Profit besteht im allgemeinen darin, daß sie zu niedrigern Zinsen borgt als sie ausleiht.

Das verleihbare Kapital, worüber die Banken verfügen, fließt ihnen in mehrfacher Weise zu. Zunächst koncentrirt sich in ihrer Hand, da sie Kassirer der industriellen Kapitalisten sind, das Geldkapital, das jeder Producent und Kaufmann als Reservefonds hält, oder das ihm als Zahlung zufließt. Diese Fonds verwandeln sich so in verleihbares Geldkapital. Dadurch wird der Reservefonds der Handelswelt, weil als gemeinschaftlicher koncentrirt, auf das ||389| nöthige Minimum beschränkt, und ein Theil des Geldkapitals, der sonst als Reservefonds schlummern würde, wird ausgeliehen, fungirt als zinstragendes Kapital. Zweitens bildet sich ihr verleihbares Kapital aus den Depositen der Geldkapitalisten, die ihnen das Ausleihen derselben überlassen. Mit der Entwicklung des Banksystems und namentlich, sobald sie Zins für Depositen zahlen, werden ferner die Geldersparnisse und das augenblicklich unbeschäftigte Geld aller Klassen bei ihnen deponirt. Kleine Summen, jede für sich unfähig als Geldkapital zu wirken, werden zu großen Massen vereinigt und bilden so eine Geldmacht. Diese Ansammlung kleiner Beträge muß als besondre Wirkung des Banksystems unterschieden werden von seiner Mittlerschaft zwischen den eigentlichen Geldkapitalisten und den Borgern. Endlich werden auch Revenuen, die nur allmälig verzehrt werden sollen, bei den Banken deponirt.

Das Verleihen (wir haben es hier nur mit dem eigentlichen Handelskredit zu thun) geschieht durch Diskontiren der Wechsel – Verwandlung derselben in Geld vor ihrer Verfallzeit – und durch Vorschüsse in verschiednen Formen: direkte Vorschüsse auf persönlichen Kredit, Lombardvorschüsse auf zinstragende Papiere, Staatseffekten, Aktien aller Art, namentlich aber auch Vorschüsse auf Ladescheine, Dockwarrants und andre beglaubigte Besitztitel auf Waaren, durch Ueberziehung über die Depositen u. s. w.

Der Kredit nun, den der Bankier gibt, kann in verschiednen Formen gegeben werden, z. B. in Wechseln auf andre Banken, Cheques auf solche, Krediteröffnungen derselben Art, endlich, bei Banken mit Notenausgabe, in den eignen Banknoten der Bank. Die Banknote ist nichts als ein Wechsel auf den Bankier, zahlbar jeder Zeit an den Inhaber, und vom Bankier den Privatwechseln substituirt. Die letztere Form des Kredits erscheint dem Laien besonders frappant und wichtig, erstens weil diese Art Kreditgeld aus der bloßen Handelscirkulation heraus in die allgemeine Cirkulation tritt, und hier als Geld fungirt; auch weil in den meisten Ländern die Hauptbanken, welche Noten ausgeben, als sonderbarer Mischmasch zwischen Nationalbank und Privatbank in der That den Nationalkredit hinter sich haben und ihre Noten mehr oder minder gesetzliches Zahlungsmittel sind; weil es hier sichtbar wird, daß das, worin der Bankier handelt, der Kredit selbst ist, indem die Banknote nur ein cirkulirendes Kreditzeichen vorstellt. Aber der Bankier handelt auch im Kredit in allen andern Formen, selbst wenn er baar bei ihm deponirtes Geld vorschießt. In der That bildet die Banknote nur die Münze des Großhandels und ist ||390| es stets das Depositum, was als Hauptsache bei den Banken ins Gewicht fällt. Den besten Beweis liefern die schottischen Banken.

Die besondren Kreditinstitute, wie die besondren Formen der Banken selbst sind für unsern Zweck nicht weiter zu betrachten.

„Die Bankiers haben ein doppeltes Geschäft … 1) Kapital zu sammeln von denen, die keine unmittelbare Verwendung dafür haben, und es zu vertheilen und zu übertragen an andre, die es gebrauchen können. 2) Depositen vom Einkommen ihrer Kunden zu empfangen und diesen den Betrag auszuzahlen, je nachdem sie ihn zu Konsumtionsauslagen brauchen. Das erstere ist Cirkulation von Ka- pital, das letztere Cirkulation von Geld (currency).“ – „Das eine ist Koncentration des Kapitals auf der einen, und Vertheilung desselben auf der andern Seite; das andre ist Verwaltung der Cirkulation für die Lokalzwecke der Umgegend.“ - Tooke, Inquiry into the Currency Principle, p. 36, 37. Wir kommen in Kap. XXVIII auf diese Stelle zurück.

