MEGA/II/15/MEGA2-II-15-0473.html

DREISSIGSTES KAPITEL.
Geldkapital und wirkliches Kapital. I.

Die einzig schwierigen Fragen, denen wir uns jetzt mit Beziehung auf das Kreditwesen nähern, sind folgende:

Erstens: Die Akkumulation des eigentlichen Geldkapitals. Wie weit und wieweit nicht ist sie Anzeichen von wirklicher Akkumulation des Kapitals, d. h. von Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter? Die sog. Plethora des Kapitals, ein Ausdruck, der immer nur vom zinstragenden, i. e. Geldkapital gebraucht wird, ist sie nur eine besondre Manier, die industrielle Ueberproduktion auszudrücken, oder bildet sie ein besondres Phänomen neben ihr? Fällt diese Plethora, dies Ueberangebot von Geldkapital zusammen mit Vorhandensein stagnanter Geldmassen (Barren, Goldgeld und Banknoten), sodaß dieser Ueberfluß an wirklichem Geld Ausdruck und Erscheinungsform jener Plethora von Leihkapital ist?

Und zweitens: Wie weit drückt Geldklemme, d. h. Mangel an Leihkapital, einen Mangel an wirklichem Kapital (Waarenkapital und produktivem Kapital) aus? Wie weit fällt sie andrerseits zusammen mit Mangel an Geld als solchem, Mangel an Cirkulationsmitteln?

Soweit wir die eigenthümliche Form der Akkumulation des Geldkapitals und Geldvermögens überhaupt bis jetzt betrachtet haben, hat sie sich aufgelöst in Akkumulation von Ansprüchen des Eigenthums auf die Arbeit. Die Akkumulation des Kapitals der Staatsschuld heißt, wie sich gezeigt hat, weiter nichts als Vermehrung einer Klasse von Staatsgläubigern, die gewisse Summen auf den ||14| Betrag der Steuern für sich vorwegzunehmen berechtigt sind.6) In diesen Thatsachen, daß sogar eine Akkumulation von Schulden als Akkumulation von Kapital erscheinen kann, zeigt sich die Vollendung der Verdrehung, die im Kreditsystem stattfindet. Diese Schuldscheine, die für das ursprünglich geliehene und längst verausgabte Kapital ausgestellt sind, diese papiernen Duplikate von vernichtetem Kapital, fungiren für ihre Besitzer soweit als Kapital, als sie verkaufbare Waaren sind, und daher in Kapital rückverwandelt werden können.

Die Eigenthumstitel auf Gesellschaftsgeschäfte, Eisenbahnen, Bergwerke etc. sind, wie wir ebenfalls gesehn haben, zwar in der That Titel auf wirkliches Kapital. Indeß geben sie keine Verfügung über dies Kapital. Es kann nicht entzogen werden. Sie geben nur Rechtsansprüche auf einen Theil des von demselben zu erwerbenden Mehrwerths. Aber diese Titel werden ebenfalls papierne Duplikate des wirklichen Kapitals, wie wenn der Ladungsschein einen Werth erhielte neben der Ladung und gleichzeitig mit ihr. Sie werden zu nominellen Repräsentanten nicht existirender Kapitale. Denn das wirkliche Kapital existirt daneben und ändert durchaus nicht die Hand dadurch, daß diese Duplikate die Hände wechseln. Sie werden zu Formen des zinstragenden Kapitals, weil sie nicht nur gewisse Erträge sichern, sondern auch, weil durch Verkauf ihre Rückzahlung als Kapitalwerthe erhalten werden kann. Soweit die Akkumulation dieser Papiere die Akkumulation von Eisenbahnen, Bergwerken, Dampfschiffen etc. ausdrückt, drückt sie Erweiterung des wirklichen Reproduktionsprocesses aus, ganz wie die Erweiterung einer Steuerliste z. B. auf Mobilareigenthum die Expansion dieses Mobilars anzeigt. Aber als Duplikate, die selbst als Waaren verhandelbar sind, und daher selbst als Kapitalwerthe cirkuliren, sind sie illusorisch, und ihr Werthbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der ||15|Werthbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind. Ihr Werthbetrag, d. h. ihre Kursnotirung an der Börse, hat mit dem Fallen des Zinsfußes, soweit dies, unabhängig von den eigenthümlichen Bewegungen des Geldkapitals, einfache Folge des tendenziellen Falles der Profitrate ist, nothwendig die Tendenz zu steigen, sodaß dieser imaginäre Reichthum, dem Werthausdruck nach für jeden seiner aliquoten Theile von bestimmtem ursprünglichem Nominalwerth, sich schon aus diesem Grunde im Entwicklungsgang der kapitalistischen Produktion expandirt.7)

Gewinnen und Verlieren durch Preisschwankungen dieser Eigenthumstitel, sowie deren Centralisation in den Händen von Eisenbahnkönigen u. s. w. wird der Natur der Sache nach mehr und mehr Resultat des Spiels, das an der Stelle der Arbeit als die ursprüngliche Erwerbsart von Kapitaleigenthum erscheint, und auch an die Stelle der direkten Gewalt tritt. Diese Sorte imaginären Geldvermögens bildet nicht nur einen sehr bedeutenden Theil des Geldvermögens der Privaten, sondern auch des Bankierkapitals, wie schon erwähnt.

Man könnte – wir erwähnen es nur um es rasch zu erledigen – unter Akkumulation des Geldkapitals auch verstehn die Akkumulation des Reichthums in der Hand von Bankiers (Geldverleihern von Profession) als der Vermittler zwischen den Privat-Geldkapitalisten hier, und dem Staat, den Gemeinden und den reproducirenden Borgern dort; indem die ganze ungeheure Ausdehnung des Kreditsystems, überhaupt der gesammte Kredit, von ihnen als ihr Privatkapital exploitirt wird. Diese Burschen besitzen das Kapital und die Einnahme stets in Geldform oder in direkten Forderungen auf Geld. Die Akkumulation des Vermögens dieser Klasse kann vor sich gehn in sehr verschiedner Richtung mit der wirklichen Akkumulation, beweist aber jedenfalls, daß diese Klasse einen guten Theil von dieser letzteren einsteckt.

