SECHSTER ABSCHNITT.
Der Arbeitslohn.
SIEBZENHTES KAPITEL.Verwandlung von Werth, resp. Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn.
Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit, ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quantum Arbeit gezahlt wird. Man spricht hier vom Werth der Arbeit und nennt seinen Geldausdruck ihren nothwendigen oder natürlichen Preis. Man spricht andrerseits von Marktpreisen der Arbeit, d. h. über oder unter ihrem nothwendigen Preis oscillirenden Preisen.
Aber was ist der Werth einer Waare? Gegenständliche Form der in ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlichen Arbeit. Und wodurch messen wir die Größe ihres Werths? Durch die Größe der in ihr enthaltnen Arbeit. Wodurch wäre also der Werth z. B. eines zwölfstündigen Arbeitstags bestimmt? Durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltnen 12 Arbeitsstunden, was eine abgeschmackte Tautologie ist21). |
|498| Um als Waare auf dem Markt verkauft zu werden, müßte die Arbeit jedenfalls existiren, bevor sie verkauft wird. Könnte der Arbeiter ihr aber eine selbständige Existenz geben, so würde er Waare verkaufen und nicht Arbeit22).
Von diesen Widersprüchen abgesehn, würde ein direkter Austausch von Geld, d. h. vergegenständlichter Arbeit, mit lebendiger Arbeit entweder das Werthgesetz aufheben, welches sich grade erst auf Grundlage der kapitalistischen Produktion frei entwickelt, oder die kapitalistische Produktion selbst aufheben, welche grade auf der Lohnarbeit beruht. Der Arbeitstag von 12 Stunden stellt sich z. B. in einem Geldwerth von 6 sh. dar. Entweder werden Aequivalente ausgetauscht, und dann erhält der Arbeiter für zwölfstündige Arbeit 6 sh. Der Preis seiner Arbeit wäre gleich dem Preis seines Produkts. In diesem Fall producirte er keinen Mehrwerth für den Käufer seiner Arbeit, die 6 sh. verwandelten sich nicht in Kapital, die Grundlage der kapitalistischen Produktion verschwände, aber grade auf dieser Grundlage verkauft er seine Arbeit und ist seine Arbeit Lohnarbeit. Oder er erhält für 12 Stunden Arbeit weniger als 6 sh., d. h. weniger als 12 Stunden Arbeit. Zwölf Stunden Arbeit tauschen sich aus gegen 10, 6 u. s. w. Stunden Arbeit. Diese Gleichsetzung ungleicher Größen hebt nicht nur die Werthbestimmung auf. Ein solcher sich selbst aufhebender Widerspruch kann überhaupt nicht als Gesetz auch nur ausgesprochen oder formulirt werden23). |
|499| Es nützt nichts, den Austausch von mehr gegen weniger Arbeit aus dem Formunterschied herzuleiten, daß sie das einemal vergegenständlicht, das andremal lebendig ist24). Dieß ist um so abgeschmackter, als der Werth einer Waare nicht durch das Quantum wirklich in ihr vergegenständlichter, sondern durch das Quantum der zu ihrer Produktion nothwendigen lebendigen Arbeit bestimmt wird. Eine Waare stelle 6 Arbeitsstunden dar. Werden Erfindungen gemacht, wodurch sie in 3 Stunden producirt werden kann, so sinkt der Werth auch der bereits producirten Waare um die Hälfte. Sie stellt jetzt 3 statt früher 6 Stunden nothwendige gesellschaftliche Arbeit dar. Es ist also das zu ihrer Produktion erheischte Quantum Arbeit, nicht deren gegenständliche Form, wodurch ihre Werthgröße bestimmt wird.
Was dem Geldbesitzer auf dem Waarenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der That nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werthe, aber sie selbst hat keinen Werth25).
