MEW/7/ME07-255.html

Karl Marx/Friedrich Engels
Rezensionen aus der „Neuen Rheinischen Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue“.
Viertes Heft, April 1850

I
„Latter-Day Pamphlets“, edited by Thomas Carlyle – Nr. I. „The Present Time“, Nr. II „Model Prisons“

„Latter-Day Pamphlets“, edited by Thomas Carlyle – Nr. I „The Present Time“, Nr. II „Model Prisons“1 –, London 1850

Thomas Carlyle ist der einzige englische Schriftsteller, auf den die deutsche Literatur einen direkten und sehr bedeutenden Einfluß ausgeübt hat. Schon aus Höflichkeit darf der Deutsche seine Schriften nicht unbeachtet vorübergehen lassen.

Wir haben an der neuesten Schrift von Guizot (Heft II der „N. Rh. Z.“2) gesehn, wie die Kapazitäten der Bourgeoisie im Untergehn begriffen sind. In den vorliegenden zwei Broschüren von Carlyle erleben wir den Untergang des literarischen Genies an den akut gewordenen geschichtlichen Kämpfen, gegen die es seine verkannten, unmittelbaren, prophetischen Inspirationen geltend zu machen sucht.

Thomas Carlyle hat das Verdienst, literarisch gegen die Bourgeoisie aufgetreten zu sein zu einer Zeit, wo ihre Anschauungen, Geschmacksrichtungen und Ideen die ganze offizielle englische Literatur vollständig unterjochten, und in einer Weise, die mitunter sogar revolutionär ist. So in seiner französischen Revolutionsgeschichte, in seiner Apologie Cromwells, in dem Pamphlet über den Chartismus, in „Past and Present“. Aber in allen diesen Schriften hängt die Kritik der Gegenwart eng zusammen mit einer seltsam unhistorischen Apotheose des Mittelalters, auch sonst häufig bei englischen Revolutionären, z. B. bei Cobbett und einem Teil der Chartisten. Während er in der Vergangenheit wenigstens die klassischen Epochen einer bestimmten Gesellschaftsphase bewundert, bringt ihn die Gegenwart zur Verzweiflung, graut ihm vor der Zukunft. Wo er die Revolution anerkannt oder gar apotheosiert, konzentriert sie sich ihm in ein einzelnes Individuum, einen Cromwell oder Danton. Ihnen widmet er denselben Heroenkultus, den er in seinen „Lectures on Heroes and Hero-Worship“ als einzige Zuflucht aus der verzweiflungsschwangern Gegenwart, als neue Religion gepredigt hat.

Wie die Ideen, so der Stil Carlyles. Er ist eine direkte, gewaltsame Reaktion gegen den modern-bürgerlichen englischen Pecksniff-Stil, dessen gespreizte Schlaffheit, vorsichtige Weitschweifigkeit und moralisch-sentimentale zerfahrene Langweiligkeit von den ursprünglichen Erfindern, den gebildeten Cockneys, auf die ganze englische Literatur übergegangen ist. Ihr gegenüber behandelte Carlyle die englische Sprache wie ein vollständig rohes Material, das er von Grund aus umzuschmelzen hatte. Veraltete Wendungen und Worte wurden wieder hervorgesucht und neue erfunden nach deutschen und speziell Jean Paulschem Muster. Der neue Stil war oft himmelstürmend und geschmacklos, aber häufig brillant und immer originell. Auch hierin zeigen die „Latter-Day Pamphlets“ einen merkwürdigen Rückschritt.

Übrigens ist es bezeichnend, daß aus der ganzen deutschen Literatur derjenige Kopf, der am meisten Einfluß auf Carlyle geübt hat, nicht Hegel war, sondern der literarische Apotheker Jean Paul.

Dem Kultus des Genius, den Carlyle mit Strauß teilt, ist in den vorliegenden Broschüren der Genius abhanden gekommen. Der Kultus ist geblieben.

„The Present Time“ beginnt mit der Erklärung, daß die Gegenwart die Tochter der Vergangenheit und die Mutter der Zukunft, jedenfalls aber eine neue Ära ist.

Die erste Erscheinung dieser neuen Ära ist ein reformierender Papst. Das Evangelium in der Hand, wollte Pius IX. vom Vatikan herab der Christenheit „das Gesetz der Wahrheit“ verkünden.

