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Bastiat und Carey

|1| Bastiat. Harmonies Économiques. 2 édit. Paris. 1851.

Avantpropos.

Die Geschichte der modernen politischen Oekonomie endet mit Ricardo und Sismondi, Gegensätze, von denen der eine englisch, der andre französisch spricht – ganz wie sie am Ende des 17t Jahrhunderts beginnt mit Petty und Boisguillebert. Die spätere politisch=ökonomische Literatur verläuft sich entweder in eklektische, synkretistische Compendien, wie z. B. das Werk von J. St. Mill, oder in tiefere Ausarbeitung einzelner Zweige, wie z. B. Tooke's History of prices und im Allgemeinen die neueren englischen Schriften über Circulation – der einzige Zweig, worin wirklich neue Entdeckungen gemacht worden sind, da die Schriften über Colonisation, Grundeigenthum (in seinen verschiednen Formen), Population u.s.w. eigentlich nur durch grössere stoffliche Fülle sich vor den ältern auszeichnen – oder Reproduction alter ökonomischer Streitfragen für ein ausgedehnteres Publicum und die praktische Lösung von Tagesfragen, wie die Schriften über free trade und protection – oder endlich in tendentiöse Zuspitzungen der klassischen Richtungen, ein Verhältniß, worin z. B. Chalmers zu Malthus und Gülich zu Sismondi stehn, und in gewisser Hinsicht MacCulloch und Senior in ihren ältren Schriften zu Ricardo. Es ist durchaus eine Epigonenlitteratur, Reproduction, grössere Ausbildung der Form, breitere Aneignung des Stoffs, Pointirung, Popularisirung, Zusammenfassung, Ausarbeitung der Details, Mangel an springenden und entscheidenden Entwicklungsphasen, Aufnehmen des Inventariums auf der einen Seite, Zuwachs im Einzelnen auf der andren.