Im Ausdruck: „Werth der Arbeit“ ist der Werthbegriff nicht nur völlig ausgelöscht sondern in sein Gegentheil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck wie etwa Werth der Erde. Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Oekonomie26). |
|500| Die klassische politische Oekonomie entlehnte dem Alltagsleben ohne weitere Kritik die Kategorie „Preis der Arbeit“, um sich dann hinterher zu fragen, wie wird dieser Preis bestimmt? Sie erkannte bald, daß der Wechsel im Verhältniß von Nachfrage und Angebot für den Preis der Arbeit, wie für den jeder andren Waare, nichts erklärt außer seinem Wechsel, d. h. die Schwankung der Marktpreise unter oder über eine gewisse Größe. Decken sich Nachfrage und Angebot, so hört, unter sonst gleichbleibenden Umständen, die Preisoscillation auf. Aber dann hören auch Nachfrage und Angebot auf, irgend etwas zu erklären. Der Preis der Arbeit, wenn Nachfrage und Angebot sich decken, ist ihr vom Verhältniß der Nachfrage und Angebot unabhängig bestimmter, ihr natürlicher Preis, der so als der eigentlich zu analysirende Gegenstand gefunden ward. Oder man nahm eine längere Periode der Schwankungen des Marktpreises, z. B. ein Jahr, und fand dann, daß sich ihr Auf und Ab ausgleicht zu einer mittlern Durchschnittsgröße, einer konstanten Größe. Sie mußte natürlich anders bestimmt werden als die sich kompensirenden Abweichungen von ihr selbst. Dieser über die zufälligen Marktpreise der Arbeit übergreifende und sie regulirende Preis, der „nothwendige Preis“ (Physiokraten) oder „natürliche Preis“ der Arbeit (Adam Smith) kann, wie bei andren Waaren, nur ihr in Geld ausgedrückter Werth sein. In dieser Art glaubte die politische Oekonomie durch die zufälligen Preise der Arbeit zu ihrem Werth vorzudringen. Wie bei den andren Waaren wurde dieser Werth dann weiter durch die Produktionskosten bestimmt. Aber was sind die Pro||501|duktionskosten – des Arbeiters, d. h. die Kosten, um den Arbeiter selbst zu produciren oder zu reproduciren? Diese Frage schob sich der politischen Oekonomie bewußtlos für die ursprüngliche unter, da sie mit den Produktionskosten der Arbeit als solcher sich im Kreise drehte und nicht vom Flecke kam. Was sie also Werth der Arbeit (value of labour) nennt, ist in der That der Werth der Arbeitskraft, die in der Persönlichkeit des Arbeiters existirt, und von ihrer Funktion, der Arbeit, ebenso verschieden ist, wie eine Maschine von ihren Operationen. Beschäftigt mit dem Unterschied zwischen den Marktpreisen der Arbeit und ihrem sog. Werth, mit dem Verhältniß dieses Werths zur Profitrate, zu den vermittelst der Arbeit producirten Waarenwerthen u. s. w., entdeckte man niemals, daß der Gang der Analyse nicht nur von den Marktpreisen der Arbeit zu ihrem vermeintlichen Werth, sondern dahin geführt hatte, diesen Werth der Arbeit selbst wieder aufzulösen in den Werth der Arbeitskraft. Die Bewußtlosigkeit über dieß Resultat ihrer eignen Analyse, die kritiklose Annahme der Kategorien „Werth der Arbeit“, „natürlicher Preis der Arbeit“ u. s. w. als letzter adäquater Ausdrücke des behandelten Werthverhältnisses, verwickelte, wie man später sehn wird, die klassische politische Oekonomie in unauflösbare Wirren und Widersprüche, während sie der Vulgärökonomie eine sichere Operationsbasis für ihre principiell nur dem Schein huldigende Flachheit bot.
Sehn wir nun zunächst, wie Werth und Preise der Arbeitskraft sich in ihrer verwandelten Form als Arbeitslohn darstellen.
Man weiß, daß der Tageswerth der Arbeitskraft berechnet ist auf eine gewisse Lebensdauer des Arbeiters, welcher eine gewisse Länge des Arbeitstags entspricht. Nimm an, der gewohnheitsmäßige Arbeitstag betrage 12 Stunden und der Tageswerth der Arbeitskraft 3 sh., der Geldausdruck eines Werths, worin sich 6 Arbeitsstunden darstellen. Erhält der Arbeiter 3 sh., so erhält er den Werth seiner während 12 Stunden funktionirenden Arbeitskraft. Wird nun dieser Tageswerth der Arbeitskraft als Werth der Tagesarbeit ausgedrückt, so ergibt sich die Formel: Die zwölfstündige Arbeit hat einen Werth von 3 sh. Der Werth der Arbeitskraft bestimmt so den Werth der Arbeit oder, in Geld ausgedrückt, ihren nothwendigen Preis. Weicht dagegen der Preis der Arbeitskraft von ihrem Werth ab, so ebenfalls der Preis der Arbeit von ihrem sog. Werth.