Um die vorliegende Frage auf engere Grenzen zurückzuführen: Staatseffekten wie Aktien und andere Werthpapiere aller Art sind Anlagesphären für verleihbares Kapital, für Kapital, das bestimmt ||16| ist zinstragend zu werden. Sie sind Formen es auszuleihen. Aber sie sind nicht selbst das Leihkapital, das in ihnen angelegt wird. Andrerseits, soweit der Kredit direkte Rolle im Reproduktionsproceß spielt: Was der Industrielle oder Kaufmann braucht, wenn er Wechsel diskontirt haben oder eine Anleihe aufnehmen will, sind weder Aktien noch Staatspapiere. Was er braucht ist Geld. Er versetzt oder verkauft also jene Werthpapiere, wenn er das Geld sich anders nicht beschaffen kann. Es ist die Akkumulation dieses Leihkapitals, von der wir hier zu handeln haben, und zwar speciell von der des leihbaren Geldkapitals. Es handelt sich hier nicht um Anleihen von Häusern, Maschinen, oder andrem fixen Kapital. Es handelt sich auch nicht um die Vorschüsse, die sich Industrielle und Kaufleute unter einander in Waaren und innerhalb des Zirkels des Reproduktionsprocesses machen; obgleich wir auch diesen Punkt vorher noch näher untersuchen müssen; es handelt sich ausschließlich um die Geldanleihen, die durch die Bankiers, als Vermittler, den Industriellen und Kaufleuten gemacht werden. Analysiren wir also zunächst den kommerciellen Kredit, d. h. den Kredit, den die in der Reproduktion beschäftigten Kapitalisten einander geben. Er bildet die Basis des Kreditsystems. Sein Repräsentant ist der Wechsel, Schuldschein mit bestimmtem Zahlungstermin, document of deferred payment. Jeder gibt Kredit mit der einen Hand und empfängt Kredit mit der andern. Sehn wir zunächst ganz ab vom Bankierkredit, der ein ganz andres, wesentlich verschiednes Moment bildet. Soweit diese Wechsel unter den Kaufleuten selbst wieder als Zahlungsmittel cirkuliren, durch Endossement von einem auf den andern, wo aber der Diskonto nicht dazwischen kommt, ist es nichts als eine Uebertragung der Schuldforderung von A auf B, und ändert absolut nichts am Zusammenhang. Es setzt nur eine Person an die Stelle einer andern. Und selbst in diesem Fall kann die Liquidation ohne Dazwischenkunft von Geld stattfinden. Der Spinner A z. B. hat einen Wechsel zu zahlen an den Baumwollmakler B, dieser an den Importeur C. Wenn C nun ebenfalls Garn exportirt, was oft genug vorkommt, so kann er Garn von A gegen Wechsel kaufen, und der Spinner A den Makler B mit dessen eignem, von C in Zahlung erhaltnen Wechsel decken, wobei höchstens ein Saldo in Geld zu zahlen ist. Die ganze Transaktion vermittelt dann nur den Austausch von Baumwolle und Garn. Der Exporteur reprä ||17|sentirt nur den Spinner, der Baumwollmakler den Baumwollpflanzer.

Es ist nun bei dem Kreislauf dieses rein kommerciellen Kredits zweierlei zu bemerken:

Erstens: Die Saldirung dieser wechselseitigen Schuldforderungen hängt ab vom Rückfluß des Kapitals; d. h. von W–G, das nur vertagt ist. Wenn der Spinner einen Wechsel vom Kattunfabrikanten erhalten hat, so kann der Kattunfabrikant zahlen, wenn der Kattun, den er auf dem Markt hat, in der Zwischenzeit verkauft ist. Hat der Kornspekulant einen Wechsel auf seinen Faktor gegeben, so kann der Faktor das Geld zahlen, wenn unterdeß das Korn zum erwarteten Preise verkauft ist. Es hängen also diese Zahlungen ab von der Flüssigkeit der Reproduktion, d. h. des Produktions- und Konsumtionsprocesses. Da die Kredite aber wechselseitig sind, hängt die Zahlungsfähigkeit eines jeden zugleich ab von der Zahlungsfähigkeit eines andern; denn beim Ausstellen seines Wechsels kann jener entweder auf den Rückfluß des Kapitals in seinem eignen Geschäft, oder auf Rückfluß im Geschäft eines dritten gerechnet haben, der ihm in der Zwischenzeit einen Wechsel zu zahlen hat. Abgesehn von der Aussicht auf Rückflüsse, kann die Zahlung nur möglich werden durch Reservekapital, worüber der Wechselaussteller verfügt, um seinen Verpflichtungen im Fall verzögerter Rückflüsse nachzukommen.

Zweitens: Dies Kreditsystem beseitigt nicht die Nothwendigkeit baarer Geldzahlungen. Einmal ist ein großer Theil der Auslagen stets baar zu zahlen, Arbeitslohn, Steuern etc. Dann aber z. B. hat B, der von C einen Wechsel an Zahlungsstatt erhalten, ehe dieser Wechsel fällig, selbst einen fälligen Wechsel an D zu zahlen, und dafür muß er baares Geld haben. Ein so vollständiger Kreislauf der Reproduktion, wie er oben vom Baumwollpflanzer bis Baumwollspinner und umgekehrt vorausgesetzt worden, kann nur eine Ausnahme bilden, und muß stets an vielen Stellen durchbrochen werden. Wir haben beim Reproduktionsproceß (Buch II, Abschn. III.) gesehn, daß die Producenten des konstanten Kapitals zum Theil konstantes Kapital mit einander austauschen. Dafür können sich die Wechsel mehr oder weniger ausgleichen. Ebenso in aufsteigender Linie der Produktion, wo der Baumwollmakler auf den Spinner, der Spinner auf den Kattun-Fabrikanten, dieser auf den Exporteur, dieser auf den Importeur (vielleicht wieder von Baumwolle) zu ziehen hat. Aber es findet nicht zugleich Kreislauf der Transaktionen und daher Umbiegung der For ||18|derungsreihe statt. Die Forderung, z. B. des Spinners an den Weber wird nicht saldirt durch die Forderung des Kohlenlieferanten an den Maschinenbauer; der Spinner hat nie in seinem Geschäft Gegenforderungen auf den Maschinenbauer zu machen, weil sein Produkt, Garn, nie als Element in dessen Reproduktionsproceß eingeht. Solche Forderungen müssen daher durch Geld ausgeglichen werden.