Ausnahme machen scheinbar nur die Schriften von Carey, dem Yankee, und Bastiat, dem Franzosen, von denen der leztre gesteht, daß er sich auf den erstren stüzt. Beide begreifen, daß der Gegensatz gegen die politische Oekonomie – Socialismus und Communismus – seine theoretische Voraussetzung in den Werken der klassischen Oekonomie selbst findet, speziell in Ricardo, der als ihr vollendetster und lezter Ausdruck betrachtet werden muß. Beide finden es daher nöthig, den theoretischen Ausdruck, den die bürgerliche Gesellschaft in der modernen Oekonomie geschichtlich gewonnen hat, als Mißverständniß anzugreifen und die Harmonie der Productionsverhältnisse da zu beweisen, wo die klassischen Oekonomen naiv ihren Antagonismus zeichneten. Die durchaus verschiedne, selbst widersprechende nationale Umgebung, aus der heraus beide schreiben, treibt sie nichtsdestoweniger zu denselben Bestrebungen. Carey ist der einzige originelle Oekonom der Nordamerikaner. Einem Land gehörig, wo die bürgerliche Gesellschaft nicht auf der Grundlage des Feudalwesens sich entwickelt, sondern von sich selbst begonnen hat; wo sie nicht als das überlebende Resultat einer jahrhundertalten Bewegung erscheint, sondern als der Ausgangspunkt einer neuen Bewegung; wo der Staat, im Unterschied von allen frühren nationalen Gestaltungen, von vorn herein der bürgerlichen Gesellschaft, deren Production untergeordnet war und nie die Prätention eines Selbstzwecks machen konnte; wo endlich die bürgerliche Gesellschaft selbst, die Productivkräfte einer alten Welt mit dem ungeheuren Naturterrain einer neuen verbindend, sich in bisher unbekannten Dimensionen und unbekannter Freiheit der Bewegung entwickelt, alle bisherige Arbeit in | |2| Ueberwältigung der Naturkräfte weit überflügelt hat, und wo endlich die Gegensätze der bürgerlichen Gesellschaft selbst nur als verschwindende Momente erscheinen. Daß die Productionsverhältnisse, in denen diese ungeheure neue Welt so rasch, so überraschend und glücklich sich entwickelt hat, von Carey als die ewigen Normalverhältnisse gesellschaftlicher Production und Verkehrs betrachtet werden, in Europa, speziell England, was für ihn eigentlich Europa ist, nur gehemmt und beeinträchtigt durch die übermachten Schranken der Feudalperiode, daß ihm diese Verhältnisse von den englischen Oekonomen nur verzerrt und verfälscht angeschaut, wiedergegeben, oder verallgemeinert erscheinen, indem sie zufällige Verkehrungen derselben mit ihrem immanenten Character verwechselten, – was natürlicher? Amerikanische Verhältnisse gegen englische: darauf reducirt sich seine Kritik der englischen Theorie vom Grundeigenthum, Salair, Population, Klassengegensätzen u. s. w. Die bürgerliche Gesellschaft existirt nicht rein, nicht ihrem Begriff entsprechend, nicht sich selbst adaequat in England. Wie sollten die Begriffe der englischen Oekonomen von der bürgerlichen Gesellschaft der wahre, ungetrübte Ausdruck einer Realität sein, die sie nicht kannten? Die störende Einwirkung traditioneller, nicht aus dem Schooß der Bürgerlichen Gesellschaft selbst hervorgewachsner Einflüsse auf ihre natürlichen Verhältnisse, reducirt sich in lezter Instanz für Carey im Einfluß des Staats auf die bürgerliche Gesellschaft, in seinen Uebergriffen und Eingriffen. Das Salair z. B. wächst naturgemäß mit der Productivität der Arbeit. Finden wir die Realität diesem Gesetz nicht entsprechend, so haben wir nur, sei es in Hindostan oder England, die Einflüsse der Regierung zu abstrahiren, Steuern, Monopole etc. Die bürgerlichen Verhältnisse an sich selbst betrachtet, d. h. nach Abzug der Staatseinflüsse, werden in der That immer die harmonischen Gesetze der bürgerlichen Oekonomie bestätigen. In wie fern diese Staatseinflüsse, public debt, taxes etc selbst aus den bürgerlichen Verhältnissen hervorwachsen – und daher in England z. B. keineswegs als Resultate des Feudalismus, sondern vielmehr seiner Auflösung und Ueberwältigung erscheinen und in Nordamerika selbst die Macht der Centralregierung mit der Centralisation des Capitals wächst – untersucht Carey natürlich nicht. Während so Carey den englischen Oekonomen gegenüber die höhere Potenz der bürgerlichen Gesellschaft in Nordamerica geltend macht, macht Bastiat den französischen Socialisten gegenüber die niedre Potenz der bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich geltend. Ihr glaubt gegen die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft zu revoltiren in einem Lande, wo diesen Gesetzen nie erlaubt war sich zu realisiren! Ihr kennt sie nur in der verkümmerten französischen Form, und betrachtet als immanente Form derselben, was nur ihre nationale französische Verzerrung ist. Seht nach England herüber. Hier zu Land gilt es die bürgerliche Gesellschaft von den Fesseln, die ihr der Staat anlegt zu befreien. Ihr wollt diese Fesseln vermehren. Arbeitet erst die bürgerlichen Verhältnisse rein heraus und dann wollen wir uns wieder sprechen. (Bastiat hat insofern Recht, als in Frankreich in Folge seiner eigenthümlichen socialen Gestaltung manches für Socialismus gilt, was in England politische Oekonomie ist.)

