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c) Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Accumulation.

Wachsthum des Kapitals schließt Wachsthum seines variablen oder in Arbeitskraft umgesetzten Bestandtheils ein. Ein Theil des in Surpluskapital verwandelten Mehrwerths muß stets rückverwandelt werden in variables Kapital oder zuschüssigen Arbeitsfonds. Unterstellen wir, daß, nebst sonst gleichbleibenden Umständen, die technologische Zusammensetzung des Kapitals unverändert bleibt, d. h. eine bestimmte Masse von Produktionsmitteln oder constantem Kapital stets von gleich viel lebendiger Arbeit in Bewegung gesetzt wird, so wächst die Nachfrage nach Arbeit und der Subsistenzfonds der Arbeiter verhältnißmäßig mit dem Kapital und um so rascher, je rascher das Kapital wächst. Da der Mehrwerth ein jährliches Produkt des Kapitals ist, da er dem Originalkapital jährlich ein Increment zusetzt, da dieß Increment selbst jährlich wächst mit dem jährlich zuneh||600|menden Umfang des bereits in Funktion begriffenen Kapitals, und da endlich, unter besonderem Sporn des Bereicherungstriebs, wie z. B. Oeffnung neuer Märkte, neuer Sphären der Kapitalanlage in Folge neu entwickelter gesellschaftlicher Bedürfnisse u. s. w., die Stufenleiter der Accumulation plötzlich ausdehnbar ist durch bloß veränderte Theilung des Mehrwerths oder Mehrprodukts in Kapital und Revenue, so treten hier Knotenpunkte ein, wo das Wachsthum der Arbeitskraft oder der Arbeiteranzahl überflügelt wird von den Accumulationsbedürfnissen des Kapitals, und daher der Preis der Arbeit steigt. Klage hierüber ertönt in England während der ganzen ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die mehr oder minder günstigen Umstände, worunter sich die Lohnarbeiter reproduciren und vermehren, ändern jedoch nichts an dem Verhältniß selbst. Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältniß selbst reproducirt, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der andern, so reproducirt die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter oder die Accumulation das Kapitalverhältniß auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem. Man sah früher bereits: Die Reproduktion der Arbeitskraft, die sich dem Kapital unaufhörlich als Verwerthungsmittel einverleiben muß, nicht von ihm loskommen kann, und deren Hörigkeit zum Kapital nur versteckt wird durch den Wechsel der individuellen Kapitalisten, woran sie sich verkauft, bildet in der That ein Moment der Reproduktion des Kapitals selbst. Accumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats71). |

|601| Die klassische Oekonomie begriff diesen Satz so wohl, daß A. Smith, Ricardo u. s. w., wie früher erwähnt, die Accumulation sogar fälschlich identificiren mit Konsum des ganzen kapitalisirten Theils des Mehrprodukts durch produktive Arbeiter, oder mit seiner Verwandlung in zuschüssige Lohnarbeiter. Schon 1696 sagt John Bellers: „Wenn Jemand 100 000 Acres hätte und eben so viele Pfunde Geld und eben so viel Vieh, was wäre der reiche Mann ohne den Arbeiter außer selbst ein Arbeiter? Und wie die Arbeiter Leute reich machen, so desto mehr Arbeiter, desto mehr Reiche … Die Arbeit des Armen ist die Mine des Reichen“72). So Bernard de Man- deville im Anfang des 18. Jahrhunderts: „Wo das Eigenthum hinreichend geschützt ist, wäre es leichter ohne Geld zu leben als ohne Arme, denn wer würde die Arbeit thun? … Wie die Arbeiter vor Aushungerung zu bewahren sind, so sollten sie nichts erhalten, was der Ersparung werth ist. Wenn hier und da Einer aus der untersten Klasse durch ungewöhnlichen Fleiß und Bauchkneipen sich über die Lage erhebt, worin er aufgezogen war, so muß ihn keiner daran hindern: ja es ist unläugbar der weiseste Plan für jede Privatperson, für jede Privatfamilie in der Gesellschaft frugal zu sein, aber es ist das Interesse aller reichen Nationen, daß der größte Theil der Armen nie unthätig sei und sie dennoch stets verausgaben, was sie einnehmen … Diejenigen, die ihr Leben durch ihre tägliche Arbeit gewinnen, haben nichts, was sie anstachelt dienstlich zu sein außer ihren Bedürfnissen, welche es Klugheit ist zu lindern, aber Narrheit wäre zu kuriren. Das einzige Ding, das den arbeitenden Mann fleißig machen kann, ist ein mäßiger Arbeitslohn. Ein zu geringer macht ihn je nach seinem Temperament kleinmüthig oder verzweifelt, ein zu großer insolent und faul … Aus dem bisher Entwickelten folgt, daß in einer freien Nation, wo Sklaven nicht erlaubt sind, der sicherste Reichthum aus einer Menge arbeitsamer Armen besteht. Au||602|ßerdem daß sie die nie versagende Zufuhrquelle für Flotte und Armee, gäbe es ohne sie keinen Genuß und wäre das Produkt keines Landes verwerthbar. Um die Gesellschaft (die natürlich aus den Nichtarbeitern besteht) glücklich und das Volk selbst in kümmerlichen Zuständen zufrieden zu machen, ist es nöthig, daß die große Majorität sowohl unwissend als arm bleibt. Kenntniß erweitert und vervielfacht unsere Wünsche, und je weniger ein Mann wünscht, desto leichter können seine Nothwendigkeiten befriedigt werden“73). Was Mandeville, ein ehrlicher Mann und heller Kopf, noch nicht begreift, ist, daß der Mechanismus des Accumulationsprozesses selbst mit dem Kapital die Masse der „arbeitsamen Armen“ vermehrt, d. h. der Lohnarbeiter, die ihre Arbeitskraft in wachsende Verwerthungskraft des wachsenden Kapitals verwandeln und eben dadurch ihr Abhängigkeitsverhältniß von ihrem eignen, im Kapitalisten personificirten Produkt verewigen müssen. Mit Bezug auf dieß Abhängigkeitsverhältniß bemerkt Sir F. M. Eden in seiner „Lage der Armen, oder Geschichte der arbeitenden Klasse Englands“: „Unsere Zone erfordert Arbeit zur Befriedigung der Bedürfnisse, und deßhalb muß wenigstens ein Theil der Gesellschaft unermüdet arbeiten … Einige, die nicht arbeiten, haben dennoch die Produkte des Fleißes zu ihrer Verfügung. Das verdanken diese Eigenthümer aber nur der Civilisation und Ordnung, sie sind reine Kreaturen der Civilinstitutionen74). Denn diese haben es anerkannt, daß man die Früchte der Arbeit auch anders als durch Arbeit sich aneignen kann. Die Leute von ||603| unabhängigem Vermögen verdanken ihr Vermögen fast ganz der Arbeit Andrer, nicht ihrer eignen Fähigkeit, die durchaus nicht besser ist als die der Andern; es ist nicht der Besitz von Land und Geld, sondern das Kommando über Arbeit („the command of labour“), das die Reichen von den Armen unterscheidet … Was dem Armen zusagt, ist nicht eine verworfene oder servile Lage, sondern ein bequemes und liberales Abhängig- keitsverhältniß („a state of easy and liberal dependance“), und für die Leute von Eigenthum hinreichender Einfluß und Autorität über die, die für sie arbeiten … Ein solches Abhängigkeitsverhältniß ist, wie jeder Kenner der menschlichen Natur weiß, nothwendig für den Komfort der Arbeiter selbst75). Sir F. M. Eden, beiläufig bemerkt, ist der einzige Schüler Adam Smith's, der während des achtzehnten Jahrhunderts etwas Bedeutendes geleistet hat76). |

|604| Unter den bisher unterstellten, den Arbeitern günstigsten Accumulationsbedingungen kleidet sich ihr Abhängigkeitsverhältniß vom ||605| Kapital in erträgliche oder, wie Eden sagt, „bequeme und liberale Formen“. Statt intensiver zu werden mit dem Wachsthum des Kapitals, wird es nur extensiver, d. h. die Exploitations- und Herrschaftssphäre des Kapitals dehnt sich nur aus mit seiner eignen Dimension und der Anzahl seiner Lohn- arbeiter. Von ihrem eignen anschwellenden und schwellend in Surpluskapital verwandelten Mehrprodukt strömt ihnen ein reichlicherer Theil in der Form von Zahlungsmitteln zurück, so daß sie den Kreis ihrer Genüsse erweitern, ihren Konsumtionsfonds von Kleidern, Möbeln u. s. w. besser ausstatten und kleine Reservefonds von Geld bilden können. So wenig aber bessere Kleidung, Nahrung, Behandlung und ein größeres Peculium das Abhängigkeitsverhältniß und die Exploitation des Sklaven aufheben, so wenig die des Lohnarbeiters. Steigender Preis der Arbeit in Folge der Accumulation des Kapitals besagt in der That nur, daß der Umfang und die Wucht der goldnen Kette, die der Lohnarbeiter sich selbst bereits geschmiedet hat, ihre losere Spannung erlauben. In den Kontroversen über diesen Gegenstand hat man meist die Hauptsache übersehn, nämlich die differentia ||606| specifica der kapitalistischen Produktion. Arbeitskraft wird hier gekauft, nicht um durch ihren Dienst oder ihr Produkt die persönlichen Bedürfnisse des Käufers zu befriedigen. Sein Zweck ist Verwerthung seines Kapitals, Produktion von Waaren, die mehr Arbeit enthalten als er zahlt, also einen Werththeil enthalten, der ihm nichts kostet und dennoch durch den Waarenverkauf realisirt wird. Produktion von Mehrwerth oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz dieser Produktionsweise. Nur soweit sie die Produktionsmittel als Kapital erhält, ihren eignen Werth als Kapital reproducirt und in unbezahlter Arbeit eine Quelle von Surpluskapital liefert, ist die Arbeitskraft verkaufbar. Die Bedingungen ihres Verkaufs, ob mehr oder minder günstig für den Arbeiter, schließen also die Nothwendigkeit ihres steten Wiederverkaufs und die stets erweiterte Reproduktion des Reichthums als Kapital ein. Der Arbeitslohn, wie man gesehn, bedingt seiner Natur nach, stets Lieferung eines bestimmten Quantums unbezahlter Arbeit auf Seiten des Arbeiters. Ganz abgesehn vom Steigen des Arbeitslohns mit sinkendem Preis der Arbeit u. s. w., besagt seine Zunahme im besten Fall nur quantitative Abnahme der unbezahlten Arbeit, die der Arbeiter leisten muß. Diese Abnahme kann nie bis zu einem Punkt fortgehn, wo sie den kapitalistischen Charakter des Produktionsprozesses ernsthaft gefährden würde und die Reproduktion seiner eignen Bedingungen, auf der einen Seite der Produktions- und Lebensmittel als Kapital, auf der andern der Arbeitskraft als Waare, auf dem einen Pol des Kapitalisten, auf dem andern des Lohnarbeiters. Abgesehn von gewaltsamen Konflikten über die Rate des Arbeitslohns, und Adam Smith hat bereits gezeigt, daß im Großen und Ganzen in solchem Konflikt der Meister stets Meister bleibt, unterstellt ein aus Accumulation des Kapitals entspringendes Steigen des Arbeitspreises folgende Alternative. Entweder der steigende oder gestiegne Preis der Arbeit ist begleitet von gleich großem oder größerem absoluten Wachsthum der Accumulation. Man weiß, daß selbst unter sonst gleichbleibenden Umständen, wie Produktivgrad der Arbeit u. s. w., mit der wachsenden Größe des vorgeschossenen Kapitals sein absoluter Zuwachs gleichförmig bleiben oder selbst beschleunigt werden kann, obgleich die Rate der Accumulation abnimmt, wie man Kapitel III, Abschnitt 5 sah, daß die Masse des Mehrwerths trotz dessen abnehmender Rate mit Vermehrung der gleichzeitig exploitirten Arbeiterzahl gleichbleiben und ||607| selbst wachsen kann. In diesem Fall ist es bloße Tautologie zu sagen, daß der verminderte Exploitationsgrad der Arbeitskraft die Ausdehnung der Kapitalherrschaft nicht beeinträchtigt. Oder, das ist die andre Seite der Alternative, die Accumulation erschlafft in Folge des steigenden Arbeitspreises, weil der Stachel großen Gewinns abstumpft. Die Accumulation nimmt ab. Aber mit ihrer Abnahme verschwindet die Ursache ihrer Abnahme, nämlich die Disproportion zwischen Kapital und exploitabler Arbeitskraft. Der Arbeitspreis sinkt also wieder zu einem den Verwerthungsbedürfnissen des Kapitals entsprechenden Niveau. Es folgt daher keineswegs, daß der Arbeitslohn auf sein Minimalniveau fällt, oder auch nur auf das Niveau, worauf er vor der Preiserhöhung der Arbeit stand. Der Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses beseitigt selbst die Hindernisse, die er vorübergehend schafft. Man sieht: Im ersten Fall ist es keine Abnahme im absoluten oder proportionellen Wachsthum der Arbeitskraft oder Arbeitsbevölkerung, welche das Kapital überschüssig, sondern umgekehrt die Zunahme des Kapitals, welche die exploitable Arbeitskraft unzureichend macht. Im zweiten Fall ist es keine Zunahme im absoluten oder proportionellen Wachsthum der Arbeitskraft oder der Arbeiterbevölkerung, welche das Kapital unzureichend, sondern umgekehrt die Abnahme des Kapitals, welche die exploitable Arbeitskraft, oder vielmehr ihren Preis, überschüssig macht. Es sind diese absoluten Bewegungen in der Accumulation des Kapitals, welche sich als relative Bewegungen in der Masse der exploitablen Arbeitskraft widerspiegeln und daher der eignen Bewegung der letztern geschuldet scheinen. So drückt sich in der Krisenphase des industriellen Cyklus der allgemeine Fall der Waarenpreise als Steigen des relativen Geldwerths, und in der Prosperitätsphase das allgemeine Steigen der Waarenpreise als Fall des relativen Geldwerths aus. Die s. g. Currency-Schule schließt daher, daß das einemal zu wenig, das andremal zu viel Geld cirkulirt. Ihre Ignoranz und völlige Verkennung der Thatsachen77) finden würdige Parallele in den Oekonomen, welche jene Phänomene der Accumulation dahin deuten, daß das einemal zu wenig und das andremal zu viel Lohn||608|arbeiter existiren. Das so in ein Naturgesetz mystificirte Gesetz der kapitalistischen Accumulation drückt in der That nur aus, daß ihre Natur jede solche Abnahme im Exploitationsgrad der Arbeit oder jede solche Steigerung des Arbeitspreises ausschließt, welche die stetige Reproduktion des Kapitalverhältnisses und seine Reproduktion auf stets erweiterter Stufenleiter ernsthaft gefährden könnte. Es kann nicht anders sein in einer Produktionsweise, worin der Arbeiter für die Verwerthungsbedürfnisse vorhandner Werthe, statt umgekehrt der gegenständliche Reichthum für die Entwicklungsbedürfnisse des Arbeiters da ist. Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht.

Das bisher Entwickelte gilt unter der Voraussetzung, daß im Fortgang der Accumulation das Verhältniß zwischen der Masse der Produktionsmittel und der Masse der sie bewegenden Arbeitskraft gleichbleibt, also die Nachfrage nach Arbeit mit dem Wachsthum des Kapitals verhältnißmäßig wächst. Diese Voraussetzung figurirt in Adam Smith's Analyse der Accumulation als selbstverständliches Axiom. In gewissem Grad bleibt sie immer richtig, denn wie auch die technologischen Bedingungen des Produktionsprozesses umgewälzt werden mögen, während kürzerer oder längerer Zeitfrist findet bald in dieser, bald in jener Produktionssphäre Accumulation des Kapitals oder Erweiterung der Produktionsleiter auf der einmal gegebnen technologischen Basis statt. Innerhalb dieser Schranken wächst also die Nachfrage nach Arbeit mit der Accumulation. Aber die vorhandne Basis wird selbst fortwährend umgewälzt. Im Fortgang der Accumulation geht eine große Revolution vor im Verhältniß von Masse der Produktionsmittel und Masse der sie bewegenden Arbeitskraft. Diese Revolution spiegelt sich wieder in der wechselnden Zusammensetzung des Kapitalwerths aus constantem und variablem Bestandtheil, oder im wechselnden Verhältniß seiner in Produktionsmittel und Arbeitskraft umgesetzten Werththeile. Ich nenne diese Zusammensetzung die organische Zusammensetzung des Kapitals.

Abgesehn vom Produktivgrad der Arbeit, soweit er ausschließlich durch den Naturreichthum, wie Fruchtbarkeit des Bodens u. s. w., bedingt ||609| ist, oder durch das Geschick unabhängiger und isolirt arbeitender Producenten, das sich jedoch mehr qualitativ in der Güte des Machwerks als quantitativ in seiner Masse bewährt, drückt sich der gesellschaftliche Produktivgrad der Arbeit aus im relativen Größenumfang der Produktionsmittel, welche ein Arbeiter, während gegebner Zeit, mit derselben Anspannung von Arbeitskraft, in Produkt verwandelt. Die Masse der Produktionsmittel, womit er funktionirt, wächst mit der Produktivität seiner Arbeit. Diese Produktionsmittel spielen dabei eine doppelte Rolle. Das Wachsthum der einen ist Folge, das der andern Bedingung der wachsenden Produktivität der Arbeit. Z. B. mit der manufakturmäßigen Theilung der Arbeit und der Anwendung von Maschinerie wird in derselben Zeit mehr Rohmaterial verarbeitet, tritt also größere Masse von Rohmaterial und Hilfsstoffen in den Arbeitsprozeß ein. Das ist Folge der wachsenden Produktivität der Arbeit. Andrerseits ist die Masse der angewandten Maschinerie, Arbeitsviehs, mineralischen Düngers, Drainirungsröhren u. s. w. Bedingung der wachsenden Produktivität der Arbeit. Ebenso die Masse der in Baulichkeiten, Riesenöfen, Transportmitteln u. s. w. koncentrirten Produktionsmittel, welche trotz erweitertem Umfang in Folge ihres gemeinsamen Verbrauchs weniger Werth an jeden aliquoten Theil des Gesammtprodukts abgeben oder ökonomischere Verwendung erlauben als die in Diminutivformat zersplitterten Arbeitsmittel derselben Art. Ob aber Bedingung oder Folge, der wachsende Größenumfang der Produktionsmittel im Vergleich zu der ihnen einverleibten Arbeitskraft drückt die wachsende Produktivität der Arbeit aus. Die Zunahme der letzteren erscheint also in der Abnahme der Arbeitsmasse verhältnißmäßig zu der von ihr bewegten Masse von Produktionsmitteln, oder in der Größenabnahme des subjektiven Faktors des Arbeitsprozesses verglichen mit seinen objektiven Faktoren.

Das Wachsthum in der Masse der Produktionsmittel, verglichen mit der Masse der sie belebenden Arbeitskraft, spiegelt sich wieder in der Zunahme des constanten Bestandtheils des Kapitalwerths auf Kosten seines variablen Bestandtheils. Es werden z. B. von einem Kapital, prozentweis berechnet ursprünglich je 50 % in Produktionsmitteln und je 50 % in Arbeitskraft, später, mit der Entwicklung des Produktivgrads der Arbeit, je 80 % in Produktionsmitteln und je 20 % in Arbeitskraft ausgelegt u. s. w. Wir ||610| sagen „spiegelt sich wieder“, weil die Abnahme des variablen Kapitaltheils gegenüber dem constanten, oder die veränderte Zusammensetzung des Kapital- werths, nur annähernd den Wechsel in der Zusammensetzung seiner stoff- lichen Bestandtheile anzeigt. Wenn z. B. heute der in der Spinnerei angelegte Kapitalwerth zu 7 8 constant und 1 8 variabel ist, während er Anfang des 18. Jahrhunderts 1 2 constant und 1 2 variabel war, so ist dagegen die Masse von Rohstoff, Arbeitsmitteln u. s. w., die ein bestimmtes Quantum Spinnarbeit heute produktiv konsumirt, viel hundertmal größer als im Anfang des 18. Jahrhunderts. Der Grund ist einfach der, daß mit der wachsenden Produktivität der Arbeit nicht nur der Umfang der von ihr vernutzten Produktionsmittel steigt, sondern deren Werth, verglichen mit ihrem Umfang, fällt. Ihr Werth steigt also absolut, aber nicht proportionell mit ihrem Umfang. Das Wachsthum der Differenz zwischen constantem und variablem Kapitaltheil ist daher viel kleiner als das der Differenz zwischen der Masse der Produktionsmittel, worin das constante, und der Masse Arbeitskraft, worin das variable Kapital umgesetzt wird. Die erstere Differenz nimmt zu mit der letzteren, aber in viel geringerem Grad. Es giebt andre Umstände, welche das Verhältniß zwischen Werth der Produktionsmittel und Werth der sie bewegenden Arbeitskraft von dem technologischen Verhältniß ihrer Massen abweichen machen. Diese modificirenden Umstände können wir erst im Dritten Buch betrachten. Die Rücksichtnahme darauf ist hier aber auch überflüssig, da die Abnahme des variablen Kapitaltheils gegen den constanten im Großen und Ganzen, wenn auch nur andeutungsweise, die Zunahme der von derselben Masse Arbeitskraft in Bewegung gesetzten oder produktiv konsumirten Masse von Produktionsmitteln ausdrückt.

Im vierten Kapitel wurde gezeigt, wie die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit Cooperation auf großer Stufenleiter voraussetzt, wie nur unter dieser Voraussetzung Theilung und Kombination der Arbeit organisirt, Produktionsmittel durch massenhafte Koncentration ökonomisirt, schon stofflich nur gemeinsam anwendbare Arbeitsmittel, z. B. System der Maschinerie u. s. w., ins Leben gerufen, ungeheure Naturkräfte in den Dienst der Produktion gepreßt und die Verwandlung des Produktionsprozesses in technologische Anwendung der Wissenschaft vollzogen werden können. Auf Grundlage der Waarenproduktion, wo die Produktionsmittel Eigenthum von Privatpersonen ||611| sind, wo der Handarbeiter daher entweder isolirt und selbstständig Waaren producirt oder seine Arbeitskraft als Waare verkauft, weil ihm die Mittel zum Selbstbetrieb fehlen, realisirt sich jene Voraussetzung nur durch das Wachsthum der individuellen Kapitale, oder im Maße, worin die gesellschaftlichen Produktions- und Lebensmittel in das Privateigenthum individueller Kapitalisten verwandelt werden. Der Boden der Waarenproduktion kann die Produktion auf großer Stufenleiter nur in kapitalistischer Form tragen. Eine gewisse Accumulation von Kapital in den Händen individueller Waarenproducenten bildet die Voraussetzung der specifisch kapitalistischen Produktionsweise. Wir mußten sie daher unterstellen bei dem Uebergang aus dem Handwerk in den kapitalistischen Betrieb. Sie mag die ursprüngliche Accumulation heißen, weil sie statt historisches Resultat historische Grundlage der specifisch kapitalistischen Produktion. Wie sie selbst entspringt, brauchen wir hier nicht zu untersuchen. Genug, sie bildet den Ausgangspunkt. Aber alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit, die auf dieser Grundlage erwachsen, sind zugleich Methoden zur Produktion des Mehrwerths oder Mehrprodukts, welches seinerseits das Bildungselement der Accumulation. Sie sind also zugleich Methoden der Produktion von Kapital durch Kapital oder Methoden seiner beschleunigten Accumulation. Die kontinuirliche Rückverwandlung von Mehrwerth in Kapital stellt sich dar als wachsende Größe des in den Produktionsprozeß eingehenden Kapitals. Diese wird ihrerseits Grundlage einer erweiterten Stufenleiter der Pro- duktion, der sie begleitenden Methoden zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, und beschleunigter Produktion von Mehrwerth. Wenn also ein gewisser Grad der Kapitalaccumulation als Bedingung der specifisch kapitalistischen Produktionsweise erscheint, verursacht die letztere rückschlagend eine beschleunigte Accumulation des Kapitals. Mit der Accumu- lation des Kapitals entwickelt sich daher die specifisch kapitalistische Pro- duktionsweise und mit der specifisch kapitalistischen Produktionsweise die Accumulation des Kapitals.

Jedes individuelle Kapital ist eine größere oder kleinere Koncentration von Produktionsmitteln mit entsprechendem Kommando über eine größere oder kleinere Arbeiterarmee. Jede Accumulation wird das ||612| Mittel neuer Accumulation. Sie erweitert mit der vermehrten Masse des als Kapital funktionirenden Reichthums seine Koncentration in den Händen individueller Kapitalisten, daher die Grundlage der Produktion auf großer Stufenleiter und der specifisch kapitalistischen Produktionsmethoden. Das Wachsthum des gesellschaftlichen Kapitals vollzieht sich im Wachsthum vieler individuellen Kapitale. Alle andern Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt, wächst jedes dieser individuellen Kapitale, und die in ihm gegebne Koncentration der Produktionsmittel, im Verhältniß worin es einen aliquoten Theil des gesellschaftlichen Gesammtkapitals bildet. Zugleich reißen sich Ableger von den Originalkapitalen los und funktioniren als neue selbstständige Kapitale. Eine große Rolle spielt dabei nothwendig die Theilung des Vermögens in Kapitalistenfamilien. Mit der Accumulation des Kapitals wächst daher auch mehr oder minder die Anzahl der Kapitalisten. Zwei Punkte charakterisiren diese Art Koncentration, welche unmittelbar auf der Accumulation beruht oder vielmehr mit ihr identisch ist. Erstens: Die wachsende Koncentration der gesellschaftlichen Produktionsmittel in den Händen individueller Kapitalisten ist, unter sonst gleichbleibenden Umständen, beschränkt durch den Wachsthumsgrad des gesellschaftlichen Reichthums. Zweitens: Der in jeder besondern Produktionssphäre ansässige Theil des gesellschaftlichen Kapitals ist vertheilt unter viele Kapitalisten, welche einander als unabhängige und mit einander konkurrirende Waaren- producenten gegenüberstehn. Die Accumulation und die sie begleitende Koncentration sind also nicht nur auf viele Punkte zersplittert, sondern das Wachsthum der funktionirenden Kapitale ist durchkreuzt durch die Bildung neuer und die Spaltung alter Kapitale. Stellt sich die Accumulation daher einerseits dar als wachsende Koncentration der Produktionsmittel und des Kommando's über Arbeit, so andrerseits als Repulsion vieler individueller Kapitale von einander.

Dieser Zersplitterung des gesellschaftlichen Gesammtkapitals in viele individuelle Kapitale oder der Repulsion seiner Bruchtheile von einander wirkt entgegen ihre Attraktion. Es ist dieß nicht mehr einfache, mit der Accumulation identische Koncentration von Produktionsmitteln und Kommando über Arbeit. Es ist Koncentration bereits gebildeter Kapitale, Aufhebung ihrer individuellen Selbstständigkeit, Expropriation von Kapitalist durch Kapitalist, Verwandlung vieler kleinerer ||613| in weniger größere Kapitale. Dieser Prozeß unterscheidet sich von dem ersten dadurch, daß er nur veränderte Vertheilung der bereits vorhandnen und funktionirenden Kapitale voraussetzt, sein Spielraum also durch das absolute Wachsthum des gesellschaftlichen Reichthums oder die absoluten Grenzen der Accumula- tion nicht beschränkt ist. Das Kapital schwillt hier in einer Hand zu großen Massen, weil es dort in vielen Händen verloren geht. Es ist die eigentliche Koncentration im Unterschied zur Accumulation.

Die Gesetze dieser Koncentration der Kapitale oder der Attraktion von Kapital durch Kapital können hier nicht entwickelt werden. Kurze thatsächliche Andeutung genügt. Der Konkurrenzkampf wird durch Verwohlfeilerung der Waaren geführt. Die Wohlfeilheit der Waaren hängt, caeteris paribus, von der Produktivität der Arbeit, diese aber von der Stufenleiter der Produktion ab. Die größeren Kapitale schlagen daher die kleineren. Man erinnert sich ferner, daß mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise der Minimalumfang des individuellen Kapitals wächst, der er heischt ist, um ein Geschäft unter seinen normalen Bedingungen zu betreiben. Die kleineren Kapitale drängen sich daher in Produktionssphären, deren sich die große Industrie nur noch sporadisch oder unvollkommen bemächtigt hat. Die Konkurrenz rast hier im direkten Verhältniß zur Anzahl und im umgekehrten Verhältniß zur Größe der rivalisirenden Kapitale. Sie endet stets mit Untergang vieler kleiner Kapitalisten und Uebergang ihrer Kapitale in die Hand des Siegers. Abgesehn hiervon bildet sich mit der kapitalistischen Produktion eine ganz neue Macht, das Kreditwesen. Es wird nicht nur selbst zu einer neuen gewaltigen Waffe im Konkurrenzkampfe. Durch unsichtbare Fäden zieht es die über die Oberfläche der Gesellschaft in größeren oder kleineren Massen zersplitterten Geldmittel in die Hände individueller Kapitalisten. Es ist die specifische Maschine zur Koncentration der Kapitale.

Die Koncentration der Kapitale, oder der Prozeß ihrer Attraktion, wird intensiver im Verhältniß, worin sich mit der Accumulation die specifisch kapitalistische Produktionsweise entwickelt. Ihrerseits wird die Koncentra- tion einer der großen Hebel jener Entwicklung. Sie verkürzt und beschleunigt die Verwandlung zersplitterter Produktionsprozesse in gesellschaftlich kombinirte und auf großer Stufenleiter ausgeführte. |

|614| Der wachsende Umfang der individuellen Kapitalmassen wird zur materiellen Basis einer beständigen Umwälzung der Produktionsweise selbst. Fortwährend erobert die kapitalistische Produktionsweise ihr noch gar nicht, oder nur sporadisch, oder nur formell unterworfene Arbeitszweige. Daneben erwachsen auf ihrem Boden neue, ihr von vorn herein angehörige Arbeitszweige. Endlich wird in den bereits kapitalistisch betriebenen Arbeitszweigen die Produktivkraft der Arbeit treibhausmäßig gereift. In allen diesen Fällen sinkt die Arbeiterzahl verhältnißmäßig zur Masse der von ihr verarbeiteten Produktionsmittel. Ein stets größerer Theil des Kapitals wird in Produktionsmittel umgesetzt, ein stets kleinerer in Arbeitskraft. Mit dem Umfang, der Koncentration und der technischen Wirksamkeit der Pro- duktionsmittel vermindert sich progressiv der Grad, worin sie Beschäfti- gungsmittel der Arbeiter sind. Ein Dampfpflug ist ein ungleich wirksameres Produktionsmittel als der gewöhnliche Pflug, aber der in ihm ausgelegte Kapitalwerth ist ein ungleich geringeres Beschäftigungsmittel, als wenn er in gewöhnlichen Pflügen realisirt wäre. Zunächst ist es grade die Zufügung von neuem Kapital zum alten, welche die gegenständlichen Bedingungen des Produktionsprozesses auszuweiten und technologisch umzuwälzen erlaubt. Bald aber ergreift die veränderte Zusammensetzung und technologische Umgestaltung mehr oder minder alles alte Kapital, das seinen Reproduk- tionstermin erreicht hat und daher neu ersetzt wird. Diese Metamorphose des alten Kapitals ist vom absoluten Wachsthum des gesellschaftlichen Kapitals zu gewissem Grad unabhängig, wie es die Koncentration ist. Letztre aber, welche vorhandnes gesellschaftliches Kapital nur anders vertheilt und viele alte Kapitale in eins verschmilzt, wirkt wieder als mächtiges Agens in dieser Metamorphose des alten Kapitals.

Einerseits attrahirt also das im Fortgang der Accumulation gebildete Zuschußkapital, verhältnißmäßig zu seiner Größe, weniger und weniger Arbeiter. Andrerseits repellirt das in neuer Zusammensetzung reproducirte alte Kapital mehr und mehr früher von ihm beschäftigte Arbeiter.

Die Accumulation des Kapitals, welche ursprünglich nur als seine quan- titative Erweiterung erscheint, vollzieht sich also in fortwährendem qualita- tiven Wechsel seiner Zusammensetzung, in beständiger Zunahme seines constanten auf Kosten seines variablen Bestandtheils.

Die specifisch kapitalistische Produktionsweise, die ihr entsprechende ||615| Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der dadurch verursachte Wechsel in der organischen Zusammensetzung des Kapitals halten nicht nur Schritt mit dem Fortschritt der Accumulation oder dem Wachsthum des gesellschaftlichen Reichthums. Sie schreiten ungleich schneller, weil die einfache Accumulation oder die absolute Ausdehnung des Gesammtkapitals von der Koncentration seiner individuellen Elemente, und die technologische Umwälzung des Surpluskapitals von technologischer Umwälzung des Originalkapitals begleitet sind. Mit dem Fortgang der Accumulation wandelt sich also das Verhältniß von constantem zu variablem Kapitaltheil, wenn ursprünglich 1:1, in 2:1, 3:1, 4:1, 5:1, 7:1 u. s. w., so daß, wie das Kapital wächst, statt 1 2 seines Gesammtwerths progressiv nur 1 3 , 1 4 , 1 5 , 1 6 , 1 8 u. s. w. in Arbeitskraft, dagegen 2 3 , 3 4 , 4 5 , 5 6 , 7 8 u. s. w. in Produktionsmittel umgesetzt wird. Da die Nachfrage nach Arbeit nicht durch den Umfang des Gesammtkapitals, sondern durch den seines variablen Bestandtheils bestimmt ist, fällt sie also progressiv mit dem Wachsthum des Gesammtkapi- tals, statt, wie vorhin unterstellt, verhältnißmäßig mit ihm zu wachsen. Sie fällt relativ zur Größe des Gesammtkapitals und in beschleunigter Progression mit dem Wachsthum dieser Größe. Mit dem Wachsthum des Gesammtkapitals wächst zwar auch sein variabler Bestandtheil, oder die ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion. Die Zwischenpausen, worin die Accumulation als bloße Erweiterung der Produktion auf gegebner technologischer Grundlage wirkt, verkürzen sich. Nicht nur wird eine in wachsender Progression beschleunigte Accumulation des Gesammtkapitals erheischt, um eine additionelle Arbeiterzahl von gegebner Größe zu absorbiren oder selbst, wegen der beständigen Metamorphose des alten Kapitals, die bereits funktionirende zu beschäftigen. Ihrerseits schlägt diese wachsende Accumulation und Koncentration selbst wieder um in eine Quelle neuer Wechsel der Zusammensetzung des Kapitals oder abermalig beschleunigter Abnahme seines variablen gegen seinen constanten Bestandtheil. Diese mit dem Wachsthum des Gesammtkapitals beschleunigte und rascher denn sein eignes Wachsthum beschleunigte relative Abnahme seines variablen Bestandtheils scheint auf der andern Seite umgekehrt stets rascheres absolutes Wachsthum der Arbeiterbevölkerung als das des variablen Kapitals oder ihrer Beschäftigungsmittel. Die kapitali- stische Accu||616|mulation producirt vielmehr, und zwar im Verhältniß zu ihrer Energie und ihrem Umfang, beständig eine relative, d. h. für die mitt- leren Verwerthungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüs- sige oder Surplus-Arbeiterbevölkerung.

Das gesellschaftliche Gesammtkapital betrachtet, ruft die Bewegung seiner Accumulation bald periodischen Wechsel hervor, bald vertheilen sich ihre Momente gleichzeitig über die verschiednen Produktionssphären. In einigen Sphären findet Wechsel in der Zusammensetzung des Kapitals statt ohne Wachsthum seiner absoluten Größe, in Folge bloßer Koncentration; in andern ist das absolute Wachsthum des Kapitals mit absoluter Abnahme seines variablen Bestandtheils oder der von ihm absorbirten Arbeitskraft verbunden; in andern wächst das Kapital bald auf seiner gegebnen technischen Grundlage fort, und attrahirt zuschüssige Arbeitskraft im Verhältniß seines Wachsthums, bald tritt organischer Wechsel ein und kontrahirt sich sein variabler Bestandtheil; in allen Sphären ist das Wachsthum des variablen Kapitaltheils und daher der beschäftigten Arbeiterzahl stets verbunden mit heftigen Fluktuationen und vorübergehender Produktion von Surpluspopulation, ob diese nun die auffallendere Form von Repulsion bereits beschäftigter Arbeiter annimmt oder die mehr unscheinbare, aber nicht minder wirksame, erschwerter Absorption der zuschüssigen Arbeiterbevölkerung in ihre gewohnten Abzugskanäle78). Mit ||617| der Größe des bereits funktionirenden Gesellschaftskapitals und dem Grad seines Wachsthums, mit der Ausdehnung der Produktionsleiter und der Masse der in Bewegung gesetzten Arbeiter, mit der Entwicklung der Produktivkraft ihrer Arbeit, mit dem breiteren und volleren Strom aller Springquellen des Reichthums dehnt sich auch die Stufenleiter, worin größere Attraktion der Arbeiter durch das Kapital mit größerer Repulsion derselben verbunden ist, nimmt die Raschheit der Wechsel in der organischen Zusammensetzung des Kapitals und seiner technischen Form zu, und schwillt der Umkreis der Produktionssphären, die bald gleichzeitig, bald abwechselnd davon ergriffen werden. Mit der von ihnen producirten Accumulation des Kapitals producirt die Arbeiterbevölkerung also in wachsendem Umfang die Mittel ihrer eignen relativen Ueberzähligmachung79). Es ist dieß ein der kapitalistischen Pro- duktionsweise eigenthümliches Populationsgesetz, wie in der That ||618| jede besondre historische Produktionsweise ihre besondern, historisch gültigen Populationsgesetze hat. Ein abstraktes Populationsgesetz existirt nur für Pflanze und Thier.