„Vor mehr als dreihundert Jahren erhielt der Thron Sankt Peters peremptorische gerichtliche Aufkündung, authentische Ordre, registriert in der Kanzlei des Himmels, und seitdem lesbar in den Herzen aller wackern Männer, sich auf und davon zu machen, zu verschwinden und uns nichts mehr zu tun zu machen mit ihm und seinen Täuschungen und gottlosen Delirien; – und seitdem blieb er stehn auf seine eigne Gefahr und wird exakten Schadenersatz zu leisten haben für jeden Tag, den er so gestanden hat. Gesetz der Wahrheit? Was dieses Papsttum dem Gesetz der Wahrheit gemäß zu tun hatte, das war, aufzugeben sein faules galvanisiertes Leben, diese Schmach vor Gott und dem Menschen, ehrbar zu sterben und sich begraben zu lassen. Fern hiervon war, was der arme Papst unternahm; und doch war es im ganzen wesentlich nur das ... Ein reformierender Papst? Turgot und Necker waren nichts dagegen. Gott ist groß, und wenn ein Ärgernis enden soll, beruft er dazu einen gläubigen Mann, der Hand ans Werk legt in Hoffnung, nicht in Verzweiflung.“ p. 3.

Mit seinen Reformmanifesten hatte der Papst Fragen auferweckt,

„Mütter von Wirbelwinden, Weltbränden, Erdbeben ... Fragen, welche alle offiziellen Männer wünschten und meist auch hofften aufzuschieben bis zum jüngsten Tag. Der jüngste Tag selbst war gekommen, das war die schreckliche Wahrheit.“ p. 4.

Das Gesetz der Wahrheit war proklamiert. Die Sizilianer

„waren das erste Volk, das sich daran gab, diese neue, vom heiligen Vater sanktionierte Regel anzuwenden: Wir gehören nicht durch das Gesetz der Wahrheit Neapel an und diesen neapolitanischen Beamten. Wir wollen, mit der Gunst des Himmels und des Papstes, uns von diesen befreien.“

Daher die sizilische Revolution.

Das französische Volk, das sich selbst als eine „Art von Messiasvolk“ betrachtet, als der „auserwählte Soldat der Freiheit“, fürchtete, daß die armen verachteten Sizilianer ihm diesen Industriezweig (trade) aus der Hand nehmen möchten – Februarrevolution.

„Wie durch sympathetische unterirdische Elektrizitäten explodierte ganz Europa, schrankenlos, unkontrollierbar; und wir hatten das Jahr 1848, eins der seltsamsten, unheilvollsten, erstaunlichsten und im ganzen demütigendsten Jahre, welche die europäische Welt jemals sah ... Die Könige überall und die regierenden Personen stierten in plötzlichem Schrecken, als die Stimme der ganzen Welt in ihre Ohren bellte: Hebt euch von dannen, ihr Schwachköpfe, Heuchler, Histrionen, nicht Heroen! Weg mit euch, weg! Und was eigentümlich war, und in diesem Jahr zuerst erhört: die Könige alle beschleunigten sich zu gehn, als wenn sie ausriefen: Wir sind arme Histrionen, das sind wir – braucht ihr Heroen? Bringt uns nicht um, was können wir dafür! – Nicht einer von ihnen wandte sich rückwärts und stand fest auf seinem Königtum als auf einem Recht, wofür er sterben oder seine Haut riskieren könnte. Das, wiederhole ich, ist die beängstigende Besonderheit der Gegenwart. Die Demokratie, bei dieser neuen Gelegenheit, findet alle Könige bewußt, daß sie nichts andres sind als Komödianten. Sie flohen jählings, einige von ihnen mit sozusagen ausgesuchter Schmach – in Angst vor dem Zuchthaus oder Schlimmerem. Und das Volk, oder der Pöbel, übertrug allerorten seine eigne Regierung sich selbst, und offne Königslosigkeit (kinglessness), was wir Anarchie nennen – glücklich, wenn Anarchie plus einem Straßenkonstabler –, ist überall an der Tagesordnung. Solches war die Geschichte vom Baltischen bis zum Mittelmeer, in Italien, Frankreich, Preußen, Östreich, von einem Ende Europas bis zum andern in jenen Märztagen von 1848. Und so blieb kein König in Europa, kein König, außer dem öffentlichen ‚haranguer3‘, harangierend auf dem Bierfaß, im Leitartikel oder sich mit seinesgleichen versammelnd im Nationalparlament. Und für ungefähr vier Monate war ganz Frankreich und in einem hohen Grade ganz Europa, abgehetzt durch jede Art von Delirium, ein auf und nieder wogender Pöbel, präsidiert von Herrn von Lamartine auf dem Hôtel de Ville. Ein sorgenschwangeres Schauspiel für denkende Männer, solange er währte, dieser arme Herr von Lamartine, mit nichts in ihm, außer melodischem Wind und weichlichem Speichelfluß. Traurig genug: Die beredteste, letzte Verkörperung des rehabilitierten ‚Chaos‘, fähig für sich selbst zu sprechen und mit glatten Worten einzureden, es sei ‚Kosmos‘! Aber ihr braucht nur kurze Zeit zu harren in solchen Fällen; alle Luftballone müssen ihr Gas von sich geben unter dem Druck der Dinge und fallen widerlich schlaff zusammen bevor lange.“ p. 6–8.

