MEGA/II/15/MEGA2-II-15-0433.html

ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Umlaufsmittel und Kapital; Tooke's und Fullarton's Auffassung.

Der Unterschied zwischen Cirkulation und Kapital, wie ihn Tooke89), Wilson und andre machen, und wobei die Unterschiede zwischen Cirkulationsmittel als Geld, als Geldkapital überhaupt und ||430| als zinstragendes Kapital (moneyed capital im englischen Sinn) kunterbunt durcheinander geworfen werden, kommen auf zweierlei hinaus.

Das Cirkulationsmittel cirkulirt einerseits als Münze (Geld), soweit es Verausgabung von Revenue vermittelt, also den Verkehr zwischen den individuellen Konsumenten und den Kleinhändlern, unter welche Kategorie alle Kaufleute zu rechnen sind, die an die Konsumenten verkaufen an die individuellen Konsumenten im Unterschied von den produktiven Konsumenten oder Producenten. Hier cirkulirt das Geld in der Funktion der Münze, obgleich es beständig Kapital ersetzt. Ein gewisser Theil des Geldes in einem Lande ist beständig dieser Funktion gewidmet, obgleich dieser Theil aus beständig wechselnden einzelnen Geldstücken besteht. Dagegen, soweit das Geld Uebertragung von Kapital vermittelt, sei es als Kaufmittel (Cirkulationsmittel), sei es als Zahlungsmittel, ist es Kapital. Es ist also weder die Funktion als Kaufmittel, noch die als Zahlungsmittel, die es von der Münze unterscheidet, denn auch zwischen Händler und Händler kann es als Kaufmittel fungiren, soweit sie gegen baar von einander kaufen, und auch zwischen Händler und Konsument kann es als Zahlungsmittel figuriren, soweit Kredit gegeben und die Revenue erst verzehrt und dann bezahlt wird. Der Unterschied ist also der, daß im zweiten Fall dies Geld nicht nur Kapital für die eine Seite, den Verkäufer, ersetzt, sondern auch von der andern Seite, vom Käufer, als Kapital verausgabt, vorgeschossen wird. Der Unterschied ist also in der That der von Geldform der Revenue und Geldform des Kapitals, aber nicht der von Cirkulation und Kapital, denn als Vermittler zwischen den Händlern, ebensogut wie als Vermittler zwischen Konsumenten und Händlern, cir- kulirt ein seiner Menge nach bestimmter Theil des Geldes, und Cirkula- tion ist es demzufolge in beiden Funktionen gleichmäßig. Es kommt nun bei der Auffassung Tooke's Konfusion verschiedner Art herein:

1) Durch die Verwechslung der funktionellen Bestimmungen;

2) durch die Einmischung der Frage über die Quantität des, in beiden Funktionen zusammen genommen, cirkulirenden Geldes;

3) durch Einmischung der Frage über die relativen Verhältnisse der in beiden Funktionen, und daher in beiden Sphären des Reproduktionsprocesses, cirkulirenden Mengen von Umlaufsmitteln, zu einander.

Ad 1), die Verwechslung der funktionellen Bestimmungen, daß ||431| das Geld in der einen Form Cirkulation (currency) und in der andern Form Kapital ist. Soweit das Geld in der einen oder andern Funktion dient, sei es zur Realisirung von Revenue oder zur Uebertragung von Kapital, fungirt es im Kauf und Verkauf oder im Zahlen, als Kaufmittel oder Zahlungsmittel, und im weitern Sinn des Worts als Cirkulationsmittel. Die weitere Bestimmung, die es in der Rechnung seines Ausgebers oder Empfängers hat, daß es ihm Kapital oder Revenue vorstellt, ändert hieran absolut nichts, und es zeigt sich dies auch doppelt. Obgleich die Geldsorten, die in beiden Sphären cirkuliren, verschieden sind, so geht dasselbe Geldstück, z. B. eine Fünfpfundnote, aus der einen Sphäre in die andre über, und vollzieht abwechselnd beide Funktionen; was schon deswegen unvermeidlich ist, weil der Kleinhändler seinem Kapital die Geldform allein geben kann in der Form der Münze, die er von seinen Käufern erhält. Man kann annehmen, daß die eigentliche Scheidemünze ihren Cirkulationsschwerpunkt im Gebiet des Kleinhandels hat; der Kleinhändler braucht sie beständig zum Auswechseln und erhält sie beständig in Zahlung von seinen Kunden zurück. Er erhält aber auch Geld, d. h. Münze in dem Metall, das Werthmesser ist, also in England Pfundstücke und selbst Banknoten, namentlich Noten zu niedrigen Beträgen, also z. B. von 5 und 10 Pfund. Diese Goldstücke und Noten, nebst etwa überschüssiger Scheidemünze, deponirt er jeden Tag oder jede Woche bei seiner Bank und zahlt damit, durch Anweisung auf sein Bankdepositum, seine Einkäufe. Aber dieselben Goldstücke und Noten werden ebenso beständig vom ganzen Publikum, in seiner Eigenschaft als Konsument, als Geldform seiner Revenue, den Banken wieder direkt oder indirekt (z. B. Kleingeld durch Fabrikanten zur Lohnzahlung) entzogen, und fließen beständig den Kleinhändlern zurück, denen sie so einen Theil ihres Kapitals, aber gleichzeitig auch ihrer Revenue aufs neue realisiren. Dieser letztere Umstand ist wichtig und wird von Tooke ganz übersehn. Nur sobald das Geld als Geldkapital ausgelegt wird, am Anfang des Reproduktionsprocesses (Buch II, Abschnitt I) existirt der Kapitalwerth rein als solcher. Denn in der producirten Waare steckt nicht nur Kapital, sondern auch schon der Mehrwerth; sie ist nicht nur Kapital an sich, sondern schon gewordenes Kapital, Kapital mit der ihm einverleibten Revenuequelle. Was der Kleinhändler für das ihm zurückfließende Geld weggibt, seine Waare, ist also für ihn Kapital plus Profit, Kapital plus Revenue. |

|432| Ferner aber, indem das cirkulirende Geld dem Kleinhändler zurückfließt, stellt es die Geldform seines Kapitals wieder her.