Da der Werth der Arbeit nur ein irrationeller Ausdruck für ||502| den Werth der Arbeitskraft, ergibt sich von selbst, daß der Werth der Arbeit stets kleiner sein muß als ihr Werthprodukt, denn der Kapitalist läßt die Arbeitskraft stets länger funktioniren als zur Reproduktion ihres eignen Werths nöthig ist. Im obigen Beispiel ist der Werth der während 12 Stunden funktionirenden Arbeitskraft 3 sh., ein Werth, zu dessen Reproduktion sie 6 Stunden braucht. Ihr Werthprodukt ist dagegen 6 sh., weil sie in der That während 12 Stunden funktionirt, und ihr Werthprodukt nicht von ihrem eignen Werthe, sondern von der Zeitdauer ihrer Funktion abhängt. Man erhält so das auf den ersten Blick abgeschmackte Resultat, daß Arbeit, die einen Werth von 6 sh. schafft, einen Werth von 3 sh. besitzt27).
Man sieht ferner: der Werth von 3 sh., worin sich der bezahlte Theil des Arbeitstags, d. h. sechsstündige Arbeit darstellt, erscheint als Werth oder Preis des Gesammtarbeitstags von 12 Stunden, welcher 6 unbezahlte Stunden enthält. Die Form des Arbeitslohns löscht also jede Spur der Theilung des Arbeitstags in nothwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit aus. Alle Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit. Bei der Frohnarbeit unterscheiden sich räumlich und zeitlich, handgreiflich sinnlich, die Arbeit des Fröhners für sich selbst und seine Zwangsarbeit für den Grundherrn. Bei der Sklavenarbeit erscheint selbst der Theil des Arbeitstags, worin der Sklave nur den Werth seiner eignen Lebensmittel ersetzt, den er in der That also für sich selbst arbeitet, als Arbeit für seinen Meister. Alle seine Arbeit erscheint als unbezahlte Arbeit28). Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeit als bezahlt. Dort verbirgt das Eigenthumsverhältniß das Fürsichselbstarbeiten des Sklaven, hier das Geldverhältniß das Umsonstarbeiten des Lohnarbeiters.
Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Werth und Preis der Arbeitskraft in die Form des ||503| Arbeitslohns oder in Werth und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältniß unsichtbar macht und grade sein Gegentheil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystificationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.
Braucht die Weltgeschichte viele Zeit, um hinter das Geheimniß des Arbeitslohns zu kommen, so ist dagegen nichts leichter zu verstehn als die Nothwendigkeit, die raisons d’être dieser Erscheinungsform.
Der Austausch zwischen Kapital und Arbeit stellt sich der Wahrnehmung zunächst ganz in derselben Art dar wie der Kauf und Verkauf aller andren Waaren. Der Käufer gibt eine gewisse Geldsumme, der Verkäufer einen von Geld verschiednen Artikel. Das Rechtsbewußtsein erkennt hier höchstens einen stofflichen Unterschied, der sich ausdrückt in den rechtlich äquivalenten Formeln: Do ut des, do ut facias, facio ut des und facio ut facias.
Ferner: da Tauschwerth und Gebrauchswerth an und für sich inkommensurable Größen sind, so scheint der Ausdruck: „Werth der Arbeit“, „Preis der Arbeit“, nicht irrationeller als der Ausdruck „Werth der Baumwolle“, „Preis der Baumwolle“. Es kommt hinzu, daß der Arbeiter gezahlt wird, nachdem er seine Arbeit geliefert hat. In seiner Funktion als Zahlungsmittel realisirt das Geld aber nachträglich den Werth oder Preis des gelieferten Artikels, also im gegebnen Fall den Werth oder Preis der gelieferten Arbeit. Endlich ist der „Gebrauchswerth“, den der Arbeiter dem Kapitalisten liefert, in der That nicht seine Arbeitskraft, sondern ihre Funktion, eine bestimmte nützliche Arbeit, Schneiderarbeit, Schusterarbeit, Spinnarbeit u. s. w. Daß dieselbe Arbeit nach einer andren Seite hin allgemeines werthbildendes Element ist, eine Eigenschaft, wodurch sie sich von allen andren Waaren unterscheidet, fällt außerhalb des Bereichs des gewöhnlichen Bewußtseins.
