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Valdenaires Haft – Sebaldt

[„Neue Rheinische Zeitung“
Nr. 19 vom 19. Juni 1848]

*† Köln. Die Berliner Vereinbarungsversammlung hat bekanntlich Wen-
celius’ Antrag in bezug auf die Verhaftung von Victor Valdenaire, des Depu-
tierten des Landkreises von Trier, vertagt. Und aus welchem Grund! Weil
kein Gesetz über die Unverletzlichkeit der Volksrepräsentanten in den Ar-
chiven der alten preußischen Gesetzgebung sich findet, natürlich so wenig als
Volksrepräsentanten in der alten Rumpelkammer der preußischen Ge-
schichte. Nichts leichter, als auf diese Grundlage hin alle Errungenschaften
der Revolution hinterher im Interesse des Staatsfiskus zu vernichten! Die sich
von selbst verstehenden Ansprüche, Bedürfnisse und Rechte der Revolution
sind natürlich nicht von einer Gesetzgebung sanktioniert, deren Grundlage
durch eben diese Revolution in die Luft gesprengt ist. Von dem Augenblicke
an, wo preußische Volksrepräsentanten existierten, existiert die Unverletz-
lichkeit
der preußischen Volksrepräsentanten. Oder soll das Fortbestehen der
ganzen Vereinbarungsversammlung der Laune eines Polizeipräsidenten oder
eines Gerichtshofes anheimfallen? Allerdings! Zweiffel, Reichensperger und
die übrigen rheinischen Juristen, die jede politische Frage in eine Prozedur-
streitigkeit verwandeln und den Valdenaireschen Fall nicht vorübergehen
lassen dürften, ohne eine winzige Spitzfindigkeit und einen riesigen Servilis-
mus zur Schau zu tragen, sind vor solcher Eventualität vollständig gesichert.

Bei dieser Gelegenheit eine Frage an Herrn Reichensperger II: Ist Herr
Reichensperger nicht etwa bestimmt, die Kammerpräsidentschaft in Köln nach
der Pensionierung des Herrn Schauberg, die am 1. Juli 1848 stattfinden soll,
anzutreten?

Valdenaire wurde verhaftet, als er eben den Postwagen nach Merzig be-
stieg, wo die Wahl des Deputierten nach Frankfurt stattfinden sollte. Valde-
naire hatte die große Majorität der Stimmen gesichert. Kein bequemeres
Mittel, eine mißliebige Wahl zu vereiteln, als den Kandidaten verhaften!
Und die Regierung, um konsequent zu sein, beruft seinen Stellvertreter Gräff
trotz seiner Reklamation nicht ein und läßt so eine mißliebige Bevölkerung
von 60000 Seelen unvertreten. Wir raten Herrn Gräff, aus eigner Macht-
vollkommenheit sich nach Berlin zu verfügen.

Schließlich können wir den Zustand in Trier nicht besser charakteri-
sieren als durch den nachfolgenden Abdruck einer Warnung des hochver-
mögenden Herrn Sebaldt, königl. Landrats und Oberbürgermeisters von
Trier.

Warnung

An einigen Abenden hintereinander haben sich auf öffentlichen Plätzen und Straßen
der Stadt ungewöhnlich zahlreiche Anhäufungen von Menschen gezeigt, welche bei
manchen Ängstlichen dem Glauben an bevorstehende ordnungswidrige Demonstration-
nen Eingang verschafften. Ich gehöre nicht zu den Ängstlichen und mag es wohl
leiden, wenn sich der Straßenverkehr ungezwungen bewegt. Sollte es jedoch wider
Erwarten einzelnen unreifen Köpfen einfallen, diesen Verkehr zu Bübereien oder be-
leidigender Neckerei zu mißbrauchen, so müßte ich den bessern Teil des Publi-
kums dringend ersuchen, sich sogleich von jenen Elementen zu trennen, denn ernsten
Störungen der Ordnung wird Ernst entgegengesetzt werden, und es sollte mir leid tun,
wenn bei einem eintretenden Konflikt der Unvorsichtige statt des Schuldigen zu
Schaden kommen sollte.

Trier, den 16. Juni 1848

Der k[önigliche] Landrat und Oberbürgermeister
R[egierungs]-R[at] Sebaldt

Wie gemütlich der hochstehende Mann schreibt, wie patriarchalisch!
Er mag es wohl leiden, wenn sich der Straßenverkehr ungezwungen bewegt.
Angenehme Leidenschaft des Herrn Sebaldt!

Ängstliche befürchten eine Demonstration. Der Diktator von Trier hat die
Eigenschaft, nicht ängstlich zu sein. Aber er muß seine Machtvollkommenheit
zeigen, er muß die Hirngespinste der Ängstlichen in eine amtliche Mut-
maßung
verwandeln, um ernsten Störungen mit entgegengesetztem Ernst
drohen zu können.

Wie überraschend verbindet der große Mann den Ernst und die Gemüt-
lichkeit! Unter dem Schutz dieser ernst-gemütlichen Vorsehung können die
Bessern in Trier ruhig schlummern.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 5, Berlin: Dietz Verlag 1959, S. 83-84.