|567|b) Verwandlung von Mehrwerth in Kapital.
Früher hatten wir zu betrachten, wie der Mehrwerth aus dem Kapital, jetzt wie das Kapital aus dem Mehrwerth entspringt. Anwendung von Mehrwerth als Kapital oder Rückverwandlung von Mehrwerth in Kapital heißt Accu- mulation des Kapitals21).
Ein Kapital betrage 10 000 Pfd. St., sein variabler Bestandtheil 2000 Pfd. St. Bei einer Rate des Mehrwerths von 100 % producirt es in einer gewissen Periode, jährlich z. B., einen Mehrwerth von 2000 Pfd. St. Werden diese 2000 Pfd. St. wieder als Kapital vorgeschossen, so wächst das ursprüngliche Kapital von 10 000 auf 12 000 Pfd. St. oder es hat accumulirt. Es ist zunächst gleichgültig, ob das Zuschußkapital zum alten geschlagen oder selbstständig verwerthet wird.
Eine Werthsumme von 2000 Pfd. St. ist eine Werthsumme von 2000 Pfd. St. Man riecht und sieht diesem Geld nicht an, daß es Mehrwerth ist. Der Charakter eines Werths als Mehrwerth zeigt, wie er zu seinem Eigner kam, ändert aber nichts an der Natur des Werths oder des Geldes. Die Verwandlung der zuschüssigen 2000 Pfd. St. in Kapital geht also in derselben Weise vor, wie die Verwandlung der ursprünglichen 10 000 Pfd. St. Die Bedingungen der Metamorphose bleiben dieselben. Ein Theil der 2000 Pfd. St. muß in constantes, der andre in variables Kapital verwandelt werden, der eine in die objektiven Faktoren des Arbeitsprozesses, Arbeitsmaterial und Arbeitsmittel, der andre in seinen subjektiven Faktor, Arbeitskraft. Der Kapitalist muß also diese Elemente auf dem Waarenmarkt vorfinden. So stellt sich der Vorgang dar vom Standpunkt des individuellen Kapitalisten, der die Geldsumme von 10 000 Pfd. St. in einen Waarenwerth von 12 000 Pfd. St. verwandelt, diesen Waarenwerth in Geld zum Belauf von 12 000 Pfd. St. rückverwandelt, und nun neben dem ursprünglichen Werth von 10 000 Pfd. St. ||568| auch den zuschüssigen Werth von 2000 Pfd. St. als sein Kapital funktioniren läßt. Betrachten wir aber die 10 000 Pfd. St. als das gesellschaftliche Kapital oder als das Gesammtkapital der Kapitalisten- klasse, und die 2000 Pfd. St. als ihren während des Jahrs z. B. producirten Mehrwerth! Der Mehrwerth ist verkörpert in einem zuschüssigen Produkt oder Mehrprodukt. Ein Theil dieses Mehrprodukts geht in den Konsumtions- fonds der Kapitalisten ein oder wird von ihnen als Revenue verzehrt. Abgesehn von diesem Theil, ebenso vom internationalen Handel, der inländische durch ausländische Waarensorten ersetzt, besteht das Mehrprodukt, in seiner Naturalform, nur aus Produktionsmitteln, Rohstoffen, Hilfsstoffen, Arbeitsmitteln, und aus nothwendigen Lebensmitteln, also aus den stoffli- chen Elementen des constanten und variablen Kapitals. Diese finden sich also nicht zufällig auf dem Markt vor, sondern sind bereits vorhandne Existenzweisen des producirten Mehrwerths selbst. Was aber die erheischte zuschüssige Arbeit angeht, so können bis zu einem gewissen Grad die bereits funktionirenden Arbeitskräfte voller beschäftigt, extensiv oder intensiv höher angespannt werden. Andrerseits hat der kapitalistische Produktionsprozeß mit den sachlichen Elementen des zuschüssigen Kapitals auch bereits zuschüssige Arbeitskräfte geliefert. Da nämlich die Arbeiterklasse aus dem Prozeß herauskömmt, wie sie in ihn eintrat, müssen verschiedne Altersklassen ihrer Kinder, deren Existenz der Durchschnittslohn sichert, beständig neben sie auf den Arbeitsmarkt treten. Konkret betrachtet ist die Accumulation also kapitalistischer Reproduktionsprozeß auf erweiterter Stufenlei- ter.
Den in Zuschußkapital verwandelten Mehrwerth von 2000 Pfd. St. wollen wir Surpluskapital Nr. I nennen. Der Vereinfachung wegen vorausgesetzt, seine Theilung in constanten und variablen Bestandtheil bleibe dieselbe wie beim ursprünglichen Kapital, ebenso die Rate des Mehrwerths von 100 %, und wir kennen die Methode, worin dieß Kapital von 2000 Pfd. St. einen Mehrwerth von 400 Pfd. St. producirt. Dieser Mehrwerth werde wieder in Kapital verwandelt. So erhalten wir Surpluskapital Nr. II von 400 Pfd. St. u. s. w.
Was hat sich nun geändert? Die 10 000 Pfd. St., die sich ursprünglich in Kapital verwandelten, waren das Eigenthum ihres Besitzers. Er warf sie auf den Waaren- und Arbeitsmarkt. Wo hat er sie her? Wir ||569| wissen es nicht. Das Gesetz des Waarenaustausches, wonach sich im Durchschnitt Aequivalente austauschen und jeder nur mit Waare Waare kauft, begünstigt die Annahme, daß die 10 000 Pfd. St. nur die Geldform seiner eignen Produkte und daher seiner eignen Arbeit sind, oder der Arbeit von Personen, als deren rechtmäßiger Stellvertreter er funktionirt.
Den Entstehungsprozeß des Surpluskapitals Nr. I kennen wir dagegen ganz genau. Es ist nur die verwandelte Form von Mehrwerth, also von Mehrarbeit, unbezahlter fremder Arbeit. Es ist kein Werthatom darin, wofür sein Besitzer ein Aequivalent gezahlt hätte. Allerdings kauft der Kapitalist, wie vorher mit einem Theil des ursprünglichen, so jetzt mit einem Theil des Surplus-Kapitals von neuem Arbeitskraft, woraus er von neuem Mehrarbeit pumpt und daher von neuem Mehrwerth producirt. Aber er kauft den Arbeiter jetzt mit dessen eignem, ihm vorher ohne Aequivalent weggenom- menen Produkt oder Produktenwerth, ganz wie er ihn mit Produktionsmitteln beschäftigt, die in natura oder deren Werth ohne Aequivalent weggenom- menes Produkt des Arbeiters sind. Es ändert durchaus nichts an der Sache, ob dieselben individuellen Arbeiter, die das Surpluskapital producirt haben, auch damit beschäftigt werden, oder ob mit der in Geld verwandelten unbezahlten Arbeit des Arbeiters A der Arbeiter B geworben wird. Dieß ändert nur die Erscheinung, ohne sie zu verschönern. Da das Verhältniß des individuellen Kapitalisten und des individuellen Arbeiters das von einander unabhängiger Waarenbesitzer ist, von denen der eine Arbeitskraft kauft, der andre verkauft, ist ihr Zusammenhang zufällig. Der Kapitalist verwandelt vielleicht das Surpluskapital in eine Maschine, die den Producenten des Surpluskapitals aufs Pflaster wirft und durch ein paar Kinder ersetzt.
In dem Surpluskapital Nr. I sind alle Bestandtheile Produkt unbezahlter fremder Arbeit, kapitalisirter Mehrwerth. Es verschwindet der Schein der ersten Darstellung des Produktionsprozesses oder des ersten Akts der Kapitalbildung, als ob der Kapitalist irgend welche Werthe aus seinem eignen Fonds in die Cirkulation würfe. Erst entführt die unsichtbare Magie des Prozesses das Mehrprodukt des Arbeiters von seinem Pol zum Gegenpol des Kapitalisten. Dann verwandelt der Kapitalist diesen Reichthum, der für ihn eine Schöpfung aus Nichts ist, in Kapital, in ein Mittel ||570| zur Anwendung, Beherrschung und Exploitation zuschüssiger Arbeitskraft22).