Wer war es, der diese allgemeine Revolution schürte, zu der der Stoff allerdings vorhanden war?

„Studenten, junge Literaten, Advokaten, Zeitungsschreiber, heißblütige unerfahrene Enthusiasten und wilde, mit Recht bankrotte Desperados. Nimmer bis jetzt haben junge Leute und beinahe Kinder solch ein Kommando geführt in den menschlichen Dingen. Veränderte Zeit, seit das Wort senior, seigneur oder Aldermann zuerst erdacht wurde, um Herr oder Vorgesetzter zu bedeuten, wie wir es in den Sprachen aller Menschen finden! ... Wenn ihr genauer zuseht, werdet ihr finden, daß der Alte aufgehört hat, ehrwürdig und daß er begonnen hat, verächtlich zu sein, ein törichter Knabe noch, aber ein Knabe ohne die Anmut, den Großsinn und die üppige Kraft der jungen Knaben.

– Dieser wahnsinnige Stand der Dinge wird natürlich binnen kurzem sich selbst Erleichterung verschaffen, wie er das überall schon zu tun begonnen hat; die gewöhnlichen Notwendigkeiten des täglichen Lebens können nicht mit ihm bestehn, und diese, was sonst auch beiseite geworfen werden mag, gehn ihren Weg fort. Eine beliebige Reparatur der alten Maschine unter neuen Farben und veränderten Formen wird wahrscheinlich bald in den meisten Ländern erfolgen; die alten Theaterkönige werden wieder zugelassen werden unter Bedingungen, unter Konstitutionen mit nationalen Parlamenten oder dgl. fashionablem Zubehör, und allerorten wird das alte tägliche Leben versuchen, von Anfang wieder anzufangen.

Aber dermalen ist keine Hoffnung, daß solche Ausgleichungen Dauer haben könnten. – In solchen fluchbringenden Schwingungen, treibend wie unter abgrundlos tobenden Strudeln und sich bekriegenden Seeströmungen, nicht stehend auf festgegründeten Fundamenten, muß die europäische Gesellschaft fortfahren zu taumeln – bald heillos stolpernd, dann wieder mühselig sich aufraffend in immer kürzeren Intervallen, bis endlich einmal die neue Felsenbasis ans Tageslicht kommt und die auf und nieder wogenden Stündfluten der Meuterei und der Notwendigkeit der Meuterei sich wieder verlaufen.“ p. 8–10.

Soweit die Geschichte, die auch in dieser Form wenig tröstlich ist für die alte Welt. Jetzt kommt die Moral:

Die allgemeine Demokratie, was man auch von ihr denken möge, ist das unvermeidliche Faktum der Tage, worin wir leben.“ p. 10.

Was ist die Demokratie? Eine Bedeutung muß sie haben, oder sie wäre nicht da. Es kommt also alles darauf an, die wahre Bedeutung der Demokratie zu finden. Gelingt uns dies, so können wir mit ihr fertig werden; wo nicht, sind wir verloren. Die Februarrevolution war „ein allgemeiner Bankerutt des Betrugs; das ist ihre kurze Erklärung“, p. 14. Der Schein und Scheingestalten, „shams“, „delusions“, „phantasms“4, bedeutungslos gewordne Namen anstatt der wirklichen Verhältnisse und Dinge, mit einem Wort der Lug anstatt der Wahrheit hat in der modernen Zeit geherrscht. Die individuelle und soziale Ehescheidung von diesen Scheingestalten und Gespenstern, das ist die Aufgabe der Reform, und die Notwendigkeit, daß aller sham, aller Betrug aufhöre, ist unleugbar.