Wenn aber eine Surplusarbeiterpopulation nothwendiges Produkt der Accumulation oder der Entwicklung des Reichthums auf kapitalistischer Grundlage ist, wird diese Surpluspopulation umgekehrt zum Hebel der kapitalistischen Accumulation, ja zu einer Existenzbedingung der kapi- talistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reser- vearmee, die dem Kapital ganz so absolut gehört, als ob es sie auf seine eignen Kosten großgezüchtet hätte. Sie schafft für seine wechselnden Verwerthungsbedürfnisse das stets bereite exploitable Menschenmaterial, unabhängig von den Schranken der wirklichen Bevölkerungszunahme. Mit der Accumulation und der sie begleitenden Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit wächst die plötzliche Expansionskraft des Kapitals, nicht nur, weil die Elasticität des funktionirenden Kapitals wächst, und der absolute Reichthum, wovon das Kapital nur einen elastischen Theil bildet, nicht nur, weil der Kredit, unter jedem besondern Reiz, im Umsehn ungewöhnlichen Theil dieses Reichthums der Produktion als Surpluskapital zur Verfügung stellt. Der technologische Charakter des Produktionsprozesses selbst, Maschinerie, Transportmittel u. s. w. ermöglichen die rascheste Verwandlung von Surplusprodukt auf größter Stufenleiter in zuschüssige Produktionsmittel. Die mit dem Fortschritt der Accumulation überschwellende und in Surpluskapital verwandelbare Masse des gesellschaftlichen Reichthums drängt sich mit Frenesie in alte Produktionszweige, deren Markt sich plötzlich erweitert, oder in neu eröffnete, wie Eisenbahnen u. s. w., deren Bedürfniß aus der Entwicklung der alten entspringt. In allen solchen Fällen müssen große Menschenmassen plötzlich und ohne Abbruch der Produktionsleiter in andern Sphären auf die entscheidenden Punkte werfbar sein. Die Surpluspopulation liefert sie. Der charakteristische Lebenslauf der ||619| modernen Industrie, die Form eines durch kleinere Schwankungen unterbrochnen zehnjährigen Cyklus von Perioden mittlerer Lebendigkeit, Produktion unter Hochdruck, Krise und Stagnation, beruht auf der beständigen Bildung, größeren oder geringeren Absorption, und Wiederbildung der industriellen Reservearmee oder Surpluspopulation. Ihrerseits rekrutiren die Wechselfälle des industriellen Cyklus die Surpluspopulation und werden zu einem ihrer energischsten Reproduktionsagentien. Dieser eigenthümliche Lebenslauf der modernen Industrie, der uns in keinem früheren Zeitalter der Menschheit begegnet, war auch in der Kindheitsperiode der kapitalistischen Produktion unmöglich. Die Zusammensetzung des Kapitals veränderte sich nur sehr allmälig. Seiner Accumulation entsprach also im Ganzen verhältnißmäßiges Wachsthum der Arbeitsnachfrage. Langsam wie der Fortschritt seiner Accumulation, verglichen mit der modernen Epoche, stieß er auf Naturschranken der exploitablen Arbeiterbevölkerung, welche nur durch später zu erwähnende Gewaltmittel wegräumbar waren. Die plötzliche und ruckweise Expansion der Produktionsleiter ist die Voraussetzung ihrer plötzlichen Kontraktion; letztere ruft wieder die erstere hervor, aber die erstere ist unmöglich ohne disponibles Menschenmaterial, ohne eine vom absoluten Wachsthum der Bevölkerung unabhängige Vermehrung von Ar- beitern. Sie wird geschaffen durch den einfachen Prozeß, der einen Theil der Arbeiter beständig „freisetzt“, durch Methoden, welche die Anzahl der beschäftigten Arbeiter im Verhältniß zur vermehrten Produktion vermindern. Die ganze Bewegungsform der modernen Industrie erwächst also aus der beständigen Verwandlung eines Theils der Arbeiterbevölkerung in unbeschäftigte oder halbbeschäftigte Hände. Die Oberflächlichkeit der politischen Oekonomie zeigt sich u. a. darin, daß sie die Expansion und Kontraktion des Kredits, das bloße Symptom der Wechselperioden des industriellen Cyklus, zu deren Ursache macht. Ganz wie die Himmelskörper, sobald sie durch ersten Stoß in eine bestimmte Bewegung geschleudert sind, dieselbe Bewegung stets reproduciren, so die gesellschaftliche Produktion, sobald sie einmal in jene Bewegung wechselnder Expansion und Kontraktion geworfen ist. Wirkungen werden ihrerseits zu Ursachen und die Wechselfälle des ganzen Prozesses, der seine eignen Bedingungen stets reproducirt, nehmen die Form der Periodicität an. Ist letztere einmal konsolidirt, so begreift selbst die politische Oekonomie die Produktion einer relativen, d. h. für ||620| das mittlere Verwerthungsbedürfniß des Kapitals relativen Surpluspopulation, als Lebensbedingung der modernen Industrie.

„Gesetzt“, sagt H. Merivale, früher Professor der politischen Oekonomie zu Oxford, später Beamter des englischen Kolonialministeriums, „gesetzt, bei Gelegenheit einer Krise raffe die Nation sich zu einer Kraftanstrengung auf, um durch Emigration einige 100 000 überflüssige Arme los zu werden, was würde die Folge sein? Daß bei der ersten Wiederkehr der Arbeitsnachfrage ein Mangel vorhanden wäre. Wie rasch immer die Reproduktion von Menschen sein mag, sie braucht jedenfalls den Zwischenraum einer Generation zum Ersatz erwachsner Arbeiter. Nun hängen die Profite unsrer Fabrikanten hauptsächlich von der Macht ab, den günstigen Moment lebhafter Nachfrage zu exploitiren und sich so für die Periode der Erlahmung schadlos zu halten. Diese Macht ist ihnen nur gesichert durch Kommando über Maschinerie und Handarbeit. Sie müssen disponible Hände vorfinden; sie müssen fähig sein die Aktivität ihrer Operationen, wenn nöthig, höher zu spannen oder abzuspannen, je nach dem Stand des Markts, oder sie können platterdings nicht in der Hetzjagd der Konkurrenz das Uebergewicht behaupten, worauf der Reichthum dieses Landes gegründet ist“80). Selbst Malthus erkennt in der Surpluspopulation, die er, nach seiner bornirten Weise, aus absolutem Ueberwachs der Arbeiterbevölkerung, nicht aus ihrer relativen Ueberzähligmachung deutet, eine Nothwendigkeit der modernen Industrie. Er sagt: „Weise Gewohnheiten in Bezug auf die Ehe, wenn zu einer gewissen Höhe getrieben unter der Arbeiterklasse eines Landes, das hauptsächlich von Manufaktur und Handel abhängt, würden ihm schädlich sein … Der Natur der Bevölkerung gemäß, kann ein Zuwachs von Arbeitern nicht zu Markt geliefert werden, in Folge besondrer Nachfrage, bis nach Verlauf von 16 oder 18 Jahren, und die Verwandlung von Revenue in Kapital durch Ersparung kann sehr viel rascher platzgreifen; ein Land ist stets dem aus- gesetzt, daß sein Arbeitsfonds rascher wächst als die Bevölkerung“81). Nachdem die politische ||621| Oekonomie so die beständige Produktion einer relativen Surpluspopulation von Arbeitern für eine Nothwendigkeit der kapitalistischen Accumulation erklärt hat, legt sie, und zwar adäquat in der Figur einer alten Jungfer, dem „beau idéal“ ihres Kapitalisten folgende Worte an die durch ihre eigne Schöpfung von Surpluskapital aufs Pflaster geworfenen „Ueberzähligen“ in den Mund: „Wir Fabrikanten thun was wir können für euch, indem wir das Kapital vermehren, von dem ihr subsistiren müßt; und ihr müßt das übrige thun, indem ihr eure Zahlen den Subsistenzmitteln proportionirt“82).

Die kapitalistische Produktion schließt die Schranken disponibler Arbeitskraft durch bloß natürlichen Zuwachs der Bevölkerung aus. Sie bedarf zu ihrem freien Spiel einer von dieser Schranke unabhängigen industriellen Reservearmee.

Bisher wurde unterstellt, daß der Zu- oder Abnahme des variablen Kapitals genau die Zu- oder Abnahme der beschäftigten Arbeiterzahl entspricht. Die Abweichungen des Größenwechsels des variablen Kapitals vom Größenwechsel der Arbeiterzahl, worin es sich umsetzt, werden im Dritten Buch weiter erörtert. Hier interessiren sie uns nur, soweit sie das allgemeine Gesetz der Accumulation betreffen.

Bei gleichbleibender oder selbst verminderter Zahl der von ihm kommandirten Arbeiter wächst das variable Kapital, wenn der individuelle Arbeiter mehr Arbeit liefert und daher sein Arbeitslohn wächst, obgleich der Arbeitspreis gleich bleibt, oder selbst sinkt, nur langsamer als die Arbeitsmasse steigt. Der Zuwachs des variablen Kapitals wird dann Index von mehr Arbeit, aber nicht von mehr beschäftigten Arbeitern. Jeder ||622| Kapitalist hat das absolute Interesse, ein bestimmtes Arbeitsquantum aus kleinerer, statt eben so wohlfeil oder selbst wohlfeiler aus größerer Arbeiterzahl auszupressen. In dem letzten Fall wächst die Auslage von constantem Kapital verhältnißmäßig zur Masse der in Fluß gesetzten Arbeit, im ersten Fall viel langsamer. Je größer die Stufenleiter der Produktion, desto entscheidender dieß Motiv. Seine Wucht wächst mit der Accumulation des Kapitals.

Man hat gesehn, daß die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und Produktivkraft der Arbeit – zugleich Ursache und Wirkung der Accumulation – den Kapitalisten befähigt, mit derselben Auslage von variablem Kapital mehr Arbeit durch größere extensive oder intensive Exploitation der individuellen Arbeitskräfte flüssig zu machen. Man hat ferner gesehn, daß er mit demselben Kapitalwerth mehr Arbeitskräfte kauft, indem er progressiv geschicktere Arbeiter durch ungeschicktere, reife durch unreife, männliche durch weibliche, erwachsne Arbeitskraft durch jugendliche oder kindliche verdrängt.

Einerseits macht also, im Fortgang der Accumulation, größeres variables Kapital mehr Arbeit flüssig, ohne mehr Arbeiter zu werben, andrerseits macht variables Kapital von derselben Größe mehr Arbeit mit derselben Masse Arbeitskraft flüssig und endlich mehr niedere Arbeitskräfte durch Verdrängung höherer.

Die Produktion einer relativen Surpluspopulation oder die Freisetzung von Arbeitern geht daher noch rascher voran als die ohnehin mit dem Fortschritt der Accumulation beschleunigte technologische Umwälzung des Produktionsprozesses und die entsprechende proportionelle Abnahme des variablen Kapitaltheils gegen den constanten. Wenn die Produktionsmittel, wie sie an Umfang und Wirkungskraft zunehmen, in geringerem Grad Beschäftigungs- mittel der Arbeiter werden, wird dieß Verhältniß selbst wieder dadurch modificirt, daß im Maß wie die Produktivkraft der Arbeit wächst, das Kapital seine Zufuhr von Arbeit rascher steigert als seine Nachfrage nach Arbeitern. Die Ueberarbeit des beschäftigten Theils der Arbeiterklasse schwellt die Reihen ihrer Reserve, während umgekehrt der vermehrte Druck, den die letztere durch ihre Konkurrenz auf die erstere ausübt, diese zur Ueberarbeit und Unterwerfung unter die Diktate des Kapitals zwingt. Die Verdammung eines Theils der Arbeiterklasse zu erzwungnem Müßiggang durch Ueberarbeit des andern ||623| Theils, und vice versa, wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten83) und beschleunigt zugleich die Produktion der industriellen Reservearmee auf einem dem Fortschritt der gesellschaftlichen Accumulation entsprechenden Maßstab. Wie wichtig dieß Moment in der Bildung der relativen Surpluspopulation, beweist z. B. England. Seine technischen Mittel zur „Ersparung“ von Arbeit sind kolossal. Dennoch, würde morgen allgemein die Arbeit auf ein rationelles Maß beschränkt, und für die verschiednen Schichten der Arbeiterklasse wieder entsprechend nach Alter und Geschlecht abgestuft, so wäre die vorhandne Arbeiterpopulation absolut unzureichend zur Fortführung der nationalen Produktion auf ihrer jetzigen Stufenleiter. Die große Mehrheit der jetzt „unproduktiven“ Arbeiter müßte in „produktive“ verwandelt werden. |

|624| Im Großen und Ganzen sind die allgemeinen Bewegungen des Arbeitslohns ausschließlich regulirt durch die Expansion und Kontraktion der industriellen Reservearmee, welche dem Periodenwechsel des industriellen Cyklus entsprechen. Sie sind also nicht bestimmt durch die Bewegung der absoluten Anzahl der Arbeiterbevölkerung, sondern durch das wechselnde Verhältniß, worin die Arbeiterklasse in aktive Armee und Reservearmee zerfällt, durch die Zunahme und Abnahme des relativen Umfangs der Surpluspopulation, durch den Grad, worin sie bald absorbirt, bald wieder freigesetzt wird. Für die moderne Industrie mit ihrem zehnjährigen Cyklus und seinem regelmäßigen Periodenwechsel, der außerdem im Fortgang der Accumulation durch stets rascher auf einander folgende unregelmäßige Oscillationen durchkreuzt wird, wäre es in der That ein schönes Gesetz, welches die Nachfrage und Zufuhr von Arbeit nicht durch die Expansion und Kontraktion des Kapitals, also nach seinen jedesmaligen Verwerthungs- bedürfnissen regelte, so daß der Arbeitsmarkt bald relativ untervoll erscheint, weil das Kapital sich expandirt, bald wieder übervoll, weil es sich kontrahirt, sondern umgekehrt die Bewegung des Kapitals von der absoluten Bewegung der Populationsmenge abhängig machte. Dieß jedoch ist das ökonomische Dogma. Nach demselben steigt in Folge der Kapitalaccumulation der Arbeitslohn. Der erhöhte Arbeitslohn spornt zur rascheren Vermehrung der Arbeiterbevölkerung und diese dauert fort, bis der Arbeitsmarkt überfüllt, also das Kapital relativ zur Arbeiterzufuhr unzureichend geworden ist. Der Arbeitslohn sinkt, und nun die Kehrseite der Medaille. Durch den fallenden Arbeitslohn wird die Arbeiterbevölkerung nach und nach decimirt, so daß ihr gegenüber das Kapital wieder überschüssig wird, oder auch, wie Andre es erklären, der fallende Arbeitslohn und die entsprechende erhöhte Exploitation des Arbeiters beschleunigt wieder die Accumulation, während gleichzeitig der niedere Lohn das Wachsthum der Arbeiterklasse in Schach hält. So tritt wieder das Verhältniß ein, worin die Arbeitszufuhr niedriger als die Arbeitsnachfrage, der Lohn steigt u. s. w. Eine schöne Bewegungsmethode dieß für die entwickelte kapitalistische Produktion! Bevor in Folge der Lohnerhöhung irgend ein positives Wachsthum der wirklich arbeitsfähigen Bevölkerung eintreten könnte, wäre die Frist aber und abermal abgelaufen, worin der industrielle Feldzug geführt, die Schlacht geschlagen und entschieden sein muß. |

|625| Zwischen 1849 und 1859 trat, zugleich mit fallenden Getreidepreisen, eine praktisch betrachtet nur nominelle Lohnerhöhung in den englischen Agrikulturdistrikten ein, z. B. in Wiltshire stieg der Wochenlohn von 7 auf 8 sh., in Dorsetshire von 7 oder 8 auf 9 sh. u. s. w. Es war dieß Folge des übergewöhnlichen Abflusses der agrikolen Surpluspopulation, verursacht durch Kriegsnachfrage, massenhafte Ausdehnung der Eisenbahnbauten, Fabriken, Bergwerke u. s. w. Je niedriger der Arbeitslohn, desto höher drückt sich jedes noch so unbedeutende Steigen desselben in Procentzahlen aus. Ist der Wochenlohn z. B. 20 sh. und steigt er auf 22, so um 10 %; ist er dagegen nur 7 sh. und steigt auf 9, so um 28 4 7 %, was sehr erklecklich klingt. Jedenfalls heulten die Pächter und schwatzte sogar der „London Economist“ ganz ernsthaft von „a general and substantial advance“84) mit Bezug auf diese Hungerlöhne. Was thaten nun die Pächter? Warteten sie, bis die Landarbeiter sich in Folge dieser brillanten Zahlung so vermehrt hatten, daß ihr Lohn wieder fallen mußte, wie die Sache sich im dogmatisch ökonomischen Hirn zuträgt? Sie führten mehr Maschinerie ein, und im Umsehn waren die Arbeiter wieder „überzählig“ in einem selbst den Pächtern genügenden Verhältniß. Es war jetzt „mehr Kapital“ in der Agrikultur angelegt als vorher und in einer produktiveren Form. Damit fiel die Nachfrage nach Arbeit nicht nur relativ, sondern absolut.

Jene ökonomische Fiktion verwechselt die Gesetze, welche die allgemeine Bewegung des Arbeitslohns oder das Verhältniß zwischen Arbeiterklasse und gesellschaftlichem Gesammtkapital regeln, mit den Gesetzen, welche die Arbeiterbevölkerung unter die besondern Produktionssphären vertheilen. Wenn z. B. in Folge günstiger Konjunktur die Accumulation in einer bestimmten Produktionssphäre besonders lebhaft, die Profite hier größer als die Durchschnittsprofite, Zuschußkapital dahin drängt, so steigt natürlich Arbeitsnachfrage und Arbeitslohn. Der höhere Arbeitslohn zieht einen größeren Theil der Arbeiterbevölkerung in die begünstigte Sphäre, bis sie mit Arbeitskraft gesättigt ist, und der Lohn auf die Dauer wieder auf sein früheres Durchschnittsniveau oder unter dasselbe fällt, falls der Zudrang zu groß war. Hier sieht der politische Oekonom „wo und wie“, mit Zunahme des Lohns eine absolute Zunahme ||626| von Arbeitern, und mit der absoluten Zunahme der Arbeiter eine Abnahme des Lohns, aber er sieht in der That nur die lokale Oscillation des Arbeitsmarkts einer besondern Produktionssphäre, er sieht nur Phänomene der Vertheilung der Arbeiterbevölkerung in die verschiednen Anlagesphären des Kapitals, je nach seinen wechselnden Bedürfnissen.

Die industrielle Reservearmee oder relative Surpluspopulation drückt während der Perioden der Stagnation und mittleren Prosperität auf die aktive Arbeiterarmee und hält ihre Ansprüche während der Periode der Ueberproduktion und des Paroxysmus im Zaum. Die relative Surpluspopulation ist also der Hintergrund, worauf das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit sich bewegt. Sie zwängt den Spielraum dieses Gesetzes in die der Exploitationsgier und Herrschsucht des Kapitals absolut zusagenden Schranken ein. Es ist hier der Ort auf eine der Großthaten der ökonomischen Apologetik zurückzukommen. Man erinnert sich, daß wenn durch Einführung neuer oder Ausdehnung alter Maschinerie ein Stück variables Kapital in constantes verwandelt wird, der ökonomische Apologet diese Operation, welche Kapital „bindet“ und eben dadurch Arbeiter „freisetzt“, umgekehrt so deutet, daß sie Kapital für den Arbeiter freisetzt. Erst jetzt kann man die Unverschämtheit des Apologeten vollständig würdigen. Was freigesetzt wird, sind nicht nur die unmittelbar durch die Maschine verdrängten Arbeiter, sondern ebenso ihre Ersatzmannschaft und das, bei gewohnter Ausdehnung des Geschäfts auf seiner alten Basis, regelmäßig absorbirte Zuschußkontingent. Es ist nicht altes Kapital für Arbeiter freigesetzt, aber es sind Arbeiter für etwa „zuschüssiges“ Kapital freigesetzt. D. h. also, der Mechanismus der kapitalistischen Produktion sorgt dafür, daß der absolute Zuwachs von Kapital von keiner entsprechenden Steigerung der allgemeinen Arbeitsnachfrage begleitet ist. Und dieß nennt der Apologet eine Kompensation für das Elend, die Leiden und den möglichen Untergang der deplacirten Arbeiter während der Uebergangsperiode, welche sie in die industrielle Reservearmee bannt! Die Nachfrage nach Arbeit ist nicht identisch mit Wachsthum des Kapitals, die Zufuhr der Arbeiter nicht mit dem Wachsthum der Arbeiterklasse, so daß zwei von einander unabhängige Potenzen auf einander einwirkten. Les dés sont pipés. Das Kapital agirt auf beiden Seiten zugleich. Wenn seine Accumulation einerseits die Nachfrage nach Arbeit ||627| vermehrt, vermehrt sie andrerseits die Zufuhr von Arbeitern durch deren „Freisetzung“, während zugleich der Druck der Unbeschäftigten die Beschäftigten zur Flüssigmachung von mehr Arbeit zwingt, also in gewissem Grad die Arbeitszufuhr von der Zufuhr von Arbeitern unabhängig macht. Die Bewegung des Gesetzes der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit auf dieser Basis vollendet die Despotie des Kapitals. Sobald daher die Arbeiter hinter das Geheimniß kommen, wie es zugeht, daß im selben Maß, wie sie mehr arbeiten, mehr fremden Reichthum produciren, und die Produktivkraft ihrer Arbeit wächst, sogar ihre Funktion als Verwerthungsmittel des Kapitals immer prekärer für sie wird; sobald sie entdecken, daß der Intensivitätsgrad der Konkurrenz unter ihnen selbst ganz und gar von dem Druck der relativen Surpluspopulation abhängt; sobald sie daher durch Trade's Unions u. s. w. eine planmäßige Zusammenwirkung zwischen den Beschäftigten und Unbeschäftigten zu organisiren suchen, um die ruinirenden Folgen jenes Naturgesetzes der kapitalistischen Produktion auf ihre Klasse zu brechen oder zu schwächen, zetert das Kapital, und sein Sykophant, der politische Oekonom, über Verletzung des „ewigen“ und so zu sagen „heiligen“ Gesetzes der Nachfrage und Zufuhr. Jeder Zusammenhalt zwischen den Beschäftigten und Unbeschäftigten stört nämlich das „reine“ Spiel jenes Gesetzes. Sobald andrerseits, in den Kolonieen z. B., widrige Umstände die Schöpfung der industriellen Reservearmee, und mit ihr die absolute Abhängigkeit der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse, ver- hindern, rebellirt das Kapital, sammt seinem gemeinplätzlichen Sancho Pansa, gegen das „heilige“ Gesetz der Nachfrage und Zufuhr, und sucht ihm durch Zwangsmittel unter die Arme zu greifen.

Die relative Surpluspopulation existirt in allen möglichen Schattirungen. Jeder Arbeiter gehört dazu während der Zeit, wo er halb oder gar nicht beschäftigt ist. Ohne hier auf Details einzugehn, genügen einige allgemeine Andeutungen. Abgesehn von den periodischen Formverschiedenheiten der Surpluspopulation in dem Phasenwechsel des industriellen Cyklus, wo sie bald akut in den Krisen erscheint, bald chronisch in der Periode der Stagnation, besitzt sie fortwährend drei Formen, die flüssige, die latente und die stagnante.

Man hat gesehn, wie die Fabrikarbeiter bald repellirt, bald in größerem Umfang wieder attrahirt werden, so daß im Großen und Ganzen die Zahl der beschäftigten Arbeiter zunimmt, wenn auch in stets abnehmendem ||628| Verhältniß zur Produktionsleiter. Die Surpluspopulation existirt hier in fließender Form. Wir machen nur auf zwei Umstände aufmerksam. Sowohl in den eigentlichen Fabriken, wie in allen großen Werkstätten, worin die Maschinerie als Faktor eingeht oder auch nur die moderne Theilung der Arbeit durchgeführt ist, werden männliche Arbeiter bis zur Zurücklegung des Jugendalters in Massen verbraucht, wovon später nur sehr geringe Proportion in demselben Zweig verwendbar bleibt, daher beständig große Anzahl herausgeworfen wird. Sie bilden ein Element der fließenden Surpluspopulation, das mit dem Umfang der Industrie wächst. Ein Theil davon emigrirt und reist in der That nur dem emigrirenden Kapital nach. Eine der Folgen ist, daß die weibliche Bevölkerung rascher wächst als die männliche, teste England. Der Widerspruch, daß der natürliche Zuwachs der Arbeiterbevölkerung den Accumulationsbedürfnissen des Kapitals nicht genügt, und andrerseits zu groß für seine Absorption ist, ist ein Widerspruch seiner Bewegung selbst. Es braucht größere Massen davon im früheren Alter, weniger im männlichen. Der Widerspruch ist nicht größer als der andre, daß während Arbeiter zu vielen Tausenden auf dem Pflaster liegen, weil die Theilung der Arbeit sie an einen bestimmten Geschäftszweig kettet, gleichzeitig über Mangel an Händen geklagt wird85). Bei dem raschen Konsum der Arbeitskraft durch das Kapital ist der Arbeiter von mittlerem Alter meist schon überlebt. Er fällt in die Reihen der Surpluspopulation oder rückt von einer höhern Staffel auf eine niedrigere, während das Kapital seinen Platz durch frischere Arbeitskraft ersetzt. Das absolute Wachsthum der Arbeiter- klasse erheischt so eine Form, welche ihre Zahl schwellt, obgleich ihre Elemente sich rasch abnutzen. Es ist daher rasche Ablösung der Arbeiter- generationen nöthig. (Dasselbe Gesetz gilt nicht für die übrigen Klassen der Bevölkerung.) Dieß wird erreicht durch frühe Ehen, nothwendige Folge der Verhältnisse, worin die Arbeiter der großen Industrie leben, und durch die Prämie, welche die Exploitation der Arbeiterkinder auf ihre Produktion setzt. |

|629| Sobald sich die kapitalistische Produktion der Agrikultur oder im Grad, worin sie sich derselben bemächtigt hat, nimmt mit der Accumulation des hier funktionirenden Kapitals die Nachfrage für die ländliche Arbeiter- bevölkerung absolut ab, ohne daß ihre Repulsion, wie in der nicht agrikolen Industrie, durch größere Attraktion ergänzt wäre. Ein Theil der Landbevölkerung befindet sich daher fortwährend im Uebergang zur Meta- morphose in städtische oder Manufakturbevölkerung. (Manufaktur hier im Sinn aller nicht-agrikolen Industrie86).) Diese Quelle der relativen Surpluspopulation fließt also beständig. Aber ihr beständiger Fluß setzt auf dem Lande selbst eine fortwährend latente Surpluspopulation voraus, deren Umfang nur sichtbar wird, sobald sich die Abzugskanäle ausnahmsweise weit öffnen. Der Landarbeiter wird daher auf das Minimum des Salairs herabgedrückt und steht mit einem Fuß stets im Sumpf des Pauperismus.

Die stagnante Surpluspopulation bildet einen Theil der aktiven Arbeiterarmee, aber mit durchaus unregelmäßiger Beschäftigung, so daß das Kapital hier stets eine außerordentliche Masse latenter Arbeitskraft zur Verfügung hat. Ihre Lebenslage sinkt unter das durchschnittliche Normalniveau der arbeitenden Klasse und grade dieß macht sie zur breiten Grundlage eigner Exploitationszweige des Kapitals. Maximum der Arbeitszeit und Minimum des Salairs charakterisiren sie. Wir haben unter der Rubrik der Hausarbeit ihre Hauptgestalt bereits kennen gelernt. Sie rekrutirt sich fortwährend aus den Ueberzähligen der großen Industrie und Agrikultur, und namentlich auch in untergehenden Industriezweigen, wo der Handwerksbetrieb dem Manufakturbetrieb, letztrer dem Maschinenbetrieb erliegt. Ihr Umfang dehnt sich, wie mit Umfang und Energie der Accu||630|mulation die „Ueberzähligmachung“ fortschreitet. Aber sie bildet zugleich ein sich selbst reproducirendes und verewigendes Element der Arbeiterklasse, das verhältnißmäßig größeren Antheil am Gesammtwachsthum derselben nimmt als die übrigen Elemente. In der That steht nicht nur die Masse der Geburten und Todesfälle, sondern die absolute Größe der Familien in umgekehrtem Verhältniß zur Höhe des Arbeitslohns, also zur Masse der Lebensmittel, worüber die ver- schiednen Arbeiterkategorieen verfügen. Dieß Gesetz der kapitalistischen Gesellschaft klänge unsinnig unter Wilden, oder selbst civilisirten Kolonisten. Es erinnert an die massenhafte Reproduktion individuell schwacher und vielgehetzter Thierarten87).

Der tiefste Niederschlag der relativen Surpluspopulation endlich bildet die Sphäre des Pauperismus. Sie besteht – wir sehn hier ab von Vagabunden, Verbrechern, Prostituirten, kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat – aus drei Kategorieen: erstens, Arbeitsfähige. Man braucht die Statistik des englischen Pauperismus nur oberflächlich anzusehn und man findet, daß seine Masse mit jeder Krise schwillt und mit jeder Wiederbelebung des Geschäfts abnimmt. Zweitens: Waisen- und Pauperkinder. Sie sind Kandidaten der industriellen Reservearmee und werden in Zeiten großer Prosperität, wie 1860 z. B., rasch und massenhaft in die aktive Arbeiterarmee einrollirt. Drittens: Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige. Es sind namentlich Arbeiter, die an ihrer durch die Theilung der Arbeit verursachten Unbeweglichkeit untergehn, solche, die über das Normalalter eines Arbeiters hinausleben, endlich die Opfer der Industrie, deren Zahl mit gefährlicher Maschinerie, Bergwerksbau, chemischen Fabriken u. s. w. wächst, Verstümmelte, Verkrankte, Wittwen u. s. w. Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven ||631| Arbeiterarmee und das todte Gewicht der industriellen Reservearmee. Seine Produktion ist eingeschlossen in der Produktion der Surpluspopulation, seine Nothwendigkeit in ihrer Nothwendigkeit, mit ihr bildet er eine Existenzbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung des Reichthums. Er gehört zu den faux frais der kapitalistischen Produktion, die das Kapital jedoch großentheils von sich selbst ab auf die Schultern der Arbeiterklasse und der kleinen Mittelklasse zu wälzen weiß.

Je größer der gesellschaftliche Reichthum, das funktionirende Kapital, Umfang und Energie seines Wachsthums, also auch die absolute Größe der Arbeiterbevölkerung und die Produktivkraft ihrer Arbeit, desto größer die relative Surpluspopulation oder industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt, wie die Expansiv- kraft des Kapitals. Die verhältnißmäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichthums. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältniß zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidirte Surpluspopulation oder die Arbeiterschichten, deren Elend im umgekehrten Verhältniß zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der officielle Pauperismus. Dieß ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Accumulation. Es wird gleich allen allgemeinen Gesetzen in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modificirt, deren Analyse nicht hierher gehört.

Man begreift die Narrheit der ökonomischen Weisheit, die den Arbeitern predigt, ihre Zahl den Verwerthungsbedürfnissen des Kapitals anzupassen. Der Mechanismus der kapitalistischen Produktion und Accumulation paßt sie beständig diesen Verwerthungsbedürfnissen an. Erstes Wort dieser Anpassung ist die Schöpfung einer relativen Surpluspopulation oder industriellen Reservearmee, letztes Wort das Elend stets wachsender Schichten der aktiven Arbeiterarmee und das todte Gewicht des Pauperismus.

Das Gesetz, daß die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit die Masse der zu verausgabenden Arbeitskraft im Verhältniß zur Wirkung und Masse ihrer Produktionsmittel progressiv senkt, drückt sich auf kapitalistischer Grundlage, wo nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden, darin aus, daß je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto grö||632|ßer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel und desto prekärer die Existenzbedingung des Lohnarbeiters, Verkauf seiner Arbeitskraft zur Vermehrung des fremden Reichthums oder Selbstverwerthung des Kapitals. Rascheres Wachsthum der Produktionsmittel und der Produktivkraft der Arbeit als der produktiven Bevölkerung drückt sich kapitalistisch umgekehrt darin aus, daß die Ar- beiterbevölkerung stets rascher wächst als das Verwerthungsbedürfniß des Kapitals.

Es zeigte sich im vierten Kapitel bei Analyse der Produktion des relativen Mehrwerths, daß alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit in der kapitalistischen Form sich auf Kosten des individuellen Arbeiters entwickeln, daß alle Mittel zur Bereicherung der Produktion in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Producenten umschlagen, daß sie den Arbeiter in einen Theilmenschen verstümmeln, ihn zum Anhängsel der Maschine entwürdigen, mit der Qual der Arbeit ihren Inhalt vernichten, ihm die geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses entfremden, im selben Maße, worin derselbe sich die Wissenschaft als selbstständige Potenz einverleibt, die Bedingungen, innerhalb deren er arbeitet, beständig anormaler machen, ihn während des Arbeitsprozesses der kleinlichst gehässigen Despotie unterwerfen, seine Lebenszeit in Arbeitszeit verwandeln, sein Weib und Kind unter das Juggernautrad des Kapitals schleudern. Aber alle Methoden zur Produktion des Mehrwerths sind zugleich Methoden der Accumulation und jede Ausdehnung der Accumulation wird umgekehrt Mittel zur Entwicklung jener Methoden. Es folgt daher, daß im Maße wie Kapital accumulirt, die Lage des Arbeiters, wel- ches immer seine Zahlung, sich verschlechtert. Das Gesetz endlich, welches die relative Surpluspopulation oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Accumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Accumulation von Kapital entsprechende Accumulation von Elend. Die Accumulation von Reichthum auf dem einen Pol ist also zugleich Accumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisirung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d. h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital producirt. |

|633| Dieser antagonistische Charakter der kapitalistischen Accumula- tion88) ist in verschiedenen Formen von politischen Oekonomen ausgesprochen, obgleich sie zum Theil zwar analoge, aber dennoch wesentlich verschiedene Erscheinungen vorkapitalistischer Produktionsweisen damit zusammenwerfen.

Der venetianische Mönch Ortes, einer der großen ökonomischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, faßt den Antagonismus der kapitalistischen Produktion als allgemeines Naturgesetz des gesellschaftlichen Reichthums. „Das ökonomisch Gute und ökonomisch Böse halten sich in einer Nation stets das Gleichgewicht („il bene ed il male economico in una nazione sempre all' istessa misura“), die Fülle der Güter für Einige ist immer gleich dem Mangel derselben für Andre („la copia dei beni in alcuni sempre eguale alla mancanza di essi in altri“). Großer Reichthum in Einigen ist stets begleitet von absoluter Beraubung des Nothwendigen in viel mehr andern“89). Der Reichthum einer Nation entspricht ihrer Bevölkerung und ihr Elend entspricht ihrem Reichthum. Die Arbeitsamkeit in Einigen erzwingt den Müßiggang in Andern. Die Armen und Müßigen sind eine nothwendige Frucht der Reichen und Thätigen u. s. w. In ganz grober Weise verherrlichte ungefähr 10 Jahre nach Ortes der hochkirchliche protestantische Pfaffe Townsend die Armuth als nothwendige Bedingung des Reichthums. „Gesetzlicher Zwang zur Arbeit ist verbunden mit zu viel Mühe, Gewaltsamkeit und Geräusch, während der Hunger nicht nur ein friedlicher, schweigsamer, unaufhörlicher Druck, sondern als natürlich||634|stes Motiv zur Industrie und Arbeit die machtvollste Anstrengung hervorruft.“ Alles kömmt also darauf an, den Hunger unter der Arbeiterklasse permanent zu machen, und dafür sorgt, nach Townsend, das Bevölkerungsprincip, das besonders unter den Armen thätig ist. „Es scheint ein Naturgesetz, daß die Armen zu einem gewissen Grad leichtsinnig (improvident) sind (nämlich so leichtsinnig auf die Welt zu kommen ohne goldne Löffel im Mund), so daß stets welche da sind („that there always may be some“) zur Erfüllung der servilsten, schmutzigsten und gemeinsten Funktionen des Gemeinwesens. Der Fonds von menschlichem Glück („the fonds of human happiness“) wird dadurch sehr vermehrt, die Delikateren („the more delicate“) sind von der Plackerei befreit und können höherem Beruf u. s. w. ungestört nachgehn … Das Armengesetz hat die Tendenz, die Harmonie und Schönheit, die Symmetrie und Ordnung dieses Systems, welches Gott und die Natur in der Welt errichtet haben, zu zerstören“90). „Der Fortschritt des gesellschaftlichen Reichthums“, sagt Storch, „erzeugt jene nützliche Klasse der Gesellschaft … welche die langweiligsten, gemeinsten und ekelhaftesten Beschäftigungen ausübt, in einem Wort alles, was das Leben unangenehmes und knechtendes hat, auf ihre Schultern nimmt und eben dadurch den andern Klassen die Zeit, die Heiterkeit des Geistes und die konventionelle (c'est bon!) Charakterwürde verschafft etc.“91). Storch fragt sich, welches denn eigentlich der Vorzug ||635| dieser kapitalistischen Civilisation mit ihrem Elend und ihrer Degradation der Massen vor der Barbarei? Er findet nur eine Antwort – die Sicherheit! „Durch den Fortschritt der Industrie und Wissenschaft“, sagt Sismondi, „kann jeder Arbeiter jeden Tag viel mehr produciren als er zu seinem Konsum braucht. Aber zu gleicher Zeit, während seine Arbeit den Reichthum producirt, würde der Reichthum, wäre er berufen ihn selbst zu konsumiren, ihn wenig geeignet zur Arbeit machen“92). „Die armen Nationen“, sagt Destutt de Tracy, „sind die, wo das Volk gut dran ist, und die reichen Nationen sind die, wo es gewöhnlich arm ist“93).

Keine Periode der modernen Gesellschaft ist so günstig für das Studium der kapitalistischen Accumulation als die Periode der letztverflossenen 20 Jahre. Es ist als ob sie den Fortunatussäckel gefunden hätte. Von allen Ländern aber bietet England wieder das klassische Beispiel, weil es den ersten Rang auf dem Weltmarkt behauptet, die kapitalistische Produktionsweise hier allein völlig entwickelt ist, und endlich die Einführung des tausendjährigen Reichs des Freihandels seit 1846 der Vulgärökonomie den letzten Schlupfwinkel abgeschnitten hat. Der titanische Fortschritt der Produktion, so daß die letzte Hälfte der zwanzigjährigen Periode die erste wieder weit überflügelt, ward bereits im vierten Kapitel hinreichend angedeutet.

Obgleich das absolute Wachsthum der englischen Bevölkerung im letzten halben Jahrhundert sehr groß war, fiel das verhältnißmäßige Wachsthum oder die Rate des Zuwachses fortwährend, wie folgende dem officiellen Census entlehnte Tabelle zeigt:

Jährlicher procentmäßiger Zuwachs der Bevölkerung
von England und Wales in Decimalzahlen.
1811-18211,533
1821-18311,446
1831-18411,326
1841-18511,216
1851-18611,141. |

|636| Betrachten wir nun andrerseits das Wachsthum des Reichthums. Den sichersten Anhaltspunkt bietet hier die Bewegung der der Einkommensteuer unterworfenen Profite, Grundrenten u. s. w. Der Zuwachs der steuerpflichtigen Profite (Pächter und einige andre Rubriken nicht eingeschlossen) betrug für Großbritannien von 1853-1864 50,47 % (oder 4,58 % im jährlichen Durchschnitt)94), der der Bevölkerung während derselben Periode ungefähr 12 %. Die Zunahme der besteuerbaren Renten von Land (Häuser, Eisenbahnen, Minen, Fischereien u. s. w. eingeschlossen) betrug von 1853-1864 38 %, oder 3 5 12 % jährlich, woran folgende Rubriken den stärksten Antheil nahmen:

Ueberschuß des jährlichenZunahme
Einkommens vonper Jahr.
1864 über 1853.
Von Häusern:38,60 %3,50 %
Steinbrüchen:84,76 %7,70 %
Minen:68,85 %6,26 %
Eisenhütten:39,92 %3,63 %
Fischereien:57,37 %5,21 %
Gaswerken:126,02 %11,45 %
Eisenbahnen:83,29 %7,57 %95).