Im kapitalistischen Produktionsprozeß wird ursprünglich nur eine dem Geldbesitzer, wir wissen nicht auf welche Titel hin, gehörige Werthsumme in Kapital und daher Quelle von Mehrwerth verwandelt. Es geht eine Veränderung mit dieser Werthsumme vor, aber sie selbst ist nicht das Resultat des Prozesses, sondern vielmehr seine von ihm unabhängige Voraussetzung. Im einfachen Reproduktionsprozeß, oder dem kontinuirlichen Produktionsprozeß, ist es ein Theil vom Produkt des Arbeiters, der ihm stets von neuem als variables Kapital gegenübertritt, aber sein Produkt nimmt stets von neuem diese Form an, weil er ursprünglich seine Arbeitskraft für das Geld des Kapitalisten verkaufte. Endlich verwandelt sich im Verlauf der Reproduktion aller vom Kapitalisten vorgeschossene Kapitalwerth in ka- pitalisirten Mehrwerth, aber diese Verwandlung selbst unterstellt, daß der Fonds ursprünglich aus seinen eignen Mitteln herstammt. Anders im Accumulationsprozeß oder dem Reproduktionsprozeß auf erweiterter Stufenleiter. Das Geld, oder stofflich ausgedrückt, die Produktions- und Lebensmittel, die Substanz des neuen Kapitals, ist selbst das Produkt des Prozesses, der fremde unbezahlte Arbeit auspumpt. Das Kapital hat Kapital producirt.
Eine dem Kapitalisten gehörige Werthsumme von 10 000 Pfd. St. war die Voraussetzung für Bildung des Surpluskapitals Nr. I von 2000 Pfd. St. Die Voraussetzung des Surpluskapitals Nr. II von 400 Pfd. St. ist nichts anders als die Existenz des Surpluskapitals Nr. I. Eigenthum an vergangner unbezahlter Arbeit erscheint jetzt als die einzige Bedingung für gegenwärtige Aneignung unbezahlter lebendiger Arbeit in stets wachsendem Umfang.
Insofern der Mehrwerth, woraus Surpluskapital Nr. I besteht, das Resultat des Ankaufs der Arbeitskraft durch einen Theil des Originalkapitals war, ein Kauf, der den Gesetzen des Waarenaustausches entsprach, und, juristisch betrachtet, nichts voraussetzt als freie Verfügung, auf Seiten des Arbeiters über seine eignen Fähigkeiten, auf Seiten des Geld- oder Waaren||571|besitzers über ihm gehörige Werthe; sofern Surpluskapital Nr. II u. s. w. bloß Resultat von Surpluskapital Nr. I, also Konsequenz jenes ersten Verhältnisses; sofern jede einzelne Transaktion fortwährend dem Gesetz des Waarenaustausches entspricht, der Kapitalist stets die Arbeitskraft kauft, der Arbeiter sie stets verkauft, und wir wollen annehmen selbst zu ihrem wirklichen Werth, schlägt offenbar das auf Waarenproduktion und Waaren- cirkulation beruhende Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigen- thums durch seine eigne, innere, unvermeidliche Dialektik in sein direktes Gegentheil um23). Der Austausch von Aequivalenten, der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, daß nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte Kapitaltheil selbst nur ein Theil des ohne Aequivalent angeeigneten fremden Arbeitsproduktes ist, und zweitens von seinem Producenten, dem Arbeiter, nicht nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus ersetzt werden muß. Das Verhältniß des Austausches zwischen Kapitalist und Arbeiter wird also nur dem Cirkulationsprozeß angehöriger Schein, bloße Form, die dem Inhalt selbst fremd ist und ihn nur mystificirt. Der beständige Kauf und Verkauf der Arbeitskraft ist die Form. Der Inhalt ist, daß der Kapitalist einen Theil der bereits vergegenständlichten fremden Arbeit, die er sich unaufhörlich ohne Aequivalent aneignet, stets wieder gegen größeres Quantum lebendiger fremder Arbeit umsetzt. Ursprünglich erschien uns das Eigenthumsrecht gegründet auf eigne Arbeit. Wenigstens mußte diese Annahme gelten, da sich nur gleichberechtigte Waarenbesitzer gegenüberstehn, das Mittel zur Aneignung fremder Waare aber nur die Veräußerung der eignen Waare, und letztere nur durch Arbeit herstellbar ist. Eigenthum erscheint jetzt, auf Seite des Kapitalisten, als das Recht fremde unbezahlte||572|Arbeit oder ihr Produkt, auf Seite des Arbeiters, als Unmöglichkeit, sich sein eignes Produkt anzueignen. Die Scheidung zwischen Eigenthum und Arbeit wird zur nothwendigen Konsequenz eines Gesetzes, das scheinbar von ihrer Identität ausging24). Man sah, daß selbst bei einfacher Reproduktion alles vorgeschossene Kapital, wie immer ursprünglich erworben, sich in accumulirtes Kapital oder kapitalisirten Mehrwerth verwandelt. Aber im Strom der Produktion wird überhaupt alles ursprünglich vorgeschossene Kapital eine verschwindende Größe (magnitudo evanescens im mathematischen Sinn) verglichen mit dem direkt accumulirten Kapital, d. h. in Kapital rückverwandelten Mehrwerth oder Mehrprodukt, ob nun funktionirend in der Hand, die accumulirt hat, oder in fremder Hand. Die politische Oekonomie stellt das Kapital daher überhaupt als „accumulirten Reichthum (verwandelten Mehrwerth oder Revenue) dar, der von neuem zur Produktion von Mehrwerth verwandt wird“25), oder auch den Kapitalisten als „Besitzer des Mehrprodukts“26). Dieselbe Anschauungsweise besitzt nur andre Form in dem Ausdruck, daß alles vorhandne Kapital accumulirter oder kapitalisirter Zins sei, denn der Zins ist ein bloßes Bruchstück des Mehrwerths27).
Bevor wir nun auf einige nähere Bestimmungen der Accumulation oder der Rückverwandlung von Mehrwerth in Kapital eingehn, ist ||573| eine von der klassischen Oekonomie ausgeheckte Zweideutigkeit zu beseitigen.