Die Grenzen für diesen kommerciellen Kredit, für sich betrachtet sind 1) der Reichthum der Industriellen und Kaufleute, d. h. ihre Verfügung über Reservekapital im Fall verzögerter Rückflüsse; 2) diese Rückflüsse selbst. Diese können der Zeit nach verzögert werden, oder die Waarenpreise können in der Zwischenzeit fallen, oder die Waare kann momentan unverkäuflich werden bei Stockung der Märkte. Je langsichtiger die Wechsel, desto größer muß erstens das Reservekapital sein und desto größer ist die Möglichkeit einer Schmälerung oder Verspätung des Rückflusses durch Preisfall oder Ueberführung der Märkte. Und ferner sind die Retouren um so unsicherer, je mehr die ursprüngliche Transaktion durch Spekulation auf Steigen oder Fallen der Waarenpreise bedingt war. Es ist aber klar, daß mit der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, und daher der Produktion auf großer Stufenleiter, 1) die Märkte sich ausdehnen und vom Produktionsort sich entfernen, 2) daher die Kredite sich verlängern müssen, und also 3) das spekulative Element mehr und mehr die Transaktionen beherrschen muß. Die Produktion auf großer Stufenleiter und für entfernte Märkte wirft das Gesammtprodukt in die Hand des Handels; es ist aber unmöglich, daß sich das Kapital der Nation verdopple, sodaß der Handel für sich fähig wäre, mit eignem Kapital das gesammte nationale Produkt aufzukaufen und wieder zu verkaufen. Kredit ist hier also unerläßlich; Kredit, dem Umfang nach wachsend mit dem wachsenden Werthumfang der Produktion, und der Zeitdauer nach mit der zunehmenden Entfernung der Märkte. Es findet hier Wechselwirkung statt. Die Entwicklung des Produktionsprocesses erweitert den Kredit, und der Kredit führt zur Ausdehnung der industriellen und merkantilen Operationen.

Betrachten wir diesen Kredit, getrennt vom Bankierkredit, so ist klar, daß er wächst mit dem Umfang des industriellen Kapitals selbst. Leihkapital und industrielles Kapital sind hier identisch; die geliehenen Kapitale sind Waarenkapitale, bestimmt entweder für schließliche individuelle Konsumtion, oder zum Ersatz der konstanten Elemente von produktivem Kapital. Was hier also ||19| als geliehenes Kapital erscheint, ist immer Kapital, das sich in einer bestimmten Phase des Reproduktionsprocesses befindet, aber durch Kauf und Verkauf aus einer Hand in die andre übergeht, während das Aequivalent dafür vom Käufer erst später zu bedungner Frist gezahlt wird. Z. B. die Baumwolle geht gegen Wechsel in die Hand des Spinners über, das Garn gegen Wechsel in die Hand des Kattunfabrikanten, der Kattun gegen Wechsel in die Hand des Kaufmanns, aus dessen Hand gegen Wechsel in die des Exporteurs, aus der Hand des Exporteurs gegen Wechsel in die eines Kaufmanns in Indien, der ihn verkauft und dafür Indigo kauft u. s. w. Während dieses Uebergangs aus einer Hand in die andre vollzieht die Baumwolle ihre Verwandlung in Kattun, und der Kattun wird schließlich nach Indien transportirt und ausgetauscht gegen Indigo, der nach Europa verschifft wird und dort wieder in die Reproduktion eingeht. Die verschiednen Phasen des Reproduktionsprocesses sind hier vermittelt durch den Kredit, ohne daß der Spinner die Baumwolle, der Kattunfabrikant das Garn, der Kaufmann den Kattun etc. gezahlt hat. In den ersten Akten des Vorgangs geht die Waare: Baumwolle durch ihre verschiednen Produktionsphasen, und dieser Uebergang wird vermittelt durch den Kredit. Aber sobald die Baumwolle in der Produktion ihre letzte Form als Waare erhalten hat, geht dasselbe Waarenkapital nur noch durch die Hände verschiedner Kaufleute, die den Transport zum entlegnen Markt vermitteln, und deren letzter sie schließlich an den Konsumenten verkauft und andre Waare dafür einkauft, die entweder in die Konsumtion eingeht oder in den Reproduktionsproceß. Es sind also hier zwei Abschnitte zu unterscheiden: im ersten vermittelt der Kredit die wirklichen successiven Phasen in der Produktion desselben Artikels; im zweiten bloß den Uebergang aus der Hand eines Kaufmanns in die des andern, der den Transport einschließt, also den Akt W–G. Aber auch hier befindet sich die Waare wenigstens immer im Cirkulationsakt, also in einer Phase des Reproduktionsprocesses.

Was demnach hier verliehen wird, ist nie unbeschäftigtes Kapital, sondern Kapital, das in der Hand seines Besitzers seine Form ändern muß, das in einer Form existirt, worin es für ihn bloßes Waarenkapital ist, d. h. Kapital, das rückverwandelt, und zwar wenigstens zunächst in Geld umgesetzt werden muß. Es ist somit die Metamorphose der Waare, die hier durch den Kredit vermittelt wird; nicht nur W–G, sondern auch G–W und der wirkliche Produktionsproceß. Viel Kredit innerhalb des reproduktiven Kreis ||20|laufs – abgesehn vom Bankierkredit – heißt nicht: viel unbeschäftigtes Kapital, das zu Anleihen ausgeboten wird und profitliche Anlage sucht, sondern: große Beschäftigung von Kapital im Reproduktionsproceß. Der Kredit vermittelt hier also 1) soweit die industriellen Kapitalisten in Betracht kommen, den Uebergang des industriellen Kapitals aus einer Phase in die andre, den Zusammenhang der zu einander gehörigen und in einander eingreifenden Produktionssphären; 2) soweit die Kaufleute in Betracht kommen, den Transport und den Uebergang der Waaren aus einer Hand in die andre bis zu ihrem definitiven Verkauf für Geld oder ihrem Austausch mit einer andern Waare.

Das Maximum des Kredits ist hier gleich der vollsten Beschäftigung des industriellen Kapitals, d. h. der äußersten Anspannung seiner Reproduktionskraft ohne Rücksicht auf die Grenzen der Konsumtion. Diese Grenzen der Konsumtion werden erweitert durch die Anspannung des Reproduktionsprocesses selbst; einerseits vermehrt sie den Verzehr von Revenue durch Arbeiter und Kapitalisten, andrerseits ist sie identisch mit Anspannung der produktiven Konsumtion.