Carey indeß, dessen Ausgangspunkt die amerikanische Emancipation der bürgerlichen Gesellschaft vom Staat, endet mit dem Postulat der Staatseinmischung, damit die reine Entwicklung der bürgerlichen Verhältnisse nicht, wie es in America faktisch geschehn, durch Einfluß von aussen gestört werde. Er ist Protectionist, während Bastiat Freetrader ist. Die Harmonie der ökonomischen Gesetze erscheint in der ganzen Welt als Disharmonie und die Anfänge dieser Disharmonie frappiren Carey selbst in den Vereinigten Staaten. Woher dieses sonderbare Phänomen? Carey erklärt es aus der vernichtenden Einwirkung Englands mit seinem Streben nach industriellem Monopol, auf den Weltmarkt. Ursprünglich sind die englischen Verhältnisse durch die falschen Theorien seiner Oekonomen verrückt worden, im Innern. Jezt, nach aussen hin, ||3| als die gebietende Macht des Weltmarkts, verrückt England die Harmonie der ökonomischen Verhältnisse in allen Ländern der Welt. Diese Disharmonie ist eine wirkliche, keine blos in der subjektiven Auffassung der Oekonomen gegründete. Was Rußland politisch für Urquhart, ist England ökonomisch für Carey. Die Harmonie der ökonomischen Verhältnisse basirt nach Carey auf der harmonischen Cooperation von Stadt und Land, Industrie und Agricultur. Diese Grundharmonie, die England in seinem eignen Innern aufgelöst hat, zerstört es durch seine Concurrenz überall auf dem Weltmarkt und ist so das destruktive Element der allgemeinen Harmonie. Schutz dagegen können nur die Schutzzölle – die gewaltsame, nationale Absperrung gegen die Destructivkraft der englischen grossen Industrie bilden. Die lezte Zuflucht der „harmonies économiques“ ist daher der Staat, der ursprünglich als der einzige Störenfried dieser Harmonien gebrandmarkt wurde. Einerseits spricht Carey hier wieder die bestimmte nationale Entwicklung der Vereinigten Staaten aus, ihren Gegensatz zu und ihre Concurrenz mit England. Es geschieht dieß in der naiven Form, daß er den Vereinigten Staaten vorschlägt den von England propagirten Industrialismus dadurch zu zerstören, daß sie ihn bei sich selbst durch Schutzzölle rascher entwickeln. Von dieser Naivetät abgesehn, endet bei Carey die Harmonie der bürgerlichen Productionsverhältnisse mit der vollendetsten Disharmonie dieser Verhältnisse, wo sie auf dem großartigsten Terrain, dem Weltmarkt, in der großartigsten Entwicklung als die Verhältnisse producirender Nationen auftreten. Alle jene Verhältnisse, die ihm innerhalb bestimmter Landesgrenzen oder auch in der abstrakten Form von allgemeinen Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft harmonisch erscheinen – Concentration des Capitals, Theilung der Arbeit, Salariat etc – erscheinen ihm als disharmonisch, wo sie in ihrer entwickelsten Form – in ihrer Weltmarktsform auftreten – als die innern Verhältnisse, die die englische Herrschaft auf dem Weltmarkt produciren, und die, als destruktive Wirkungen, die Folge dieser Herrschaft sind. Es ist harmonisch, wenn innerhalb eines Landes die patriarchalische Production der industriellen Platz macht, und der Auflösungsprozeß, der diese Entwicklung begleitet, wird nur nach seiner positiven Seite aufgefaßt. Aber es wird disharmonisch, wenn die englische grosse Industrie die patriarchalischen oder kleinbürgerlichen oder andre auf niederen Stufen sich befindenden Formen fremder nationaler Production auflöst. Die Concentration des Capitals innerhalb eines Landes und die auflösende Wirkung dieser Concentration bietet ihm nur positive Seite dar. Aber das Monopol des concentrirten englischen Capitals und seine auflösenden Wirkungen auf die kleinren nationalen Capitalien andrer Völker ist disharmonisch. Was Carey nicht begriffen hat, daß diese weltmarktlichen Disharmonien nur die lezten adaequaten Ausdrücke der Disharmonien sind, die in den ökonomischen Categorien als abstracte Verhältnisse fixirt [werden] oder in dem kleinsten Umfang eine lokale Existenz besitzen. Kein Wunder, daß er andrerseits den positiven Gehalt dieser Auflösungsprocesse – die einzige Seite die er den ökonomischen Categorien in ihrer abstrakten Form, oder den realen Verhältnissen innerhalb bestimmter Länder, wovon sie abstrahirt sind, ansieht – in ihrer weltmarktlichen, vollen Erscheinung vergißt. Wo ihm die ökonomischen Verhältnisse in ihrer Wahrheit, d. h. in ihrer universellen Realität gegenübertreten, schlägt er daher von seinem principiellen Optimismus um in einen denuncirenden und gereizten Pessimismus. Dieser Widerspruch bildet die Originalität seiner Schriften und giebt ihnen ihre Bedeutung. Er ist ebensowohl Americaner in seiner Behauptung der Harmonie innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, als in Behauptung der Disharmonie derselben Verhältnisse in ihrer weltmarktlichen Gestalt. Bei Bastiat nichts von alle dem. Die Harmonie dieser Verhältnisse ist ein Jenseits, das grade da anfängt, wo die französischen Grenzen aufhören, das in England und America existirt. Es ist blos die eingebildete, ideale Form der unfranzösischen englisch-amerikanischen Verhältnisse, nicht die wirkliche, wie sie ihm auf seinem eignen Grund und Boden gegenübertritt. Während daher bei ihm die Harmonie keineswegs aus der Fülle lebendiger Anschauung hervorgeht, sondern vielmehr das gespreizte Product einer dünnen und gespannten, gegensätzlichen Reflexion ist, ist das einzige Moment der Realität bei ihm die Forderung an den französischen Staat seine ökonomischen Grenzen aufzugeben. Carey sieht die Widersprüche der ökonomischen Verhältnisse, sobald sie als englische Verhältnisse erscheinen auf dem Weltmarkt. Bastiat, der sich die Harmonie blos einbildet, fängt nur da an ihre Realisation zu sehn, wo Frankreich aufhört, und alle national getrennten Bestandtheile der bürgerlichen Gesellschaft von der Oberaufsicht des Staats befreit unter einander concurriren. Diese seine lezte Harmonie selbst – und die Voraussetzung aller seiner frühern, eingebildeten – ist indeß selbst wieder ein bloses Postulat, das durch die Freihandelsgesetzgebung realisirt werden soll.|

