DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.
bei gleichbleibender Zusammensetzung des Kapitals.
Wir behandeln in diesem Kapital den Einfluß, den das Wachsthum des Kapitals auf das Geschick der Arbeiterklasse ausübt. Der wichtigste Faktor bei dieser Untersuchung ist die Zusammensetzung des Kapitals und die Veränderungen, die sie im Verlauf des Akkumulationsprocesses durchmacht.
Die Zusammensetzung des Kapitals ist in zweifachem Sinn zu fassen. Nach der Seite des Werths bestimmt sie sich durch das Verhältniß, worin es sich theilt in konstantes Kapital oder Werth der Produktionsmittel und variables Kapital oder Werth der Arbeitskraft, Gesammtsumme der Arbeitslöhne. Nach der Seite des Stoffs, wie er im Produktionsproceß fungirt, theilt sich jedes Kapital in Produktionsmittel und lebendige Arbeitskraft; diese Zusammensetzung bestimmt sich durch das Verhältniß zwischen der Masse der angewandten Produktionsmittel einerseits und der zu ihrer Anwendung erforderlichen Arbeitsmenge andrerseits. Ich nenne die erstere die Werthzusammensetzung, die zweite die technische Zusammensetzung des Kapitals. Zwischen beiden besteht enge Wechselbeziehung. Um diese auszudrücken, nenne ich die Werthzusammensetzung des Kapitals, insofern sie durch seine technische Zusammensetzung bestimmt wird und deren Aenderungen wiederspiegelt: die organische Zusammensetzung des Kapitals. Wo von der Zusammensetzung des Kapitals kurzweg die Rede, ist stets seine organische Zusammensetzung zu verstehn.
Die zahlreichen in einem bestimmten Produktionszweig ange||577|legten Einzelkapitale haben unter sich mehr oder weniger verschiedne Zusammensetzung. Der Durchschnitt ihrer Einzelzusammensetzungen ergibt uns die Zusammensetzung des Gesammtkapitals dieses Produktionszweigs. Endlich ergibt uns der Gesammtdurchschnitt der Durchschnittszusammensetzungen sämmtlicher Produktionszweige die Zusammensetzung des gesellschaftlichen Kapitals eines Landes, und von dieser allein in letzter Instanz ist im Folgenden die Rede.
Wachsthum des Kapitals schließt Wachsthum seines variablen oder in Arbeitskraft umgesetzten Bestandtheils ein. Ein Theil des in Zusatzkapital verwandelten Mehrwerths muß stets rückverwandelt werden in variables Kapital oder zuschüssigen Arbeitsfonds. Unterstellen wir, daß, nebst sonst gleichbleibenden Umständen, die Zusammensetzung des Kapitals unverändert bleibt, d. h. eine bestimmte Masse Produktionsmittel oder konstantes Kapital stets dieselbe Masse Arbeitskraft erheischt, um in Bewegung gesetzt zu werden, so wächst offenbar die Nachfrage nach Arbeit und der Subsistenzfonds der Arbeiter verhältnißmäßig mit dem Kapital und um so rascher, je rascher das Kapital wächst. Da das Kapital jährlich einen Mehrwerth producirt, wovon ein Theil jährlich zum Originalkapital geschlagen wird, da dieß Inkrement selbst jährlich wächst mit dem zunehmenden Umfang des bereits in Funktion begriffenen Kapitals, und da endlich, unter besondrem Sporn des Bereicherungstriebs, wie z. B. Oeffnung neuer Märkte, neuer Sphären der Kapitalanlage in Folge neu entwickelter gesellschaftlicher Bedürfnisse u. s. w., die Stufenleiter der Akkumulation plötzlich ausdehnbar ist durch bloß veränderte Theilung des Mehrwerths oder Mehrprodukts in Kapital und Revenue, können die Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals das Wachsthum der Arbeitskraft oder der Arbeiteranzahl, die Nachfrage nach Arbeitern ihre Zufuhr überflügeln, und daher die Arbeitslöhne steigen. Dieß muß sogar schließlich der Fall sein bei unveränderter Fortdauer obiger Voraussetzung. Da in jedem Jahr mehr Arbeiter beschäftigt werden als im vorhergehenden, so muß früher oder später der Punkt eintreten, wo die Bedürfnisse der Akkumulation anfangen über die gewöhnliche Zufuhr von Arbeit hinauszuwachsen, wo also Lohnsteigerung eintritt. Klage hierüber ertönt in England während des ganzen fünfzehnten und der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die mehr oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und vermehren, ändern jedoch nichts am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion. Wie die einfache ||578| Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältniß selbst reproducirt, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der andren, so reproducirt die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter oder die Akkumulation das Kapitalverhältniß auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem. Die Reproduktion der Arbeitskraft, die sich dem Kapital unaufhörlich als Verwerthungsmittel einverleiben muß, nicht von ihm loskommen kann, und deren Hörigkeit zum Kapital nur versteckt wird durch den Wechsel der individuellen Kapitalisten, woran sie sich verkauft, bildet in der That ein Moment der Reproduktion des Kapitals selbst. Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats70).
Die klassische Oekonomie begriff diesen Satz so wohl, daß A. Smith, Ricardo u. s. w., wie früher erwähnt, die Akkumulation sogar fälschlich identificiren mit Konsum des ganzen kapitalisirten Theils des Mehrprodukts durch produktive Arbeiter, oder mit seiner Verwandlung in zuschüssige Lohnarbeiter. Schon 1696 sagt John Bellers: „Wenn Jemand 100 000 Acres hätte und eben so viele Pfunde Geld und eben so viel Vieh, was wäre der reiche Mann ohne den Arbeiter außer selbst ein Arbeiter? Und wie die Arbeiter Leute reich machen, so desto mehr Arbeiter, desto mehr Reiche ... Die Arbeit des Armen ist die Mine des Reichen“71). So Bernard de Mandeville im Anfang des 18. Jahrhunderts: „Wo das Eigenthum hinreichend geschützt ist, wäre es leichter ohne Geld zu leben als ohne Arme, denn wer würde die Arbeit thun? ... Wie die Arbeiter vor Aushungerung zu bewahren sind, so sollten sie nichts erhalten, was der Ersparung werth ist. Wenn hier und da Einer aus der ||579| untersten Klasse durch ungewöhnlichen Fleiß und Bauchkneipen sich über die Lage erhebt, worin er aufgewachsen war, so muß ihn keiner daran hindern: ja es ist unläugbar der weiseste Plan für jede Privatperson, für jede Privatfamilie in der Gesellschaft, frugal zu sein; aber es ist das Interesse aller reichen Nationen, daß der größte Theil der Armen nie unthätig sei und sie dennoch stets verausgaben, was sie einnehmen ... Diejenigen, die ihr Leben durch ihre tägliche Arbeit gewinnen, haben nichts, was sie anstachelt dienstlich zu sein außer ihren Bedürfnissen, welche es Klugheit ist zu lindern, aber Narrheit wäre zu kuriren. Das einzige Ding, das den arbeitenden Mann fleißig machen kann, ist ein mäßiger Arbeitslohn. Ein zu geringer macht ihn je nach seinem Temperament kleinmüthig oder verzweifelt, ein zu großer insolent und faul ... Aus dem bisher Entwickelten folgt, daß in einer freien Nation, wo Sklaven nicht erlaubt sind, der sicherste Reichthum aus einer Menge arbeitsamer Armen besteht. Außerdem daß sie die nie versagende Zufuhrquelle für Flotte und Armee, gäbe es ohne sie keinen Genuß und wäre das Produkt keines Landes verwerthbar. Um die Gesellschaft (die natürlich aus den Nichtarbeitern besteht) glücklich und das Volk selbst in kümmerlichen Zuständen zufrieden zu machen, ist es nöthig, daß die große Majorität sowohl unwissend als arm bleibt. Kenntniß erweitert und vervielfacht unsere Wünsche, und je weniger ein Mann wünscht, desto leichter können seine Bedürfnisse befriedigt werden“72). Was Mandeville, ein ehrlicher Mann und heller Kopf, noch nicht begreift, ist, daß der Mechanismus des Akkumulationsprocesses selbst mit dem Kapital die Masse der „arbeitsamen Armen“ vermehrt, d. h. der Lohnarbeiter, die ihre Arbeitskraft in wachsende Verwerthungskraft des wachsenden Kapitals verwandeln und eben dadurch ihr Abhängigkeitsverhältniß von ihrem eignen, im Kapitalisten personificirten Produkt verewigen müssen. Mit Bezug auf dieß Abhängigkeitsverhältniß bemerkt Sir F. M. Eden in seiner „Lage der Armen, oder Geschichte der arbeitenden Klasse Englands“: „Unsere Zone erfordert Arbeit zur Befriedigung der Bedürfnisse, und deßhalb muß wenigstens ein Theil der Gesellschaft unermüdet ||580| arbeiten ... Einige, die nicht arbeiten, haben dennoch die Produkte des Fleißes zu ihrer Verfügung. Das verdanken diese Eigenthümer aber nur der Civilisation und Ordnung; sie sind reine Kreaturen der bürgerlichen Institutionen73). Denn diese haben es anerkannt, daß man die Früchte der Arbeit auch anders als durch Arbeit sich aneignen kann. Die Leute von unabhängigem Vermögen verdanken ihr Vermögen fast ganz der Arbeit Andrer, nicht ihrer eignen Fähigkeit, die durchaus nicht besser ist als die der Andren; es ist nicht der Besitz von Land und Geld, sondern das Kommando über Arbeit („the command of labour“), das die Reichen von den Armen unterscheidet .... Was dem Armen zusagt, ist nicht eine verworfene oder servile Lage, sondern ein bequemes und liberales Abhängigkeitsverhältniß („a state of easy and liberal dependence“), und für die Leute von Eigenthum hinreichender Einfluß und Autorität über die, die für sie arbeiten ... Ein solches Abhängigkeitsverhältniß ist, wie jeder Kenner der menschlichen Natur weiß, nothwendig für den Komfort der Arbeiter selbst“74). Sir F. M. Eden, beiläufig bemerkt, ist der einzige Schüler Adam Smith’s, der während des achtzehnten Jahrhunderts etwas Bedeutendes geleistet hat75). |
|581| Unter den bisher unterstellten, den Arbeitern günstigsten Akkumulationsbedingungen kleidet sich ihr Abhängigkeitsverhältniß vom | |582| Kapital in erträgliche oder, wie Eden sagt, „bequeme und liberale“ Formen. Statt intensiver zu werden mit dem Wachsthum des Kapitals, wird es nur extensiver, d. h. die Exploitations- und Herrschaftssphäre des Kapitals dehnt sich nur aus mit seiner eigenen Dimension und der Anzahl seiner Unterthanen. Von ihrem eignen anschwellenden und schwellend in Zusatzkapital verwandelten Mehrprodukt strömt ihnen ein größerer Theil in der Form von Zahlungsmitteln zurück, so daß sie den Kreis ihrer Genüsse erweitern, ihren Konsumtionsfonds von Kleidern, Möbeln u. s. w. besser ausstatten und kleine Reservefonds von Geld bilden können. So wenig aber bessere Kleidung, Nahrung, Behandlung und ein größeres Peculium das Abhängigkeitsverhältniß und die Exploitation des Sklaven aufheben, so wenig die des Lohnarbeiters. Steigender Preis der Arbeit in Folge der Akkumulation des Kapitals besagt in der That nur, daß der Umfang und die Wucht der goldnen Kette, die der Lohnarbeiter sich selbst bereits geschmiedet hat, ihre losere Spannung erlauben. In den Kontroversen über diesen Gegenstand hat man meist die Hauptsache übersehn, nämlich die differentia specifica der kapitalistischen Produktion. Arbeitskraft wird hier gekauft, nicht um durch ihren Dienst oder ihr Produkt die persönlichen Bedürfnisse des Käufers zu befriedigen. Sein Zweck ist Verwerthung seines Kapitals, Produktion von Waaren, die mehr Arbeit enthalten, als er zahlt, also einen Werththeil enthalten, der ihm nichts kostet und dennoch durch den Waarenverkauf realisirt wird. ||583| Produktion von Mehrwerth oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz dieser Produktionsweise. Nur soweit sie die Produktionsmittel als Kapital erhält, ihren eignen Werth als Kapital reproducirt und in unbezahlter Arbeit eine Quelle von Zuschußkapital liefert, ist die Arbeitskraft verkaufbar76). Die Bedingungen ihres Verkaufs, ob mehr oder minder günstig für den Arbeiter, schließen also die Nothwendigkeit ihres steten Wiederverkaufs und die stets erweiterte Reproduktion des Reichthums als Kapital ein. Der Arbeitslohn, wie man gesehn, bedingt seiner Natur nach, stets Lieferung eines bestimmten Quantums unbezahlter Arbeit auf Seiten des Arbeiters. Ganz abgesehn vom Steigen des Arbeitslohns mit sinkendem Preis der Arbeit u. s. w., besagt seine Zunahme im besten Fall nur quantitative Abnahme der unbezahlten Arbeit, die der Arbeiter leisten muß. Diese Abnahme kann nie bis zum Punkt fortgehn, wo sie das System selbst bedrohen würde. Abgesehn von gewaltsamen Konflikten über die Rate des Arbeitslohns, und Adam Smith hat bereits gezeigt, daß im Großen und Ganzen in solchem Konflikt der Meister stets Meister bleibt, unterstellt ein aus Akkumulation des Kapitals entspringendes Steigen des Arbeitspreises folgende Alternative.
