MEW/7/ME07-266.html

II
„Les Conspirateurs“, par A. Chenu, ex-capitaine des gardes du citoyen Caussidière – Les sociétés secrètes; La préfecture de police sous Caussidière; Les corps-francs –. „La naissance de la République en Février 1848“, par Lucien de la Hodde

„Les Conspirateurs“, par A. Chenu, ex-capitaine des gardes du citoyen Caussidière – Les sociétés secrètes; La préfecture de police sous Caussidière; Les corps-francs –1, Paris 1850
„La naissance de la République en Février 1848“, par Lucien de la Hodde2, Paris 1850

Nichts ist wünschenswerter, als daß die Leute, die an der Spitze der Bewegungspartei standen, sei es vor der Revolution in den geheimen Gesellschaften oder in der Presse, sei es später in offiziellen Stellungen, endlich einmal mit derben rembrandtschen Farben geschildert werden, in ihrer ganzen Lebendigkeit. Die bisherigen Darstellungen malen uns diese Persönlichkeiten nie in ihrer wirklichen, nur in ihrer offiziellen Gestalt, mit dem Kothurn am Fuß und der Aureole um den Kopf. In diesen verhimmelten raffaelischen Bildern geht alle Wahrheit der Darstellung verloren.

Die beiden vorliegenden Schriften entfernen zwar den Kothurn und die Aureole, mit denen die „großen Männer“ der Februarrevolution bisher zu erscheinen pflegten. Sie dringen in das Privatleben dieser Personen ein, sie zeigen sie uns im Negligé, mit ihrer ganzen Umgebung von subalternen Subjekten sehr verschiedener Art. Aber darum sind sie nicht weniger weit entfernt von einer wirklichen, treuen Darstellung der Personen und Ereignisse. Von ihren Verfassern ist der eine ein eingestandner langjähriger Mouchard3 Louis-Philippes, der andre ein alter Verschwörer von Profession, dessen Beziehungen zur Polizei ebenfalls sehr zweideutig sind und dessen Auffassungsfähigkeit schon dadurch charakterisiert wird, daß er zwischen Rheinfelden und Basel „jene prächtige Alpenkette, deren silberne Gipfel das Auge blenden“, und zwischen Kehl und Karlsruhe „die rheinischen Alpen, deren ferne Gipfel sich im Horizont verloren“, gesehen haben will. Von solchen Leuten, besonders wenn sie obendrein zu ihrer persönlichen Rechtfertigung schreiben, ist allerdings nur eine mehr oder minder chargierte chronique scandaleuse4 der Februarrevolution zu erwarten.

Herr de la Hodde sucht sich in seiner Broschüre als den Spion des Cooperschen Romans darzustellen. Er habe, behauptet er, sich um die Gesellschaft verdient gemacht, indem er die geheimen Gesellschaften während acht Jahren paralysierte. Aber vom Cooperschen Spion bis zu Herrn de la Hodde ist weit, sehr weit. Herr de la Hodde, Mitarbeiter am „Charivari“, Mitglied des Zentralkomitees der „société des nouvelles saisons“ seit 1839, Mitredakteur der „Réforme“ seit ihrer Gründung und gleichzeitig bezahlter Spion des Polizeipräfekten Delessert, ist durch niemanden mehr kompromittiert als durch Chenu. Seine Schrift ist direkt provoziert durch Chenus Enthüllungen, hütet sich aber sehr wohl, auch nur eine Silbe auf das zu erwidern, was Chenu über de la Hodde selbst sagt. Dieser Teil der Chenuschen Memoiren wenigstens ist also authentisch.

„In einer meiner nächtlichen Wanderungen“, erzählt Chenu, „bemerkte ich de la Hodde, wie er den Quai Voltaire auf- und abwandelte. Der Regen floß stromweise, und dieser Umstand machte mich nachdenklich. Sollte zufällig dieser teure de la Hodde auch in der Kasse der geheimen Fonds schöpfen? Aber ich erinnerte mich seiner Gesänge, seiner herrlichen Strophen über Irland und Polen, und namentlich der heftigen Artikel, die er im Journal „La Réforme“ schrieb" (während Herr de la Hodde sich als den Besänftiger der „Réforme“ hinzustellen sucht). „Guten Abend, de la Hodde, was Teufel treibst du hier zu dieser Stunde und in diesem schauderhaften Wetter? – Ich warte auf einen Schwerenöter, der mir Geld schuldig ist, und da er alle Abend zu dieser Stunde hier vorüberkommt, wird er mir zahlen, oder – und er schlug heftig mit seinem Stock auf die Brustwehr des Quais.“

De la Hodde sucht ihn loszuwerden und geht nach dem Pont du Carrousel zu. Chenu entfernt sich nach der entgegengesetzten Seite, aber nur, um sich unter den Arkaden des Instituts zu verbergen. De la Hodde kommt bald zurück, sieht sich sorgfältig nach allen Seiten um und spaziert von neuem auf und ab.

„Eine Viertelstunde nachher bemerkte ich den Wagen mit den zwei kleinen grünen Laternen, den mir mein Ex-Agent signalisiert hatte“ (ein ehemaliger Spion, der Chenu im Gefängnis eine Menge Polizeigeheimnisse und Erkennungszeichen verraten hatte). „Er hielt an der Ecke der Rue des Vieux-Augustins. Ein Mann stieg aus; de la Hodde ging geradeswegs auf ihn zu; sie sprachen einen Augenblick zusammen, und ich sah de la Hodde die Bewegung eines Menschen machen, der Geld in seine Tasche steckt. – Nach diesem Vorfall wandte ich alles an, um de la Hodde aus unsern Zusammenkünften zu entfernen und vor allem Albert zu verhindern, in eine Schlinge zu fallen, denn er war der Eckstein unsres Gebäudes. Einige Tage nachher wies die ‚Réforme‘ einen Artikel des Herrn de la Hodde zurück. Seine literarische Eitelkeit wurde dadurch verletzt. Ich riet ihm, sich zu rächen durch Gründung eines andern Journals. Er folgte diesem Rat und publizierte mit Pilhes und Dupoty sogar den Prospektus eines Blattes ‚Le Peuple‘, und während dieser Zeit waren wir ihm fast ganz los.“ – Chenu, p. 46–48.