Den Unterschied zwischen der Cirkulation als Cirkulation von Revenue und als Cirkulation von Kapital in einen Unterschied zwischen Cirkulation und Kapital verwandeln, ist also durchaus verkehrt. Diese Redeweise entspringt bei Tooke daraus, daß er sich einfach auf den Standpunkt des Bankiers stellt, der eigne Banknoten ausgibt. Der Betrag seiner Noten, der sich beständig (wenn auch stets aus andern Noten bestehend), in der Hand des Publikums befindet und als Cirkulationsmittel fungirt, kostet ihm nichts außer Papier und Druck. Es sind auf ihn selbst ausgestellte cirkulirende Schuldscheine (Wechsel), die ihm aber Geld einbringen und so als ein Mittel zur Verwerthung seines Kapitals dienen. Sie sind aber von seinem Kapital verschieden, sei dies nun eignes oder aufgenommnes. Daher entspringt für ihn ein specieller Unterschied von Cirkulation und Kapital, der aber mit den Begriffsbestimmungen als solchen nichts zu thun hat, am wenigsten mit den eben von Tooke gemachten.

Die verschiedne Bestimmtheit – ob es als Geldform der Revenue oder des Kapitals fungirt – ändert zunächst nichts an dem Charakter des Geldes als Cirkulationsmittel; diesen Charakter behält es, ob es die eine oder die andre Funktion verrichtet. Allerdings fungirt das Geld, wenn es als Geldform der Revenue auftritt, mehr als eigentliches Cirkulationsmittel (Münze, Kaufmittel), wegen der Zersplitterung dieser Käufe und Verkäufe, und weil die Mehrzahl der Revenue-Ausgebenden, die Arbeiter, relativ wenig auf Kredit kaufen können; während im Verkehr der Handelswelt, wo das Umlaufsmittel Geldform des Kapitals ist, theils wegen der Koncentration, theils wegen des vorherrschenden Kreditsystems das Geld hauptsächlich als Zahlungsmittel fungirt. Aber der Unterschied des Geldes als Zahlungsmittel vom Geld als Kaufmittel (Cirkulationsmittel) ist eine dem Geld selbst zukommende Unterscheidung; nicht ein Unterschied zwischen Geld und Kapital. Weil im Kleinhandel mehr Kupfer und Silber, im großen mehr Gold cirkulirt, ist der Unterschied zwischen Silber und Kupfer auf der einen und von Gold auf der andren Seite, nicht der Unterschied von Cirkulation und Kapital.

Ad 2) Einmischung der Frage über die Quantität des, in beiden Funktionen zusammen, cirkulirenden Geldes: Soweit das Geld cirkulirt, sei es als Kaufmittel, sei es als Zahlungsmittel – einerlei in welcher der beiden Sphären, und unabhängig von seiner Funktion, ||433| Revenue oder Kapital zu realisiren – gelten für die Quantität seiner cirkulirenden Masse, die früher, bei Betrachtung der einfachen Waarencirkulation, Buch I, Kap. III, 2 b, entwickelten Gesetze. Der Grad der Cirkulationsgeschwindigkeit, also die Anzahl der Wiederholungen derselben Funktion als Kauf- und Zahlungsmittel durch dieselben Geldstücke in einem gegebnen Zeitraum, die Masse der gleichzeitigen Käufe und Verkäufe, resp. Zahlungen, die Preissumme der cirkulirenden Waaren, endlich die Zahlungsbilanzen, die in derselben Zeit zu saldiren sind, bestimmen in beiden Fällen die Masse des cirkulirenden Geldes, der currency. Ob das so fungirende Geld für Zahler oder Empfänger Kapital oder Revenue vorstellt, ist gleichgültig, ändert absolut nichts an der Sache. Seine Masse wird bestimmt einfach durch seine Funktion als Kauf- und Zahlungsmittel.

Ad 3) – Zur Frage über die relativen Verhältnisse der in beiden Funktionen, und daher in beiden Sphären des Reproduktionsprocesses cirkulirenden Mengen von Umlaufsmitteln. Beide Cirkulationssphären stehn in einem innern Zusammenhang, indem einerseits die Masse der zu verausgabenden Revenuen den Umfang der Konsumtion, und andrerseits die Größe der in Produktion und Handel cirkulirenden Kapitalmassen den Umfang und die Geschwindigkeit des Reproduktionsprocesses ausdrücken. Trotzdem wirken dieselben Umstände verschieden, und selbst in entgegengesetzter Richtung, auf die Quanta der in beiden Funktionen oder Sphären cirkulirenden Geldmassen oder auf die Quantitäten der Cirkulation, wie die Engländer dies bankmäßig ausdrücken. Und dies gibt neuen Anlaß zu der abgeschmackten Distinktion Tooke's von Cirkulation und Kapital. Der Umstand, daß die Herren von der Currency-Theorie zwei disparate Dinge verwechseln, ist durchaus kein Grund, um sie als Begriffsunterschiede darzustellen.

In Zeiten der Prosperität, großer Expansion, Beschleunigung und Energie des Reproduktionsprocesses, sind die Arbeiter voll beschäftigt. Meist tritt auch Steigen des Lohns ein und gleicht das Fallen desselben unter das Durchschnittsniveau in den andern Perioden des kommerziellen Cyklus einigermaßen aus. Gleichzeitig wachsen die Revenuen der Kapitalisten bedeutend. Die Konsumtion steigt allgemein. Die Waarenpreise steigen ebenfalls regelmäßig, wenigstens in verschiednen entscheidenden Geschäftszweigen. In Folge dessen wächst das Quantum des cirkulirenden Geldes wenigstens innerhalb gewisser Grenzen, indem die größere Umlaufsgeschwindigkeit dem Wachsen der Masse des umlaufenden Mittels ihrerseits ||434| Schranken setzt. Da der Theil der gesellschaftlichen Revenue, der aus Arbeitslohn besteht, ursprünglich vom industriellen Kapitalisten in der Form von variablem Kapital, und stets in Geldform vorgeschossen wird, bedarf er in Zeiten der Prosperität mehr Geld zu seiner Cirkulation. Aber wir dürfen dies nicht zweimal rechnen: einmal als Geld, nöthig zur Cirkulation des variablen Kapitals, und noch einmal als Geld, nöthig zur Cirkulation der Revenue der Arbeiter. Das den Arbeitern als Lohn ausgezahlte Geld wird im Kleinverkehr verausgabt und kehrt so ziemlich wöchentlich als Depositum der Kleinhändler zu den Banken zurück, nachdem es in kleinern Kreisläufen noch allerlei Zwischengeschäfte vermittelt hat. In Zeiten der Prosperität wickelt sich der Rückfluß des Geldes für die industriellen Kapitalisten glatt ab, und so steigt ihr Bedürfniß für Geldakkommodation nicht dadurch, daß sie mehr Arbeitslohn zu zahlen haben, mehr Geld zur Cirkulation ihres variablen Kapitals bedürfen.