Entweder fährt der Preis der Arbeit fort zu steigen, weil seine Erhöhung den Fortschritt der Akkumulation nicht stört; es liegt darin nichts Wunderbares, denn, sagt A. Smith, „selbst bei gesunknem Profit vermehren sich die Kapitale dennoch; sie wachsen selbst rascher als vorher .. Ein großes Kapital wächst selbst bei kleinerem Profit im Allgemeinen rascher als ein kleines Kapital bei großem Profit“. (l. c. I, p. 189.) In diesem Falle ist es augenscheinlich, daß eine Verminderung der unbezahlten Arbeit die Ausdehnung der Kapitalherrschaft keineswegs beeinträchtigt. – Oder, das ist die andre Seite der Alternative, die Akkumulation erschlafft in Folge des steigenden Arbeitspreises, weil der Stachel des Gewinns abstumpft. Die Akkumulation nimmt ab. Aber mit ihrer Abnahme verschwindet die Ursache ihrer Abnahme, nämlich die Disproportion zwischen Kapital und exploitabler Arbeitskraft. Der Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprocesses beseitigt ||584| also selbst die Hindernisse, die er vorübergehend schafft. Der Arbeitspreis fällt wieder auf ein den Verwerthungsbedürfnissen des Kapitals entsprechendes Niveau, ob dieses nun unter, über, oder gleich mit dem Niveau, welches vor Eintritt des Lohnzuwachses als normal galt. Man sieht: Im ersten Fall ist es nicht die Abnahme im absoluten oder proportionellen Wachsthum der Arbeitskraft oder Arbeiterbevölkerung, welche das Kapital überschüssig, sondern umgekehrt die Zunahme des Kapitals, welche die exploitable Arbeitskraft unzureichend macht. Im zweiten Fall ist es nicht die Zunahme im absoluten oder proportionellen Wachsthum der Arbeitskraft oder der Arbeiterbevölkerung, welche das Kapital unzureichend, sondern umgekehrt die Abnahme des Kapitals, welche die exploitable Arbeitskraft, oder vielmehr ihren Preis, überschüssig macht. Es sind diese absoluten Bewegungen in der Akkumulation des Kapitals, welche sich als relative Bewegungen in der Masse der exploitablen Arbeitskraft wiederspiegeln und daher der eignen Bewegung der letztren geschuldet scheinen. Um mathematischen Ausdruck anzuwenden: die Größe der Akkumulation ist die unabhängige Variable, die Lohngröße die abhängige, nicht umgekehrt. So drückt sich in der Krisenphase des industriellen Cyklus der allgemeine Fall der Waarenpreise als Steigen des relativen Geldwerths, und in der Prosperitätsphase das allgemeine Steigen der Waarenpreise als Fall des relativen Geldwerths aus. Die sog. Currency-Schule schließt daraus, daß bei hohen Preisen zu viel, bei niedrigen zu wenig Geld cirkulirt. Ihre Ignoranz und völlige Verkennung der Thatsachen77) finden würdige Parallele in den Oekonomen, welche jene Phänomene der Akkumulation dahin deuten, daß das einemal zu wenig und das andremal zu viel Lohnarbeiter existiren.
Das Gesetz der kapitalistischen Produktion, das dem angeblichen „natürlichen Populationsgesetz“ zu Grunde liegt, kommt einfach auf dieß heraus: Das Verhältniß zwischen Kapital, Akkumulation und Lohnrate ist nichts als das Verhältniß zwischen der unbezahlten, in Kapital verwandelten Arbeit, und der zur Bewegung des Zusatzkapitals erforderlichen zuschüssigen Arbeit. Es ist also keineswegs ein Verhältniß zweier von einander unabhängigen Größen, einerseits der Größe des Kapitals, andrerseits der Zahl der Arbeiterbevölkerung, es ist vielmehr in letzter Instanz nur das Verhältniß zwischen der unbezahlten und der bezahlten Arbeit der-| |585|selben Arbeiterbevölkerung. Wächst die Menge der von der Arbeiterklasse gelieferten und von der Kapitalistenklasse akkumulirten, unbezahlten Arbeit rasch genug, um nur durch einen außergewöhnlichen Zuschuß bezahlter Arbeit sich in Kapital verwandeln zu können, so steigt der Lohn, und alles Andre gleichgesetzt, nimmt die unbezahlte Arbeit im Verhältniß ab. Sobald aber diese Abnahme den Punkt berührt, wo die das Kapital ernährende Mehrarbeit nicht mehr in normaler Menge angeboten wird, so tritt eine Reaktion ein: ein geringerer Theil der Revenue wird kapitalisirt, die Akkumulation erlahmt und die steigende Lohnbewegung empfängt einen Gegenschlag. Die Erhöhung des Arbeitspreises bleibt also eingebannt in Grenzen, die die Grundlagen des kapitalistischen Systems nicht nur unangetastet lassen, sondern auch seine Reproduktion auf wachsender Stufenleiter sichern. Das in ein Naturgesetz mystificirte Gesetz der kapitalistischen Akkumulation drückt also in der That nur aus, daß ihre Natur jede solche Abnahme im Exploitationsgrad der Arbeit oder jede solche Steigerung des Arbeitspreises ausschließt, welche die stetige Reproduktion des Kapitalverhältnisses und seine Reproduktion auf stets erweiterter Stufenleiter ernsthaft gefährden könnte. Es kann nicht anders sein in einer Produktionsweise, worin der Arbeiter für die Verwerthungsbedürfnisse vorhandner Werthe, statt umgekehrt der gegenständliche Reichthum für die Entwicklungsbedürfnisse des Arbeiters da ist. Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht77a).
2. Relative Abnahme des variablen Kapitaltheils im Fortgang der Akkumulation und der sie begleitenden Koncentration.
Nach den Oekonomen selbst ist es weder der vorhandne Umfang des gesellschaftlichen Reichthums noch die Größe des bereits erworbnen Kapitals, die eine Lohnerhöhung herbeiführen, sondern lediglich das fortgesetzte Wachsen der Akkumulation und der Ge||586|schwindigkeitsgrad ihres Wachsthums (A. Smith, Buch I, Kap. 8). Bisher haben wir nur eine besondre Phase dieses Processes betrachtet, diejenige, in der der Kapitalzuwachs stattfindet bei gleichbleibender technischer Zusammensetzung des Kapitals. Aber der Proceß schreitet über diese Phase hinaus.
Die allgemeinen Grundlagen des kapitalistischen Systems einmal gegeben, tritt im Verlauf der Akkumulation jedesmal ein Punkt ein, wo die Entwicklung der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit der mächtigste Hebel der Akkumulation wird. „Dieselbe Ursache“, sagt A. Smith, „die die Löhne erhöht, nämlich die Zunahme des Kapitals, treibt zur Steigerung der produktiven Fähigkeiten der Arbeit und setzt eine kleinere Arbeitsmenge in Stand, eine größere Menge von Produkten zu erzeugen.“
Abgesehn von Naturbedingungen, wie Fruchtbarkeit des Bodens u. s. w., und vom Geschick unabhängiger und isolirt arbeitender Producenten, das sich jedoch mehr qualitativ in der Güte als quantitativ in der Masse des Machwerks bewährt, drückt sich der gesellschaftliche Produktivgrad der Arbeit aus im relativen Größenumfang der Produktionsmittel, welche ein Arbeiter, während gegebner Zeit, mit derselben Anspannung von Arbeitskraft, in Produkt verwandelt. Die Masse der Produktionsmittel, womit er funktionirt, wächst mit der Produktivität seiner Arbeit. Diese Produktionsmittel spielen dabei eine doppelte Rolle. Das Wachsthum der einen ist Folge, das der andren Bedingung der wachsenden Produktivität der Arbeit. Z. B. mit der manufakturmäßigen Theilung der Arbeit und der Anwendung von Maschinerie wird in derselben Zeit mehr Rohmaterial verarbeitet, tritt also größere Masse von Rohmaterial und Hülfsstoffen in den Arbeitsproceß ein. Das ist die Folge der wachsenden Produktivität der Arbeit. Andrerseits ist die Masse der angewandten Maschinerie, Arbeitsviehs, mineralischen Düngers, Drainirungsröhren u. s. w. Bedingung der wachsenden Produktivität der Arbeit. Ebenso die Masse der in Baulichkeiten, Riesenöfen, Transportmitteln u. s. w. koncentrirten Produktionsmittel. Ob aber Bedingung oder Folge, der wachsende Größenumfang der Produktionsmittel im Vergleich zu der ihnen einverleibten Arbeitskraft drückt die wachsende Produktivität der Arbeit aus. Die Zunahme der letzteren erscheint also in der Abnahme der Arbeitsmasse verhältnißmäßig zu der von ihr bewegten Masse von Produktionsmitteln, oder in der Größenabnahme des subjektiven Faktors des Arbeitsprocesses verglichen mit seinen objektiven Faktoren. |
|587| Diese Veränderung in der technischen Zusammensetzung des Kapitals, das Wachsthum in der Masse der Produktionsmittel, verglichen mit der Masse der sie belebenden Arbeitskraft, spiegelt sich wieder in seiner Werthzusammensetzung, in der Zunahme des konstanten Bestandtheils des Kapitalwerths auf Kosten seines variablen Bestandtheils. Es werden z. B. von einem Kapital, procentweis berechnet, ursprünglich je 50 % in Produktionsmitteln und je 50 % in Arbeitskraft ausgelegt, später, mit der Entwicklung des Produktivgrads der Arbeit, je 80 % in Produktionsmitteln und je 20 % in Arbeitskraft u. s. w. Dieß Gesetz des steigenden Wachsthums des konstanten Kapitaltheils im Verhältniß zum variablen wird auf jedem Schritt bestätigt (wie schon oben entwickelt) durch die vergleichende Analyse der Waarenpreise, gleichviel ob wir verschiedne ökonomische Epochen bei einer einzigen Nation vergleichen oder verschiedne Nationen in derselben Epoche. Die relative Größe des Preiselements, welches nur den Werth der verzehrten Produktionsmittel oder den konstanten Kapitaltheil vertritt, wird in direktem, die relative Größe des andern, die Arbeit bezahlenden oder den variablen Kapitaltheil vertretenden Preiselements, wird im Allgemeinen in umgekehrtem Verhältniß stehn zum Fortschritt der Akkumulation.
Die Abnahme des variablen Kapitaltheils gegenüber dem konstanten, oder die veränderte Zusammensetzung des Kapitalwerths, zeigt jedoch nur annähernd den Wechsel in der Zusammensetzung seiner stofflichen Bestandtheile an. Wenn z. B. heute der in der Spinnerei angelegte Kapitalwerth zu ⅞ konstant und ⅛ variabel ist, während er Anfang des 18. Jahrhunderts ½ konstant und ½ variabel war, so ist dagegen die Masse von Rohstoff, Arbeitsmitteln u. s. w., die ein bestimmtes Quantum Spinnarbeit heute produktiv konsumirt, viel hundertmal größer als im Anfang des 18. Jahrhunderts. Der Grund ist einfach der, daß mit der wachsenden Produktivität der Arbeit nicht nur der Umfang der von ihr vernutzten Produktionsmittel steigt, sondern deren Werth, verglichen mit ihrem Umfang, sinkt. Ihr Werth steigt also absolut, aber nicht proportionell mit ihrem Umfang. Das Wachsthum der Differenz zwischen konstantem und variablem Kapital ist daher viel kleiner als das der Differenz zwischen der Masse der Produktionsmittel, worin das konstante, und der Masse Arbeitskraft, worin das variable Kapital umgesetzt wird. Die erstere Differenz nimmt zu mit der letzteren, aber in geringerem Grad.
Uebrigens wenn der Fortschritt der Akkumulation die relative | |588| Größe des variablen Kapitaltheils vermindert, schließt er damit die Steigerung ihrer absoluten Größe keineswegs aus. Gesetzt ein Kapitalwerth spalte sich anfangs in 50 % konstantes und 50 % variables Kapital, später in 80 % konstantes und 20 % variables. Ist inzwischen das ursprüngliche Kapital, sage 6000 Pfd. St. gewachsen auf 18000 Pfd. St., so ist sein variabler Bestandtheil auch um ⅕ gewachsen. Er war 3000 Pfd. St., er beträgt jetzt 3600 Pfd. St. Wo aber früher ein Kapitalzuwachs von 20 % genügt hätte, die Nachfrage nach Arbeit um 20 % zu steigern, erfordert das jetzt Verdreifachung des ursprünglichen Kapitals.