So wenig die Waaren, die der Kapitalist mit einem Theil des Mehrwerths für seine eigne Konsumtion kauft, ihm als Produktions- und Verwerthungsmittel dienen, so wenig ist die Arbeit, die er zur Befriedigung seiner natürlichen und socialen Bedürfnisse kauft, produktive Arbeit. Statt durch den Kauf jener Waaren und Arbeit den Mehrwerth in Kapital zu verwandeln, verzehrt oder verausgabt er ihn umgekehrt als Revenue. Gegenüber der altadlichen Gesinnung, die, wie Hegel richtig sagt, „im Verzehren des Vorhandenen besteht“ und namentlich auch im Luxus persönlicher Dienste sich breit macht, war es entscheidend wichtig für die bürgerliche Oekonomie hervorzuheben, daß das Evangelium der neuen Gesellschaft, nämlich Accumulation von Kapital, die Auslage von Mehrwerth im Ankauf pro- duktiver Arbeiter als conditio sine qua non predigt. Andrerseits hatte man gegen das Volksvorurtheil zu polemisiren, welches die kapitalistische Produktion mit der Schatzbildung verwechselt28) und daher wähnt, accumulirter Reichthum sei dem Verbrauch, also der Zerstörung in seiner vorhandnen Naturalform, entzogner oder auch vor der Cirkulation geretteter Reichthum. Verschluß des Geldes gegen die Cirkulation wäre grade das Gegentheil seiner Verwerthung als Kapital, und Waarenaccumulation im schatzbildnerischen Sinn reine Narrheit. Accumulation von Waaren in großen Massen ist Resultat einer Cirkulationsstockung oder der Ueberproduktion29). Allerdings läuft in der Volksvorstellung das Bild der im Konsumtionsfonds der Reichen gehäuften, langsam sich verzehrenden Güter unter. Andrerseits die Vor- rathbildung, ein Phänomen, das allen Produktionsweisen angehört und wobei wir einen Augenblick in der Analyse des Cirkulationsprozesses verweilen werden. ||574| Soweit also ist die klassische Oekonomie im Recht, wenn sie den Verzehr von Surplusprodukt durch produktive Arbeiter statt durch unproduktive als charakteristisches Phänomen des Accumulationsprozesses betont. Aber hier beginnt auch ihr Irrthum. A. Smith hat es zur Mode gemacht, die Accumulation als Konsumtion des Mehrprodukts durch pro- duktive Arbeiter oder die Kapitalisirung des Mehrwerths als dessen bloßen Umsatz in Arbeitskraft darzustellen. Hören wir z. B. Ricardo: „Man muß verstehn, daß alle Produkte eines Landes konsumirt werden; aber es macht den größten Unterschied, den man denken kann, ob sie konsumirt werden durch solche, die einen andern Werth reproduciren oder durch solche, die ihn nicht reproduciren. Wenn wir sagen, daß Revenue erspart und zum Kapital geschlagen wird, so meinen wir, daß der Theil der Revenue, von dem es heißt, er sei zum Kapital geschlagen, durch produktive statt durch un- produktive Arbeiter verzehrt wird“30). Es giebt keinen größeren Irrthum als der dem A. Smith von Ricardo und allen Späteren nachgeplauderte, daß „der Theil der Revenue, von dem es heißt, er sei zum Kapital geschlagen, von produktiven Arbeitern verzehrt wird“. Nach dieser Vorstellung würde aller Mehrwerth, der in Kapital verwandelt wird, zu variablem Kapital. Er theilt sich vielmehr, wie der ursprünglich vorgeschossene Werth, in constantes Kapital und variables Kapital, in Produktionsmittel und Arbeitskraft. Arbeitskraft ist die Form, worin das variable Kapital innerhalb des Produktionsprozesses existirt. In diesem Prozeß wird sie selbst vom Kapitalisten verzehrt. Sie verzehrt durch ihre Funktion – die Arbeit – Produktionsmittel. Zugleich verwandelt sich das im Ankauf der Arbeitskraft gezahlte Geld in Lebensmittel, die nicht von der „produktiven Arbeit“, sondern vom „pro- duktiven Arbeiter“ verzehrt werden. A. Smith gelangt durch eine grundverkehrte Analyse zu dem abgeschmackten Resultat, daß wenn auch jedes individuelle Kapital sich in constanten und variablen Bestandtheil theilt, das gesellschaftliche Kapital sich in nur variables Kapital auflöst oder nur in Zahlung von Arbeitslohn verausgabt wird. Z. B. ein Tuchfabrikant verwandle 2000 Pfd. St. in Kapital. Er legt ||575| einen Theil des Geldes im Ankauf von Webern aus, den andern Theil in Wollengarn, Wollenmaschinerie u. s. w. Aber die Leute, von denen er das Garn und die Maschinerie kauft, zahlen wieder mit einem Theil davon Arbeit u. s. w., bis die ganzen 2000 Pfd. St. in Zahlung von Arbeitslohn verausgabt sind, oder das ganze durch die 2000 Pfd. St. repräsentirte Produkt durch produktive Arbeiter verzehrt ist. Man sieht: die ganze Wucht dieses Arguments liegt in dem Wort „u. s. w.“, das uns von Pontius zu Pilatus schickt. In der That, A. Smith bricht die Untersuchung grade da ab, wo ihre Schwierigkeit beginnt31). Im dritten Kapitel des zweiten Buchs werde ich die Analyse des wirklichen Zusammenhangs geben. Es wird sich dort zeigen, daß A. Smith's auf alle seine Nachfolger vererbtes Dogma die politische Oekonomie verhindert hat auch nur den Elementarmechanismus des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses zu begreifen32).
Im ersten Abschnitt dieses Kapitels betrachteten wir den ganzen Mehrwerth, resp. das Mehrprodukt, nur als individuellen Konsumtionsfonds des Kapitalisten, in diesem Abschnitt bisher nur als seinen Accumulationsfonds. Er ist aber weder nur das eine, noch das ||576| andre, sondern beides zugleich. Ein Theil des Mehrwerths wird vom Kapitalisten als Revenue verzehrt33), ein andrer Theil als Kapital angewandt oder accumulirt.
Die Masse des Mehrwerths gegeben, hängt die Größe der Accumulation offenbar ab von der Theilung des Mehrwerths in Accumulationsfonds und Konsumtionsfonds, in Kapital und Revenue. Je größer der eine Theil, desto kleiner der andre. Die Masse des Mehrwerths oder des Mehrprodukts, daher des disponiblen Reichthums eines Landes, die in Kapital verwandelt werden kann, ist daher stets größer als der wirklich in Kapital verwandelte Theil des Mehrwerths. Je entwickelter die kapitalistische Produktion in einem Lande, je rascher und massenhafter die Accumulation, je reicher das Land, je kolossaler daher Luxus und Verschwendung, desto größer diese Differenz. Vom jährlichen Zuwachs des Reichthums abgesehn, besitzt der im Konsumtionsfonds der Kapitalisten befindliche, nur allmälig zerstörbare Reichthum zum Theil Naturalformen, worin er unmittelbar als Kapital funk- tioniren könnte. Zu den vorhandnen Elementen des Reichthums, die im Produktionsprozeß funktioniren könnten, zählen alle Arbeitskräfte, die gar nicht oder zu rein konventionell persönlichen, oft infamen, Dienstleistungen verbraucht werden. Die Proportion, worin der Mehrwerth in Kapital und Revenue getheilt wird, wechselt unaufhörlich und ist durch Umstände beherrscht, die hier nicht weiter zu entwickeln sind. Das in einem Land an- gewandte Kapital ist daher keine fixe, sondern eine fluktuirende Größe, ein stets variabler und elastischer Bruchtheil des vorhandnen Reichthums, der als Kapital funktioniren kann.
Da die beständige Aneignung des vom Arbeiter producirten Mehrwerths oder Mehrprodukts für den Kapitalisten als periodische Fruchttragung seines Kapitals erscheint, oder das fremde Arbeitsprodukt, welches er ohne Aequivalent irgend einer Art usurpirt, einen periodischen Zuwachs seines Privat||577|vermögens bildet, ist natürlich auch die Theilung dieses Mehrwerths oder Mehrprodukts in Zuschußkapital und Konsumtionsfonds durch einen Willensakt seinerseits vermittelt.
Nur soweit der Kapitalist personificirtes Kapital ist, hat er einen historischen Werth und jenes historische Existenzrecht, das, wie der geistreiche Lichnowski sagt, keinen Datum nicht hat. Nur soweit steckt seine eigne transitorische Nothwendigkeit in der transitorischen Nothwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Aber soweit sind auch nicht Gebrauchswerth und Genuß, sondern Tauschwerth und dessen Vermehrung sein treibendes Motiv. Als Fanatiker der Verwerthung des Werths zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprincip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist. Nur als Personifikation des Kapitals ist der Kapitalist respektabel. Als solche theilt er mit dem Schatzbildner den absoluten Bereicherungstrieb. Außerdem zwingen ihn die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise, welche die Konkurrenz jedem individuellen Kapitalisten als äußere Zwangsgesetze oktroyirt, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten. Soweit daher sein Thun und Lassen nur Funktion des in ihm mit Willen und Bewußtsein begabten Kapitals, gilt ihm sein eigner Privatkonsum als ein Raub an der Accumulation seines Kapitals, wie in der italienischen Buchhaltung Privatausgaben auf der Debetseite des Kapitalisten gegen das Kapital figuriren. Die Accumulation ist Eroberung der Welt des gesellschaftlichen Reichthums. Sie dehnt mit der Masse des exploitirten Menschenmaterials zugleich die direkte und indirekte Herrschaft des Kapitalisten aus34). |
|578| Aber die Erbsünde wirkt überall. Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, der Accumulation, und des Reichthums, hört der Kapitalist auf, bloße Inkarnation des Kapitals zu sein. Er fühlt ein „menschliches Rühren“ für seinen eignen Adam und wird so gebildet, die Schwärmerei für Ascese als Vorurtheil des altmodischen Schatzbildners zu belächeln. Während der klassische Kapitalist den individuellen Konsum als Sünde gegen seine Funktion und „Enthaltung“ von der Accumulation brandmarkt, ist der modernisirte Kapitalist im Stande, die Accumulation als „Entsagung“ seines Genußtriebs aufzufassen. „Zwei Seelen wohnen Ach! in seiner Brust, die eine will sich von der andern trennen!“ |
|579| In den historischen Anfängen der kapitalistischen Produktionsweise – und jeder kapitalistische Parvenü macht dieß historische Stadium individuell durch – herrschen Bereicherungstrieb und Geiz als absolute Leidenschaften vor. Aber der Fortschritt der kapitalistischen Produktion schafft nicht nur eine Welt von Genüssen. Er öffnet mit der Spekulation und dem Kreditwesen tausend Quellen plötzlicher Bereicherung. Auf einer gewissen Entwicklungshöhe wird ein konventioneller Grad von Verschwendung, die zugleich Schaustellung des Reichthums und daher Kreditmittel ist, sogar zu einer Geschäftsnothwendigkeit des „unglücklichen“ Kapitalisten. Der Luxus geht in die Repräsentationskosten des Kapitals ein. Ohnehin bereichert sich der Kapitalist nicht, gleich dem Schatzbildner, im Verhältniß seiner persönlichen Arbeit und seines persönlichen Nichtkonsums, sondern im Maß, worin er fremde Arbeitskraft aussaugt und dem Arbeiter Entsagung aller Lebensgenüsse aufzwingt. Obgleich daher die Verschwendung des Kapitalisten nie den bona fide Charakter der Verschwendung des flotten Feudalherrn besitzt, in ihrem Hintergrund vielmehr stets schmutzigster Geiz und ängstlichste Berechnung lauern, wächst dennoch seine Verschwendung mit seiner Accumulation, ohne daß die eine die andre zu beabbruchen braucht. Damit entwickelt sich gleichzeitig in der Hochbrust des Kapitalindividuums ein faustischer Konflikt zwischen Accumulations- und Genußtrieb.