Das Gesammtresultat ist, daß in Perioden der Prosperität die Masse der Umlaufsmittel, die zur Verausgabung von Revenue dient, entschieden wächst.

Was nun die Cirkulation betrifft, die zum Uebertrag von Kapital, also nur zwischen den Kapitalisten selbst nöthig ist, so ist diese flotte Geschäftszeit zugleich die Periode des elastischsten und leichtesten Kredits. Die Geschwindigkeit der Cirkulation zwischen Kapitalist und Kapitalist ist direkt durch den Kredit regulirt, und die Masse des Cirkulationsmittels, die zur Saldirung der Zahlungen und selbst zu Baarkäufen erheischt ist, nimmt also verhältnißmäßig ab. Sie mag sich absolut ausdehnen, aber sie nimmt unter allen Umständen relativ ab, verglichen mit der Expansion des Reproduktionsprocesses. Einerseits werden größere Massenzahlungen ohne alle Dazwischenkunft von Geld liquidirt; andrerseits, bei der großen Lebendigkeit des Processes, herrscht raschere Bewegung derselben Geldquanta, sowohl als Kauf- wie als Zahlungsmittel. Dieselbe Geldmasse vermittelt den Rückfluß einer größern Anzahl von Einzelkapitalen.

Im ganzen erscheint in solchen Perioden der Geldumlauf vollgefüllt (full), obgleich Theil II (Kapitalübertragung) sich wenigstens relativ kontrahirt, während Theil I (Revenueausgabe) sich absolut ausdehnt.

Die Rückflüsse drücken die Rückverwandlung des Waarenkapitals in Geld aus, G–W–G′, wie man bei Betrachtung des Reproduktionsprocesses, Buch II, Abschnitt I gesehn hat. Der Kredit macht ||435| den Rückfluß in Geldform unabhängig vom Zeitpunkt des wirklichen Rückflusses, sei es für den industriellen Kapitalisten, sei es für den Kaufmann. Jeder von beiden verkauft auf Kredit; seine Waare ist also veräußert, bevor sie sich für ihn in Geld rückverwandelt, also zu ihm selbst in Geldform zurückgeflossen ist. Andrerseits kauft er auf Kredit, und so hat sich der Werth seiner Waare für ihn rückverwandelt, sei es in produktives Kapital, sei es in Waarenkapital, schon bevor dieser Werth wirklich in Geld verwandelt worden, bevor der Waarenpreis verfallen und bezahlt ist. In solchen Zeiten der Prosperität wickelt sich der Rückfluß leicht und glatt ab. Der Kleinhändler zahlt mit Sicherheit dem Großhändler, dieser dem Fabrikanten, dieser dem Importeur des Rohstoffs etc. Der Schein rascher und sicherer Rückflüsse hält sich immer für längre Zeit, nachdem deren Wirklichkeit vorbei, durch den Kredit, der einmal im Gang ist, da die Kreditrückflüsse die wirklichen vertreten. Die Banken fangen an Lunte zu riechen, sobald ihre Kunden mehr Wechsel als Geld einzahlen. Siehe die obige Aussage des Liverpooler Bankdirektors, S. 398.

Hier noch einzuschalten was ich früher bemerkt: „In Epochen vorherrschenden Kredits wächst die Geschwindigkeit des Geldumlaufs schneller, als die Preise der Waaren; während mit abnehmendem Kredit die Preise der Waaren langsamer fallen, als die Geschwindigkeit der Cirkulation.“ (Zur Kritik d. Pol. Oekon., 1859, p. 83, 84.)

In der Periode der Krise verhält es sich umgekehrt. Cirkulation No. I kontrahirt sich, die Preise fallen, ebenso die Arbeitslöhne; die Zahl der beschäftigten Arbeiter wird eingeschränkt, die Masse der Umsätze nimmt ab. Dagegen in Cirkulation No. II wächst mit abnehmendem Kredit das Bedürfniß für Geldakkommodation, ein Punkt auf den wir gleich näher eingehn.

Es unterliegt durchaus keinem Zweifel, daß bei der Abnahme des Kredits, die mit Stockung des Reproduktionsprocesses zusammenfällt, die Cirkulationsmasse, die für No. I, Revenue-Ausgabe, erheischt ist, abnimmt, während die für No. II, Kapital-Uebertragung, steigt. Es ist aber zu untersuchen, wie weit dieser Satz identisch ist mit dem von Fullarton und andren aufgestellten: „Eine Nachfrage für Kapital auf Anleihe und eine Nachfrage für zusätzliche Cirkulationsmittel sind ganz verschiedne Dinge und kommen nicht oft zusammen vor.“ 90)|

|436| Zunächst ist klar, daß im ersten der beiden obigen Fälle, zur Zeit der Prosperität, wo die Masse des cirkulirenden Mediums wachsen muß, die Nachfrage dafür wächst. Aber es ist eben so ||437| klar, daß wenn ein Fabrikant von seinem Guthaben bei einer Bank mehr in Gold oder Banknoten herauszieht, weil er mehr Kapital in Geldform zu verausgaben hat, deswegen seine Nachfrage für Kapital nicht wächst, sondern nur seine Nachfrage für diese besondre Form, worin er sein Kapital verausgabt. Die Nachfrage bezieht sich nur auf die technische Form, worin er sein Kapital in die Cirkulation wirft. Wie ja bei verschiedner Entwicklung des Kreditwesens z. B. dasselbe variable Kapital, dieselbe Menge Arbeitslohn in einem Lande eine größre Masse Umlaufsmittel erfordert als im andern; in England z. B. mehr als in Schottland, in Deutschland mehr als in England. Ebenso erheischt in der Landwirthschaft dasselbe im Reproduktionsproceß thätige Kapital zu verschiednen Jahreszeiten verschiedne Mengen von Geld zur Verrichtung seiner Funktion.