Im vierten Abschnitt wurde gezeigt, wie die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit Kooperation auf großer Stufenleiter voraussetzt, wie nur unter dieser Voraussetzung Theilung und Kombination der Arbeit organisirt, Produktionsmittel durch massenhafte Koncentration ökonomisirt, schon stofflich nur gemeinsam anwendbare Arbeitsmittel, z. B. System der Maschinerie u. s. w., ins Leben gerufen, ungeheure Naturkräfte in den Dienst der Produktion gepreßt und die Verwandlung des Produktionsprocesses in technologische Anwendung der Wissenschaft vollzogen werden können. Auf Grundlage der Waarenproduktion, wo die Produktionsmittel Eigenthum von Privatpersonen sind, wo der Handarbeiter daher entweder isolirt und selbständig Waaren producirt oder seine Arbeitskraft als Waare verkauft, weil ihm die Mittel zum Selbstbetrieb fehlen, realisirt sich jene Voraussetzung nur durch das Wachsthum der individuellen Kapitale, oder im Maße, worin die gesellschaftlichen Produktions- und Lebensmittel in das Privateigenthum von Kapitalisten verwandelt werden. Der Boden der Waarenproduktion kann die Produktion auf großer Stufenleiter nur in kapitalistischer Form tragen. Eine gewisse Akkumulation von Kapital in den Händen individueller Waarenproducenten bildet daher die Voraussetzung der specifisch kapitalistischen Produktionsweise. Wir mußten sie deshalb unterstellen bei dem Uebergang aus dem Handwerk in den kapitalistischen Betrieb. Sie mag die ursprüngliche Akkumulation heißen, weil sie statt historisches Resultat historische Grundlage der specifisch kapitalistischen Produktion ist. Wie sie selbst entspringt, brauchen wir hier noch nicht zu untersuchen. Genug, sie bildet den Ausgangspunkt. Aber alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit, die auf dieser Grundlage erwachsen, sind zugleich Methoden der gesteigerten Produktion des Mehrwerths oder Mehrprodukts, welches seinerseits das Bildungselement der ||589| Akkumulation. Sie sind also zugleich Methoden der Produktion von Kapital durch Kapital oder Methoden seiner beschleunigten Akkumulation. Die kontinuirliche Rückverwandlung von Mehrwerth in Kapital stellt sich dar als wachsende Größe des in den Produktionsproceß eingehenden Kapitals. Diese wird ihrerseits Grundlage einer erweiterten Stufenleiter der Produktion, der sie begleitenden Methoden zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, und beschleunigter Produktion von Mehrwerth. Wenn also ein gewisser Grad der Kapitalakkumulation als Bedingung der specifisch kapitalistischen Produktionsweise erscheint, verursacht die letztere rückschlagend eine beschleunigte Akkumulation des Kapitals. Mit der Akkumulation des Kapitals entwickelt sich daher die specifisch kapitalistische Produktionsweise und mit der specifisch kapitalistischen Produktionsweise die Akkumulation des Kapitals. Diese beiden ökonomischen Faktoren erzeugen, nach dem zusammengesetzten Verhältniß des Anstoßes, den sie sich gegenseitig ertheilen, den Wechsel in der technischen Zusammensetzung des Kapitals, durch welchen der variable Bestandtheil immer kleiner und kleiner wird verglichen mit dem konstanten.
Jedes individuelle Kapital ist eine größere oder kleinere Koncentration von Produktionsmitteln mit entsprechendem Kommando über eine größere oder kleinere Arbeiterarmee. Jede Akkumulation wird das Mittel neuer Akkumulation. Sie erweitert mit der vermehrten Masse des als Kapital funktionirenden Reichthums seine Koncentration in den Händen individueller Kapitalisten, daher die Grundlage der Produktion auf großer Stufenleiter und der specifisch kapitalistischen Produktionsmethoden. Das Wachsthum des gesellschaftlichen Kapitals vollzieht sich im Wachsthum vieler individuellen Kapitale. Alle andren Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt, wachsen die individuellen Kapitale, und mit ihnen die Koncentration der Produktionsmittel, im Verhältniß, worin sie aliquote Theile des gesellschaftlichen Gesammtkapitals bilden. Zugleich reißen sich Ableger von den Originalkapitalen los und funktioniren als neue selbständige Kapitale. Eine große Rolle spielt dabei unter anderm die Theilung des Vermögens in Kapitalistenfamilien. Mit der Akkumulation des Kapitals wächst daher auch mehr oder minder die Anzahl der Kapitalisten. Zwei Punkte charakterisiren diese Art Koncentration, welche unmittelbar auf der Akkumulation beruht oder vielmehr mit ihr identisch ist. Erstens: Die wachsende Koncentration der gesellschaftlichen Produktionsmittel in den Händen individueller Kapitalisten ist, unter ||590| sonst gleichbleibenden Umständen, beschränkt durch den Wachsthumsgrad des gesellschaftlichen Reichthums. Zweitens: Der in jeder besondren Produktionssphäre ansässige Theil des gesellschaftlichen Kapitals ist vertheilt unter viele Kapitalisten, welche einander als unabhängige und mit einander konkurrirende Waarenproducenten gegenüberstehn. Die Akkumulation und die sie begleitende Koncentration sind also nicht nur auf viele Punkte zersplittert, sondern das Wachsthum der funktionirenden Kapitale ist durchkreuzt durch die Bildung neuer und die Spaltung alter Kapitale. Stellt sich die Akkumulation daher einerseits dar als wachsende Koncentration der Produktionsmittel und des Kommando’s über Arbeit, so andrerseits als Repulsion vieler individueller Kapitale von einander.
Dieser Zersplitterung des gesellschaftlichen Gesammtkapitals in viele individuelle Kapitale oder der Repulsion seiner Bruchtheile von einander wirkt entgegen ihre Attraktion. Es ist dieß nicht mehr einfache, mit der Akkumulation identische Koncentration von Produktionsmitteln und Kommando über Arbeit. Es ist Koncentration bereits gebildeter Kapitale, Aufhebung ihrer individuellen Selbständigkeit, Expropriation von Kapitalist durch Kapitalist, Verwandlung vieler kleineren in weniger größere Kapitale. Dieser Proceß unterscheidet sich von dem ersten dadurch, daß er nur veränderte Vertheilung der bereits vorhandnen und funktionirenden Kapitale voraussetzt, sein Spielraum also durch das absolute Wachsthum des gesellschaftlichen Reichthums oder die absoluten Grenzen der Akkumulation nicht beschränkt ist. Das Kapital schwillt hier in einer Hand zu großen Massen, weil es dort in vielen Händen verloren geht. Es ist die eigentliche Centralisation im Unterschied zur Akkumulation und Koncentration.
Die Gesetze dieser Centralisation der Kapitale oder der Attraktion von Kapital durch Kapital können hier nicht entwickelt werden. Kurze thatsächliche Andeutung genügt. Der Konkurrenzkampf wird durch Verwohlfeilerung der Waaren geführt. Die Wohlfeilheit der Waaren hängt, caeteris paribus, von der Produktivität der Arbeit, diese aber von der Stufenleiter der Produktion ab. Die größeren Kapitale schlagen daher die kleineren. Man erinnert sich ferner, daß mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise der Minimalumfang des individuellen Kapitals wächst, das erheischt ist, um ein Geschäft unter seinen normalen Bedingungen zu betreiben. Die kleineren Kapitale drängen sich daher in Produktionssphären, deren sich die große Industrie nur ||591| noch sporadisch oder unvollkommen bemächtigt hat. Die Konkurrenz rast hier im direkten Verhältniß zur Anzahl und im umgekehrten Verhältniß zur Größe der rivalisirenden Kapitale. Sie endet stets mit Untergang vieler kleineren Kapitalisten, deren Kapitale theils in die Hand des Siegers übergehn, theils untergehn. Abgesehn hiervon bildet sich mit der kapitalistischen Produktion eine ganz neue Macht, das Kreditwesen, das in seinen Anfängen verstohlen, als bescheidne Beihülfe der Akkumulation, sich einschleicht, durch unsichtbare Fäden die über die Oberfläche der Gesellschaft in größern oder kleinern Massen zersplitterten Geldmittel in die Hände individueller oder associirter Kapitalisten zieht, aber bald eine neue und furchtbare Waffe im Konkurrenzkampf wird, und sich schließlich in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Centralisation der Kapitale verwandelt.
Im Maß wie die kapitalistische Produktion und Akkumulation, im selben Maß entwickeln sich Konkurrenz und Kredit, die beiden mächtigsten Hebel der Centralisation. Daneben vermehrt der Fortschritt der Akkumulation den centralisirbaren Stoff, d. h. die Einzelkapitale, während die Ausweitung der kapitalistischen Produktion, hier das gesellschaftliche Bedürfniß, dort die technischen Mittel jener gewaltigen industriellen Unternehmungen schafft, deren Durchführung an eine vorgängige Centralisation des Kapitals gebunden ist. Heutzutage ist also die gegenseitige Attraktionskraft der Einzelkapitale und die Tendenz zur Centralisation stärker als je zuvor. Wenn aber auch die relative Ausdehnung und Energie der centralisirenden Bewegung in gewissem Grad bestimmt ist durch die schon erreichte Größe des kapitalistischen Reichthums und die Ueberlegenheit des ökonomischen Mechanismus, so hängt doch der Fortschritt der Centralisation keineswegs ab von dem positiven Größenwachsthum des gesellschaftlichen Kapitals. Und dieß speciell unterscheidet die Centralisation von der Koncentration, die nur ein andrer Ausdruck für die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter ist. Die Centralisation kann erfolgen durch bloße veränderte Vertheilung schon bestehender Kapitale, durch einfache Veränderung der quantitativen Gruppirung der Bestandtheile des gesellschaftlichen Kapitals. Das Kapital kann hier zu gewaltigen Massen in einer Hand anwachsen, weil es dort vielen einzelnen Händen entzogen wird. In einem gegebnen Geschäftszweig hätte die Centralisation ihre äußerste Grenze erreicht, wenn alle darin angelegten Kapitale zu einem Einzelkapital verschmolzen wären77b). ||592| In einer gegebnen Gesellschaft wäre diese Grenze erreicht erst in dem Augenblick, wo das gesammte gesellschaftliche Kapital vereinigt wäre in der Hand, sei es eines einzelnen Kapitalisten, sei es einer einzigen Kapitalistengesellschaft.
Die Centralisation ergänzt das Werk der Akkumulation, indem sie die industriellen Kapitalisten in Stand setzt die Stufenleiter ihrer Operationen auszudehnen. Sei dieß letztre Resultat nun Folge der Akkumulation oder der Centralisation; vollziehe sich die Centralisation auf dem gewaltsamen Weg der Annexion – wo gewisse Kapitale so überwiegende Gravitationscentren für andre werden, daß sie deren individuelle Kohäsion brechen und dann die vereinzelten Bruchstücke an sich ziehn – oder geschehe die Verschmelzung einer Menge bereits gebildeter, resp. in der Bildung begriffner Kapitale vermittelst des glatteren Verfahrens der Bildung von Aktiengesellschaften – die ökonomische Wirkung bleibt dieselbe. Die gewachsne Ausdehnung der industriellen Etablissements bildet überall den Ausgangspunkt für eine umfassendere Organisation der Gesammtarbeit Vieler, für eine breitre Entwicklung ihrer materiellen Triebkräfte, d. h. für die fortschreitende Umwandlung vereinzelter und gewohnheitsmäßig betriebner Produktionsprocesse in gesellschaftlich combinirte und wissenschaftlich disponirte Produktionsprocesse.
Es ist aber klar, daß die Akkumulation, die allmählige Vermehrung des Kapitals durch die aus der Kreisform in die Spirale übergehende Reproduktion ein gar langsames Verfahren ist, im Vergleich mit der Centralisation, die nur die quantitative Gruppirung der integrirenden Theile des gesellschaftlichen Kapitals zu ändern braucht. Die Welt wäre noch ohne Eisenbahnen, hätte sie solange warten müssen bis die Akkumulation einige Einzelkapitale dahin gebracht hätte dem Bau einer Eisenbahn gewachsen zu sein. Die Centralisation dagegen hat dieß, vermittelst der Aktiengesellschaften, im Handumdrehn fertig gebracht. Und während die Centralisation so die Wirkungen der Akkumulation steigert und beschleunigt, erweitert und beschleunigt sie gleichzeitig die Umwälzungen in der technischen Zusammensetzung des Kapitals, die dessen konstanten Theil vermehren auf Kosten seines variablen Theils, und damit die relative Nachfrage nach Arbeit vermindern.
Die durch die Centralisation über Nacht zusammengeschweißten | |593| Kapitalmassen reproduciren und vermehren sich wie die andren, nur rascher, und werden damit zu neuen mächtigen Hebeln der gesellschaftlichen Akkumulation. Spricht man also vom Fortschritt der gesellschaftlichen Akkumulation, so sind darin – heutzutage – die Wirkungen der Centralisation stillschweigend einbegriffen.
Die im Lauf der normalen Akkumulation gebildeten Zusatzkapitale (s. Kap. XXII, 1) dienen vorzugsweise als Vehikel zur Exploitation neuer Erfindungen und Entdeckungen, überhaupt industrieller Vervollkommnungen. Aber auch das alte Kapital erreicht mit der Zeit den Moment seiner Erneuerung an Haupt und Gliedern, wo es sich häutet und ebenfalls wiedergeboren wird in der vervollkommneten technischen Gestalt, worin eine geringere Masse Arbeit genügte, eine größere Masse Maschinerie und Rohstoffe in Bewegung zu setzen. Die hieraus nothwendig folgende absolute Abnahme der Nachfrage nach Arbeit wird selbstredend um so größer, je mehr die diesen Erneuerungsproceß durchmachenden Kapitale bereits zu Massen angehäuft sind vermöge der centralisirenden Bewegung.
Einerseits attrahirt also das im Fortgang der Akkumulation gebildete Zuschußkapital, verhältnißmäßig zu seiner Größe, weniger und weniger Arbeiter. Andrerseits repellirt das periodisch in neuer Zusammensetzung reproducirte alte Kapital mehr und mehr früher von ihm beschäftigte Arbeiter.