„Die Industrie von Manchester“, heißt es in einer Schrift, die Dr. Aikin 1795 veröffentlichte, „kann in vier Perioden getheilt werden. In der ersten waren die Fabrikanten gezwungen, hart für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten.“ Sie bereicherten sich besonders durch Bestehlung der Eltern, die ihnen Jungen als apprentices (Lehrlinge) zuwiesen und dafür schwer blechen mußten, während die Lehrlinge ausgehungert wurden. Andrerseits waren die Durchschnittsprofite niedrig und die Accumulation verlangte große Sparsamkeit. Sie lebten wie Schatzbildner und verzehrten bei weitem nicht einmal die Zinsen ihres Kapitals. „In der zweiten Periode hatten sie begonnen, kleine Vermögen zu erwerben, arbeiteten aber ebenso hart als zuvor“, denn die unmittelbare Exploitation der Arbeit kostet Arbeit, wie jeder Sklaventreiber weiß, „und lebten nach wie vor in demselben frugalen Styl. … In der dritten Periode begann der Luxus und das Geschäft wurde ausgedehnt durch Aussendung von Reitern (berittenen Commis Voyageurs) für Ordres in jeder Marktstadt des König||580|reichs. Es ist wahrscheinlich, daß wenige oder keine Kapitalien von 3000 bis 4000 Pfd. St., in der Industrie erworben, vor 1690 existirten. Um diese Zeit jedoch oder etwas später hatten die Industriellen schon Geld accumulirt und begannen steinerne Häuser statt der von Holz und Mörtel aufzuführen. … Noch in den ersten Decennien des 18. Jahrhunderts setzte sich ein Manchester Fabrikant, der eine Pint fremden Weins seinen Gästen vorsetzte, den Glossen und dem Kopfschütteln aller seiner Nachbarn aus.“ Vor dem Aufkommen der Maschinerie betrug der abendliche Konsum der Fabrikanten in den Kneipen, wo sie zusammenkamen, nie mehr als 6 d. für ein Glas Punsch und 1 d. für eine Rolle Taback. Erst 1758, und dieß macht Epoche, sah man „eine im Geschäft wirklich engagirte Person mit eigner Equipage“! „Die vierte Periode“, das letzte Drittheil des 18. Jahrhunderts, „ist die von großem Luxus und Verschwendung, unterstützt durch die Ausdehnung des Geschäfts“35). Was würde der gute Dr. Aikin sagen, wenn er heutzutag in Manchester auferstände!
Accumulirt, accumulirt! Das ist Moses und die Propheten! „Die Industrie liefert das Material, welches die Sparsamkeit accumulirt“36). Also spart, spart, d. h. rückverwandelt möglichst großen Theil des Mehrwerths oder Mehrprodukts in Kapital! Accumulation um der Accumulation, Produktion um der Produktion willen, in dieser Formel sprach die klassische Oekonomie den historischen Beruf der Bourgeoisperiode aus. Sie täuschte sich keinen Augenblick über die Geburtswehn des Reichthums37), aber was nützt der Jammer über historische Nothwendigkeit? Wenn der klassischen Oekonomie der Proletarier nur als Maschine zur Produktion von Mehrwerth, gilt ihr aber auch der Kapitalist nur als Maschine zur Verwandlung dieses Mehrwerths in Mehrkapital. Sie nimmt seine historische Funktion in bitterm Ernst. Um seinen Busen vor dem unheilvollen Konflikt zwischen Genußtrieb und Bereicherungstrieb zu feien, ||581| vertheidigte Malthus, im Anfang der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts, eine Theilung der Arbeit, welche dem wirklich in der Produktion begriffenen Kapitalisten das Geschäft der Accumulation, den andern Theilnehmern am Mehrwerth, der Landaristokratie, Staats-, Kirchenpfründnern u. s. w. das Geschäft der Verschwendung zuweist. Es ist von der höchsten Wichtigkeit, sagt er, „die Leidenschaft für Ausgabe und die Leidenschaft für Accumulation („the passion for expenditure and the passion for accumulation“) getrennt zu halten“38). Die Herrn Kapitalisten, seit lange in Lebe- und Weltmänner verwandelt, schrieen auf. Was, rief einer ihrer Wortführer, ein Ricardianer, Herr Malthus predigt hohe Grundrenten, hohe Steuern u. s. w., um dem Industriellen einen fortwährenden Stachel durch unproduktive Konsumenten aufzudrücken! Allerdings Produktion, Produktion auf stets erweiterter Stufenleiter, lautet das Schiboleth, aber „Produktion wird durch einen solchen Prozeß weit mehr gehemmt als gefördert. Auch ist es nicht ganz billig (nor is it quite fair), eine Anzahl Personen so im Müßiggang zu erhalten, nur um andre zu kneipen, aus deren Charakter man schließen darf („who are likely, from their characters“), daß wenn ihr sie zu funktioniren zwingen könnt, sie mit Erfolg funktioniren“39). So unbillig er es findet den industriellen Kapitalisten zur Accumulation zu stacheln, indem man ihm das Fett von der Suppe wegschöpft, so nothwendig dünkt ihm den Arbeiter möglichst auf den Minimallohn zu beschränken, „um ihn arbeitsam zu erhalten“. Auch verheimlicht er keinen Augenblick, daß Aneignung unbezahlter Arbeit das Geheimniß der Plusmacherei ist. „Vermehrte Nachfrage von Seite der Arbeiter meint durchaus nichts als ihre Geneigtheit weniger von ihrem eignen Produkt für sich selbst zu nehmen und einen größren Theil davon ihren Anwendern zu über- lassen; und wenn man sagt, daß dieß, durch Verminderung der Konsumtion (auf Seiten der Arbeiter) glut (Marktüberfüllung, Ueberproduktion) erzeugt, so kann ich nur antworten, daß glut synonym mit hohem Profit ist“40).