Aber der Gegensatz, wie Fullarton ihn stellt, ist nicht richtig. Es ist keineswegs, wie er sagt, die starke Nachfrage für Anleihen, was die Periode der Stockung von der Prosperität unterscheidet, sondern die Leichtigkeit, womit diese Nachfrage zur Prosperitätszeit, und die Schwierigkeit, womit sie nach eingetretner Stockung befriedigt wird. Es ist ja gerade die ungeheure Entwicklung des Kreditsystems, während der Prosperitätszeit, also auch die enorme Steigerung der Nachfrage nach Leihkapital und die Bereitwilligkeit, womit das Angebot sich ihr in solchen Perioden zur Verfügung stellt, welche die Kreditklemme während der Zeit der Stockung herbeiführt. Es ist also nicht der Unterschied in der Größe der Nachfrage für Anleihen, der beide Perioden charakterisirt.

Wie schon früher bemerkt, unterscheiden sich beide Perioden zunächst dadurch, daß in der Prosperitätszeit die Nachfrage nach Umlaufsmitteln zwischen Konsumenten und Händlern, in der Periode des Rückschlags die Nachfrage nach Umlaufsmitteln zwischen Kapitalisten vorherrscht. In der Periode der Geschäftsstockung nimmt die erstere ab, die zweite zu.

Was nun Fullarton und andren als entscheidend wichtig auffällt, ist das Phänomen, daß in solchen Zeiten, wo die securities – ||438| die Leihpfänder und Wechsel – in der Hand der Bank von England zunehmen, ihre Notencirkulation abnimmt und umgekehrt. Die Höhe der securities drückt aber den Umfang der Geldakkommodation aus, der diskontirten Wechsel und der Vorschüsse auf gangbare Werthpapiere. So sagt Fullarton in der oben, Note 90, S. 436 angeführten Stelle: die Werthpapiere (securities) im Besitz der Bank von England variiren meist in umgekehrter Richtung wie ihre Notencirkulation, und dies bestätigt den bei den Privatbanken altbewährten Satz, daß keine Bank ihre Notenausgabe über einen gewissen, durch das Bedürfniß ihres Publikums bestimmten Betrag hinaussteigern kann; will sie aber über diesen Betrag hinaus Vorschüsse machen, so muß sie diese aus ihrem Kapital machen, also entweder Werthpapiere flüssig machen oder Geldeingänge dazu verwenden, die sie sonst in Werthpapieren angelegt hätte.

Hier zeigt sich aber auch, was Fullarton unter Kapital versteht. Was heißt hier Kapital? Daß die Bank nicht länger die Vorschüsse machen kann mit ihren eignen Banknoten, Zahlungsversprechen, die ihr natürlich nichts kosten. Aber womit macht sie dann Vorschüsse? Mit dem Erlös aus dem Verkauf von securities in reserve, d. h. von Staatspapieren, Aktien und andren zinstragenden Werthpapieren. Aber wofür verkauft sie diese Papiere? Für Geld, Gold oder Banknoten, soweit letztre gesetzliches Zahlungsmittel, wie die der Bank von England. Was sie also vorschießt, ist unter allen Umständen Geld. Dies Geld konstituirt aber jetzt einen Theil ihres Kapitals. Wenn sie Gold vorschießt, so ist dies handgreiflich. Wenn Noten, so stellen jetzt diese Noten Kapital vor, weil sie einen wirklichen Werth, die zinstragenden Papiere, dafür veräußert hat. Bei den Privatbanken können die Noten, die ihnen durch Verkauf der Werthpapiere zufließen, der Masse nach nur Noten der Bank von England oder ihre eignen sein, da andre schwerlich in Zahlung von Werthpapieren angenommen werden. Ist es aber die Bank von England selbst, so kosten ihr dann ihre eignen Noten, die sie rückerhält, Kapital, d. h. zinstragendes Papier. Außerdem entzieht sie dadurch ihre eignen Noten der Cirkulation. Gibt sie diese Noten wieder aus, oder statt ihrer neue Noten zum selben Betrag, so stellen sie also jetzt Kapital vor. Und zwar stellen sie Kapital vor, ebensogut wenn sie zu Vorschüssen an Kapitalisten, wie wenn sie später, bei Abnahme der Nachfrage nach solcher Geldakkommodation, zu Neuanlagen in Werthpapieren verwandt werden. Unter allen diesen Umständen ist das Wort Kapital hier ||439| nur im Bankiersinn gebraucht, wo es bedeutet, daß der Bankier mehr als seinen bloßen Kredit zu verleihen gezwungen ist.

Bekanntlich macht die Bank von England alle ihre Vorschüsse in ihren Noten. Wenn nun trotzdem in der Regel die Notencirkulation der Bank abnimmt im Verhältniß wie die diskontirten Wechsel und Leihpfänder in ihrer Hand, also die von ihr gemachten Vorschüsse zunehmen – was wird aus den in Umlauf gesetzten Noten, wie fließen sie der Bank zurück?