3. Progressive Produktion einer relativen Uebervölkerung oder industriellen Reservearmee.
Die Akkumulation des Kapitals, welche ursprünglich nur als seine quantitative Erweiterung erschien, vollzieht sich, wie wir gesehn, in fortwährendem qualitativen Wechsel seiner Zusammensetzung, in beständiger Zunahme seines konstanten auf Kosten seines variablen Bestandtheils77c).
Die specifisch kapitalistische Produktionsweise, die ihr entsprechende Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der dadurch verursachte Wechsel in der organischen Zusammensetzung des Kapitals halten nicht nur Schritt mit dem Fortschritt der Akkumu||594|lation oder dem Wachsthum des gesellschaftlichen Reichthums. Sie schreiten ungleich schneller, weil die einfache Akkumulation oder die absolute Ausdehnung des Gesammtkapitals von der Centralisation seiner individuellen Elemente, und die technische Umwälzung des Zusatzkapitals von technischer Umwälzung des Originalkapitals begleitet sind. Mit dem Fortgang der Akkumulation wandelt sich also das Verhältniß von konstantem zu variablem Kapitaltheil, wenn ursprünglich 1:1, in 2:1, 3:1, 4:1, 5:1, 7:1 u. s. w., so daß, wie das Kapital wächst, statt ½ seines Gesammtwerths progressiv nur ⅓, ¼, ⅕, ⅙, ⅛ u. s. w. in Arbeitskraft, dagegen ⅔, ¾, ⅘, ⅚, ⅞ u. s. w. in Produktionsmittel umgesetzt wird. Da die Nachfrage nach Arbeit nicht durch den Umfang des Gesammtkapitals, sondern durch den seines variablen Bestandtheils bestimmt ist, fällt sie also progressiv mit dem Wachsthum des Gesammtkapitals, statt, wie vorhin unterstellt, verhältnißmäßig mit ihm zu wachsen. Sie fällt relativ zur Größe des Gesammtkapitals und in beschleunigter Progression mit dem Wachsthum dieser Größe. Mit dem Wachsthum des Gesammtkapitals wächst zwar auch sein variabler Bestandtheil, oder die ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion. Die Zwischenpausen, worin die Akkumulation als bloße Erweiterung der Produktion auf gegebner technischer Grundlage wirkt, verkürzen sich. Nicht nur wird eine in wachsender Progression beschleunigte Akkumulation des Gesammtkapitals erheischt, um eine zusätzliche Arbeiterzahl von gegebner Größe zu absorbiren oder selbst, wegen der beständigen Metamorphose des alten Kapitals, die bereits funktionirende zu beschäftigen. Ihrerseits schlägt diese wachsende Akkumulation und Centralisation selbst wieder um in eine Quelle neuer Wechsel der Zusammensetzung des Kapitals oder abermalig beschleunigter Abnahme seines variablen Bestandtheils verglichen mit dem konstanten. Diese mit dem Wachsthum des Gesammtkapitals beschleunigte und rascher als sein eignes Wachsthum beschleunigte relative Abnahme seines variablen Bestandtheils scheint auf der andren Seite umgekehrt stets rascheres absolutes Wachsthum der Arbeiterbevölkerung als das des variablen Kapitals oder ihrer Beschäftigungsmittel. Die kapitalistische Akkumulation producirt vielmehr, und zwar im Verhältniß zu ihrer Energie und ihrem Umfang, beständig eine relative, d. h. für die mittleren Verwerthungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung.
Das gesellschaftliche Gesammtkapital betrachtet, ruft die Be||595|wegung seiner Akkumulation bald periodischen Wechsel hervor, bald vertheilen sich ihre Momente gleichzeitig über die verschiednen Produktionssphären. In einigen Sphären findet Wechsel in der Zusammensetzung des Kapitals statt ohne Wachsthum seiner absoluten Größe, in Folge bloßer Koncentration; in andren ist das absolute Wachsthum des Kapitals mit absoluter Abnahme seines variablen Bestandtheils oder der von ihm absorbirten Arbeitskraft verbunden; in andren wächst das Kapital bald auf seiner gegebnen technischen Grundlage fort und attrahirt zuschüssige Arbeitskraft im Verhältniß seines Wachsthums, bald tritt organischer Wechsel ein und kontrahirt sich sein variabler Bestandtheil; in allen Sphären ist das Wachsthum des variablen Kapitaltheils und daher der beschäftigten Arbeiterzahl stets verbunden mit heftigen Fluktuationen und vorübergehender Produktion von Uebervölkerung, ob diese nun die auffallendere Form von Repulsion bereits beschäftigter Arbeiter annimmt oder die mehr unscheinbare, aber nicht minder wirksame, erschwerter Absorption der zuschüssigen Arbeiterbevölkerung in ihre gewohnten Abzugskanäle78). Mit der Größe des bereits funktionirenden Gesellschaftskapitals und dem Grad seines Wachsthums, mit der Ausdehnung der Produktionsleiter und der Masse der in Bewegung gesetzten Arbeiter, mit der Entwicklung der Produktivkraft ihrer Arbeit, mit dem breiteren und volleren Strom aller Springquellen des Reichthums dehnt sich auch die Stufenleiter, worin größere Attraktion der Arbeiter durch das Kapital mit größerer Repulsion derselben verbunden ist, nimmt die Raschheit ||596| der Wechsel in der organischen Zusammensetzung des Kapitals und seiner technischen Form zu, und schwillt der Umkreis der Produktionssphären, die bald gleichzeitig, bald abwechselnd davon ergriffen werden. Mit der durch sie selbst producirten Akkumulation des Kapitals producirt die Arbeiterbevölkerung also in wachsendem Umfang die Mittel ihrer eignen relativen Ueberzähligmachung79). Es ist dieß ein der kapitalistischen Produktionsweise eigenthümliches Populationsgesetz, wie in der That jede besondre historische Produktionsweise ihre besondren, historisch gültigen Populationsgesetze hat. Ein abstraktes Populationsgesetz existirt nur für Pflanze und Thier, soweit der Mensch nicht geschichtlich eingreift.
Wenn aber eine Surplusarbeiterpopulation nothwendiges Produkt der Akkumulation oder der Entwicklung des Reichthums auf kapitalistischer Grundlage ist, wird diese Uebervölkerung umgekehrt zum Hebel der kapitalistischen Akkumulation, ja zu einer Existenz||597|bedingung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reservearmee, die dem Kapital ganz so absolut gehört, als ob es sie auf seine eignen Kosten großgezüchtet hätte. Sie schafft für seine wechselnden Verwerthungsbedürfnisse das stets bereite exploitable Menschenmaterial, unabhängig von den Schranken der wirklichen Bevölkerungszunahme. Mit der Akkumulation und der sie begleitenden Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit wächst die plötzliche Expansionskraft des Kapitals, nicht nur, weil die Elasticität des funktionirenden Kapitals wächst, und der absolute Reichthum, wovon das Kapital nur einen elastischen Theil bildet, nicht nur, weil der Kredit, unter jedem besondren Reiz, im Umsehn ungewöhnlichen Theil dieses Reichthums der Produktion als Zusatzkapital zur Verfügung stellt. Die technischen Bedingungen des Produktionsprocesses selbst, Maschinerie, Transportmittel u. s. w. ermöglichen, auf größter Stufenleiter, die rascheste Verwandlung von Mehrprodukt in zuschüssige Produktionsmittel. Die mit dem Fortschritt der Akkumulation überschwellende und in Zusatzkapital verwandelbare Masse des gesellschaftlichen Reichthums drängt sich mit Frenesie in alte Produktionszweige, deren Markt sich plötzlich erweitert, oder in neu eröffnete, wie Eisenbahnen u. s. w., deren Bedürfniß aus der Entwicklung der alten entspringt. In allen solchen Fällen müssen große Menschenmassen plötzlich und ohne Abbruch der Produktionsleiter in andren Sphären auf die entscheidenden Punkte werfbar sein. Die Uebervölkerung liefert sie. Der charakteristische Lebenslauf der modernen Industrie, die Form eines durch kleinere Schwankungen unterbrochnen zehnjährigen Cyklus von Perioden mittlerer Lebendigkeit, Produktion unter Hochdruck, Krise und Stagnation, beruht auf der beständigen Bildung, größern oder geringern Absorption und Wiederbildung der industriellen Reservearmee oder Uebervölkerung. Ihrerseits rekrutiren die Wechselfälle des industriellen Cyklus die Uebervölkerung und werden zu einem ihrer energischsten Reproduktionsagentien.
Dieser eigenthümliche Lebenslauf der modernen Industrie, der uns in keinem frühern Zeitalter der Menschheit begegnet, war auch in der Kindheitsperiode der kapitalistischen Produktion unmöglich. Die Zusammensetzung des Kapitals veränderte sich nur sehr allmählig. Seiner Akkumulation entsprach also im Ganzen verhältnißmäßiges Wachsthum der Arbeitsnachfrage. Langsam wie der Fortschritt seiner Akkumulation, verglichen mit der modernen Epoche, stieß er auf Naturschranken der exploitablen Arbeiter||598|bevölkerung, welche nur durch später zu erwähnende Gewaltmittel wegräumbar waren. Die plötzliche und ruckweise Expansion der Produktionsleiter ist die Voraussetzung ihrer plötzlichen Kontraktion; letztere ruft wieder die erstere hervor, aber die erstere ist unmöglich ohne disponibles Menschenmaterial, ohne eine vom absoluten Wachsthum der Bevölkerung unabhängige Vermehrung von Arbeitern. Sie wird geschaffen durch den einfachen Proceß, der einen Theil der Arbeiter beständig „freisetzt“, durch Methoden, welche die Anzahl der beschäftigten Arbeiter im Verhältniß zur vermehrten Produktion vermindern. Die ganze Bewegungsform der modernen Industrie erwächst also aus der beständigen Verwandlung eines Theils der Arbeiterbevölkerung in unbeschäftigte oder halbbeschäftigte Hände. Die Oberflächlichkeit der politischen Oekonomie zeigt sich u. a. darin, daß sie die Expansion und Kontraktion des Kredits, das bloße Symptom der Wechselperioden des industriellen Cyklus, zu deren Ursache macht. Ganz wie Himmelskörper, einmal in eine bestimmte Bewegung geschleudert, dieselbe stets wiederholen, so die gesellschaftliche Produktion, sobald sie einmal in jene Bewegung wechselnder Expansion und Kontraktion geworfen ist. Wirkungen werden ihrerseits zu Ursachen und die Wechselfälle des ganzen Processes, der seine eignen Bedingungen stets reproducirt, nehmen die Form der Periodicität an. Ist letztere einmal konsolidirt, so begreift selbst die politische Oekonomie die Produktion einer relativen, d. h. mit Bezug auf das mittlere Verwerthungsbedürfniß des Kapitals überschüssigen Bevölkerung, als Lebensbedingung der modernen Industrie.
„Gesetzt“, sagt H. Merivale, früher Professor der politischen Oekonomie zu Oxford, später Beamter des englischen Kolonialministeriums, „gesetzt, bei Gelegenheit einer Krise raffe die Nation sich zu einer Kraftanstrengung auf, um durch Emigration einige 100000 überflüssige Arme los zu werden, was würde die Folge sein? Daß bei der ersten Wiederkehr der Arbeitsnachfrage ein Mangel vorhanden wäre. Wie rasch immer die Reproduktion von Menschen sein mag, sie braucht jedenfalls den Zwischenraum einer Generation zum Ersatz erwachsner Arbeiter. Nun hängen die Profite unsrer Fabrikanten hauptsächlich von der Macht ab, den günstigen Moment lebhafter Nachfrage zu exploitiren und sich so für die Periode der Erlahmung schadlos zu halten. Diese Macht ist ihnen nur gesichert durch Kommando über Maschinerie und Handarbeit. Sie müssen disponible Hände vorfinden; sie müssen fähig sein, die Aktivität ihrer Operationen, wenn nöthig, höher zu ||599| spannen oder abzuspannen, je nach dem Stand des Markts, oder sie können platterdings nicht in der Hetzjagd der Konkurrenz das Uebergewicht behaupten, auf das der Reichthum dieses Landes gegründet ist“80). Selbst Malthus erkennt in der Uebervölkerung, die er, nach seiner bornirten Weise, aus absolutem Ueberwuchs der Arbeiterbevölkerung, nicht aus ihrer relativen Ueberzähligmachung deutet, eine Nothwendigkeit der modernen Industrie. Er sagt: „Weise Gewohnheiten in Bezug auf die Ehe, wenn zu einer gewissen Höhe getrieben unter der Arbeiterklasse eines Landes, das hauptsächlich von Manufaktur und Handel abhängt, würden ihm schädlich sein ... Der Natur der Bevölkerung gemäß, kann ein Zuwachs von Arbeitern nicht zu Markt geliefert werden, in Folge besondrer Nachfrage, bis nach Verlauf von 16 oder 18 Jahren, und die Verwandlung von Revenue in Kapital durch Ersparung kann sehr viel rascher platzgreifen; ein Land ist stets dem ausgesetzt, daß sein Arbeitsfonds rascher wächst als die Bevölkerung“81). Nachdem die politische Oekonomie so die beständige Produktion einer relativen Uebervölkerung von Arbeitern für eine Nothwendigkeit der kapitalistischen Akkumulation erklärt hat, legt sie, und zwar adäquat in der Figur einer alten Jungfer, dem „beau idéal“ ihres Kapitalisten folgende Worte an die durch ihre eigne Schöpfung von Zusatzkapital aufs Pflaster geworfnen „Ueberzähligen“ in den Mund: „Wir Fabrikanten thun für euch, was wir können, indem wir das Kapital vermehren, von dem ihr subsistiren müßt; und ihr müßt das Uebrige thun, indem ihr eure Zahl den Subsistenzmitteln anpaßt“82).