„Allerdings mag dies manchem befremdlich erscheinen; und manch einem soliden Engländer, der mit gesundem Behagen seinen Pudding verdaut, unter den sogenannten gebildeten Klassen, scheint es über die Maßen befremdlich, eine verrückte unwissende Vorstellung, durchaus heterodox und schwanger nur mit Ruin. Ihm sind angewöhnt worden Formen des Anstands, denen seit langer Zeit ihre Bedeutung abhanden gekommen ist, plausible Verhaltungsweisen, rein zeremoniell gewordne Feierlichkeiten – was ihr in eueren bilderstürmenden Humor shams nennt – sein ganzes Leben durch; nimmer hörte er, daß irgendein Harm in ihnen wäre, daß irgendein Vorankommen wäre ohne sie. Spann nicht die Baumwolle sich selbst, mästete sich nicht das Vieh, und Kolonialwaren und Spezereien, kamen sie nicht von Osten und Westen herein durchaus komfortabel an der Seite der shams? p. 15.

Wird nun die Demokratie diese notwendige Reform, die Befreiung von den shams, vollbringen?

„Die Demokratie, wenn sie organisiert ist vermittelst des allgemeinen Stimmrechts, wird sie diesen heilenden allgemeinen Übergang von der Illusion zum Wirklichen, vom Falschen zum Wahren durchführen und nach und nach eine gesegnete Welt schaffen?“ p. 17.

Carlyle leugnet dies. Er sieht überhaupt in der Demokratie und in dem allgemeinen Stimmrecht nur eine Ansteckung aller Völker durch den englischen Aberglauben an die Unfehlbarkeit der parlamentarischen Regierung. Die Bemannung jenes Schiffs, das den Weg um Kap Horn verloren hatte und statt nach Wind und Wetter auszuschauen und den Sextanten zu gebrauchen über den einzuschlagenden Weg abstimmte und die Entscheidung der Majorität für unfehlbar erklärte – das ist das allgemeine Stimmrecht, das den Staat lenken will. Wie für jeden einzelnen, so für die Gesellschaft kommt es nur darauf an, die wahren Regulationen des Universums, die ewig währenden Gesetze der Natur mit Bezug auf die jedesmal vorliegende Aufgabe zu entdecken und darnach zu handeln. Wer uns diese ewigen Gesetze enthüllt, dem folgen wir, „sei es der Zar von Rußland oder das chartistische Parlament, der Erzbischof von Canterbury oder der Dalai-Lama“. Wie aber entdecken wir diese ewigen Vorschriften Gottes? Jedenfalls ist das allgemeine Stimmrecht, das jedem einen Stimmzettel gibt und die Köpfe zählt, der schlechteste Weg dazu. Das Universum ist sehr exklusiver Natur und hat von jeher seine Geheimnisse nur wenigen Auserwählten, nur einer kleinen Minorität von Edlen und Weisen mitgeteilt. Es hat daher auch nie eine Nation auf der Grundlage der Demokratie existieren können. Griechen und Römer? Jeder weiß heutzutage, daß sie keine Demokratien bildeten, daß die Sklaverei die Grundlage ihrer Staaten war. Von den verschiedenen französischen Republiken ist es ganz überflüssig zu sprechen. Und die nordamerikanische Musterrepublik? Von den Amerikanern kann bis jetzt nicht einmal gesagt werden, daß sie eine Nation, einen Staat bilden. Die amerikanische Bevölkerung lebt ohne Regierung; was hier konstituiert, ist die Anarchie plus einem Straßenkonstabler. Was diesen Zustand möglich macht, sind die enormen Strecken noch unbebauten Landes und der aus England herübergebrachte Respekt vor dem Konstablerstock. Mit dem Wachsen der Bevölkerung hat auch das ein Ende.