Der gelehrte Zank, wie die dem Arbeiter ausgepumpte Beute för||582|derlichst für die Accumulation zu vertheilen sei zwischen industriellem Kapitalist und müßigem Grundeigenthümer u. s. w., verstummte vor der Julirevolution. Kurz nachher läutete das städtische Proletariat die Sturmglocke zu Lyon und ließ das Landproletariat den rothen Hahn in England fliegen. Diesseits des Kanals grassirte der Owenismus, jenseits St. Simonismus und Fourierismus. Die Stunde der Vulgärökonomie hatte geschlagen. Grade ein Jahr, bevor Nassau W. Senior zu Manchester ausfand, daß der Profit (incl. Zins) des Kapitals das Produkt der unbezahlten „letzten zwölften Arbeits- stunde“ ist, hatte er der Welt eine andere Entdeckung angekündigt. „Ich“, sagte er feierlich, „ich ersetze das Wort Kapital, als Produktionsinstrument betrachtet, durch das Wort Abstinenz (Enthaltung)“41). Ein unübertroffenes Muster dieß von den „Entdeckungen“ der Vulgärökonomie! Sie ersetzt eine ökonomische Kategorie durch eine sykophantische Phrase. Voilà tout. „Wenn der Wilde“, docirt Senior, „Bogen fabricirt, so übt er eine Industrie aus, aber er prakticirt nicht die Abstinenz.“ Dieß erklärt uns, wie und warum in früheren Gesellschaftszuständen „ohne die Abstinenz“ des Kapitalisten Arbeitsmittel fabricirt wurden. „Je mehr die Gesellschaft fortschreitet, um so mehr Abstinenz erfordert sie“42), nämlich von denen, welche die Industrie ausüben, sich die fremde Industrie und ihr Produkt anzueignen. Alle Be- dingungen des Arbeitsprozesses verwandeln sich von nun in ebenso viele Abstinenzpraktiken des Kapitalisten. Daß Korn nicht nur gegessen, sondern auch ausgesät wird, Abstinenz des Kapitalisten! Daß der Wein die Zeit erhält auszu||583|gähren, Abstinenz des Kapitalisten!43) Der Kapitalist beraubt seinen eignen Adam, wenn er die „Produktionsinstrumente dem Arbeiter leiht“ (!), alias sie durch Einverleibung der Arbeitskraft als Kapital verwerthet, statt Dampfmaschinen, Baumwolle, Eisenbahnen, Dünger, Zugpferde u. s. f. aufzuessen oder, wie der Vulgärökonom sich das kindlich vorstellt, „ihren Werth“ in Luxus- und andren Konsumtionsmitteln zu verprassen44). Wie die Kapitalistenklasse das anstellen soll, ist ein von der Vulgärökonomie bisher hartnäckig bewahrtes Geheimniß. Genug, die Welt lebt nur noch von der Selbstkasteiung dieses modernen Büßers des Wischnu, des Kapitalisten. Nicht nur die Accumulation, die einfache „Erhaltung eines Kapitals erheischt beständige Kraftanstrengung, um der Versuchung zu widerstehn, es aufzuessen“45). Die einfache Humanität gebeut also offenbar den Kapitalisten von Martyrthum und Versuchung zu erlösen, in derselben Weise wir der georgische Sklavenhalter jüngst durch Abschaffung der Sklaverei von dem schmerzlichen Dilemma erlöst ward, ob das dem Negersklaven ausgepeitschte Mehrprodukt ganz in Champagner zu verjubeln oder auch theilweis in mehr Neger und mehr Land rückzuverwandeln.
In den verschiedensten ökonomischen Gesellschaftsformationen findet nicht nur einfache Reproduktion, sondern, obgleich auf verschiednem Maßstab, Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter statt. Es wird progressiv mehr producirt und mehr konsumirt, also auch mehr Produkt in Produktionsmittel verwandelt. Dieser Prozeß erscheint aber ||584| nicht als Accumulation von Kapital und daher auch nicht als Funktion des Kapitalisten, so lange dem Arbeiter seine Produktionsmittel, daher auch sein Produkt und seine Lebensmittel, noch nicht in der Form von Kapital gegenüberstehn46). Der vor einigen Jahren verstorbene Richard Jones, Nachfolger von Malthus auf dem Lehrstuhl der politischen Oekonomie zu Haileybury, erörtert dieß gut an zwei großen Thatsachen. Da der zahlreichste Theil des indischen Volks selbstwirthschaftende Bauern, existirt ihr Produkt, ihre Arbeits- und Lebensmittel, auch nie „in der Form („in the shape“) eines Fonds, der aus fremder Revenue erspart wird („saved from revenue“) und daher einen vorläufigen Prozeß der Accumulation („a previous process of accumulation“) durchlaufen hat“47). Andrerseits werden die nicht-agrikolen Arbeiter in den Provinzen, wo die englische Herrschaft das alte System am wenigsten aufgelöst hat, direkt von den Großen beschäftigt, denen eine Portion des ländlichen Mehrprodukts als Tribut oder Grundrente zufließt. Ein Theil dieses Produkts wird in Naturalform von den Großen verzehrt, ein andrer Theil für sie von den Arbeitern in Luxus- und sonstige Konsumtionsmittel verwandelt, während der Rest den Lohn der Arbeiter bildet, die Eigenthümer ihrer Arbeitsinstrumente sind. Produktion und Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter gehn hier ihren Gang ohne alle Dazwischenkunft jenes wunderlichen Heiligen, jenes Ritters von der traurigen Gestalt, des „entsagenden“ Kapitalisten.
Wir betrachteten bisher die Masse des Mehrwerths als gegebne Größe. In diesem Fall bestimmte seine proportionelle Theilung in Revenue und Surpluskapital den Umfang der Accumulation. Aber letztere wechselt unabhängig von jener Theilung mit dem Wechsel in der Größe des Mehrwerths selbst. ||585| Die Umstände, welche die Größe des Mehrwerths regeln, sind in den Kapiteln über seine Produktion ausführlich entwickelt worden. Sie reguliren, unter sonst gleichbleibenden Verhältnissen, die Bewegung der Accumulation. Wir kehren hier nur so weit zu ihnen zurück, als sie mit Bezug auf die Accumulation neue Gesichtspunkte bieten.
Man erinnert sich, welche Rolle der Exploitationsgrad der Arbeit in der Produktion des Mehrwerths spielt. Die politische Oekonomie würdigt diese Rolle so sehr, daß sie gelegentlich die Beschleunigung der Accumulation durch erhöhte Produktivkraft der Arbeit mit ihrer Beschleunigung durch erhöhte Exploitation des Arbeiters identificirt48). In den Abschnitten über die Produktion des Mehrwerths ward beständig unterstellt, daß der Arbeitslohn wenigstens gleich dem Werth der Arbeitskraft ist. Es ward ferner gezeigt, daß der Arbeitslohn, sei es seinem Werth nach, sei es nach der Masse von Lebensmitteln, die er repräsentirt, bei wachsendem Exploitationsgrad des Arbeiters wachsen kann. In der praktischen Bewegung des Kapitals jedoch wird auch Mehrwerth producirt durch gewaltsame Herabsetzung des Arbeitslohns unter den Werth der Arbeitskraft. Faktisch wird so ein Theil des nothwendigen Konsumtionsfonds des Arbeiters in einen Accumulations- fonds von Kapital verwandelt.