Der kapitalistischen Produktion genügt keineswegs das Quantum disponibler Arbeitskraft, welches der natürliche Zuwachs der Be||600|völkerung liefert. Sie bedarf zu ihrem freien Spiel einer von dieser Naturschranke unabhängigen industriellen Reservearmee.
Bisher wurde unterstellt, daß der Zu- oder Abnahme des variablen Kapitals genau die Zu- oder Abnahme der beschäftigten Arbeiterzahl entspricht.
Bei gleichbleibender oder selbst verminderter Zahl der von ihm kommandirten Arbeiter wächst jedoch das variable Kapital, wenn der individuelle Arbeiter mehr Arbeit liefert und daher sein Arbeitslohn wächst, obgleich der Arbeitspreis gleichbleibt, oder selbst sinkt, nur langsamer als die Arbeitsmasse steigt. Der Zuwachs des variablen Kapitals wird dann Index von mehr Arbeit, aber nicht von mehr beschäftigten Arbeitern. Jeder Kapitalist hat das absolute Interesse, ein bestimmtes Arbeitsquantum aus kleinerer, statt eben so wohlfeil oder selbst wohlfeiler aus größerer Arbeiterzahl auszupressen. In dem letzten Fall wächst die Auslage von konstantem Kapital verhältnißmäßig zur Masse der in Fluß gesetzten Arbeit, im ersten Fall viel langsamer. Je größer die Stufenleiter der Produktion, desto entscheidender dieß Motiv. Seine Wucht wächst mit der Akkumulation des Kapitals.
Man hat gesehn, daß die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und Produktivkraft der Arbeit – zugleich Ursache und Wirkung der Akkumulation – den Kapitalisten befähigt, mit derselben Auslage von variablem Kapital mehr Arbeit durch größere extensive oder intensive Exploitation der individuellen Arbeitskräfte flüssig zu machen. Man hat ferner gesehn, daß er mit demselben Kapitalwerth mehr Arbeitskräfte kauft, indem er progressiv geschicktere Arbeiter durch ungeschicktere, reife durch unreife, männliche durch weibliche, erwachsne Arbeitskraft durch jugendliche oder kindliche verdrängt.
Einerseits macht also, im Fortgang der Akkumulation, größeres variables Kapital mehr Arbeit flüssig, ohne mehr Arbeiter zu werben, andrerseits macht variables Kapital von derselben Größe mehr Arbeit mit derselben Masse Arbeitskraft flüssig und endlich mehr niedere Arbeitskräfte durch Verdrängung höherer.
Die Produktion einer relativen Uebervölkerung oder die Freisetzung von Arbeitern geht daher noch rascher voran als die ohnehin mit dem Fortschritt der Akkumulation beschleunigte technische Umwälzung des Produktionsprocesses und die entsprechende proportionelle Abnahme des variablen Kapitaltheils gegen den konstanten. Wenn die Produktionsmittel, wie sie an Umfang und Wirkungskraft zunehmen, in geringerem Grad Beschäftigungsmittel der ||601| Arbeiter werden, wird dieß Verhältniß selbst wieder dadurch modificirt, daß im Maß wie die Produktivkraft der Arbeit wächst, das Kapital seine Zufuhr von Arbeit rascher steigert als seine Nachfrage nach Arbeitern. Die Ueberarbeit des beschäftigten Theils der Arbeiterklasse schwellt die Reihen ihrer Reserve, während umgekehrt der vermehrte Druck, den die letztere durch ihre Konkurrenz auf die erstere ausübt, diese zur Ueberarbeit und Unterwerfung unter die Diktate des Kapitals zwingt. Die Verdammung eines Theils der Arbeiterklasse zu erzwungnem Müßiggang durch Ueberarbeit des andren Theils, und umgekehrt, wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten83) und beschleunigt zugleich die Produktion der industriellen Reservearmee auf einem dem Fortschritt der gesellschaftlichen Akkumulation entsprechenden Maßstab. Wie wichtig dieß Moment in der Bildung der relativen Uebervölkerung, beweist z. B. England. Seine technischen Mittel zur „Ersparung“ von Arbeit sind kolossal. Dennoch, würde morgen allgemein die Arbeit auf ein rationelles Maß beschränkt, und für die verschiednen Schichten der Arbeiterklasse wieder entsprechend nach Alter und Geschlecht abgestuft, so wäre die vorhandne ||602| Arbeiterbevölkerung absolut unzureichend zur Fortführung der nationalen Produktion auf ihrer jetzigen Stufenleiter. Die große Mehrheit der jetzt „unproduktiven“ Arbeiter müßte in „produktive“ verwandelt werden.
Im Großen und Ganzen sind die allgemeinen Bewegungen des Arbeitslohns ausschließlich regulirt durch die Expansion und Kontraktion der industriellen Reservearmee, welche dem Periodenwechsel des industriellen Cyklus entsprechen. Sie sind also nicht bestimmt durch die Bewegung der absoluten Anzahl der Arbeiterbevölkerung, sondern durch das wechselnde Verhältniß, worin die Arbeiterklasse in aktive Armee und Reservearmee zerfällt, durch die Zunahme und Abnahme des relativen Umfangs der Uebervölkerung, durch den Grad, worin sie bald absorbirt, bald wieder freigesetzt wird. Für die moderne Industrie mit ihrem zehnjährigen Cyklus und seinen periodischen Phasen, die außerdem im Fortgang der Akkumulation durch stets rascher auf einander folgende unregelmäßige Oscillationen durchkreuzt werden, wäre es in der That ein schönes Gesetz, welches die Nachfrage und Zufuhr von Arbeit nicht durch die Expansion und Kontraktion des Kapitals, also nach seinen jedesmaligen Verwerthungsbedürfnissen regelte, so daß der Arbeitsmarkt bald relativ untervoll erscheint, weil das Kapital sich expandirt, bald wieder übervoll, weil es sich kontrahirt, sondern umgekehrt die Bewegung des Kapitals von der absoluten Bewegung der Bevölkerungsmenge abhängig machte. Dieß jedoch ist das ökonomische Dogma. Nach demselben steigt in Folge der Kapitalakkumulation der Arbeitslohn. Der erhöhte Arbeitslohn spornt zur rascheren Vermehrung der Arbeiterbevölkerung und diese dauert fort, bis der Arbeitsmarkt überfüllt, also das Kapital relativ zur Arbeiterzufuhr unzureichend geworden ist. Der Arbeitslohn sinkt, und nun die Kehrseite der Medaille. Durch den fallenden Arbeitslohn wird die Arbeiterbevölkerung nach und nach decimirt, so daß ihr gegenüber das Kapital wieder überschüssig wird, oder auch, wie Andre es erklären, der fallende Arbeitslohn und die entsprechende erhöhte Exploitation des Arbeiters beschleunigt wieder die Akkumulation, während gleichzeitig der niedere Lohn das Wachsthum der Arbeiterklasse in Schach hält. So tritt wieder das Verhältniß ein, worin die Arbeitszufuhr niedriger als die Arbeitsnachfrage, der Lohn steigt u. s. w. Eine schöne Bewegungsmethode dieß für die entwickelte kapitalistische Produktion! Bevor in Folge der Lohnerhöhung irgend ein positives Wachsthum der wirklich arbeitsfähigen Bevölkerung eintreten könnte, wäre die Frist aber und abermal ||603| abgelaufen, worin der industrielle Feldzug geführt, die Schlacht geschlagen und entschieden sein muß.
Zwischen 1849 und 1859 trat, zugleich mit fallenden Getreidepreisen, eine praktisch betrachtet nur nominelle Lohnerhöhung in den englischen Agrikulturdistrikten ein, z. B. in Wiltshire stieg der Wochenlohn von 7 auf 8 sh., in Dorsetshire von 7 oder 8 auf 9 sh. u. s. w. Es war dieß Folge des übergewöhnlichen Abflusses der agrikolen Uebervölkerung, verursacht durch Kriegsnachfrage, massenhafte Ausdehnung der Eisenbahnbauten, Fabriken, Bergwerke etc. Je niedriger der Arbeitslohn, desto höher drückt sich jedes noch so unbedeutende Steigen desselben in Procentzahlen aus. Ist der Wochenlohn z. B. 20 sh. und steigt er auf 22, so um 10 %; ist er dagegen nur 7 sh. und steigt auf 9, so um 28 %, was sehr erklecklich klingt. Jedenfalls heulten die Pächter und schwatzte sogar der „London Economist“ ganz ernsthaft von „a general and substantial advance“84) mit Bezug auf diese Hungerlöhne. Was thaten nun die Pächter? Warteten sie, bis die Landarbeiter sich in Folge dieser brillanten Zahlung so vermehrt hatten, daß ihr Lohn wieder fallen mußte, wie die Sache sich im dogmatisch ökonomischen Hirn zuträgt? Sie führten mehr Maschinerie ein, und im Umsehn waren die Arbeiter wieder „überzählig“ in einem selbst den Pächtern genügenden Verhältniß. Es war jetzt „mehr Kapital“ in der Agrikultur angelegt als vorher und in einer produktiveren Form. Damit fiel die Nachfrage nach Arbeit nicht nur relativ, sondern absolut.
Jene ökonomische Fiktion verwechselt die Gesetze, welche die allgemeine Bewegung des Arbeitslohns oder das Verhältniß zwischen Arbeiterklasse, d. h. Gesammtarbeitskraft und gesellschaftlichem Gesammtkapital regeln, mit den Gesetzen, welche die Arbeiterbevölkerung unter die besondren Produktionssphären vertheilen. Wenn z. B. in Folge günstiger Konjunktur die Akkumulation in einer bestimmten Produktionssphäre besonders lebhaft, die Profite hier größer als die Durchschnittsprofite, Zuschußkapital dahin drängt, so steigt natürlich Arbeitsnachfrage und Arbeitslohn. Der höhere Arbeitslohn zieht einen größeren Theil der Arbeiterbevölkerung in die begünstigte Sphäre, bis sie mit Arbeitskraft gesättigt ist, und der Lohn auf die Dauer wieder auf sein früheres Durchschnittsniveau oder unter dasselbe fällt, falls der Zudrang zu groß war. Dann hört nicht nur die Einwanderung ||604| von Arbeitern in den fraglichen Geschäftszweig auf, sie macht sogar ihrer Auswanderung Platz. Hier glaubt der politische Oekonom zu sehn, „wo und wie“, mit Zunahme des Lohns eine absolute Zunahme von Arbeitern, und mit der absoluten Zunahme der Arbeiter eine Abnahme des Lohns, aber er sieht in der That nur die lokale Oscillation des Arbeitsmarkts einer besondren Produktionssphäre, er sieht nur Phänomene der Vertheilung der Arbeiterbevölkerung in die verschiednen Anlagssphären des Kapitals, je nach seinen wechselnden Bedürfnissen.