Zunächst, wenn die Nachfrage für Geldakkommodation aus einer ungünstigen nationalen Zahlungsbilanz entspringt und daher einen Goldabfluß vermittelt, ist die Sache sehr einfach. Die Wechsel werden diskontirt in Banknoten. Die Banknoten werden bei der Bank selbst, im issue department, ausgetauscht gegen Gold, und das Gold wird exportirt. Es ist dasselbe, als ob die Bank direkt Gold zahlte, ohne Vermittlung von Noten, gleich beim Diskontiren der Wechsel. Eine solche steigende Nachfrage – die 7 bis 10 Millionen Pfund Sterling in gewissen Fällen erreicht fügt natürlich der innern Cirkulation des Landes keine einzige Fünfpfundnote zu. Sagt man nun, daß die Bank hier Kapital vorschießt und nicht Cirkulationsmittel, so hat dies einen doppelten Sinn. Erstens, daß sie nicht Kredit, sondern wirklichen Werth vorschießt, einen Theil ihres eignen oder des bei ihr deponirten Kapitals. Zweitens, daß sie nicht Geld für inländische Cirkulation, sondern für internationale Cirkulation vorschießt, Weltgeld; und für diesen Zweck muß das Geld immer existiren in seiner Form als Schatz, in seiner metallischen Leiblichkeit; in der Form, worin es nicht nur Form des Werths, sondern selbst gleich dem Werth, dessen Geldform es ist. Obgleich dies Gold nun sowohl für die Bank, wie für den exportirenden Goldhändler, Kapital vorstellt, Bankierkapital oder Kaufmannskapital, so entsteht die Nachfrage nicht nach ihm als Kapital, sondern als der absoluten Form des Geldkapitals. Sie entsteht gerade in dem Augenblick, wo die ausländischen Märkte mit unrealisirbarem englischem Waarenkapital vollgepfropft sind. Was also verlangt wird, ist Kapital nicht als Kapital, sondern Kapital als Geld, in der Form, worin das Geld allgemeine Weltmarktswaare; und dies ist seine ursprüngliche Form als edles Metall. Die Goldabflüsse sind also nicht, wie Fullarton, Tooke etc. sagen, a mere question of capital. Sondern a question of money, wenn auch in einer specifischen Funktion. Daß es keine Frage der inländischen Cirkulation ist, wie die Leute von der Currency-Theorie dies behaupten, beweist durchaus nicht, wie ||440| Fullarton und andre meinen, daß es eine bloße question of capital. Es ist a question of money in der Form, worin Geld internationales Zahlungsmittel. “Whether that capital (der Kaufpreis für die Millionen Quarter ausländischen Weizens nach einer Mißernte im Inland) is transmitted in merchandize or in specie, is a point which in no way affects the nature of the transaction.” (Fullarton, l. c., p. 131.) Aber es afficirt sehr bedeutend die Frage, ob ein Goldabfluß stattfindet oder nicht. Das Kapital wird in Form von Edelmetall übermittelt, weil es gar nicht, oder nicht ohne die größten Verluste in Form von Waaren übermittelt werden kann. Die Angst, die das moderne Banksystem vor dem Goldabfluß hat, übertrifft alles, was das Monetarsystem, dem Edelmetall der einzig wahre Reichthum ist, je erträumt hat. Nehmen wir z. B. folgendes Verhör des Gouverneurs der Bank von England, Morris, vor dem Parlamentskomité über die Krise von 1847- 48: „3846. ❲Frage:❳ Wenn ich von Entwerthung von Vorräthen (stocks) und fixem Kapital spreche, ist Ihnen nicht bekannt, daß alles in Vorräthen und Produkten aller Art angelegte Kapital in derselben Weise entwerthet war; daß Rohbaumwolle, Rohseide, Rohwolle, nach dem Kontinent geschickt wurde zu denselben Schleuderpreisen, und daß Zucker, Kaffee und Thee mit großen Opfern verkauft wurden wie bei Zwangsverkäufen? - Es war unvermeidlich, daß das Land ein beträchtliches Opfer bringen mußte um dem Goldabfluß zu begegnen, der stattgefunden hatte in Folge der massenhaften Einführung von Nahrungsmitteln.“ – „3848. Sind Sie nicht der Ansicht, daß es besser gewesen wäre, die 8 Millionen £ anzugreifen, die in der Schatzkammer der Bank lagen, als zu suchen, das Gold zurückzubekommen mit solchen Opfern? – Nein, der Meinung bin ich nicht.“ – Es ist Gold was hier als der einzig wirkliche Reichthum gilt.

Die von Fullarton citirte Entdeckung Tooke's, daß „with only one or two exceptions, and those admitting of satisfactory explanation, every remarkable fall of the exchange, followed by a drain of gold, that has occurred during the last half century, has been coincident throughout with a comparatively low state of the circulating medium, and vice versa“ (Fullarton p. 121) – beweist daß diese Goldabflüsse meistens eintreten, nach einer Periode der Aufregung und Spekulation als „a signal of a collapse already commenced … an indication of overstocked markets, of a cessation of the foreign demand for our productions, of delayed returns, and, as the necessary sequel of all these, of commercial discredit, | |441| manufactories shut up, artisans starving, and a general stagnation of industry and enterprise.“ (p. 129.) Dies ist zugleich natürlich die beste Widerlegung der Behauptung der Currency-Leute, daß a full circulation drives out bullion and a low circulation attracts it. Dagegen, obgleich eine starke Goldreserve der Bank von England meist in der Prosperitätszeit da ist, bildet sich dieser Schatz immer in der lustlosen und stagnirenden Zeit, die auf den Sturm folgt.

Die ganze Weisheit, mit Bezug auf die Goldabflüsse, läuft also darauf hinaus, daß die Nachfrage für internationale Cirkulations- und Zahlungsmittel verschieden ist von der Nachfrage für inländische Cirkulationsund Zahlungsmittel (weswegen auch von selbst folgt, daß „the existence of a drain does not necessarily imply any diminution of the internal demand for circulation“ wie Fullarton p. 112 sagt); und daß das Heraussenden der edlen Metalle aus dem Land, ihr Hineinwerfen in die internationale Cirkulation, nicht identisch ist mit Hineinwerfen von Noten oder Münze in die inländische Cirkulation. Uebrigens habe ich schon früher gezeigt, daß die Bewegung des Schatzes, der als Reservefonds für internationale Zahlungen koncentrirt ist, an und für sich nichts zu thun hat mit der Bewegung des Geldes als Cirkulationsmittel. Allerdings kommt eine Komplikation dadurch hinein, daß die verschiednen Funktionen des Schatzes, die ich aus der Natur des Geldes entwickelt habe: seine Funktion als Reservefonds für Zahlungsmittel, fällige Zahlungen im Innern; als Reservefonds des Umlaufsmittels; endlich als Reservefonds des Weltgelds – einem einzigen Reservefonds aufgebürdet werden; woraus auch folgt, daß unter gewissen Umständen ein Goldabfluß von der Bank ins Inland sich mit dem Abfluß ins Ausland kombiniren kann. Eine weitere Komplikation kommt aber noch herein durch die, diesem Schatz ganz willkürlich aufgeladene fernere Funktion, als Garantiefonds für Konvertibilität von Banknoten zu dienen, in Ländern wo das Kreditsystem und das Kreditgeld entwickelt ist. Zu alledem kommt dann schließlich 1) die Koncentration des nationalen Reservefonds in einer einzigen Hauptbank, 2) seine Reduktion auf das möglichste Minimum. Daher auch die Klage Fullarton's (p. 143): “One cannot contemplate the perfect silence and facility with which variations of the exchange usually pass off in continental countries, compared with the state of feverish disquiet and alarm always produced in England whenever the treasure in the bank seems to be at all approaching to exhaustion, without being struck with the ||442| great advantage in this respect which a metallic currency possesses.”