|4| Wenn Carey daher ganz abgesehn von dem wissenschaftlichen Werth seiner Forschungen, wenigstens das Verdienst besizt, in abstrakter Form die grossen amerikanischen Verhältnisse auszusprechen, und zwar im Gegensatz zur alten Welt, so wäre der einzig reale Hintergrund bei Bastiat die Kleinheit der französischen Verhältnisse, die überall aus seinen Harmonien ihre langen Ohren herausstrecken. Indeß ist das Verdienst überflüssig, weil die Verhältnisse eines so alten Landes hinlänglich bekannt sind und am wenigsten nöthig haben auf solch negativem Umweg bekannt zu werden. Carey ist daher reich an so zu sagen Bonafide Forschungen in der ökonomischen Wissenschaft, wie über den Credit, Rente etc. Bastiat ist nur beschäftigt mit zufriedenstellenden Paraphrasen im Contrast endender Forschungen; l'hypocrisie du contentement. Carey's Allgemeinheit ist Yankee'sche Universalität. Frankreich und China sind ihm gleich nah. Allemal der Mann, der am stillen Ocean und am Atlantic wohnt. Bastiat's Allgemeinheit ist Wegsehn von allen Ländern. Als echter Yankee nimmt Carey den massenhaften Stoff von allen Seiten auf, den ihm die alte Welt bietet, nicht um die immanente Seele dieses Stoffs zu erkennen, und ihm so sein Recht des eigenthümlichen Lebens zuzugestehn, sondern um ihn für seine Zwecke, seine von seinem Yankeestandpunkt abstrahirten Sätze als todte Belege, als gleichgültiges Material zu verarbeiten. Daher sein Herumstreichen in allen Ländern, massenhafte und unkritische Statistik, katalogartige Belesenheit. Bastiat giebt dagegen phantastische Geschichte, seine Abstraktionen einmal in der Form von Raisonnement, und das andremal in der Form von supponirten Ereignissen, die indeß niemals und nirgends passirt sind, so wie der Theolog die Sünde einmal als Gesetz des menschlichen Wesens, das andremal als die Geschichte vom Sündenfall behandelt. Beide sind daher gleich unhistorisch und antihistorisch. Aber das ungeschichtliche Moment in Carey ist das gegenwärtige geschichtliche Princip von Nordamerica, während das ungeschichtliche Element in Bastiat blos Reminiscenz der französischen Verallgemeinerungsmanier des 18t Jhh. ist. Carey ist daher formlos und diffus, Bastiat affectirt und formell logisch. Das Höchste, wozu er es bringt sind Gemeinplätze paradox ausgedrückt, en facettes geschleift. Bei Carey ein paar allgemeine Thesen, in lehrsatzartiger Form vorausgeschickt. Ihnen nachfolgend ein ungestaltiges Material, Sammelwerk als Beleg – der Stoff seiner Thesen keineswegs verarbeitet. Bei Bastiat besteht das einzige Material – abstrahirt von einigen Localexempeln oder phantastisch zugestuzten englischen Normalerscheinungen – nur in den allgemeinen Thesen der Oekonomisten. Careys Hauptgegensatz Ricardo, kurz die modernen englischen Oekonomisten; Bastiats die französischen Socialisten.|