„Arbeitslöhne“, sagt J. St. Mill, „haben keine Produktivkraft; sie sind der Preis einer Produktivkraft. Arbeitslöhne tragen nicht, neben der Arbeit selbst, zur Waarenproduktion bei, sowenig als der Preis der Maschinerie neben der Maschinerie selbst. Könnte Arbeit ohne Kauf||586|gehabt werden, so wären Arbeitslöhne überflüssig“49). Wenn aber die Arbeiter von der Luft leben könnten, so wären sie auch um keinen Preis zu kaufen. Ihr Nichtsko- sten ist also eine Grenze im mathematischen Sinn, stets unerreichbar, obgleich stets annäherbar. Es ist die beständige Tendenz des Kapitals sie auf diesen nihilistischen Standpunkt herabzudrücken. Ein oft von mir citirter Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, der Verfasser des „Essay on Trade and Commerce“, verräth nur das innerste Seelengeheimniß des englischen Kapitals, wenn er es für die historische Lebensaufgabe Englands erklärt, den englischen Arbeitslohn auf das französische und holländische Niveau herabzudrücken50). Er sagt u. a. naiv: „Wenn aber unsre Armen (Kunstausdruck für Arbeiter) luxuriös leben wollen … muß ihre Arbeit natürlich theuer sein. … Man betrachte nur die haarsträubende Masse von Ueberflüssigkeiten („heap of superfluities“), die unsre Manufakturarbeiter verzehren, als da sind Branntwein, Gin, Thee, Zucker, fremde Früchte, starkes Bier, gedruckte Leinwand, Schnupf- und Rauchtabak u. s. w.“51). Er citirt die Schrift eines Fabrikanten von Northamptonshire, der mit himmelwärts schielendem Blick jammert: „Arbeit ist ein ganzes Drittheil wohlfeiler in Frankreich als in England: denn die französischen Armen arbeiten hart und fahren hart an Nahrung und Kleidung und ihr Hauptkonsum sind Brod, Früchte, Kräuter, Wurzeln und getrockneter Fisch; denn sie essen sehr selten Fleisch, und wenn der Weizen theuer ist, sehr wenig Brod“52). „Wozu“, fährt der Essay man fort, ||587| „wozu noch kömmt, daß ihr Getränk aus Wasser besteht oder ähnlichen schwachen Likören, so daß sie in der That erstaunlich wenig Geld ausgeben. … Ein derartiger Zustand der Dinge ist sicherlich schwer herbeizuführen, aber er ist nicht unerreichbar, wie seine Existenz sowohl in Frankreich als Holland schlagend beweist“53). Zwei Jahrzehnte später verfolgte ein amerikanischer Humbug, der baronisirte Yankee Benjamin Thompson (alias Graf Rumford), dieselbe Philanthropielinie mit großem Wohlgefallen vor Gott und den Menschen. Seine „Essays“ sind ein Kochbuch mit Recepten aller Art um Surrogate an die Stelle der theuren Normalspeisen des Arbeiters zu setzen. Ein besonders gelungenes Recept dieses wunderlichen „Philosophen“ ist folgendes: „Fünf Pfund Gerste, fünf Pfund Mais, für 3 d. Häringe, 1 d. Salz, 1 d. Essig, 2 d. Pfeffer und Kräuter – Summa von 20 d. giebt eine Suppe für 64 Menschen, ja mit den Durchschnittspreisen von Korn kann die Kost auf d. per Kopf (noch nicht 3 Pfennige) herabgedrückt werden“54). Mit dem Fortschritt der kapitalistischen Produktion hat die Waarenfälschung Thompson's Ideale überflüssig gemacht55). ||588| Ende des 18. und während der ersten Decennien des 19. Jahrhunderts erzwangen die englischen Pächter und Landlords das absolute Minimalsalair, indem sie den Ackerbautaglöhnern weniger als das Minimum in der Form des Arbeitslohns, den Rest aber in der Form von Pfarreiunterstützung auszahlten. Ein Beispiel der Possenreißerei, womit die englischen Dogberries in ihrer „legalen“ Festsetzung des Lohntarifs verfuhren: „Als die Squires die Arbeitslöhne für Speenhamland 1795 festsetzten, hatten sie zu Mittag gespeist, dachten aber offenbar, daß die Arbeiter nicht desgleichen nöthig hätten. … Sie entschieden, der Wochenlohn solle 3 sh. per Mann sein, wenn das Laib Brod von 8 Pfund 11 Unzen auf 1 sh. stünde, und er solle regelmäßig wachsen, bis das Laib 1 sh. 5 d. koste. Sobald es über diesen Preis stiege, sollte der Lohn proportionell abnehmen, bis der Preis des Laibes 2 sh. erreicht hätte; und dann sollte die Nahrung des Mannes weniger als vorher sein“56). Vor dem Untersuchungscomité des House of Lords, 1814, wird ein gewisser A. Bennett, großer Pächter, Magistrat, Armenhausverwalter und Lohnregulator, gefragt: „Wird irgend eine Proportion zwischen dem Werth der Tagesarbeit und der Pfarreiunterstützung der Arbeiter beobachtet?“ Antwort: „Ja. Das wöchentliche Einkommen jeder Familie wird über ihren Nominallohn hinaus vollgemacht bis zum Gallonlaib Brod (8 Pfd. 11 Unzen) und 3 d. per Kopf. … Wir unterstellen das Gallonlaib hinreichend für die Erhaltung jeder Person in der Familie während der Woche; und die 3 d. sind für Kleider; und wenn es der Pfarrei beliebt, die Kleider selbst zu stellen, werden die 3 d. abgezogen. Diese Praxis herrscht nicht nur im ganzen Westen von Wiltshire, sondern, wie ich glaube, im ganzen Land“57). So, ruft ein Bourgeoisschriftsteller jener Zeit, „haben die Pächter Jahre lang eine respektable Klasse ihrer Landsleute degradirt, indem sie dieselben zwangen zum Workhouse ihre Zu||589|flucht zu nehmen … Der Pächter hat seine eignen Gewinne vermehrt, indem er selbst die Accumu- lation des unentbehrlichsten Konsumtionsfonds auf Seite der Arbeiter ver- hinderte“58). Welche Rolle heutzutag der direkte Raub am nothwendigen Konsumtionsfonds des Arbeiters in der Bildung des Mehrwerths und daher des Accumulationsfonds des Kapitals spielt, hat beispielweis die s. g. Hausarbeit gezeigt. Weitere Thatsachen im Verlauf dieses Kapitels.
Die Elasticität der Arbeitskraft oder ihre Fähigkeit größerer intensiver oder extensiver Spannung bildet, innerhalb gewisser Grenzen, eine vom gegebnen Umfang der bereits funktionirenden und producirten Produktionsmittel, oder der stofflichen Elemente des constanten Kapitals, unabhängige Quelle der Schöpfung zusätzlichen Reichthums und daher des Accumula- tionsfonds. In der extraktiven Industrie, der Minenindustrie z. B., ist der Arbeitsgegenstand von Natur vorhanden. Die nothwendigen Arbeitsmittel selbst also gegeben, – und die extraktive Industrie liefert großentheils selbst wieder das Rohmaterial dieser Arbeitsinstrumente, Metalle, Holz u. s. w., und die Hilfsmittel, wie Kohle, – ist das Produkt keineswegs durch den Umfang dieser Arbeitsmittel beschränkt. Sie werden durch die größere Verausgabung der Arbeitskraft nur rascher vernutzt, also nur ihre Reproduktionsperiode abgekürzt. Die Produktenmasse selbst, wie Kohle, Eisen, wächst dagegen, unter sonst gleichbleibenden Umständen, im Verhältniß zu der auf den Naturgegenstand verausgabten Arbeit. Wie am ersten Tag der Produktion gehn hier die ursprünglichen Produktbildner, daher auch die Bildner der stofflichen Elemente des Kapitals, Mensch und Natur, zusammen. In der eigentlichen Agrikultur spielen zwar Samen und Dünger dieselbe Rolle, wie das Rohmaterial in der Manufaktur, und man kann nicht mehr Land besäen, ohne vorher mehr Samen zu haben. Aber dieß Rohmaterial und die Arbeitsinstrumente gegeben, ist bekannt, welche wunderthätige Wirkung selbst die rein mechanische Bearbeitung ||590| des Bodens, deren Intensivität von der Spannung der Arbeitskraft abhängt, auf die Massenhaftigkeit des Produkts ausübt. Es ist wieder direkte Wirkung des Menschen auf den Naturgegenstand, welche zur unmittelbaren Quelle des Reichthums wird. Extraktive Industrie und Agrikultur liefern andrerseits der Manufaktur das Rohmaterial und die Hilfsstoffe, also die stofflichen Elemente, welche hier jeder größeren Arbeitsausgabe vorausgesetzt sind, während die eigentlichen Arbeitsmittel auch in dieser Sphäre durch extensivere oder intensivere Spannung der Arbeitskraft nur ihre Reproduktionsperiode verkürzen. Indem das Kapital sich also die beiden Urbildner des Reichthums, Arbeitskraft und Erde, einverleibt, erwirbt es in ihnen von seinem eignen stofflichen Umfang unabhängige und dehnbare Faktoren der Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter und daher der Accumulation.
Abgesehn vom Exploitationsgrad der Arbeit wird die Produktion des Mehrwerths, also die Accumulation des Kapitals, deren Bildungselement der Mehrwerth, wesentlich bestimmt durch die Produktivkraft der Arbeit.