Reports of Committees. Vol. VIII. Commercial Distress. Volume II. Part I. 1847-48. Minutes of Evidence. – (Weiterhin citirt als: Commercial Distress, 1847-48.) In den vierziger Jahren wurden beim Wechseldiskontiren in London in zahllosen Fällen statt Banknoten, Wechsel von einer Bank auf die andre von 21 Tagen Laufzeit genommen. (Aussage von J. Pease, Provinzialbankier, No. 4636 und 4656.) Nach demselben Bericht hatten die Bankiers die Gewohnheit, sobald Geld knapp wurde, solche Wechsel ihren Kunden regelmäßig in Zahlung zu geben. Wollte der Empfänger Banknoten, so mußte er diesen Wechsel wieder diskontiren. Für die Banken kam dies einem Privilegium gleich, Geld zu machen. Die Herren Jones, Loyd and Co., zahlten in dieser Weise „seit unvordenklichen Zeiten“, sobald Geld knapp war und der Zinsfuß über 5 %. Der Kunde war froh, solche Banker's Bills zu erhalten, weil Wechsel von Jones, Loyd & Co. leichter diskontirbar waren als seine eignen; auch liefen sie oft durch 20-30 Hände. (ibidem No. 901 bis 904. 995.)

Alle diese Formen dienen dazu den Zahlungsanspruch übertragbar zu machen. „Es gibt kaum irgend eine Form, in die der Kredit zu bringen ist, worin er nicht zu Zeiten Geldfunktion zu verrichten hat; ob diese Form eine Banknote, oder ein Wechsel, oder ein Cheque ist, der Proceß ist wesentlich derselbe und das Resultat ist wesentlich dasselbe.“ – Fullarton, On the Regulation of Currencies, 2d edit. London 1845. p. 38. – „Banknoten sind das Kleingeld des Kredits.“ (p. 51.)

Das Folgende aus J. W. Gilbart, The History and Principles of Banking. London 1834: „Das Kapital einer Bank besteht aus zwei Theilen, dem Anlagekapital (invested capital) und dem Bankkapital (banking capital) das angeliehen ist. (p. 117.) Das Bankkapital oder geborgte Kapital wird auf drei Wegen erhalten: 1) durch Annahme von Depositen, 2) durch Ausgabe von eignen Banknoten; 3) durch Ziehung von Wechseln. Wenn mir jemand 100 £ umsonst leihen will, und ich leihe diese 100 £ an jemand anders für 4 % Zins aus, so werde ich im Lauf des Jahrs durch dies Geschäft 4 £ gewinnen. Ebenso wenn jemand mein Zahlungsversprechen (I promise to pay ist die gewöhnliche Formel für englische Banknoten) nehmen will und es mir am Ende des Jahres zurückgeben und mir 4 % dafür zahlen, ganz als ob ich ihm 100 £ geliehen hätte, gewinne ich 4 £ durch dies Geschäft; und wiederum, wenn jemand in einer Landstadt mir 100 £ bringt mit der Bedingung, daß ich 21 Tage später diesen Betrag einer dritten Person in London zahlen soll, wird jeder Zins, den ich in der Zwischenzeit von dem Gelde machen kann, mein Profit sein. Dies ist eine sachgemäße Zusammenfassung der Operationen einer Bank und des Wegs, wie ein Bankkapital geschaffen wird vermittelst Depositen, Banknoten und Wechseln. (p. 117.) Die Profite eines Bankiers stehn im allgemeinen im Verhältniß zum Betrag seines ||391| geborgten oder Bankkapitals. Um den wirklichen Profit einer Bank festzustellen, ist der Zins auf das Anlagekapital abzuziehn vom Bruttoprofit. Der Rest ist der Bankprofit. (p. 118.) Die Vorschüsse eines Bankiers an seine Kunden werden gemacht mit dem Geld andrer Leute. (p. 146.) Gerade die Bankiers, die keine Banknoten ausgeben, schaffen ein Bankkapital durch Diskontiren von Wechseln. Sie vermehren ihre Depositen vermittelst ihrer Diskontooperationen. Die Londoner Bankiers diskontiren nur für diejenigen Häuser, die ein Depositenkonto bei ihnen halten. (p. 119.) Eine Firma, die bei ihrer Bank Wechsel diskontirt, und auf den ganzen Betrag dieser Wechsel Zinsen bezahlt hat, muß wenigstens einen Theil dieses Betrags in den Händen der Bank lassen ohne Zinsen dafür zu erhalten. Auf diesem Wege erhält der Bankier auf das vorgeschoßne Geld einen höhern als den laufenden Zinsfuß und schafft sich ein Bankkapital vermittelst des in seiner Hand verbleibenden Saldos.“ (p. 120.) – Oekonomisirung der Reservefonds, Depositen, Cheques: „Die Depositenbanken ökonomisiren vermittelst der Uebertragung der Guthaben den Gebrauch des cirkulirenden Mediums, und erledigen Geschäfte von großem Betrag mit einer geringen Summe wirkliches Geldes. Das so freigesetzte Geld wird vom Bankier angewandt in Vorschüssen an seine Kunden vermittelst Diskontos etc. Daher erhöht die Uebertragung der Guthaben die Wirksamkeit des Depositensystems.“ (p. 123.) „Es ist gleichgültig ob die beiden Kunden, die mit einander handeln, ihre Rechnung bei demselben oder bei verschiednen Bankiers halten. Denn die Bankiers tauschen ihre Cheques unter sich aus im Clearing House. Vermittelst der Uebertragung könnte so das Depositensystem zu einem solchen Grad ausgedehnt werden, daß es den Gebrauch des Metallgelds ganz verdrängte. Wenn jeder ein Depositenkonto bei der Bank hielte und alle seine Zahlungen durch Cheques machte, so würden diese Cheques das einzige cirkulirende Medium. In diesem Falle müßte unterstellt werden, daß die Bankiers das Geld in ihrer Hand hätten, sonst hätten die Cheques keinen Werth.“ (p. 124.) Die Centralisation des Lokalverkehrs in den Händen der Banken wird vermittelt 1) durch Zweigbanken. Die Provinzialbanken haben Zweigetablissements in den kleinern Städten ihres Bereichs; die Londoner Banken in den verschiednen Stadttheilen Londons. 2) Durch Agenturen. „Jede Provincialbank hat einen Agenten in London, um dort ihre Noten oder Wechsel zu zahlen, und Geld zu empfangen, das von Londoner Einwohnern eingezahlt wird für Rechnung von Leuten, die in der Provinz wohnen.“ (p. 127.) Jeder Bankier fängt die Noten des andern auf, gibt sie nicht wieder aus. In jeder größern Stadt kommen sie ein oder zweimal wöchentlich zusammen und tauschen die Noten aus. Der Saldo wird gezahlt durch Anweisung auf London. (p. 134.) „Der Zweck der Banken ist Erleichterung des Geschäfts. Alles was das Geschäft erleichtert, erleichtert auch die Spekulation. Geschäft und Spekulation sind in vielen Fällen so eng verknüpft, daß es schwer ist zu sagen, wo das Geschäft aufhört und wo die Spekulation anfängt … Ueberall wo Banken sind, ist Kapital leichter und wohlfeiler zu erhalten. Die Wohlfeilheit des Kapitals gibt der Spekulation Vorschub, ganz wie die Wohlfeilheit von Fleisch und Bier der Gefräßigkeit und Trunkenheit Vorschub leistet.“ (p. 137, 138.) „Da die Banken, welche eigne Banknoten ausgeben, stets in diesen Noten zahlen, so kann es scheinen, daß ihr Diskontogeschäft gemacht werde ausschließlich mit dem hierdurch gemachten Kapital, aber dem ist nicht so. Ein Bankier kann sehr wohl alle von ihm diskontirten Wechsel in seinen eignen Noten zahlen, und dennoch können 9 10 der in seinem Besitz befindlichen Wechsel wirkliches Kapital repräsentiren. Denn obgleich er selbst für diese Wechsel nur sein eignes Papiergeld gegeben, braucht dies doch nicht in Cirkulation zu bleiben, bis die Wechsel verfallen. Die Wechsel können drei Monate zu laufen haben, die Noten in drei Tagen zurückkommen.“ (p. 172.) „Das Ueberziehen der Rechnung durch die Kunden ist geregelte Ge ||392|schäftssache. Es ist in der That der Zweck, wofür ein Baarkredit garantirt wird … Baarkredite werden garantirt nicht nur durch persönliche Sicherheit, sondern auch durch Deponirung von Werthpapieren. (p. 174, 175.) Kapital vorgeschossen auf Pfand von Waaren hat dieselbe Wirkung wie wenn vorgeschossen im Diskontiren von Wechseln. Wenn jemand 100 £ auf Sicherheit seiner Waaren borgt, so ist es dasselbe, als hätte er sie für einen Wechsel von 100 £ verkauft und diesen beim Bankier diskontirt. Der Vorschuß aber befähigt ihn seine Waaren für einen bessern Marktstand hinzuhalten und Opfer zu vermeiden, die er sonst hätte machen müssen, um Geld für dringende Zwecke zu erhalten.“ (p. 180, 181.)