Solange der Reproduktionsproceß flüssig und damit der Rückfluß gesichert bleibt, dauert dieser Kredit und dehnt sich aus, und seine Ausdehnung ist basirt auf die Ausdehnung des Reproduktionsprocesses selbst. Sobald eine Stockung eintritt, in Folge verzögerter Rückflüsse, überführter Märkte, gefallner Preise, ist Ueberfluß von industriellem Kapital vorhanden, aber in einer Form, worin es seine Funktionen nicht vollziehn kann. Masse von Waarenkapital, aber unverkäuflich. Masse von fixem Kapital, aber durch Stockung der Reproduktion großentheils unbeschäftigt. Der Kredit kontrahirt sich, 1) weil dies Kapital unbeschäftigt ist, d. h. in einer seiner Reproduktionsphasen stockt, weil es seine Metamorphose nicht vollziehn kann; 2) weil das Vertrauen in die Flüssigkeit des Reproduktionsprocesses gebrochen ist; 3) weil die Nachfrage nach diesem kommerciellen Kredit abnimmt. Der Spinner, der seine Produktion einschränkt, und eine Masse unverkauftes Garn auf Lager hat, braucht keine Baumwolle auf Kredit zu kaufen; der Kaufmann braucht keine Waaren auf Kredit zu kaufen, weil er deren schon mehr als genug hat.

Tritt also Störung in dieser Expansion oder auch nur in der normalen Anspannung des Reproduktionsprocesses ein, so damit auch Kreditmangel; Waaren sind schwerer auf Kredit zu erhalten. Besonders aber ist das Verlangen nach baarer Zahlung und die ||21| Vorsicht im Kreditverkauf charakteristisch für die Phase des industriellen Cyklus, die auf den Krach folgt. In der Krisis selbst, da jeder zu verkaufen hat und nicht verkaufen kann und doch verkaufen muß um zu zahlen, ist die Masse, nicht des unbeschäftigten, unterzubringenden Kapitals, sondern die des in seinem Reproduktionsproceß gehemmten Kapitals gerade dann am größten, wenn auch der Kreditmangel am größten ist (und daher bei Bankierkredit die Diskontorate am höchsten). Das schon ausgelegte Kapital ist dann in der That massenweis unbeschäftigt, weil der Reproduktionsproceß stockt. Fabriken stehn still, Rohstoffe häufen sich auf, fertige Produkte überfüllen als Waaren den Markt. Es ist also nichts falscher als solchen Zustand einem Mangel an produktivem Kapital zuzuschreiben. Es ist gerade dann Ueberfluß von produktivem Kapital vorhanden, theils in Bezug auf den normalen, aber augenblicklich kontrahirten Maßstab der Reproduktion, theils in Bezug auf die gelähmte Konsumtion.

Denken wir uns die ganze Gesellschaft bloß aus industriellen Kapitalisten und Lohnarbeitern zusammengesetzt. Sehn wir ferner ab von den Preiswechseln, die große Portionen des Gesammtkapitals hindern, sich in ihren Durchschnittsverhältnissen zu ersetzen, und die, bei dem allgemeinen Zusammenhang des ganzen Reproduktionsprocesses, wie ihn namentlich der Kredit entwickelt, immer zeitweilige allgemeine Stockungen hervorbringen müssen. Sehn wir ab ebenfalls von den Scheingeschäften und spekulativen Umsätzen, die das Kreditwesen fördert. Dann wäre eine Krise nur erklärlich aus Mißverhältniß der Produktion in verschiednen Zweigen, und aus einem Mißverhältniß, worin der Konsum der Kapitalisten selbst zu ihrer Akkumulation stände. Wie aber die Dinge liegen, hängt der Ersatz der in der Produktion angelegten Kapitale großentheils ab von der Konsumtionsfähigkeit der nicht produktiven Klassen; während die Konsumtionsfähigkeit der Arbeiter theils durch die Gesetze des Arbeitslohns, theils dadurch beschränkt ist, daß sie nur solange angewandt werden, als sie mit Profit für die Kapitalistenklasse angewandt werden können. Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armuth und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwikkeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.

Von wirklichem Mangel an produktivem Kapital, wenigstens bei kapitalistisch entwickelten Nationen, kann nur gesprochen werden ||22| bei allgemeinen Mißernten, sei es der Hauptnahrungsmittel, sei es der hauptsächlichsten industriellen Rohstoffe.

Es kommt aber nun zu diesem kommerciellen Kredit der eigentliche Geldkredit hinzu. Das Vorschießen der Industriellen und Kaufleute unter einander verquickt sich mit dem Vorschießen des Geldes an sie seitens der Bankiers und Geldverleiher. Beim Diskontiren der Wechsel ist der Vorschuß nur nominell. Ein Fabrikant verkauft sein Produkt gegen Wechsel, und er diskontirt diesen Wechsel bei einem billbroker. In der That schießt dieser nur den Kredit seines Bankiers vor, der ihm wieder das Geldkapital seiner Depositoren vorschießt, die gebildet werden von den Industriellen und Kaufleuten selbst, aber auch von Arbeitern (vermittelst Sparbanken), von Grundrentnern und den sonstigen unproduktiven Klassen. So wird für jeden individuellen Fabrikanten oder Kaufmann sowohl die Nothwendigkeit eines starken Reservekapitals umgangen, wie die Abhängigkeit von den wirklichen Rückflüssen. Andrerseits aber komplicirt sich theils durch einfache Wechselreiterei, theils durch Waarengeschäfte zum Zweck der bloßen Wechselfabrikation der ganze Proceß so sehr, daß der Schein eines sehr soliden Geschäfts und flotter Rückflüsse noch ruhig fortexistiren kann, nachdem die Rückflüsse in der That schon längst nur noch auf Kosten theils geprellter Geldverleiher, theils geprellter Producenten gemacht worden sind. Daher scheint immer das Geschäft fast übertrieben gesund gerade unmittelbar vor dem Krach. Den besten Beweis liefern z. B. die Reports on Bank Acts von 1857 und 58, wo alle Bankdirektoren, Kaufleute, kurz alle vorgeladnen Sachverständigen, an ihrer Spitze Lord Overstone, sich wechselseitig Glück wünschten über die Blüte und Gesundheit des Geschäfts – genau einen Monat bevor die Krise im August 1857 ausbrach. Und sonderbarer Weise macht Tooke in seiner History of Prices diese Illusion noch einmal als Geschichtsschreiber jeder Krise durch. Das Geschäft ist immer kerngesund und die Kampagne im gedeihlichsten Fortgang, bis auf einmal der Zusammenbruch erfolgt.