|5|XIV) Des Salaires.

Folgendes sind Bastiats Hauptsätze: Die Menschen streben alle nach Fixität in der Einnahme, fixed revenue. ❲Echt französisches Beispiel: 1) Jeder Mensch will Beamter sein oder seinen Sohn zum Beamten machen. (Sieh p. 371.)❲ Das Salair ist eine fixe Form der Remuneration (p. 376) und daher eine sehr vervollkommnete Form der Association, in deren ursprünglicher Form „das Aleatorische“ vorherrscht, sofern „tous les associés à toutes les chances de l'entreprise“ unterworfen sind. ❲Wenn das Capital das Risico auf seine Rechnung nimmt, fixirt sich die Remuneration der Arbeit unter dem Namen Salair. Will die Arbeit die guten und schlechten Folgen auf sich nehmen, so löst sich die Remuneration des Capitals los und fixirt sich unter dem Namen Zins (382)❳ (Sieh über diese Zusammenstellung weiter p. 382,3). Indeß wenn ursprünglich in der condition de l'ouvrier das Aleatorische vorherrscht, so ist die Stabilität im Salariat noch nicht hinreichend gesichert. Es ist ein „degré intermédiaire qui sépare l'aléatoire de la stabilité“. Diese lezte Stufe wird erreicht durch „épargner, aux jours de travail, de quoi satisfaire aux besoins des jours de vieillesse et de maladie“ (p.388). Die lezte Stufe entwickelt sich durch die „sociétés de secours mutuels“ (1.c.) und in lezter Instanz durch „la caisse de retraite des travailleurs“. (p.393) (Wie der Mensch vom Bedürfniß ausging Beamter zu werden, so endet er mit der Genugthuung, eine Pension zu beziehn.)