Sehn wir nun aber ab vom Goldabfluß, wie kann dann eine Bank, die Banknoten ausgibt, also z. B. die Bank von England, den Betrag der von ihr geleisteten Geldakkommodation vermehren ohne Vermehrung ihrer Notenausgabe?

Alle Noten außerhalb der Mauern der Bank, ob sie cirkuliren oder in Privatschätzen schlummern, befinden sich, was die Bank selbst betrifft, in Cirkulation, d. h. außerhalb ihres Besitzes. Dehnt also die Bank ihre Discontos und Lombardgeschäfte, die Vorschüsse auf securities aus, so müssen die dafür ausgegebnen Banknoten wieder zu ihr zurückfließen, denn sonst vergrößern sie den Betrag der Cirkulation, was eben nicht der Fall sein soll. Dieser Rückfluß kann auf doppelte Weise geschehn.

Erstens: Die Bank zahlt dem A Noten gegen Werthpapiere; A zahlt damit fällige Wechsel an B, und B deponirt die Noten wieder bei der Bank. Die Cirkulation dieser Noten ist damit zu Ende, aber die Anleihe bleibt. (The loan remains, and the currency, if not wanted, finds its way back to the issuer. Fullarton, p. 97.) Die Noten, die die Bank dem A vorschoß, sind jetzt zu ihr zurückgekehrt; dagegen ist sie Gläubigerin von A oder dem Bezogenen des von A diskontirten Wechsels, Schuldnerin von B für die in diesen Noten ausgedrückte Werthsumme, und B verfügt damit über einen entsprechenden Theil des Kapitals der Bank.

Zweitens. A zahlt an B, und B selbst oder C, an den er die Noten weiter fortzahlt, zahlt mit diesen Noten fällige Wechsel an die Bank, direkt oder indirekt. In diesem Fall wurde die Bank mit ihren eignen Noten bezahlt. Hiermit ist dann die Transaktion fertig (bis auf die Rückzahlung des A an die Bank).

In wie fern ist nun der Vorschuß der Bank an A als Vorschuß von Kapital, oder als bloßer Vorschuß von Zahlungsmitteln zu betrachten?91)

❲Dies kommt auf die Natur des Vorschusses selbst an. Es sind dabei drei Fälle zu untersuchen.

Erster Fall. – A erhält von der Bank die Vorschußsummen auf seinen persönlichen Kredit hin, ohne irgend welche Deckung dafür zu geben. In diesem Fall hat er nicht nur Zahlungsmittel ||443| vorgeschossen erhalten, sondern auch unbedingt ein neues Kapital, das er bis zur Rückzahlung in seinem Geschäft als Zusatzkapital verwenden und verwerthen kann.

Zweiter Fall. – A hat der Bank Werthpapiere, Staatsschuldscheine oder Aktien, verpfändet und darauf Baarvorschuß, sage bis zu zwei Dritteln des Tageswerths, erhalten. In diesem Fall hat er die Zahlungsmittel erhalten, die er brauchte, aber kein zusätzliches Kapital, denn er hat der Bank einen größeren Kapitalwerth in die Hand gegeben als er von ihr erhielt. Aber dieser größere Kapitalwerth war einerseits für seine augenblicklichen Bedürfnisse – Zahlungsmittel – nicht verwendbar, weil er in einer bestimmten Form zinstragend angelegt war; andrerseits hatte A seine Gründe, ihn nicht durch Verkauf direkt in Zahlungsmittel zu verwandeln. Seine Werthpapiere hatten unter andern die Bestimmung, als Reservekapital zu fungiren, und als solche hat er sie in Funktion treten lassen. Es hat also zwischen A und der Bank eine zeitweilige, gegenseitige Kapitalübertragung stattgefunden, sodaß A kein zusätzliches Kapital erhalten hat (im Gegentheil!) wohl aber die benöthigten Zahlungsmittel. Dagegen für die Bank war das Geschäft eine zeitweilige Festlegung von Geldkapital in Form einer Anleihe, eine Verwandlung von Geldkapital aus einer Form in eine andre, und diese Verwandlung ist grade die wesentliche Funktion des Bankgeschäfts.

Dritter Fall. – A hat bei der Bank einen Wechsel diskontiren lassen, und dafür, nach Abzug des Diskontos, den Betrag in Baar erhalten. In diesem Fall hat er eine nicht flüssige Form von Geldkapital an die Bank verkauft gegen den Werthbetrag in flüssiger Form; den noch laufenden Wechsel gegen baares Geld. Der Wechsel ist jetzt Eigenthum der Bank. Daran ändert es nichts, daß bei Mangel [an] Zahlung der letzte Indossent A der Bank für den Betrag haftet; diese Haftbarkeit theilt er mit den andern Indossenten und dem Aussteller, an die er seinerzeit Regreß hat. Hier liegt also gar kein Vorschuß vor, sondern ein ganz gewöhnlicher Kauf und Verkauf. A hat daher der Bank auch nichts zurückzuzahlen, sie deckt sich durch Einkassiren des Wechsels bei Verfall. Auch hier hat gegenseitige Kapitalübertragung zwischen A und der Bank stattgefunden, und zwar ganz wie beim Kauf und Verkauf jeder andern Waare, und eben deshalb hat A kein zusätzliches Kapital erhalten. Was er brauchte und erhielt waren Zahlungsmittel, und er erhielt sie dadurch, daß die Bank ihm die eine Form seines Geldkapitals – den Wechsel – in die andre - das Geld – verwandelte. |

|444| Von wirklichem Kapitalvorschuß kann also die Rede sein nur beim ersten Fall. Im zweiten und dritten Fall höchstens nur in dem Sinn, wie bei jeder Kapitalanlage man „Kapital vorschießt“. In diesem Sinn schießt die Bank dem A Geldkapital vor; aber für A ist es Geldkapital höchstens in dem Sinn, daß es ein Theil seines Kapitals überhaupt ist. Und er verlangt und gebraucht es nicht speciell als Kapital, sondern speciell als Zahlungsmittel. Sonst wäre auch jeder gewöhnliche Waarenverkauf, wodurch man sich Zahlungsmittel verschafft, als ein empfangner Kapitalvorschuß anzusehn. – F. E.❳