Wir kommen jetzt zurück auf die Akkumulation des Geldkapitals.

Nicht jede Vermehrung des leihbaren Geldkapitals zeigt wirkliche Kapitalakkumulation oder Erweiterung des Reproduktionsprocesses an. Dies tritt am klarsten hervor in der Phase des industriellen Cyklus unmittelbar nach überstandner Krisis, wo Leih ||23|kapital massenhaft brach liegt. In solchen Momenten, wo der Produktionsproceß eingeschränkt ist (die Produktion in den englischen Industriebezirken war nach der Krise von 1847 um eindrittel verringert), wo die Preise der Waaren auf ihrem niedrigsten Punkt stehn, wo der Unternehmungsgeist gelähmt ist, herrscht niedriger Stand des Zinsfußes, der hier nichts anzeigt als Vermehrung des leihbaren Kapitals grade durch Kontraktion und Lähmung des industriellen Kapitals. Daß weniger Cirkulationsmittel erheischt sind mit gefallnen Waarenpreisen, verminderten Umsätzen, und der Kontraktion des in Arbeitslohn ausgelegten Kapitals; daß andrerseits, nach Liquidation der Schulden ans Ausland theils durch Goldabfluß und theils durch Bankrotte, kein zuschüssiges Geld für die Funktion als Weltgeld erheischt ist; daß endlich der Umfang des Geschäfts des Wechseldiskontirens mit der Zahl und den Beträgen dieser Wechsel selbst abnimmt, – alles dies ist augenscheinlich. Die Nachfrage nach leihbarem Geldkapital, sei es für Cirkulationsmittel, sei es für Zahlungsmittel, (von neuer Kapitalanlage ist noch keine Rede) nimmt daher ab, und es wird damit relativ reichlich. Aber auch das Angebot des leihbaren Geldkapitals nimmt unter solchen Umständen positiv zu, wie sich später zeigen wird.

So herrschte nach der Krise von 1847 „eine Einschränkung der Umsätze und ein großer Ueberfluß an Geld“. (Comm. Distress, 1847- 48, Evid. No. 1664.) Der Zinsfuß war sehr niedrig wegen „fast vollständiger Vernichtung des Handels und fast gänzlicher Abwesenheit der Möglichkeit Geld anzulegen“. (l. c., p. 45. Aussage von Hodgson, Direktor der Royal Bank of Liverpool.) Welchen Unsinn diese Herren (und Hodgson ist noch einer der besten) zusammenfabeln, um sich dies zu erklären, kann man aus folgender Phrase sehn: „Die Klemme (1847) entsprang aus einer wirklichen Verminderung des Geldkapitals im Lande, verursacht theils durch die Nothwendigkeit, die Einfuhren aus allen Weltgegenden in Gold zu bezahlen, und theils durch die Verwandlung von Cirkulationskapital (floating capital) in fixes.“ Wie die Verwandlung von Cirkulationskapital in fixes das Geldkapital des Landes vermindern soll, ist nicht abzusehn, da z. B. bei Eisenbahnen, worin hauptsächlich damals Kapital festgelegt worden, kein Gold oder Papier zu Viadukten und Schienen verbraucht wird, und das Geld für die Eisenbahnaktien, soweit es bloß für Einzahlungen deponirt, ganz wie alles andre bei den Banken deponirte Geld fungirte, und selbst, wie schon oben gezeigt, momentan das leihbare Geldkapital ver ||24|mehrte; soweit es aber wirklich im Bau verausgabt, roulirte es als Kauf- und Zahlungsmittel im Lande. Nur soweit fixes Kapital kein exportirbarer Artikel ist, also mit der Unmöglichkeit der Ausfuhr auch das disponible Kapital wegfällt, das durch Retouren für ausgeführte Artikel beschafft wird, also auch die Retouren in baar oder Barren, nur soweit könnte das Geldkapital afficirt werden. Aber auch englische Exportartikel lagerten damals massenweise unverkäuflich auf den auswärtigen Märkten. Für die Kaufleute und Fabrikanten in Manchester u. s. w., die einen Theil ihres normalen Geschäftskapitals in Eisenbahnaktien festgeritten, und zur Führung ihres Geschäfts daher von Borgkapital abhingen, hatte sich in der That ihr floating capital fixirt, und dafür mußten sie die Folgen tragen. Es wäre aber dasselbe gewesen, wenn sie das ihrem Geschäft gehörige, aber entzogne Kapital, statt in Eisenbahnen z. B. in Bergwerken angelegt hätten, deren Produkt selbst wieder floating capital ist, Eisen, Kohle, Kufper etc. – Die wirkliche Verminderung des disponiblen Geldkapitals durch Mißernte, Korneinfuhr und Goldausfuhr, war natürlich ein Ereigniß, das mit dem Eisenbahnschwindel nichts zu thun hatte. – „Fast alle kaufmännischen Häuser hatten angefangen ihr Geschäft mehr oder weniger auszuhungern, um das Geld in Eisenbahnen anzulegen.“ – „Die so ausgedehnten Vorschüsse, die an Eisenbahnen von Handelshäusern gemacht wurden, verleiteten diese, sich viel zu sehr durch Wechseldiskonto auf die Banken zu stützen, und dadurch ihre Handelsgeschäfte weiter zu führen.“ (Derselbe Hodgson, l. c., p. 67.) „In Manchester fanden immense Verluste statt durch die Spekulation in Eisenbahnen.“ (Der in Buch I, Kap. XIII., 3, c, und sonst mehrfach angeführte R. Gardner, Aussagenummer 4877, l. c.)