ad 1. Gesezt alles was Bastiat über die Fixität des Salairs sagt, sei richtig. So würden wir den eigentlichen Character des Salairs, seine characteristische Bestimmtheit noch nicht damit kennen, daß das Salair unter die fixed revenues subsumirt wird. Eine Beziehung desselben – die ihm mit andren Einnahmequellen gemein ist, – wäre betont. Weiter nichts. Dieß wäre allerdings schon etwas für den Advocaten, der die Vorzüge des Salariats plädiren will. Es wäre noch nichts für den Oekonomisten, der die Eigenthümlichkeit dieses Verhältnisses in seinem ganzen Umfang verstehn will. Eine einseitige Bestimmung eines Verhältnisses, einer ökonomischen Form fixiren, sie panegyrisiren gegenüber der umgekehrten Bestimmung: diese ordinäre Advocaten- und Apologistenpraxis zeichnet den Raisonneur Bastiat aus. Also setze statt Salair: Fixität der Einnahme. Ist Fixität der Einnahme nicht gut? Liebt nicht jeder auf Gewisses rechnen zu können? Speziell jeder spießbürgerliche, kleinfühlende Franzos? l'homme toujours besogneux? Die Leibeigenschaft ist in derselben Weise, und vielleicht mit größrem Recht, vertheidigt worden. Das Umgekehrte könnte auch behauptet werden, und ist behauptet worden. Setze Salair gleich Nichtfixität, i. e. Weiterkommen über einen bestimmten Punkt. Wer liebt nicht voranzukommen, statt stehn zu bleiben? Ist also ein Verhältniß schlecht, das die Chancen eines bürgerlichen progressus in infinitum möglich macht? Bastiat selbst macht natürlich an einer andren Stelle das Salariat als Nichtfixität geltend. Wie anders als durch die Nichtfixität, durch die Schwankungen, könnte es dem Arbeiter möglich werden aufzuhören zu arbeiten, Capitalist zu werden, wie B. will? Also das Salariat ist gut, weil es Fixität ist; es ist gut weil es Nichtfixität ist; es ist gut, weil es weder das eine noch das andre, aber sowohl eines wie das andre ist. Welches Verhältniß ist nicht gut, wenn es auf eine einseitige Bestimmung reducirt wird und diese als Position, nicht als Negation betrachtet wird? Alles reflectirende Hin- und Herschwatzen, alle Apologetik, alle biedermännische Sophisterei beruht auf solcher Abstraction.

Nach dieser allgemeinen Vorbemerkung, kommen wir zu Bast.'s wirklicher Construction. Nebenbei sei nur noch bemerkt, daß sein métayer des Landes, der Kerl der nur Unglück des Lohnarbeiters mit dem Pech des kleinen Capitalisten in sich vereinigt, in der That sich glücklich fühlen möchte, wenn er auf fixen Lohn gesezt würde. – Proudhon's histoire descriptive und philosophique erreicht kaum die seines Gegners Bastiat. Der ursprünglichen Form der Association gegenüber, worin alle associés alle Chancen des Zufalls theilen, folgt als höhere und freiwillig von beiden Seiten | |6| eingegangne Stufe der Association die, worin die Remuneration des Arbeiters fixirt ist. Wir wollen hier nicht auf die Genialität aufmerksam machen, die erst auf der einen Seite einen Capitalisten und auf der andren einen Arbeiter voraussezt, um dann hinterher durch Verabredung zwischen beiden das Verhältniß zwischen Capital und Lohnarbeit entstehn zu lassen.