Bei der Privatbank mit Notenausgabe besteht der Unterschied, daß falls ihre Noten weder in der Lokalcirkulation bleiben, noch ihr selbst zurückkehren in Form von Depositen oder für Zahlung fälliger Wechsel, diese Noten in die Hände von Leuten fallen, denen sie Gold oder Noten der Bank von England in Auswechslung derselben zahlen muß. So repräsentirt in diesem Fall der Vorschuß ihrer Noten in der That Vorschuß von Noten der Bank von England, oder was für sie dasselbe, von Gold, also einen Theil ihres Bankkapitals. Dasselbe gilt von dem Fall, wo die Bank von England selbst oder irgend eine andere Bank, die einem gesetzlichen Maximum der Notenausgabe unterworfen ist, Werthpapiere verkaufen muß, um ihre eignen Noten aus der Cirkulation zu ziehn, und sie dann wieder in Vorschüssen auszugeben; hier repräsentiren ihre eignen Noten einen Theil ihres mobilisirten Bankkapitals.

Selbst wenn die Cirkulation rein metallisch wäre, könnte gleichzeitig 1) ein Goldabfluß ❲hier ist offenbar ein Goldabfluß gemeint, der wenigstens zum Theil ins Ausland geht, F. E.❳ die Schatzkammer leeren, und 2) da das Gold hauptsächlich von der Bank nur zur Saldirung von Zahlungen (Erledigung vergangner Transaktionen) verlangt würde, so könnte ihr Vorschuß auf Werthpapiere sehr wachsen, ihr aber in Form von Depositen zurückkehren, oder in Rückzahlung fälliger Wechsel; sodaß einerseits, bei Zunahme der Werthpapiere im Portefeuille der Bank, ihr Gesammtschatz abnähme, sie andrerseits dieselbe Summe, die sie früher als Eigenthümerin hielt, jetzt als Schuldnerin ihrer Depositäre halten würde, und endlich die Gesammtmasse des cirkulirenden Mediums abnähme.

Es ist bisher vorausgesetzt worden, daß die Vorschüsse in Noten gemacht werden, also wenigstens eine augenblickliche, wenn auch sofort wieder verschwindende Vermehrung der Notenausgabe mit sich führen. Dies ist aber nicht nöthig. Statt der Papiernote ||445| kann die Bank dem A einen Buchkredit eröffnen, wo also dieser, ihr Schuldner, zum imaginären Depositor bei ihr wird. Er zahlt seine Gläubiger mit Cheques auf die Bank und der Empfänger dieser Cheques zahlt sie weiter an seinen Bankier, der sie gegen die auf ihn laufenden Cheques im Clearing House austauscht. In diesem Fall findet gar keine Dazwischenkunft von Noten statt, und die ganze Transaktion beschränkt sich darauf, daß der Bank eine Forderung, die sie zu machen hat, mit einem Cheque auf sie selbst saldirt wird, und ihre wirkliche Rekompensation in der Kreditforderung auf A besteht. In diesem Falle hat sie ihm einen Theil ihres Bankkapitals, weil ihre eignen Schuldforderungen, vorgeschossen.

Soweit diese Nachfrage nach Geldakkommodation Nachfrage nach Kapital ist, ist sie dies nur für Geldkapital; Kapital vom Standpunkt des Bankiers aus, nämlich für Gold – bei Goldabfluß ins Ausland – oder Noten der Nationalbank, die für die Privatbank nur durch Kauf gegen ein Aequivalent erlangbar sind, für sie also Kapital vorstellen. Oder endlich handelte es sich um zinstragende Werthpapiere, Staatseffekten, Aktien etc., die verkauft werden müssen, um Gold oder Noten an sich zu ziehn. Diese aber, wenn Staatspapiere, sind Kapital bloß für den, der sie gekauft hat, dem sie also seinen Kaufpreis, sein in ihnen angelegtes Kapital repräsentiren; an sich sind sie kein Kapital, sondern bloße Schuldforderungen; wenn Hypotheken, sind sie bloße Anweisungen auf künftige Bodenrente, und wenn sonstige Aktien, bloße Eigenthumstitel, die zur Empfangnahme von künftigem Mehrwerth berechtigen. Alle diese Dinge sind kein wirkliches Kapital, bilden keine Bestandtheile des Kapitals, und sind auch an sich keine Werthe. Es kann sich auch durch ähnliche Transaktionen Geld, das der Bank gehört, in Depositum verwandeln, sodaß sie, statt Eigner Schuldner desselben wird, es unter andrem Besitztitel hält. So wichtig dies für sie selbst ist, so wenig ändert es an der Masse des im Lande vorräthigen Kapitals und selbst Geldkapitals. Kapital figurirt hier also nur als Geldkapital, und wenn nicht in wirklicher Geldform vorhanden, als bloßer Kapitaltitel. Es ist dies sehr wichtig, da Seltenheit von, und dringende Nachfrage nach Bankkapital verwechselt wird mit einer Verringerung des wirklichen Kapitals, das in solchen Fällen im Gegentheil, in Form von Produktionsmitteln und Produkten, im Ueberfluß vorhanden ist und die Märkte erdrückt.