Wir sehn: Der Coopersche Spion verwandelt sich in den politischen Prostituierten der gemeinsten Art, der auf der Straße im Regenwetter auf die Auszahlung seines cadeau5 durch den ersten besten officier de paix6 lauert. Wir sehn ferner: Nicht de la Hodde, wie er glauben machen möchte, sondern Albert stand an der Spitze der geheimen Gesellschaften. Dies folgt überhaupt aus der ganzen Darstellung Chenus. Der Mouchard „im Interesse der Ordnung“ verwandelt sich hier plötzlich in den beleidigten Schriftsteller, der sich ärgert, daß auf der „Réforme“ die Artikel des Mitarbeiters am „Charivari“ nicht ohne weiteres aufgenommen werden, und der deshalb bricht mit der „Réforme“, einem wirklichen Parteiorgan, bei dem er der Polizei nützlich werden konnte, um ein neues Blatt zu gründen, wo er höchstens seine Literateneitelkeit befriedigen konnte. Wie die Prostituierten durch ein gewisses Sentiment, so suchte der Mouchard sich durch seine schriftstellerischen Ansprüche aus seiner schmutzigen Stellung zu retten. Der Haß gegen die „Réforme“, der durch sein ganzes Pamphlet geht, löst sich auf in die trivialste Schriftstellerranküne. Endlich sehen wir, daß de la Hodde in der wichtigsten Zeit der geheimen Gesellschaften, kurz vor der Februarrevolution, mehr und mehr aus ihnen verdrängt wurde; und hieraus erklärt sich, warum sie, ganz im Gegensatz zu Chenu, in dieser Zeit nach seiner Darstellung mehr und mehr verfallen.

Wir kommen jetzt zu der Szene, in der Chenu die Enthüllung der Verrätereien de la Hoddes nach der Februarrevolution schildert. Die Partei der „Réforme“ war bei Albert im Luxembourg auf Caussidières Einladung versammelt, Monnier, Sobrier, Grandmenil, de la Hodde, Chenu etc. waren erschienen. Caussidière eröffnete die Versammlung und sagte dann:

„Es befindet sich ein Verräter unter uns. Wir werden uns als geheimes Tribunal konstituieren, um ihn zu richten. – Grandmenil als der älteste Anwesende wurde zum Präsidenten und Tiphaine zum Sekretär ernannt. Bürger, fuhr Caussidière als öffentlicher Ankläger fort, lange haben wir brave Patrioten angeklagt. Wir waren weit entfernt zu ahnen, welche Schlange sich unter uns geschlichen hatte. Heute habe ich den wirklichen Verräter entdeckt: es ist Lucien de la Hodde! – Dieser, der bisher ganz ruhig gesessen hatte, sprang auf bei dieser direkten Anklage. Er machte eine Bewegung gegen die Tür. Caussidière schloß sie rasch, zog eine Pistole und rief: Wenn du dich rührst, zerschmettre ich dir den Schädel! – De la Hodde beteuerte feurig seine Unschuld. Gut, sagte Caussidière. Hier ist ein Aktenstoß, der achtzehnhundert Berichte an den Polizeipräfekten enthält – und er gab jedem unter uns die ihn speziell betreffenden Berichte. De la Hodde leugnete hartnäckig, daß diese Berichte, unterzeichnet Pierre, von ihm herrührten, bis Caussidière den in seinen Memoiren veröffentlichten Brief vorlas, einen Brief, worin de la Hodde seine Dienste dem Polizeipräfekten anbot und den er mit seinem wahren Namen unterzeichnet hatte. Von diesem Augenblick leugnete der Unglückliche nicht mehr, er suchte sich zu entschuldigen durch das Elend, das ihm den fatalen Gedanken eingegeben, sich in die Arme der Polizei zu werfen. Caussidière reichte ihm die Pistole dar, letztes Rettungsmittel, das ihm bleibe. De la Hodde flehte darauf zu seinen Richtern, er wimmerte um ihre Milde, aber sie blieben unbeugsam. Bocquet, einer der Anwesenden, dem die Geduld ausging, ergriff die Pistole und reichte sie ihm dreimal dar mit den Worten: Allons7, zerschmettre dir den Schädel, Feigling, Feigling, oder ich selbst töte dich! – Albert riß sie ihm aus der Hand: Aber bedenke, ein Pistolenschuß, hier im Luxembourg, alarmiert alle Welt! – Richtig, rief Bocquet, wir müssen Gift haben. – Gift? sagte Caussidière, ich habe Gift mitgebracht, und zwar von allen Sorten. Er nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, das er zuckerte, schüttete dann ein weißes Pulver hinein, bot es dem de la Hodde dar, der zurückschauderte: Ihr wollt mich also meucheln? – Jawohl, sagte Bocquet, trink. – De la Hodde war schrecklich anzuschauen. Seine Züge wurden fahl, seine sehr krausen und wohl frisierten Haare bäumten sich auf seinem Haupt. Der Schweiß überschwemmte sein Gesicht. Er flehte, er weinte: Ich will nicht sterben! Aber Bocquet, unbeugsam, hielt ihm immer noch das Glas dar. Allons, trink doch, sagte Caussidière, du wirst zum Teufel sein, ehe du dich versiehst. – Nein, nein, ich werde nicht trinken! Und in seiner Geisteszerstörung fügte er mit einer schrecklichen Gebärde hinzu: O, ich werde mich rächen für alle diese Martern!