Die industrielle Reservearmee drückt während der Perioden der Stagnation und mittleren Prosperität auf die aktive Arbeiterarmee und hält ihre Ansprüche während der Periode der Ueberproduktion und des Paroxysmus im Zaum. Die relative Uebervölkerung ist also der Hintergrund, worauf das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit sich bewegt. Sie zwängt den Spielraum dieses Gesetzes in die der Exploitationsgier und Herrschsucht des Kapitals absolut zusagenden Schranken ein. Es ist hier der Ort auf eine der Großthaten der ökonomischen Apologetik zurückzukommen. Man erinnert sich, daß wenn durch Einführung neuer oder Ausdehnung alter Maschinerie ein Stück variables Kapital in konstantes verwandelt wird, der ökonomische Apologet diese Operation, welche Kapital „bindet“ und eben dadurch Arbeiter „freisetzt“, umgekehrt so deutet, daß sie Kapital für den Arbeiter freisetzt. Erst jetzt kann man die Unverschämtheit des Apologeten vollständig würdigen. Was freigesetzt wird, sind nicht nur die unmittelbar durch die Maschine verdrängten Arbeiter, sondern ebenso ihre Ersatzmannschaft und das, bei gewohnter Ausdehnung des Geschäfts auf seiner alten Basis, regelmäßig absorbirte Zuschußkontingent. Sie sind jetzt alle „freigesetzt“, und jedes neue funktionslustige Kapital kann über sie verfügen. Ob es sie oder andre attrahirt, die Wirkung auf die allgemeine Arbeitsnachfrage wird Null sein, so lange dieß Kapital gerade hinreicht, um den Markt von ebensoviel Arbeitern zu befreien, als die Maschinen auf ihn geworfen. Beschäftigt es eine geringere Zahl, so wächst die Menge der Ueberzähligen; beschäftigt es eine größere, so wächst die allgemeine Arbeitsnachfrage nur um den Ueberschuß der Beschäftigten über die „Freigesetzten“. Der Aufschwung, den anlagesuchende Zusatzkapitale sonst der allgemeinen Arbeitsnachfrage gegeben hätten, ist also in jedem Fall insoweit neutralisirt, wie die von der Maschine aufs Pflaster geworfnen Arbeiter reichen. D. h. also, der Mechanis||605|mus der kapitalistischen Produktion sorgt dafür, daß der absolute Zuwachs von Kapital von keiner entsprechenden Steigerung der allgemeinen Arbeitsnachfrage begleitet ist. Und dieß nennt der Apologet eine Kompensation für das Elend, die Leiden und den möglichen Untergang der deplacirten Arbeiter während der Uebergangsperiode, welche sie in die industrielle Reservearmee bannt! Die Nachfrage nach Arbeit ist nicht identisch mit Wachsthum des Kapitals, die Zufuhr der Arbeit nicht mit dem Wachsthum der Arbeiterklasse, so daß zwei von einander unabhängige Potenzen auf einander einwirkten. Les dés sont pipés. Das Kapital agirt auf beiden Seiten zugleich. Wenn seine Akkumulation einerseits die Nachfrage nach Arbeit vermehrt, vermehrt sie andrerseits die Zufuhr von Arbeitern durch deren „Freisetzung“, während zugleich der Druck der Unbeschäftigten die Beschäftigten zur Flüssigmachung von mehr Arbeit zwingt, also in gewissem Grad die Arbeitszufuhr von der Zufuhr von Arbeitern unabhängig macht. Die Bewegung des Gesetzes der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit auf dieser Basis vollendet die Despotie des Kapitals. Sobald daher die Arbeiter hinter das Geheimniß kommen, wie es angeht, daß im selben Maß, wie sie mehr arbeiten, mehr fremden Reichthum produciren, und die Produktivkraft ihrer Arbeit wächst, sogar ihre Funktion als Verwerthungsmittel des Kapitals immer prekärer für sie wird; sobald sie entdecken, daß der Intensitätsgrad der Konkurrenz unter ihnen selbst ganz und gar von dem Druck der relativen Uebervölkerung abhängt; sobald sie daher durch Trades’ Unions u. s. w. eine planmäßige Zusammenwirkung zwischen den Beschäftigten und Unbeschäftigten zu organisiren suchen, um die ruinirenden Folgen jenes Naturgesetzes der kapitalistischen Produktion auf ihre Klasse zu brechen oder zu schwächen, zetert das Kapital und sein Sykophant, der politische Oekonom, über Verletzung des „ewigen“ und so zu sagen „heiligen“ Gesetzes der Nachfrage und Zufuhr. Jeder Zusammenhalt zwischen den Beschäftigten und Unbeschäftigten stört nämlich das „reine“ Spiel jenes Gesetzes. Sobald andrerseits, in den Kolonien z. B., widrige Umstände die Schöpfung der industriellen Reservearmee und mit ihr die absolute Abhängigkeit der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse verhindern, rebellirt das Kapital, sammt seinem gemeinplätzlichen Sancho Pansa, gegen das „heilige“ Gesetz der Nachfrage und Zufuhr und sucht ihm durch Zwangsmittel unter die Arme zu greifen. |
Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.
Die relative Uebervölkerung existirt in allen möglichen Schattirungen. Jeder Arbeiter gehört ihr an während der Zeit, wo er halb oder gar nicht beschäftigt ist. Abgesehn von den großen, periodisch wiederkehrenden Formen, welche der Phasenwechsel des industriellen Cyklus ihr aufprägt, so daß sie bald akut in den Krisen erscheint, bald chronisch in den Zeiten flauen Geschäfts, besitzt sie fortwährend drei Formen: flüssige, latente und stockende.
In den Centren der modernen Industrie – Fabriken, Manufakturen, Hütten und Bergwerken u. s. w. – werden Arbeiter bald repellirt, bald in größerem Umfang wieder attrahirt, so daß im Großen und Ganzen die Zahl der Beschäftigten zunimmt, wenn auch in stets abnehmendem Verhältniß zur Produktionsleiter. Die Uebervölkerung existirt hier in fließender Form.
Sowohl in den eigentlichen Fabriken wie in allen großen Werkstätten, wo Maschinerie als Faktor eingeht oder auch nur die moderne Theilung der Arbeit durchgeführt ist, braucht man massenhaft männliche Arbeiter bis zur Zurücklegung des Jugendalters. Dieser Termin einmal erreicht, bleibt nur eine sehr geringe Anzahl in denselben Geschäftszweigen verwendbar, während die Mehrzahl regelmäßig entlassen wird. Sie bildet ein Element der fließenden Uebervölkerung, das mit dem Umfang der Industrie wächst. Ein Theil davon wandert aus und reist in der That nur dem auswandernden Kapital nach. Eine der Folgen ist, daß die weibliche Bevölkerung rascher wächst als die männliche, teste England. Daß der natürliche Zuwachs der Arbeitermasse die Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals nicht sättigt und sie dennoch zugleich überschreitet, ist ein Widerspruch seiner Bewegung selbst. Es braucht größere Massen Arbeiter im früheren Alter, geringere im männlichen. Der Widerspruch ist nicht schreiender als der andre, daß über Mangel an Händen geklagt wird zur selben Zeit, wo viele Tausende auf dem Pflaster liegen, weil die Theilung der Arbeit sie an einen bestimmten Geschäftszweig kettet85). Der Konsum der Arbeitskraft durch das Kapital ist ||607| zudem so rasch, daß der Arbeiter von mittlerem Alter sich meist schon mehr oder minder überlebt hat. Er fällt in die Reihen der Ueberzähligen, oder wird von einer höheren auf eine niedrigere Staffel hinabgedrängt. Gerade bei den Arbeitern der großen Industrie stoßen wir auf die kürzeste Lebensdauer. „Dr. Leigh, der Gesundheitsbeamte von Manchester, hat festgestellt, daß in jener Stadt die mittlere Lebensdauer der wohlhabenden Klasse 38, die der Arbeiterklasse nur 17 Jahre ist. In Liverpool beträgt sie 35 Jahre für die erstere, 15 für die zweite. Es folgt also, daß die privilegirte Klasse eine Anweisung aufs Leben hat (have a lease of life) mehr als doppelt so groß als die ihrer weniger begünstigten Mitbürger“85a). Unter diesen Umständen erheischt das absolute Wachsthum dieser Fraktion des Proletariats eine Form, welche ihre Zahl schwellt, obgleich ihre Elemente sich schnell abnutzen. Also rasche Ablösung der Arbeitergenerationen. (Dasselbe Gesetz gilt nicht für die übrigen Klassen der Bevölkerung.) Dieß gesellschaftliche Bedürfniß wird befriedigt durch frühe Ehen, nothwendige Folge der Verhältnisse, worin die Arbeiter der großen Industrie leben, und durch die Prämie, welche die Exploitation der Arbeiterkinder auf ihre Produktion setzt.
Sobald sich die kapitalistische Produktion der Agrikultur, oder im Grad, worin sie sich derselben bemächtigt hat, nimmt mit der Akkumulation des hier funktionirenden Kapitals die Nachfrage für die ländliche Arbeiterbevölkerung absolut ab, ohne daß ihre Repulsion, wie in der nicht agrikolen Industrie, durch größere Attraktion ergänzt wäre. Ein Theil der Landbevölkerung befindet sich daher fortwährend auf dem Sprung, in städtisches oder Manufakturproletariat überzugehn, und in der Lauer auf dieser Verwandlung günstige Umstände. (Manufaktur hier im Sinn aller nichtagrikolen Industrie)86). Diese Quelle der relativen Ueber||608|völkerung fließt also beständig. Aber ihr beständiger Fluß nach den Städten setzt auf dem Lande selbst eine fortwährend latente Uebervölkerung voraus, deren Umfang nur sichtbar wird, sobald sich die Abzugskanäle ausnahmsweise weit öffnen. Der Landarbeiter wird daher auf das Minimum des Salairs herabgedrückt und steht mit einem Fuß stets im Sumpf des Pauperismus.
Die dritte Kategorie der relativen Uebervölkerung, die stockende, bildet einen Theil der aktiven Arbeiterarmee, aber mit durchaus unregelmäßiger Beschäftigung. Sie bietet so dem Kapital einen unerschöpflichen Behälter disponibler Arbeitskraft. Ihre Lebenslage sinkt unter das durchschnittliche Normalniveau der arbeitenden Klasse und grade dieß macht sie zur breiten Grundlage eigner Exploitationszweige des Kapitals. Maximum der Arbeitszeit und Minimum des Salairs charakterisiren sie. Wir haben unter der Rubrik der Hausarbeit ihre Hauptgestalt bereits kennen gelernt. Sie rekrutirt sich fortwährend aus den Ueberzähligen der großen Industrie und Agrikultur, und namentlich auch aus untergehenden Industriezweigen, wo der Handwerksbetrieb dem Manufakturbetrieb, letztrer dem Maschinenbetrieb erliegt. Ihr Umfang dehnt sich, wie mit Umfang und Energie der Akkumulation die „Ueberzähligmachung“ fortschreitet. Aber sie bildet zugleich ein sich selbst reproducirendes und verewigendes Element der Arbeiterklasse, das verhältnißmäßig größeren Antheil am Gesammtwachsthum derselben nimmt als die übrigen Elemente. In der That steht nicht nur die Masse der Geburten und Todesfälle, sondern die absolute Größe der Familien in umgekehrtem Verhältniß zur Höhe des Arbeitslohns, also zur Masse der Lebensmittel, worüber die verschiednen Arbeiterkategorien verfügen. Dieß Gesetz der kapitalistischen Gesellschaft klänge unsinnig unter Wilden, oder selbst civilisirten Kolonisten. Es erinnert an die massenhafte Reproduktion individuell schwacher und vielgehetzter Thierarten87).
Der tiefste Niederschlag der relativen Uebervölkerung endlich ||609| behaust die Sphäre des Pauperismus. Abgesehn von Vagabunden, Verbrechern, Prostituirten, kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat, besteht diese Gesellschaftsschichte aus drei Kategorien. Erstens Arbeitsfähige. Man braucht die Statistik des englischen Pauperismus nur oberflächlich anzusehn, und man findet, daß seine Masse mit jeder Krise schwillt und mit jeder Wiederbelebung des Geschäfts abnimmt. Zweitens: Waisen- und Pauperkinder. Sie sind Kandidaten der industriellen Reservearmee und werden in Zeiten großen Aufschwungs, wie 1860 z. B., rasch und massenhaft in die aktive Arbeiterarmee einrollirt. Drittens: Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige. Es sind namentlich Individuen, die an ihrer durch die Theilung der Arbeit verursachten Unbeweglichkeit untergehn, solche, die über das Normalalter eines Arbeiters hinausleben, endlich die Opfer der Industrie, deren Zahl mit gefährlicher Maschinerie, Bergwerksbau, chemischen Fabriken etc. wächst, Verstümmelte, Verkrankte, Wittwen etc. Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee und das todte Gewicht der industriellen Reservearmee. Seine Produktion ist eingeschlossen in der Produktion der relativen Uebervölkerung, seine Nothwendigkeit in ihrer Nothwendigkeit, mit ihr bildet er eine Existenzbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung des Reichthums. Er gehört zu den faux frais der kapitalistischen Produktion, die das Kapital jedoch großentheils von sich selbst ab auf die Schultern der Arbeiterklasse und der kleinen Mittelklasse zu wälzen weiß.
Je größer der gesellschaftliche Reichthum, das funktionirende Kapital, Umfang und Energie seines Wachsthums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt, wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnißmäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichthums. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältniß zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidirte Uebervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältniß zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der officielle Pauperismus. Dieß ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation. Es wird gleich allen andren Gesetzen in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modificirt, deren Analyse nicht hierher gehört. |
|610| Man begreift die Narrheit der ökonomischen Weisheit, die den Arbeitern predigt, ihre Zahl den Verwerthungsbedürfnissen des Kapitals anzupassen. Der Mechanismus der kapitalistischen Produktion und Akkumulation paßt diese Zahl beständig diesen Verwerthungsbedürfnissen an. Erstes Wort dieser Anpassung ist die Schöpfung einer relativen Uebervölkerung oder industriellen Reservearmee, letztes Wort das Elend stets wachsender Schichten der aktiven Arbeiterarmee und das todte Gewicht des Pauperismus.
Das Gesetz, wonach eine immer wachsende Masse von Produktionsmitteln, Dank dem Fortschritt in der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, mit einer progressiv abnehmenden Ausgabe von Menschenkraft in Bewegung gesetzt werden kann – dieß Gesetz drückt sich auf kapitalistischer Grundlage, wo nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden, darin aus, daß, je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingung: Verkauf der eignen Kraft zur Vermehrung des fremden Reichthums oder zur Selbstverwerthung des Kapitals. Rascheres Wachsthum der Produktionsmittel und der Produktivität der Arbeit als der produktiven Bevölkerung drückt sich kapitalistisch also umgekehrt darin aus, daß die Arbeiterbevölkerung stets rascher wächst als das Verwerthungsbedürfniß des Kapitals.