7) The Currency Question Reviewed etc., p. 62, 63: „Es ist unstreitig wahr, daß die 1000 £, die ich heute bei A deponire, morgen wieder ausgegeben werden und ein Depositum bei B bilden. Uebermorgen mögen sie, von B wieder ausgegeben, ein Depositum bei C bilden, und so fort ins Unendliche. Dieselben 1000 £ Geld können sich also, durch eine Reihe von Uebertragungen, zu einer absolut unbestimmbaren Summe von Depositen vervielfältigen. Es ist daher möglich, daß neun Zehntel aller Depositen in England gar keine Existenz haben außer in den Bu- chungsposten in den Büchern der Bankiers, die jeder für seinen Theil dafür einstehn … So in Schottland, wo das umlaufende Geld“ ❲obendrein fast nur Papiergeld!❳ „nie über 3 Millionen £, die Depositen 27 Millionen. So lange nun nicht eine allgemeine, plötzliche Rückforderung der Depositen (a run on the banks) eintritt, so können dieselben 1000 £, rückwärts reisend, mit derselben Leichtigkeit eine ebenso unbestimmbare Summe ausgleichen. Da dieselben 1000 £, womit ich heute meine Schuld an einen Geschäftsmann ausgleiche, morgen dessen Schuld an einen andern Kaufmann ausgleichen können, und übermorgen dessen Ausgleichung an die Bank, und so ins Unendliche; so können dieselben 1000 £ von Hand zu Hand und von Bank zu Bank gehn, und jede denkbare Summe von Depositen ausgleichen.“

❲Wir haben gesehn, daß Gilbart schon 1834 wußte: „alles was das Geschäft erleichtert, erleichtert auch die Spekulation, beide sind in vielen Fällen so eng verknüpft, daß es schwer ist, zu sagen, wo das Geschäft aufhört und wo die Spekulation anfängt.“ Je größer die Leichtigkeit, womit Vorschüsse auf unverkaufte Waaren zu erlangen sind, desto mehr solcher Vorschüsse werden aufgenommen, desto größer ist die Versuchung Waaren zu fabriziren oder schon fabricirte auf entfernte Märkte zu schleudern, nur um zunächst Geldvorschüsse darauf zu erhalten. Wie die gesammte Geschäftswelt eines Landes von solchem Schwindel ergriffen werden kann, und wie das dann endet, davon gibt uns die englische Handelsgeschichte von 1845-1847 ein schlagendes Beispiel. Hier sehn wir, was der Kredit leisten kann. Zur Erläuterung der folgenden Beispiele vorher nur einige kurze Bemerkungen.