„Welche große menschliche Seele, welchen großen Gedanken, welche große edle Sache, die man anbeten oder der man loyale Bewunderung zollen könnte, hat Amerika noch erzeugt?“ p. 25. –

Es hat seine Bevölkerung alle zwanzig Jahre verdoppelt – voilà tout5.

Also diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans ist die Demokratie für immer unmöglich. Das Universum selbst ist eine Monarchie und eine Hierarchie. Keine Nation, worin die göttliche immerwährende Pflicht der Leitung und Kontrollierung der Unwissenden nicht dem Edelsten mit seiner auserwählten Reihe von Edleren anvertraut ist, hat das Reich Gottes, entspricht den ewigen Naturgesetzen.

Jetzt erfahren wir auch das Geheimnis, den Ursprung und die Notwendigkeit der modernen Demokratie. Es besteht einfach darin, daß der falsche Edle (sham-noble) erhöht und durch Tradition oder neu erfundene Täuschungen konsekriert worden ist.

Und wer soll den wahren Edelstein entdecken mit seiner ganzen Einfassung von kleineren Menschenjuwelen und Perlen? Sicher nicht das allgemeine Stimmrecht, denn nur der Edle kann den Edlen ausfinden. Und so erklärt Carlyle, daß England noch eine Menge solcher Edlen und „Könige“ besitze, und fordert diese p. 38 auf, sich bei ihm zu melden.

Man sieht, wie der „Edle“ Carlyle von einer durchaus pantheistischen Anschauungsweise ausgeht. Der ganze geschichtliche Prozeß wird bedingt nicht durch die Entwicklung der lebendigen Massen selbst, die natürlich von bestimmten, aber selbst wieder historisch erzeugten wechselnden Voraussetzungen abhängig ist; er wird bedingt durch ein ewiges, für alle Zeiten unveränderliches Naturgesetz, von dem er sich heute entfernt und dem er sich morgen wieder nähert und auf dessen richtige Erkenntnis alles ankommt. Diese richtige Erkenntnis des ewigen Naturgesetzes ist die ewige Wahrheit, alles andre ist falsch. Mit dieser Anschauungsweise lösen sich die wirklichen Klassengegensätze, so verschieden sie in verschiednen Epochen sind, sämtlich auf in den einen großen und ewigen Gegensatz derer, die das ewige Naturgesetz ergründet haben und darnach handeln, der Weisen und Edlen, und derer, die es falsch verstehn, es verdrehn und ihm entgegen wirken, der Toren und Schurken. Der historisch erzeugte Klassenunterschied wird so zu einem natürlichen Unterschied, den man selbst als einen Teil des ewigen Naturgesetzes anerkennen und verehren muß, indem man sich vor den Edlen und Weisen der Natur beugt: Kultus des Genius. Die ganze Anschauung des historischen Entwicklungsprozesses verflacht sich zur platten Trivialität der Illuminaten- und Freimaurerweisheit des vorigen Jahrhunderts, zur einfachen Moral aus der „Zauberflöte“ und zu einem unendlich verkommnen und banalisierten Saint-Simonismus. Damit kommt natürlich die alte Frage, wer denn eigentlich herrschen soll, die mit hochwichtiger Seichtigkeit des breitesten diskutiert und endlich dahin beantwortet wird, daß die Edlen, Weisen und Wissenden herrschen sollen, woran sich dann ganz ungezwungen die Folgerung anschließt, daß viel, sehr viel regiert werden müsse, daß nie zuviel regiert werden könne, da ja das Regieren die stete Enthüllung und Geltendmachung des Naturgesetzes gegenüber der Masse ist. Wie aber sollen die Edlen und Weisen entdeckt werden? Kein überirdisches Wunder enthüllt sie; man muß sie suchen. Und hier kommen die zu rein natürlichen Unterschieden gemachten historischen Klassenunterschiede wieder zum Vorschein. Der Edle ist edel, weil er Weiser, Wissender ist. Er wird also zu suchen sein unter den Klassen, die das Monopol der Bildung haben – unter den privilegierten Klassen, und dieselben Klassen werden es sein, die ihn in ihrer Mitte auszufinden, die über seine Ansprüche auf den Rang eines Edlen und Weisen zu entscheiden haben. Damit werden die privilegierten Klassen sofort, wenn nicht geradezu zur edlen und weisen, doch zur „artikulierten“ Klasse; die unterdrückten Klassen sind natürlich die „stummen unartikulierten“, und so ist die Klassenherrschaft neu sanktioniert. Die ganze hochentrüstete Polterei verwandelt sich in eine etwas versteckte Anerkennung der bestehenden Klassenherrschaft, die bloß darüber grämelt und murrt, daß die Bourgeois ihren verkannten Genies keine Stelle an der Spitze der Gesellschaft anweisen und aus sehr praktischen Rücksichten nicht auf die schwärmerischen Faseleien dieser Herren eingehn. Wie übrigens auch hier die hochtrabende Salbaderei in ihr Gegenteil umschlägt, wie der Edle, Wissende und Weise in der Praxis sich in den Gemeinen, Unwissenden und Narren verwandelt, davon liefert uns Carlyle schlagende Exempel.