Mit der Produktivkraft der Arbeit wächst die Produktenmasse, worin sich ein bestimmter Werth, also auch Mehrwerth von gegebner Größe darstellt. Bei gleichbleibender und selbst bei fallender Rate des Mehrwerths, sofern sie nur langsamer fällt als die Produktivkraft der Arbeit steigt, wächst die Masse des Mehrprodukts. Bei gleichbleibender Theilung desselben in Revenue und Surpluskapital kann daher die Konsumtion des Kapitalisten wachsen ohne Abnahme des Accumulationsfonds. Die proportionelle Größe des Accumulationsfonds kann selbst auf Kosten des Konsumtionsfonds wachsen, während die Verwohlfeilerung der Waaren dem Kapitalisten eben so viele oder mehr Genußmittel als vorher zur Verfügung stellt. Aber mit der wachsenden Produktivität der Arbeit geht, wie man gesehn, die Verwohlfeilerung des Arbeiters, also wachsende Rate des Mehrwerths, Hand in Hand, selbst wenn der reelle Arbeitslohn steigt. Er steigt nie verhältnißmäßig mit der Produktivität der Arbeit. Derselbe variable Kapitalwerth setzt also mehr Arbeitskraft und daher mehr Arbeit in Bewegung. Derselbe constante Kapitalwerth stellt sich in mehr Produktionsmitteln, d. h. mehr Arbeitsmitteln, Arbeitsmaterial und Hilfsstoffen dar, liefert also sowohl mehr Produktbildner als Werthbildner, oder Arbeitseinsauger. Bei gleichbleibendem und selbst abnehmendem ||591|Werth des Surpluskapitals findet daher beschleunigte Accumulation statt. Nicht nur erweitert sich die Stufenleiter der Reproduktion stofflich, sondern die Produktion des Mehrwerths wächst schneller als der Werth des Surpluskapitals.
Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit reagirt auch auf das Originalkapital oder das bereits im Produktionsprozeß befindliche Kapital. Ein Theil des funktionirenden constanten Kapitals besteht aus Arbeitsmitteln, wie Maschinerie u. s. w., die nur in längeren Perioden konsumirt und daher reproducirt oder durch neue Exemplare derselben Art ersetzt werden. Aber ein Theil dieser Arbeitsmittel stirbt jedes Jahr ab, oder erreicht das Endziel seiner produktiven Funktion. Er befindet sich daher jedes Jahr im Stadium seiner periodischen Reproduktion oder seines Ersatzes durch neue Exemplare derselben Art. Hat die Produktivkraft der Arbeit sich in der Geburtsstätte dieser Arbeitsmittel erweitert, und sie entwickelt sich fortwährend mit dem ununterbrochenen Fluß der Wissenschaft und der Technologie, so tritt wirkungsvollere und, ihren Leistungsumfang betrachtet, wohlfeilere Maschine, Werkzeug, Apparat u. s. w. an die Stelle der alten. Das alte Kapital wird in einer produktiveren Form reproducirt, abgesehn von der fortwährenden Detailveränderung an den vorhandnen Arbeitsmitteln. Der andere Theil des constanten Kapitals, Rohmaterial und Hilfsstoffe, wird fortwährend innerhalb des Jahrs, der der Agrikultur entstammende meist jährlich reproducirt. Jede Einführung beßrer Methoden u. s. w. wirkt hier also fast gleichzeitig auf Zuschußkapital und bereits in Funktion begriffenes Kapital. Jeder Fortschritt der Chemie vermannigfacht nicht nur die Nutzanwendungen desselben Materials und dehnt daher mit dem Wachsthum des Kapitals seine Anlagesphären aus. Er lehrt zugleich die Excremente des Produktions- und Konsumtionsprozesses in den Kreislauf des Reproduktionsprozesses zurückschleudern, schafft also ohne vorherige Kapitalauslage neuen Kapitalstoff. Gleich vermehrter Ausbeutung des Naturreich- thums durch bloß höhere Spannung der Arbeitskraft, bildet die Wissenschaft eine von der gegebnen Größe des funktionirenden Kapitals unabhängige Potenz seiner Expansion. Sie reagirt zugleich auf den in sein Erneurungsstadium eingetretenen Theil des Originalkapitals. In seine neue Form einverleibt es gratis den hinter dem Rücken seiner alten Form vollzogenen gesellschaftlichen Fortschritt. Allerdings ist diese ||592| Entwicklung der Produktivkraft zugleich begleitet von theilweiser Depreciation funktionirender Kapitale. Soweit diese Depreciation sich durch die Konkurrenz akut fühlbar macht, fällt die Hauptwucht auf den Arbeiter, in dessen gesteigerter Exploitation der Kapitalist Schadenersatz sucht.
Es zeigte sich bei Analyse des relativen Mehrwerths, wie die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit eine stets wachsende Masse des von derselben Arbeitskraft in Bewegung gesetzten constanten Kapitals bedingt. Mit dem Reichthum oder der Fülle und Wirksamkeit der in Maschinerie u. s. w. vergegenständlichten Arbeit, wovon der Arbeiter als bereits producirter Bedingung des Produktionsprozesses ausgeht, wächst die Masse des alten Kapitalwerths, der durch bloßen Zusatz neuer Arbeit, also neue Werthproduktion, erhalten und in diesem Sinn reproducirt wird. Man vergleiche z. B. einen englischen Spinner mit einem indischen. Man unterstelle der Vereinfachung halber gleiche Extension und Intensivität des englischen und indischen Arbeitstags. Der englische Spinner verwandelt in einem Tag viel hundertmal größere Massen von Baumwolle, Spinninstrumenten u. s. w. in Garn. Er erhält also vielhundertmal größeren Kapitalwerth in seinem Produkt. Wäre selbst das Werthprodukt seiner Tagesarbeit, d. h. der durch dieselbe den Produktionsmitteln neu zugesetzte Werth, nur gleich dem des Indiers, dennoch resultirt seine Tagesarbeit nicht nur in größerem Pro- duktenquantum, sondern in unendlich größerem Produktenwerth, altem Werth, den er auf das neue Produkt überträgt, und der von neuem als Kapital funktioniren kann. „1782“, belehrt uns F. Engels, „lag die ganze Wollerndte der vorhergehenden drei Jahre (in England) aus Mangel an Arbeitern noch unverarbeitet da, und hätte liegen bleiben müssen, wenn nicht die neu erfundne Maschinerie zu Hilfe gekommen wäre und sie versponnen hätte“59). Die in der Form von Maschinerie vergegenständlichte Arbeit stampfte natürlich unmittelbar keinen Menschen aus dem Boden, aber sie erlaubte einer geringen Arbeiteranzahl durch Zusatz von relativ wenig lebendiger Arbeit nicht nur die Wolle produktiv zu konsumiren, und ihr Neuwerth zuzusetzen, sondern in der Form von Garn u. s. w. ihren alten Werth zu erhalten. Sie lieferte damit zugleich Mittel und Sporn ||593| zur erweiterten Reproduktion von Wolle. Es ist die Naturgabe der lebendigen Arbeit alten Werth zu erhalten, während sie Neuwerth schafft. Mit dem Wachsthum von Wirksamkeit, Umfang und Werth ihrer Produktionsmittel, also mit der die Entwicklung ihrer Produktivkraft begleitenden Accumulation erhält und verewigt die Arbeit daher in stets neuer Form einen stets schwellenden Kapitalwerth60). Diese Naturkraft der ||594| Arbeit erscheint als Selbsterhaltungskraft des Kapitals, dem sie einverleibt ist, ganz wie ihre gesell- schaftlichen Produktivkräfte als seine Eigenschaften und wie die beständige Aneignung der Mehrarbeit durch den Kapitalisten als beständige Selbst- verwerthung des Kapitals. Alle Kräfte der Arbeit projektiren sich als Kräfte des Kapitals, wie alle Werthformen der Waare als Formen des Geldes.