Ende 1842 begann der Druck zu weichen, der seit 1837 fast ununterbrochen auf der englischen Industrie gelastet hatte. In den beiden folgenden Jahren steigerte sich die Nachfrage des Auslandes nach englischen Industrieprodukten noch mehr; 1845-46 bezeichnete die Periode der höchsten Prosperität. 1843 hatte der Opiumkrieg dem englischen Handel China geöffnet. Der neue ||393| Markt bot einen neuen Vorwand zu der, bereits in vollem Schwung begriffnen Ausdehnung, namentlich der Baumwollindustrie. „Wie können wir je zuviel produciren? Wir haben 300 Millionen Menschen zu kleiden“ – sagte dem Schreiber dieses damals ein Fabrikant in Manchester. Aber alle die neuerrichteten Fabrikgebäude, Dampf- und Spinnmaschinen und Webstühle waren nicht hinreichend, den massenweise hereinströmenden Mehrwerth von Lancashire zu absorbiren. Mit derselben Leidenschaft, womit man die Produktion steigerte, warf man sich auf den Bau von Eisenbahnen; hier fand das Spekulationsgelüst der Fabrikanten und Kaufleute zuerst Befriedigung, und zwar schon seit Sommer 1844. Man zeichnete Aktien so viel man konnte, d. h. soweit das Geld zur Deckung der ersten Einzahlungen reichte; für das weitere wird sich schon Rath finden! Als dann die weiteren Einzahlungen kamen, – nach Frage 1059, C. D. 1848/57, betrug das 1846/47 in Eisenbahnen angelegte Kapital an 75 Millionen £ – mußte der Kredit in Anspruch genommen werden, und das eigentliche Geschäft der Firma mußte meist auch noch bluten.

Und dies eigentliche Geschäft war in den meisten Fällen auch schon überlastet. Die lockenden hohen Profite hatten zu weit ausgedehnteren Operationen verleitet, als die disponiblen flüssigen Mittel rechtfertigten. Aber der Kredit war ja da, leicht erlangbar und wohlfeil obendrein. Der Bankdiskonto stand niedrig: 1844 1 3 4  - 2 3 4  %, 1845 bis Oktober unter 3 %, dann eine kurze Zeit steigend bis 5 % (Febr. 1846), dann wieder fallend bis auf 3 1 4  % im Decbr. 1846. Die Bank hatte in ihren Kellern einen Goldvorrath von unerhörtem Betrag. Alle inländischen Börsenwerthe standen so hoch wie nie vorher. Warum also die schöne Gelegenheit vorbeigehn lassen, warum nicht flott ins Geschirr gehn? Warum nicht den nach englischen Fabrikaten schmachtenden fremden Märkten alle Waaren zuschicken, die man nur fabriciren konnte? Und warum sollte nicht der Fabrikant selbst den doppelten Gewinn einheimsen, der aus dem Verkauf des Garns und Gewebes im fernen Osten, und aus dem Verkauf der dafür erhaltenen Rückfracht in England erwuchs?

So entstand das System der massenhaften Konsignationen, gegen Vorschuß, nach Indien und China, das sehr bald sich fortentwickelte zu einem System von Konsignationen, bloß um des Vorschusses willen, wie es in den nachfolgenden Noten im Einzelnen geschildert ist, und wie es mit Nothwendigkeit enden mußte in massenhafter Ueberführung der Märkte und im Krach. |

|394| Dieser Krach kam zum Ausbruch in Folge der Mißernte von 1846. England und besonders Irland bedurften enormer Zufuhren von Lebensmitteln, namentlich Korn und Kartoffeln. Aber die Länder, die diese lieferten, konnten nur zum allergeringsten Theil in englischen Industrieprodukten dafür bezahlt werden; man mußte Edelmetall in Zahlung geben; Gold für mindestens 9 Millionen ging ins Ausland. Von diesem Gold kamen volle 7 1 2 Millionen aus dem Baarschatz der Bank von England, deren Bewegungsfreiheit auf dem Geldmarkt dadurch empfindlich gelähmt wurde; die übrigen Banken, deren Reserven bei der Bank von England liegen, thatsächlich mit der Reserve dieser Bank identisch sind, mußten nun ebenfalls ihre Geldakkommodation einschränken; der rasch und leicht dahin strömende Fluß der Zahlungen gerieth ins Stokken, erst hier und da, dann allgemein. Der Bankdiskonto, im Januar 1847 noch 3-3 1 2  %, stieg im April, wo die erste Panik losbrach, auf 7 %; dann kam, im Sommer, nochmals eine vorübergehende kleine Erleichterung (6,5, 6 %), als aber auch die neue Ernte mißrieth, brach die Panik aufs neue und heftiger los. Der offizielle Minimal-Diskonto der Bank stieg im Oktober auf 7, im November auf 10 %, d. h. die weitaus größte Mehrzahl der Wechsel wurde nur gegen kolossale Wucherzinsen, oder überhaupt nicht mehr diskontirbar; die allgemeine Zahlungsstockung brachte eine Reihe der ersten Häuser und viele, viele mittlere und kleine zum Bankrott; die Bank selbst war in Gefahr, in Folge der ihr durch den pfiffigen Bankakt von 1844 auferlegten Beschränkungen falliren zu müssen – da suspendirte, auf allgemeines Andringen, die Regierung am 25. Oktober den Bankakt und entfernte damit die der Bank auferlegten absurden gesetzlichen Fesseln. Nun konnte sie ihren Notenschatz ungehindert in Cirkulation setzen; da der Kredit dieser Banknoten thatsächlich durch den Kredit der Nation garantirt, also unerschüttert war, trat damit sofort die entscheidende Erleichterung der Geldklemme ein; natürlich fallirten noch eine Menge großer und kleiner, hoffnungslos festgerittner Firmen, aber der Höhepunkt der Krise war überwunden, der Bank-Diskonto fiel im September wieder auf 5 %, und schon im Laufe von 1848 bereitete sich jene erneuerte Geschäftsthätigkeit vor, die den revolutionären Bewegungen des Kontinents im Jahre 1849 die Spitze abbrach, und die in den fünfziger Jahren zuerst eine bis dahin unerhörte industrielle Prosperität herbeiführte, dann aber auch – den Krach von 1857. – F. E.❳