Er wendet sich, da bei ihm auf die starke Regierung alles ankommt, mit höchster Entrüstung gegen das Geschrei nach Befreiung und Emanzipation:

„Laßt uns alle frei sein, der eine von dem andern. Frei ohne Band oder Verschlingung, ausgenommen der der baren Zahlung; ehrlicher Tageslohn für ehrliches Tagewerk, festgesetzt durch freiwilligen Vertrag und durch das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr; dies bildet man sich ein, sei die wahre Lösung aller Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten, die zwischen Mensch und Mensch vorgefallen sind. Um das Verhältnis, das zwischen zwei Menschen existiert, zu berichtigen, gibt es keine andere Methode, als es ganz und gar zu beseitigen?“ p. 29.

Diese vollständige Auflösung aller Bande, aller Verhältnisse zwischen den Menschen erreicht natürlich ihre Spitze in der Anarchie, dem Gesetz der Gesetzlosigkeit, dem Zustand, in dem das Band der Bänder, die Regierung, vollständig zerschnitten ist. Und dahin strebt man in England wie auf dem Kontinent, ja sogar in dem „soliden Germanien“.

So poltert Carlyle mehrere Seiten hindurch fort, indem er auf eine höchst befremdliche Weise rote Republik, fraternité6, Louis Blanc usw. mit dem free trade7, der Abschaffung der Kornzölle etc. zusammenwirft. Vgl. p. 29–42. Die Vernichtung der traditionell noch forterhaltenen Reste des Feudalismus, die Reduktion des Staats auf das unumgänglich nötige und allerwohlfeilste, die vollständige Durchführung der freien Konkurrenz durch die Bourgeois vermischt und identifiziert Carlyle also mit der Aufhebung eben dieser Bourgeoisverhältnisse, mit der Abschaffung des Gegensatzes von Kapital und Lohnarbeit, mit dem Sturz der Bourgeoisie durch das Proletariat. Glänzende Rückkehr zu der „Nacht des Absoluten“, in der alle Kühe grau sind! Tiefe Wissenschaft des „Wissenden“, der nicht das erste Wort von dem weiß, was um ihn vorgeht! Seltsamer Scharfsinn, der mit der Abschaffung des Feudalismus oder der freien Konkurrenz alle Beziehungen zwischen den Menschen abgeschafft glaubt! Gründliche Ergründung des „ewigen Naturgesetzes“, die in allem Ernst glaubt, daß keine Kinder mehr zur Welt kommen, sobald die Eltern nicht vorher auf die Mairie gehn, um sich ehelich zu „verbinden“!

Nach diesem erbaulichen Beispiel von der Weisheit, die auf die pure Unwissenheit hinausläuft, gibt uns Carlyle auch noch den Beweis, wie der hochbeteuernde Edelmut sofort in die unverhüllte Niedertracht umschlägt, sobald er aus seinem Phrasen- und Sentenzenhimmel in die Welt der wirklichen Verhältnisse hinabsteigt.

„In allen europäischen Ländern, speziell in England, hat eine Klasse von Hauptleuten und Kommandeuren von Menschen, erkennbar als der Beginn einer neuen, realen und nicht imaginären Aristokratie, sich bereits einigermaßen entwickelt: die Hauptleute der Industrie, glücklicherweise die Klasse, welche vor allen andern in diesen Zeiten not tut. Und sicher, von der andern Seite ist kein Mangel an Menschen, die nötig haben kommandiert zu werden: Diese traurige Klasse von Brudermenschen, die wir beschrieben haben als Hodges emanzipierte Pferde, reduziert zu vagabondierender Hungerleiderei, diese Klasse ebenfalls hat sich in allen Ländern entwickelt und entwickelt sich immer mehr in unheilschwangrer geometrischer Progression mit beängstigender Geschwindigkeit. Auf diesen Grund hin kann es mit Wahrheit gesagt werden, daß die Organisation der Arbeit die allgemeine Lebensaufgabe der Welt ist.“ p. 42, 43.