Eine Hauptursache der Krisis von 1847 war die kolossale Marktüberführung und der grenzenlose Schwindel im ostindischen Waarengeschäft. Aber auch andre Umstände brachten sehr reiche Häuser dieses Zweigs zu Fall: „Sie hatten reichliche Mittel, aber sie waren nicht flüssig zu machen. Ihr ganzes Kapital lag fest in Grundbesitz in Mauritius, oder Indigo- und Zuckerfabriken. Wenn sie dann Verpflichtungen bis zu 5-600 000 £ eingegangen waren, hatten sie keine flüssigen Mittel ihre Wechsel zu zahlen, und schließlich stellte sich heraus, daß, um ihre Wechsel zu zahlen, sie sich gänzlich auf ihren Kredit verlassen mußten.“ (Ch. Turner, großer ostindischer Kaufmann in Liverpool, No. 730, l. c.) Ferner Gardner (No. 4872, l. c.): „Gleich nach dem chinesischen Vertrag ||25| wurden dem Lande so große Aussichten gemacht auf eine gewaltige Ausdehnung unsers Handels mit China, daß viele große Fabriken expreß für dies Geschäft gebaut wurden, um die im chinesischen Markt hauptsächlich gangbaren Baumwollengewebe anzufertigen, und diese kamen zu allen unsern schon bestehenden Fabriken hinzu. – 4874. Wie ist dieses Geschäft abgelaufen? – Höchst ruinirend, sodaß es fast jeder Beschreibung spottet; ich glaube nicht daß von den sämmtlichen Verschiffungen von 1844 und 45 nach China, mehr als 2 3 des Betrags je zurückgekommen sind; weil Thee der Hauptartikel des Rückexports ist und weil man uns so große Erwartungen gemacht hatte, rechneten wir Fabrikanten mit Sicherheit auf eine große Herabsetzung des Theezolls.“ Und nun kommt, naiv ausgedrückt, das charakteristische Credo des englischen Fabrikanten: „Unser Handel mit einem auswärtigen Markt ist nicht beschränkt durch dessen Fähigkeit die Waaren zu kaufen, aber er ist beschränkt hier im Lande, durch unsre Fähigkeit die Produkte zu konsumiren, die wir als Retouren für unsre Industrieerzeugnisse erhalten.“ (Die relativ armen Länder, womit England handelt, können natürlich jeden nur möglichen Belauf englischer Fabrikate zahlen und konsumiren, leider aber kann das reiche England die Retourprodukte nicht verdauen.) „4876. Ich schickte anfangs einige Waaren hinaus, und diese wurden zu etwa 15 % Verlust verkauft, in der vollen Ueberzeugung, daß der Preis, zu dem meine Agenten Thee kaufen konnten, beim Wiederverkauf hier einen so großen Profit ergeben würde, daß dieser Verlust gedeckt wäre; aber statt Profit zu machen, verlor ich manchmal 25 und bis zu 50 %. – 4877. Exportirten die Fabrikanten für eigne Rechnung? – Hauptsächlich; die Kaufleute, scheint es, sahn sehr bald, daß nichts bei der Sache herauskam, und sie ermunterten die Fabrikanten mehr zu Konsignationen, als daß sie sich selbst dabei betheiligten.“ – 1857 dagegen fielen Verluste und Bankrotte vorzugsweise auf die Kaufleute, da diesmal die Fabrikanten ihnen die Ueberführung der fremden Märkte „auf eigne Rechnung“ überließen.

Eine Expansion des Geldkapitals, die daraus entsteht, daß in Folge der Ausbreitung des Bankwesens (siehe das Beispiel von Ipswich weiter unten, wo im Lauf weniger Jahre unmittelbar vor 1857 die Depositen der Pächter sich vervierfachten) das was früher Privatschatz oder Münzreserve war, sich für bestimmte Zeit immer in leihbares Kapital verwandelt, drückt ebensowenig ein ||26| Wachsen des produktiven Kapitals aus, wie die wachsenden Depositen bei den Londoner Aktienbanken, sobald diese anfingen, Zinsen auf Depositen zu zahlen. Solange die Produktionsleiter dieselbe bleibt, bewirkt diese Expansion nur Reichlichkeit des leihbaren Geldkapitals gegenüber dem produktiven. Daher niedriger Zinsfuß.

Hat der Reproduktionsproceß wieder den Stand der Blüte erreicht, der dem der Ueberanspannung vorhergeht, so erreicht der kommercielle Kredit eine sehr große Ausdehnung, die dann in der That wieder die „gesunde“ Basis leicht eingehender Rückflüsse und ausgedehnter Produktion hat. In diesem Zustand ist der Zinsfuß immer noch niedrig, wenn er auch über sein Minimum steigt. Es ist in der That der einzige Zeitpunkt, wo gesagt werden kann, daß niedriger Zinsfuß, und daher relative Reichlichkeit des verleihbaren Kapitals, zusammenfällt mit wirklicher Ausdehnung des industriellen Kapitals. Die Leichtigkeit und Regelmäßigkeit der Rückflüsse, verknüpft mit einem ausgedehnten kommerciellen Kredit, sichert das Angebot von Leihkapital trotz der gesteigerten Nachfrage, und verhindert das Niveau des Zinsfußes zu steigen. Andrerseits kommen jetzt erst in merklichem Grad die Ritter herein, die ohne Reservekapital oder überhaupt ohne Kapital arbeiten, und daher ganz auf den Geldkredit hin operiren. Es kommt jetzt auch hinzu die große Ausdehnung des fixen Kapitals in allen Formen, und die massenhafte Eröffnung neuer weitreichender Unternehmungen. Der Zins steigt jetzt auf seine Durchschnittshöhe. Sein Maximum erreicht er wieder, sobald die neue Krisis hereinbricht, der Kredit plötzlich aufhört, die Zahlungen stocken, der Reproduktionsproceß gelähmt wird und, mit früher erwähnten Ausnahmen, neben fast absolutem Mangel von Leihkapital, Ueberfluß von unbeschäftigtem industriellem Kapital eintritt.

Im Ganzen also verläuft die Bewegung des Leihkapitals, wie sie sich im Zinsfuß ausdrückt, in umgekehrter Richtung zu der des industriellen Kapitals. Die Phase, wo der niedrige, aber über dem Minimum stehende Zinsfuß mit der „Besserung“ und dem wachsenden Vertrauen nach der Krise zusammenfällt, und besonders die Phase, wo er seine Durchschnittshöhe erreicht, die Mitte, gleichweit entfernt von seinem Minimum und Maximum, nur diese beiden Momente drücken das Zusammenfallen von reichlichem Leihkapital mit großer Expansion des industriellen Kapitals aus. Aber am Anfang des industriellen Cyklus ist der niedrige Zinsfuß zusammenfallend mit Kontraktion, und am Ende des Cyklus der hohe Zinsfuß mit Ueberreichlichkeit von industriellem Kapital. Der niedrige||27| Zinsfuß, der die „Besserung“ begleitet, drückt aus, daß der kommercielle Kredit nur in geringem Maß des Bankkredits bedarf, indem er noch auf seinen eignen Füßen steht.