Vergleicht man je vier Jahre der Periode von 1853-1864, so wächst der Zunahmegrad der Einkommen fortwährend. Er ist z. B. für die aus Profit stammenden von 1853-1857 jährlich 1,73 %, 1857-1861 jährlich 2,74 % und 9,30 % jährlich für 1861-1864. Die Gesammtsumme der der Einkommensteuer unterworfenen Einkommen des Vereinigten Königreichs betrug 1856: 307068898 Pfd. St., 1859: 328127416 Pfd. St., 1862: 351745241 Pfd. St., 1863: 359142897 Pfd. St., 1864: 362462279 Pfd. St., 1865: 385530020 Pfd. St.96).|

|637| Die Accumulation des Kapitals war zugleich von seiner Koncentra- tion begleitet. Obgleich keine officielle Agrikulturstatistik für England (wohl aber für Irland) existirt, wurde sie von 10 Grafschaften freiwillig geliefert. Sie ergab hier das Resultat, daß von 1851 bis 1861 die Pachten unter 100 Acres von 31 583 auf 26 567 vermindert, also 5016 mit größeren Pachten zusammengeschlagen waren97). Von 1815 bis 1825 fiel kein Mobiliarvermögen über 1 Million Pfd. St. unter die Erbschaftssteuer, von 1825 bis 1855 dagegen 8, von 1855 bis Juni 1859, d. h. in 4 1 2 Jahren, 498). Die Koncentration wird man jedoch am besten ersehn aus einer kurzen Analyse der Einkommensteuer für Rubrik D (Profite mit Ausschluß von Pächtern u. s. w.) in den Jahren 1864 und 1865. Ich bemerke vorher, daß Einkommen aus dieser Quelle bis zu 60 Pfd. St. hinab Income Tax zahlen. Diese steuerpflichtigen Einkommen betrugen in England, Wales und Schottland 1864: 95 844 222 Pfd. St. und 1865: 105 435 787 Pfd. St.99), die Zahl der Besteuerten 1864: 308 416 Personen auf eine Gesammtbevölkerung von 23 891 009, 1865: 332 431 Personen auf Gesammtbevölkerung von 24 127 003. Ueber die Vertheilung dieser Einkommen in beiden Jahren folgende Tabelle:

Jahr endend 5. April 1864.Jahr endend 5. April 1865.
Einkommen von ProfitPersonenEinkommen von ProfitPersonen
Gesammt-
einkommen:Pfd. St.95 844 222308 416Pfd. St.105 435 738332 431
Davon:Pfd. St.57 028 29023 334Pfd. St.64 554 29724 075
Davon:Pfd. St.36 415 2253 619Pfd. St.42 535 5764 021
Davon:Pfd. St.22 809 781822Pfd. St.27 555 313973
Davon:Pfd. St.8 744 76291Pfd. St.11 077 238107 |

|638| Es wurden im Vereinigten Königreich 1855 producirt 61 453 079 Tonnen Kohlen zum Werth von 16 113 267 Pfd. St., 1864: 92 787 873 Tonnen zum Werth von 23 197 968 Pfd. St., 1855: 3 218 154 Tonnen Roheisen zum Werth von 8 045 385 Pfd. St., 1864: 4 767 951 Tonnen zum Werth von 11 919 877 Pfd. St. 1854 betrug die Länge der im Vereinigten Königreich eröffneten Eisenbahnen 8054 Meilen, mit aufgezahltem Kapital von 286 068 794 Pfd. St., 1864 die Meilenlänge 12 789 mit aufgezahltem Kapital von 425 719 613 Pfd. St. 1854 betrug Gesammtexport und Import des Vereinigten Königreichs 268 210 145 Pfd. St., 1865: 489 923 285. Folgende Tabelle zeigt die Bewegung des Exports:

184658 842 377Pfd.St.
184963 596 052
1856115 826 948
1860135 842 817
1865165 862 402
1866ungefähr190 000 000100).

Man begreift, nach diesen wenigen Angaben, den Triumphschrei des Generalregistrators des brit. Volks: „Rasch wie die Bevölkerung anwuchs, hat sie nicht Schritt gehalten mit dem Fortschritt der Industrie und des Reichthums101). Wenden wir uns jetzt zu den unmittelbaren Agenten dieser Industrie oder den Producenten dieses Reichthums, zur Arbeiterklasse. „Es ist einer der melancholischsten Charakterzüge im socialen Zustand des Landes“, sagt Gladstone, „daß mit einer Abnahme in der Konsumtionsmacht des Volks und einer Zunahme in den Entbehrungen und dem Elend der arbeitenden Klasse, gleichzeitig eine beständige Accumulation von Reichthum in den höheren Klassen und ein beständiger Anwachs von Kapital stattfinden“102). Der berühmte Mini||639|ster erklärte dieß dem Hause der Gemeinen am 13. Februar 1843. Am 16. April 1863, zwanzig Jahre später, in der Rede, worin er sein Budget vorlegt: „Von 1842 bis 1852 wuchs das besteuerbare Einkommen dieses Landes um 6 % … In den 8 Jahren von 1853 bis 1861 wuchs es, wenn wir von der Basis von 1853 ausgehn, um 20 %. Die Thatsache ist so erstaunlich, daß sie beinahe unglaublich ist … Diese be- rauschende Vermehrung von Reichthum und Macht ist ganz und gar auf die Klassen des Eigenthums beschränkt, aber … aber, sie muß von indirektem Vortheil für die Arbeiterbevölkerung sein, weil sie die Artikel der allgemeinen Konsumtion verwohlfeilert – während die Reichen reicher, sind die Armen jedenfalls weniger arm geworden. Daß die Extreme der Armuth sich vermindert haben, wage ich nicht zu sagen“103). Welch lahmer Antiklimax. Wenn die Arbeiterklasse „arm“ geblieben ist, nur „weniger arm“ im Verhältniß, worin sie eine „berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht“ für die Klasse des Eigenthums producirte, so ist sie relativ gleich arm geblieben. Wenn die Extreme der Armuth sich nicht vermindert haben, haben sie sich vermehrt, weil die Extreme des Reichthums. Was die Ver- wohlfeilerung der Lebensmittel betrifft, so zeigt die officielle Statistik, z. B. die Angaben des London Orphan Asylum, eine Vertheurung von 20 % für den Durchschnitt der drei Jahre von 1860-1862, verglichen mit 1851-1853. In den folgenden 3 Jahren 1863-1865 progressive Vertheurung von Fleisch, Butter, Milch, Zucker, ||640| Salz, Kohlen und einer Masse andrer nothwendiger Lebensmittel104). Gladstone's folgende Budgetrede, vom 7. April 1864, ist ein pindarischer Dithyrambus auf den Fortschritt der Plusmacherei und das durch „Armuth“ gemäßigte Glück des Volks. Er spricht von Massen „am Rand des Pauperismus“, von den Geschäftszweigen, „worin der Lohn nicht gestiegen“, und faßt schließlich das Glück der Arbeiterklasse zusammen in den Worten: „das menschliche Leben ist in neun Fällen von 10 ein bloßer Kampf um die Existenz“105). Professor Fawcett, nicht wie Gladstone durch officielle Rücksicht gebunden, erklärt rund heraus: „Ich läugne natürlich nicht, daß der Geldlohn mit dieser Vermehrung des Kapitals (in den letzten Decennien) gestiegen ist, aber dieser scheinbare Vortheil geht in großem Umfang wieder verloren, weil viele Lebensnothwendigkeiten beständig theurer werden (er glaubt, wegen Werthfall der edlen Metalle) … Die Reichen werden rasch reicher („the rich grow rapidly richer“), während keine Zunahme im Komfort der arbeitenden Klassen wahrnehmbar ist … Die Arbeiter werden fast Sklaven der Krämer, deren Schuldner sie sind“106).

Der Leser hat in den Abschnitten über den „Arbeitstag“ und die „Maschinerie“ die Bedingungen kennen gelernt, unter welchen die britische Arbeiterklasse während der letzten Decennien die „berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht“ für die Klassen des Eigenthums pro||641|ducirt hat. Jedoch beschäftigte uns damals vorzugsweise der Arbeiter innerhalb des Produktionsprozesses selbst. Zur gründlichen Einsicht in das Gesetz der kapitalistischen Accumulation ist es nöthig einen Augenblick bei der Lage des Arbeiters außerhalb jenes Prozesses, bei seinen Nahrungs- und Wohnungszuständen zu verweilen. Die Grenze dieses Buchs gebietet mir hier namentlich den schlechtbezahlten Theil der industriellen Arbeiter und den Agrikulturarbeiter ins Auge zu fassen, welche zusammen die Majorität der Arbeiterklasse bilden107).

Vorher noch ein Wort über den officiellen Pauperismus, d. h. den Theil der Arbeiterklasse, der seine Existenzbedingung, Verkauf der Arbeitskraft, eingebüßt hat und von öffentlichem Almosen vegetirt. Die officielle Pauperliste zählte in England108)1855: 851 369 Personen, 1856: 877 767, 1865: 971 433. In Folge der Baumwollnoth schwoll sie in den Jahren 1863 und 1864 zu 1 079 382 und 1 014 978. Die Krise von 1866, die London am schwersten traf, schuf in diesem Sitz des Weltmarkts, einwohnerreicher als das Königreich Schottland, für 1866 einen Pauperzuwachs um 19,5 %, verglichen mit 1865, und um 24,4 %, verglichen mit 1864, einen noch größern Zuwachs für die ersten Monate von 1867, verglichen mit 1866. Bei Analyse der Pauperstatistik sind zwei Punkte hervorzuheben. Einerseits spiegelt die Bewegung im Ab und Zu der Paupermasse die Periodenwechsel des industriellen Cyklus wieder. Andrerseits wird die officielle Pauperstatistik ein mehr und mehr trüglicher Index des wirklichen Pauperismus im Grad, worin mit der Accumulation des Kapitals der Klassenkampf und daher das Selbstgefühl der Arbeiter sich entwickeln. Z. B. die Barbarei in der Behandlung der Paupers, worüber die englische Presse (Times, Pall Mall Gazette u. s. w.) während der letzten zwei Jahre so laut schrie, ist alten Datums. F. Engels konstatirt 1844 ganz dieselben Greuel und ganz dasselbe vorübergehende, zur „Sen||642|sationliteratur“ gehörige Geschrei. Aber die furchtbare Zunahme des Hungertods („deaths by starvation“) in London, während des letzten Decenniums, beweist unbedingt den zunehmenden Abscheu der Arbeiter vor der Sklaverei des Workhouse, dieser Strafanstalt des Elends.

Wenden wir uns jetzt zu den schlechtbezahlten Schichten der industriellen Arbeiterklasse. Während der Baumwollnoth, 1862, wurde Dr. Smith vom Privy Council mit einer Untersuchung über den Nahrungsstand der verkümmernden Baumwollarbeiter in Lancashire und Cheshire beauftragt. Langjährige frühere Beobachtung hatte ihn zum Resultat geführt, daß „um Hungerkrankheiten („starvation diseases“) zu vermeiden“, die tägliche Nahrung eines Durchschnitts-Frauenzimmers mindestens 3900 Gran Kohlenstoff mit 180 Gran Stickstoff enthalten müsse, die tägliche Nahrung eines Durchschnitts-Mannes mindestens 4300 Gran Kohlenstoff mit 200 Gran Stickstoff, für die Frauenzimmer ungefähr so viel Nahrungsstoff als in zwei Pfund gutem Weizenbrod enthalten ist, für Männer 1 9 mehr, für den Wochendurchschnitt von weiblichen und männlichen Erwachsnen, mindestens 28 600 Gran Kohlenstoff und 1330 Gran Stickstoff. Seine Berechnung ward in überraschender Weise praktisch dadurch bestätigt, daß sie im Ganzen übereinstimmte mit der kümmerlichen Nahrungsmenge, worauf der Nothstand die Konsumtion der Baumwollarbeiter herabgedrückt hatte. Sie erhielten im December 1862: 29 211 Gran Kohlenstoff und 1295 Gran Stickstoff wöchentlich.

Im Jahre 1863 verordnete der Privy Council eine Untersuchung über den Nothstand des schlechtgenährtesten Theils der englischen Arbeiterklasse. Dr. Simon, der ärztliche Beamte des Privy Council, erkieste zu dieser Arbeit den obenerwähnten Dr. Smith. Seine Untersuchung erstreckt sich auf die Agrikulturarbeiter einerseits, andrerseits auf Seidenweber, Nätherinnen, Lederhandschuhmacher, Strumpfwirker, Handschuhweber und Schuster. Die letzteren Kategorieen sind, mit Ausnahme der Strumpfwirker, ausschließlich städtisch. Es wurde zur Regel der Untersuchung gemacht, die gesundesten und relativ bestgestellten Familien in jeder Kategorie auszuwählen.

Als allgemeines Resultat ergab sich, daß „nur in einer der untersuchten Klassen der städtischen Arbeiter die Zufuhr von Stickstoff das absolute Minimalmaß, unter welchem Hungerkrankheiten eintreten, ||643| ein wenig überschritt, daß in zwei Klassen Mangel, und zwar in der einen sehr großer Mangel, sowohl an der Zufuhr von stickstoff- als kohlenstoffhaltiger Nahrung stattfand, daß von den untersuchten Ackerbaufamilien mehr als ein Fünftheil weniger als die unentbehrliche Zufuhr von kohlenstoffhaltiger Nahrung erhielt, mehr als 1 3 weniger als die unentbehrliche Zufuhr stickstoffhaltiger Nahrung, und daß in drei Grafschaften (Berkshire, Oxfordshire und Somersetshire) Mangel an dem Minimum der stickstoffhaltigen Nahrung durchschnittlich herrschte“109). Unter den Agrikulturarbeitern waren die von England, dem reichsten Theile des Vereinigten Königreichs, die schlechtest genährten110). Die Unternahrung fiel unter den Landarbeitern überhaupt hauptsächlich auf Frau und Kinder, denn „der Mann muß essen, um sein Werk zu verrichten“. Noch größerer Mangel wüthete unter den untersuchten städtischen Arbeiterkategorieen. „Sie sind so schlecht genährt, daß viele Fälle grausamer und gesundheitsruinirender Entbehrung („Entsagung“ des Kapitalisten alles dieß! nämlich Entsagung auf Zahlung der zur bloßen Vegetation seiner Hände unentbehrlichen Lebensmittel!) vorkommen müssen“111).

Folgende Tabelle zeigt das Verhältniß des Nahrungsstandes der oben erwähnten rein städtischen Arbeiterkategorieen zu dem von Dr. Smith angenommenen Minimalmaß und zum Nahrungsmaß der Baumwollarbeiter während der Zeit ihrer größten Noth:

Beide GeschlechterWochendurchschnittWochendurchschnitt
an Kohlenstoffan Stickstoff
Fünf städtische Geschäftszweige28 876 Gran1192 Gran
Arbeitslose Lancashire Fabrikarbeiter29 211 Gran1295 Gran
Minimalquantum, vorgeschlagen für
die Lancashire Arbeiter auf gleiche
Zahl männlicher und weiblicher28 600 Gran1330 Gran112).

Eine Hälfte, 60 125 , der untersuchten industriellen Arbeiterkategorieen ||644| erhielt absolut kein Bier, 28 % keine Milch. Der Wochendurch- schnitt der flüssigen Nahrungsmittel in den Familien schwankte von 7 Unzen bei den Nätherinnen auf 24 3 4 Unzen bei den Strumpfwirkern. Die Mehrzahl derer, die keine Milch erhielten, bestand aus den Nätherinnen von London. Die Quantität der wöchentlich konsumirten Brodstoffe wechselte von 7 3 4 Pfund bei den Nätherinnen zu 11 1 4 Pfund bei den Schustern und ergab einen Totaldurchschnitt von 9,9 Pfund wöchentlich auf den Erwachsenen. Zucker (Syrup u. s. w.) wechselte von 4 Unzen wöchentlich für die Lederhandschuhmacher auf 11 Unzen für Strumpfwirker; der Totaldurchschnitt per Woche für alle Kategorieen, per Erwachsenen, 8 Unzen. Gesammter Wochendurchschnitt von Butter (Fett u. s. w.) 5 Unzen per Erwachsenen. Der Wochendurchschnitt von Fleisch (Speck u. s. w.) schwankte, per Erwachsenen, von 7 1 4 Unzen bei den Seidenwebern auf 18 1 4 Unzen bei den Lederhandschuhmachern; Gesammtdurchschnitt für die verschiedenen Kategorieen 13,6 Unzen. Die wöchentliche Kost für Nahrung per Erwachsenen ergab folgende allgemeine Durchschnittszahlen: Seiden- weber 2 sh. 2 1 2 d., Nätherinnen 2 sh. 7 d., Lederhandschuhmacher 2 sh. 9 1 2 d., Schuster 2 sh. 7 3 4 d., Strumpfwirker 2 sh. 6 1 4 d. Für die Seidenweber von Macclesfield betrug der Wochendurchschnitt nur 1 sh. 8 1 2 d. Die schlecht genährtesten Kategorieen waren die Nätherinnen, die Seidenweber und die Lederhandschuhmacher113).

Dr. Simon sagt in seinem allgemeinen Gesundheitsbericht über diesen Nahrungszustand: „Daß die Fälle zahllos sind, worin Nahrungsmangel Krankheiten erzeugt oder erschwert, wird Jeder bestätigen, der mit medizinischer Armenpraxis oder mit den Patienten der Spitäler, seien sie Insassen oder außerhalb wohnend, vertraut ist … Jedoch kommen hier vom sanitären Standpunkt noch andre, sehr entscheidende Umstände hinzu … Man muß sich erinnern, daß Beraubung an Nahrungsmitteln nur sehr widerstrebsam ertragen wird, und daß in der Regel große Dürftigkeit der Diät nur im Gefolge andrer, vorhergegangner Entbehrungen nachhinkt. Lange bevor der Nahrungsmangel hygienisch ins Gewicht fällt, lange bevor der Physiolog daran denkt, die Grane Stickstoff und Kohlenstoff zu zählen, zwischen denen Leben und Hungertod ||645| schwebt, wird der Haushalt von allem materiellen Komfort ganz und gar entblößt sein. Kleidung und Heizung werden noch dürftiger gewesen sein als die Speise. Kein hinreichender Schutz wider die Härte des Wetters; Abknappung des Wohnraums zu einem Grad, der Krankheiten erzeugt oder erschwert; kaum eine Spur von Hausgeräth oder Möbeln; die Reinlichkeit selbst wird kostspielig oder schwierig geworden sein. Werden noch aus Selbstachtung Versuche gemacht, sie aufrecht zu erhalten, so repräsentirt jeder solcher Versuch zuschüssige Hungerpein. Die Häuslichkeit wird dort sein, wo Obdach am wohlfeilsten kaufbar; in Quartieren, wo die Gesundheitspolizei die geringste Frucht trägt, das jämmerlichste Gerinne, wenigster Verkehr, der meiste öffentliche Unrath, kümmerlichste oder schlechteste Wasserzufuhr, und, in Städten, größter Mangel an Licht und Luft. Dieß sind die Gesundheitsgefahren, denen die Armuth unvermeidlich ausgesetzt ist, wenn diese Armuth Nahrungsmangel einschließt. Wenn die Summe dieser Uebel von furchtbarer Größe für das Leben ist, so ist der bloße Nahrungsmangel an sich selbst entsetzlich … Dieß sind qualvolle Gedanken, namentlich wenn man sich erinnert, daß die Armuth, wovon es sich handelt, nicht die selbstverschuldete Armuth des Müßiggangs ist. Es ist die Armuth von Arbeitern. Ja, mit Bezug auf die städtischen Arbeiter, ist die Arbeit, wodurch der knappe Bissen Nahrung erkauft wird, meist über alles Maß verlängert. Und dennoch kann man nur in sehr bedingtem Sinn sagen, daß diese Arbeit selbsterhaltend ist. … Auf sehr großem Maßstab kann der nominelle Selbsterhalt nur ein kürzerer oder längerer Umweg zum Pauperismus sein“114).

Das innere Band zwischen Hungerpein der fleißigsten Arbeiterschichten und kapitalistischer Accumulation, nebst dem sie begleitenden groben oder raffinirten Ueberkonsum der Reichen, dieß Band, sage ich, sieht nur der Kenner der ökonomischen Gesetze. Anders mit dem Wohnungszustand. Jeder unbefangne Beobachter sieht, daß je massenhafter die Koncentration der Produktionsmittel, desto größer die entsprechende Agglomeration von Arbeitern auf geringem Raum, daß daher je rascher die kapitalistische Accumulation, desto elender der Wohnungszustand der Arbeiter. Jeder sieht, daß die das Wachsthum des Reichthums begleitenden Verbesserungen der Städte (improve||646|ments) durch Niederreißung der schlechtgebauten Viertel, Errichtung von Palästen für Banken, Waarenhäuser u. s. w., Dehnung der Straßen für Geschäftsverkehr und Luxuskarossen, Einführung städtischer Eisenbahnen u. s. w. mit Verjagung der Armen in stets schlechtere und dichter gefüllte Schlupfwinkel verknüpft sind. Andrerseits weiß jeder, daß die Theuerkeit der Wohnungen im umgekehrten Verhältniß zu ihrer Güte steht und daß die Minen des Elends von Spekulanten mit mehr Profit und weniger Kosten ausgebeutet werden als jemals die Minen von Potosi. Der antagonistische Charakter der kapitalistischen Accumulation und daher der kapitalistischen Eigenthumsverhältnisse überhaupt115) wird hier so handgreifbar, daß selbst die officiellen englischen Berichte über diesen Gegenstand voll heterodoxer Ausfälle auf das „Eigenthum und seine Rechte sind“. Das Uebel hielt solchen Schritt mit der Entwicklung der Industrie, der Accumulation des Kapitals, dem Wachsthum und der „Verschönerung“ der Städte, daß die bloße Furcht vor ansteckenden Krankheiten, welche auch der „Ehrbarkeit“ nicht schonen, von 1847 bis 1864 nicht weniger als 10 gesundheitspolizeiliche Parlamentsakte ins Leben rief, und daß die erschreckte Bürgerschaft in einigen Städten wie Liverpool, Glasgow u. s. w. durch ihre Municipalitäten eingriff. Dennoch, ruft Dr. Simon in seinem Bericht von 1865: „Allgemein zu sprechen, sind die Uebelstände in England unkontrolirt.“ Auf Befehl des Privy Council fand 1864 Untersuchung über die Wohnungsverhältnisse der Landarbeiter, 1865 über die der ärmeren Klassen in den Städten statt. Die meisterhaften Arbeiten des Dr. Julian Hunter findet man im siebenten (1865) und achten (1866) Bericht über „Public Health“. Auf die Landarbeiter komme ich später. Ueber den städtischen Wohnungszustand schicke ich eine allgemeine Bemerkung des Dr. Simon voraus: „Obgleich mein officieller Gesichtspunkt“, sagt er, „ausschließlich physisch ist, erlaubt die gewöhnlichste Humanität nicht die andre Seite dieses Uebels zu ignoriren. In seinem höheren Grad bedingt es fast noth||647|wendig eine solche Negation aller Delikatesse, so schmutzige Konfusion von Körpern und körperlichen Verrichtungen, solche Bloßstellung geschlechtlicher Nacktheit, die bestial, nicht menschlich sind. Diesen Einflüssen unterworfen zu sein ist eine Degradation, die sich vertieft, je länger sie fortwirkt. Für die Kinder, die unter diesem Fluch geboren sind, ist er Taufe in Infamie („baptism into infamy“). Und über alles Maß hoffnungslos ist der Wunsch, daß unter solche Umstände gestellte Personen in andern Rücksichten nach jener Atmosphäre der Civilisation aufstreben sollten, die ihr Wesen in physischer und moralischer Reinheit besitzt“116).

Den ersten Rang in überfüllten oder auch für menschliche Behausung absolut unmöglichen Wohnlichkeiten nimmt London ein. „Zwei Punkte“, sagt Dr. Hunter, „sind sicher; erstens, daß es ungefähr 20 große Kolonieen in London giebt, jede ungefähr 10000 Personen stark, deren elende Lage alles übersteigt, was jemals anderswo in England gesehn worden ist, und sie ist fast ganz das Resultat ihrer schlechten Hausaccommodation; und zweitens, daß der überfüllte und verfallene Zustand der Häuser dieser Kolonieen viel schlechter ist als 20 Jahre zuvor117). „Es ist nicht zu viel zu sagen, daß das Leben in vielen Theilen von London und Newcastle infernal ist“118).

Auch der besser gestellte Theil der Arbeiterklasse, zusammt Kleinkrämern und andern Elementen der kleinen Mittelklasse, fällt in London mehr und mehr unter den Fluch dieser nichtswürdigen Behausungsverhältnisse, im Maße, wie die „Verbesserungen“ und mit ihnen die Niederreißung alter Straßen und Häuser fortschreiten, wie Fabriken und Menschenzustrom in der Metropole wachsen, endlich die Hausmiethen mit der städtischen Grundrente steigen. „Die Hausmiethen sind so übermäßig geworden, daß ||648| wenige Arbeiter mehr als ein Zimmer zahlen können“119). Es giebt fast kein Londoner Hauseigenthum, das nicht mit einer Unzahl von „middlemen“ belastet wäre. Der Preis des Bodens in London steht nämlich stets sehr hoch im Vergleich zu seinen jährlichen Einkünften, indem jeder Käufer darauf spekulirt früher oder später zu einem Jury Price (durch Geschworne festgesetzte Taxe bei Expropriationen) wieder loszuschlagen oder durch Nähe irgend eines großen Unternehmens außerordentliche Wertherhöhung zu erschwindeln. Folge davon ist ein regelmäßiger Handel im Ankauf von Miethkontrakten, die ihrem Verfall nahen. „Von den Gentlemen in diesem Geschäft kann man erwarten, daß sie handeln, wie sie handeln, so viel wie möglich aus den Hausbewohnern herausschlagen, und das Haus selbst in so schlechtem Zustand wie möglich ihren Nachfolgern überlassen“120). Die Miethen sind wöchentlich und die Herren laufen kein Risico. In Folge der Eisenbahnbauten innerhalb der Stadt „sah man kürzlich im Osten Londons eine Anzahl aus ihren alten Wohnungen verjagter Familien umherwandern eines Samstags Abends mit ihren wenigen weltlichen Habseligkeiten auf dem Rücken, ohne irgend einen Haltplatz außer dem Workhouse“121). Die Workhouses sind bereits überfüllt und die vom Parlament bereits bewilligten „improvements“ sind erst im Beginn ihrer Ausführung. Werden die Arbeiter verjagt durch Zerstörung ihrer alten Häuser, so verlassen sie nicht ihr Kirchspiel, oder siedeln sich höchstens an seiner Grenze, im nächsten fest. „Sie suchen natürlich möglichst in der Nähe ihrer Arbeitslokale zu hausen. Folge, daß an die Stelle von zwei Zimmern, eins die Familie aufnehmen muß. Selbst zu erhöhter Miethe wird die Wohnlichkeit schlechter als die schlechte, woraus man sie verjagt. Die Hälfte der Arbeiter im Strand braucht bereits zwei Meilen Reise zum Arbeitslokal.“ Dieser Strand, dessen Hauptstraße auf den Fremden einen imposanten Eindruck vom Reichthum Londons macht, kann als Beispiel der Londoner Menschenverpackung dienen. In einer Pfarrei desselben zählte der Gesundheitsbeamte 581 Personen auf den Acre, obgleich die Hälfte der Themse mit eingemessen war. Es versteht sich von selbst, ||649| daß jede gesundheitspolizeiliche Maßregel, die, wie das bisher in London der Fall, durch Niederschleifen untauglicher Häuser die Arbeiter aus einem Viertel verjagt, nur dazu dient sie in ein andres desto dichter zusammen zu drängen. „Entweder“, sagt Dr. Hunter, „muß die ganze Procedur als eine Abgeschmacktheit nothwendig zum Stillstand kommen, oder die öffentliche Sympathie (!) muß erwachen für das, was man jetzt ohne Uebertreibung eine nationale Pflicht nennen kann, nämlich Obdach für Leute zu verschaffen, welche aus Mangel an Kapital sich selbst keins verschaffen können, obgleich sie durch periodische Zahlung die Vermiether belohnen können“122). Man bewundre die kapitalistische Justiz! Der Grundeigenthümer, Hauseigner, Geschäftsmann, wenn expropriirt durch „improvements“, wie Eisenbahnen, Neubau der Straßen u. s. w., erhält nicht nur volle Entschädigung. Er muß für seine erzwungne „Entsagung“ von Gott und Rechtswegen obendrein noch durch einen erklecklichen Profit getröstet werden. Der Arbeiter wird mit Frau und Kind und Habe aufs Pflaster geworfen und – wenn er zu massenhaft nach Stadtvierteln drängt, wo die Municipalität auf Anstand hält, gesundheits- polizeilich verfolgt!

Außer London gab es Anfang des 19. Jahrhunderts keine einzige Stadt in England, die 100 000 Einwohner zählte. Nur 5 zählten mehr als 50 000. Jetzt existiren 28 Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern. „Das Resultat dieses Wechsels war nicht nur enormer Zuwachs der städtischen Bevölkerung, sondern die alten dichtgepackten kleinen Städte sind nun Centra, die von allen Seiten umbaut sind, nirgendwo mit freiem Luftzutritt. Da sie für die Reichen nicht länger angenehm sind, werden sie von ihnen für die amüsanteren Vorstädte verlassen. Die Nachfolger dieser Reichen beziehn die größeren Häuser, eine Familie, oft noch mit Untermiethern, für jedes Zimmer. So ward eine Bevölkerung gedrängt in Häuser, nicht für sie bestimmt, und wofür sie durchaus unpassend, mit einer Umgebung, die wahrhaft erniedrigend für die Erwachsnen und ruinirend für die Kinder ist“123). Je rascher das Kapital in einer industriellen oder commerciellen Stadt accumulirt, um so rascher der Zustrom des exploitablen Menschenmaterials, um so elender die improvisirten Wohnlichkeiten der ||650| Arbeiter. Newcastle-upon-Tyne, als Centrum eines fortwährend ergiebigeren Kohlenund Bergwerksbaudistrikts, behauptet daher nach London die zweite Stelle in dem Wohnungsinferno. Nicht minder als 34 000 Menschen hausen dort in Einzelkammern. In Folge absoluter Gemeinschädlichkeit sind kürzlich in Newcastle und Gateshead Häuser in bedeutender Anzahl von Polizei wegen zerstört worden. Der Bau der neuen Häuser geht sehr langsam voran, das Geschäft sehr rasch. Die Stadt war daher 1865 überfüllter als je zuvor. Kaum eine einzelne Kammer war zu vermiethen. Dr. Embleton vom Newcastle Fieberhospital sagt: „Ohne allen Zweifel liegt die Ursache der Fortdauer und Verbreitung des Typhus in der Ueberhäufung menschlicher Wesen und der Unreinlichkeit ihrer Wohnungen. Die Häuser, worin die Arbeiter häufig leben, liegen in abgeschloßnen Winkelgassen und -Höfen. Sie sind mit Bezug auf Licht, Luft, Raum und Reinlichkeit wahre Muster von Mangelhaftigkeit und Ungesundheit, eine Schmach für jedes civilisirte Land. Dort liegen Männer, Weiber und Kinder des Nachts zusammengehudelt. Was die Männer angeht, folgt die Nachtreihe der Tagesreihe in ununterbrochenem Strom, so daß die Betten kaum Zeit zur Abkühlung finden. Die Häuser sind schlecht mit Wasser versehn und schlechter mit Abtritten, unfläthig, unventilirt, pestilenzialisch“124). Der Wochenpreis solcher Löcher steigt von 8 d. zu 3 sh. „Newcastle-upon-Tyne“, sagt Dr. Hunter, „bietet das Beispiel eines der schönsten Stämme unsrer Landsleute, der durch die äußern Umstände von Behausung und Straße oft in eine beinah wilde Degradation versunken ist“125).

In Folge des Hin- und Herwogens von Kapital und Arbeit mag der Wohnungszustand einer industriellen Stadt heute erträglich sein, morgen ist er abominabel. Oder die städtische Aedilität mag endlich sich aufgerafft haben zur Beseitigung der ärgsten Mißstände. Morgen wandert ein Heuschreckenschwarm von verlumpten Irländern oder verkommenen englischen Agrikulturarbeitern ein. Man steckt sie weg in Keller und Speicher oder verwandelt das früher respektable Arbeiterhaus in ein Logis, worin das Personal so rasch wechselt wie die Einquartirung während des dreißigjährigen Kriegs. Beispiel: Bradford. Dort war der Municipal||651|philister eben mit Stadtreform beschäftigt. Zudem gab es daselbst 1861 noch 1751 unbewohnte Häuser. Aber nun das gute Geschäft, worüber der sanft liberale Herr Forster, der Negerfreund, jüngst so artig gekräht hat. Mit dem guten Geschäft natürlich Ueberfluthung von den Wellen der stets wogenden „Reservearmee“ oder „relativen Surpluspopulation“. Die scheußlichen Kellerwohnungen und Kammern, in der Note beschrieben126) durch eine dem Dr. Hunter vom Agenten einer Assekuranzgesellschaft ausgefertigte Liste, waren meist von gutbezahlten Arbeitern bewohnt. Sie erklärten, sie würden gern bessere Wohnungen zahlen, wenn sie zu haben wären. Unterdeß verlumpen und verkranken sie mit Mann und Maus, während der sanftliberale Forster, M. P., Thränen vergießt über die Segnungen des Freihandels und die Profite der eminenten Bradforder Köpfe, die in Worsted machen. Im Bericht vom 5. September 1865 erklärt Dr. Bell, einer der Armenärzte von Bradford, die furchtbare ||652| Sterblichkeit der Fieberkranken seines Bezirks aus ihren Wohnungsverhältnissen: „In einem Keller von 1500 Kubikfuß wohnen 10 Personen … Die Vincentstraße, Green Air Place und the Leys bergen 223 Häuser mit 1450 Einwohnern, 435 Betten und 36 Abtritten… Die Betten, und darunter verstehe ich jede Rolle von schmutzigen Lumpen oder Handvoll von Hobelspänen, halten jedes per Durchschnitt 3,3 Personen, manches 4 und 6 Personen. Viele schlafen ohne Bett auf nacktem Boden in ihren Kleidern, junge Männer und Weiber, verheirathet und unverheirathet, alles kunterbunt durch einander. Ist es nöthig hinzuzufügen, daß diese Hausungen meist dunkle, feuchte, schmutzige Stinkhöhlen sind, ganz und gar unpassend für menschliche Wohnung? Es sind die Centra, wovon Krankheit und Tod ausgehn und ihre Opfer auch unter den Gutgestellten („of good circumstances“) packen, welche diesen Pestbeulen erlaubt haben in unsrer Mitte zu eitern“127).

Bristol behauptet den dritten Rang nach London im Wohnungselend. „Hier, in einer der reichsten Städte Europa's, größter Ueberfluß an baarster Armuth („blank poverty“) und häuslicher Misère“128).

Wir wenden uns nun zu einer Wanderbevölkerung, deren Quelle ländlich, deren Beschäftigung großentheils industriell ist. Es ist die leichte Infanterie des Kapitals, je nach seinem Bedürfniß bald auf diesen Punkt geworfen, bald auf jenen. Wenn nicht auf dem Marsch, „campirt“ sie. Die Wanderarbeit wird verbraucht für verschiedne Bau- und Drainirungsoperationen, Backsteinmachen, Kalkbrennen, Eisenbahnen u. s. w. Eine wandelnde Säule der Pestilenz; importirt sie in die Orte, in deren Nachbarschaft sie ihr Lager aufschlägt, Pocken, Typhus, Cholera, Scharlachfieber u. s. w.129). In Unternehmen von bedeutender Kapitalauslage, wie Eisenbahnbau u. s. w., liefert meist der Unternehmer selbst seiner Armee Holzhütten oder dgl., improvisirte Dörfer ohne alle Gesundheitsvorkehrung, jenseits der Kontrole der Lokalbehörden, sehr profitlich für den Herrn Contractor, der die Arbeiter doppelt ausbeutet, als Industriesoldaten und als Miether. Je nachdem die Holzhütte 1, 2 oder 3 Löcher enthält, hat ihr Insasse, Erdarbeiter u. s. w., 2, 3, 4 sh. wöchentlich zu ||653| zahlen130). Ein Beispiel genüge. Im September 1864, berichtet Dr. Simon, ging dem Minister des Innern, Sir George Grey, folgende Denunciation Seitens des Vorstehers des Nuisance Removal Com- mittee der Pfarrei von Sevenoaks zu: „Pocken waren dieser Pfarrei fast ganz unbekannt bis etwa vor 12 Monaten. Kurz vor dieser Zeit wurden Arbeiten für eine Eisenbahn von Lewisham nach Tunbridge eröffnet. Außerdem daß die Hauptarbeiten in der unmittelbaren Nachbarschaft dieser Stadt ausgeführt wurden, ward hier auch das Hauptdepot des ganzen Werks errichtet. Große Personenzahl daher hier beschäftigt. Da es unmöglich war sie alle in Cottages unterzubringen, ließ der Contractor, Herr Jay, längst der Linie der Bahn auf verschiednen Punkten Hütten aufschlagen zur Behausung der Arbeiter. Diese Hütten besaßen weder Ventilation noch Abzugsgerinne und waren außerdem nothwendig überfüllt, weil jeder Miether andre Logirer aufnehmen mußte, wie zahlreich immer seine eigne Familie, und obgleich jede Hütte nur zweizimmerig. Nach dem ärztlichen Bericht, den wir erhielten, war die Folge, daß diese armen Leute zur Nachtzeit alle Qualen der Erstickung zu erdulden hatten, zur Vermeidung der pestilenzialischen Dünste von dem schmutzigen stehenden Wasser und den Abtritten dicht unter den Fenstern. Endlich wurden unsrem Comité Klagen eingehändigt von einem Arzte, der Gelegenheit hatte diese Hütten zu besuchen. Er sprach über den Zustand dieser s. g. Wohnlichkeiten in den bittersten Ausdrücken und befürchtete sehr ernsthafte Folgen, falls nicht einige Gesundheitsvorkehrungen getroffen würden. Ungefähr vor einem Jahr verpflichtete sich p. p. Jay ein Haus einzurichten, wohin die von ihm beschäftigten Personen, beim Ausbruch ansteckender Krankheiten, sofort entfernt werden sollten. Er wiederholte dieß Versprechen Ende letzten Juli's, that aber nie den geringsten Schritt zur Ausführung, obgleich seit diesem Datum verschiedne Fälle von Pocken und in Folge davon zwei Todesfälle vorkamen. Am 9. September berichtete mir Surgeon Kelson weitere Pockenfälle in denselben Hütten und beschrieb ihren Zustand als entsetzlich. Zu Ihrer (des Ministers) Information muß ich hinzufügen, daß unsre Pfarrei ein isolirtes Haus besitzt, das s. g. Pesthaus, wo die Pfarreigenossen, die von ansteckenden Krankheiten leiden, verpflegt werden. Dieß Haus ist jetzt seit Monaten fort||654|während mit Patienten überfüllt. In einer Familie starben fünf Kinder an Pocken und Fieber. Vom 1. April bis 1. September dieses Jahres kamen nicht weniger als 10 Todesfälle an Pocken vor, 4 in den besagten Hütten, den Pestquellen. Es ist unmöglich die Zahl der Krankheitsfälle anzugeben, da die heimgesuchten Familien sie so geheim als möglich halten“131).

Kohlen- und andre Bergwerksarbeiter gehören zu den bestbezahlten Kategorieen der britischen Arbeiterklasse. Zu welchem Preis sie ihren Lohn erkaufen, wurde an einer früheren Stelle gezeigt132). Ich werfe hier einen raschen Blick auf ihre Wohnlichkeitsverhältnisse. In der Regel errichtet der Exploiteur des Bergwerks, ob Eigenthümer oder Miether desselben, eine Anzahl Cottages für seine Hände. Sie erhalten Cottages und Kohlen zur Feurung „umsonst“, d. h. letztre bilden einen in natura gelieferten Theil des Lohns. Die nicht in dieser Art Unterbringbaren erhalten zum Ersatz 4 Pfd. St. per Jahr. Die Bergwerksdistrikte ziehn rasch eine große Bevölkerung an, zusammengesetzt aus der Minenbevölkerung selbst und den Handwerkern, Krämern u. s. w., die sich um sie gruppiren. Wie überall, wo die Bevölkerung dicht, ist die Bodenrente hier hoch. Der Bergbauunternehmer sucht daher auf möglichst engem Bauplatz am Mund der Minen so viel Cottages aufzuwerfen als grade nöthig sind um seine Hände und ihre Familien zusammenzupacken. Werden neue Minen in der Nähe eröffnet oder alte wieder in Angriff genommen, so wächst das Gedränge. Bei der Konstruktion der Cottages waltet nur ein Gesichtspunkt, „Entsagung“ des Kapitalisten auf alle nicht absolut unvermeidliche Ausgaben von Baarem. „Die Wohnungen der Gruben- und andrer Arbeiter, die mit den Bergwerken von Northumberland und ||655| Durham verknüpft sind“, sagt Dr. Julian Hunter, „sind vielleicht im Durchschnitt das Schlechteste und Theuerste, was England auf großer Stufenleiter in dieser Art bietet, mit Ausnahme jedoch ähnlicher Distrikte in Monmouthshire. Die extreme Schlechtigkeit liegt in der hohen Menschenzahl, die ein Zimmer füllen, in der Enge des Bauplatzes, worauf eine große Häusermasse geworfen wird, im Wassermangel und Abwesenheit von Abtritten, in der häufig angewandten Methode ein Haus über ein andres zu stellen oder sie in flats (so daß die verschiednen Cottages horizontal über einander liegende Stockwerke bilden) zu vertheilen … Der Unternehmer behandelt die ganze Kolonie, als ob sie nur campire, nicht residire“133). „In Ausführung meiner Instruktionen“, sagt Dr. Stevens, „habe ich die meisten großen Bergwerksdörfer der Durham Union besucht … Mit sehr wenigen Ausnahmen gilt von allen, daß jedes Mittel zur Sicherung der Gesundheit der Einwohner vernachlässigt wird … Alle Grubenarbeiter sind an den Pächter („lessee“) oder Eigenthümer des Bergwerks für 12 Monate gebunden („bound“, Ausdruck, der wie bondage aus der Zeit der Leibeigenschaft stammt). Wenn sie ihrer Unzufriedenheit Luft machen oder in irgend einer Art den Aufseher („viewer“) belästigen, so setzt er eine Marke oder ein Memorandum hinter ihre Namen in seinem Aufsichtsbuch, und entläßt sie bei der jährlichen Neu-Bindung … Es scheint mir, daß kein Theil des Trucksystems schlechter sein kann als das in diesen dichtbevölkerten Distrikten herrschende. Der Arbeiter ist gezwungen als Theil seines Lohns ein mit pestilenzialischen Einflüssen umgebnes Haus zu empfangen. Er kann sich nicht selbst helfen. Er ist in jeder Rücksicht ein Leibeigner („he is to all intents and purposes a serf“). Es scheint fraglich, ob jemand sonst ihm helfen kann außer seinem Eigenthümer und dieser Eigenthümer zieht vor allem sein Bilanzkonto zu Rath, und das Resultat ist ziemlich unfehlbar. Der Arbeiter erhält von dem Eigenthümer auch seine Zufuhr an Wasser. Es sei gut oder schlecht, es werde geliefert oder zurückgehalten, er muß dafür zahlen oder sich vielmehr einen Lohnabzug gefallen lassen“134).