Als man sah, daß aller Appell ans point d'honneur8 nichts fruchtete, wurde de la Hodde auf Alberts Fürsprache endlich begnadigt und ins Gefängnis der Conciergerie gebracht.

Chenu, p. 134–136.

Der angeblich Coopersche Spion wird immer erbärmlicher. Wir sehn ihn hier in seiner ganzen Verächtlichkeit, wie er seinen Gegnern bloß durch seine Feigheit Widerstand zu leisten weiß. Wir werfen ihm vor, nicht daß er nicht sich selbst, sondern daß er nicht den ersten besten seiner Gegner niederschoß. Er sucht sich nachträglich durch eine Schrift zu retten, worin er die ganze Revolution als eine bloße escroquerie9 darzustellen sucht. Der richtige Titel dieser Schrift ist: „Der enttäuschte Polizist.“ Sie weist nach, daß eine wirkliche Revolution das gerade Gegenteil ist von den Vorstellungen des Mouchards, der mit den „Männern der Tat“ übereinstimmend in jeder Revolution das Werk einer kleinen Koterie sieht. Während alle von Koterien mehr oder weniger willkürlich provozierten Bewegungen bloße Emeuten blieben, geht aus de la Hoddes Darstellung selbst hervor, einerseits, daß die offiziellen Republikaner im Anfang der Februartage noch an der Eroberung der Republik verzweifelten, andrerseits, daß die Bourgeoisie die Republik erobern helfen mußte, ohne sie zu wollen, daß also die Februarrepublik notwendig durch die Umstände herbeigeführt wurde, die die Massen des außer allen Koterien stehenden Proletariats in die Straßen trieb und die Majorität der Bourgeoisie zu Hause hielt oder zu gemeinsamer Aktion mit ihm zwang. – Was de la Hodde im übrigen mitteilt, ist äußerst dürftig und reduziert sich auf die banalsten Klatschereien. Nur eine Szene ist interessant: die Zusammenkunft der offiziellen Demokraten im Lokal der „Réforme“ am 21. Februar abends, in der die Chefs sich entschieden gegen einen gewaltsamen Angriff aussprachen. Der Inhalt ihrer Reden zeugt im ganzen, für diesen Tag, noch von einer richtigen Auffassung der Verhältnisse. Lächerlich ist nur die hochtrabende Form und die spätere Prätension derselben Leute, die Revolution von Anfang an mit Bewußtsein und Absicht herbeigeführt zu haben. Das Schlimmste, was de la Hodde ihnen übrigens nachsagen kann, ist, daß sie ihn so lange unter sich duldeten.

Kommen wir zu Chenu. Wer ist Herr Chenu? Er ist ein alter Konspirateur, seit 1832 in allen Emeuten beteiligt und der Polizei wohlbekannt. Zur Konskription herangezogen, desertiert er bald und bleibt unentdeckt in Paris, trotz seiner abermaligen Beteiligung an Verschwörungen und an der Emeute von 1839. 1844 stellt er sich bei seinem Regiment, und sonderbarerweise wird ihm, trotz seiner wohlbekannten Antezedentien, das Kriegsgericht vom Divisionsgeneral erlassen. Noch mehr: er dient seine Zeit beim Regiment nicht ab, sondern kann nach Paris zurückkehren. 1847 ist er in die Brandbombenverschwörung verwickelt; er entkommt bei einem Verhaftungsversuch, bleibt aber nichtsdestoweniger in Paris, obwohl er in contumaciam10 zu vier Jahren verurteilt wird. Erst von seinen Mitverschwörern angeklagt, mit der Polizei in Verbindung zu stehn, geht er nach Holland, von wo er am 21. Februar 1848 zurückkommt. Nach der Februarrevolution wird er Hauptmann in Caussidières Garden. Caussidière hat ihn bald im Verdacht (ein Verdacht, der viel Wahrscheinlichkeit besitzt), mit Marrats Spezialpolizei in Verbindung zu stehn, und entfernt ihn ohne viel Widerstand nach Belgien und später nach Deutschland. Herr Chenu läßt sich ziemlich gutwillig nacheinander in die belgischen, deutschen und polnischen Freikorps einrangieren. Und alles dies zu einer Zeit, wo Caussidières Macht schon zu wanken begann, und obwohl Chenu ihn vollständig beherrscht haben will; so behauptet er, ihn durch einen Drohbrief, als er einmal verhaftet war, zu seiner sofortigen Freilassung gezwungen zu haben. Soviel über den Charakter und die Glaubwürdigkeit unsres Autors.

Die Massen von Schminke und Patschuli, worunter die Prostituierten die weniger anziehenden Seiten ihrer physischen Existenz zu ersticken suchen, finden sich literarisch reproduziert in dem bel-esprit11, womit de la Hodde sein Pamphlet parfümiert. Der literarische Charakter des Chenuschen Buchs dagegen erinnert in der Naivetät und Lebendigkeit der Darstellung häufig an Gil Blas. Wie Gil Blas in den verschiedensten Abenteuern stets Bedienter bleibt und alles nach dem Maßstab des Bedienten beurteilt, so bleibt Chenu von der Emeute von 1832 bis zu seiner Entfernung aus der Präfektur immer derselbe subalterne Konspirateur, dessen spezielle Borniertheit sich übrigens sehr genau unterscheiden läßt von den platten Reflexionen des ihm vom Elysée zugewiesenen literarischen „Faiseurs“. Es ist klar, daß auch bei Chenu von einem Verständnis der revolutionären Bewegung nicht die Rede sein kann. Interessant bleiben in seiner Schrift daher nur die Kapitel, wo er mehr oder weniger unbefangen aus eigner Anschauung schildert: die Konspirateurs und Held Caussidière.