Unter sonst gleichbleibenden Umständen ist die Größe des producirten Mehrwerths und daher die Accumulation endlich bestimmt durch die Größe des vorgeschossenen Kapitals. Mit dem Gesammtkapital wächst auch sein variabler Bestandtheil, wenn auch nicht in demselben Verhältniß. Auf je größerer Stufenleiter der individuelle Kapitalist producirt, desto größer die Arbeiteranzahl, die er gleichzeitig exploitirt, oder die Masse der unbezahlten Arbeit, die er aneignet61). Je mehr ||595| also das individuelle Kapital wächst, desto größer der Fonds, der sich in Konsumtionsfonds und Accumulationsfonds spaltet. Der Kapitalist kann daher flotter leben und zugleich mehr „entsagen“.
Mit dem Wachsthum des Kapitals wächst die Differenz zwischen an- gewandtem und konsumirtem Kapital. In andern Worten: Es wächst die Werth- und Stoffmasse der Arbeitsmittel, wie Baulichkeiten, Maschinerie, Drainirungsröhren, Arbeitsvieh, Apparate jeder Art, die stets ihrem ganzen Umfang nach, während längerer oder kürzerer Periode, in beständig wiederholten Produktionsprozessen, funktioniren, oder zur Erzielung bestimmter Nutzeffekte dienen, während sie nur allmälig verschleißen, daher ihren Werth nur stückweis verlieren, also auch nur stückweis auf das Produkt übertragen. Im Verhältniß, worin diese Arbeitsmittel als Produktbildner dienen, ohne dem Produkt Werth zuzusetzen, also ganz angewandt, aber nur theilweis konsumirt werden, leisten sie, wie früher erwähnt, denselben Gratisdienst wie Naturkräfte, Wasser, Dampf, Luft, Elektricität u. s. w. Dieser Gratisdienst der vergangnen Arbeit, wenn ergriffen und beseelt von der lebendigen Arbeit, accumulirt mit der wachsenden Stufenleiter der Accumulation.
Da die vergangne Arbeit sich stets in Kapital verkleidet, d. h. das Passivum der Arbeit von A, B, C u. s. w. im Aktivum des Nichtarbeiters X figurirt, sind Bürger und politische Oekonomen voll des Lobes für die Verdienste der vergangnen Arbeit, welche nach dem schottischen Genie Mac Culloch sogar einen eignen Sold beziehn muß62). Das stets wachsende Gewicht der unter der Form von Produktionsmitteln im lebendigen Arbeitsprozeß mitwirkenden vergangnen Arbeit wird also ihrer dem Arbeiter selbst, dessen vergangne und unbezahlte Arbeit sie ist, entfremdeten Gestalt, ihrer Kapitalgestalt vindicirt. Die praktischen Agenten der kapitalistischen Produktion und ihre ideologischen Zungendrescher sind ebenso unfähig das Produktionsmittel von seiner antagonistischen gesellschaftlichen Charaktermaske, die ihm heutzutag an||596| klebt, getrennt zu denken, als ein Sklavenhalter den Arbeiter selbst von seinem Charakter als Sklave.
Man hat im Verlauf dieses Abschnitts gesehn, daß das Kapital keine fixe Größe ist, sondern ein elastischer und mit der Theilung des Mehrwerths in Revenue und Surpluskapital beständig fluktuirender Theil des gesellschaftlichen Reichthums. Man hat ferner gesehn, daß selbst die Größe des funktionirenden Kapitals gegeben, die ihm einverleibte Arbeitskraft, Wissenschaft und Erde (worunter ökonomisch alle ohne Zuthat des Menschen von Natur vorhandnen Arbeitsgegenstände zu verstehn sind) elastische Potenzen desselben bilden, die ihm innerhalb gewisser Grenzen einen von seiner eignen Größe unabhängigen Spielraum gestatten. Es wurde dabei von allen Verhältnissen des Cirkulationsprozesses abgesehn, die sehr verschiedne Wirkungsgrade derselben Kapitalmasse verursachen. Es wurde, da wir die Schranken der kapitalistischen Produktion voraussetzen, also eine rein naturwüchsige Gestalt des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, abgesehn von jeder mit den vorhandnen Produktionsmitteln und Arbeitskräften unmittelbar und planmäßig bewirkbaren rationelleren Kombination. Die klassische Oekonomie liebte es von jeher das gesellschaftliche Kapital als eine fixe Größe von fixem Wirkungsgrad aufzufassen. Aber das Vorurtheil ward erst zum Dogma befestigt durch den Urphilister Jeremias Bentham, dieß nüchtern pedantische, schwatzlederne Orakel des gemeinen Bürgerverstandes des 19. Jahrhunderts63). Bentham ist unter den Philosophen, was Martin Tupper unter den Dichtern. Beide waren nur in England fabricirbar64). ||597| Mit seinem Dogma werden die gewöhnlichsten Erscheinungen des Produktionsprozesses, wie z. B. dessen plötzliche Expansionen und Kontraktionen, ja die Accumulation, völlig unbegreifbar65). Das Dogma wurde sowohl von Bentham selbst als von Malthus, James Mill, Mac Culloch u. s. w. zu apologetischen Zwecken vernutzt, namentlich um einen Theil des Kapitals, das variable oder in Arbeitskraft umsetzbare Kapital als eine fixe Größe darzustellen. Die stoffliche Existenz des variablen Kapitals, d. h. die Masse der Lebensmittel, die es für den Arbeiter repräsentirt, oder der s. g. Arbeitsfonds, wurde in einen durch Naturketten abgeringten und unüberschreitbaren Sondertheil des gesellschaftlichen Reichthums verfabelt. Um den Theil des gesellschaftlichen Reichthums, der als constantes Kapital oder, stofflich ausgedrückt, als Produktionsmittel funktioniren soll, in Bewegung zu setzen, ist eine bestimmte Masse lebendiger Arbeit erheischt. Diese ist ||598| technologisch gegeben. Aber weder ist die Anzahl der Arbeiter gegeben, erheischt um diese Arbeitsmasse flüssig zu machen, denn das wechselt mit dem Exploitationsgrad der individuellen Arbeitskraft, noch der Preis dieser Arbeitskraft, sondern nur seine zudem sehr elastische Minimalschranke. Die Thatsachen, die dem Dogma zu Grund liegen, sind die. Einerseits hat der Arbeiter nicht mitzusprechen bei der Theilung des gesellschaftlichen Reichthums in Genußmittel der Nichtarbeiter und in Produktionsmittel. Andrerseits kann er nur in günstigen Ausnahmsfällen den s. g. „Arbeitsfonds“ auf Kosten der „Revenue“ des Reichen erweitern66). Zu welch abgeschmackter Tautologie es führt, die kapitalistische Schranke des Arbeitsfonds in seine gesellschaftliche Naturschranke umzudichten, zeige u. a. Professor Fawcett: „Das cirkulirende Kapital67) eines Landes“, sagt er, „ist sein Arbeitsfonds. Um daher den durchschnittlichen Geldlohn, den jeder Arbeiter erhält, zu berechnen, haben wir nur einfach dieß Kapital durch die Anzahl der Arbeiterbevölkerung zu dividiren“68). D. h. also, erst rechnen wir die wirklich gezahlten individuellen Arbeitslöhne in eine Summe zusammen, dann behaupten wir, daß diese Addition die Werthsumme des von Gott und Natur oktroyirten „Arbeitsfonds“ bildet. End||599|lich dividiren wir die so erhaltne Summe durch die Kopfzahl der Arbeiter, um hinwiederum zu entdecken, wie viel jedem Arbeiter individuell im Durchschnitt zufallen kann. Eine ungemein pfiffige Procedur dieß. Sie verhindert Herrn Fawcett nicht im selben Athemzug zu sagen: „Der in England jährlich accumulirte Gesammtreichthum wird in zwei Theile getheilt. Ein Theil wird in England zur Erhaltung unsrer eignen Industrie verwandt. Ein andrer Theil wird in andere Länder exportirt … Der in unsrer Industrie angewandte Theil bildet keine bedeutende Portion des jährlich in diesem Land accumulirten Reich- thums“69). Der größere Theil des jährlich zuwachsenden Mehrprodukts, dem englischen Arbeiter ohne Aequivalent entwandt, wird also nicht in England, sondern in fremden Ländern verkapitalisirt. Aber mit dem so exportirten Surpluskapital wird ja auch ein Theil des von Gott und Bentham erfundnen „Arbeitsfonds“ exportirt70).