Wir sahen im vierten Abschnitt bei Analyse der Produktion des relativen Mehrwerths: innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehn sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Producenten, verstümmeln den Arbeiter in einen Theilmenschen, entwürdigen ihn zum Anhängsel der Maschine, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt, entfremden ihm die geistigen Potenzen des Arbeitsprocesses, im selben Maße, worin letzterem die Wissenschaft als selbständige Potenz einverleibt wird; sie verunstalten die Bedingungen, innerhalb deren er arbeitet, unterwerfen ihn während des Arbeitsprocesses der kleinlichst gehässigen Despotie, verwandeln seine Lebenszeit in Arbeitszeit, schleudern sein Weib und Kind unter das Juggernautrad des Kapitals. Aber alle Methoden zur Produktion des Mehrwerths sind zugleich Methoden der Akkumulation und jede Ausdehnung der Akkumulation wird umgekehrt Mittel zur Entwicklung jener Methoden. Es folgt daher, daß im Maße wie | |611| Kapital akkumulirt, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig, sich verschlechtern muß. Das Gesetz endlich, welches die relative Uebervölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichthum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisirung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d. h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital producirt.
Dieser antagonistische Charakter der kapitalistischen Akkumulation88) ist in verschiednen Formen von politischen Oekonomen ausgesprochen, obgleich sie zum Theil zwar analoge, aber dennoch wesentlich verschiedene Erscheinungen vorkapitalistischer Produktionsweisen damit zusammenwerfen.
Der venetianische Mönch Ortes, einer der großen ökonomischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, faßt den Antagonismus der kapitalistischen Produktion als allgemeines Naturgesetz des gesellschaftlichen Reichthums. „Das ökonomisch Gute und ökonomisch Böse halten sich in einer Nation stets das Gleichgewicht (il bene ed il male economico in una nazione sempre all’ istessa misura), die Fülle der Güter für Einige ist immer gleich dem Mangel derselben für Andre (la copia dei beni in alcuni sempre eguale alla mancanza di essi in altri). Großer Reichthum von Einigen ist stets begleitet von absoluter Beraubung des Nothwendigen bei viel mehr andren. Der Reichthum einer Nation entspricht ihrer Bevölkerung, und ihr Elend entspricht ihrem Reichthum. Die Arbeitsamkeit in Einigen erzwingt den Müßiggang in Andren. Die Armen und Müßigen sind eine nothwendige Frucht der Reichen und Thätigen“ u. s. w.89). In ganz grober Weise verherrlichte ||612| ungefähr 10 Jahre nach Ortes der hochkirchliche protestantische Pfaffe Townsend die Armuth als nothwendige Bedingung des Reichthums. „Gesetzlicher Zwang zur Arbeit ist verbunden mit zu viel Mühe, Gewaltsamkeit und Geräusch, während der Hunger nicht nur ein friedlicher, schweigsamer, unaufhörlicher Druck, sondern als natürlichstes Motiv zur Industrie und Arbeit die machtvollste Anstrengung hervorruft.“ Alles kommt also darauf an, den Hunger unter der Arbeiterklasse permanent zu machen, und dafür sorgt, nach Townsend, das Bevölkerungsprincip, das besonders unter den Armen thätig ist. „Es scheint ein Naturgesetz, daß die Armen zu einem gewissen Grad leichtsinnig (improvident) sind (nämlich so leichtsinnig auf die Welt zu kommen ohne goldne Löffel im Mund), so daß stets welche da sind (that there always may be some) zur Erfüllung der servilsten, schmutzigsten und gemeinsten Funktionen des Gemeinwesens. Der Fonds von menschlichem Glück (the fund of human happiness) wird dadurch sehr vermehrt, die Delikateren (the more delicate) sind von der Plackerei befreit und können höherem Beruf u. s. w. ungestört nachgehn. ... Das Armengesetz hat die Tendenz, die Harmonie und Schönheit, die Symmetrie und Ordnung dieses Systems, welches Gott und die Natur in der Welt errichtet haben, zu zerstören“90). Fand der venetianische Mönch in dem Schicksalsschluß, der das Elend verewigt, die Existenzberechtigung der christlichen Wohlthätigkeit, des Cölibats, der Klöster und frommen Stiftungen, so findet im Gegentheil der protestantische Pfründner darin den Vorwand, die Gesetze zu verdammen, kraft deren der Arme ein Recht auf kärgliche öffentliche Unterstützung besaß. – „Der Fortschritt des gesellschaftlichen Reichthums“, sagt Storch, „erzeugt jene nützliche | |613| Klasse der Gesellschaft ... welche die langweiligsten, gemeinsten und ekelhaftesten Beschäftigungen ausübt, in einem Wort alles, was das Leben unangenehmes und knechtendes hat, auf ihre Schultern nimmt und eben dadurch den andren Klassen die Zeit, die Heiterkeit des Geistes und die konventionelle (c’est bon!) Charakterwürde verschafft etc.“91). Storch fragt sich, welches denn eigentlich der Vorzug dieser kapitalistischen Civilisation mit ihrem Elend und ihrer Degradation der Massen vor der Barbarei? Er findet nur eine Antwort – die Sicherheit! – „Durch den Fortschritt der Industrie und Wissenschaft“, sagt Sismondi, „kann jeder Arbeiter jeden Tag viel mehr produciren als er zu seinem Konsum braucht. Aber zu gleicher Zeit, während seine Arbeit den Reichthum producirt, würde der Reichthum, wäre er berufen, ihn selbst zu konsumiren, ihn wenig geeignet zur Arbeit machen.“ Nach ihm „würden die Menschen ❲d. h. die Nichtarbeiter❳ wahrscheinlich auf alle Vervollkommnungen der Künste verzichten, wie auf alle Genüsse, die die Industrie uns verschafft, müßten sie diese durch anhaltende Arbeit, wie die des Arbeiters, erkaufen.... Die Anstrengungen sind heute geschieden von ihrer Belohnung; es ist nicht derselbe Mensch, der erst arbeitet und sich dann ausruht: im Gegentheil, eben weil der Eine arbeitet, muß der Andre sich ausruhn.... Die endlose Vervielfältigung der Produktivität der Arbeit kann also kein andres Resultat haben als die Zunahme des Luxus und der Genüsse der müßigen Reichen“92). – Destutt de Tracy endlich, der fischblütige Bourgeoisdoktrinär, spricht es brutal aus: „Die armen Nationen sind die, wo das Volk gut dran ist, und die reichen Nationen sind die, wo es gewöhnlich arm ist“93).
der kapitalistischen Akkumulation.
a) England von 1846–1866.Keine Periode der modernen Gesellschaft ist so günstig für das Studium der kapitalistischen Akkumulation als die Periode der letztverflossenen 20 Jahre. Es ist, als ob sie den Fortunatussäckel gefunden hätte. Von allen Ländern aber bietet England wieder das klassische Beispiel, weil es den ersten Rang auf dem Welt||614|markt behauptet, die kapitalistische Produktionsweise hier allein völlig entwickelt ist, und endlich die Einführung des tausendjährigen Reichs des Freihandels seit 1846 der Vulgärökonomie den letzten Schlupfwinkel abgeschnitten hat. Der titanische Fortschritt der Produktion, so daß die letzte Hälfte der zwanzigjährigen Periode die erste wieder weit überflügelt, ward bereits im vierten Abschnitt hinreichend angedeutet.
Obgleich das absolute Wachsthum der englischen Bevölkerung im letzten halben Jahrhundert sehr groß war, fiel das verhältnißmäßige Wachsthum oder die Rate des Zuwachses fortwährend, wie folgende dem officiellen Census entlehnte Tabelle zeigt:
Jährlicher procentmäßiger Zuwachs der Bevölkerung von England und Wales in Decimalzahlen.
| 1811–1821 | 1,533 % |
| 1821–1831 | 1,446 % |
| 1831–1841 | 1,326 % |
| 1841–1851 | 1,216 % |
| 1851–1861 | 1,141 %. |
Betrachten wir nun andrerseits das Wachsthum des Reichthums. Den sichersten Anhaltspunkt bietet hier die Bewegung der der Einkommensteuer unterworfenen Profite, Grundrenten u. s. w. Der Zuwachs der steuerpflichtigen Profite (Pächter und einige andre Rubriken nicht eingeschlossen) betrug für Großbritannien von 1853 bis 1864 50,47 % (oder 4,58 % im jährlichen Durchschnitt)94), der der Bevölkerung während derselben Periode ungefähr 12 %. Die Zunahme der besteuerbaren Renten von Land (Häuser, Eisenbahnen, Minen, Fischereien u. s. w. eingeschlossen) betrug von 1853 bis 1864 38 %, oder 3 % jährlich, woran folgende Rubriken den stärksten Antheil nahmen:
| Ueberschuß | Zunahme per | ||
| des jährlichen Einkommens | Jahr. | ||
| von 1864 über 1853. | |||
| Von Häusern: | 38,60 % | 3,50 % | |
| ” Steinbrüchen: | 84,76 % | 7,70 % | |
| ” Minen: | 68,85 % | 6,26 % | |
| ” Eisenhütten: | 39,92 % | 3,63 % | |
| ” Fischereien: | 57,37 % | 5,21 % | |
| ” Gaswerken: | 126,02 % | 11,45 % | |
| ” Eisenbahnen: | 83,29 % | 7,57 % | 95).| |
|615| Vergleicht man je vier Jahre der Periode von 1853–1864, so wächst der Zunahmegrad der Einkommen fortwährend. Er ist z. B. für die aus Profit stammenden von 1853–1857 jährlich 1,73 %, 1857–1861 jährlich 2,74 %, und 9,30 % jährlich für 1861–1864. Die Gesammtsumme der der Einkommensteuer unterworfenen Einkommen des Vereinigten Königreichs betrug 1856: 307068898 Pfd. St., 1859: 328127416 Pfd. St., 1862: 351745241 Pfd. St., 1863: 359142897 Pfd. St., 1864: 362462279 Pfd. St., 1865: 385530020 Pfd. St.96).
Die Akkumulation des Kapitals war zugleich von seiner Koncentration und Centralisation begleitet. Obgleich keine officielle Agrikulturstatistik für England (wohl aber für Irland) existirte, ward sie von 10 Grafschaften freiwillig geliefert. Sie ergab hier das Resultat, daß von 1851 bis 1861 die Pachten unter 100 Acres von 31583 auf 26567 vermindert, also 5016 mit größeren Pachten zusammengeschlagen waren97). Von 1815 bis 1825 fiel kein Mobiliarvermögen über 1 Million Pfd. St. unter die Erbschaftssteuer, von 1825 bis 1855 dagegen 8, von 1855 bis Juni 1859, d. h. in 4½ Jahren, 498). Die Centralisation wird man jedoch am besten ersehn aus einer kurzen Analyse der Einkommensteuer für Rubrik D (Profite mit Ausschluß von Pächtern u. s. w.) in den Jahren 1864 und 1865. Ich bemerke vorher, daß Einkommen aus dieser Quelle bis zu 60 Pfd. St. hinab Income Tax zahlen. Diese steuerpflichtigen Einkommen betrugen in England, Wales und Schottland 1864: 95844222 Pfd. St. und 1865: 105435787 Pfd. St.99), die Zahl der Besteuerten 1864: 308416 Personen auf eine Gesammtbevölkerung von 23891009, 1865: 332431 Personen auf ||616| Gesammtbevölkerung von 24127003. Ueber die Vertheilung dieser Einkommen in beiden Jahren folgende Tabelle:
| Jahr, endend 5. April 1864. | Jahr, endend 5. April 1865. | |||||
| Einkommen von Profit | Personen | Einkommen von Profit | Personen | |||
| Gesammteinkommen: | Pfd. St. | 95 844 222 | 308 416 | Pfd. St. | 105 435 787 | 332 421 |
| Davon: | Pfd. St. | 57 028 290 | 22 334 | Pfd. St. | 64 554 197 | 24 075 |
| Davon: | Pfd. St. | 36 415 225 | 3 619 | Pfd. St. | 42 535 576 | 4 021 |
| Davon: | Pfd. St. | 22 809 781 | 822 | Pfd. St. | 27 555 313 | 973 |
| Davon: | Pfd. St. | 8 744 762 | 91 | Pfd. St. | 11 077 238 | 107 |
Es wurden im Vereinigten Königreich 1855 producirt 61453079 Tonnen Kohlen zum Werth von 16113267 Pfd. St., 1864: 92787873 Tonnen zum Werth von 23197968 Pfd. St., 1855: 3218154 Tonnen Roheisen zum Werth von 8045385 Pfd. St., 1864: 4767951 Tonnen zum Werth von 11919877 Pfd. St. 1854 betrug die Länge der im Vereinigten Königreich im Betrieb befindlichen Eisenbahnen 8054 Meilen, mit eingezahltem Kapital von 286068794 Pfd. St., 1864 die Meilenlänge 12789 mit aufgezahltem Kapital von 425719613 Pfd. St. 1854 betrug Gesammtexport und Import des Vereinigten Königreichs 268210145 Pfd. St., 1865: 489993285. Folgende Tabelle zeigt die Bewegung des Exports:
| 1847 | 58 842 377 | Pfd. | St. |
| 1849 | 63 596 025 | ” | ” |
| 1856 | 115 826 948 | ” | ” |
| 1860 | 135 842 817 | ” | ” |
| 1865 | 165 862 402 | ” | ” |
| 1866 | 188 917 356 | ” | ”100) |
Man begreift nach diesen wenigen Angaben den Triumphschrei des Generalregistrators des brit. Volks: „Rasch wie die Bevölkerung anwuchs, hat sie nicht Schritt gehalten mit dem Fortschritt der Industrie und des Reichthums“101). Wenden wir uns jetzt zu den unmittelbaren Agenten dieser Industrie oder den Producenten dieses Reichthums, zur Arbeiterklasse. „Es ist einer der melancholischsten Charakterzüge im sozialen Zustand des Landes“, sagt Gladstone, ||617| „daß mit einer Abnahme in der Konsumtionsmacht des Volks und einer Zunahme in den Entbehrungen und dem Elend der arbeitenden Klasse, gleichzeitig eine beständige Akkumulation von Reichthum in den höhern Klassen und ein beständiger Anwachs von Kapital stattfinden“102). So sprach dieser salbungsvolle Minister im Hause der Gemeinen am 13. Februar 1843. Am 16. April 1863, zwanzig Jahre später, in der Rede, worin er sein Budget vorlegt: „Von 1842 bis 1852 wuchs das besteuerbare Einkommen dieses Landes um 6 % ... In den 8 Jahren von 1853 bis 1861 wuchs es, wenn wir von der Basis von 1853 ausgehn, um 20 %. Die Thatsache ist so erstaunlich, daß sie beinahe unglaublich ist ... Diese berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht ... ist ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt, aber ... aber, sie muß von indirektem Vortheil für die Arbeiterbevölkerung sein, weil sie die Artikel der allgemeinen Konsumtion verwohlfeilert – während die Reichen reicher, sind die Armen jedenfalls weniger arm geworden. Daß die Extreme der Armuth sich vermindert haben, wage ich nicht zu sagen“103). Welch lahmer Antiklimax! Wenn die Arbeiterklasse „arm“ geblieben ist, nur „weniger arm“ im Verhältniß, worin sie eine „berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht“ für die Klasse des Eigenthums producirte, so ist sie relativ gleich arm geblieben. Wenn die Extreme der Armuth sich nicht vermindert haben, haben sie sich vermehrt, weil die Extreme des Reichthums. Was die Verwohlfeilerung der Lebensmittel betrifft, so zeigt die officielle Statistik, z. B. die Angaben des London Orphan Asylum, eine Vertheurung von 20 % für den Durchschnitt der drei Jahre von 1860 ||618| bis 1862, verglichen mit 1851–1853. In den folgenden 3 Jahren 1863–1865 progressive Vertheurung von Fleisch, Butter, Milch, Zucker, Salz, Kohlen und einer Masse andrer nothwendiger Lebensmittel104). Gladstone’s folgende Budgetrede, vom 7. April 1864, ist ein pindarischer Dithyrambus auf den Fortschritt der Plusmacherei und das durch „Armuth“ gemäßigte Glück des Volks. Er spricht von Massen „am Rand des Pauperismus“, von den Geschäftszweigen, „worin der Lohn nicht gestiegen“, und faßt schließlich das Glück der Arbeiterklasse zusammen in den Worten: „das menschliche Leben ist in neun Fällen von zehn ein bloßer Kampf um die Existenz“105). Professor Fawcett, nicht wie Gladstone durch officielle Rücksicht gebunden, erklärt rund heraus: „Ich läugne natürlich nicht, daß der Geldlohn mit dieser Vermehrung des Kapitals ❲in den letzten Decennien❳ gestiegen ist, aber dieser scheinbare Vortheil geht in großem Umfang wieder verloren, weil viele Lebensbedürfnisse beständig theurer werden ❲er glaubt, wegen Werthfall der edlen Metalle❳ ... Die Reichen werden rasch reicher (the rich grow rapidly richer), während keine Zunahme im Komfort der arbeitenden Klassen wahrnehmbar ist ... Die Arbeiter werden fast Sklaven der Krämer, deren Schuldner sie sind“106).