Man kennt die Neigung der romanischen Völker zu Verschwörungen und die Rolle, die die Verschwörungen in der modernen spanischen, italienischen und französischen Geschichte gespielt haben. Nach den Niederlagen der spanischen und italienischen Verschwörer im Anfang der zwanziger Jahre wurden Lyon und namentlich Paris die Zentren der revolutionären Verbindungen. Es ist bekannt, wie bis 1830 die liberalen Bourgeois an der Spitze der Verschwörungen gegen die Restauration standen. Nach der Julirevolution trat die republikanische Bourgeoisie an ihre Stelle; das Proletariat, schon unter der Restauration zum Konspirieren erzogen, trat in dem Maße in den Vordergrund, worin die republikanischen Bourgeois durch die vergeblichen Straßenkämpfe von den Konspirationen zurückgeschreckt wurden. Die société des saisons, mit der Barbès und Blanqui die Emeute von 1839 machten, war schon ausschließlich proletarisch, und ebenso waren es die nach der Niederlage gebildeten nouvelles saisons, an deren Spitze Albert trat, und woran Chenu, de la Hodde, Caussidière etc. sich beteiligten. Die Verschwörung stand durch ihre Chefs fortwährend in Verbindung mit den in der „Réforme“ repräsentierten kleinbürgerlichen Elementen, hielt sich jedoch immer sehr unabhängig. Diese Konspirationen umfaßten natürlich nie die große Masse des Pariser Proletariats. Sie beschränkten sich auf eine verhältnismäßig kleine, stets schwankende Zahl von Mitgliedern, die teils aus alten, stationären, von jeder geheimen Gesellschaft ihrer Nachfolgerin regelmäßig überlieferten Verschwörern, teils aus neu angeworbenen Arbeitern bestand.

Unter diesen alten Verschwörern schildert Chenu fast ausschließlich nur die Klasse, zu der er selbst gehört: die Konspirateurs von Profession. Mit der Ausbildung der proletarischen Konspirationen trat das Bedürfnis der Teilung der Arbeit ein; die Mitglieder teilten sich in Gelegenheitsverschwörer, conspirateurs d'occasion, d.h. Arbeiter, die die Verschwörung nur neben ihrer sonstigen Beschäftigung betrieben, nur die Zusammenkünfte besuchten und sich bereit hielten, auf den Befehl der Chefs am Sammelplatz zu erscheinen, und in Konspirateure von Profession, die ihre ganze Tätigkeit der Verschwörung widmeten und von ihr lebten. Sie bildeten die Mittelschicht zwischen den Arbeitern und den Chefs und schmuggelten sich häufig sogar unter diese.

Die Lebensstellung dieser Klasse bedingt schon von vornherein ihren ganzen Charakter. Die proletarische Konspiration bietet ihnen natürlich nur sehr beschränkte und unsichere Existenzmittel. Sie sind daher fortwährend gezwungen, die Kassen der Verschwörung anzugreifen. Manche von ihnen kommen auch direkt in Kollisionen mit der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt und figurieren mit mehr oder weniger Anstand vor den Zuchtpolizeigerichten. Ihre schwankende, im einzelnen mehr vom Zufall als von ihrer Tätigkeit abhängige Existenz, ihr regelloses Leben, dessen einzig fixe Stationen die Kneipen der marchands de vin12 sind – die Rendezvouses Häuser der Verschwornen –, ihre unvermeidlichen Bekanntschaften mit allerlei zweideutigen Leuten rangieren sie in jenen Lebenskreis, den man in Paris la bohème nennt. Diese demokratischen Bohemiens proletarischen Ursprungs – es gibt auch eine demokratische Boheme bürgerlichen Ursprungs, die demokratischen Bummler und pilliers d'estaminet13 – sind also entweder Arbeiter, die ihre Arbeit aufgegeben haben und dadurch dissolut geworden sind, oder Subjekte, die aus dem Lumpenproletariat hervorgehn und alle dissoluten Gewohnheiten dieser Klasse in ihre neue Existenz übertragen. Man begreift, wie unter diesen Umständen fast in jeden Konspirationsprozeß ein paar repris de justice14 sich verwickelt finden.