I. Ueber die kolossale Entwerthung von Staatspapieren und Aktien ||395|während der Krise 1847 gibt ein vom House of Lords 1848 herausgegebnes Aktenstück Aufschluß. Danach betrug der Werthfall am 23. Oktober 1847 verglichen mit dem Stand vom Februar desselben Jahres:

Auf englische Staatspapiere£ 93 824 217
" Dock- und Kanalaktien" 1 358 288
" Eisenbahnaktien" 19 579 820
Zusammen:  £ 114 762 325

II. Ueber den Schwindel im ostindischen Geschäft, wo man nicht mehr Wechsel zog, weil Waare gekauft worden war, sondern Waaren kaufte, um diskontirbare, in Geld umsetzbare Wechsel ziehen zu können, heißt es im Manchester Guardian vom 24. Novbr. 1848:

A in London läßt durch B beim Fabrikanten C in Manchester Waaren zur Verschiffung an D in Ostindien kaufen. B zahlt C in Sechsmonats-Wechseln, gezogen von C auf B. Er deckt sich ebenfalls durch Sechsmonats-Wechsel auf A. Sobald die Waare verschifft, zieht A, gegen den eingesandten Ladeschein, ebenfalls Sechsmonats-Wechsel auf D. „Käufer und Versender sind also beide im Besitz von Fonds, viele Monate ehe sie die Waaren wirklich bezahlen; und sehr gewöhnlich wurden diese Wechsel bei Verfall erneuert unter dem Vorwand, Zeit für den Rückfluß zu geben bei einem so langathmigen Geschäft. Leider aber führten Verluste in einem solchen Geschäft nicht zu seiner Einschränkung, sondern gradezu zu seiner Ausdehnung. Je ärmer die Betheiligten wurden, desto größer ihr Bedürfniß zu kaufen, um dadurch in neuen Vorschüssen Ersatz für das in den vorigen Spekulationen verlorne Kapital zu finden. Die Einkäufe wurden nun nicht mehr regulirt durch Nachfrage und Zufuhr, sie wurden der wichtigste Theil der Finanzoperationen einer festgerittnen Firma. Aber das ist nur die eine Seite. Wie mit dem Export von Manufakturwaaren hier, so ging es mit dem Einkauf und Verschiffen von Produkten drüben. Häuser in Indien, die Kredit genug hatten, ihre Wechsel diskontirt zu bekommen, kauften Zucker, Indigo, Seide oder Baumwolle – nicht weil die Einkaufspreise, gegen die letzten Londoner Preise, einen Profit versprachen, sondern weil frühere Tratten auf das Londoner Haus bald fällig wurden und gedeckt werden mußten. Was war einfacher, als eine Ladung Zucker zu kaufen, sie in Zehnmonats-Wechseln auf das Londoner Haus zu bezahlen und die Ladescheine mit der Ueberlandpost nach London zu schikken? Weniger als zwei Monate nachher waren die Ladescheine dieser kaum verschifften Waaren, und damit die Waaren selbst, in Lombard Street verpfändet, und das Londoner Haus kam zu Geld, acht Monate vor Verfall der dagegen gezognen Wechsel. Und alles das ging flott, ohne Unterbrechung oder Schwierigkeit, solange die Diskonthäuser Geld im Ueberfluß fanden, um es auf Ladescheine und Dockwarrants vorzuschießen, und bis zu unbegrenzten Beträgen die Wechsel indischer Häuser auf ‚feine‛ Firmen in Mincing Lane zu diskontiren.“

❲Diese Schwindelprocedur blieb im Schwang, solange die Waaren von und nach Indien das Kap umsegeln mußten. Seitdem sie durch den Suezkanal gehn, und zwar mit Dampfschiffen, ist dieser Methode, fiktives Kapital zu fabriciren, die Grundlage entzogen: die lange Reisezeit der Waaren. Und seitdem der Telegraph den Stand des indischen Markts dem englischen Geschäftsmann und den Stand des englischen Marktes dem indischen Händler noch am selben Tag bekannt gab, wurde diese Methode vollends unmöglich. – F. E.❳