Es verhält sich mit diesem industriellen Cyklus so, daß derselbe Kreislauf, nachdem der erste Anstoß einmal gegeben, sich periodisch reproduciren muß.8) Im Zustand der Abspannung sinkt die Produktion unter die Stufe, die sie im vorigen Cyklus erreicht, und wofür jetzt die technische Basis gelegt ist. In der Prosperität – der Mittelperiode – entwickelt sie sich weiter auf dieser Basis. In der Periode der Ueberproduktion und des Schwindels spannt sie die Produktivkräfte aufs höchste an, bis hinaus über die kapitalistischen Schranken des Produktionsprocesses.

Daß es in der Periode der Krise an Zahlungsmitteln fehlt, ist selbsteinleuchtend. Die Konvertibilität der Wechsel hat sich substituirt der Metamorphose der Waaren selbst, und grade zu solcher Zeit um so mehr, jemehr ein Theil der Geschäftshäuser bloß auf Kredit arbeitet. Unwissende und verkehrte Bankgesetzgebung, wie die von 1844 - 45, kann diese Geldkrise erschweren. Aber keine Art Bankgesetzgebung kann die Krise beseitigen. |

|28| In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprocesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch baare Zahlung gilt, muß augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der That handelt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber diese Wechsel repräsentiren der Mehrzahl nach wirkliche Käufe und Verkäufe, deren das gesellschaftliche Bedürfniß weit überschreitende Ausdehnung schließlich der ganzen Krisis zu Grunde liegt. Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wechsel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt an's Tageslicht kommen und platzen; ferner mit fremdem Kapital getriebne, aber verunglückte Spekulationen; endlich Waarenkapitale, die entwerthet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen können. Das ganze künstliche System gewaltsamer Ausdehnung des Reproduktionsprocesses kann natürlich nicht dadurch kurirt werden, daß nun etwa eine Bank, z. B. die Bank von England, in ihrem Papier allen Schwindlern das fehlende Kapital gibt und die sämmtlichen entwertheten Waaren zu ihren alten Nominalwerthen kauft. Uebrigens erscheint hier alles verdreht, da in dieser papiernen Welt nirgendswo der reale Preis und seine realen Momente erscheinen, sondern nur Barren, Hartgeld, Noten, Wechsel, Werthpapiere. Namentlich in den Centren, wo das ganze Geldgeschäft des Landes zusammengedrängt, wie London, erscheint diese Verkehrung; der ganze Vorgang wird unbegreiflich; weniger schon in den Centren der Produktion.

Uebrigens ist mit Bezug auf die in den Krisen zu Tage tretende Ueberreichlichkeit des industriellen Kapitals zu bemerken: Das Waarenkapital ist an sich zugleich Geldkapital, d. h. bestimmte Werthsumme, ausgedrückt im Preis der Waare. Als Gebrauchswerth ist es bestimmtes Quantum bestimmter Gebrauchsgegenstände, und dies ist im Moment der Krise im Ueberfluß vorhanden. Aber als Geldkapital an sich, als potentielles Geldkapital, ist es beständiger Expansion und Kontraktion unterworfen. Am Vorabend der Krise und innerhalb derselben ist das Waarenkapital in seiner Eigenschaft als potentielles Geldkapital kontrahirt. Es stellt für seinen Besitzer und dessen Gläubiger (wie auch als Sicherheit für Wechsel und Anleihen) weniger Geldkapital vor, als zur Zeit, wo es eingekauft und wo die auf es begründeten Diskontirungen und Pfandgeschäfte abgeschlossen wurden. Soll dies der Sinn der Be ||29|hauptung sein, daß das Geldkapital eines Landes in Zeiten der Klemme vermindert ist, so ist dies identisch damit, daß die Preise der Waaren gefallen sind. Ein solcher Zusammenbruch der Preise gleicht übrigens nur ihre frühere Aufblähung aus.

Die Einnahmen der unproduktiven Klassen und derer, die von festem Einkommen leben, bleiben zum größten Theil stationär während der Preisaufblähung, die mit der Ueberproduktion und Ueberspekulation Hand in Hand geht. Ihre Konsumtionsfähigkeit vermindert sich daher relativ, und damit ihre Fähigkeit, den Theil der Gesammtreproduktion zu ersetzen, der normaliter in ihre Konsumtion eingehn müßte. Selbst wenn ihre Nachfrage nominell dieselbe bleibt, nimmt sie in Wirklichkeit ab.