Das ganze Leben dieser Verschwörer von Profession trägt den ausgeprägtesten Charakter der Boheme. Werbunteroffiziere der Verschwörung, ziehen sie von marchand de vin zu marchand de vin, fühlen den Arbeitern den Puls, suchen ihre Leute heraus, kajolieren sie in die Verschwörung hinein und lassen entweder die Gesellschaftskasse oder den neuen Freund die Kosten der dabei unvermeidlichen Konsumtion von Litres tragen. Der marchand de vin ist überhaupt ihr eigentlicher Herbergsvater. Bei ihm hält der Verschwörer sich meistens auf; hier hat er seine Rendezvous mit seinen Kollegen, mit den Leuten seiner Sektion, mit den Anzuwerbenden; hier endlich finden die geheimen Zusammenkünfte der Sektionen und Sektionschefs (Gruppen) statt. Der Konspirateur, ohnehin wie alle Pariser Proletarier sehr heitrer Natur, entwickelt sich in dieser ununterbrochenen Kneipenatmosphäre bald zum vollständigsten Bambocheur15. Der finstre Verschwörer, der in den geheimen Sitzungen eine spartanische Tugendstrenge an den Tag legt, taut plötzlich auf und verwandelt sich in einen überall bekannten Stammgast, der den Wein und das weibliche Geschlecht sehr wohl zu schätzen versteht. Dieser Kneipenhumor wird noch erhöht durch die fortwährenden Gefahren, denen der Konspirateur ausgesetzt ist; jeden Augenblick kann er auf die Barrikade gerufen werden und dort fallen, auf jedem Schritt und Tritt legt ihm die Polizei Schlingen, die ihn ins Gefängnis oder gar auf die Galeeren bringen können. Solche Gefahren machen eben den Reiz des Handwerks aus; je größer die Unsicherheit, desto mehr beeilt sich der Verschwörer, den Genuß des Moments festzuhalten. Zugleich macht ihn die Gewohnheit der Gefahr im höchsten Grade gleichgültig gegen Leben und Freiheit. Im Gefängnis ist er zu Hause wie beim marchand de vin. Jeden Tag erwartet er den Befehl zum Losbruch. Die verzweifelte Tollkühnheit, die in jeder Pariser Insurrektion hervortritt, wird gerade durch diese alten Verschwörer von Profession, die hommes de coups de main16, hereingebracht. Sie sind es, die die ersten Barrikaden aufwerfen und kommandieren, die den Widerstand organisieren, die Plünderung der Waffenläden, die Wegnahme der Waffen und Munition aus den Häusern leiten und mitten im Aufstand jene verwegenen Handstreiche ausführen, die die Regierungspartei so oft in Verwirrung bringen. Mit einem Wort, sie sind die Offiziere der Insurrektion.

Es versteht sich, daß diese Konspirateurs sich nicht darauf beschränken, das revolutionäre Proletariat überhaupt zu organisieren. Ihr Geschäft besteht gerade darin, dem revolutionären Entwicklungsprozeß vorzugreifen, ihn künstlich zur Krise zu treiben, eine Revolution aus dem Stegreif, ohne die Bedingungen einer Revolution zu machen. Die einzige Bedingung der Revolution ist für sie die hinreichende Organisation ihrer Verschwörung. Sie sind die Alchimisten der Revolution und teilen ganz die Ideenzerrüttung und die Borniertheit in fixen Vorstellungen der früheren Alchimisten. Sie werfen sich auf Erfindungen, die revolutionäre Wunder verrichten sollen: Brandbomben, Zerstörungsmaschinen von magischer Wirkung, Emeuten, die um so wundertätiger und überraschender wirken sollen, je weniger sie einen rationellen Grund haben. Mit solcher Projektenmacherei beschäftigt, haben sie keinen andern Zweck als den nächsten des Umsturzes der bestehenden Regierung und verachten aufs tiefste die mehr theoretische Aufklärung der Arbeiter über ihre Klasseninteressen. Daher ihr nicht proletarischer, sondern plebejischer Ärger über die habits noirs17, die mehr oder minder gebildeten Leute, die diese Seite der Bewegung vertreten, von denen sie aber, als von den offiziellen Repräsentanten der Partei, sich nie ganz unabhängig machen können. Die habits noirs müssen ihnen von Zeit zu Zeit auch als Geldquelle dienen. Es versteht sich übrigens, daß die Konspirateurs der Entwicklung der revolutionären Partei mit oder wider Willen folgen müssen.

Der Hauptcharakterzug im Leben der Konspirateurs ist ihr Kampf mit der Polizei, zu der sie grade dasselbe Verhältnis haben wie die Diebe und die Prostituierten. Die Polizei toleriert die Verschwörungen, und zwar nicht bloß als ein notwendiges Übel: Sie toleriert sie als leicht zu überwachende Zentren, in denen sich die gewaltsamsten revolutionären Elemente der Gesellschaft zusammenfinden, als Werkstätten der Emeute, die in Frankreich ein ebenso notwendiges Regierungsmittel geworden ist wie die Polizei selbst, und endlich als Rekrutierungsplatz für ihre eignen politischen Mouchards. Grade wie die brauchbarsten Spitzbubenfänger, die Vidocq und Konsorten, aus der Klasse der höheren und niederen Gauner, der Diebe, escrocs18 und falschen Bankeruttiers genommen werden und oft wieder in ihr altes Handwerk zurückfallen, geradeso rekrutiert sich die niedere politische Polizei aus den Konspirateurs von Profession. Die Verschwörer behalten unaufhörlich Fühlung mit der Polizei, sie kommen jeden Augenblick in Kollision mit ihr; sie jagen auf die Mouchards, wie die Mouchards auf sie jagen. Die Spionage ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Kein Wunder daher, daß der kleine Sprung vom handwerksmäßigen Verschwörer zum bezahlten Polizeispion, erleichtert durch das Elend und das Gefängnis, durch Drohungen und Versprechungen, sich so häufig macht. Daher das grenzenlose Verdachtsystem in den Verschwörungen, das die Mitglieder vollständig blind macht und sie in ihren besten Leuten Mouchards und in den wirklichen Mouchards ihre zuverlässigsten Leute erkennen läßt. Daß diese aus den Verschwörern angeworbenen Spione sich mit der Polizei meist in dem guten Glauben einlassen, sie düpieren zu können, daß es ihnen eine Zeitlang gelingt, eine doppelte Rolle zu spielen, bis sie den Konsequenzen ihres ersten Schritts mehr und mehr verfallen, und daß die Polizei wirklich oft von ihnen düpiert wird, ist einleuchtend. Ob übrigens ein solcher Konspirateur den Schlingen der Polizei verfällt, hängt von rein zufälligen Umständen ab und von einem mehr quantitativen als qualitativen Unterschied der Charakterfestigkeit.