III. Das Folgende ist aus dem schon citirten Bericht Commercial Distress, 1847-48: „In der letzten Aprilwoche 1847 zeigte die Bank von England der Royal Bank of Liverpool an, daß sie von nun an ihr Diskontogeschäft mit der letztren auf die Hälfte des Betrags herabsetzen werde. Diese Mittheilung wirkte sehr schlimm, weil die Zahlungen in Liverpool letzthin weit ||396| mehr in Wechseln als in Baar erfolgten; und weil die Kaufleute, die der Bank gewöhnlich viel baares Geld brachten, um damit ihre Accepte zu zahlen, in der letzten Zeit nur Wechsel bringen konnten, die sie selbst für ihre Baumwolle und andre Produkte erhalten hatten. Dies hatte stark zugenommen und damit die Geschäftsschwierigkeit. Die Accepte, die die Bank für die Kaufleute zu zahlen hatte, waren meistens auswärts gezogen, und waren bisher meist ausgeglichen worden durch die für die Produkte erhaltne Zahlung. Die Wechsel, die die Kaufleute jetzt brachten, statt des frühern Baargelds, waren Wechsel von verschiedner Laufzeit und verschiedner Art, eine beträchtliche Zahl Bankwechsel auf drei Monate dato, die große Masse waren Wechsel gegen Baumwolle. Diese Wechsel waren acceptirt, wenn Bankwechsel, durch Londoner Bankiers, sonst aber durch Kaufleute aller Art, im brasilischen, amerikanischen, kanadischen, westindischen u. s. w. Geschäft. … Die Kaufleute zogen nicht aufeinander, sondern die Kunden im Inlande, die Produkte in Liverpool gekauft hatten, deckten sie in Wechseln auf Londoner Banken, oder in Wechseln auf sonstige Häuser in London, oder in Wechseln auf irgend jemand. Die Ankündigung der Bank von England verursachte, daß für Wechsel gegen verkaufte fremde Produkte die Laufzeit abgekürzt wurde, die sonst häufig über drei Monate war.“ (p. 26, 27.)

Die Prosperitätsperiode 1844-47 in England war, wie oben geschildert, verknüpft mit dem ersten großen Eisenbahnschwindel. Ueber dessen Wirkung auf das Geschäft im allgemeinen hat der angeführte Bericht Folgendes: „Im April 1847 hatten fast alle kaufmännischen Häuser angefangen, ihr Geschäft mehr oder weniger auszuhungern (to starve their business), durch Anlage eines Theils ihres Handelskapitals in Eisenbahnen (p. 41). – Es wurden auch Anleihen zu hohem Zinsfuß, z. B. 8 %, aufgenommen auf Eisenbahnaktien bei Privatleuten, Bankiers und Assekuranzgesellschaften. (p. 66.) Diese so großen Vorschüsse dieser Geschäftshäuser an die Eisenbahnen veranlaßten sie wiederum, bei den Banken zuviel Kapital vermittelst Wechseldiskontos aufzunehmen, um damit ihr eignes Geschäft fortzuführen. (p. 67.) – (Frage:) Würden Sie sagen, daß die Einzahlungen auf Eisenbahnaktien viel beitrugen zu dem Druck, der“ ❲auf dem Geldmarkt❳ „im April und Oktober“ ❲1847❳ „herrschte?“ (Antwort:) „Ich glaube, daß sie kaum irgend etwas beitrugen zu dem Druck im April. Nach meiner Ansicht hatten sie bis in den April, und vielleicht bis in den Sommer hinein, die Bankiers eher gestärkt als geschwächt. Denn die wirkliche Verwendung des Geldes erfolgte durchaus nicht ebenso rasch wie die Einzahlungen; in Folge davon hatten die meisten Banken im Anfang des Jahrs einen ziemlich großen Betrag von Eisenbahnfonds in ihrer Hand.“ ❲Dies wird bestätigt durch zahlreiche Aussagen von Bankiers im C. D. 1848/57.❳ „Dieser schmolz im Sommer allmälig zusammen und war am 31. December wesentlich geringer. Eine Ursache des Drucks im Oktober war die allmälige Abnahme der Eisenbahnfonds in den Händen der Banken; zwischen dem 22. April und dem 31. December verminderten sich die Eisenbahnsaldos in unsrer Hand um eindrittel. Diese Wirkung hatten die Eisenbahn-Einzahlungen in ganz Großbritannien; sie haben nach und nach die Depositen der Banken abgezapft.“ (p. 43, 44.) – So sagt auch Samuel Gurney (Chef der berüchtigten Firma Overend Gurney & Co.): „1846 war bedeutend größre Nachfrage nach Kapital für Eisenbahnen, hob aber nicht den Zinsfuß. Es fand eine Kondensation kleinerer Summen zu größern Massen statt, und diese großen Massen wurden in unserm Markt verbraucht; sodaß im ganzen die Wirkung die war, mehr Geld auf den Geldmarkt der City zu werfen, nicht so sehr es herauszunehmen.“

A. Hodgson, Direktor der Liverpool Joint Stock Bank zeigt, wie sehr Wechsel die Reserve für Bankiers bilden können: „Es war unsre Gewohnheit ||397|mindestens 9 10 aller unsrer Depositen und alles Geld, das wir von andren Personen erhielten, in unserm Portefeuille zu halten in Wechseln, die von Tag zu Tag verfallen … so sehr, daß während der Zeit der Krise der Ertrag der täglich verfallenden Wechsel fast dem Betrag der täglich an uns gemachten Zahlungsforderungen gleichkam.“ (p. 53.)