Nachdem Carlyle auf den ersten vierzig Seiten seinen ganzen tugendhaften Grimm gegen den Egoismus, die freie Konkurrenz, Abschaffung der feudalen Bande zwischen Mensch und Mensch, Nachfrage und Zufuhr, laisser faire, Baumwollspinnen, bare Zahlung etc. etc. aber und abermals ausgepoltert hat, finden wir jetzt auf einmal, daß die Hauptvertreter aller dieser shams, die industriellen Bourgeois, nicht nur zu den gefeierten Heroen und Genien gehören, sondern sogar den zunächst notwendigen Teil dieser Heroen ausmachen, daß der Trumpf aller seiner Angriffe gegen die Bourgeoisverhältnisse und Ideen die Apotheose der Bourgeoispersonen ist. Sonderbar erscheint es, daß Carlyle, nachdem er die Kommandierenden und die Kommandierten der Arbeit vorgefunden hat, also eine bestimmte Organisation der Arbeit, dennoch diese Organisation für ein noch zu lösendes großes Problem erklärt. Aber man täusche sich nicht. Es handelt sich nicht um die Organisation der einregimentierten, sondern um die der nicht einregimentierten, der führerlosen Arbeiter, und diese hat Carlyle sich selbst vorbehalten. Wir sehn ihn am Schluß seiner Broschüre plötzlich als britischen Premierminister in partibus auftreten, die drei Millionen irische und andre Bettler, arbeitsfähige Habenichtse, nomadisch oder stationär, und die allgemeine Nationalversammlung der britischen Paupers außer dem workhouse und im workhouse zusammenrufen und in einer Rede „harangieren“, worin er den Habenichtsen erstlich alles wiederholt, was er dem Leser schon früher anvertraut hat, und dann die auserlesene Gesellschaft anredet wie folgt:

„Vagabondierende Habe- und Taugenichte, töricht manche von euch, Verbrecher viele von euch, Elende alle! Euer Anblick erfüllt mich mit Staunen und Verzweiflung. Hier sind an die drei Millionen von euch, manche von euch in den Abgrund des direkten Bettlertums gefallen, und schrecklich zu sagen, jeder, der fällt, beschwert mit seinem Gewicht um soviel mehr die Kette, die die andern herüberzieht. Am Rande dieses Abgrunds hängen ungezählte Millionen, die sich vermehren, wie man mir sagt, um zwölfhundert jeden Tag, fallend, fallend einer nach dem andern, und die Kette wird immer schwerer, und wer zuletzt wird noch stehn können? – Was nun mit euch anfangen? ... Die andern, die noch stehn, ringen mit ihren eignen Nöten, das kann ich euch sagen; aber ihr, durch mangelhafte Energie und überflüssigen Appetit, durch zuwenig getane Arbeit und zuviel getrunkenes Bier, ihr habt bewiesen, daß ihr es nicht könnt. Wißt, daß wer auch immer die Söhne der Freiheit sein mögen, ihr für euren Teil seid es nicht und könnt es nicht sein; ihr seid handgreiflich Gefangene, nicht Freie... Ihr habt die Natur von Sklaven, oder wenn ihr lieber wollt, von nomadisch vagabundierenden Knechten, die keinen Herrn zu finden wissen ... Nicht als glorreich unglückliche Söhne der Freiheit, sondern als notorische Gefangene, als unglückliche gefallne Brüder, die verlangen, daß ich sie kommandieren und wenn nötig, sie kontrollieren und unterjochen soll, könnt ihr von nun an mit mir in Verbindung treten ... Vor dem Himmel und der Erde und Gott, dem Schöpfer unser aller, erkläre ich es ein Ärgernis, solch ein Leben in euch erhalten zu sehn, durch den Schweiß und das Herzblut eurer Brüder, und daß, wenn wir es nicht bessern können, der Tod vorzuziehen wäre ... Schreibt euch ein in meine irischen, meine schottischen, meine englischen Regimenter der neuen Ära, ihr armen wandernden Banditen, gehorcht, arbeitet, duldet, fastet, wie alle von uns tun mußten ... Industrielle Obersten, Werkmeister, Aufseher, Herren über Leben und Tod, billig wie Rhadamanth und unbeugsam wie er, die tun euch not, und sie werden für euch findbar sein, sobald ihr einmal unter den Kriegsartikeln steht ... Zu jedem von euch werde ich dann sagen: Hier ist Werk für euch; macht euch tapfer dran, mit männlichem, soldatischem Gehorsam und gutem Mut, und fügt euch gemäß den Methoden, die ich hier diktiere, – Lohn folgt für euch ohne Schwierigkeit ... Weigert euch, bebt vor saurer Arbeit zurück, gehorcht nicht den Vorschriften, und ich werde euch ermahnen und anzustacheln suchen; wenn vergeblich, werde ich euch peitschen; wenn immer noch vergeblich, werde ich euch endlich niederschießen.“ p. 46–55.