Die Form der Association, worin der Arbeiter allen zufälligen Chancen des Erwerbs ausgesezt ist – worin alle Producenten gleichmässig diesen Chancen ausgesezt sind – und die dem Salair, worin die Remuneration der Arbeit Fixität gewinnt, stabil wird, unmittelbar vorausgeht, als These der Antithese – ist, wie wir von B. hören, der Zustand, worin Fischerei, Jagd, Hirtenwesen die herrschenden Productions- und Gesellschaftsformen bilden. Erst der vagabondirende Fischer, Jäger, Hirt – und dann der Lohnarbeiter. Wo und wann hat sich dieser historische Uebergang aus dem halbwilden Zustand in den modernen zugetragen? Höchstens im Charivari. In der wirklichen Geschichte geht die Lohnarbeit hervor aus der Auflösung von Sklaverei und Leibeigenschaft – oder dem Verfall des Gemeineigenthums, wie bei orientalischen und slawischen Völkern – und in ihrer adaequaten Epochemachenden, das ganze gesellschaftliche Dasein der Arbeit ergreifenden Form aus [dem] Untergang der Zunftwirthschaft, des Ständewesens, der Naturalarbeit und des Naturaleinkommens, der als ländlichem Nebenzweig betriebnen Industrie, der noch feudalen kleinen Landwirthschaft etc. In allen diesen wirklich historischen Uebergängen erscheint die Lohnarbeit als Auflösung, als Vernichtung von Verhältnissen, worin die Arbeit nach allen Seiten hin fixirt war, ihrem Einkommen, ihrem Inhalt, ihrer Lokalität, ihrem Umfang etc. nach. Also als Verneinung der Fixität der Arbeit und ihrer Remuneration. Der direkte Uebergang von dem Fetisch des Africaners zum être surprême Voltaires oder des Jagdgeräths eines Nordamerikanischen Wilden zum Capital der Bank von England, ist nicht so abgeschmackt geschichtswidrig, wie der Uebergang von Bastiats Fischer zum Lohnarbeiter. (In allen diesen Entwicklungen zeigt sich ausserdem nichts von freiwilligen, aus wechselseitiger Uebereinkunft hervorgegangnen Verändrungen.) Dieser historischen Construction – worin B. seine flache Abstraction in der Form einer Begebenheit sich vorlügt – ganz würdig ist die Synthese, worin die englischen friendly societies und die Sparkassen als das lezte Wort des Salariats und Aufhebung aller socialen Antinomien erscheinen.

Also geschichtlich die Nichtfixität Character des Salariats: Gegentheil von B's Construction. Aber wie kam er überhaupt auf die Construction der Fixität als der alles compensirenden Bestimmung des Salariats? Und wie kam er dazu das Salariat in dieser Bestimmtheit als höhre Form der Remuneration, der Remuneration der Arbeit in andren Gesellschafts- oder Associationsformen, historisch darstellen zu wollen?

Alle Oekonomen, sobald sie das gegebne Verhältniß von Capital und Lohnarbeit, von Profit und Salair besprechen und dem Arbeiter beweisen, daß er keinen Anspruch habe an den Chancen des Gewinns theilzunehmen, ihn überhaupt über seine untergeordnete Rolle gegenüber dem Capitalisten beruhigen wollen, heben ihm hervor, daß er im Gegensatz zum Capitalisten eine gewisse Fixität des Einkommens, mehr oder weniger unabhängig von den grossen adventures des Capitals besizt. Ganz wie Don Quixote den Sancho Pansa tröstet, daß wenn er zwar alle Prügel bezieht, er es auch nicht nöthig hat tapfer zu sein. Eine Bestimmung also, die die Oekonomen dem Salariat im Gegensatz zum Profit beilegen, verwandelt Bastiat in eine Bestimmung des Salariats im Gegensatz zu frühren Formen der Arbeit und als einen Fortschritt zur Remuneration der Arbeit in diesen früheren Verhältnissen. Ein Gemeinplatz, der sich in das gegebne Verhältniß stellt, der die eine Seite desselben gegen die andre vertröstet, wird von dem Herrn B. aus diesem Verhältniß herausgenommen und zur historischen Grundlage seiner Entstehung gemacht. In dem Verhältniß von Salair zu Profit, Lohnarbeit zu Capital, sagen die Oekonomisten, kömmt dem Salair der Vorzug der Fixität zu. Die Fixität sagt Herr Bastiat, d. h. eine der Seiten im Verhältniß von Salair zu Profit, ist der historische Entstehungsgrund des Salariats (oder kömmt dem Salair zu nicht im Gegensatz zum Profit, sondern zu den frühern Remunerationsformen der Arbeit), also auch des Profits, also des ganzen Verhältnisses. So verwandelt sich ihm unter der Hand ein Gemeinplatz über eine Seite des Verhältnisses von Salair und Profit, in den historischen Grund dieses ganzen Verhältnisses. Dieß geschieht, weil er beständig mit der Reflexion auf den Socialismus behaftet ist, der überall dann als die erste Form der Association geträumt wird. Dieß ein Beispiel, welche wichtige Form die in den ökonomischen Entwicklungen nebenbeilaufenden apologetischen Gemeinplätzen in B's Hand annehmen.|