Mit Bezug auf Einfuhr und Ausfuhr ist zu bemerken, daß der Reihe nach alle Länder in die Krisis verwickelt werden und daß es sich dann zeigt, daß sie alle, mit wenigen Ausnahmen, zuviel exportirt und importirt haben, also die Zahlungsbilanz gegen alle ist, die Sache also in der That nicht an der Zahlungsbilanz liegt. Z. B. England laborirt an Goldabfluß. Es hat überimportirt. Aber zugleich sind alle andren Länder mit englischen Waaren überladen. Sie haben also auch überimportirt, oder sind überimportirt worden. (Allerdings tritt ein Unterschied ein zwischen dem Land, das auf Kredit exportirt, und denen, die nicht oder nur wenig gegen Kredit exportiren. Die letzteren importiren dann aber auf Kredit; und dies ist nur dann nicht der Fall, wenn die Waare dorthin auf Konsignation geschickt wird.) Die Krise mag zuerst in England ausbrechen, in dem Lande, das den meisten Kredit gibt und den wenigsten nimmt, weil die Zahlungsbilanz, die Bilanz der fälligen Zahlungen, die sofort liquidirt werden muß, gegen es, obgleich die allgemeine Handelsbilanz für es ist. Dies letztere erklärt sich theils aus dem von ihm gegebnen Kredit, theils aus der Masse ans Ausland verliehner Kapitale, sodaß eine Masse Rückflüsse in Waaren, außer den eigentlichen Handelsretouren, ihm zuströmen. (Die Krise brach aber zuweilen auch zuerst in Amerika aus, dem Lande, das den meisten Handels- und Kapitalkredit von England nimmt.) Der Krach in England, eingeleitet und begleitet von Goldabfluß, saldirt Englands Zahlungsbilanz, theils durch den Bankrott seiner Importeurs (worüber weiter unten), theils durch Wegtreiben eines Theils seines Waarenkapitals zu wohlfeilen Preisen ins Ausland, theils durch Verkauf fremder Werthpapiere, Ankauf von englischen etc. Nun kommt die Reihe an ein andres Land. Die Zahlungsbilanz war momentan für es; aber jetzt ist ||30| der in normalen Zeiten geltende Termin zwischen Zahlungsbilanz und Handelsbilanz weggefallen oder doch verkürzt durch die Krise; alle Zahlungen sollen auf einmal erledigt werden. Dieselbe Sache wiederholt sich nun hier. England hat jetzt Goldrückfluß, das andre Land Goldabfluß. Was in dem einen Land als Uebereinfuhr, erscheint in dem andren als Ueberausfuhr und umgekehrt. Es hat aber Uebereinfuhr und Ueberausfuhr in allen Ländern stattgefunden (wir sprechen hier nicht von Mißernten etc., sondern von allgemeiner Krise); d. h. Ueberproduktion, befördert durch den Kredit und die ihn begleitende allgemeine Aufblähung der Preise.

1857 brach die Krisis in den Vereinigten Staaten aus. Es erfolgte Goldabfluß aus England nach Amerika. Aber sobald die Aufblähung in Amerika geplatzt, erfolgte Krise in England und Goldabfluß von Amerika nach England. Ebenso zwischen England und dem Kontinent. Die Zahlungsbilanz ist in Zeiten der allgemeinen Krise gegen jede Nation, wenigstens gegen jede kommerciell entwickelte Nation, aber stets bei einer nach der andern, wie in einem Rottenfeuer, sobald die Reihe der Zahlung an sie kommt; und die einmal, z. B. in England, ausgebrochne Krise drängt die Reihe dieser Termine in eine ganz kurze Periode zusammen. Es zeigt sich dann, daß alle diese Nationen gleichzeitig überexportirt (also überproducirt) und überimportirt (also überhandelt) haben, daß in allen die Preise aufgetrieben waren, und der Kredit überspannt. Und bei allen folgt derselbe Zusammenbruch. Die Erscheinung des Goldabflusses kommt dann an alle der Reihe nach, und zeigt eben durch ihre Allgemeinheit 1) daß der Goldabfluß bloßes Phänomen der Krise, nicht ihr Grund ist; 2) daß die Reihenfolge, worin er bei den verschiednen Nationen eintritt, nur anzeigt, wann die Reihe an sie gekommen, ihre Rechnung mit dem Himmel zu schließen, wann der Termin der Krise bei ihnen eingetreten und die latenten Elemente derselben bei ihnen zum Ausbruch kommen.

Es ist charakteristisch für die englischen ökonomischen Schriftsteller - und die erwähnenswerthe ökonomische Literatur seit 1830 löst sich hauptsächlich auf in Literatur über currency, Kredit, Krisen – daß sie den Export von Edelmetall, trotz der Wendung der Wechselkurse, in Zeiten der Krise bloß vom Standpunkt von England aus betrachten, als ein rein nationales Phänomen, und ihre Augen resolut gegen die Thatsache verschließen, daß wenn ihre Bank in Zeiten der Krise den Zinsfuß erhöht, alle andern europäischen Banken dasselbe thun, und daß, wenn heute bei | |31| ihnen der Nothschrei wegen des Goldabflusses ertönt, er morgen in Amerika, übermorgen in Deutschland und Frankreich erschallt.

1847 „war den auf England laufenden Verpflichtungen“ ❲zum sehr großen Theil für Korn❳ „nachzukommen. Unglücklicherweise kam man ihnen großentheils nach durch Bankrotte.“ ❲Das reiche England verschaffte sich Luft durch Bankrott gegenüber dem Kontinent und Amerika.❳ „Aber soweit man sie nicht durch Bankrott erledigte, kam man ihnen nach durch Ausfuhr von Edelmetallen.“ (Report of Committee on Bank-Acts, 1857.) Soweit also die Krise in England verschärft wird durch die Bankgesetzgebung, ist diese Gesetzgebung ein Mittel, um in Zeiten der Hungersnoth die kornausführenden Nationen zu prellen, erst um ihr Korn, und dann um das Geld für ihr Korn. Ein Verbot der Kornausfuhr in solchen Zeiten für Länder, die selbst mehr oder weniger an Theuerung laboriren, ist also ein sehr rationelles Mittel gegen diesen Plan der Bank von England, „Verpflichtungen nachzukommen“ für Korneinfuhr „durch Bankrotte“. Es ist dann viel besser, daß die Kornproducenten und Spekulanten einen Theil ihres Profits zum Besten des Landes verlieren, als ihr Kapital zum Besten Englands.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß das Waarenkapital seine Eigenschaft, potentielles Geldkapital darzustellen, in der Krise und überhaupt in Geschäftsstockungen in großem Maß verliert. Dasselbe gilt von dem fiktiven Kapital, den zinstragenden Papieren, soweit diese selbst als Geldkapitale auf der Börse cirkuliren. Mit dem steigenden Zins fällt ihr Preis. Er fällt ferner durch den allgemeinen Kreditmangel, der ihre Eigner zwingt, sie massenweis auf dem Markt loszuschlagen, um sich Geld zu verschaffen. Er fällt endlich bei Aktien, theils in Folge der Abnahme der Revenuen, worauf sie Anweisungen sind, theils in Folge des Schwindelcharakters der Unternehmungen, die sie oft genug repräsentiren. Dies fiktive Geldkapital ist in Krisen enorm vermindert, und damit die Macht seiner Eigner, Geld darauf im Markt aufzunehmen. Die Verminderung der Geldnamen dieser Werthpapiere im Kurszettel hat jedoch nichts zu thun mit dem wirklichen Kapital, das sie vorstellen, dagegen sehr viel mit der Zahlungsfähigkeit seiner Eigner. |

Quelle: MEGA II/15: Das Kapital Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band, Seite 473-490