Das sind die Konspirateure, die uns Chenu oft sehr lebendig vorführt und deren Charakter er bald mit, bald wider Willen schildert. Er selbst übrigens ist, bis in seine nicht ganz klaren Verbindungen mit der Delessertschen und Marrastschen Polizei hinein, das schlagendste Bild eines Konspirateurs von Handwerk.

In demselben Maß, wie das Pariser Proletariat selbst als Partei in den Vordergrund trat, verloren diese Konspirateurs an leitendem Einfluß, wurden sie zersprengt, fanden sie eine gefährliche Konkurrenz in proletarischen geheimen Gesellschaften, die nicht die unmittelbare Insurrektion, sondern die Organisation und Entwicklung des Proletariats zum Zweck hatten. Schon die Insurrektion von 1839 hatte einen entschiedenen proletarischen und kommunistischen Charakter. Nach ihr aber traten die Spaltungen ein, über die die alten Konspirateure so viel klagen; Spaltungen, die aus dem Bedürfnis der Arbeiter hervorgingen, sich über ihre Klasseninteressen zu verständigen, und die sich teils in den alten Verschwörungen selbst, teils in neuen propagandistischen Verbindungen äußerten. Die kommunistische Agitation, die Cabet bald nach 1839 mit Macht begann, die Streitfragen, die sich innerhalb der kommunistischen Partei erhoben, wuchsen den Konspirateuren bald über den Kopf. Chenu wie de la Hodde geben zu, daß die Kommunisten zur Zeit der Februarrevolution bei weitem die stärkste Fraktion des revolutionären Proletariats gewesen seien. Die Konspirateure, um ihren Einfluß auf die Arbeiter und damit ihr Gegengewicht gegen die habits noirs nicht zu verlieren, mußten dieser Bewegung folgen und sozialistische oder kommunistische Ideen adoptieren. So entstand schon vor der Februarrevolution der Gegensatz der Arbeiterverschwörungen, die durch Albert repräsentiert wurden, gegen die Leute von der „Réforme“, derselbe Gegensatz, der sich bald nachher in der provisorischen Regierung reproduzierte. Es fällt uns übrigens nicht ein, Albert mit diesen Konspirateurs zu verwechseln. Aus beiden Schriften geht hervor, daß Albert sich eine persönliche unabhängige Stellung über diesen seinen Werkzeugen zu behaupten wußte und keineswegs in die Klasse von Leuten gehört, die das Konspirieren als Nahrungszweig betrieben.

Die Bombengeschichte von 1847, eine Angelegenheit, in der die Polizei mehr als in allen früheren direkt einwirkte, sprengte endlich die hartnäckigsten und widersinnigsten alten Konspirateurs und warf ihre bisherigen Sektionen in die direkte proletarische Bewegung hinein.

Diese Konspirateurs von Profession, die heftigsten Leute ihrer Sektionen und die détenus politiques19 proletarischen Ursprungs, meist selbst alte Konspirateurs, finden wir nach der Februarrevolution als Montagnards in der Polizeipräfektur wieder. Die Konspirateurs bilden aber den Kern der ganzen Gesellschaft. Man begreift, daß diese Leute, hier auf einmal bewaffnet zusammengedrängt, mit ihren Präfekten und ihren Offizieren meist ganz vertraut, ein ziemlich turbulentes Korps bilden mußten. Wie die Montagne der Nationalversammlung die Parodie der alten Montagne war und durch ihre Impotenz aufs schlagendste bewies, daß die alten revolutionären Traditionen von 1793 heute nicht mehr ausreichen, so bewiesen die Montagnards der Polizeipräfektur, die Reproduktion der alten Sansculotten, daß in der modernen Revolution auch dieser Teil des Proletariats nicht mehr hinreicht und daß allein das gesamte Proletariat sie durchführen kann.

Chenu schildert den sansculottischen Lebenswandel dieser ehrenwerten Gesellschaft in der Präfektur höchst lebendig. Diese humoristischen Szenen, wobei Herr Chenu offenbar selbsttätig mitgewirkt hat, sind zuweilen etwas toll, aber bei dem Charakter der alten konspirierenden Bambocheurs höchst erklärlich und bilden ein notwendiges und selbst gesundes Gegenstück gegen die Orgien der Bourgeoisie in den letzten Jahren Louis-Philippes.

Wir zitieren bloß ein Beispiel aus der Erzählung ihrer Installation in der Präfektur.