|7| Zu den Oekonomen zurückzukehren. Worin besteht diese Fixität des Salairs? Ist der Lohn unveränderlich fix? Dieß würde dem Gesetz von Nachfrage und Zufuhr durchaus widersprechen, der Grundlage der Lohnbestimmung. Die Schwankungen, Steigen und Fallen des Lohnes, läugnet kein Oekonom. Oder ist der Lohn unabhängig von Krisen? Oder von Maschinen, die die Lohnarbeit überflüssig machen? Oder von Theilungen der Arbeit, die sie deplaciren? Alles dieß wäre heterodox zu behaupten, und wird nicht behauptet. Was gemeint wird ist, daß in einem gewissen Durchschnitt, der Arbeitslohn eine ziemliche Durchschnittshöhe realisirt, d. h. das Bastiat so sehr verhaßte Minimum des Salairs für die ganze Klasse, und daß eine gewisse Durchschnittscontinuität der Arbeit stattfindet, z. B. der Lohn fortdauern kann, selbst in Fällen, wo der Profit fällt oder momentan ganz verschwindet. Nun, was heißt das anders, als daß, vorausgesezt die Lohnarbeit als die herrschende Form der Arbeit, als die Grundlage der Production, die Arbeiterklasse vom Lohn existirt, und der einzelne Arbeiter im Durchschnitt die Fixität besizt für Lohn zu arbeiten? In andren Worten Tautologie. Wo Capital und Lohnarbeit das herrschende Productionsverhältniß ist, existirt durchschnittliche Continuität der Lohnarbeit, insofern Fixität des Lohns für den Arbeiter. Wo die Lohnarbeit existirt existirt sie. Und dieß wird von Bastiat als ihre alles compensirende Eigenschaft angesehn. Daß ferner [in] d[em] Gesellschaftszustand, worin das Capital entwickelt ist, die gesellschaftliche Production im Ganzen regelmässiger, continuirlicher, allseitiger – also auch die Einnahme für die in derselben beschäftigten Elemente „fixer“ – als wo sich das Capital, d. h. die Production noch nicht auf diese Stufe entwickelt, ist eine andre Tautologie, die mit dem Begriff des Capitals und einer auf ihm ruhenden Production selbst gegeben ist. In andren Worten: daß das allgemeine Dasein der Lohnarbeit eine höhere Entwicklung der Productivkräfte voraussezt, als in den der Lohnarbeit vorhergehenden Stufen, wer läugnet es? Und wie fiele es den Socialisten ein höhere Forderungen zu machen, wenn sie nicht diese höhere Entwicklung der durch die Lohnarbeit hervorgebrachten gesellschaftlichen Productivkräfte voraussezten? Das Leztere ist vielmehr die Voraussetzung ihrer Forderungen.

Note. Die erste Form, worin der Arbeitslohn allgemein auftritt – der militärische Sold, der beim Untergehn der Nationalheere und Bürgermilizen erscheint. Erst werden die Bürger selbst besoldet. Dem folgt bald, daß an ihre Stelle Söldlinge treten, die aufgehört haben Bürger zu sein.

2) (Es ist unmöglich, diesen Nonsense weiter zu verfolgen. We, therefore, drop Mr. Bastiat.)|

Einleitung zu den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“

|Inhalt

A.) Einleitung.

1)Die Production im Allgemeinen.
2)Allgemeines Verhältniß von Production, Distribution, Austausch
und Consumtion.
3)Die Methode der politischen Oekonomie.
[Productions-](kräfte)
4)Productionsmittel und Productionsverhältnisse, Productionsverhält-
nisse und Verkehrsverhältnisse etc.
Quelle: MEGA II/1.1: Ökonomische Manuskripte 1857/58 (Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie), Seite 3-20