Spekulationswechsel. – No. 5092. „Von wem waren die Wechsel (gegen verkaufte Baumwolle) hauptsächlich acceptirt?“ – ❲R. Gardner, der in diesem Werk mehr genannte Baumwollfabrikant:❳ „Von Waarenmaklern; ein Händler kauft Baumwolle, übergibt sie einem Makler, zieht auf diesen Makler, und läßt die Wechsel diskontiren. – No. 5094. Und diese Wechsel gehn zu den Liverpooler Banken und werden dort diskontirt? – Jawohl und auch sonst wo … Hätte nicht diese Akkommodation bestanden, die hauptsächlich von Liverpooler Banken bewilligt wurde, so wäre nach meiner Ansicht Baumwolle im vorigen Jahr um 1 1 2 d oder 2 d per Pfund wohlfeiler gewesen.“ – No. 600. „Sie sagten, eine ungeheure Anzahl Wechsel hätten cirkulirt, gezogen von Spekulanten auf Baumwollmakler in Liverpool; gilt dasselbe von Ihren Vorschüssen auf Wechsel gegen andre Kolonialprodukte außer Baumwolle?“ – ❲A. Hodgson, Bankier in Liverpool:❳ „Es bezieht sich auf alle Arten Kolonialprodukte, aber ganz besonders auf Baumwolle. No. 601. Suchen Sie als Bankier sich diese Art Wechsel fern zu halten? – Keineswegs; wir betrachten sie als ganz regelmäßige Wechsel, wenn in mäßiger Menge gehalten … Diese Art Wechsel werden oft verlängert.“

Schwindel im ostindisch-chinesischen Markt 1847. – Charles Turner (Chef einer der ersten ostindischen Firmen in Liverpool): „Wir alle kennen die Vorfälle, die in Beziehung auf das Geschäft nach Mauritius und in ähnlichen Geschäften stattgefunden haben. Die Makler waren gewohnt, Vorschüsse zu machen auf Waaren, nicht nur nach ihrer Ankunft, zur Deckung der gegen diese Waaren gezognen Wechsel, was vollständig in der Ordnung ist, und Vorschüsse auf Ladescheine … sondern sie haben Vorschüsse gemacht auf das Produkt, ehe es verschifft, und in einigen Fällen ehe es fabrizirt war. Ich z. B. hatte in einem Specialfall in Kalkutta Wechsel gekauft für 6-7000 £; der Erlös für diese Wechsel ging nach Mauritius um dort Zucker pflanzen zu helfen; die Wechsel kamen nach England, und über die Hälfte davon wurden protestirt; dann, als die Verschiffungen von Zucker endlich ankamen, aus denen diese Wechsel bezahlt werden sollten, da fand sich, daß dieser Zucker bereits an dritte Personen verpfändet war, ehe er verschifft, ja in der That fast schon ehe er gesotten war. (p. 78.) Die Waaren für den ostindischen Markt müssen jetzt dem Fabrikanten baar bezahlt werden; aber das hat nicht viel zu sagen, denn wenn der Käufer einigen Kredit in London hat, so zieht er auf London und diskontirt den Wechsel in London, wo der Diskonto jetzt niedrig steht; er bezahlt den Fabrikanten mit dem so erhaltnen Geld … es dauert mindestens zwölf Monate, bis ein Verschiffer von Waaren nach Indien seine Retouren von dort bekommen kann; … ein Mann mit 10 oder 15 000 £, der in's indische Geschäft geht, würde sich einen Kredit zu einer beträchtlichen Summe bei einem Londoner Hause ausmachen; diesem Hause würde er 1 % geben und auf es ziehn, gegen die Bedingung, daß der Erlös der nach Indien gesandten Waaren an dies Londoner Haus geschickt wird; wobei aber beide Theile stillschweigend einverstanden sind, daß das Londoner Haus keinen wirklichen Baarvorschuß zu leisten hat; d. h. die Wechsel werden prolongirt bis die Retouren ankommen. Die Wechsel wurden diskontirt in Liverpool, Manchester, London, manche von ihnen sind im Besitz von schottischen Banken. (p. 79.) – No. 730. Da ist ein Haus, das neulich in London fallirte; bei Prüfung der Bücher entdeckte man Folgendes: Hier ist eine Firma in Manchester, und eine andre in Kalkutta; sie eröffneten einen Kredit bei dem ||398| Londoner Haus für 200 000 £; d. h. die Geschäftsfreunde dieser Manchester-Firma, die dem Hause in Kalkutta von Glasgow und Manchester Waaren auf Konsignation schickten, trassirten auf das Londoner Haus bis zum Betrage von 200 000 £; gleichzeitig war die Verabredung, daß das Kalkutta-Haus auf das Londoner Haus auch 200 000 £ zieht; diese Wechsel wurden in Kalkutta verkauft, mit dem Ertrag andre Wechsel gekauft, und diese wurden nach London geschickt, um das dortige Haus zu befähigen die ersten von Glasgow oder Manchester gezognen Wechsel zu bezahlen. So wurden durch dieses eine Geschäft Wechsel für 600 000 £ in die Welt gesetzt. – No. 971. Gegenwärtig, wenn ein Haus in Kalkutta eine Schiffsladung kauft“ ❲für England❳ „und sie mit ihren eignen Tratten auf ihren Londoner Korrespondenten bezahlt, und die Ladescheine hierher gesandt werden, so werden diese Ladescheine sofort für sie benutzbar zur Erhebung von Vorschüssen in Lombard Street; also haben sie acht Monate Zeit, worin sie das Geld benutzen können ehe ihre Korrespondenten die Wechsel zu zahlen haben.“ –