Die „neue Ära“, worin der Genius herrscht, unterscheidet sich von der alten Ära also hauptsächlich dadurch, daß die Peitsche sich einbildet, genial zu sein. Der Genius Carlyle unterscheidet sich vom ersten besten Gefängniszerberus oder Armenvogt durch die tugendhafte Entrüstung und das moralische Bewußtsein, daß er die Paupers nur schindet, um sie zu seiner Höhe zu erheben. Wir sehen hier den hochbeteuernden Genius in seinem welterlösenden Zorn die Infamien des Bourgeois phantastisch rechtfertigen und übertreiben. Hatte die englische Bourgeoisie die Paupers den Verbrechern assimiliert, um vom Pauperismus abzuschrecken, hatte sie das Armengesetz von 1834 geschaffen, so klagt Carlyle die Paupers des Hochverrats an, weil der Pauperismus den Pauperismus erzeugt. Wie vorhin die historisch entstandene herrschende Klasse, die industrielle Bourgeoisie, schon weil sie herrschte, des Genius teilhaftig war, so ist jetzt jede unterdrückte Klasse, je tiefer sie unterdrückt ist, desto mehr vom Genius ausgeschlossen, desto mehr der tobenden Wut unsres verkannten Reformators ausgesetzt. So hier die Paupers. Aber sein sittlich-edler Grimm erreicht die höchste Spitze gegenüber den absolut Niederträchtigen und Ignobeln, den „Schurken“, d.h. den Verbrechern. Von diesen handelt er in der Broschüre über die Mustergefängnisse.

Diese Broschüre unterscheidet sich von der ersten nur durch eine noch viel größere Wut, um so wohlfeiler, als sie sich gegen die von der bestehenden Gesellschaft offiziell Ausgestoßenen, gegen Leute unter Schloß und Riegel richtet; eine Wut, die selbst das wenige von Scham abstreift, was die gewöhnlichen Bourgeois anstandshalber noch zur Schau tragen. Wie Carlyle im ersten Pamphlet eine vollständige Hierarchie der Edeln aufstellt und dem Edelsten der Edeln nachspürt, so arrangiert er hier eine ebenso komplette Hierarchie der Schurken und Niederträchtigen und trachtet danach, den Schlechtesten der Schlechten, den größten Schurken in England zu erjagen, um die Wollust zu haben, ihn zu hängen. Gesetzt, er finge ihn und hing ihn auf; so ist uns ein andrer der Schlechteste und muß wieder gehangen werden und dann wieder ein andrer, bis die Reihe endlich an die Edlen, und dann an die Edleren kömmt und zuletzt niemand übrigblieb als Carlyle, der Edelste, der als Verfolger der Schurken zugleich Mörder der Edlen ist und auch in den Schurken das Edle gemordet hat, der Edelste der Edeln, der sich plötzlich in den Niederträchtigsten der Schurken verwandelt und als solcher selbst zu hängen hat. Damit wären dann alle Fragen über die Regierung, den Staat, die Organisation der Arbeit, die Hierarchie des Edlen gelöst, und das ewige Naturgesetz endlich verwirklicht.

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 7, Berlin: Dietz Verlag 1960, S. 255-265.