„Als der Tag anbrach, sah ich nach und nach die Gruppenchefs mit ihren Mannschaften ankommen, aber meist unbewaffnet. Ich machte Caussidière hierauf aufmerksam. Ich werde ihnen Waffen besorgen, sagte er. Suche einen passenden Ort aus, um sie in der Präfektur zu kasernieren. Ich führte sofort diesen Auftrag aus und schickte sie, den Posten der alten Stadtsergeanten zu besetzen, wo ich einst so unwürdig behandelt worden war. Einen Augenblick nachher sah ich sie im Lauf zurückkommen. Wohin geht ihr? frug ich sie. – Der Posten ist besetzt durch einen Schwarm von Stadtsergeanten, antwortete mir Devaisse; sie schlafen ruhig, und wir suchen Instrumente, um sie zu wecken und herauszuwerfen. – Sie bewaffneten sich nun mit allem, was ihnen in die Hand fiel, Ladstöcken, Säbelscheiden, Riemen, die sie doppelt legten, und Besenstielen. Dann fielen meine Jungen, die sich alle mehr oder minder zu beklagen gehabt hatten über die Insolenz und Brutalität der Schläfer, mit gehobenem Arm über sie her und brachten ihnen während mehr als einer halben Stunde eine so rauhe Lektion bei, daß einige davon längere Zeit krank waren. Auf ihren Angtschrei stürzte ich hinzu, und es gelang mir nur mit Mühe, die Türe zu öffnen, die die Montagnards wohlweislich von innen verschlossen hielten. Es war der Mühe wert, jetzt die Stadtsergeanten halbnackt in den Hof stürzen zu sehen; sie sprangen mit einem Satz die Treppe hinunter, und wohl bekam es ihnen, alle Schliche der Präfektur zu kennen, um aus den Augen ihrer sie hetzenden Feinde zu verschwinden. Einmal Meister des Platzes, dessen Garnison sie mit soviel Höflichkeit abgelöst hatten, schmückten sich unsre Montagnards siegesstolz mit der Hinterlassenschaft der Besiegten, und während langer Zeit sah man sie auf und ab wandeln im Hof der Präfektur, den Degen an der Seite, den Mantel um die Schulter und ihr Haupt geziert mit dem dreieckigen Hut, einst so gefürchtet von der Mehrzahl unter ihnen.“ p. 83–85.

Wir haben die Montagnards kennengelernt, wir kommen zu ihrem Chef, dem Helden der Epopöe Chenu, zu Caussidière. Chenu führt ihn uns so häufiger vor, als er es ist, gegen den das ganze Buch sich eigentlich richtet.

Die Hauptvorwürfe, die Caussidière gemacht wurden, beziehen sich auf seinen moralischen Lebenswandel, Wechselreitereien und sonstige kleine Versuche, Geld aufzutreiben, wie sie jedem verschuldeten und lebenslustigen commis voyageur20 in Paris vorkommen können und vorkommen. Es hängt überhaupt nur von der Größe des Kapitals ab, ob die Prellereien, Profitmachereien, Schwindeleien und Börsenspiele, auf denen der ganze Handel beruht, mehr oder weniger an den Code pénal21 streifen. Über die Börsencoups und den chinesischen Betrug, die speziell den französischen Handel charakterisieren, vergleiche man z.B. Fouriers pikante Schilderungen in den „Quatre mouvements“, der „Fausse Industrie“, dem „Traité de l’unité universelle“ und seinem Nachlaß. Herr Chenu versucht nicht einmal zu beweisen, daß Caussidière seine Stellung als Polizeipräfekt zu seinen Privatzwecken exploitiert habe. Überhaupt kann eine Partei sich Glück wünschen, wenn ihre siegreichen Gegner auf die Enthüllung solcher handelsmoralischen Erbärmlichkeiten sich beschränken müssen. Die kleinen Experimente des commis voyageur Caussidière und die großartigen Skandale der Bourgeoisie von 1847, welcher Kontrast! Der ganze Angriff hat nur einen Sinn, insofern Caussidière der Partei der „Réforme“ angehörte, die ihren Mangel an revolutionärer Energie und Verstand durch republikanische Tugendbeteuerungen und einen finstern Ernst der Gesinnung zu verdecken suchte.

Caussidière ist unter den Chefs der Februarrevolution die einzige erheiternde Figur. In seiner Eigenschaft als loustic22 der Revolution war er der ganz passende Chef der alten Konspirateurs von Handwerk. Sinnlich und humoristisch, alter Stammgast in Cafés und Kneipen der verschiedensten Art, der selbst lebte und leben ließ, dabei militärisch mutig, unter einer breitschultrigen Bonhomie und Ungeniertheit eine große Geriebenheit, schlaue Reflexion und feine Beobachtung verbergend, besaß er einen gewissen revolutionären Takt und revolutionäre Energie. Caussidière war damals ein echter Plebejer, der die Bourgeoisie instinktmäßig haßte und alle plebejischen Leidenschaften im höchsten Grade teilte. Kaum auf der Präfektur installiert, konspiriert er schon gegen den „National“, ohne darüber die Küche und den Keller seines Vorgängers zu vernachlässigen. Er organisiert sich sofort eine militärische Macht, sichert sich ein Journal, lanciert Klubs, verteilt die Rollen und agiert überhaupt im ersten Moment mit großer Sicherheit. In vierundzwanzig Stunden ist die Präfektur in eine Festung verwandelt, in der er seinen Feinden trotzen kann. Aber alle seine Pläne bleiben entweder bloße Projekte oder laufen in der Praxis auf pure plebejische Späße ohne Resultat hinaus. Als die Gegensätze sich schroffer gestalten, teilt er das Los seiner Partei, die zwischen den Leuten vom „National“ und den proletarischen Revolutionären wie Blanqui unentschieden in der Mitte stehenbleibt. Seine Montagnards spalten sich; die alten Bambocheurs wachsen ihm über den Kopf und sind nicht mehr zu zügeln, während der revolutionäre Teil zu Blanqui übergeht. Caussidière selbst verbürgert in seiner offiziellen Stellung als Präfekt und Repräsentant immer mehr; am 15. Mai hält er sich vorsichtig zurück und rechtfertigt sich in der Kammer auf eine unverantwortliche Weise; am 23. Juni läßt er die Insurrektion direkt im Stich. Zum Lohn wird er natürlich von der Präfektur entfernt und bald darauf ins Exil geschickt.

Wir lassen einige der bezeichnendsten Stellen aus Chenu und de la Hodde über Caussidière folgen.