Im Konflikt mit der „öffentlichen Meinung“ oder auch der Gesundheitspolizei genirt sich das Kapital durchaus nicht, die theils gefährlichen, ||656| theils entwürdigenden Bedingungen, worin es Funktion und Häuslichkeit des Arbeiters bannt, damit zu „rechtfertigen“, das sei nöthig, um ihn profitlicher auszubeuten. So, wenn es entsagt auf Vorrichtungen zum Schutz gegen gefährliche Maschinerie in der Fabrik, auf Ventilations- und Sicherheitsmittel in den Minen u. s. w. So hier mit der Behausung der Minenarbeiter. „Als Entschuldigung“, sagt Dr. Simon, der ärztliche Beamte des Privy Council, in seinem officiellen Bericht, „als Entschuldigung für die nichtswürdige Hauseinrichtung wird angeführt, daß Minen gewöhnlich pachtweise exploitirt werden, daß die Dauer des Pachtkontrakts (in Kohlenwerken meist 21 Jahre) zu kurz ist, damit der Minenpächter es der Mühe werth halte, gute Hausaccommodation für das Arbeitsvolk und die Gewerbsleute u. s. w. zu liefern, welche die Unternehmung anzieht; hätte er selbst die Absicht, nach dieser Seite hin liberal zu verfahren, so würde sie vereitelt werden durch den Grundeigenthümer. Der habe nämlich die Tendenz, sofort exorbitante Zuschußrente zu verlangen für das Privilegium, ein anständiges und komfortables Dorf auf der Grundoberfläche zu errichten zur Behausung der Bearbeiter des unterirdischen Eigenthums. Dieser prohibitorische Preis, wenn nicht direkte Prohibition, schrecke ebenfalls andre ab, welche sonst wohl bauen möchten … ich will den Werth dieser Apologie nicht weiter untersuchen, auch nicht, auf wen denn in letzter Hand die zuschüssige Ausgabe für anständige Wohnlichkeit fallen würde, auf den Grundherrn, den Minenpächter, die Arbeiter oder das Publikum … Aber Angesichts solcher schmählichen Thatsachen, wie die beigefügten Berichte (des Dr. Hunter, Stevens u. s. w.) sie enthüllen, muß ein Heilmittel angewandt werden … Grundeigenthumstitel werden so gebraucht um ein großes öffentliches Unrecht zu begehn. In seiner Eigenschaft als Mineneigner ladet der Grundherr eine industrielle Kolonie zur Arbeit auf seiner Domaine ein, und macht dann, in seiner Eigenschaft als Eigenthümer der Grundoberfläche, den von ihm versammelten Arbeitern unmöglich die zu ihrem Leben unentbehrliche, geeignete Wohnlichkeit zu finden. Der Minenpächter (der kapitalistische Exploiteur) hat kein Geldinteresse dieser Theilung des Handels zu widerstehn, da er wohl weiß, daß wenn die letztern Ansprüche exorbitant sind, die Folgen nicht auf ihn fallen, und daß die Arbeiter, auf die sie fallen, zu unerzogen sind, um ihre Gesundheits||657|rechte zu kennen, daß weder obscönste Wohnlichkeit noch faulstes Trinkwasser besondre Anlässe zu einem Strike liefern“135).

Bevor ich zu den eigentlichen Agrikulturarbeitern übergehe, soll an einem Beispiel noch gezeigt werden, wie die Krisen selbst auf den bestbezahlten Theil der Arbeiterklasse, auf ihre Aristokratie, wirken. Man erinnert sich: das Jahr 1857 brachte eine der großen Krisen, womit der industrielle Cyklus jedesmal abschließt. Der nächste Termin wurde 1866 fällig. Bereits diskontirt in den eigentlichen Fabrikdistrikten durch die Baumwollnoth, welche viel Kapital aus der gewohnten Anlagesphäre zu den großen Centralsitzen des Geldmarkts jagte, nahm die Krise dießmal einen vorwiegend finanziellen Charakter an. Ihr Ausbruch im Mai 1866 wurde signalisirt durch den Fall einer Londoner Riesenbank, dem der Zusammensturz zahlloser finanzieller Schwindelgesellschaften auf dem Fuß nachfolgte. Einer der großen Londoner Geschäftszweige, welche die Katastrophe traf, war der eiserne Schiffsbau. Die Magnaten dieses Fachs hatten während der Schwindelzeit nicht nur maßlos überproducirt, sondern zudem enorme Lieferungskontrakte übernommen, auf die Spekulation hin, daß die Kreditquelle gleich reichlich fort fließen werde. Jetzt trat eine furchtbare Reaktion ein, die auch in andern Londoner Industrien136) bis zur Stunde, Ende März 1867, fortdauert. Zur Charakteristik der Lage der Arbeiter folgende Stelle aus dem ausführlichen Bericht eines ||658| Korrespondenten des Morning Star, welcher Anfang Januar 1867 die Hauptsitze des Leidens besuchte. „Im Osten von London, den Distrikten von Poplar, Millwall, Greenwich, Deptford, Limehouse und Canning Town befinden sich mindestens 15 000 Arbeiter sammt Familien in einem Zustand äußerster Noth, darunter über 3000 geschickte Mechaniker. Ihre Reservefonds sind erschöpft in Folge sechs- oder achtmonatlicher Arbeitslosigkeit … Ich hatte große Mühe zum Thor des Workhouse (von Poplar) vorzudringen, denn es war belagert von einem ausgehungerten Haufen. Er wartete auf Brodbillets, aber die Zeit zur Vertheilung war noch nicht gekommen. Der Hof bildet ein großes Quadrat mit einem Pultdach, das rings um seine Mauern läuft. Dichte Schneehaufen bedeckten die Pflastersteine in der Mitte des Hofes. Hier waren gewisse kleine Plätze mit Weidengeflecht abgeschlossen, gleich Schafhürden, worin die Männer bei besserem Wetter arbeiten. Am Tage meines Besuchs waren die Hürden so verschneit, daß Niemand in ihnen sitzen konnte. Die Männer waren jedoch unter dem Schutz der Dachvorsprünge mit Macadamisirung von Pflastersteinen beschäftigt. Jeder hatte einen dicken Pflasterstein zum Sitz und klopfte mit schwerem Hammer auf den frostbedeckten Granit, bis er 5 Bushel davon abgehauen hatte. Dann war sein Tagewerk verrichtet und erhielt er 3 d.“ (2 Silbergroschen, 6 Pfennige) „und ein Billet für Brod. In einem andern Theil des Hofes stand ein rhachitisches kleines Holzhaus. Beim Oeffnen der Thüre fanden wir es gefüllt mit Männern, Schulter an Schulter gedrängt, um einander warm zu halten. Sie zupften Schiffstau und stritten mit einander, wer von ihnen mit einem Minimum von Nahrung am längsten arbeiten könne, denn Ausdauer war der point d'honneur. In diesem einen Workhouse allein erhielten 7000 Unterstützung, darunter viele Hunderte, die 6 oder 8 Monate zuvor die höchsten Löhne geschickter Arbeit in diesem Land verdienten. Ihre Zahl wäre doppelt so groß gewesen, gäbe es nicht so viele, welche nach Erschöpfung ihrer ganzen Geldreserve dennoch vor Zuflucht zur Pfarrei zurückbeben, so lange sie noch irgend etwas zu versetzen haben … Das Workhouse verlassend, machte ich einen Gang durch die Straßen von meist einstöckigen Häusern, die in Poplar so zahlreich. Mein Führer war Mitglied des Comités für die Arbeitslosen. Das erste Haus, worin wir eintraten, war das eines Eisenarbeiters, seit 27 Wochen außer Beschäftigung. Ich fand den Mann mit ||659| seiner ganzen Familie in einem Hinterzimmer sitzend. Das Zimmer war noch nicht ganz von Möbeln entblößt und es war Feuer darin. Dieß war nöthig, um die nackten Füße der jungen Kinder vor Frost zu schützen, denn es war ein grimmig kalter Tag. Auf einem Teller gegenüber dem Feuer lag ein Quantum Werg, welches Frau und Kinder zupften in Erstattung des Brods vom Workhouse. Der Mann arbeitete in einem der oben beschriebenen Höfe für ein Brodbillet und 3 d. per Tag. Er kam jetzt nach Haus zum Mittagessen, sehr hungrig, wie er uns mit einem bittern Lächeln sagte, und sein Mittagessen bestand aus einigen Brodschnitten mit Schmalz und einer Tasse milchlosen Thees … Die nächste Thüre, an der wir anklopften, wurde geöffnet durch ein Frauenzimmer mittleren Alters, die, ohne ein Wort zu sagen, uns in ein kleines Hinterzimmer führte, wo ihre ganze Familie saß, schweigend, die Augen auf ein rasch ersterbendes Feuer geheftet. Solche Verödung, solche Hoffnungslosigkeit hing um diese Leute und ihr kleines Zimmer, daß ich nicht wünsche je eine ähnliche Scene wieder zu sehn. ‚Nichts haben sie verdient, mein Herr‘, sagte die Frau, auf ihre Jungen zeigend, ‚nichts für 26 Wochen, und all unser Geld ist hingegangen, alles Geld, das ich und der Vater in den bessern Zeiten zurücklegten, in dem Wahn eine Reserve während schlechten Geschäfts zu sichern. Sehn sie es‘, schrie sie fast wild, indem sie ein Bankbuch hervorholte mit allen seinen regelmäßigen Nachweisen über eingezahltes und rückerhaltnes Geld, so daß wir sehn konnten, wie das kleine Vermögen begonnen hatte mit dem ersten Deposit von 5 Shilling, wie es nach und nach zu 20 Pfd. St. aufwuchs, und dann wieder zusammenschmolz, von Pfunden zu Shillingen, bis der letzte Eintrag das Buch so werthlos machte, wie ein blankes Stück Papier. Diese Familie erhielt ein nothdürftiges Mahl täglich vom Workhouse … Unsre folgende Visite war zur Frau eines Irländers, der an den Schiffswerften gearbeitet hatte. Wir fanden sie krank von Nahrungsmangel, in ihren Kleidern auf eine Matratze gestreckt, knapp bedeckt mit einem Stück Teppich, denn alles Bettzeug war im Pfandhaus. Die elenden Kinder warteten sie und sahen aus als bedürften sie umgekehrt der mütterlichen Pflege. Neunzehn Wochen erzwungnen Müßiggangs hatten sie so weit heruntergebracht, und während sie die Geschichte der bitteren Vergangenheit erzählte, stöhnte sie als ob alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren wäre … Beim Austritt aus dem Hause rannte ein junger Mann auf uns zu und ||660| bat uns in sein Haus zu gehn und zu sehn, ob irgend etwas für ihn geschehn könne. Ein junges Weib, zwei hübsche Kinder, ein Kluster von Pfandzetteln und ein ganz kahles Zimmer war alles, was er zu zeigen hatte“137). |

|661| Der antagonistische Charakter der kapitalistischen Produktion und Accumulation bewährt sich nirgendwo brutaler als in dem Fortschritt des englischen Landbaus (Viehzucht eingeschlossen) und dem Rückschritt des englischen Landarbeiters. Bevor ich zu seiner gegenwärtigen Lage übergehe, ein rascher Rückblick. Die moderne Agrikultur datirt in England von der Mitte des 18. Jahrhunderts, obgleich die Umwälzung der Grundeigenthumsverhältnisse, wovon die veränderte Produktionsweise als Grundlage ausgeht, viel früheren Datums.

Nehmen wir die Angaben Arthur Young's, eines genauen Beobachters, obgleich elenden Denkers, über den Landarbeiter von 1771, so spielt letztrer eine sehr elende Rolle, verglichen mit seinem Vorgänger Ende des 14. Jahr- hunderts, „wo er in Fülle leben und Reichthum accumuliren konnte“138), gar nicht zu sprechen vom 15. Jahrhundert, „dem goldnen Zeitalter der englischen Arbeiter in Stadt und Land“. Wir brauchen jedoch nicht so weit zurückzugehn. In einer sehr gehaltreichen Schrift von 1777 liest man: „Der große Pächter hat sich beinahe erhoben zum Niveau des Gentleman, während der arme Landarbeiter fast zu Boden gedrückt ist … Seine unglückliche Lage zeigt sich klar durch eine vergleichende Uebersicht seiner Verhältnisse von heute und von 40 Jahr früher … Grundeigenthümer und Pächter wirken Hand in Hand zur Unterdrückung des Arbeiters“139). Es wird dann im ||662| Detail nachgewiesen, daß der reelle Arbeitslohn auf dem Lande von 1737 bis 1777 um beinahe 1 4 oder 25 % gefallen ist. „Die moderne Politik“, sagt Dr. Richard Price zur selben Zeit, „begünstigt die höheren Volksklassen; die Folge wird sein, daß früher oder später das ganze Königreich nur aus Gentlemen und Bettlern, aus Grandees und Sklaven besteht“140).

Dennoch ist die Lage des englischen Landarbeiters von 1770-1780, sowohl was seine Nahrungs- und Wohnlichkeitszustände, als sein Selbstgefühl, Belustigungen u. s. w. betrifft, ein später nie wieder erreichtes Ideal. In Pints Weizen ausgedrückt betrug sein Durchschnittslohn 1761-1770 90 Pints, zu Eden's Zeit (1797) nur noch 65, 1808 aber 60141).

Der Zustand der Landarbeiter Ende des Antijakobinerkriegs, während dessen sich Grundaristokratie, Pächter, Fabrikanten, Kaufleute, Banquiers, Börsenritter, Armeelieferanten u. s. w. so außerordentlich bereichert hatten, ist bereits früher angedeutet worden. Der nominelle Arbeitslohn stieg natürlich in Folge theils der Depreciation des Geldes theils eines von dieser Depreciation unabhängigen Steigens im Preis der nothwendigsten Lebensmittel. Die wirkliche Bewegung des Arbeitslohns ist aber auf sehr einfache Art zu konstatiren, ohne Zuflucht zu hier unzulässigen Details. Das Armengesetz und seine Administration waren 1795 und 1814 dieselben. Man erinnert sich: dieß Gesetz wurde auf dem Land in der Art gehandhabt, daß die Differenz zwischen dem dem Arbeiter gezahlten Arbeitslohn und der Minimalsumme, die zu seiner bloßen Vegetation erheischt ist, von der Pfarrei in der Form der Armenunterstützung ergänzt wurde. Das Verhältniß zwischen dem vom ||663| Pächter gezahlten Arbeitslohn und dem von der Pfarrei gutgemachten Deficit dieses Arbeitslohns zeigt uns zweierlei, erstens die Senkung des Arbeitslohns unter sein Minimum, zweitens den Grad, worin der Landarbeiter aus Lohnarbeiter und Pauper zusammengesetzt war, oder den Grad, worin er in einen Leibeignen seiner Pfarrei verwandelt ward. Wir nehmen eine Grafschaft, die das Durchschnittsverhältniß in allen andern Grafschaften repräsentirt. 1795 betrug der durchschnittliche Wochenlohn in Northampton 7 sh. 6 d., die jährliche Totalausgabe einer Familie von 6 Personen 36 Pfd. St. 12 sh. 5 d., ihre Totaleinnahme 29 Pfd. St. 18 sh., das von der Pfarrei gutgemachte Deficit: 6 Pfd. St. 14 sh. 5 d. In derselben Grafschaft betrug 1814 der Wochenlohn 12 sh. 2 d., die jährliche Totalaus- gabe einer Familie von 5 Personen 54 Pfd. St. 18 sh. 4 d., ihre Totaleinnahme 36 Pfd. St. 2 sh., das von der Pfarrei gutgemachte Deficit: 18 Pfd. St. 6 sh. 4 d.142). 1795 betrug das Deficit weniger als 1 4 des Arbeitslohns, 1814 mehr als die Hälfte. Daß unter diesen Umständen die geringen Komforts, die bei Eden noch in der Cottage des Landarbeiters figuriren, 1814 verschwunden waren, versteht sich von selbst143). Unter allen Thieren, die der Pächter hält, blieb von nun an der Arbeiter, das instrumentum vocale, das meist geplackte, schlechtest gefütterte und am brutalsten behandelte.

Derselbe Zustand der Dinge dauerte ruhig fort, bis „die swing Aufstände 1830 uns (d. h. den herrschenden Klassen) beim Lichtflammen der Kornschober enthüllten, daß Elend und dunkle aufrührerische Unzufriedenheit ebenso wild unter der Oberfläche des agrikolen als des industriellen Englands lodre“144). Sadler taufte damals im Unterhaus die Landarbeiter „weiße Sklaven“ („white slaves“), ein Bischof hallte das Epithet im Oberhaus wieder. Der bedeutendste politische Oekonom jener Periode, E. G. Wakefield, sagt: „der Landarbeiter Südenglands ist kein Sklave, er ist kein freier Mann, er ist ein Pauper“145). |

|664| Die Zeit unmittelbar vor der Aufhebung der Korngesetze warf neues Licht auf die Lage der Landarbeiter. Einerseits lag es natürlich im Interesse der bürgerlichen Anticornlawagitatoren nachzuweisen, wie wenig jene Schutzgesetze den wirklichen Kornproducenten beschützten. Andrerseits schäumte die industrielle Bourgeoisie auf von Ingrimm über die Denunciation der Fabrikzustände seitens der Grundaristokraten, über die affektirte Sympathie dieser grundverdorbnen, herzlosen und vornehmen Müßiggänger mit den Leiden des Fabrikarbeiters, und ihren „diplomatischen“ Eifer für Fabrikgesetzgebung. Es ist ein altes englisches Sprichwort, daß wenn zwei Diebe sich in die Haare fallen, immer etwas Nützliches geschieht. Und in der That, der geräuschvolle, leidenschaftliche Zank zwischen den zwei Fraktionen der herrschenden Klasse, welche von beiden den Arbeiter am schamlosesten ausbeute und das meiste Produkt fremder Arbeit als Privat- eigenthum des Nichtarbeiters usurpire, dieser Zank wurde rechts und links Geburtshelfer der Wahrheit. Graf Shaftesbury, alias Lord Ashley, war Vorkämpfer im aristokratischen Antifabrikphilanthropiefeldzug. Er bildet daher 1844-1845 ein Lieblingsthema in den Enthüllungen des Morning Chronicle über die Zustände der Agrikulturarbeiter. Jenes Blatt, damals das bedeutendste liberale Organ, entsandte eigne Kommissäre in die Agrikulturdistrikte, welche sich keineswegs mit allgemeiner Schilderung und Statistik begnügten, sondern die Namen sowohl der untersuchten Arbeiterfamilien als ihrer Landlords veröffentlichten. Die folgende Liste giebt Löhne, gezahlt auf drei Dörfern, in der Nachbarschaft von Blandford, Wimbourne und Poole. Die Dörfer sind Eigenthum des Mr. G. Bankes und des Grafen von Shaftesbury. Man wird bemerken, daß dieser Pabst der „low church“, dieß Haupt der englischen Pietisten, und p. p. Bankes von den Hundelöhnen ihrer Arbeiter wieder einen bedeutenden Theil unter dem Vorwand von Hausrente einstecken.

(Siehe nebenstehende Tabelle.)

Der Widerruf der Korngesetze gab dem englischen Landbau einen ungeheuren Ruck. Drainirung auf der größten Stufenleiter147), neues System der Stallfütterung und des Anbaus der künstlichen Futterkräuter, Einführung mechanischer Düngapparate, neue Behandlung der Thonerde, gesteigerter Gebrauch mineralischer Düngmittel, Anwendung der Dampfmaschine und aller Art neuer Maschinerie u. s. w., intensivere Kultur |/665/ überhaupt charakterisiren diese Epoche. Der Präsident der königlichen Gesellschaft für Agrikultur, Herr Pusey, behauptet, daß die (relativen) Wirthschaftskosten durch die neu eingeführte Maschinerie beinahe um die Hälfte verringert worden sind. Andrerseits ward der positive Bodenertrag rasch erhöht. Größere Kapitalauslage per Acre war Grundbedingung der neuen Methode, also auch beschleunigte Koncentration der Pachten148). Zugleich dehnte sich das Areal der Bebauung von 1846 bis 1856 um 464 119 Acres aus, nicht zu sprechen von den großen Flächen ||666| der östlichen Grafschaften, welche aus Kaninchengeheg und armer Viehweide in üppige Kornfelder umgezaubert wurden. Man weiß bereits, daß gleichzeitig die Gesammtzahl der in der Agrikultur betheiligten Personen abnahm. Was die eigentlichen Ackerbauer, beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen, betrifft, so sank ihre Zahl von 1 241 269 im Jahr 1851 auf 1 163 217 im Jahr 1861149). Wenn der englische Generalregistrator daher mit Recht bemerkt: „Der Zuwachs von Pächtern und Landarbeitern seit 1801 steht in gar keinem Verhältniß zum Zuwachs des agrikolen Produkts“150), so gilt dieß Mißverhältniß noch viel mehr von der letzten Periode, wo positive Abnahme der ländlichen Arbeiterbevölkerung Hand in Hand ging mit Ausdehnung des bebauten Areals, intensiverer Kultur, unerhörter Accumulation des dem Boden einverleibten und des seiner Bearbeitung gewidmeten Kapitals, Steigerung des Bodenprodukts ohne Parallele in der Geschichte der englischen Agronomie, strotzenden Rentrollen der Grundeigenthümer und schwellendem Reichthum der kapitalistischen Pächter. Nimmt man dieß zusammen mit der ununterbrochen raschen Erweiterung des städtischen Absatzmarkts und der Herrschaft des Freihandels, so war der Landarbeiter post tot discrimina rerum endlich in Verhältnisse gestellt, die ihn, secundum artem, glückstoll machen mußten.

Professor Rogers gelangt dagegen zum Resultat, daß der englische Landarbeiter heutigen Tags, gar nicht zu sprechen von seinem Vorgänger in der letzten Hälfte des 14. Jahrhunderts und im 15. Jahrhundert, sondern nur verglichen mit seinem Vorgänger aus der Periode 1770-1780, seine Lage außerordentlich verschlechtert hat, daß „er wieder ein Leibeigner geworden ist“ und zwar schlecht gefütterter und behauster Leibeigner151). Dr. Julian Hunter, in seinem epochemachenden Bericht über die Wohnlichkeit der Landarbeiter, sagt: „Die Existenzkost des hind (der Zeit der Leibeigenschaft angehöriger Name für den Landarbeiter) ist fixirt zu dem möglichst niedrigen Betrag, womit er leben kann … seine Zufuhr ||667| von Lohn und Obdach ist nicht berechnet auf den aus ihm herauszuschlagenden Profit. Er ist der Nullpunkt in den Berechnungen des Pächters“152). „Seine Subsistenzmittel werden stets als eine fixe Quantität behandelt“153). „Was irgend eine weitere Reduktion seines Einkommens angeht, so kann er sagen: nihil habeo, nihil curo. Er hat keine Furcht für die Zukunft, weil er über nichts verfügt außer dem, was zu seiner Existenz absolut unentbehrlich ist. Er hat den Gefrierpunkt erreicht, von dem die Berechnungen des Pächters als Datum ausgehn. Komme was wolle, er hat keinen Antheil an Glück oder Unglück“154).

Im Jahr 1863 fand eine officielle Untersuchung über die Verpflegungs- und Beschäftigungszustände der zu Transportation und öffentlicher Zwangsarbeit verurtheilten Verbrecher statt. Die Resultate sind in zwei dickleibigen Blaubüchern niedergelegt. „Eine sorgfältige Vergleichung“, heißt es unter anderem, „zwischen der Diät der Verbrecher in den Gefängnissen von England und der der Paupers in Workhouses und der freien Landarbeiter desselben Landes zeigt unstreitig, daß die erstern viel besser genährt sind als irgend eine der beiden andern Klassen“155), während „die Arbeitsmasse, die von einem zu öffentlicher Zwangsarbeit Verurtheilten verlangt wird, ungefähr die Hälfte der vom gewöhnlichen Landarbeiter verrichteten beträgt“156). Einige wenige charakteristische Zeugenaussagen: John Smith, Direktor des Gefängnisses von Edinburg, verhört. Nr. 5056: „Die Diät in den englischen Gefängnissen ist viel besser als die der gewöhnlichen Landarbeiter.“ Nr. 5057: „Es ist Thatsache, daß die gewöhnlichen Agrikulturarbeiter Schottlands sehr selten irgend welches Fleisch erhal||668|ten.“ Nr. 3047: „Kennen Sie irgend einen Grund für die Nothwendigkeit, die Verbrecher viel besser (much better) zu nähren als gewöhnliche Landarbeiter? – Sicher nicht.“ Nr. 3048: „Halten Sie es für angemessen weitere Experimente zu machen, um die Diät zu öffentlichen Zwangsarbeiten verurtheilter Gefangenen der Diät freier Landarbeiter nahe zu bringen?“157) „Der Landarbeiter“, heißt es, „könnte sagen: Ich arbeite hart und habe nicht genug zu essen. Als ich im Gefängniß war, arbeitete ich nicht so hart und hatte Essen in Fülle, und darum ist es besser für mich im Gefängniß als im Freien zu sein“158). Aus den dem ersten Band des Berichts angehängten Tabellen ist folgende vergleichende Uebersicht zusammengestellt:

Wöchentlicher Nahrungsbetrag
Stickstoff-Von StickstoffMinera-Gesammt-
haltigefreie Bestand-lischesumme
Bestand-theileBestand-
theiletheile
UnzenUnzenUnzenUnzen
Verbrecher im Gefängniß
von Portland28,95150,064,68183,69
Matrose in der königl. Marine29,63152,914,52187,06
Soldat25,55114,493,94143,98
Kutschenmacher (Arbeiter)24,53162,064,23190,82
Setzer21,24100,833,12125,19
Landarbeiter17,73118,063,29139,08

Das allgemeine Resultat der ärztlichen Untersuchungskommission von 1863 über den Nahrungszustand der schlechter genährten Volksklassen ist dem Leser bereits bekannt. Er erinnert sich, daß die Diät eines großen Theils der Landarbeiterfamilien unter dem Minimalmaß „zur Abwehr von Hungerkrankheiten“ steht. Es ist dieß namentlich der Fall in allen rein agrikolen Distrikten von Cornwall, Devon, Somerset, Dorset, Wilts, Stafford, Oxford, Berks und Herts. „Die Nahrung, die der Landarbeiter erhält“, sagt Dr. Simon, „ist größer als das Durchschnittsquantum anzeigt, da er selbst einen viel größeren, für seine Arbeit unentbehr||669|lichen, Theil der Lebensmittel erhält als seine übrigen Familienglieder, in den ärmeren Distrikten fast alles Fleisch oder Speck. Das Quantum Nahrung, das der Frau zufällt, und ebenso den Kindern in ihrer Periode raschen Wachsthums, ist in vielen Fällen, und zwar in fast allen Grafschaften, mangelhaft, hauptsächlich an Stickstoff“159). Die bei den Pächtern selbst wohnenden Knechte und Mägde werden reichlich genährt. Ihre Zahl fiel von 288 277 im Jahr 1851 auf 204 962 im Jahr 1861. „Die Arbeit der Weiber auf freiem Feld“, sagt Dr. Smith, „von welchen sonstigen Nachtheilen auch immer begleitet, ist unter gegenwärtigen Umständen von großem Vortheil für die Familie, denn sie liefert derselben Mittel für Beschuhung, Kleidung, Zahlung der Hausrente, und befähigt sie so besser zu essen“160). Eins der merkwürdigsten Resultate dieser Untersuchung war, daß der Landarbeiter in England bei weitem schlechter genährt ist als in den andern Theilen des Vereinigten Königreichs („is considerably the worst fed“), wie die folgende Tabelle zeigt:

Wöchentlicher Konsum von Kohle und Stickstoff
durch den ländlichen Durchschnittsarbeiter
KohleStickstoff
England40 673 Gran1 594 Gran
Wales48 354 Gran2 031 Gran
Schottland48 980 Gran2 348 Gran
Irland43 366 Gran2 434 Gran161). |

|670| „Jede Seite von Dr. Hunters Bericht“, sagt Dr. Simon in seinem officiellen Gesundheitsbericht, „giebt Zeugniß von der unzureichenden ||671| Quantität und miserablen Qualität der Wohnlichkeit unsres Land- arbeiters. Und progressiv seit vielen Jahren hat sich sein Zustand in dieser Hinsicht verschlechtert. Es ist jetzt viel schwerer für ihn, Hausraum zu finden, und, wenn gefunden, ist er seinen Bedürfnissen viel weniger entsprechend, als vielleicht seit Jahrhunderten der Fall war. Besonders in- nerhalb der letzten 30 oder 20 Jahre ist das Uebel in raschem Wachsthum begriffen, und die Wohnlichkeitsverhältnisse des Landmanns sind jetzt im höchsten Grad kläglich. Außer soweit diejenigen, die seine Arbeit bereichert, es der Mühe werth halten ihn mit einer Art von mitleidiger Nachsicht zu behandeln, ist er ganz hilflos in der Sache. Ob er Behausung findet auf dem Land, welches er bebaut, ob sie menschlich oder schweinisch ist, ob mit kleinem Garten, der den Druck der Armuth so sehr erleichtert, alles das hängt nicht von seiner Bereitheit oder Fähigkeit zur Zahlung einer angemeßnen Miethe ab, sondern von dem Gebrauch, den Andre von ‚dem Recht mit ihrem Eigenthum zu thun was sie wollen‘ zu machen belieben. Eine Pacht mag noch so groß sein, es existirt kein Gesetz, daß auf ihr eine bestimmte Anzahl von Arbeiterwohnungen, und nun gar anständigen, stehen muß; noch behält das Gesetz dem Arbeiter auch nur das kleinste Recht auf den Boden vor, für welchen seine Arbeit so nothwendig ist wie Regen und Sonnenschein … Ein notorischer Umstand wirft noch ein schweres Gewicht in die Wagschale gegen ihn …, der Einfluß des Armengesetzes mit seinen Bestimmungen über Niederlassung und Belastung zur Armentaxe162). Unter seinem Einfluß hat jede Pfarrei ein Geldinteresse die Zahl ihrer residirenden Landarbeiter auf ein Minimum zu beschränken; denn, unglücklicher Weise, die Landarbeit, statt sichre und permanente Unabhängigkeit des hartschanzenden Arbeiters und seiner Familie zu verbürgen, involvirt meist nur einen längern oder kürzern Umweg zu eventuellem Pauperismus, ein Pauperismus, der während des ganzen Wegs so nahe ist, daß jede Krankheit oder irgend ein vorübergehender Mangel an Beschäftigung unmittelbar die Zuflucht zur Pfarreihilfe ernöthigt; und daher ist alle Residenz einer Ackerbaubevölkerung in einer Pfarrei augenschein||672|lich ein Zuschuß zu ihrer Armensteuer … Große Grundeigenthümer163) haben nur zu beschließen, daß keine Arbeiterwohnungen auf ihren Gütern stehn sollen, und sie befreien sich sofort von der Hälfte ihrer Verantwortlichkeit für die Armen. Wie weit die englische Konstitution und das Gesetz diese Art unbedingtes Grundeigenthum beabsichtigten, welches einen Landlord, der ‚mit seinem Eignen thut was er will‘, befähigt, die Bebauer des Bodens wie Fremde zu behandeln und sie von seinem Territorium zu verjagen, ist eine Frage, deren Diskussion nicht in meinen Bereich fällt … Diese Macht der Eviktion ist keine bloße Theorie. Sie wird praktisch auf der größten Stufenleiter geltend gemacht. Sie ist einer der Umstände, welche die Wohnlichkeitsverhältnisse des Landarbeiters beherrschen … Den Umfang des Uebels mag man aus dem letzten Census beurtheilen, wonach die Zerstörung von Häusern, trotz vermehrter lokaler Nachfrage für dieselben, während der letzten 10 Jahre, in 821 verschiednen Distrikten von England fortschritt, so daß, abgesehn von den Personen, die gezwungen wurden Nichtresidirende (nämlich in dem Kirchspiel, worin sie arbeiten) zu werden, 1861 verglichen mit 1851 eine um 5 1 3 % größere Bevölkerung in einen um 4 1 2 % kleineren Hausraum gedrängt wurde … Sobald der Entvölkerungsprozeß sein Ziel erreicht hat, ist das Resultat, sagt Dr. Hunter, ein Schaudorf (show-village), wo die Cottages auf wenige reducirt sind und wo niemand leben darf außer Schafhirten, Gärtnern und Wildhütern, reguläre Bediente, welche die ihrer Klasse gewohnte gute Behandlung von der gnädigen Herrschaft erhalten164). Aber ||673|das Land bedarf der Bebauung, und man wird finden, daß die darauf beschäftigten Arbeiter keine Haussassen des Grundeigenthümers sind, sondern von einem offnen Dorf herkommen, vielleicht 3 Meilen weit entfernt, wo eine zahlreiche kleine Hauseigenthümerschaft sie aufnahm, nach Zerstörung ihrer Cottages in den geschloßnen Dörfern. Wo die Dinge diesem Resultat zustreben, bezeugen die Cottages meist durch ihr elendes Aussehn das Schicksal, zu dem sie verdammt sind. Man findet sie auf den verschiednen Stufen natürlichen Verfalls. So lange das Obdach zusammenhält, wird dem Arbeiter erlaubt, Rente dafür zu zahlen, und er ist oft sehr froh dieß thun zu dürfen, selbst wenn er den Preis einer guten Wohnung zu zahlen hat. Aber keine Reparatur, keine Ausbesserung, außer die der pfenniglose Inhaber leisten kann. Wird es endlich zuletzt ganz unbewohnbar, so ist es nur eine zerstörte Cottage mehr und so viel künftige Armensteuer weniger. Während die großen Eigenthümer die Armentaxe so von sich abwälzen durch Entvölkerung des von ihnen kontrolirten Grund und Bodens, nimmt das nächste Landstädtchen oder offne Ortschaft die hinausgeworfnen Arbeiter auf; die nächste, sage ich; aber dieß „nächste“ mag 3 oder 4 Meilen vom Pachthof entfernt sein, wo der Arbeiter sich täglich abzuplacken hat. So wird seinem Tageswerk, als ob es gar nichts sei, die Nothwendigkeit eines täglichen Marsches von 6 oder 8 Meilen zur Verdienung seines täglichen Brodes hinzugefügt. Alle von seiner Frau und seinen Kindern verrichtete Landarbeit geht jetzt unter denselben erschwerenden Umständen vor. Und dieß ist nicht das ganze Uebel, welches ihm die Entfernung verursacht. In der offnen Ortschaft kaufen Bauspekulanten Bodenfetzen, welche sie so dicht wie möglich mit den wohlfeilsten aller möglichen Spelunken besäen. Und in diesen elenden Wohnlichkeiten, die sogar, wenn sie auf das offne Land münden, die un- geheuerlichsten Charakterzüge der schlechtesten Stadtwohnungen theilen, hocken die Agrikulturarbeiter Englands165) … Andrerseits muß man | |674| sich nur nicht einbilden, daß selbst der auf dem Grund und Boden, den er bebaut, behauste Arbeiter eine Wohnlichkeit findet, wie sie sein Leben produktiver Industrie verdient. Selbst auf den fürstlichsten Gütern ist seine Cottage oft von der allerjämmerlichsten Art. Es giebt Landlords, die einen Stall gut genug für ihre Arbeiter und deren Familien glauben, und die es dennoch nicht verschmähn aus ihrer Miethe so viel Baares als möglich herauszuschlagen166). Es mag nur eine verfallende Hütte mit ||675|einer Schlafstube sein, ohne Feuerherd, ohne Abtritt, ohne öffenbare Fenster, ohne Wasserzufuhr außer dem Graben, ohne Garten, der Arbeiter ist hilflos gegen die Unbill. Und unsere gesundheitspolizeilichen Gesetze („The Nuisances Removal Acts“) sind ein todter Buchstabe. Ihre Ausführung ist ja grade den Eigenthümern anvertraut, welche solche Löcher vermiethen … Man muß sich durch ausnahmsweise lichtvollere Scenen nicht blenden lassen über das erdrückende Uebergewicht der Thatsachen, die ein Schandfleck der englischen Civilisation sind. Schauderhaft muß in der That die Lage der Dinge sein, wenn, trotz der augenfälligen Ungeheuerlichkeit der gegenwärtigen Behausung, kompetente Beobachter einstimmig zu dem Schlußresultat gelangen, daß selbst die allgemeine Nichtswürdigkeit der Wohnungen noch ein unendlich minder drückendes Uebel ist als ihr bloß numerischer Mangel. Seit Jahren war die Ueberstopfung der Wohnungen der Landarbeiter ein Gegenstand tiefen Kummers nicht nur für Personen, die auf Gesundheit, sondern für alle, die auf anständiges und moralisches Leben halten. Denn, wieder und wieder, in Phrasen so gleichförmig, daß sie stereotypirt zu sein scheinen, denunciren die Berichterstatter über die Verbreitung epidemischer Krankheiten in den Ruraldistrikten HausUeberfüllung als einen Einfluß, der jeden Versuch, den Fortschritt einer einmal eingeführten Epidemie aufzuhalten, durchaus vereitelt. Und wieder und wieder ward nachgewiesen, daß den vielen gesundheitlichen Einflüssen des Landlebens zum Trotz die Agglomeration, welche das Umsichgreifen ansteckender Krankheiten so sehr beschleunigt, auch die Entstehung nicht ansteckender Krankheiten fördert. Und die Personen, welche diesen Zustand denuncirt haben, verschwiegen weiteres Unheil nicht. Selbst wo ihr ursprüngliches Thema nur die Gesundheitspflege betraf, waren sie beinahe gezwungen auf die andern Seiten des Gegenstandes einzugehn. Indem sie nachwiesen, wie häufig es sich ereignet, daß erwachsne Personen beiderlei Geschlechts, verheirathet und unverheirathet, zusammengehudelt („huddled“) werden in engen Schlafstuben, mußten ihre Berichte die Ueberzeugung hervorrufen, daß unter den beschriebenen Umständen Scham- und Anstandsgefühl aufs gröbste verletzt und alle Moralität fast nothwendig ruinirt wird167). ||676| … Z. B. im Appendix meines letzten Berichts erwähnt Dr. Ord, in seinem Bericht über den Fieberausbruch zu Wing in Buckinghamshire, wie ein junger Mann von Wingrave mit Fieber dorthin kam. In den ersten Tagen seiner Krankheit schlief er mit 9 andern Personen in einem Gemach zusammen. In zwei Wochen wurden verschiedne dieser Personen angegriffen, im Verlauf weniger Wochen verfielen 5 von den 9 Personen dem Fieber und eine starb! Gleichzeitig berichtete mir Dr. Harvey vom St. George's Spital, der Wing während der Epidemiezeit in Angelegenheiten seiner Privatpraxis besuchte, in demselben Sinne: ‚Ein junges, fieberkrankes Frauenzimmer schlief Nachts in derselben Stube mit Vater, Mutter, ihrem Bastardkind, zwei jungen Männern, ihren Brüdern, und ihren zwei Schwestern, jede mit einem Bastard, in allem 10 Personen. Wenige Wochen vorher schliefen 13 Kinder in demselben Raume‘“168).