Stellen wir uns auf den Standpunkt des Arbeiters, der für zwölfstündige Arbeit z. B. das Werthprodukt sechsstündiger Arbeit erhält, sage 3 sh., so ist für ihn in der That seine zwölfstündige Arbeit das Kaufmittel der 3 sh. Der Werth seiner Arbeitskraft mag variiren mit dem Werth seiner gewohnheitsmäßigen Lebensmittel von 3 auf 4 sh. oder von 3 auf 2 sh., oder bei gleichbleibendem Werth seiner Arbeitskraft mag ihr Preis, in Folge wechselnden Verhältnisses von Nachfrage und Angebot, auf 4 sh. ||504| steigen oder auf 2 sh. fallen, er gibt stets 12 Arbeitsstunden. Jeder Wechsel in der Größe des Aequivalents, das er erhält, erscheint ihm daher nothwendig als Wechsel im Werth oder Preis seiner 12 Arbeitsstunden. Dieser Umstand verleitete umgekehrt Adam Smith, der den Arbeitstag als eine konstante Größe behandelt29), zur Behauptung, der Werth der Arbeit sei konstant, obgleich der Werth der Lebensmittel wechsle und derselbe Arbeitstag sich daher in mehr oder weniger Geld für den Arbeiter darstelle.
Nehmen wir andrerseits den Kapitalisten, so will er zwar möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld erhalten. Praktisch interessirt ihn daher nur die Differenz zwischen dem Preis der Arbeitskraft und dem Werth den ihre Funktion schafft. Aber er sucht alle Waare möglichst wohlfeil zu kaufen und erklärt sich überall seinen Profit aus der einfachen Prellerei, dem Kauf unter und dem Verkauf über dem Werth. Er kommt daher nicht zur Einsicht, daß, wenn so ein Ding wie Werth der Arbeit wirklich existirte, und er diesen Werth wirklich zahlte, kein Kapital existiren, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde.
Zudem zeigt die wirkliche Bewegung des Arbeitslohns Phänomene, die zu beweisen scheinen, daß nicht der Werth der Arbeitskraft bezahlt wird, sondern der Werth ihrer Funktion, der Arbeit selbst. Diese Phänomene können wir auf zwei große Klassen zurückführen. Erstens: Wechsel des Arbeitslohns mit wechselnder Länge des Arbeitstags. Man könnte eben so wohl schließen, daß nicht der Werth der Maschine, sondern der ihrer Operation bezahlt wird, weil es mehr kostet, eine Maschine für eine Woche als für einen Tag zu dingen. Zweitens: Der individuelle Unterschied in den Arbeitslöhnen verschiedner Arbeiter, welche dieselbe Funktion verrichten. Diesen individuellen Unterschied findet man, aber ohne Anlaß zu Illusionen, auch im System der Sklaverei, wo frank und frei, ohne Schnörkel, die Arbeitskraft selbst verkauft wird. Nur fällt der Vortheil einer Arbeitskraft, die über dem Durchschnitt, oder der Nachtheil einer Arbeitskraft, die unter dem Durchschnitt steht, im Sklavensystem dem Sklaveneigner zu, im System der Lohnarbeit dem Arbeiter selbst, weil seine Arbeitskraft in dem einen Fall von ihm selbst, in dem andern von einer dritten Person verkauft wird. |
|505| Uebrigens gilt von der Erscheinungsform, „Werth und Preis der Arbeit“ oder „Arbeitslohn“, im Unterschied zum wesentlichen Verhältniß, welches erscheint, dem Werth und Preis der Arbeitskraft, dasselbe, was von allen Erscheinungsformen und ihrem verborgnen Hintergrund. Die ersteren reproduciren sich unmittelbar, spontan, als gang und gäbe Denkformen, der andre muß durch die Wissenschaft erst entdeckt werden. Die klassische politische Oekonomie stößt annähernd auf den wahren Sachverhalt, ohne ihn jedoch bewußt zu formuliren. Sie kann das nicht, so lange sie in ihrer bürgerlichen Haut steckt.