Kaum ist de la Hodde am Abend des 24. Februar als Generalsekretär der Präfektur von Caussidière installiert, so sagt ihm dieser:

„Ich brauche hier solide Leute. Die administrative Boutique wird immer so ziemlich ihren Gang gehn; ich habe provisorisch die alten Beamten beibehalten; sobald sie die Patrioten gebildet haben, werden wir sie balancieren. Das ist Nebensache. Es handelt sich darum, aus der Präfektur die Zitadelle der Revolution zu machen; instruiert unsre Leute danach; sie sollen alle herkommen. Haben wir erst eintausend Stück handfester Kameraden hier, so halten wir die Katze am Schwanz. Ledru-Rollin, Flocon, Albert und ich verstehn uns, und ich hoffe, daß die Sache sich machen wird. Der ‚National‘ muß purzeln. Das geschehn, werden wir das Land schon republikanisieren, es mag wollen oder nicht.“

Gleich darauf kam Garnier-Pagès, Maire von Paris, unter dessen Befehl der „National“ die Polizei gestellt hatte, einen Besuch abstatten und schlug Caussidière vor, anstatt des unangenehmen Postens auf der Präfektur lieber die Kommandantur des Schlosses von Compiègne anzunehmen. Caussidière antwortete ihm mit der kleinen Flötenstimme, die ihm zu Gebot stand und die so merkwürdig mit seinen breiten Schultern kontrastierte: ‚Ich nach Compiègne? Unmöglich. Es ist notwendig, daß ich hier bleibe. Ich habe da unten mehrere Hundert gemütliche Jungen, die wacker arbeiten; ich erwarte ihrer noch zweimal soviel. Wenn der gute Wille oder der Mut euch auf dem Hôtel de Ville fehlt, so werde ich euch helfen können. Ha, ha, la révolution fera son petit bonhomme de chemin, il le faudra bien!23‘ – ‚Die Revolution? aber sie ist fertigt! – ‚Bah, sie hat noch gar nicht angefangen!‘ – Der arme Maire stand da wie ein Tölpel.“ De la Hodde, p. 72.

Zu den heitersten Szenen, die Chenu schildert, gehört der Empfang der Polizeikommissäre und officiers de paix durch den neuen Präfekten, der bei ihrer Anmeldung gerade bei Tische war.

„Sie sollen warten, sagte Caussidière, der Präfekt arbeitet. Er arbeitete noch eine gute halbe Stunde und arrangierte dann die Szenerie für den Empfang der Herrn Kommissäre, die unterdessen die große Treppe entlang standen. Caussidière setzte sich majestätisch nieder in seinen Sessel, seinen großen Säbel an der Seite. Zwei wüste Montagnards mit kannibalischer Miene bewachten die Tür, die Muskete beim Fuß, die Pfeife im Mund. Zwei Hauptleute mit gezogenem Säbel standen an jeder Seite seines Pults. Außerdem waren in dem Salon gruppiert alle Sektionschefs und die Republikaner, die seinen Generalstab bildeten; alles bewaffnet mit großen Säbeln und Kavalleriepistolen, mit Büchsen und Jagdflinten. Alle Welt rauchte, und die Rauchwolke, die den Salon erfüllte, verfinsterte noch die Gesichter und gab dieser Szene eine wirklich erschreckende Physiognomie. In der Mitte war ein Platz für die Kommissäre freigebliében. Jeder bedeckte sich, und Caussidière gab Befehl, sie einzuführen. Diese armen Kommissäre verlangten nichts sehnlicher, denn sie waren den Grobheiten und Drohungen der Montagnards ausgesetzt, die sie in allen möglichen Saucen frikassieren wollten. Schurkenbande, brüllten sie, jetzt halten wir euch auch einmal! Ihr kommt nicht mehr fort, ihr müßt eure Haut hier lassen! – Bei ihrem Eintritt in das Kabinett des Präfekten glaubten sie, von der Scylla in die Charybdis zu geraten. Der erste, der seinen Fuß auf die Schwelle setzte, schien einen Augenblick zu schwanken. Er wußte nicht recht, sollte er vorwärtsgehn oder zurück, so finster richteten sich alle Blicke auf ihn. Endlich wagte er sich, tat einen Schritt vor und grüßte, noch einen Schritt und grüßte tiefer, einen andern Schritt und grüßte noch tiefer. Jeder machte sein Entree mit tiefen Verbeugungen gegen den schrecklichen Präfekten, der alle diese Huldigungen kalt und schweigend empfing, die Hand gestützt auf den Griff seines Säbels. Die Kommissäre betrachteten diese sonderbare Schaustellung mit glotzigen Augen. Einige, welche der Schrecken verwirrte und welche eine zweifelsohne den Hof machen wollten, fanden das Tableau imposant, majestätisch. – Stille! gebot ein Montagnard mit Grabesstimme. – Als sie alle eingetreten waren, brach Caussidière, der bis dahin stumm und unbeweglich geblieben war, das Schweigen und sagte mit seiner furchtbarsten Stimme:

‚Vor acht Tagen habt ihr nichts weniger erwartet, als mich hier an diesem Platz zu finden, umgeben von treuen Freunden. Sie sind also heute eure Gebieter, diese Pappendeckelrepublikaner, wie ihr sie einst nanntet. Ihr zittert vor denen, die ihr mit der unedelsten Behandlung überhäuft habt. Sie, Vassal, waren der niederträchtigste sei24de der gestürzten Regierung, der heftigste Verfolger der Republikaner, und jetzt sind Sie gefallen in die Hände Ihrer unerbittlichsten Feinde, denn keiner ist hier gegenwärtig, der Ihren Verfolgungen entgangen wäre. Wenn ich auf die gerechten Reklamationen

Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 7, Berlin: Dietz Verlag 1960, S. 266-279.