Dr. Hunter untersuchte 5375 Landarbeiter-Cottages, nicht nur in den reinen Agrikulturdistrikten, sondern in allen Grafschaften Englands. Unter diesen 5375 hatten 2195 nur eine Schlafstube (oft zugleich Wohnstube), 2930 nur 2 und 250 mehr als 2. Ich will für ein Dutzend Grafschaften eine kurze Blüthenlese geben.

1) Bedfordshire.

Wrestlingworth: Schlafzimmer ungefähr 15 Fuß lang und 11 breit, obgleich viele kleiner sind. Die kleine einstöckige Hütte wird oft durch Bretter in zwei Schlafstuben getheilt, oft ein Bett in einer Küche 5 Fuß 6 Zoll hoch. Miethe 3 Pfd. St. Die Miether haben ihre eignen Abtritte zu bauen, der Hauseigenthümer liefert nur ein Loch. So oft einer ||677| einen Abtritt baut, wird letzterer von der ganzen Nachbarschaft benutzt. Ein Haus Namens Richardson von unerreichbarer Schöne. Seine Mörtelwände bauschten aus wie ein Damenkleid beim Knix. Ein Giebelende war konvex, das andre konkav, und auf dem letztern stand unglücklicher Weise der Schornstein, ein krummes Rohr von Lehm und Holz gleich einem Elephantenrüssel. Ein langer Stock diente als Stütze, um den Fall des Schornsteins zu verhindern, Thüre und Fenster rautenförmig. Von 17 besuchten Häusern nur 4 mit mehr als 1 Schlafzimmer und diese 4 überstopft. Die einschläfrigen Cots bargen 3 Erwachsne mit 3 Kindern, ein verheirathetes Paar mit 6 Kindern u. s. w.

Dunton: Hohe Haus-Renten, von 4 bis 5 Pfd. St., Wochenlohn der Männer 10 sh. Sie hoffen durch Strohflechten der Familie die Miethe herauszuschlagen. Je höher die Hausmiethe, desto größer die Zahl, die sich zusammenthun muß, um sie zu zahlen. Sechs Erwachsne, die mit 4 Kindern in einer Schlafstube, zahlen dafür 3 Pfd. St. 10 sh. Das wohlfeilste Haus in Dunton, von der Außenseite 15 Fuß lang, 10 breit, vermiethet für 3 Pfd. St. Nur eins von den 14 untersuchten Häusern hatte zwei Schlafstuben. Etwas vor dem Dorf ein Haus, von den Insassen bekothet vor seinen Außenwänden, die untern 9 Zoll der Thüre verschwunden durch reinen Verfaulungsprozeß, einige Ziegelsteine von innen sinnreich des Abends beim Zuschließen vorgeschoben und mit etwas Matte verhangen. Ein halbes Fenster, sammt Glas und Rahmen, war ganz den Weg allen Fleisches gegangen. Hier, ohne Möbel, hudelten 3 Erwachsne und 5 Kinder zusammen. Dunton ist nicht schlimmer als der Rest der Biggleswade Union.

2) Berkshire.

Beenham: Juni 1864 lebte ein Mann, Frau, 4 Kinder in einem Cot (einstöckigen Cottage). Eine Tochter kam heim aus dem Dienst mit Scharlachfieber. Sie starb. Ein Kind erkrankte und starb. Die Mutter und ein Kind litten an Typhus, als Dr. Hunter gerufen wurde. Der Vater und ein Kind schliefen auswärts, aber die Schwierigkeit Isolirung zu sichern, zeigte sich hier, denn im vollgepfropften Markt des elenden Dorfs lag das Leinen des fiebergeschlagnen Hauses, auf Wäsche wartend. – Die Miethe von H.'s Haus 1 sh. wöchentlich; das eine Schlafzimmer für 1 Paar und 6 Kinder. Ein Haus vermiethet zu 8 d. (wöchentlich) 14 Fuß 6 Zoll lang, 7 Fuß breit, Küche 6 Fuß hoch; das Schlafzimmer ||678| ohne Fenster, Feuerplatz, Thüre, noch Oeffnung, außer nach dem Gang zu, kein Garten. Ein Mann lebte hier vor kurzem mit zwei erwachsnen Töchtern und einem aufwachsenden Sohn; Vater und Sohn schliefen auf dem Bett, die Mädchen auf dem Hausgang. Jede hatte ein Kind, so lange die Familie hier lebte, aber eine ging zum Workhouse für ihre Entbindung und kehrte dann heim.

3) Buckinghamshire.

30 Cottages – auf 1000 Acres Land – enthalten hier ungefähr 130-140 Personen. Die Pfarrei von Bradenham umfaßt 1000 Acres; sie hatte 1851 36 Häuser und eine Bevölkerung von 84 Manns- und 54 Weibspersonen. Diese geschlechtliche Ungleichheit geheilt 1861, wo sie 98 männlichen und 87 weiblichen Geschlechts zählte, Zuwachs in 10 Jahren von 14 Männern und 33 Weibern. Unterdeß hatte die Häuserzahl um 1 abgenommen.

Winslow: Großer Theil davon neu gebaut in gutem Styl; Nachfrage nach Häusern scheint bedeutend, weil sehr armselige Cots vermiethet zu 1 sh. und 1 sh. 3 d. per Woche.

Water Eaton: Hier haben die Eigenthümer im Angesicht wachsender Bevölkerung ungefähr 20 % der existirenden Häuser zerstört. Ein armer Arbeiter, der ungefähr 4 Meilen zu seinem Werk zu gehn hatte, antwortete auf die Frage, ob er kein Cot näher finden könnte: „Nein, sie werden sich verdammt hüten, einen Mann mit meiner großen Familie aufzunehmen.“

Tinker's End, bei Winslow: Eine Schlafstube, worin 4 Erwachsne und 5 Kinder, 11 Fuß lang, 9 Fuß breit, 6 Fuß 5 Zoll hoch am höchsten Punkt; ein andres 11 Fuß 7 Zoll lang, 9 Fuß breit, 5 Fuß 10 Zoll hoch, beherbergte 6 Personen. Jede dieser Familien hatte weniger Raum als nöthig für einen Galeerensträfling. Kein Haus hatte mehr als ein Schlafzimmer, keins eine Hinterthür, Wasser sehr selten, Wochenmiethe von 1 sh. 4 d. zu 2 sh. In 16 untersuchten Häusern nur ein einziger Mann, der 10 sh. wöchentlich verdiente. Das Luftreservoir, jeder Person in dem erwähnten Falle gegönnt, entspricht dem, das ihr zu gut käme, wenn des Nachts eingeschlossen in eine Schachtel von 4 Fuß im Kubus. Allerdings bieten die alten Hütten eine Masse naturwüchsiger Ventilation.

4) Cambridgeshire.

Gamblingay gehört verschiednen Eigenthümern. Es enthält die ||679| lumpigsten Cots, die man irgendwo finden kann. Viel Strohflechterei. Eine tödtliche Mattheit, eine hoffnungslose Ergebung in Schmutz beherrscht Gamblingay. Die Vernachlässigung in seinem Centrum wird zur Tortur an den Extremitäten, Nord und Süd, wo die Häuser stückweis abfaulen. Die abwesenden Landlords lassen dem armen Nest frei zur Ader. Die Miethen sind sehr hoch, 8 bis 9 Personen gepackt in ein einschläfriges Zimmer, in zwei Fällen 6 Erwachsne mit je 1 und 2 Kindern in einer kleinen Schlafstube.

5) Essex: In dieser Grafschaft gehn in vielen Pfarreien Abnahme von Personen und Cottages Hand in Hand. In nicht weniger als 22 Pfarreien hat jedoch die Häuserzerstörung den Bevölkerungsanwachs nicht aufgehalten, oder nicht die Expulsion bewirkt, welche unter dem Namen: „Wanderung nach den Städten“ überall vorgeht. In Fingringhoe, einer Pfarrei von 3443 Acres, standen 1851 145 Häuser, 1861 nur noch 110, aber das Volk wollte nicht fort und brachte es fertig selbst unter dieser Behandlung zuzunehmen. Zu Ramsden Crays bewohnten 1851 252 Personen 61 Häuser, aber 1861 waren 262 Personen in 49 Häuser gequetscht. In Basildon lebten 1851 auf 1827 Acres 157 Personen in 35 Häusern, am Ende des Decenniums 180 Personen in 27 Häusern. In den Pfarreien von Fingringhoe, South Fambridge, Widford, Basildon und Ramsden Crays lebten 1851 auf 8449 Acres 1392 Personen in 316 Häusern, 1861 auf demselben Areal 1473 Personen in 249 Häusern.

6) Herefordshire: Diese kleine Grafschaft hat mehr gelitten vom „Evictionsgeist“ als irgend eine andre in England. Zu Madley gehören die überstopften Cottages, meist mit 2 Schlafzimmern, großentheils den Pächtern. Sie vermiethen selbe leicht zu 3 oder 4 Pfd. St. per Jahr und zahlen Wochenlohn von 9 sh.!

7) Huntingdonshire.

Hartford hatte 1851 87 Häuser, kurz nachher 19 Cottages zerstört in dieser kleinen Pfarrei von 1720 Acres; Einwohnerschaft 1831: 452 Personen, 1851: 382 und 1861: 341. Vierzehn einschläfrige Cots untersucht. In einem 1 verheirathetes Paar, 3 erwachsne Söhne, 1 erwachsnes Mädchen, 4 Kinder, zusammen 10; in einem andern 3 Erwachsne, 6 Kinder. Eine dieser Stuben, worin 8 Personen schliefen, maß 12 Fuß, 10 Zoll in der Länge, 12 Fuß, 2 Zoll breit, 6 Fuß, 9 Zoll hoch; Durchschnittsmaß, ohne Abzug der Vorsprünge, ergab ungefähr 130 Kubikfuß per Kopf. In den 14 Schlafstuben 34 Erwachsne ||680| und 33 Kinder. Diese Cottages selten mit Gärtchen versehn, aber viele der Insassen konnten kleine Fetzen Land, 10 oder 12 sh. per rood (etwa 1 4 Acre) pachten. Diese allotments sind entfernt von den abtrittlosen Häusern. Die Familie muß entweder zu ihrer Parcelle gehn, um ihre Exkremente abzulagern, oder, wie es, mit Respekt zu melden, hier geschieht, die Schublade eines Schranks damit füllen. Sobald er voll, wird er ausgezogen und dort entleert, wo sein Inhalt nöthig ist. In Japan geht der Cirkellauf der Lebensbedingungen reinlicher von statten.

8) Lincolnshire.

Langtoft: Ein Mann wohnt hier in Wright's Haus mit seiner Frau, ihrer Mutter, und 5 Kindern; das Haus hat Vorderküche, Spülkammer, Schlafzimmer über der Vorderküche; Vorderküche und Schlafstube 12 Fuß 2 Zoll lang, 9 Fuß 5 Zoll breit, die ganze Grundfläche 21 Fuß 3 Zoll lang, 9 Fuß 5 Zoll breit. Die Schlafstube ist ein Dachraum, die Wände laufen zuckerhutig an der Decke zusammen, und ein Kappfenster öffnet sich in der Front. Warum lebte er hier? Garten? Außerordentlich winzig. Miethe? Hoch, 1 sh. 3 d. per Woche. Nah seiner Arbeit? Nein, 6 Meilen entfernt, so daß er täglich 12 Meilen hin und her vermarschirt. Er lebte da, weil es ein vermiethbares Cot war und weil er ein Cot für sich allein haben wollte, irgendwo, zu irgend einem Preis, in irgend einem Zustand. Folgendes ist die Statistik von 12 Häusern in Langtoft mit 12 Schlafstuben, 38 Erwachsnen und 36 Kindern:

12 Häuser in Langtoft
HäuserSchlaf-ErwachsneKinderPersonen-
stubenzahl
11358
11437
11448
11549
11224
11538
11336
11325
11202
11235
11336
11246

9) Kent.

Kennington, höchst traurig überfüllt 1859, als die Diphtherie erschien und der Surgeon des Kirchspiels eine amtliche Untersuchung über ||681| die Lage der ärmeren Volksklasse veranstaltete. Er fand, daß in dieser Ortschaft, wo viel Arbeit nöthig, verschiedne Cots zerstört und keine neuen erbaut worden waren. In einem Bezirk standen 4 Häuser, birdcages (Vogelkäfige) benamst; jedes hatte 4 Zimmer mit den folgenden Dimensionen in Fuß und Zoll:

Küche9,5×8,11×6,6
Spülkammer8,6×4,6×6,6
Schlafzimmer8,5×5,10×6,3
Schlafzimmer8,3×8,4×6,3.

10) Northamptonshire.

Brixworth, Pitsford und Floore: In diesen Dörfern lungern im Winter 20-30 Mann aus Arbeitsmangel auf den Straßen herum. Die Pächter bestellen nicht immer hinreichend das Korn- und Wurzelland, und der Landlord hat es passend gefunden alle seine Pachten in 2 oder 3 zusammenzuwerfen. Daher Mangel an Beschäftigung. Während von der einen Seite des Grabens das Feld nach Arbeit schreit, werfen die geprellten Arbeiter von der anderen Seite sehnsüchtige Blicke danach. Fieberhaft überarbeitet im Sommer und halbverhungert im Winter, ist es kein Wunder, wenn sie in ihrem eignen Patois sagen, daß „the parson and gentlefolks seem frit to death at them“.

Zu Floore Beispiele von Paaren mit 4, 5, 6 Kindern in einer Schlafstube kleinster Ausgabe, ditto 3 Erwachsne mit 5 Kindern, ditto ein Paar mit Großvater und 6 scharlachkranken Kindern u. s. w.; in 2 Häusern mit 2 Schlafstuben 2 Familien von je 8 und 9 Erwachsnen:

11) Wiltshire.

Stratton: 31 Häuser besucht, 8 mit nur einer Schlafstube; Penhill in derselben Pfarrei. Ein Cot vermiethet zu 1 sh. 3 d. wöchentlich an 4 Erwachsne und 4 Kinder, hatte außer guten Wänden nichts Gutes an sich, vom Estrich aus rauhgehaunen Steinen bis zum faulen Strohdach.

12) Worcestershire. Hauszerstörung hier nicht ganz so arg; doch von 1851-1861 vermehrte sich das Personal per Haus von 4,2 zu 4,6 Individuen.

Badsey. Viele Cots und Gärtchen hier. Einige Pächter erklären die Cots „a great nuisance here, because they bring the poor“. (Die Cots großer Mißstand, weil sie die Armen herbringen.) Auf die Aeuße||682|rung eines Gentleman: „Die Armen sind deßwegen um nichts besser dran, wenn man 500 Cots baut, gehn sie wie die Wecken ab, in der That je mehr man davon baut, desto mehr sind nöthig“ – die Häuser bringen nach ihm die Einwohner hervor, die naturgesetzlich auf „die Mittel der Behausung“ drücken –, bemerkt Dr. Hunter: „Nun diese Armen müssen irgendwoher kommen, und da keine besondre Attraktion, wie milde Gaben, in Badsey existirt, muß Repulsion von einem noch unbequemeren Platz existiren, der sie hierhin treibt. Könnte jeder ein Cot und ein Stückchen Land in der Nähe seines Arbeitsplatzes finden, so würde er solche sicher Badsey vorziehn, wo er für seine Handvoll Boden zweimal soviel zahlt als der Pächter für den seinen.“.

Die beständige Emigration nach den Städten, die beständige „Ueberzählig- machung“ auf dem Land durch Koncentration, Verwandlung von Acker in Weide, Maschinerie u. s. w., und die beständige Eviktion der Landbevölke- rung durch Zerstörung der Cottages gehn Hand in Hand. Je menschenleerer der Distrikt, desto größer seine „relative Uebervölkerung“, desto größer ihr Druck auf die Beschäftigungsmittel, desto größer der absolute Ueberschuß des Landvolks über seine Behausungsmittel, desto größer also in den Dörfern die lokale Ueberpopulation und die pestilenzialischste Menschenzusammenpackung. Die Verdichtung des Menschenknäuels in zerstreuten kleinen Dörfern und Marktflecken entspricht der gewaltsamen Menschenentleerung auf der Oberfläche des Landes. Die ununterbrochene „Ueberzähligmachung“ der Landarbeiter trotz ihrer abnehmenden Anzahl und mit der wachsenden Masse ihres Produkts, ist die Wiege ihres Pauperismus. Ihr eventueller Pauperismus ist ein Motiv ihrer Eviktion und die Hauptquelle ihrer Wohnlichkeitsmisère, welche die letzte Widerstandsfähigkeit bricht und sie zu reinen Sklaven der Landlords169)||683| und Pächter macht, so daß das Minimum des Arbeitslohns sich zum Naturgesetz für sie befestigt. Andrerseits ist das Land trotz seiner beständigen „relativen Uebervölkerung“ zugleich untervölkert. Dieß zeigt sich nicht nur lokal auf solchen Punkten, wo der Menschenabfluß nach den Städten, Minen, Eisenbahnbauten u. s. w. zu rasch vorgeht, es zeigt sich überall sowohl zur Herbstzeit als im Frühling und Sommer während der zahlreichen Momente, wo die sehr sorgfältige und intensive englische Agrikultur Extrahände braucht. Es sind der Landarbeiter stets zu viel für die mittleren und stets zu wenig für die ausnahmsweisen oder temporären Bedürfnisse des Landbaus170). Daher findet man in den officiellen Dokumenten die widerspruchsvolle Klage derselben Orte über gleichzeitigen Arbeitsmangel und Arbeitsüberfluß registrirt. Der temporäre oder lokale Arbeitsmangel bewirkt keine Erhöhung des Arbeitslohns, sondern Pressung von Weibern und Kindern in den Feldbau und Herabsteigen zu stets niedrigeren Altersstufen. Sobald die Weiber- und Kinderausbeutung größeren Spielraum gewinnt, wird sie ihrerseits ein neues Mittel zur Ueberzähligmachung des männlichen Landarbeiters und ||684| Niederhaltung seines Lohns. Im Osten Englands blüht eine schöne Frucht dieses cercle vicieux – das s. g. Gangsystem (Gang- oder Bandensystem), worauf ich hier kurz zurückkomme171).

Das Gangsystem haust fast ausschließlich in Lincolnshire, Huntingdonshire, Cambridgeshire, Norfolk, Suffolk und Nottinghamshire, sporadisch in den benachbarten Grafschaften von Northampton, Bedford und Rutland. Als Beispiel diene hier Lincolnshire. Ein großer Theil dieser Grafschaft ist neu, früheres Moor oder auch, wie in andern der genannten östlichen Grafschaften, der See erst abgewonnenes Land. Die Dampfmaschine hat für die Entwässerung Wunder gewirkt. Früherer Morast und Sandboden trägt jetzt ein üppiges Kornmeer und die höchsten Grundrenten. Dasselbe gilt von dem künstlich gewonnenen Alluvialland, wie in der Insel von Axholme und den andren Pfarreien am Ufer des Trent. Im Maß wie die neuen Pachten entstanden, wurden nicht nur keine neuen Cottages gebaut, sondern alte niedergerissen, die Arbeitszufuhr aber verschafft aus den meilenweit entfernten offnen Dörfern längs den Landstraßen, die an Hügelrücken vorbeischlängeln. Dort hatte die Bevölkerung früher allein Schutz vor den langanhaltenden Winterüberschwemmungen gefunden. Auf den Pachten von 400 bis 1000 Acres ansässige Arbeiter (sie heißen hier „confined labourers“) dienen ausschließlich zur permanenten schweren und mit Pferden verrichteten Landarbeit. Auf je 100 Acres (1 Acre = 1,584 preußische Morgen) kommt im Durchschnitt kaum eine Cottage. Ein Fenlandpächter z. B. sagt aus vor der Untersuchungskommission: „Meine Pacht erstreckt sich über 320 Acres, alles Kornland. Sie hat keine Cottage. Ein Arbeiter wohnt jetzt bei mir. Ich habe vier Pferdemänner in der Umgegend logirend. Das leichte Werk, wozu zahlreiche Hände nöthig, wird durch Gänge vollbracht“172). Der Boden erheischt viel leichtes Feldwerk wie Ausjäten des Unkrauts, Behackung, gewisse Düngeroperationen, Auflesen der Steine u. s. w. Es wird verrichtet durch die Gänge oder organisirten Banden, deren Wohnsitz in den offenen Ortschaften.

Der Gang besteht aus 10 bis 40 oder 50 Personen, nämlich Wei||685|bern, jungen Personen beiderlei Geschlechts (13-18 Jahr), obgleich Jungen meist mit dem 13. Jahr ausscheiden, endlich Kindern beiderlei Geschlechts (6-13. Jahr). An der Spitze steht der Gangmaster (Gangmeister), immer ein gewöhnlicher Landarbeiter, meist ein s. g. schlechter Kerl, Liederjahn, unstät, versoffen, aber mit einem gewissen Unternehmungsgeist und savoir faire. Er wirbt den Gang, der unter ihm arbeitet, nicht unter dem Pächter. Mit letztrem akkordirt er meist auf Stückwerk, und sein Einkommen, das im Durchschnitt nicht sehr hoch über das eines gewöhnlichen Landarbeiters steigt173), hängt fast ganz ab vom Geschick, womit er in kürzester Zeit möglichst viel Arbeit aus seiner Bande flüssig zu machen weiß. Die Pächter haben entdeckt, daß Frauenzimmer nur unter männlicher Diktatur ordentlich arbeiten, daß aber Frauenzimmer und Kinder, wenn einmal im Zug, mit wahrem Ungestüm, was schon Fourier wußte, ihre Lebenskraft verausgaben, während der erwachsne männliche Arbeiter so heimtückisch ist damit, soviel er kann, hauszuhalten. Der Gangmeister zieht von einem Gut zum andern und beschäftigt so seine Bande 6-8 Monate im Jahr. Er ist daher ein viel einträglicherer und sicherer Kunde für die Arbeiterfamilien als der einzelne Pächter, welcher die Kinder nur gelegentlich beschäftigt. Dieser Umstand befestigt seinen Einfluß so sehr in den offnen Ortschaften, daß in vielen die Kinder nur durch seine Dazwischenkunft habbar sind. Das individuelle Verpumpen derselben, außerhalb des Gangs, an die Pächter, bildet sein Nebengeschäft.

Die „Schattenseiten“ des Systems sind die Ueberarbeit der Kinder und jungen Personen, die ungeheuren Märsche, die sie täglich zu und von den 5, 6 und manchmal 7 Meilen entfernten Gütern zu machen haben, endlich die Demoralisation des „Gangs“. Obgleich der Gangmeister, der in einigen Gegenden „the driver“ (Treiber) heißt, mit einem langen Stabe ausgerüstet ist, wendet er solchen jedoch nur selten an, und Klage über brutale Behandlung ist Ausnahme. Er ist ein demokratischer Kaiser oder eine Art Rattenfänger von Hameln. Er bedarf also der Popularität unter seinen Unterthanen und fesselt sie an sich durch das unter seinen Auspicien blühende Zigeunerthum. Rohe Ungebundenheit, lustige Ausge||686|lassenheit und obscönste Frechheit leihen dem Gang Flügel. Meist zahlt der Gangmeister in einer Kneipe aus und kehrt dann wohl wankend, rechts und links gestützt auf ein stämmiges Frauenmensch, an der Spitze des Zugs heim, die Kinder und jungen Personen hinterher tollend, Spott- und Zotenlieder singend. Auf dem Rückweg ist das, was Fourier „Phanerogamie“ nennt, an der Tagesordnung. Die Schwängerung dreizehn- und vierzehnjähriger Mädchen durch ihre männlichen Altersgenossen ist häufig. Die offenen Dörfer, welche das Kontingent des Gangs stellen, werden Sodoms und Gomorrhas174) und liefern doppelt so viel unehliche Geburten als der Rest des Königreichs. Was in dieser Schule gezüchtete Mädchen als verheirathete Frauen in der Moralität leisten, ward schon früher angedeutet. Ihre Kinder, soweit sie selbe nicht durch Opium u. s. w. beseitigen, sind geborne Rekruten des Gangs.

Der Gang in seiner eben beschriebenen klassischen Form heißt öffentlicher, gemeiner oder Wandergang (public, common or tramping gang). Es giebt nämlich auch Privatgänge (private gangs). Sie sind zusammengesetzt wie der Gemeingang, zählen aber weniger Köpfe und arbeiten, statt unter dem Gangmeister, unter einem alten Bauernknecht, den der Pächter nicht besser zu verwenden weiß. Der Zigeunerhumor verschwindet hier, aber nach allen Zeugenaussagen verschlechtern sich Zahlung und Behandlung der Kinder.

Das Gangsystem, das sich seit den letzten Jahren beständig ausdehnt175), existirt offenbar nicht dem Gangmeister zu lieb. Es existirt zur Bereicherung der großen Pächter176), resp. Landlords177). Für den Päch||687|ter giebt's keine sinnreichere Methode, sein Arbeiterpersonal tief unter dem normalen Niveau zu halten und dennoch für alles Extrawerk stets die Extrahand bereit zu haben, mit möglichst wenig Geld möglichst viel Arbeit herauszuschlagen178) und den erwachsnen männlichen Arbeiter „überzählig“ zu machen. Nach der frühern Auseinandersetzung versteht man, wenn einerseits die größere oder geringere Beschäftigungslosigkeit des Landmanns zugestanden, andrerseits zugleich das Gangsystem wegen Mangels an männlicher Arbeit und ihrer Wanderung nach den Städten für „nothwendig“ erklärt wird179). Das unkrautreine Feld und das Menschenunkraut von Lincolnshire u. s. w. sind Pol und Gegenpol der kapitalistischen Produktion180). |

|688| Zum Schluß dieses Abschnitts müssen wir noch einen Augenblick nach Irland wandern. Zunächst die Thatsachen, worauf es hier ankommt.

Irlands Bevölkerung war 1841 auf 8 222 664 Personen angewachsen, 1851 auf 6 623 985 zusammengeschmolzen, 1861 auf 5 850 309, 1866 auf 5 1 2 Mill., ungefähr auf ihr Niveau von 1801. Die Abnahme begann mit dem Hungerjahr 1846, so daß Irland in weniger als 20 Jahren mehr als 5 16 seiner Volksmenge verlor181). Seine Gesammtemigration von Mai 1851 bis Juli 1865 zählte 1 591 487 Personen, die Emigration während der letzten 5 Jahre 1861-1865 mehr als eine halbe Million. Die Zahl der bewohnten Häuser verminderte sich von 1851-1861 um 52990. Von 1851-1861 wuchs die Zahl der Pachthöfe von 15-30 Acres um 61 000, die der Pachthöfe über 30 Acres um 109 000, während die Gesammtzahl aller Pachten um 120 000 abnahm, eine Abnahme, die also ausschließlich der Vernichtung von Pachten unter 15 Acres, alias ihrer Koncentration geschuldet ist. |

|689| Die Abnahme der Volksmenge war natürlich im Großen und Ganzen von einer Abnahme der Produktenmasse begleitet. Für unsren Zweck genügt es, die 5 Jahre 1861-1865 zu betrachten, während deren über 1 2 Million emigrirte und die absolute Volkszahl um mehr als 1 3 Million sank.

Tabelle A
Viehstand
PferdeHornvieh
JahrGesammtzahlAbnahmeGesammtzahlAbnahmeZunahme
1860619 8113 606 374
1861614 2325 5793 471 688134 686
1862602 89411 3383 254 890216 798
1863579 97822 9163 144 231110 659
1864562 15817 8203 262 294118 063
1865547 86714 2913 493 414231 120
SchafeSchweine
JahrGesammt-AbnahmeZunahmeGesammt-AbnahmeZunahme
zahlzahl
18603 542 0801 271 072
18613 556 05013 9701 102 042169 030
18623 456 13299 9181 154 32452 282
18633 308 204147 9281 067 45886 866
18643 366 94158 7371 058 4808 978
18653 688 742321 8011 299 893241 413

Aus der vorhergehenden Tabelle ergiebt sich:

PferdeHornviehSchafeSchweine
Absolute AbnahmeAbsolute AbnahmeAbsolute ZunahmeAbsolute Zunahme
71 944112 960146 66228 821182).

Wenden wir uns jetzt zum Ackerbau, der die Lebensmittel für Vieh und Mensch liefert. In der folgenden Tabelle ist Ab- oder Zunahme für das Jahr 1861 auf das Jahr 1860 berechnet, kurz für jedes einzelne Jahr ||690| mit Bezug auf das unmittelbar vorhergehende. Die Kornfrucht umfaßt Weizen, Hafer, Gerste, Bere, Roggen, Bohnen und Erbsen, die Grünfrucht Kartoffeln, Turnips, Mangold- und Runkelrübe, Kohl, gelbe Rüben, Parsnips, Wicke u. s. w.

Tabelle B
Zu- oder Abnahme des zum Fruchtbau und als Wiese (resp. Weide) benutzten
Bodenareals in Acres
KornfruchtGrünfruchtGraslandFlachsAlles zu Ackerbau
und Kleeund Viehzucht
dienende Land
186115 70136 97447 96919 27181 373
186272 73474 7856 6232 055138 841
1863144 71919 3587 72463 92292 431
1864122 4372 31747 48687 76110 493
186572 45025 42168 97050 15928 218
1861-1865428 041Acres108 013Acres82 834122 850330 370Acres

Im Jahr 1865 kamen unter der Rubrik „Grasland“ 127 470 Acres hinzu, hauptsächlich weil das Areal unter der Rubrik „unbenutztes wüstes Land und Bog (Sumpfland)“ um 101 543 Acres abnahm. Vergleichen wir 1865 mit 1864, so Abnahme in Kornfrucht 246 667 Qrs., wovon 48 999 Weizen, 166 605 Hafer, 29 892 Gerste u. s. w., Abnahme von Kartoffelertrag, obgleich das Areal ihrer Bebauung 1865 wuchs, 446 398 Tonnen u. s. w. |

[Hier folgt die Tabelle S. 568]

|692| Von der Bewegung der Bevölkerung und Bodenproduktion Irlands gehn wir über zur Bewegung in der Börse seiner Landlords, größeren Pächter und industriellen Kapitalisten. Sie reflektirt sich im Ab und Zu der der Einkommensteuer unterworfenen jährlichen Einkommen. Zum Verständniß der folgenden Tabelle bemerken wir, daß Rubrik D (Profite mit Ausnahme der Pächterprofite) auch s. g. „professionelle“ Profite einbegreift, d. h. die Einkommen von Advokaten, Aerzten u. s. w., die nicht besonders aufgezählten Rubriken C und E aber die Einnahmen von Beamten, Officieren, Staatssynekuristen, Staatsgläubigern u. s. w.

Tabelle D
Der Einkommensteuer unterliegende Einkommen in Pfd. St.
186018611862186318641865
Rubrik A.
Grundrente.12 893 82913 003 55413 398 93813 494 09113 470 70013 801 616
Rubrik B.
Pächterprofite.2 765 3872 773 6442 937 8992 938 8232 930 8742 946 072
Rubrik D.
Industrielle u. s. w.
Profite.4 891 6524 836 2034 858 8004 846 4974 546 1474 850 199
Sämmtliche Rubri-
ken A bis E.22 962 88522 998 39423 597 57423 658 63123 236 29823 930 340184).

Unter Rubrik D betrug die Zunahme des Einkommens im Jahresdurchschnitt von 1853-1864 nur 0,93, während sie in derselben Periode in Großbritannien 4,58 betrug. Die folgende Tabelle zeigt die Vertheilung der Profite (mit Ausschluß der Pächterprofite) für die Jahre 1864 und 1865:

Siehe nebenstehende Tabelle E.

England, ein Land entwickelter kapitalistischer Produktion und vorzugsweis industriell, wäre verblutet an einem Volksaderlaß, gleich dem irischen. Aber Irland ist gegenwärtig nur ein durch einen breiten Wassergraben abgezäunter Agrikulturdistrikt Englands, dem es Korn, Wolle, Vieh, industrielle und militärische Rekruten liefert.

Die Entvölkerung hat viel Land außer Bebauung geworfen, das |

|693| Tabelle E
Rubrik DEinkommen aus Profiten (über 60 Pfd. St.) in Irland
18641865
Pfd. St.Pfd. St.
Jährliche
Gesammtein-
nahme von:4 368 610 vertheilt unter 17 467 Pers.4 669 979 vertheilt unter 18 081 Pers.
Jährliche Ein-
kommen über
60 und unter
100 Pfd. St.238 726"5 015"222 575"4 703"
Von der jähr-
lichen
Gesammt-
einnahme:1 979 066"11 321"2 028 471"12 184"
Rest der jähr-
lichen
Gesammt-
einnahme von:2 150 818"1 131"2 418 933"1 194"
1 083 906"910"1 097 937"1 044"
1 066 912"121"1 320 996"186"
Davon:430 535"105"584 458"122"
646 377"26"736 448"28"
262 610"3"274 528"3"
185)

Bodenprodukt sehr vermindert186), und selbst, trotz des erweiterten Areals der Viehzucht, in einigen ihrer Zweige absolute Abnahme erzeugt, in andern kaum nennenswerthen und durch beständige Rückschritte unterbrochnen Fortschritt. Dennoch stiegen Grundrenten und Pachtprofite, obgleich letztere nicht so constant wie die erstern, fortwährend mit dem Fall der Volksmasse. Der Grund ist leicht verständlich. Einerseits verwandelte sich mit der Zusammenwerfung der Pachten und der Verwandlung von Ackerland in Viehweide ein größerer Theil des Gesammtprodukts in Mehrprodukt. Die absolute Masse des Mehrprodukts wuchs, obgleich das Gesammtprodukt, wovon sie einen Bruchtheil bildet, absolut abnahm. Andrerseits stieg der Geldwerth dieses Mehrprodukts noch rascher als seine Masse, in Folge der seit den letzten 20 und ganz besonders seit den letzten 10 Jahren steigenden englischen Marktpreise für Fleisch, Wolle u. s. w.

Zersplitterte Produktionsmittel, die den Producenten selbst als Beschäftigungs- und Subsistenzmittel dienen, ohne sich durch Einverleibung ||694| fremder Arbeit zu verwerthen, sind eben so wenig Kapital als das von seinem eignen Producenten verzehrte Produkt Waare ist. Wenn also auch mit der Volksmasse die Masse der in der Agrikultur angewandten Produktionsmittel sich verminderte, vermehrte sich die Masse des in ihr angewandten Kapitals, weil ein Theil jener vorher zersplitterten Produktionsmittel in Kapital verwandelt ward.

Das außerhalb der Agrikultur, in Industrie und Handel angelegte Gesammtkapital Irlands accumulirte langsam während der letzten zwei Decennien und unter beständiger großer Fluktuation. Andrerseits entwickelte sich um so rascher die Koncentration seiner individuellen Bestandtheile. Endlich, wie langsam immerhin das Kapital absolut wuchs, relativ, im Verhältniß zur zusammengeschmolzenen Volkszahl, war es außerordentlich angeschwollen.

Hier entrollt sich also, unter unsern Augen, auf großer Stufenleiter, ein Prozeß wie die orthodoxe Oekonomie ihn nicht schöner wünschen konnte zur Bewähr ihres Dogma's, welches das Elend aus absoluter Uebervölkerung erklärt und das Gleichgewicht durch Entvölkerung wieder herstellt. Es ist dieß ein ganz anders wichtiges Experiment als die von den Malthusianern so sehr verherrlichte Pest in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. Nebenbei bemerkt. War es an sich schulmeisterlich naiv, den Produktions- und entsprechenden Bevölkerungsverhältnissen des 19. Jahrhunderts den Maßstab des 14. Jahrhunderts anzulegen, so übersah diese Naivetät noch obendrein, daß wenn jener Pest und der sie begleitenden Decimation, diesseits des Kanals, in England, Befreiung und Bereicherung des Landvolks, ihr jenseits, in Frankreich, größere Knechtung und erhöhtes Elend auf dem Fuß nachfolgten.

Die Hungersnoth erschlug 1846 in Irland über eine Menschenmillion, aber nur arme Teufel, ohne den geringsten Abbruch am Reichthum des Landes. Der nachfolgende zwanzigjährige und stets noch anschwellende Exodus decimirte nicht, wie etwa der dreißigjährige Krieg, mit den Menschen zugleich ihre Produktionsmittel. Das irische Genie erfand eine ganz neue Methode, ein armes Volk Tausende von Meilen vom Schauplatz seines Elends wegzuhexen. Die in die Vereinigten Staaten übergesiedelten Auswanderer schicken jährlich Geldsummen nach Haus, die Reisemittel der Zurückgebliebenen. Jeder Trupp, der dieses Jahr auswandert, zieht nächstes Jahr einen andern Trupp nach. Statt Irland zu kosten, bildet ||695| die Auswanderung so einen der einträglichsten Zweige seines Exportgeschäfts. Endlich ist dieß ein systematischer Prozeß, der nicht etwa ein vorübergehendes Loch in die Volksmasse bohrt, sondern jährlich mehr Menschen aus ihr auspumpt als der Nachwuchs ersetzt, so daß das absolute Bevölkerungsniveau von Jahr zu Jahr sinkt.

Welches waren die Folgen für die zurückbleibende, von der „Surpluspopulation“ befreite Arbeiterbevölkerung Irlands? Daß die relative Uebervölkerung heute so groß ist wie vor 1846, daß der Arbeitslohn eben so niedrig steht und die Arbeitsplackerei zugenommen hat, daß die Misère auf dem Land wieder zu einer neuen Krise drängt. Die Ursachen sind einfach. Die Revolution in der Agrikultur hielt Schritt mit der Emigration. Die Produktion der relativen Uebervölkerung hielt mehr als Schritt mit der absoluten Entvölkerung. Ein Blick auf Tabelle B zeigt, wie die Verwandlung von Ackerbau in Viehweide in Irland noch akuter wirken muß als in England. Hier wächst mit der Viehzucht der Bau von Grünfrucht, dort nimmt er ab. Während große Massen früher bestellter Aecker brachgelegt oder in permanentes Grasland verwandelt werden, wird ein großer Theil des früher unbenutzten wüsten Landes und Bog's zur Ausdehnung der Viehzucht benutzt. Die kleineren und mittleren Pächter – ich rechne dazu alle, die nicht über 100 Acres bebauen – haben immer noch ungefähr 8 10 des irischen Bodens inne. Sie werden progressiv in ganz anderem Grad als zuvor von der Konkurrenz des kapitalistisch betriebenen Ackerbaus erdrückt und liefern daher der eigentlichen Arbeiterklasse beständig neue Rekruten. Die einzige große Industrie Irlands, die Leinenfabrikation, braucht verhältnißmäßig wenig erwachsne männliche Arbeiter und beschäftigt überhaupt, trotz ihrer Expansion seit der Vertheurung der Baumwolle, nur einen verhältnißmäßig unbedeutenden Theil der Arbeitermasse. Gleich jeder andern großen Industrie producirt sie durch die beständigen Schwankungen in ihrer eignen Sphäre beständig eine relative Uebervölkerung, selbst bei absolutem Wachsthum der von ihr absorbirten Arbeiterzahl. Die Misère des Landvolks bildet das Piedestal riesenhafter Hemdenfabriken u. s. w., deren Arbeiterarmee zum größten Theil über das flache Land zerstreut ist. Wir finden hier das früher geschilderte System der Hausarbeit wieder, welches in Unterzahlung und Ueberarbeit seine methodischen Mittel der „Ueberzähligmachung“ besitzt. Endlich, obschon die Entvölkerung nicht so zer||696|störende Folgen hat, wie in einem Land entwickelter kapitalistischer Produktion, vollzieht sie sich nicht ohne beständigen Rückschlag. Die Emigration läßt nicht nur leere Häuser zurück, sondern auch ruinirte Hausvermiether. Klein wie der Konsum jedes ihrer individuellen Bestandtheile, producirt ihr Gesammtausfall eine beständige Lücke im innern Markt, der namentlich Kleinkrämer, Handwerker und kleine Gewerbsleute überhaupt trifft. Jeder neue Exodus schleudert einen Theil der kleinen Mittelklasse ins Proletariat. Sieh Tabelle E die Abnahme der Einkommen unter 100 Pfd. St.