Es erklärt sich also sehr einfach, wie die Masse der von der ||446| Bank als Deckung gehaltnen Werthpapiere wachsen, also der zunehmende Andrang nach Geldakkommodation von der Bank befriedigt werden kann, bei gleichbleibender oder abnehmender Gesammtmasse der Umlaufsmittel. Und zwar wird diese Gesammtmasse in doppelter Weise in solchen Zeiten der Geldklemme in Schranken gehalten: 1) durch Goldabfluß; 2) durch Nachfrage nach Geld als bloßem Zahlungsmittel, wo die ausgegebnen Noten sogleich zurückfließen, oder wo vermittelst Buchkredit die Transaktion ohne alle Ausgabe von Noten sich abwickelt; wo also eine bloße Kredittransaktion die Zahlungen vermittelt, deren Erledigung der einzige Zweck des Geschäfts war. Es ist das Eigenthümliche des Geldes, daß, wo es bloß zur Saldirung von Zahlungen fungirt (und in Zeiten der Krise wird Vorschuß aufgenommen um zu zahlen, nicht um zu kaufen; um vergangne Geschäfte abzuwickeln, nicht um neue einzuleiten), seine Cirkulation nur verschwindend ist, selbst soweit diese Saldirung nicht durch bloße Kreditoperation, ohne alle Dazwischenkunft von Geld stattfindet; daß also bei großem Andrang nach Geldakkommodation eine ungeheure Masse dieser Transaktionen stattfinden kann, ohne die Cirkulation zu erweitern. Die bloße Thatsache aber, daß die Cirkulation der Bank von England stabil bleibt oder selbst abnimmt, gleichzeitig mit starker, von ihr geleisteter Geldakkommodation, beweist prima facie keineswegs, wie Fullarton, Tooke u. a. (infolge ihres Irrthums, wonach Geldakkommodation einerlei sei mit Aufnahme von capital on loan, von Zusatzkapital) annehmen, daß die Cirkulation des Geldes (der Banknoten) in seiner Funktion als Zahlungsmittel nicht zunimmt und sich ausdehnt. Da die Cirkulation der Noten als Kaufmittel in Zeiten der Geschäftsstockung, wo solche starke Akkommodation erforderlich, abnimmt, kann ihre Cirkulation als Zahlungsmittel zunehmen, und die Gesammtsumme der Cirkulation, die Summe der als Kaufmittel und als Zahlungsmittel fungirenden Noten, dennoch stabil bleiben oder selbst abnehmen. Die Cirkulation, als Zahlungsmittel, von Banknoten, die der ausgebenden Bank sofort zurückströmen, ist in den Augen jener Oekonomen eben keine Cirkulation.

Nähme die Cirkulation als Zahlungsmittel in höherem Grade zu, als die als Kaufmittel abnimmt, so würde die Gesammtcirkulation wachsen, obgleich das als Kaufmittel fungirende Geld der Masse nach bedeutend abgenommen hätte. Und dies tritt wirklich in gewissen Momenten der Krise ein, nämlich beim vollständigen Zusammenbruch des Kredits, wo nicht nur die Waaren und Werth ||447|papiere unverkaufbar, sondern auch die Wechsel undiskontirbar geworden sind, und nichts mehr gilt als baare Zahlung, oder wie der Kaufmann sagt: Kassa. Da Fullarton und andre nicht begreifen, daß die Cirkulation der Noten als Zahlungsmittel das Charakteristische solcher Zeiten der Geldnoth ist, behandeln sie dies Phänomen als zufällig. “With respect again to those examples of eager competition for the possession of banknotes, which characterise seasons of panic and which may sometimes, as at the close of 1825, lead to a sudden, though only temporary, enlargement of the issues, even while the efflux of bullion is still going on, these, I apprehend, are not to be regarded as among the natural or necessary concomitants of a low exchange; the demand in such cases is not for circulation (sollte heißen Cirkulation als Kaufmittel) but for hoarding, a demand on the part of alarmed bankers and capitalists which arises generally in the last act of the crisis (also als Reserve für Zahlungsmittel) after a long continuation of the drain, and is the precursor of its termination.” (Fullarton, p. 130.)

Es ist bereits bei Betrachtung des Geldes als Zahlungsmittel (Buch I, Kap. III, 3, b), auseinandergesetzt worden, wie bei einer heftigen Unterbrechung der Zahlungskette das Geld aus einer bloß idealen Form in dingliche und zugleich absolute Form des Werths, gegenüber den Waaren, umschlägt. Einige Exempel davon wurden gegeben ebendaselbst, Note 100 und 101. Diese Unterbrechung selbst ist theils Wirkung, theils Ursache der Erschütterung des Kredits und der Umstände, die letztre begleiten: Ueberführung der Märkte, Entwerthung der Waaren, Unterbrechung der Produktion etc.

Klar aber ist, daß Fullarton den Unterschied zwischen Geld als Kaufmittel und Geld als Zahlungsmittel in den falschen Unterschied zwischen currency und Kapital verwandelt. Es liegt dabei aber wieder die engherzige Bankiervorstellung von Cirkulation zu Grunde. –

Es könnte noch gefragt werden: Was fehlt denn in solchen Zeiten der Klemme, Kapital oder Geld in seiner Bestimmtheit als Zahlungsmittel? Und dies ist bekanntlich eine Kontroverse.

Zunächst, soweit die Klemme sich zeigt im Goldabfluß, ist es klar, daß das was verlangt wird, das internationale Zahlungsmittel ist. Aber Geld, in seiner Bestimmtheit als internationales Zahlungsmittel, ist Gold in seiner metallischen Wirklichkeit, als selbst werthvolle Substanz, Werthmasse. Es ist zugleich Kapital, aber Kapital nicht als Waarenkapital, sondern als Geldkapital, Kapital nicht in der Form der Waare, sondern in der Form des Geldes ||448| (und zwar des Geldes im eminenten Sinn des Worts, worin es existirt in der allgemeinen Weltmarktswaare.) Es liegt hier nicht ein Gegensatz vor zwischen der Nachfrage nach Geld als Zahlungsmittel und der Nachfrage nach Kapital. Der Gegensatz liegt zwischen dem Kapital in seiner Form als Geld und in seiner Form als Waare; und die Form in der es hier verlangt wird und allein fungiren kann, ist seine Geldform.

Abgesehn von dieser Nachfrage nach Gold (oder Silber) kann nicht gesagt werden, daß in solchen Zeiten der Krise es in irgend einer Weise an Kapital mangelt. Unter außerordentlichen Umständen, wie Getreidetheurung, Baumwollnoth etc. kann dies der Fall sein; diese aber sind keineswegs nothwendige oder regelmäßige Begleiter solcher Zeiten; und die Existenz eines solchen Mangels an Kapital kann daher nicht von vornherein daraus geschlossen werden, daß ein Andrang für Geldakkommodation besteht. Im Gegentheil. Die Märkte sind überführt, mit Waarenkapital überschwemmt. Es ist also jedenfalls nicht Mangel an Waa- renkapital, das die Klemme verursacht. Wir kommen auf diese Frage später zurück. |

Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Zweiter Teil. Hamburg 1894
Quelle: MEGA II/15: Das Kapital Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band, Seite 433-454