IV. Im Jahr 1848 saß ein geheimer Ausschuß des Oberhauses zur Untersuchung der Ursachen der Krise von 1847. Die von diesem Ausschuß abgelegten Zeugenaussagen wurden jedoch erst 1857 veröffentlicht (Minutes of Evidence, taken before the Secret Committee of the H. of L. appointed to inquire into the Causes of Distress etc. 1857; citirt als: C. D. 1848/57). Hier sagte Herr Lister, Dirigent der Union Bank of Liverpool unter andrem aus:

„2444. Es bestand, Frühjahr 1847, eine ungehörige Ausdehnung des Kredits … weil Geschäftsleute ihr Kapital vom Geschäft auf Eisenbahnen übertrugen, und doch das Geschäft in der alten Ausdehnung fortführen wollten. Jeder glaubte wahrscheinlich zuerst, er könne die Eisenbahnaktien mit Profit verkaufen, und so das Geld im Geschäft ersetzen. Er fand vielleicht, daß das nicht möglich war, und nahm so Kredit in seinem Geschäft, wo er früher baar bezahlt hatte. Hieraus entsprang eine Kreditausdehnung.“

„2500. Diese Wechsel, worauf die Banken, die sie übernommen hatten, Verluste erlitten, waren dies Wechsel hauptsächlich gegen Korn oder gegen Baumwolle? … Es waren Wechsel gegen Produkte aller Art, Korn, Baumwolle und Zucker, und Produkte aller Art. Es gab damals fast nichts, Oel vielleicht ausgenommen, das nicht im Preise fiel. – 2506. Ein Makler der einen Wechsel acceptirt, acceptirt ihn nicht ohne hinreichend gedeckt zu sein, auch gegen einen Preisfall der Waare, die als Deckung dient.“

„2512. Gegen Produkte werden zweierlei Wechsel gezogen. Zur ersten Art gehört der ursprüngliche Wechsel, der von drüben auf den Importeur gezogen wird … Die Wechsel, die so gegen Produkte gezogen werden, verfallen häufig, ehe die Produkte ankommen. Der Kaufmann muß deshalb, wenn die Waare ankommt und er nicht hinreichend Kapital hat, sie beim Makler verpfänden, bis er sie verkaufen kann. Dann wird sofort ein Wechsel der andern Art vom Liverpooler Kaufmann auf den Makler gezogen, auf Sicherheit jener Waare … es wird dann die Sache des Bankiers, sich beim Makler zu vergewissern, ob er die Waare hat, und wie weit er darauf vorgeschossen hat. Er muß sich überzeugen, daß der Makler Deckung hat, um sich im Fall eines Verlustes zu erholen.“

„2516. Wir bekommen auch Wechsel vom Ausland … Jemand kauft drüben einen Wechsel auf England, und schickt ihn an ein Haus in England; wir können dem Wechsel nicht ansehn, ob er verständig oder unverständig gezogen ist, ob er Produkte oder Wind repräsentirt.“

„2533. Sie sagten, daß auswärtige Produkte fast aller Art mit großem Verlust verkauft wurden. Glauben Sie, daß das der Fall war in Folge ungerechtfertigter Spekulation in diesen Produkten? – Es entsprang aus einer sehr großen Einfuhr, während keine entsprechende Konsumtion bestand, um sie wegzuführen. Nach allem Anschein fiel die Konsumtion sehr bedeutend. – 2537. Im Oktober … waren Produkte fast unverkäuflich.“ |

|399| Wie auf der Höhe des Krachs sich ein allgemeines sauve qui peut entwikkelt, darüber spricht sich im selben Bericht ein Kenner ersten Ranges aus, der würdige geriebene Quäker Samuel Gurney von Overend Gurney & Co.: „1262. Wenn eine Panik herrscht, so fragt ein Geschäftsmann sich nicht, wie hoch er seine Banknoten anlegen kann, oder ob er 1 oder 2 % beim Verkauf seiner Schatzscheine oder Dreiprozentigen verlieren wird. Ist er einmal unter dem Einfluß des Schreckens, so liegt ihm nichts an Gewinn oder Verlust; er bringt sich selbst in Sicherheit, die übrige Welt mag thun was sie will.“

V. Ueber die wechselseitige Ueberführung zweier Märkte sagt Herr Alexander, Kaufmann im ostindischen Geschäft, vor dem Unterhaus-Ausschuß über die Bankakte 1857 (citirt als B. C. 1857): „4330. Augenblicklich, wenn ich in Manchester 6 Schill. auslege, bekomme ich 5 Schill. in Indien zurück; wenn ich 6 Schill. in Indien auslege, bekomme ich 5 Schill. in London zurück.“ Sodaß also der indische Markt durch England, und der englische durch Indien gleichmäßig überführt worden ist. Und zwar war dies der Fall im Sommer 1857, kaum zehn Jahre nach der bittern Erfahrung von 1847!

Quelle: MEGA II/15: Das Kapital Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band, Seite 389-405