Der Wochenlohn des Ackerbauers in der Umgegend von Dublin – der Maximallohn des irischen Ackerbauers – steht in diesem Augenblick, bei hohem Preis der ersten Lebensmittel, auf 7 sh. Man kann daraus auf seinen Stand in den rein agrikolen und entlegenen Distrikten zurückschließen. Zur Schilderung der Lage selbst des geschickten irischen industriellen Arbeiters genügt ein Beispiel.

„Bei meiner neulichen Inspektion des Nordens von Irland“, sagt der englische Fabrikinspektor Robert Baker, „frappirte mich die Bemühung eines geschickten irischen Arbeiters aus den allerdürftigsten Mitteln seinen Kindern Erziehung zu verschaffen. Ich gebe seine Aussage verbatim, wie ich sie aus seinem Mund erhielt. Daß er eine geschickte Fabrikhand, weiß man, wenn ich sage, daß man ihn zu Artikeln für den Manchester Markt verwandte. Johnson: Ich bin ein beetler, und arbeite von 6 Uhr Morgens bis 11 in die Nacht, von Montag bis Freitag; Samstags endigen wir um 6 Uhr Abends und haben 3 Stunden für Mahlzeit und Erholung. Ich habe 5 Kinder. Für diese Arbeit erhalte ich 10 sh. 6 d. wöchentlich; meine Frau arbeitet auch und verdient 5 sh. die Woche. Das älteste Mädchen, zwölfjährig, wartet das Haus. Sie ist unser Koch und einziger Gehülfe. Sie macht die jüngeren zur Schule fertig. Meine Frau steht mit mir auf und geht mit mir fort. Ein Mädchen, die unser Haus entlang geht, weckt mich um halb 6 Uhr Morgens. Wir essen nichts, bevor wir zur Arbeit gehn. Das zwölfjährige Kind sorgt für die Kleineren des Tags über. Wir frühstücken um 8 und gehn dazu nach Hause. Wir haben Thee einmal die Woche; sonst haben wir einen Brei (stirabout), manchmal von Hafermehl, manchmal von indischem Mehl, je nachdem wir fähig sind es zu verschaffen. Im Winter haben wir ein wenig Zucker und Wasser zu unserm indischen Mehl. Im Sommer erndten wir einige Kartoffeln, womit wir selbst ein Bodenfetzchen bepflanzen, und wenn sie zu Ende sind, kehren wir zum Brei zu||697|rück. So geht's Tag aus Tag ein, Sonntag und Werkeltag, das ganze Jahr durch. Ich bin stets sehr müde des Abends nach vollbrachtem Tagwerk. Einen Bissen Fleisch sehn wir ausnahmsweis, aber sehr selten. Drei unsrer Kinder besuchen Schule, wofür wir 1 d. per Kopf wöchentlich zahlen. Unsere Hausmiethe ist 9 d. die Woche, Torf für Feuerung kostet mindestens 1 sh. 6 d. vierzehntägig“187). Das sind irische Löhne, das ist irisches Leben!

In der That, das Elend Irlands ist wieder Tagesthema in England. Ende 1866 und Anfang 1867 machte sich in der Times einer der irischen Landmagnaten, Lord Dufferin, an die Lösung. „Wie menschlich von solch' großem Herrn!“

Aus Tabelle E sah man, daß während 1864 von 4 368 610 Pfd. St. Gesammtprofit 3 Plusmacher nur 262 610, dieselben 3 Virtuosen der „Entsagung“ 1865 von 4 669 979 Pfd. St. Gesammtprofit dagegen 274 528 Pfd. St. einsteckten, 1864: 26 Plusmacher 646 377 Pfd. St., 1865: 28 Plusmacher 736 448 Pfd. St., 1864: 121 Plusmacher 1 066 912 Pfd. St., 1865: 186 Plusmacher 1 320 996 Pfd. St., 1864: 1131 Plusmacher 2 150 818 Pfd. St., beinahe die Hälfte des jährlichen Gesammtprofits, 1865: 1194 Plusmacher 2 418 933 Pfd. St., mehr als die Hälfte des jährlichen Gesammtprofits. Der Löwenantheil aber, welchen eine verschwindend kleine Anzahl Landmagnaten in England, Schottland und Irland vom jährlichen Nationalrental verschlingt, ist so monströs, daß die englische Staatsweisheit es angemessen findet, für die Vertheilung der Grundrente nicht dasselbe statistische Material zu liefern wie für die Vertheilung des Profits. Lord Dufferin ist einer dieser Landmagnaten. Daß Rentrollen und Profite jemals „überzählig“ sein können, oder daß ihre Plethora mit der Plethora des Volkselends irgendwie zusammenhängt, ist natürlich eine ebenso „irrespektable“ als „ungesunde“ (unsound) Vorstellung. Er hält sich an Thatsachen. Die Thatsache ist, daß wie die irische Volkszahl abnimmt, die irischen Rentrollen schwellen, daß die Entvölkerung dem Grundeigenthümer „wohlthut“, also auch dem Grund, also auch dem Volk, das nur ein Accessorium des Bodens ist. Er erklärt also, Irland sei immer noch übervölkert und der Strom der Emigration fließe ||698| stets noch zu träg. Um vollständig glücklich zu sein, müsse Irland wenigstens noch 1 3 Million Arbeitsmenschen ablassen. Man wähne nicht, dieser obendrein noch poetische Lord sei ein Arzt aus der Schule Sangrado's, der, so oft er seinen Kranken nicht besser fand, Aderlaß verordnete, neuen Aderlaß, bis der Patient mit seinem Blut auch seine Krankheit verlor. Lord Dufferin verlangt einen neuen Aderlaß von nur 1 3 Million, statt von ungefähr 2 Millionen, ohne deren Ablaß in der That das Millennium in Erin nicht herstellbar ist. Der Beweis ist leicht geliefert.

Anzahl und Umfang der Pachten in Irland 1864
1.2.3.4.
Pachten nicht überPachten über 1,Pachten über 5,Pachten über 15,
1 Acrenicht über 5 Acresnicht über 15 Acresnicht über 30 Acres
AnzahlArealAnzahlArealAnzahlArealAnzahlAreal
48 65325 39482 037288 916176 3681 836 310136 5783 051 343
5.6.7.8.
Pachten über 30,Pachten über 50,Pachten über 100Gesammtareal
nicht über 50 Acresnicht über 100 AcresAcres
AnzahlArealAnzahlArealAnzahlAreal
71 9612 906 27454 2473 983 88031 9278 227 80720 319 924 Acres188).

Die Koncentration hat von 1851 bis 1861 hauptsächlich Pachten der ersten 3 Kategorieen, unter 1 und nicht über 15 Acres, vernichtet. Sie müssen vor allem verschwinden. Dieß giebt 307 058 „überzählige“ Pächter, und die Familie zum niedrigen Durchschnitt von 4 Köpfen gerechnet, 1 228 232 Personen. Unter der extravaganten Unterstellung, daß 1 4 davon nach vollbrachter agrikoler Revolution wieder absorbirbar, bleiben auszuwandern: 921 174 Personen. Die Kategorieen 4, 5, 6, von über 15 und nicht über 100 Acres, sind, wie man längst in England weiß, für den kapitalistischen Kornbau zu klein, für Schafzucht aber fast verschwindende Größen. Unter denselben Unterstellungen wie vorher sind also fernere 788 358 Personen auszuwandern, Summe: 1 709 532. Und, comme l'appétit vient en mangeant, werden die Augen der Rentrolle bald entdecken, daß Irland mit 3 1 2 Millionen immer noch elend, und elend, weil übervölkert ist, also seine Entvölkerung noch viel weiter gehen muß, damit es seinen wahren Beruf erfülle, den einer englischen Schaftrift und Viehweide. |

|699| Diese einbringliche Methode hat wie alles Gute in dieser Welt ihren Mißstand. Mit der Accumulation der Grundrente in Irland hält Schritt die Accumulation der Irländer in Amerika. Der durch Schaf und Ochs beseitigte Ire ersteht auf der andern Seite des Oceans als Fenian. Und gegenüber der alten Seekönigin erhebt sich drohend und drohender die junge Riesenrepublik.

Acerba fata Romanos agunt Scelusque fraternae necis.

2) Die s. g. Ursprüngliche Accumulation.

Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, mit dem Kapital Mehrwerth und aus dem Mehrwerth mehr Kapital gemacht wird. Indeß setzt die Accumulation des Kapitals den Mehrwerth, der Mehrwerth die kapitalistische Produktion, diese aber das Vorhandensein größerer Kapitalmassen in den Händen von Waarenproducenten voraus. Der ganze Prozeß scheint also eine der kapitalistischen Accumulation vorausgehende „ursprüngliche“ Accumulation („previous accumulation“ bei Adam Smith) zu unterstellen, eine Accumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt.

Diese ursprüngliche Accumulation spielt in der politischen Oekonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biß in den Apfel und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verflossenen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige Elite und auf der andern faulenzende Lumpen. So kam es, daß die ersten Reichthum accumulirten und die letzteren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut. Und von diesem Sündenfall datirt die Armuth der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichthum der Wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten. Solche fade Kinderei kaut Herr Thiers z. B. noch mit staatsfeierlichem Ernst, zur Vertheidigung der propriété, den einst so geistreichen Franzosen vor. Aber sobald die Eigenthumsfrage ins Spiel kommt, wird es heilige Pflicht, den Standpunkt der Kinderfibel als den allen Altersklassen und Entwicklungsstufen allein gerechten festzuhalten. In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Erobe||700|rung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Oekonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und „Arbeit“ waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger Ausnahme von „diesem Jahr“. In der That sind die Methoden der ursprünglichen Accumulation alles andre, nur nicht idyllisch.

Geld und Waare sind nicht von vornherein Kapital, so wenig wie Produktions- und Lebensmittel. Sie bedürfen der Verwandlung in Kapital. Dieser Verwandlungsprozeß selbst kann aber nur unter bestimmten Umständen vorgehn. Sie spitzen sich dahin zusammen: Zweierlei sehr verschiedne Sorten von Waarenbesitzern müssen sich gegenüber und in Kontakt treten, einerseits Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, welche die von ihnen geeignete Werthsumme verwerthen wollen durch Ankauf fremder Arbeitskraft; andrerseits freie Arbeiter, Verkäufer der eignen Arbeitskraft und daher Verkäufer von Arbeit. Freie Arbeiter in dem Doppelsinn, daß sie weder selbst unmittelbar zu den Produktionsbedingungen gehören, wie Sklaven, Leibeigne u. s. w., noch auch die Produktionsbedingungen ihnen gehören, wie beim selbstwirthschaftenden Bauer u. s. w., sie davon vielmehr frei, los und ledig sind. Mit dieser Polarisation des Waaren- markts sind die Grundbedingungen der kapitalistischen Produktion gegeben. Das Kapitalverhältniß setzt die Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigenthum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit voraus. Sobald die kapitalistische Produktion einmal auf eignen Füßen steht erhält sie nicht nur jene Scheidung, sondern reproducirt sie auf stets wachsender Stufen- leiter. Der Prozeß, der das Kapitalverhältniß schafft, kann also nichts anders sein als der Scheidungsprozeß des Arbeiters von den Arbeitsbedingungen, ein Prozeß, der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsmittel in Kapital verwandelt, andrerseits die unmittelbaren Producenten in Lohnarbeiter. Die s. g. ursprüngliche Accumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozeß von Producent und Produktionsmittel. Er erscheint als „ursprünglich“, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktionsweise bildet.

Man sieht auf den ersten Blick, daß dieser Scheidungsprozeß eine | |701| ganze Reihe historischer Prozesse einschließt, und eine doppelseitige Reihe, einerseits Auflösung der Verhältnisse, die den Arbeiter selbst zum Eigenthum dritter Personen machten und zu einem selbst angeeigneten Produktionsmittel, andrerseits Auflösung des Eigenthums der unmittelbaren Producenten an ihren Produktionsmitteln. Der Scheidungsprozeß umfaßt also in der That die ganze Entwicklungsgeschichte der modernen bürgerlichen Gesellschaft, eine Geschichte, welche gar keine Schwierigkeiten böte, hätten die bürgerlichen Geschichtsschreiber die Auflösung der feudalen Produktionsweise nicht ausschließlich unter dem clair obscur der Emancipation des Arbeiters dargestellt, statt zugleich als Verwandlung der feu- dalen in die kapitalistische Exploitationsweise. Der Ausgangspunkt der Entwicklung war die Knechtschaft des Arbeiters. Ihr Fortgang bestand in einem Formwechsel dieser Knechtung. Jedoch erheischt unser Zweck keineswegs Analyse der mittelaltrigen Bewegung. Obgleich die kapitalistische Produktion schon im 14. und 15. Jahrhundert sporadisch ihren Sitz in den Ländern am Mittelmeer aufschlug, datirt die kapitalistische Aera erst vom 16. Jahrhundert. Dort, wo sie aufblüht, ist die Aufhebung der Leibeigenschaft längst vollbracht und das mittelaltrige Städtewesen bereits in das Stadium seines Verfalls getreten.

Historisch epochemachend in der Geschichte des Scheidungsprozesses sind die Momente, worin große Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenz- und Produktionsmitteln geschieden und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden. Die Expropriation der Arbeiter von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses. Wir haben sie also zuerst zu betrachten. Ihre Geschichte nimmt in verschiednen Ländern verschiedne Färbung an und durchläuft die verschiedenen Phasen in verschiedner Reihenfolge. Nur in England, das wir daher als Beispiel nehmen, besitzt sie klassische Form189). |

|702| In England war die Leibeigenschaft im letzten Theil des 14. Jahrhunderts faktisch verschwunden. Die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung190) bestand damals und noch mehr im 15. Jahrhundert aus freien, selbstwirthschaftenden Bauern, durch welch feudales Aushängeschild ihr Eigenthum immer versteckt sein mochte. Auf den größeren herrschaftlichen Gütern war der früher selbst leibeigne bailiff (Vogt) durch den freien Pächter verdrängt. Die Lohnarbeiter der Agrikultur bestanden theils aus Bauern, die ihre Mußezeit durch Arbeit bei großen Grundeigenthümern verwertheten, theils aus einer selbstständigen, relativ und absolut wenig zahlreichen Klasse eigentlicher Lohnarbeiter. Auch letztre waren faktisch zugleich selbstwirthschaftende Bauern, indem sie außer ihrem Lohn Ackerland zum Belauf von 4 und mehr Acres nebst Cottages angewiesen erhielten. Sie genossen zudem mit den eigentlichen Bauern die Nutznießung des Gemeindelandes, worauf ihr Vieh weidete und das ihnen zugleich die Mittel der Feuerung, Holz, Torf u. s. w. bot191). In allen Ländern Europa's ist die feudale Produktion durch Theilung des Bodens unter möglichst viele Untersassen charakterisirt. Die Macht des Feudalherrn, wie die jeden Souverains, beruhte nicht auf der Länge seiner Rentrolle, sondern auf der Zahl seiner Unterthanen, und letztere hing von der Zahl selbstwirthschaftender Bauern ab192). Obgleich der englische Boden daher nach der normännischen Eroberung in riesenhafte Baronien vertheilt ||703| ward, wovon eine einzige oft 900 alte angelsächsische Lordschaften einschloß, war er besät von kleinen Bauernwirthschaften, nur hier und da durchbrochen von größeren herrschaftlichen Gütern. Solche Verhältnisse, bei gleichzeitiger Blüthe des Städtewesens, wie sie das 15. Jahrhundert auszeichnet, erlaubten jenen Volksreichthum, den der Staatskanzler Fortescue so beredt in seinen „Laudibus Legum Angliae“ schildert, aber sie schlossen den Kapitalreichthum aus.

Das Vorspiel der Umwälzung, welche die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise schuf, ereignet sich im letzten Drittel des 15. und den ersten Decennien des 16. Jahrhunderts. Eine Masse vogelfreier Proletarier ward auf den Arbeitsmarkt geschleudert durch die Auflösung der feudalen Gefolgschaften, die, wie Sir James Steuart richtig bemerkt, „überall nutzlos Haus und Hof füllten“. Obgleich die königliche Macht, selbst ein Produkt der bürgerlichen Entwicklung, in ihrem Streben nach absoluter Souverainität die Auflösung dieser Gefolgschaften gewaltsam beschleunigte, war sie keineswegs deren einzige Ursache. Vielmehr im trotzigsten Gegensatz zu Königthum und Parlament, schuf der große Feudalherr ein ungleich größeres Proletariat durch gewaltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf sie denselben feudalen Rechtstitel besaß wie er selbst, und durch Usurpation ihres Gemeindelandes. Den unmittelbaren Anstoß dazu gab in England namentlich das Aufblühn der flandrischen Wollmanufaktur, und das entsprechende Steigen der Wollpreise. Den alten Feudaladel hatten die großen Feudalkriege verschlungen, der neue war ein Kind seiner Zeit, für welche Geld die Macht aller Mächte. Verwandlung von Ackerland in Schafweide ward also sein Losungswort. Harrison, in seiner „Description of England. Prefixed to Holinshed's Chronicles“, beschreibt, wie die Expropriation der kleinen Bauern das Land ruinirt. „What care our great incroachers!“ (Was fragen unsre großen Usurpatoren danach?) Die Wohnungen der Bauern und die Cottages der Arbeiter wurden gewaltsam niedergerissen oder dem Verfall geweiht. „Wenn man“, sagt Harrison, „die älteren Inventarien jeden Ritterguts vergleichen will, so wird man finden, daß unzählige Häuser und kleine Bauernwirthschaften verschwunden sind, daß das Land viel weniger Leute nährt, daß viele Städte verfallen sind, obgleich einige neue aufblühn … Von Städten und Dörfern, die man für Schaftriften zerstört hat, und worin nur noch ||704| die Herrschaftshäuser stehn, könnte ich etwas erzählen.“ Die Klagen jener alten Chroniken sind immer übertrieben, aber sie zeichnen genau den Eindruck der Revolution in den Produktionsverhältnissen auf die Zeitgenossen selbst. Ein Vergleich zwischen den Schriften der Schatzkanzler Fortescue und Thomas Morus veranschaulicht die Kluft zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert. Aus ihrem goldnen Zeitalter, wie Thornton richtig sagt, stürzte die englische Arbeiterklasse ohne alle Zwischenübergänge in das eiserne.

Die Gesetzgebung erschrak vor dieser Umwälzung. Sie stand noch nicht auf der Civilisationshöhe, wo „Wealth of the Nation“, d. h. Kapitalbildung und rücksichtslose Exploitation und Verarmung der Volksmasse als ultima Thule aller Staatsweisheit gelten. In seiner „Geschichte Heinrich's VII.“ sagt Baco: „Um diese Zeit (1489) mehrten sich die Klagen über Verwandlung von Ackerland in Weide (zur Schaftrift u. s. w.), leicht zu versehn durch wenige Hände. Dieß brachte einen Verfall des Volks hervor … König und Parlament ergriffen Maßregeln wider diese entvölkernde Usurpation der Gemeindeländereien (depopulating inclosures) und die ihr auf dem Fuß folgende entvölkernde Weidewirthschaft (depopulating pasture).“ Ein Akt Heinrich des VII., 1489, c. 19, verbot die Zerstörung aller Bauernhäuser, wozu wenigstens 20 Acres Land gehörten. In einem Akt 25, Heinrich VIII., wird dasselbe Gesetz erneuert. Es heißt darin u. a., daß „viele Pachten und große Viehmassen, besonders Schafe, sich in wenigen Händen aufhäufen, wodurch die Grundrenten sehr gewachsen und der Ackerbau (tillage) sehr verfallen, Kirchen und Häuser niedergerissen, wunderbare Volksmassen verunfähigt seien, sich selbst und Familien zu erhalten“. Das Gesetz verordnet daher den Wiederbau der verfallnen Pachthäuser, bestimmt den Kornbau im Verhältniß zur Schafweide u. s. w. Ein Akt von 1533 klagt, daß manche Eigenthümer 24 000 Schafe besitzen und beschränkt deren Zahl auf 2000. Die Volksklage193) und die seit Heinrich dem VII. an 150 Jahre fortdauernde Gesetzgebung wider die Expropriation der kleinen Pächter und Bauern waren gleich fruchtlos. Das Geheimniß ihrer ||705| Erfolglosigkeit verräth uns Baco wider Wissen. „Der Akt Heinrich's VII.“, sagt er in seinen „Essays, civil and moral“ Sect. 20, „war tief und bewunderungswürdig, indem er Landwirthschaften und Ackerbauhäuser von bestimmtem Normalmaß schuf, d. h. eine Proportion von Land für sie erhielt, die sie befähigte Unterthanen von genügendem Reichthum und ohne servile Lage auf die Welt zu setzen und den Pflug in der Hand von Eigenthümern, nicht von Mieth- lingen zu halten“ („to keep the plough in the hand of the owners and not hirelings“). Was die kapitalistische Produktion erheischte, war umgekehrt servile Lage der Volksmasse, ihre eigne Verwandlung in Miethlinge, und Verwandlung ihrer Arbeitsmittel in Kapital. Jene ältere Gesetzgebung sucht auch die 4 Acres Land bei der Cottage des ländlichen Lohnarbeiters zu erhalten, wie sie ihm die Aufnahme von Miethsleuten in seine Cottage verbot. Noch 1627, unter Karl I., wurde Roger Crocker von Fontmill verurtheilt wegen Bau's einer Cottage im Manor von Fontmill ohne 4 Acres Land als beständiges Annex an dieselbe; noch 1638, unter Karl I., wurde eine königliche Kommission ernannt, um die alten Gesetze, namentlich auch über die 4 Acres Land, zu erzwingen; noch Cromwell verbot Erbauung eines Hauses in 4 Meilen weitem Umkreis von London ohne Ausstattung desselben mit 4 Acres Land. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird geklagt, wenn die Cottage des Landarbeiters kein Zubehör von 1 bis 2 Acres hat. Heutzutag ist er glücklich, wenn sie mit einem Gärtchen ausgestattet ist, oder wenn er weitab von ihr ein Paar Ruthen Land miethen kann. „Landlords und Pächter“, sagt Dr. Hunter, „handeln hier Hand in Hand. Wenige Acres zur Cottage würden den Arbeiter zu unabhängig machen194).

Einen neuen furchtbaren Anstoß erhielt der gewaltsame Expropriations- prozeß der Volksmasse im 16. Jahrh. durch die Reformation und, in ihrem Gefolge, den kolossalen Diebstahl der Kirchengüter. Die katholische Kirche war zur Zeit der Reformation Feudal||706|eigenthümer eines großen Theils des englischen Grund und Bodens. Die Unterdrückung der Klöster u. s. w. schleuderte deren Einwohner ins Proletariat. Die Kirchengüter selbst wurden großentheils an raubsüchtige königliche Günstlinge verschenkt oder zu einem Spottpreis an spekulirende Pächter und Stadtbürger verkauft, welche die alten erblichen Untersassen massenhaft verjagten und ihre Wirthschaften zusammenwarfen. Das gesetzlich garantirte Eigenthum verarmter Landleute an einem Theil der Kirchenzehnten ward stillschweigend konfiscirt195). „Pauper ubique jacet“, rief Königin Elisabeth nach einer Rundreise durch England. Im 43. Jahre ihrer Regierung war man endlich gezwungen, den Pauperismus officiell anzuerkennen durch Einführung der Armensteuer. „Die Urheber dieses Gesetzes schämten sich seine Gründe auszusprechen und schickten es daher, wider alles Herkommen, ohne irgend ein preamble (Eingangsworte) in die Welt“196). Durch 16. Carolus I., 4 wurde es perpetuell erklärt und erhielt in der That erst 1834 eine neue härtere Form197). Diese unmittelbaren Wirkungen der Reformation ||707| waren nicht ihre nachhaltigsten. Das Kircheneigenthum bildete das religiöse Bollwerk der alterthüm- lichen Grundeigenthumsverhältnisse. Mit seinem Fall waren sie nicht länger vertheidigbar198).

Noch in den letzten Decennien des 17. Jahrhunderts war die Yeomanry, eine unabhängige Bauernschaft, zahlreicher als die Klasse der Pächter. Sie hatte die Hauptstärke Cromwell's gebildet und stand, selbst nach Macaulay's Geständniß, in vortheilhaftem Gegensatz zu den versoffenen Mistjunkern und ihren Bedienten, den Landpfaffen, welche die herrschaftliche „Lieblingsmagd“ unter die Haube bringen mußten. Noch waren selbst die ländlichen Lohnarbeiter Miteigenthümer am Gemeindeeigenthum. ||708| 1750 ungefähr war die Yeomanry verschwunden199), und in den letzten Decennien des 18. Jahrhunderts die letzte Spur vom Gemeindeeigenthum der Ackerbauer. Wir sehn hier ab von den rein ökonomischen Agentien der Agrikulturrevolution. Wir fragen nach ihren gewaltsamen Hebeln.

Unter der Restauration der Stuarts setzten die Grundeigenthümer eine Usurpation gesetzlich durch, die sich überall auf dem Kontinent auch ohne gesetzliche Weitläufigkeit vollzog. Sie hoben die Feudalverfassung des Bodens auf, d. h. sie schüttelten seine Leistungspflichten an den Staat ab, „entschädigten“ den Staat durch Steuern auf die Bauernschaft und übrige Volksmasse, vindicirten modernes Privateigenthum an Gütern, worauf sie nur Feudaltitel besaßen, und oktroyirten schließlich jene Niederlassungs- gesetze (laws of settlement), die, mutatis mutandis, auf die englischen Ackerbauer wirkten, wie des Tartaren Boris Godunof Edikt auf die russische Bauernschaft.

Die „glorious Revolution“ (glorreiche Revolution) brachte mit dem Oranier Wilhelm III.200) die grundeigenthümlichen und kapitalistischen Plusmacher zur Herrschaft. Sie weihten die neue Aera ein, indem sie den bisher nur bescheiden betriebenen Diebstahl an den||709|Staatsdomänen auf kolossaler Stufenleiter ausübten. Diese Ländereien wurden verschenkt, zu Spottpreisen verkauft, oder auch durch direkte Usurpation an Privatgüter annexirt201). Alles das geschah ohne die geringste Beobachtung gesetzlicher Etiquette. Das so fraudulent angeeignete Staatsgut sammt dem Kirchenplunder, so weit er während der republikanischen Revolution nicht abhanden kam, bildet die Grundlage der heutigen fürstlichen Domänen der englischen Oligarchie202). Die bürgerlichen Kapitalisten begünstigten die Operation, u. a. um den Grund und Boden in einen reinen Handelsartikel zu verwandeln, um ihre Zufuhr vogelfreier Proletarier vom Land zu vermehren u. s. w. Sie handelten für ihr Interesse ganz so richtig als die schwedischen Stadtbürger, deren ökonomisches Bollwerk die Bauernschaft war, weßhalb sie Hand in Hand mit derselben die Könige in der gewaltsamen Resumption der Kronländereien von der Oligarchie (seit 1604, später unter Karl X. und Karl XI.) unterstützten.

Gemeindeeigenthum war eine altgermanische Einrichtung, die unter der Decke der Feudalität fortlebte. Man hat gesehn, wie die gewaltsame Usurpation desselben, meist begleitet von Verwandlung des Ackerlands in Viehweide, Ende des 15. Jahrhunderts beginnt und im 16. Jahrhundert fortdauert. Aber damals vollzog sich der Prozeß als individuelle Gewaltthat, wogegen die Gesetzgebung 150 Jahre durch vergeblich ankämpft. Der Fortschritt des 18. Jahrh. offenbart sich darin, daß das Gesetz selbst jetzt zum Vehikel des Raubs am Volksland wird, obgleich die großen Pächter nebenbei auch ihre kleinen unabhängigen Privatmethoden anwenden203). Die parlamentarische Form ||710| des Raubs ist die der „Bills for Inclosures of Commons“ (Bills für Einschluß der Gemeindeländereien), in andern Worten Dekrete, wodurch die Landlords Volkseigenthum sich selbst als Privateigenthum schenken, Dekrete der Volksexpropriation. Sir F. M. Eden widerlegt sein pfiffiges Advokatenplaidoyer, worin er das Gemeindeeigenthum als Privateigenthum der an die Stelle der Feudalen getretenen Landlords darzustellen sucht, indem er selbst einen „allgemeinen Parlamentsakt für die inclosure der Gemeindeländerei“ verlangt, also zugiebt, daß ein parlamentarischer Staats- streich zu ihrer Verwandlung in Privateigenthum nöthig ist, andrerseits aber von der Legislatur „Schadenersatz“ für die expropriirten Armen fordert204).

Während an die Stelle der unabhängigen Yeomen tenants-at-will traten, kleinere Pächter auf einjährige Kündigung, eine servile und von der Willkühr der Landlords abhängige Rotte, half, neben dem Raub der Staatsdomänen, namentlich der systematisch betriebne Diebstahl des Gemeindeeigenthums jene großen Pachten anschwellen, die man im 18. Jahrhundert Kapital- Pachten205) oder Kaufmanns-Pachten206) nannte, und das Landvolk als Proletariat für die Industrie „freisetzen“.

Das 18. Jahrh. begriff jedoch noch nicht in demselben Maß wie das 19. die Identität zwischen Nationalreichthum und Volksarmuth. Daher heftigste Polemik in der ökonomischen Literatur jener Zeit über die „inclosure of commons“. Ich gebe aus dem massenhaften Material, das mir vorliegt, einige wenige Stellen, weil dadurch lebhaft die Zustände veranschaulicht werden.

„In vielen Pfarreien von Hertfordshire“, schreibt eine entrüstete Feder, „sind 24 Pachten von 50 bis 150 Acres auf 3 zusammenge||711|schmolzen“207). „In Northamptonshire und Leicestershire hat der Einschluß der Gemeindeländereien sehr vorgeherrscht und die meisten aus den enclosures entsprungenen neuen Lordschaften sind in Weideland verwandelt; in Folge davon haben viele Lordschaften jetzt nicht 50 Acres unter dem Pflug, wo früher 1500 gepflügt wurden … Ruinen früherer Wohnhäuser, Scheunen, Ställe u. s. w. sind die einzigen Spuren der früheren Einwohner. Hunderte von Häusern und Familien sind an manchen Plätzen zusammengeschrumpft auf 8 oder 10. Der Grundeigenthümer in den meisten Pfarreien, wo der Einschluß erst seit 15 oder 20 Jahren vorging, sind sehr wenige in Vergleich zu den Zahlen, von denen das Land im offnen Feldzustand bebaut wurde. Es ist nichts Ungewöhnliches, 4 oder 5 reiche Viehmäster große, jüngst eingeschlossene Lordschaften usurpiren zu sehn, die sich früher in der Hand von 20-30 Pächtern und vielen kleineren Eigenthümern und Insassen befanden. Alle diese sind mit ihren Familien aus ihrem Besitzthum herausgeworfen worden, nebst vielen andren Familien, die durch sie beschäftigt und erhalten wurden“208). Es war nicht nur brachliegendes, sondern oft, unter bestimmter Zahlung an die Gemeinde, oder gemeinschaftlich bebautes Land, das unter dem Vorwand der „enclosure“ vom angränzenden Landlord annexirt wurde. „Ich spreche hier vom Einschluß offner Felder und Ländereien, die bereits bebaut sind. Selbst die Schriftsteller, welche die Inclosures vertheidigen, geben zu, daß sie in diesem Fall den Feldbau vermindern, die Preise der Lebensmittel erhöhen und Entvölkerung produciren … und selbst die inclosure wüster Ländereien, wie jetzt betrieben, raubt dem Armen einen Theil seiner Subsistenzmittel und schwellt Pachten auf, die bereits zu groß sind“209). „Wenn“, sagt Dr. Price, „das Land in die Hände einiger weniger großen Pächter geräth, werden ||712| die kleinen Pächter (früher von ihm bezeichnet als „eine Menge kleiner Eigenthümer und Pächter, die sich selbst und Familien erhalten durch das Produkt des von ihnen bestellten Landes, durch Schafe, Geflügel, Schweine u. s. w., die sie auf das Gemeindeland schicken, so daß sie wenig Gelegenheit zum Kauf von Subsistenzmitteln haben“) verwandelt in Leute, die ihre Subsistenz durch Arbeit für Andre gewinnen müssen und gezwungen sind, für alles, was sie brauchen, zu Markt zu gehn … Es wird vielleicht mehr Arbeit verrichtet, weil mehr Zwang dazu herrscht … Städte und Manufakturen werden wachsen, weil mehr Leute zu ihnen verjagt werden, welche Beschäftigung suchen. Dieß ist der Weg, worin die Koncentration der Pachten naturgemäß wirkt und worin sie, seit vielen Jahren, in diesem Königreich thatsächlich gewirkt hat“210). Er faßt die Gesammtwirkung der inclosures so zusammen: „Im Ganzen hat sich die Lage der niederen Volksklassen fast in jeder Hinsicht verschlechtert, die kleineren Grundbesitzer und Pächter sind herabgedrückt auf den Stand von Taglöhnern und Miethlingen; und zur selben Zeit ist der Lebensgewinn in diesem Zustand schwieriger geworden“211). In

der That wirkten Usurpation des Gemeindelands und die ||713| sie begleitende Revolution der Agrikultur so akut auf die Ackerbauarbeiter, daß, nach Eden selbst, zwischen 1765 und 1780 ihr Lohn anfing unter das Minimum zu fallen und durch officielle Armenunterstützung ergänzt zu werden. Ihr Arbeitslohn, sagt er, „genügte nicht mehr für die absoluten Lebensbedürfnisse“.

Hören wir noch einen Augenblick einen Vertheidiger der enclosures und Gegner des Dr. Price. „Es ist ein durchaus falscher Schluß, daß Entvölkerung vorhanden, weil man Leute nicht länger ihre Arbeit im offnen Feld verwüsten sieht. Sind ihrer jetzt weniger auf dem Land, so sind ihrer desto mehr in den Städten … Wenn nach Verwandlung kleiner Bauern in Leute, die für andere arbeiten müssen, mehr Arbeit flüssig gemacht wird, so ist das ja ein Vortheil, den die Nation (wozu die Verwandelten natürlich nicht gehören) wünschen muß … Das Produkt wird größer sein, wenn ihre kombinirte Arbeit auf einer Pacht angewandt wird: so wird Surplusprodukt für die Manufakturen gebildet, und dadurch werden Manufakturen, eine der Minen dieser Nation, im Verhältniß zum producirten Kornquantum vermehrt“212).

Die stoische Seelenruhe, womit der politische Oekonom frechste Schändung des „heiligen Rechts des Eigenthums“ und gröbste Gewaltthat wider Personen betrachtet, soweit sie erheischt sind, um die Grundlage der kapi- talistischen Produktionsweise herzustellen, zeigt uns u. a. der überdem noch torystisch gefärbte und „philanthropische“ Sir F. M. Eden. Die ganze Reihe von Raubthaten, Greueln und Volkselend, welche die gewaltsame Volksexpropriation vom letzten Drittel des 15. bis zum Ende des 18. Jahrh. begleiten, treibt ihn nur zur „comfortablen“ Schlußreflexion: „Die richtige (due) Proportion zwischen Acker- und Viehland mußte hergestellt werden. Noch im ganzen 14. und größten Theil des 15. Jahrh. kam 1 Acre Viehweide auf 2, 3, und selbst 4 Acres Ackerland. In der ||714| Mitte des 16. Jahrhunderts verwandelte sich die Proportion in 3 Acres Viehland auf 2, später von 2 Acres Viehweide auf 1 Acre Ackerland, bis endlich die richtige Proportion von 3 Acres Viehland auf 1 Acre Ackerland herauskam.“

Im 19. Jahrhundert verlor sich natürlich selbst die Erinnerung des Zusammenhangs zwischen Ackerbauer und Gemeindeeigenthum. Von späterer Zeit gar nicht zu reden, welchen Farthing Ersatz erhielt das Landvolk jemals für die 3 511 770 Acres Gemeinland, die ihm zwischen 1801 und 1831 geraubt und parlamentarisch den Landlords von den Landlords geschenkt wurden?

Der letzte große Expropriationsprozeß der Ackerbauer von Grund und Boden endlich ist das s. g. „Clearing of Estates“ (Lichten der Güter, in der That Wegfegung der Menschen von denselben). Alle bisher betrachteten englischen Methoden kulminirten im „Lichten“. Wie man bei der Schilderung des modernen Zustands im vorigen Abschnitt sah, geht es jetzt, wo unabhängige Bauern nicht mehr wegzufegen sind, bis zum „Lichten“ der Cottages fort, so daß die Ackerbauarbeiter auf dem Boden, den sie bestellen, selbst nicht mehr den nöthigen Raum zur eignen Behausung finden. Indeß unterscheidet sich das eigentliche „Clearing of Estates“ durch den mehr systematischen Charakter, die Größe der Stufenleiter, worauf die Operation auf einmal ausgeführt wird (in Schottland auf Arealen so groß, wie deutsche Fürstenthümer), und durch die eigenthümliche Form des Grundeigenthums, welches so gewaltsam in modernes Privateigenthum verwandelt wird. Dieß Eigenthum war Eigenthum des Clans, der Chef oder „große Mann“ nur Titulareigenthümer als Repräsentant des Clans, wie die Königin von England Titulareigenthümerin des englischen Grund und Bodens ist213). Diese Revolution, welche in Schottland nach der letzten Schilderhebung des Prätendenten begann, kann man in ihren ersten Phasen verfolgen bei Sir James Steuart214) und ||715| James Anderson215). Im 18. Jahrh. wurde zugleich den vom Land verjagten Gaelen die Auswanderung verboten, um sie gewaltsam nach Glasgow und anderen Fabrikstädten zu treiben216). Als Beispiel der im 19. Jahrh. herrschenden Methode217) genügen hier die „Lichtungen“ der Gräfin von Sutherland. Diese ökonomisch geschulte Person beschloß gleich bei ihrem Regierungsantritt eine ökonomische Radikalkur vorzunehmen und die ganze Grafschaft, deren Einwohnerschaft durch frühere, ähnliche Prozesse bereits auf 15 000 zusammengeschmolzen war, in Schaftriften zu verwandeln. Von 1811 bis 1820 wurden diese 15 000 Einwohner, ungefähr 3000 Familien, systematisch verjagt und ausgerottet. Alle ihre Dörfer wurden zerstört und niedergebrannt, alle ihre Felder in Weide ver||716|wandelt. Britische Soldaten wurden zur Execution kommandirt und kamen zu Schlägen mit den Eingebornen. Eine alte Frau verbrannte in den Flammen der Hütte, die sie zu verlassen sich weigerte. So eignete sich diese Madame 794 000 Acres Land an, das seit undenklicher Zeit dem Clan gehörte. Den vertriebenen Eingebornen wies sie am Seegestad ungefähr 6000 Acres zu, 2 Acres per Familie. Die 6000 Acres hatten bisher wüst gelegen und den Eigenthümern kein Einkommen abgeworfen. Die Gräfin ging in ihrem Nobelgefühl so weit den Acre zu 2 sh. 6 d. Rente im Durchschnitt den Clanleuten zu verpachten, die seit Jahrhunderten ihr Blut für die Familie vergossen hatten. Das ganze geraubte Clanland theilte sie in 29 große Schafpachten, jede bewohnt von einer einzigen Familie, meist englische Pachtknechte. Im Jahr 1825 waren die 15 000 Gaelen bereits ersetzt durch 131 000 Schafe. Der an das Seegestad geworfne Theil der Aborigines suchte vom Fischfang zu leben. Sie wurden Amphibien, und lebten, wie ein englischer Schriftsteller sagt, halb auf dem Land und halb auf dem Wasser und lebten mit alledem nur halb von beiden218).

Aber die braven Gaelen sollten noch schwerer ihre bergromantische Idolatrie für die „großen Männer“ des Clans abbüßen. Der Fischgeruch stieg den großen Männern in die Nase. Sie witterten etwas Profitliches dahinter und verpachteten das Seegestade den großen Fischhändlern von London. Die Gaelen wurden zum zweitenmal verjagt219).

Endlich aber wird ein Theil der Schaftriften rückverwandelt in Jagdrevier. Man weiß, daß es keine ernsthaften Wälder in England giebt. Das Wild in den Parks der Großen ist konstitutionelles Haus||717|vieh, fett wie Londoner Aldermen. Schottland ist daher das letzte Asyl der „noblen Passion“. „In den Hochlanden,“ sagt Somers, 1848, „sind die Waldungen sehr ausgedehnt worden. Hier auf der einen Seite von Gaick habt ihr den neuen Wald von Glenfeshie, und dort, auf der andern Seite, den neuen Wald von Ardverikie. In derselben Linie habt ihr den Black Mount, eine ungeheure Wüste, neulich errichtet. Von Ost zu West, von der Nachbarschaft von Aberdeen bis zu den Klippen von Oban, habt ihr jetzt eine fortlaufende Waldlinie, während sich in andern Theilen der Hochlande die neuen Wälder von Loch Archaig, Glengarry, Glenmoriston u. s. w. befinden … Die Verwandlung ihres Landes in Schafweide trieb die Gaelen auf unfruchtbareren Boden. Jetzt fängt Rothwild an das Schaf zu ersetzen und treibt jene in noch zermalmenderes Elend … Die Wildwaldungen und das Volk können nicht neben einander existiren. Eines oder das andre muß jedenfalls den Platz räumen. Laßt die Jagden in Zahl und Umfang im nächsten Vierteljahrhundert wachsen wie im vergangenen, und ihr werdet keinen Gaelen mehr auf seiner heimischen Erde finden. Diese Bewegung unter den Hochlands-Eigenthümern ist theils der Mode geschuldet, aristokratischem Kitzel, Jagdliebhaberei u. s. w., theils aber betreiben sie den Wildhandel ausschließlich mit einem Auge auf den Profit. Denn es ist Thatsache, daß ein Stück Bergland, in Jagdung angelegt, in vielen Fällen ungleich profitabler ist denn als Schaftrift … Der Liebhaber, der ein Jagdrevier sucht, beschränkt sein Angebot nur durch die Weite seiner Börse … Leiden sind über die Hochlande verhängt worden nicht minder grausam als die Politik normännischer Könige sie über England verhing. Rothwild hat freieren Spielraum erhalten, während die Menschen in engen und engeren Zirkel gehetzt wurden … Eine Freiheit des Volks nach der andern ward ihm geraubt … Und die Unterdrückung wächst noch täglich. Die Lichtung und Vertreibung des Volks werden von den Eigenthümern als festes Princip verfolgt, als eine agrikole Nothwendigkeit, ganz wie Bäume und Gesträuch in den Wildnissen Amerika's und Australiens weggefegt werden, und die Operation geht ihren ruhigen, geschäftsmäßigen Gang“220). |

|718| Der Raub der Kirchengüter, die fraudulente Veräußerung der Staatsdomänen, der Diebstahl des Gemeindeeigenthums, die usurpatorische und mit rücksichtslosem Terrorismus vollzogne Verwandlung von feudalem und Claneigenthum in modernes Privateigenthum, es waren ebenso viele idyllische Methoden der ursprünglichen Accumulation. Durch sie ward das Feld für die kapitalistische Agrikultur erobert, der Grund ||719| und Boden dem Kapital einverleibt, der städtischen Industrie die nöthige Zufuhr von vogelfreiem Proletariat geschaffen.

Die durch Auflösung der feudalen Gefolgschaften und durch stoßweise, gewaltsame Expropriation von Grund und Boden Verjagten, dieß vogelfreie Proletariat konnte unmöglich eben so rasch von der aufkommenden Manufaktur absorbirt werden als es auf die Welt gesetzt ward. Andrerseits konnten die plötzlich aus ihrer gewohnten Lebensbahn Herausgeschleuderten sich nicht eben so plötzlich in die Disciplin des neuen Zustandes finden. Sie verwandelten sich massenhaft in Bettler, Räuber, Vagabunden, zum Theil aus Neigung, in den meisten Fällen durch den Zwang der Umstände. Ende des 15. und während des ganzen 16. Jahrh. daher in ganz Westeuropa eine Blutgesetzgebung wider Vagabundage. Die Väter der jetzigen Arbeiterklasse wurden zunächst für die ihnen angethane Verwandlung in Vagabunden und Paupers gezüchtigt. Die Gesetzgebung behandelte sie als „frei- willige“ Verbrecher und unterstellte, daß es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr existirenden alten Verhältnissen fortzuarbeiten.

In England begann jene Gesetzgebung unter Heinrich VII.

Heinrich VIII., 1530: Alte und arbeitsunfähige Bettler erhalten eine Bettellicenz. Dagegen Auspeitschung und Einsperrung für handfeste Vagabunden. Sie sollen an einen Karren hinten angebunden und gegeißelt werden, bis das Blut von ihrem Körper strömt, dann einen Eid schwören, zu ihrem Geburtsplatz, oder dorthin, wo sie die letzten drei Jahre gewohnt, zurückzukehren und „sich an die Arbeit zu setzen“ (to put himself to labour). Welche grausame Ironie! 27 Heinrich VIII. wird das vorige Statut wiederholt, aber durch neue Zusätze verschärft. Bei zweiter Ertappung auf Vagabundage soll die Auspeitschung wiederholt und das halbe Ohr abgeschnitten, bei dritter Recidive aber der Betroffene als schwerer Verbrecher und Feind des Gemeinwesens hingerichtet werden.

Edward VI.: Ein Statut aus seinem ersten Regierungsjahr, 1547, verordnet, daß wenn Jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeurtheilt werden, die ihn als Müßiggänger denuncirt hat. Der Meister soll seinen Sklaven mit Brod und Wasser nähren, schwachem Getränk und solchen Fleischabfällen, die er passend dünkt. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und ||720| Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurtheilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräther hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie anderes bewegliches Gut und Vieh. Unternehmen die Sklaven etwas gegen die Herrschaft, so sollen sie ebenfalls hingerichtet werden. Friedensrichter sollen auf Information den Kerls nachspüren. Findet sich, daß ein Herumstreicher drei Tage gelungert hat, so soll er nach seinem Geburtsort gebracht, mit rothglühendem Eisen auf die Brust mit dem Zeichen V gebrandmarkt, und dort in Ketten auf der Straße oder zu sonstigen Diensten verwandt werden. Giebt der Vagabund einen falschen Geburtsort an, so soll er zur Strafe der lebenslängliche Sklave dieses Orts, der Einwohner oder Korporation sein und mit S gebrandmarkt werden. Alle Personen haben das Recht, den Vagabunden ihre Kinder wegzunehmen und als Lehrlinge, Jungen bis zum 24. Jahr, Mädchen bis zum 20. Jahr, zu halten. Laufen sie weg, so sollen sie bis zu diesem Alter die Sklaven der Lehrmeister sein, die sie in Ketten legen, geißeln u. s. w. können, wie sie wollen. Jeder Meister darf einen eisernen Ring um Hals, Arme oder Beine seines Sklaven legen, damit er ihn besser kennt und seiner sichrer ist221). Der letzte Theil dieses Statuts sieht vor, daß gewisse Arme von dem Ort oder den Individuen beschäftigt werden sollen, die ihnen zu essen und zu trinken geben und Arbeit für sie finden wollen. Diese Sorte Pfarreisklaven hat sich bis tief ins 19. Jahrhundert in England erhalten unter dem Namen roundsmen (Umgeher).

Elisabeth, 1572: Bettler ohne Licenz und über 14 Jahre alt sollen hart gepeitscht und am linken Ohrlappen gebrandmarkt werden, falls sie keiner für zwei Jahre in Dienst nehmen will; im Wiederholungsfall, wenn über 18 Jahre alt, sollen sie – hingerichtet werden, falls sie Niemand für zwei Jahre in Dienst nehmen||721|will, bei dritter Recidive aber ohne Gnade als Staatsverräther hingerichtet werden. Aehnliche Statute: 18 Elisabeth c. 13 und 1597.

Jakob I.: Eine herumwandernde und bettelnde Person wird für einen Landstreicher und Vagabunden erklärt. Die Friedensrichter in den Petty Sessions sind bevollmächtigt, sie öffentlich auspeitschen zu lassen und bei erster Ertappung 6 Monate, bei zweiter 2 Jahre ins Gefängniß zu sperren. Während des Gefängnisses soll sie so oft und so viel gepeitscht werden, als die Friedensrichter für gut halten … Die unverbesserlichen und gefährlichen Landstreicher sollen auf der linken Schulter mit R gebrandmarkt und zur Zwangsarbeit gesetzt, und wenn man sie wieder auf dem Bettel ertappt, ohne Gnade und ohne geistlichen Beistand hingerichtet werden. Diese Anordnungen, gesetzgültig bis in die erste Zeit des 18. Jahrhunderts, wurden erst aufgehoben durch 12 Anna 23.

Aehnliche Gesetze in Frankreich, wo sich Mitte des 17. Jahrhunderts ein Vagabundenkönigreich (truands) zu Paris etablirt hatte. Noch in der ersten Zeit Ludwig's XVI. (Ordonnanz vom 13. Juli 1777) sollte jeder gesund gebaute Mensch vom 16. bis 60. Jahr, wenn ohne Existenzmittel und Ausübung einer Profession, auf die Galeeren geschickt werden. Aehnlich das Statut Karl's V. für die Niederlande vom Oktober 1531, das erste Edikt der Staaten und Städte von Holland vom 19. März 1614, das Plakat der Vereinigten Provinzen vom 25. Juni 1649 u. s. w.

So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriirte, verjagte und zum großen Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit nothwendige Disciplin hineingepeitscht, gebrandmarkt, gefoltert.

Es ist nicht genug, daß die Arbeitsbedingungen auf den einen Pol als Kapital treten und auf den andern Pol Menschen, welche nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft. Es genügt auch nicht sie zu zwingen, sich freiwillig zu verkaufen. Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die beständige Erzeugung einer relativen Uebervölkerung hält das Gesetz der Zufuhr von und Nachfrage nach Arbeit, und daher den Arbeitslohn, in einem den Verwerthungsbedürfnissen des Kapitals entsprechenden Gleise, der stumme Zwang | |722| der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird daher nur ausnahmsweise angewandt. Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den „Naturgesetzen der Produktion“ überlassen werden, d. h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst entspringenden, durch sie garantirten und verewigten Abhängigkeit vom Kapital. Anders während der historischen Genesis der kapitalistischen Produktion. Die aufkommende Bourgeoisie braucht und verwendet die Staatsgewalt, um den Arbeitslohn zu „reguliren“, d. h. innerhalb der Plusmacherei zusagender Schranken zu zwängen, um den Arbeitstag zu verlängern, und den Arbeiter selbst im normalen Abhängigkeitsgrad zu erhalten. Es ist dieß ein wesentliches Moment der s. g. ursprünglichen Accumulation.

Die Klasse der Lohnarbeiter, die in der letzten Hälfte des 14. Jahrh. entstand, bildete damals und im folgenden Jahrhundert nur einen sehr geringen Volksbestandtheil, der in seiner Stellung stark beschützt war durch die selbstständige Bauernwirthschaft auf dem Land und die Zunftorganisation der städtischen Industrie. In Land und Stadt standen sich Meister und Arbeier social nahe. Die Subsumtion der Arbeit unter das Kapital war nur formell, d. h. die Produktionsweise selbst besaß noch keinen specifisch kapitalistischen Charakter. Das variable Element des Kapitals wog sehr vor über sein constantes. Die Nachfrage nach Lohnarbeit wuchs daher rasch mit jeder Accumulation des Kapitals, während die Zufuhr von Lohnarbeit nur langsam nachfolgte. Ein großer Theil des nationalen Produkts, später in Accumulationsfonds des Kapitals verwandelt, ging damals noch in den Konsumtionsfonds des Arbeiters ein.

Die Gesetzgebung über die Lohnarbeit, von Haus aus auf Exploitation des Arbeiters gemünzt und ihm in ihrem Fortgang stets gleich feindlich222), wird in England eröffnet durch das Statute of Labourers Edward's III., 1349. Ihm entspricht in Frankreich die Ordonnanz von 1350, erlassen im Namen des Königs Jean. Die englische und die französische Gesetzgebung laufen parallel und sind dem Inhalt nach iden||723|tisch. Soweit die Arbeitsstatuten Verlängerung des Arbeitstags zu erzwingen suchen, komme ich nicht auf sie zurück, da dieser Punkt früher (III. Kapitel, 4. Abschnitt) erörtert.

Das Statute of Labourers wurde erlassen auf dringende Klage des Hauses der Gemeinen. „Früher“, sagt naiv ein Tory, „verlangten die Armen so hohen Arbeitslohn, daß sie Industrie und Reichthum bedrohten. Jetzt ist ihr Lohn so niedrig, daß er ebenfalls Industrie und Reichthum bedroht und vielleicht gefährlicher als damals“223). Ein gesetzlicher Lohntarif ward festgesetzt für Stadt und Land, für Stückwerk und Tagwerk. Die ländlichen Arbeiter sollen sich aufs Jahr, die städtischen „auf offnem Markt“ verdingen. Es wird bei Gefängnisstrafe untersagt, höheren als den statutarischen Lohn zu zahlen, aber der Empfang höheren Lohns wird stärker bestraft als seine Zahlung. So wird auch noch in Sect. 18 und 19 des Lehrlingsstatuts von Elisabeth zehntägige Gefängnisstrafe über den verhängt, der höheren Lohn zahlt, dagegen einundzwanzigtägige Gefängnisstrafe über den, der ihn nimmt. Das Statut von 1360 verschärft die Strafen und ermächtigt den Meister sogar, durch körperlichen Zwang Arbeit zum gesetzlichen Lohntarif zu erpressen. Alle Kombination, Verträge, Eide u. s. w., wodurch sich Maurer und Zimmerleute wechselseitig banden, werden für null und nichtig erklärt. Arbeiter- koalition wird als schweres Verbrechen behandelt vom 14. Jahrhundert bis 1825, dem Jahr der Abschaffung der Antikoalitionsgesetze. Der Geist des Arbeiterstatuts von 1349 und seiner Nachgeburten leuchtet hell daraus hervor, daß zwar ein Maximum des Arbeitslohns von Staatswegen diktirt wird, aber bei Leibe kein Minimum.

Im 16. Jahrhundert hatte sich, wie man weiß, die Lage der Arbeiter sehr verschlechtert. Der Geldlohn stieg, aber nicht im Verhältniß zur Depreciation des Geldes und dem entsprechenden Steigen der Waarenpreise. Der Lohn fiel also in der That. Dennoch dauerten die Gesetze zum Behuf seiner Herabdrückung fort zugleich mit dem Ohrenabschneiden und Brandmarken derjenigen, „die Niemand in Dienst nehmen wollte“. Durch das Lehrlingsstatut 5 Elisabeth 4 wurden die Friedensrichter ||724| ermächtigt, gewisse Löhne festzusetzen und nach Jahreszeiten und Waarenpreisen zu modificiren. Jakob I. dehnte diese Arbeitsregulation auch auf Weber, Spinner und alle möglichen Arbeiterkategorieen aus224), Georg II. die Gesetze gegen Arbeiterkoalition auf alle Manufakturen. In der eigentlichen Manufakturperiode war die kapitalistische Produktionsweise hinreichend erstarkt, um alle gesetzliche Regulation des Arbeitslohns eben so unausführbar als überflüssig zu machen, aber man liebte für den Nothfall das alte Arsenal offen zu halten. Noch 8 George II. verbot für Schneidergesellen in London und Umgegend mehr als 2 sh. 7 1 2 d. Taglohn, außer in Fällen allgemeiner Trauer, noch 13 George III. c. 68 überwies die Reglung des Arbeitslohns der Seidenwirker den Friedensrichtern, noch 1796 bedurfte es zweier Urtheile der höheren Gerichtshöfe zur Entscheidung, ob friedensrichterliche Befehle über Arbeitslohn auch für Nicht-Agrikulturarbeiter gültig seien, noch 1799 bestätigte ein Parlamentsakt, daß der Lohn der Grubenarbeiter von Schottland durch ein Statut der Elisabeth und zwei schottische Akte von 1661 und 1671 regulirt sei. Wie sehr unterdeß die Verhältnisse revolutionirt waren, bewies ein im ||725| englischen Unterhaus unerhörter Vorfall. Hier, wo man seit mehr als 400 Jahren ausschließlich Gesetze fabricirt hatte über das Maximum, welches der Arbeitslohn platterdings nicht übersteigen dürfe, schlug Whitbread 1796 ein gesetzliches Lohnminimum für Agrikulturarbeiter vor … Obgleich Pitt sich widersetzte, gab er zu, daß die „Lage der Armen grausam (cruel) sei“. Endlich, 1813, wurden die Gesetze über Lohnregulation abgeschafft. Sie waren eine lächerliche Anomalie, seitdem der Kapitalist durch seine Privatgesetzgebung die Fabrik regulirte und durch die Armensteuer den Lohn des Landarbeiters zum unentbehrlichen Minimum ergänzen ließ. Die Bestimmungen der Arbeiterstatute über Kontrakte zwischen Meister und Lohnarbeiter, über Terminkündigung u. dergl., welche nur eine Civilklage gegen den kontraktbrüchigen Meister, aber Kriminalklage gegen den kontraktbrüchigen Arbeiter erlauben, stehn bis zur Stunde in voller Blüthe. Die grausamen Gesetze gegen Koalition fielen 1825 vor der drohenden Haltung des Proletariats. Das Parlament gab sie nur widerwillig auf225), dasselbe Parlament, welches Jahrhunderte durch mit der cynischsten Unverschämtheit als permanente Koalition der Kapitalisten gegen die Arbeiter funktionirt hatte.

Gleich im Beginn des Revolutionssturms wagte die französische Bourgeoisie das eben erst eroberte Associationsrecht den Arbeitern wieder zu entziehn. Durch Dekret vom 14. Juni 1791 erklärte sie alle Arbeiterkoalition für ein „Attentat auf die Freiheit und die Erklärung der Menschenrechte“, strafbar mit 500 Livres nebst einjähriger Entziehung der aktiven Bürgerrechte id="ZM226" href="#M226">226). Dieß Gesetz, ||726| welches den Konkurrenzkampf zwischen Kapital und Arbeit staatspolizeilich innerhalb der dem Kapital bequemen Schranken einzwängt, überlebte Revolutionen und Dynastiewechsel. Selbst die Schreckensregierung ließ es unangetastet. Es ward erst ganz neulich aus dem Code Pénal gestrichen. Nichts charakteristischer als der Vorwand dieses bürgerlichen Staatsstreichs. „Obgleich“, sagt Chapelier, der Berichterstatter, „es wünschenswerth, daß der Arbeitslohn höher steige als er jetzt steht, damit der, der ihn empfängt, außerhalb der absoluten Abhängigkeit sei, welche die Entbehrung der nothwendigen Lebensmittel producirt, und welche fast die Abhängigkeit der Sklaverei ist“, dürfen dennoch die Arbeiter sich nicht über ihre Interessen verständigen, gemeinsam handeln und dadurch ihre „absolute Abhängigkeit, welche fast Sklaverei ist“, mäßigen, weil sie eben dadurch „die Freiheit ihrer ci-devant maîtres, der jetzigen Unternehmer“, verletzen (die Freiheit, die Arbeiter in der Sklaverei zu erhalten!), und weil eine Koalition gegen die Despotie der ehemaligen Meister der Corporationen – man rathe! – eine Herstellung der durch die französische Konstitution abgeschafften Corporationen ist!227)

Nachdem wir die gewaltsame Schöpfung vogelfreier Proletarier betrachtet, die blutige Disciplin, welche sie in Lohnarbeiter verwandelt, die schmutzige Haupt- und Staatsaktion, die mit dem Exploitationsgrad der Arbeit die Accumulation des Kapitals polizeilich steigert, fragt sich, wo kommen die Kapitalisten ursprünglich her? Denn die Expropriation des Landvolks schafft unmittelbar nur große Grundeigenthümer. Was die Genesis des Pächters betrifft, so können wir sie so zu sagen mit der Hand betappen, weil sie ein langsamer, über viele Jahrhunderte sich fortwälzender Prozeß ist. Die Leibeignen selbst, woneben auch freie kleine Landeigner, befanden sich in sehr verschiednen Besitzverhältnissen und wurden daher auch unter sehr verschiednen ökonomischen Bedingungen emancipirt. In England ist die erste Form des Pächters der selbst leibeigne Bailiff. Seine Stellung ist ähnlich der des altrömischen Villicus, nur in engerer Wirkungssphäre. Während der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wird er ersetzt durch einen freien Pächter, den der Landlord mit Samen, Vieh und Ackerwerkzeug versieht. Seine Lage ist nicht sehr verschieden von ||727| der des Bauern. Nur beutet er mehr Lohnarbeit aus. Er wird bald Metair, Halbpächter. Er stellt einen Theil des Ackerbaukapitals, der Landlord den andern. Beide theilen das Gesammtprodukt in kontraktlich bestimmter Proportion. Diese Form verschwindet in England rasch, um der des eigentlichen Pächters Platz zu machen, welcher sein eignes Kapital durch Anwendung von Lohnarbeitern verwerthet und einen Theil des Surplusprodukts, in Geld oder in natura, dem Landlord als Grundrente zahlt. So lange, während des 15. Jahrhunderts, der unabhängige Bauer und der neben dem Lohndienst zugleich selbstwirthschaftende Ackerknecht sich selbst durch ihre Arbeit bereichern, bleiben die Umstände des Pächters und sein Produktionsfeld gleich mittelmäßig. Die Agrikulturrevolution im letzten Drittheil des 15. Jahrhunderts, die fast während des ganzen 16. Jahrhunderts (jedoch mit Ausnahme seiner letzten Decennien) fortwährt, bereichert ihn eben so rasch als sie das Landvolk verarmt228). Die Usurpation von Gemeindeweiden u. s. w. erlaubt ihm große Vermehrung seines Viehstands fast ohne Kosten, während ihm das Vieh reichlichere Düngungsmittel zur Bestellung des Bodens liefert. Im 16. Jahrh. kommt ein entscheidend wichtiges Moment hinzu. Damals waren die Pachtkontrakte lang, oft für 99 Jahre laufend. Die kontinuirliche Depreciation der edlen Metalle und daher des Geldes trug dem Pächter goldne Früchte. Von allen andren, früher erörterten Umständen abgesehn, senkte sie den Arbeitslohn. Ein Bruchstück desselben wurde dem Pachtprofit annexirt. Das fortwährende Steigen der Preise von Korn, Wolle, Fleisch, kurz sämmtlicher Agrikulturprodukte, schwellte das Geldkapital des Pächters ohne sein Zuthun, während die Grundrente, die er zu zahlen hatte, im veralteten Geldwerth kontrahirt war. So bereicherte er sich gleichzeitig auf Kosten seiner Lohnarbeiter und seines Landlords. Kein Wunder also, wenn England Ende des 16. Jahrhunderts eine Klasse für die damaligen Verhältnisse reicher „Kapitalpächter“ besaß229). |

|728| Die stoßweise und stets erneuerte Expropriation und Verjagung des Landvolks lieferte, wie man sah, der städtischen Industrie wieder und wieder Massen ganz außerhalb der Zunftverhältnisse stehender Proletarier, ein weiser Umstand, der den alten Anderson (nicht zu verwechseln mit James Anderson) in seiner Handelsgeschichte an direkte Intervention der Vorsehung glauben läßt. Wir müssen noch einen Augenblick bei diesem Element der ursprünglichen Accumulation verweilen. Der Verdünnung des unabhängigen, selbstwirthschaftenden Landvolks entsprach nicht nur die Verdichtung des industriellen Proletariats, wie Geoffroy Saint-Hilaire die Verdichtung der Weltmaterie hier durch ihre Verdünnung dort erklärt230). Trotz der verminderten Zahl seiner Bebauer trug der Boden nach wie vor gleich viel oder mehr Produkt, weil die Revolution in den Grundeigenthumsverhältnissen von verbesserten Methoden der Kultur, größerer Cooperation, Koncentration der Produktionsmittel u. s. w. begleitet war, und weil die ländlichen Lohnarbeiter nicht nur intensiver angespannt wurden231), sondern auch das Produktionsfeld, worauf sie für sich ||729| selbst arbeiteten, mehr und mehr zusammenschmolz. Mit dem freigesetzten Theil des Landvolks werden also auch seine früheren Nahrungsmittel freigesetzt. Sie verwandeln sich jetzt in stoffliches Element des variablen Kapitals. Der an die Luft gesetzte Bauer muß ihren Werth von seinem neuen Herrn, dem industriellen Kapitalisten, in der Form des Arbeitslohns erkaufen. Wie mit den Lebensmitteln, verhielt es sich mit dem heimischen agrikolen Rohmaterial der Industrie. Es verwandelte sich in ein Element des constanten Kapitals. Man unterstelle z. B. einen Theil der westphälischen Bauern, die zu Friedrich's II. Zeit alle Flachs, wenn auch keine Seide spannen, gewaltsam expropriirt und von Grund und Boden verjagt, den andern zurückbleibenden Theil aber in Taglöhner großer Pächter verwandelt. Gleichzeitig erheben sich große Flachsspinnereien und Webereien, worin die „Freigesetzten“ nun lohnarbeiten. Der Flachs sieht grad aus wie vorher. Keine Fiber an ihm ist verändert, aber eine neue sociale Seele ist ihm in den Leib gefahren. Er bildet jetzt einen Theil des constanten Kapitals der Manufakturherrn. Früher vertheilt unter eine Unmasse kleiner Producenten, die ihn selbst bauten und in kleinen Portionen mit ihren Familien verspannen, ist er jetzt koncentrirt in der Hand eines Kapitalisten, der andre für sich spinnen und weben läßt. Die in der Flachsspinnerei verausgabte Extraarbeit realisirte sich früher in Extraeinkommen zahlloser Bauernfamilien oder auch, zu Friedrich's II. Zeit, in Steuern pour le roi de Prusse. Sie realisirt sich jetzt im Profit weniger Kapitalisten. Die Spindeln und Webstühle, früher vertheilt über das flache Land, sind jetzt in wenigen großen Arbeitskasernen zusammengerückt, wie die Arbeiter, wie das Rohmaterial. Und Spindeln und Webstühle und Rohmaterial sind aus Mitteln unabhängiger Existenz für Spinner und Weber selbst verwandelt in Mittel sie zu kommandiren232) und ihnen unbezahlte Arbeit auszusaugen. Den großen Manufakturen sieht man es nicht an, wie den großen Pachten, daß sie aus vielen kleinen Produktionsstätten zusam- mengeschlagen und durch die Expropriation vieler kleiner unabhängiger ||730| Producenten gebildet sind. Jedoch läßt sich die unbefangne Anschauung nicht beirren. Zur Zeit Mirabeau's, des Revolutionslöwen, hießen die großen Manufakturen noch manufactures réunies, zusammengeschlagene Werkstätten, wie wir von zusammengeschlagenen Aeckern sprechen. „Man sieht nur“, sagt Mirabeau, „die großen Manufakturen, wo Hunderte von Menschen unter einem Direktor arbeiten, und die man gewöhnlich vereinigte Manufakturen (manufactures réunies) nennt. Diejenigen dagegen, wo eine sehr große Anzahl Arbeiter zersplittert und jeder für seine eigne Rechnung arbeitet, werden kaum eines Blicks gewürdigt. Man stellt sie ganz in den Hintergrund. Dieß ist ein sehr großer Irrthum, denn sie allein bilden einen wirklich wichtigen Bestandtheil des Volksreichthums … Die vereinigte Fabrik (fabrique réunie) wird einen oder zwei Unternehmer wunderbar bereichern, aber die Arbeiter sind nur besser oder schlechter bezahlte Taglöhner und nehmen in Nichts am Wohlsein des Unternehmers theil. In der getrennten Fabrik (fabrique séparée) dagegen wird Niemand reich, aber eine Menge Arbeiter befindet sich im Wohlstand … Die Zahl der fleißigen und wirthschaftlichen Arbeiter wird wachsen, weil sie in weiser Lebensart, in Thätigkeit ein Mittel erblicken, ihre Lage wesentlich zu verbessern, statt eine kleine Lohnerhöhung zu gewinnen, die niemals ein wichtiger Gegenstand für die Zukunft sein kann, sondern die Leute höchstens befähigt etwas besser von der Hand in den Mund zu leben. Die ge- trennten individuellen Manufakturen, meist mit kleiner Landwirthschaft verbunden, sind die freien233). Die Expropriation und Verjagung eines Theils des Landvolks setzt mit den Arbeitern nicht nur ihre Lebensmittel und ihr Arbeitsmaterial für das industrielle Kapital frei, sie schafft den inneren Markt234). Der Pächter verkauft nun als Waare und massenhaft Lebens||731|mittel und Rohmaterial, die früher großentheils von ihren ländlichen Producenten und Verarbeitern als unmittelbare Subsistenzmittel verzehrt wurden. Die Manufakturen liefern ihm den Markt. Andrerseits koncentriren sich nicht nur die vielen zerstreuten Kunden, die von den vielen kleinen Producenten ihre lokale Detailzufuhr bezogen, in einen großen Markt für das industrielle Kapital; ein großer Theil der früher auf dem Land selbst producirten Artikel wird in Manufakturartikel verwandelt, und das Land selbst in einen Markt für ihren Verkauf. Hand in Hand mit der Expropriation und Losscheidung früher selbstwirthschaftender Bauern von ihren Produktionsmitteln geht so die Vernichtung der ländlichen Nebenindustrie, der Scheidungsproceß von Manufaktur und Agrikultur. Jedoch bringt es die eigentliche Manufakturperiode zu keiner radikalen Umgestaltung. Man erinnert sich, daß sie sich der nationalen Produktion nur sehr stückweis bemächtigt und immer auf städtischem Handwerk und häuslich-ländlicher Nebenindustrie als breitem Hintergrund ruht. Wenn sie letztere unter einer Form, in besondern Geschäftszweigen, auf gewissen Punkten vernichtet, ruft sie dieselbe auf andern wieder hervor, weil sie derselben zur Bearbeitung des Rohmaterials bis zu einem bestimmten Grad bedarf. Sie producirt daher eine neue Klasse kleiner Landleute, welche die Bodenbestellung als Nebenzweig und die industrielle Arbeit zum Verkauf des Produkts an die Manufaktur, direkt, oder auf dem Umweg des Kaufmanns, als Hauptgeschäft treiben. Dieß ist ein Grund, wenn auch nicht der Hauptgrund, eines Phänomens, welches den Forscher der englischen Geschichte zunächst verwirrt. Vom letzten Drittheil des 15. Jahrhunderts an findet er fortlaufende, nur in gewissen Intervallen unterbrochne Klage über die zunehmende Kapitalwirthschaft auf dem Land und die progressive Vernichtung der Bauern- schaft. Andrerseits findet er sie stets wieder von neuem vor, wenn auch in verminderter Zahl und unter stets verschlechterter ||732| Form235). Der Hauptgrund ist: England ist vorzugsweise bald Kornbauer, bald Viehzüchter, in Wechselperioden, und mit diesen Schwankungen, die bald nach mehr als halben Jahrhunderten zählen, bald nach wenigen Decennien, schwankt der Umfang des bäuerlichen Betriebs. Erst die große Industrie liefert der kapitalistischen Agrikultur mit der Maschinerie die constante Grundlage, expropriirt radikal die ungeheure Mehrzahl des Landvolks und vollendet die Scheidung des Ackerbaus von der häuslich-ländlichen Indu- strie, deren Wurzel sie ausreißt – Spinnerei und Weberei236). Sie erobert daher auch erst dem industriellen Kapital den ganzen inneren Markt237). |

|733| Die Genesis des industriellen238) Kapitalisten ging nicht in derselben allmählichen Weise vor wie die des Pächters. Zweifelsohne verwandelten sich manche kleine Zunftmeister und noch mehr selbstständige kleine Handwerker oder auch Lohnarbeiter in kleine Kapitalisten und durch allmählich ausgedehntere Exploitation von Lohnarbeit und entsprechende Accumulation in Kapitalisten sans phrase. In der Kindheitsperiode der kapitalistischen Produktion ging's vielfach zu wie in der Kindheitsperiode des mittelaltrigen Städtewesens, wo die Frage, wer von den entlaufenen Leibeigenen soll Meister sein und wer Diener, großentheils durch das frühere oder spätere Datum ihrer Flucht entschieden wurde. Indeß entsprach der Schneckengang dieser Methode in keiner Weise den Handelsbedürfnissen des neuen Weltmarkts, welchen die großen Entdeckungen Ende des 15. Jahrh. geschaffen hatten. Aber das Mittelalter hatte zwei verschiedne Formen des Kapitals überliefert, die in den verschiedensten ökonomischen Gesellschaftsformationen reifen und, vor der Aera der kapitalistischen Produktionsweise, als Kapital quand même gelten – das Wucherkapital239) und das Kaufmannskapital. Das durch Wucher und Handel gebildete Geld- kapital wurde durch die Feudalverfassung auf dem Land, durch die Zunftverfassung in den Städten an ||734|seiner Verwandlung in industrielles Kapital behindert240). Diese Schranken fielen mit der Auflösung der feudalen Gefolgschaften, mit der Expropriation und theilweisen Verjagung des Landvolks. Die neue Manufaktur ward in See-Exporthäfen errichtet oder auf Punkten des flachen Landes, außerhalb der Kontrole des alten Städtewesens und seiner Zunftverfassung. In England daher erbitterter Kampf der corporate towns gegen diese neuen industriellen Pflanzschulen.

Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung, und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröthe der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Accumulation. Auf dem Fuß folgt der Handelskrieg der europäischen Nationen, mit dem Erdrund als Schauplatz. Er beginnt mit dem Abfall der Niederlande von Spanien, nimmt Riesendimensionen an in Englands Antijakobinerkrieg, spielt noch fort in den Opiumkriegen gegen China u. s. w.

Diese Methoden der ursprünglichen Accumulation vertheilen sich mehr oder minder, in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England werden sie Ende des 17. Jahrh. systematisch zusammengefaßt im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Theil auf brutalster Gewalt, wie das Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die koncentrirte und organisirte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu beschleunigen und die Uebergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie ist selbst eine ökonomische Potenz.

Von dem christlichen Kolonialsystem sagt ein Mann, der aus dem Christenthum eine Specialität macht, W. Howitt: „Die Barbareien und ruchlosen Greuelthaten der s. g. christlichen Racen, in jeder Region der ||735| Welt und gegen jedes Volk, das sie unterjochen konnten, finden keine Parallele in irgend einer Aera der Weltgeschichte, bei irgend einer Race, ob noch so wild, ungebildet, mitleidslos und schamlos“241). Die Geschichte der holländischen Kolonialwirthschaft – und Holland war die kapitalistische Musternation des 17. Jahrhunderts – „entrollt ein unübertreffbares Gemälde von Verrath, Bestechung, Meuchelmord und Niedertracht“242). Nichts charakteristischer als ihr System des Menschendiebstahls in Celebes, um Sklaven für Java zu erhalten. Die Menschenstehler wurden zu diesem Zweck abgerichtet. Der Dieb, der Dolmetscher und der Verkäufer waren die Hauptagenten in diesem Handel, eingeborne Prinzen die Hauptverkäufer. Die weggestohlne Jugend wurde in den Geheimgefängnissen von Celebes versteckt, bis reif zur Verschickung auf die Sklavenschiffe. Ein officieller Bericht sagt: „Diese eine Stadt von Makassar z. B. ist voll von geheimen Gefängnissen, eins schauderhafter als das andre, gepfropft mit Elenden, Opfern der Habsucht und Tyrannei, in Ketten gefesselt, ihren Familien gewaltsam entrissen.“ Um sich Malacca's zu bemächtigen, bestachen die Holländer den portugiesischen Gouverneur. Er ließ sie 1641 in die Stadt ein. Sie eilten sofort zu seinem Hause und meuchelmordeten ihn, um auf die Zahlung der Bestechungssumme von 21 875 Pfd. St. zu „entsagen“. Wo sie die Füße hinsetzten, folgte Verödung und Entvölkerung. Die Population einer Provinz von Java, Baniyuwángy, zählte 1750 über 80 000 Einwohner, 1811 nur noch 8000. Das ist der doux commerce!

Die englisch-ostindische Kompagnie erhielt bekanntlich, außer der politischen Herrschaft in Ostindien, das exklusive Monopol des Theehandels, wie des chinesischen Handels überhaupt und des Gütertransports von und zu Europa. Aber die Küstenschifffahrt von Indien und zwischen ||736| den Inseln, wie der Handel im Innern Indiens wurden Monopol der höhern Beamten der Kompagnie. Die Monopole von Salz, Opium, Betel und andern Waaren waren unerschöpfliche Minen des Reichthums. Die Beamten selbst setzten die Preise fest und schindeten nach Belieben den unglücklichen Hindu. Der Generalgouverneur nahm Theil an diesem Privathandel. Seine Günstlinge erhielten Kontrakte unter Bedingungen, wodurch sie, klüger als die Alchymisten, aus Nichts Gold machten. Große Vermögen sprangen wie die Pilze an einem Tage auf, die ursprüngliche Accumulation ging von Statten ohne Vorschuß eines Schillings. Die gerichtliche Verfolgung des Warren Hastings wimmelt von solchen Beispielen. Hier ein Fall. Ein Opiumkontrakt wird einem gewissen Sullivan zugetheilt, obgleich er in öffentlichem Auftrag zu einem von den Opiumdistrikten ganz entlegenen Theil Indiens reiste. Sullivan verkauft seinen Kontrakt für 40 000 Pfd. St. an einen gewissen Binn, Binn verkauft ihn seinerseits denselben Tag für 60 000 Pfd. St., und der schließliche Käufer und Ausführer des Kontrakts erklärt, daß er hinterher noch einen ungeheuren Gewinn herausschlug. Nach einer dem Parlament vorgelegten Liste ließen sich die Kompagnie und ihre Beamten von 1757-1766 von den Indiern 6 Millionen Pfd. St. schenken! Zwischen 1769 und 1770 fabricirten die Engländer eine Hungersnoth durch den Aufkauf von allem Reis und durch Weigerung des Wiederverkaufs außer zu fabelhaften Preisen243).

Die Behandlung der Eingeborenen war natürlich am tollsten in den nur zum Exporthandel bestimmten Pflanzungen, wie Westindien, und in den dem Raubmord preisgegebnen reichen und dichtbevölkerten Ländern, wie Mexico und Ostindien. Jedoch auch in den eigentlichen Kolonien verläugnete sich der christliche Charakter der ursprünglichen Accumulation nicht. Jene nüchternen Virtuosen des Protestantismus, die Puritaner, setzten durch Beschlüsse ihrer Assembly 1703 eine Prämie von 40 Pfd. St. auf jedes indianische Scalp und jede gefangne Rothhaut, 1720 Prämie von 100 Pfd. St. auf jedes Scalp, 1744, nachdem Massachussets-Bay einen gewissen Tribus zum Rebellen erklärt hatte, folgende Preise ||737| für männliches Scalp, 12 Jahre und drüber, 100 Pfd. St. neuer Währung, für männliche Gefangene 105 Pfd. St., für gefangene Weiber und Kinder 55 Pfd. St., für Scalps von Weibern und Kindern 50 Pfd. St.! Einige Decennien später rächte sich das Kolonialsystem an der unterdeß aufrührisch gewordenen Nachkommenschaft der frommen pilgrim fathers. Unter englischem Antrieb und Sold wurden sie tomahawked. Das britische Parlament erklärte Bluthunde und Scalpiren für „Mittel, welche Gott und die Natur in seine Hand gegeben“.

Das Kolonialsystem reifte treibhausmäßig Handel und Schifffahrt. Die „Gesellschaften Monopolia“ (Luther) waren gewaltige Hebel der KapitalKoncentration. Den aufschießenden Manufakturen sicherte die Kolonie Absatzmarkt und eine durch das Marktmonopol potenzirte Accumulation. Der außerhalb Europa direkt erplünderte, herausgesklavte und herausgemordete Schatz floß ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital. Holland, welches das Kolonialsystem zuerst völlig entwickelte, stand schon 1648 im Brennpunkt seiner Handelsgröße. Es war „in fast ausschließlichem Besitz des ostindischen Handels und des Verkehrs zwischen dem europäischen Südwesten und Nordosten. Seine Fischereien, Seewesen, Manufakturen übertrafen die eines jeden anderen Landes. Die Kapitalien der Republik waren vielleicht bedeutender als die des übrigen Europa insgesammt.“ Gülich vergißt hinzuzusetzen: Hollands Volksmasse war schon 1648 mehr überarbeitet, verarmter und brutaler unterdrückt als die des übrigen Europa's insgesammt. Das Kolonialsystem warf mit einem Schub und Bautz alle alten Götzen über Haufen. Es proklamirte die Plusmacherei als letzten und einzigen Zweck der Menschheit. Es war die Geburtsstätte des modernen Staatsschulden- und Kreditsystems.

Die auffallende Rolle des Staatsschulden- und modernen Steuersystems bei der Verwandlung des gesellschaftlichen Reichthums in Kapital, der Expropriation selbstständiger Arbeiter, und der Herunterdrückung der Lohnarbeiter, hat manche Schriftsteller, wie W. Cobbett, Doubleday u. s. w. verleitet dort den Grund alles modernen Volkselends zu suchen. Mit den Staatsschulden entsprang zugleich ein internationales Kreditwesens, welches oft die Quelle der ursprünglichen Accumulation in einem bestimmten Land versteckt. Die Gemeinheiten des venetianischen Raubsystems z. B. bilden eine verborgne Grundlage des Kapitalreichthums ||738| von Holland, dem das verfallende Venedig große Geldsummen lieh. Ebenso verhält es sich zwischen Holland und England. Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts sind die Manufakturen Hollands weit überflügelt und hat es aufgehört, herrschende Industrie- und Handelsnation zu sein. Eins seiner Hauptgeschäfte von 1701-1776 wird daher das Ausleihn ungeheurer Kapitalien, speziell an seinen übermächtigen Konkurrenten England. Aehnliches gilt jetzt von England und den Vereinigten Staaten. Manch Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein auftritt, ist erst gestern in England kapitalisirtes Kinderblut.

Das Protektionssystem war ein Kunstmittel Fabrikanten zu fabriciren, unabhängige Arbeiter zu expropriiren, die nationalen Produktions- und Lebensmittel zu kapitalisiren, den Uebergang aus der alterthümlichen in die moderne Produktionsweise gewaltsam abzukürzen. Die europäischen Staaten rissen sich um das Patent dieser Erfindung, und einmal in den Dienst der Plusmacher eingetreten, brandschatzten sie zu jenem Behuf nicht nur das eigne Volk, indirekt durch Schutzzölle, direkt durch Exportprämien u. s. w. In den abhängigen Nebenlanden wurde alle Industrie gewaltsam ausgerodet, wie z. B. die irische Wollmanufaktur von England. Auf dem europäischen Kontinent ward nach Colbert's Vorgang der Prozeß noch sehr vereinfacht. Das ursprüngliche Kapital des Industriellen fließt hier zum Theil direkt aus dem Staatsschatz. „Warum“, ruft Mirabeau, „so weit die Ursache des Manufakturglanzes Sachsens vor dem siebenjährigen Krieg suchen gehn? 180 Millionen Staatsschulden“244)!

Kolonialsystem, Staatsschulden, Steuerwucht, Protektion, Handelskriege u. s. w., diese Sprößlinge der eigentlichen Manufakturperiode, schwellen riesenhaft während der Kinderperiode der großen Industrie. Die Geburt der letzteren wird gefeiert durch den großen herodischen Kinderraub. So blasirt Sir F. M. Eden ist über die Greuel der Expropriation des Landvolks von Grund und Boden seit dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts bis zu seiner Zeit, dem Ende des 18. Jahrhunderts; so selbstgefällig er gratulirt zu diesem Prozeß, „nothwendig“, um die kapi||739|talistische Agrikultur und „das wahre Verhältniß von Ackerland und Viehweide herzustellen“, beweist er dagegen nicht dieselbe ökonomische Einsicht in die Nothwendigkeit des Kinderraubs und der Kindersklaverei für die Verwandlung des Manufakturbetriebs in den Fabrikbetrieb und die Herstellung des wahren Verhältnisses von Kapital und Arbeitskraft. Er sagt: „Es mag vielleicht der Erwägung des Publikums werth sein, ob irgend eine Manufaktur, die zu ihrer erfolgreichen Ausführung Cottages und Workhouses von armen Kindern ausplündern muß, damit sie, truppweis sich ablösend, den größten Theil der Nacht durch abgerackert und der Ruhe beraubt werden, eine Manufaktur, die außerdem Haufen beiderlei Geschlechts, von verschiednen Altersstufen und Neigungen, so zusammenhudelt, daß die Ansteckung des Beispiels zu Verworfenheit und Liederlichkeit führen muß, ob solch eine Manufaktur die Summe des nationalen und individuellen Glücks vermehren kann“245)? „In Derbyshire, Nottinghamshire und besonders Lancashire“, sagt Fielden, „wurde die jüngst erfundne Maschinerie angewandt in großen Fabriken, dicht bei Strömen fähig das Wasserrad zu drehn. Tausende von Händen waren plötzlich erheischt an diesen Plätzen, fern von den Städten; und Lancashire namentlich, bis zu jener Zeit vergleichungsweis dünn bevölkert und unfruchtbar, bedurfte jetzt vor allem einer Population. Die kleinen und flinken Finger waren vor allen in Requisition. Sofort sprang die Gewohnheit auf, Lehrlinge (!) aus den verschiedenen Pfarrei-Workhouses von London, Birmingham und sonstwo zu beziehn. Tausende dieser kleinen hilflosen Kreaturen wurden so nach dem Norden spedirt, vom 7.-13. oder 14. Jahr. Es war die Gewohnheit für den Meister (d. h. den Kinderdieb), seine Lehrlinge zu kleiden, nähren und logiren in einem Lehrlingshaus nah bei der Fabrik. Aufseher wurden bestellt um ihre Arbeit zu überwachen. Es war das Interesse dieser Sklaventreiber die Kinder aufs Aeußerste abzuarbeiten, denn ihre Zahlung stand im Verhältniß zur Quantität Produkt, die aus dem Kind erpreßt werden konnte. Grausamkeit war natürliche Folge … In vielen Fabrikdistrikten, besonders Lancashire's wurden die herzzerreißendsten Torturen prakticirt an diesen harmlosen und freundlosen Kreaturen, die den Fabrikherrn consignirt waren. Sie wurden zu Tod gehetzt durch Arbeitsexcesse; sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit ||740| dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit; sie wurden in vielen Fällen bis zu den Knochen ausgehungert, während die Peitsche sie an der Arbeit hielt. Ja in einigen Fällen wurden sie zum Selbstmord getrieben! … Die schönen und romantischen Thäler von Derbyshire, Nottinghamshire und Lancashire, abgeschlossen vom öffentlichen Auge, wurden grause Einöden von Tortur und – oft von Mord! … Die Profite der Fabrikanten waren enorm. Das wetzte nur ihren Wehrwolfsheißhunger. Sie begannen die Praxis der Nachtarbeit, d. h. nachdem sie eine Gruppe Hände durch das Tagwerk gelähmt, hatten sie eine andre Gruppe für das Nachtwerk zur Hand; die Tagesgruppe wanderte in die Betten, welche die Nachtgruppe grade verlassen hatte und vice versa. Es ist Volksüberlieferung in Lancashire, daß die Betten nie abkühlten“246).

Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion während der Manufakturperiode hatte die öffentliche Meinung von Europa den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüßt. Die Nationen renommirten cynisch mit jeder Infamie, die Mittel zu Kapitalaccumulation. Man lese z. B. die naiven Handelsannalen des Biedermanns Anderson. Hier wird es als Triumph englischer Staatsweisheit ausposaunt, daß Eng||741|land im Frieden von Utrecht den Spaniern durch den Asientovertrag das Privilegium abzwang, den Negerhandel, den es bisher nur zwischen Afrika und dem englischen Westindien betrieb, nun auch zwischen Afrika und dem spanischen Amerika betreiben zu dürfen. England erhielt das Recht, das spanische Amerika bis 1743 jährlich mit 4800 Negern zu versorgen. Dieß gewährte zugleich einen officiellen Deckmantel für den britischen Schmuggel. Liverpool wuchs groß auf der Basis des Sklavenhandels. Er bildet seine Methode der ursprünglichen Accumulation. Und bis heutzutag blieb die Liverpooler „Ehrbarkeit“ Pindar des Sklavenhandels, welcher – vgl. die citirte Schrift des Dr. Aikin von 1795 – „den commerciellen Unternehmungsgeist bis zur Leidenschaft steigere, famose Seeleute bilde, und enormes Geld einbringe“. Liverpool beschäftigte 1730 im Sklavenhandel 15 Schiffe, 1751: 53, 1760: 74, 1770: 96 und 1792: 132.

Während sie die Kindersklaverei in England einführte, gab die Baumwollindustrie zugleich den Anstoß zur Verwandlung der früher mehr oder minder patriarchalischen Sklavenwirthschaft der Vereinigten Staaten in ein commercielles Exploitationssystem. Ueberhaupt bedurfte die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die Sklaverei sans phrase in der neuen Welt247).

Tantae molis erat, die „ewigen Naturgesetze“ der kapitalistischen Produktionsweise zu entbinden, den Scheidungsprozeß zwischen Arbeitern und Arbeitsbedingungen zu vollziehn, auf dem einen Pol die gesellschaftlichen Produktions- und Lebensmittel in Kapital zu verwandeln, auf dem Gegenpol die Volksmasse in Lohnarbeiter, in freie „arbeitende Arme“, dieß Kunst- produkt der modernen Geschichte248). Wenn ||742| das Geld, nach Augier, „mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kömmt“249), so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend250).

Worauf kömmt die ursprüngliche Accumulation des Kapitals, d. h. seine historische Genesis, hinaus? Soweit sie nicht unmittelbare Verwandlung von Sklaven und Leibeigenen in Lohnarbeiter, also bloßer Formwechsel ist, bedeutet sie nur die Expropriation der unmittelbaren Producenten, d. h. die Auflösung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigenthums. Das Privateigenthum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln ist die Grundlage des Kleinbetriebs, der Kleinbetrieb eine nothwendige Bedingung für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion und der freien Individualität des Arbeiters selbst. Allerdings existirt diese Produktionsweise auch ||743| innerhalb der Sklaverei, Leibeigenschaft und anderer Abhängigkeitsverhältnisse. Aber sie blüht nur, schnellt nur ihre ganze Energie, erobert nur die adäquate klassische Form, wo der Arbeiter freier Privateigenthümer seiner von ihm selbst gehandhabten Arbeitsbedingungen ist, der Bauer des Ackers, den er bestellt, der Handwerker des Instruments, womit er als Virtuose spielt. Diese Produktionsweise unterstellt Zersplitterung des Bodens und der übrigen Produktionsmittel. Mit der Koncentration der letztern schließt sie die Cooperation, Theilung der Arbeit innerhalb derselben Produktionsprozesse, gesellschaftliche Beherrschung und Reglung der Natur, Entwicklung ge- sellschaftlicher Produktivkraft aus. Sie ist nur verträglich mit engen naturwüchsigen Schranken der Produktion und der Gesellschaft. Auf einem gewissen Höhegrad bringt sie die materiellen Mittel ihrer eignen Vernichtung zur Welt. Von diesem Augenblick regen sich Kräfte und Leidenschaften im Gesellschaftsschoose, welche sich von ihr gefesselt fühlen. Sie muß vernichtet werden, sie wird vernichtet. Ihre Vernichtung, die Verwandlung der individuellen und zersplitterten Produktionsmittel in gesellschaftlich con- centrirte, daher des zwerghaften Eigenthums Vieler in das massenhafte Eigenthum Weniger, daher die Expropriation der großen Volksmasse von Grund und Boden und Lebensmitteln und Arbeitsinstrumenten, diese furchtbare und schwierige Expropriation der Volksmasse bildet die Vorgeschichte des Kapitals. Sie umfaßt eine Reihe gewaltsamer Methoden, wovon wir nur die epochemachenden als Methoden der ursprünglichen Accumulation des Kapitals Revue passiren ließen. Die Expropriation der unmittelbaren Producenten wird mit schonungslosestem Vandalismus und unter dem Trieb der infamsten, schmutzigsten, kleinlichst gehässigsten Leidenschaften vollbracht. Das selbst erarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des isolirten, unabhängigen Arbeitsindividuums mit seinen Arbeitsbedingungen be- ruhende Privateigenthum wird verdrängt durch das kapitalistische Privat- eigenthum, welches auf Exploitation fremder, aber formell freier Arbeit beruht251). Sobald dieser Umwand||744|lungsprozeß nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eignen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und andrer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigenthümer, eine neue Form. Was jetzt zu expropriiren ist, ist nicht länger der selbstwirthschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitirende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Koncentration der Kapitalien. Je ein Kapitalist schlägt viele todt. Hand in Hand mit dieser Koncentration oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch Wenige entwickelt sich die cooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, und die Oekonomisirung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als gemeinsame Produktionsmittel kombinirter, gesellschaftlicher Arbeit. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vortheile dieses Umwandlungsprozesses usurpiren und monopolisiren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisirten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Koncentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigenthums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriirt.

Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise, daher das kapitali- stische Privateigenthum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigenthums. Die Negation der kapitalistischen Produktion wird durch ||745| sie selbst, mit der Nothwendigkeit eines Naturprozesses, producirt. Es ist Negation der Negation. Diese stellt das individuelle Eigenthum wieder her, aber auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Aera, der Cooperation freier Arbeiter und ihrem Ge- meineigenthum an der Erde und den durch die Arbeit selbst producirten Produktionsmitteln.

Die Verwandlung des zersplitterten, auf eigner Arbeit der Individuen beruhenden Privateigenthums in kapitalistisches ist natürlich ein ungleich mehr langwieriger, harter und schwieriger Prozeß als die Verwandlung des faktisch bereits auf gesellschaftlicher Exploitation der Produktionsmittel beruhenden kapitalistischen Privateigenthums in gesellschaftliches Eigen- thum. Dort handelte es sich um die Expropriation der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, hier handelt es sich um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse252).

3) Die moderne Kolonisationstheorie253).

Die politische Oekonomie sucht principiell die angenehmste Verwechslung aufrecht zu erhalten zwischen dem auf eigner Arbeit beruhenden Privat- eigenthum und dem diametral entgegengesetzten, auf Vernichtung dieser Art Eigenthums beruhenden kapita||746|listischen Privateigenthum. Im Westen von Europa, dem Heimathsland der politischen Oekonomie, ist der Prozeß der ursprünglichen Accumulation vollbracht. Die kapitalistische Produktionsweise hat hier entweder die ganze nationale Produktion direkt unterworfen, oder, wo die Verhältnisse minder entwickelt sind, kontrolirt sie indirekt die noch neben ihr fortexistirenden, verkommenden, der veralteten Produktionsweise angehörigen Gesellschaftsschichten. Auf diese fertige Welt des Kapitals wendet der politische Oekonom mit desto ängstlicherem Eifer und desto größerer Salbung die Rechts- und Eigenthumsvorstellungen der vorkapitalistischen Welt an, je lauter die Thatsachen seiner Ideologie ins Gesicht schreien. Anders in den Kolonien. Die kapitalistische Produktionsund Aneignungsweise stößt hier überall auf das Hinderniß des selbsterarbeiteten Eigenthums, des Producenten, der als Privateigenthümer seiner eignen Arbeitsbedingungen durch seine Arbeit sich selbst statt den Kapitalisten bereichert. Der Widerspruch dieser zwei diametral entgegengesetzten Produktions- und Aneignungsweisen existirt hier praktisch. Wo der Kapitalist die Macht des Mutterlandes im Rücken hat, sucht er die auf eigner Arbeit beruhende Produktions- und Aneignungsweise gewaltsam aus dem Weg zu räumen. Dasselbe Interesse, welches den Sykophanten des Kapitals, den politischen Oekonomen, im Mutterland bestimmt, die kapitalistische Produktionsweise theoretisch für ihr eignes Gegentheil zu erklären, dasselbe Interesse treibt ihn hier „to make a clear breast of it“ und den Gegensatz beider Produktionsweisen zu proklamiren. Zu diesem Behuf weist er nach, wie die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit, Cooperation, Arbeitstheilung, Anwendung der Maschinerie im Großen u. s. w. unmöglich sind ohne die Expropriation der Arbeiter und entsprechende Verwandlung ihrer Produktionsmittel in Kapital. Im Interesse des s. g. Nationalreichthums sucht er nach Kunstmitteln zur Herstellung der Volksarmuth. Sein apologetischer Panzer zerbröckelt hier Stück für Stück wie mürber Zunder. Es ist das große Verdienst E. G. Wakefield's, nicht irgend etwas neues über die Kolonien254), aber in den ||747| Kolonien die Wahrheit über die kapitalistischen Verhältnisse des Mutterlands entdeckt zu haben. Wie das Protektionssystem in seinen Ursprüngen255) die Fabrikation von Kapitalisten im Mutterland, so erstrebt Wakefield's Kolonisationstheorie, welche England eine Zeit lang gesetzlich ins Werk zu setzen suchte, die Fabrikation von Lohnarbeitern in den Kolonien. Das nennt er „sys- tematic colonization“ (systematische Kolonisation).

Zunächst entdeckte Wakefield in den Kolonien, daß das Eigenthum an Geld, Lebensmitteln, Maschinen und andern Produktionsmitteln einen Menschen noch nicht zum Kapitalisten stempelt, wenn die Ergänzung fehlt, der Lohnarbeiter, der andre Mensch, der sich selbst freiwillig zu verkaufen gezwungen ist. Er entdeckte, daß das Kapital nicht eine Sache ist, sondern ein durch Sachen vermitteltes gesellschaftliches Verhältniß zwischen Personen id="ZM256" href="#M256">256). Herr Peel, jammert er uns vor, nahm Lebensmittel und Produktionsmittel zum Belauf von 50 000 Pfd. St. aus England nach dem Swan River, Neuholland, mit. Herr Peel war so vorsichtig, außerdem 3000 Personen der arbeitenden Klasse, Männer, Weiber und Kinder mitzubringen. Einmal am Bestimmungsplatz angelangt, „blieb Herr Peel ohne einen Diener sein Bett zu machen oder ihm Wasser aus dem Fluß zu schöpfen“257). Unglücklicher Herr Peel, der alles vorsah, nur nicht den Export der englischen Produktionsverhältnisse nach dem Swan River!

Zum Verständniß der folgenden Entdeckungen Wakefield's zwei Vorbemerkungen. Man weiß: Produktions- und Lebensmittel als Eigenthum des unmittelbaren Producenten, des Arbeiters selbst, sind kein ||748| Kapital. Sie werden Kapital nur unter Bedingungen, worin sie zugleich als Exploitations- und Beherrschungsmittel des Arbeiters dienen. Diese ihre kapitalistische Seele ist aber im Kopfe des politischen Oekonomen so innig mit ihrer stofflichen Substanz vermählt, daß er sie unter allen Umständen Kapital tauft, auch wo sie das grade Gegentheil sind. So bei Wakefield. Ferner: die Zersplitterung der Produktionsmittel als individuelles Eigenthum vieler von einander unabhängiger, selbstwirthschaftender Arbeiter nennt er gleiche Theilung des Kapitals. Es geht dem politischen Oekonomen, wie dem feudalen Juristen. Letzterer klebte auch auf reine Geldverhältnisse seine feudalen Rechtsetiquetten.

„Wäre“, sagt Wakefield, „das Kapital unter alle Mitglieder der Gesellschaft in gleiche Portionen getheilt, so hätte kein Mensch ein Interesse mehr Kapital zu accumuliren als er mit seinen eignen Händen anwenden kann. Dieß ist in gewissem Grad der Fall in neuen amerikanischen Kolonien, wo die Leidenschaft für Grundeigenthum die Existenz einer Klasse von Lohn- arbeitern verhindert258). So lange also der Arbeiter für sich selbst accumuliren kann, und das kann er, so lange er Eigenthümer seiner Produktionsmittel bleibt, ist die kapitalistische Accumulation und die kapitali- stische Produktionsweise unmöglich. Die dazu unentbehrliche Klasse der Lohnarbeiter fehlt. Wie wurde nun im alten Europa die Expropriation des Arbeiters von seinen Arbeitsbedingungen, daher Kapital und Lohnarbeit, hergestellt? Durch einen contrat social ganz origineller Art. „Die Menschheit adoptirte eine einfache Methode zur Förderung der Accumulation des Kapitals“, die ihr natürlich seit Adams Zeiten als letzter und einziger Zweck ihres Daseins vorschwebte; „sie theilte sich in Eigner von Kapital und Eigner von Arbeit … diese Theilung war das Resultat freiwilliger Verständigung und Kombination259). Mit einem Wort: die Masse der Menschheit expropriirte sich selbst zu Ehren der „Accumulation des Kapitals“. Nun sollte man glauben, der Instinkt dieses selbstsagenden ||749| Fanatismus müsse sich namentlich in Kolonien den Zügel frei schießen lassen, wo allein Menschen und Umstände existiren, welche einen contrat social aus dem Traumreich in das der Wirklichkeit übersetzen könnten. Aber wozu dann überhaupt die „systematische Kolonisation“ im Gegensatz zur naturwüchsigen Kolonisa- tion? Aber, aber „in den nördlichen Staaten der amerikanischen Union ist es zweifelhaft, ob ein Zehntel der Bevölkerung der Kategorie der Lohnarbeiter angehört … In England besteht die große Volksmasse aus Lohnarbeitern“260). Ja der Selbstexpropriationstrieb der arbeitenden Menschheit zu Ehren des Kapitals existirt so wenig, daß nach Wakefield selbst Sklaverei die einzige naturwüchsige Grundlage des Kolonialreichthums ist. Seine systematische Kolonisation ist ein bloßes pis aller, da er nun einmal mit Freien, statt mit Sklaven zu operiren hat. „Ohne Sklaverei wäre das Kapital in den spanischen Niederlassungen kaput gegangen oder wenigstens auf die kleinen Massen zusammengeschrumpft, worin jedes Individuum es mit seinen eignen Händen anwenden kann. Dieß fand wirklich statt in der letzten von den Engländern gegründeten Kolonie, wo ein großes Kapital in Samen, Vieh und Instrumenten unterging am Mangel von Lohnarbeitern und wo kein Ansiedler viel mehr Kapital besitzt als er mit seinen eignen Händen anwenden kann“261).

Man sah: die Expropriation der Volksmasse von Grund und Boden bildet die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise. Das Wesen einer freien Kolonie besteht umgekehrt darin, daß die Masse des Bodens noch Volkseigenthum ist und jeder Ansiedler daher einen Theil davon in sein Privateigenthum und individuelles Produktionsmittel verwandeln kann, ohne den spätern Ansiedler an derselben Operation zu verhindern262). Dieß ist das Geheimniß, sowohl der Blüthe der Kolonien, als ihres Krebswurms – ihres Widerstands wider die Ansiedlung des Kapitals. „Wo Land sehr wohlfeil ist und alle Menschen frei sind, wo jeder nach Wunsch ein Stück Land für sich selbst erhalten kann, ist Arbeit nicht nur sehr theuer, ||750| was den Antheil des Arbeiters an seinem Produkt angeht, sondern die Schwierigkeit ist, kombinirte Arbeit zu irgend einem Preis zu erhalten263).

Da in den Kolonien die Scheidung des Arbeiters von den Arbeitsbedingungen und ihrer Wurzel, dem Grund und Boden, noch nicht existirt, oder nur sporadisch, oder auf zu beschränktem Spielraum, existirt auch noch nicht die Losscheidung der Agrikultur von der Industrie, noch nicht die Ver- nichtung der ländlich häuslichen Industrie, und wo soll da der innere Markt für das Kapital herkommen? „Kein Theil der Bevölkerung Amerikas ist ausschließlich agrikol, mit Ausnahme der Sklaven und ihrer Anwender, die Kapital und Arbeit für große Werke kombiniren. Freie Amerikaner, die den Boden selbst bauen, treiben zugleich viele andre Beschäftigungen. Ein Theil der von ihnen gebrauchten Möbel und Werkzeuge wird gewöhnlich von ihnen selbst gemacht. Sie bauen häufig ihre eignen Häuser und bringen das Produkt ihrer eignen Industrie zu noch so fernem Markt. Sie sind Spinner und Weber, sie fabriciren Seife und Kerzen, Schuhe und Kleider für ihren eignen Gebrauch. In Amerika bildet der Landbau oft das Nebengeschäft eines Grobschmidts, Müllers oder Krämers“264). Wo bleibt unter solchen Käuzen das „Entsagungsfeld“ für den Kapitalisten?

Die große Schönheit der kapitalistischen Produktion besteht darin, daß sie den Lohnarbeiter nicht nur als Lohnarbeiter beständig reproducirt, sondern im Verhältniß zur Accumulation des Kapitals stets eine relative Ueber- völkerung von Lohnarbeitern producirt. So wird das Gesetz von Arbeits- nachfrage und Zufuhr im richtigen Gleis gehalten, die Lohnschwankung innerhalb der kapitalistischen Exploitation konvenabler Schranken gebannt, und endlich die so unentbehrliche sociale Abhängigkeit des Arbeiters vom Kapitalisten garantirt, ein absolutes Abhängigkeitsverhältniß, das der politische Oekonom zu Haus, im Mutterland, breimäulig in ein freies Kontrakt- verhältniß von Käufer und Verkäufer, von gleich unabhängigen Waaren- besitzern, Besitzern der Waare Kapital und der Waare Arbeit, nach Belieben umlügen kann. Aber in den Kolonien reißt der schöne Wahn entzwei. ||751| Die absolute Arbeiterbevölkerung wächst hier viel rascher als im Mutterland, indem viele Arbeiter erwachsen auf die Welt kommen, und dennoch ist der Arbeitsmarkt stets untervoll. Das Gesetz der Arbeitsnachfrage und Zufuhr geräth in die Brüche, wie Taylor's Formel in einem Fall des Differentialkalkuls. Einerseits wirft die alte Welt fortwährend exploitationslustiges, entsagungsbedürftiges Kapital ein; andrerseits stößt die regelmäßige Reproduktion des Lohnarbeiters als Lohnarbeiter und daher noch mehr die Produktion einer Surplus-Arbeiterbevölkerung im Verhältniß zur Accumulation des Kapitals auf die unartigsten und theilweis unüberwindlichen Hindernisse. Der Lohnarbeiter von heute wird morgen unabhängiger, selbst wirthschaftender Bauer oder Handwerker. Er verschwindet vom Arbeitsmarkt, aber nicht ins – Workhouse. Diese beständige Verwandlung der Lohnarbeiter in unabhängige Producenten, die statt für das Kapital, für sich selbst arbeiten, und statt den Herrn Kapitalisten sich selbst bereichern, wirkt ihrerseits durchaus schadhaft auf die Zustände des Lohn- arbeitsmarkts zurück. Nicht nur bleibt der Exploitationsgrad des Lohnarbeiters unanständig niedrig. Der letztre verliert mit dem Abhängigkeitsverhältniß auch das Abhängigkeitsgefühl vom entsagenden Kapitalisten. Daher alle die Mißstände, die unser E. G. Wakefield so brav, so beredt und so rührend schildert.

Die Zufuhr des Lohnarbeitsmarkts, klagt er, ist weder beständig, noch regelmäßig, noch genügend. „Sie ist stets nicht nur zu klein, sondern unsicher“265). „Obgleich das zwischen Arbeiter und Kapitalist zu theilende Produkt groß ist, nimmt der Arbeiter einen so großen Theil, daß er rasch ein Kapitalist wird … Dagegen können Wenige, selbst wenn sie ungewöhnlich lang leben, große Reichthummassen accumuliren“266). Die Arbeiter erlauben dem Kapitalisten platterdings nicht auf Zahlung des größten Theils ihrer Arbeit zu entsagen. Es hilft ihm nichts, wenn er so schlau ist, mit seinem eignen Kapital auch seine eignen Lohnarbeiter aus Europa zu importiren. „Sie hören bald auf Lohnarbeiter zu sein, sie verwandeln sich bald in unabhängige Bauern oder gar in Konkurrenten ihrer alten Meister auf dem ||752| Lohnarbeitsmarkt selbst“267). Man begreife den Greuel! Der brave Kapitalist hat seine eignen leibhaftigen Konkurrenten selbst aus Europa für sein eignes gutes Geld importirt! Da hört denn doch alles auf! Kein Wunder, wenn Wakefield klagt über mangelndes Abhängigkeitsverhältniß und -Gefühl der Lohnarbeiter in den Kolonien. „Wegen der hohen Löhne“, sagt sein Schüler Merivale, „existirt in den Kolonien der leidenschaftliche Drang nach wohlfeilerer und unterwürfigerer Arbeit, nach einer Klasse, welcher der Kapitalist die Bedingungen diktiren kann, statt sie von ihr diktirt zu erhalten … In altcivilisirten Ländern ist der Arbeiter, obgleich frei, na- turgesetzlich abhängig vom Kapitalisten, in Kolonien muß diese Abhängig- keit durch künstliche Mittel geschaffen werden268).

Was ist nun das Resultat des in den Kolonien herrschenden Systems des auf eigner Arbeit, statt auf der Exploita||753|tion fremder Arbeit beruhenden Privateigenthums? Ein „barbarisirendes System der Zerstreuung der Producenten und des Nationalvermögens“269). Die Zerstreuung der Produktionsmittel unter unzählige, sie eignende und mit ihnen selbst arbeitende Producenten vernichtet mit der kapitalistischen Koncentration die kapitalisti- sche Grundlage aller kombinirten Arbeit. Alle langathmigen Kapitalunternehmungen, die sich über Jahre ausdehnen und Anlage von viel fixem Kapital erheischen, werden problematisch. In Europa zögert das Kapital keinen Augenblick, denn die Arbeiterklasse bildet seinen stets überfließenden, disponiblen, lebendigen Zubehör. Aber in den Kolonialländern! Wakefield erzählt eine äußerst schmerzensreiche Anekdote. Er unterhielt sich mit einigen Kapitalisten von Kanada und dem Staat New-York, wo zudem die Einwanderungswogen oft stagniren und einen Bodensatz „überzähliger“ Arbeiter niederschlagen. „Unser Kapital“, seufzt eine der Personen des Melodramas, „unser Kapital lag bereit für viele Operationen, die eine beträchtliche Zeitperiode zu ihrer Vollendung brauchen; aber konnten wir solche Operationen beginnen mit einer Arbeit, welche, wir wußten es, uns bald den Rücken wenden würde? Wären wir sicher gewesen die Arbeit solcher Einwandrer festhalten zu können, wir hätten sie mit Freude sofort engagirt und zu hohem Preis. Trotz der Sicherheit ihres Verlustes würden wir sie dennoch engagirt haben, wären wir einer frischen Zufuhr je nach unsrem Bedürfniß sicher gewesen270).

Nachdem Wakefield die englische kapitalistische Agrikultur und ihre „kombinirte“ Arbeit prunkvoll kontrastirt hat mit der zerstreuten amerikanischen Bauernwirthschaft, entschlüpft ihm auch die Kehrseite der Medaille. Er schildert die amerikanische Volksmasse als wohlhabend, unabhängig, unternehmend, und relativ gebildet, während „der englische Agrikulturarbeiter ein elender Lump (a miserable wretch) ist, ein Pauper … In welchem Land außer Nordamerika und einigen neuen Kolonien übersteigen die Löhne der auf dem Land angewandten freien Arbeit nennenswerth die unentbehrlichsten Subsistenzmittel des Arbeiters? … Zweifelsohne, Ackerpferde in England, da sie ein werthvolles Eigenthum sind, werden viel besser genährt als der englische Landbebauer“271). Aber, ||754| never mind, Nationalreich- thum ist nun einmal von Natur identisch mit Volkselend.

Wie nun den antikapitalistischen Krebsschaden der Kolonien kuriren? Wollte man allen Grund und Boden mit einem Schlag aus Volkseigenthum in Privateigenthum verwandeln, so zerstörte man zwar die Wurzel des Uebels, aber auch – die Kolonie. Die Kunst ist zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Man gebe von Regierungswegen der jungfräulichen Erde einen vom Gesetz der Nachfrage und Zufuhr unabhängigen, einen künstlichen Preis, welcher den Einwanderer zwingt längere Zeit zu lohnarbeiten, bevor er genug Geld verdient hat, um Grund und Boden zu kaufen272) und sich in einen unabhängigen Bauern zu verwandeln. Den Fonds, der aus diesem Verkauf der Ländereien zu einem für den Lohnarbeiter relativ prohibito- rischen Preis fließt, also diesen aus dem Arbeitslohn durch Verletzung des heiligen Gesetzes von Nachfrage und Zufuhr erpreßten Geldfonds verwende die Regierung andrerseits, um im selben Maß, wie er wächst, Habenichtse aus Europa in die Kolonien zu importiren und so dem Herrn Kapitalisten seinen Lohnarbeitsmarkt vollzuhalten. Unter diesen Umständen „tout sera pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles“. Dieß ist das große Geheimniß der „systematischen Kolonisation“. „Nach diesem Plan“, ruft Wakefield triumphirend aus, „muß die Zufuhr von Arbeit constant und regelmäßig sein; denn erstens, da kein Arbeiter fähig ist sich Land zu verschaffen, bevor er für Geld gearbeitet hat, würden alle einwandernden Arbeiter dadurch, daß sie für Lohn kombinirt arbeiten, ihrem Anwender Kapital zur Anwendung von mehr Arbeit produciren; zweitens jeder, der die Lohnarbeit an den Nagel hinge und Grundeigner würde, würde grade durch den Ankauf des Landes einen Fonds zur Herüber||755|bringung frischer Arbeit nach den Kolonien sichern273). Der von Staatswegen oktroyirte Bodenpreis muß natürlich „genügend“ (sufficient price) sein, d. h. so hoch, „daß er die Arbeiter verhindert, unabhängige Bauern zu werden, bis andre da sind, um ihren Platz auf dem Lohnarbeitsmarkt einzunehmen“274). Dieser genügende „Bodenpreis“ ist nichts als eine euphemistische Umschreibung des Lösegelds, welches der Arbeiter dem Kapitalisten zahlt für die Erlaubniß, sich vom Lohnarbeitsmarkt auf's Land zurückzuziehn. Erst muß er dem Herrn Kapitalisten „Kapital“ produciren, damit der mehr Arbeiter exploitiren könne, und dann auf dem Arbeitsmarkt einen „Ersatzmann“ stellen, den die Regierung auf seine Kosten seinem ehemaligen Herrn Kapitalisten über die See spedirt.

Es ist höchst charakteristisch, daß die englische Regierung diese von Herrn Wakefield eigens zum Gebrauch in Kolonialländern verschriebene Methode der „ursprünglichen Accumulation“ Jahre lang ausgeführt hat. Das Fiasko war natürlich ebenso schmählich als das des Peelschen Bankakts. Der Emigrationsstrom wurde nur von den englischen Kolonien nach den Vereinigten Staaten abgelenkt. Unterdeß hat der Fortschritt der kapitalistischen Produktion in Europa zusammen mit dem wachsenden Regierungsdruck Wakefield's Recept überflüssig gemacht. Der ungeheure und continuirliche Menschenstrom, Jahr aus Jahr ein nach Amerika getrieben, läßt theils stagnirende Niederschläge im Osten der Vereinigten Staaten zurück, theils wirft die Emigrationswelle von Europa die Menschen rascher auf den Arbeitsmarkt als die Emigrationswelle nach dem far West sie abspülen kann. Die kapitalistische Produktion gedeiht daher in den Oststaaten, obgleich Lohntiefe und Abhängigkeit des Lohnarbeiters noch lange nicht auf das europäische Normalniveau gefallen sind. Die von Wakefield selbst so laut denuncirte, schamlose Verschleuderung des unbebauten Kolonialbodens an Aristokraten und Kapitalisten Seitens der englischen Regierung hat namentlich in Australien275), zusammen mit ||756| dem Menschenstrom, den die Diggings hinziehn, und der Konkurrenz, welche der Import englischer Waaren selbst dem kleinsten Handwerker macht, eine hinreichende „relative Arbeiterübervölkerung“ erzeugt, so daß fast jedes Postdampfschiff die Hiobspost eines „glut of the Australian labour-market“ bringt, und die Prostitution dort stellenweis so üppig gedeiht wie auf dem Haymarket von London.

Jedoch beschäftigt uns hier nicht der Zustand der Kolonien. Was uns allein interessirt, ist das in der neuen Welt von der politischen Oekonomie der alten Welt entdeckte und laut proklamirte Geheimniß, daß die kapitalistische Produktions- und Accumulationsweise, also auch das kapitalistische Privat- eigenthum die Vernichtung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigen- thums, d. h. die Expropriation des Arbeiters voraussetzt. Zum Schluß müssen wir noch einen Augenblick den Faden wieder da aufnehmen, wo wir ihn beim Uebergang zur Betrachtung der Accumulation fallen ließen. Gesetzt der Kapitalist habe 5000 Pfd. St. vorgeschossen und im Produktionsprozeß aufgezehrt, 4000 Pfd. St. in Produktionsmitteln, 1000 Pfd. St. in Arbeitskraft, mit einem Exploitationsgrad der Arbeit von 100 %. So beträgt der Werth des Produkts, von x Tonnen Eisen z. B. 6000 Pfd. St. Verkauft der Kapitalist das Eisen zu seinem Werth, so realisirt er einen Mehrwerth von 1000 Pfd. St., d. h. die im Eisenwerth materialisirte unbezahlte Arbeit. Aber das Eisen muß verkauft werden. Das unmittelbare Resultat der kapitalistischen Produktion ist Waare, wenn auch mit Mehrwerth geschwängerte Waare. Wir sind also zu unserm Ausgangspunkt, der Waare, zurückgeschleudert und mit ihr zur Sphäre der Cirkulation. Was wir jedoch im folgenden Buch zu betrachten haben, ist nicht mehr die einfache Waarencirkulation, sondern der Cirkulationsprozeß des Kapitals. |

Quelle: MEGA II/5: Das Kapital Kritik der Politischen Ökonomie, Erster Band Hamburg 1867, Seite 494-619