In den Abschnitten über den Arbeitstag und die Maschinerie enthüllten sich die Umstände, unter welchen die britische Arbeiterklasse eine „berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht“ für die besitzenden Klassen schuf. Jedoch beschäftigte uns damals ||619| vorzugsweise der Arbeiter während seiner gesellschaftlichen Funktion. Zur vollen Beleuchtung der Gesetze der Akkumulation ist auch seine Lage außerhalb der Werkstatt ins Auge zu fassen, sein Nahrungs- und Wohnungszustand. Die Grenze dieses Buchs gebietet uns hier vor Allem den schlechtest bezahlten Theil des industriellen Proletariats und der Ackerbauarbeiter zu berücksichtigen, d. h. die Majorität der Arbeiterklasse.
Vorher noch ein Wort über den officiellen Pauperismus oder den Theil der Arbeiterklasse, der seine Existenzbedingung, Verkauf der Arbeitskraft, eingebüßt hat und von öffentlichen Almosen vegetirt. Die officielle Pauperliste zählte in England107) 1855: 851369 Personen, 1856: 877767, 1865: 971433. In Folge der Baumwollnoth schwoll sie in den Jahren 1863 und 1864 zu 1079382 und 1014978. Die Krise von 1866, die London am schwersten traf, schuf in diesem Sitz des Weltmarkts, einwohnerreicher als das Königreich Schottland, für 1866 einen Pauperzuwachs von 19,5 %, verglichen mit 1865, und von 24,4 %, verglichen mit 1864, einen noch größren Zuwachs für die ersten Monate von 1867, verglichen mit 1866. Bei Analyse der Pauperstatistik sind zwei Punkte hervorzuheben. Einerseits spiegelt die Bewegung im Ab und Zu der Paupermasse die periodischen Wechselfälle des industriellen Cyklus wieder. Andrerseits trügt die officielle Statistik mehr und mehr über den wirklichen Umfang des Pauperismus im Grad, worin mit der Akkumulation des Kapitals der Klassenkampf und daher das Selbstgefühl der Arbeiter sich entwickeln. Z. B. die Barbarei in der Behandlung der Paupers, worüber die englische Presse (Times, Pall Mall Gazette etc.) während der letzten zwei Jahre so laut schrie, ist alten Datums. F. Engels konstatirt 1844 ganz dieselben Greuel und ganz dasselbe vorübergehende, scheinheilige zur „Sensationsliteratur“ gehörige Gezeter. Aber die furchtbare Zunahme des Hungertods („deaths by starvation“) in London, während des letzten Decenniums, beweist unbedingt den zunehmenden Abscheu der Arbeiter vor der Sklaverei des Workhouse,108) dieser Strafanstalt des Elends. |
|620| b) Die schlechtbezahlten Schichten der britischen industriellen Arbeiterklasse.
Wenden wir uns jetzt zu den schlechtbezahlten Schichten der industriellen Arbeiterklasse. Während der Baumwollnoth, 1862, wurde Dr. Smith von Privy Council mit einer Untersuchung über den Nahrungsstand der verkümmerten Baumwollarbeiter in Lancashire und Cheshire beauftragt. Langjährige frühere Beobachtung hatte ihn zum Resultat geführt, daß „um Hungerkrankheiten (starvation diseases) zu vermeiden“, die tägliche Nahrung eines Durchschnitts-Frauenzimmers mindestens 3900 Gran Kohlenstoff mit 180 Gran Stickstoff enthalten müsse, die tägliche Nahrung eines Durchschnitts-Mannes mindestens 4300 Gran Kohlenstoff mit 200 Gran Stickstoff, für die Frauenzimmer ungefähr so viel Nahrungsstoff als in zwei Pfund gutem Weizenbrod enthalten ist, für Männer mehr, für den Wochendurchschnitt von weiblichen und männlichen Erwachsnen mindestens 28600 Gran Kohlenstoff und 1330 Gran Stickstoff. Seine Berechnung ward praktisch in überraschender Weise bestätigt durch ihre Uebereinstimmung mit der kümmerlichen Nahrungsmenge, worauf der Nothstand die Konsumtion der Baumwollarbeiter herabgedrückt hatte. Sie erhielten im December 1862: 29211 Gran Kohlenstoff und 1295 Gran Stickstoff wöchentlich.
Im Jahre 1863 verordnete der Privy Council eine Untersuchung über den Nothstand des schlechtestgenährten Theils der englischen Arbeiterklasse. Dr. Simon, der ärztliche Beamte des Privy Council, erkor zu dieser Arbeit den obenerwähnten Dr. Smith. Seine Untersuchung erstreckt sich auf die Agrikulturarbeiter einerseits, andrerseits auf Seidenweber, Nähterinnen, Lederhandschuhmacher, Strumpfwirker, Handschuhweber und Schuster. Die letzteren Kategorien sind, mit Ausnahme der Strumpfwirker, ausschließlich städtisch. Es wurde zur Regel der Untersuchung gemacht, die gesundesten und relativ bestgestellten Familien in jeder Kategorie auszuwählen.
Als allgemeines Resultat ergab sich, daß „nur in einer der untersuchten Klassen der städtischen Arbeiter die Zufuhr von Stickstoff das absolute Minimalmaß, unter welchem Hungerkrankheiten eintreten, ein wenig überschritt, daß in zwei Klassen Mangel, und zwar in der einen sehr großer Mangel, an der Zufuhr von sowohl stickstoff- wie kohlenstoffhaltiger Nahrung stattfand, daß von den untersuchten Ackerbaufamilien mehr als ein Fünftheil weniger als die unentbehrliche Zufuhr von kohlenstoffhaltiger Nahrung erhielt, mehr als ⅓ weniger als die unentbehrliche Zufuhr stickstoffhaltiger ||621| Nahrung, und daß in drei Grafschaften (Berkshire, Oxfordshire und Somersetshire) Mangel an dem Minimum der stickstoffhaltigen Nahrung durchschnittlich herrschte“109). Unter den Agrikulturarbeitern waren die von England, dem reichsten Theile des Vereinigten Königreichs, die schlechtest genährten110). Die Unternahrung fiel unter den Landarbeitern überhaupt hauptsächlich auf Frau und Kinder, denn „der Mann muß essen, um sein Werk zu verrichten“. Noch größerer Mangel wüthete unter den untersuchten städtischen Arbeiterkategorien. „Sie sind so schlecht genährt, daß viele Fälle grausamer und gesundheitsruinirender Entbehrung ❲„Entsagung“ des Kapitalisten alles dieß! nämlich Entsagung auf Zahlung der zur bloßen Vegetation seiner Hände unentbehrlichen Lebensmittel!❳ vorkommen müssen“111).
Folgende Tabelle zeigt das Verhältniß des Nahrungsstandes der oben erwähnten rein städtischen Arbeiterkategorien zu dem von Dr. Smith angenommenen Minimalmaß und zum Nahrungsmaß der Baumwollarbeiter während der Zeit ihrer größten Noth:
| Beide Geschlechter. | Wochendurchschnitt | Wochendurchschnitt |
| an Kohlenstoff. | an Stickstoff. | |
| Fünf städtische Geschäftszweige | 28 876 Gran | 1 192 Gran |
| Arbeitslose Lancashire Fabrikarbeiter | 29 211 Gran | 1 295 Gran |
| Minimalquantum, vorgeschlagen für die | ||
| Lancashire Arbeiter auf gleiche Zahl | ||
| männlicher und weiblicher | 28 600 Gran | 1 330 Gran112) |
Eine Hälfte, , der untersuchten industriellen Arbeiterkategorien erhielt absolut kein Bier, 28 % keine Milch. Der Wochendurchschnitt der flüssigen Nahrungsmittel in den Familien schwankte von 7 Unzen bei den Nähterinnen auf 24¾ Unzen bei Strumpfwirkern. Die Mehrzahl derer, die keine Milch erhielten, bestand aus den Nähterinnen von London. Die Quantität der wöchentlich konsumirten Brodstoffe wechselte von 7¾ Pfund bei den Nähterinnen zu 11¼ Pfund bei den Schustern und ergab einen Totaldurchschnitt von 9,9 Pfund wöchentlich auf den Erwachsnen. Zucker (Syrup etc.) wechselte von 4 Unzen wöchentlich für die Lederhandschuhmacher auf 11 Unzen für Strumpfwirker; der Totaldurchschnitt per Woche für alle Kategorien, per Erwachsnen, 8 Unzen. Gesammter Wochendurchschnitt von Butter (Fett u. s. w.) ||622| 5 Unzen per Erwachsnen. Der Wochendurchschnitt von Fleisch (Speck u. s. w.) schwankte, per Erwachsnen, von 7¼ Unzen bei den Seidenwebern auf 18¼ Unzen bei den Lederhandschuhmachern; Gesammtdurchschnitt für die verschiednen Kategorien 13.6 Unzen. Die wöchentliche Kost für Nahrung per Erwachsnen ergab folgende allgemeine Durchschnittszahlen: Seidenweber 2 sh. 2½ d., Nähterinnen 2 sh. 7 d., Lederhandschuhmacher 2 sh. 9½ d., Schuster 2 sh. 7¾ d., Strumpfwirker 2 sh. 6¼ d. Für die Seidenweber von Macclesfield betrug der Wochendurchschnitt nur 1 sh. 8½ d. Die schlechtestgenährten Kategorien waren die Nähterinnen, die Seidenweber und die Lederhandschuhmacher113).
Dr. Simon sagt in seinem allgemeinen Gesundheitsbericht über diesen Nahrungszustand: „Daß die Fälle zahllos sind, worin Nahrungsmangel Krankheiten erzeugt oder verschärft, wird Jeder bestätigen, der mit medicinischer Armenpraxis oder mit den Patienten der Spitäler, seien sie Insassen oder außerhalb wohnend, vertraut ist ... Jedoch kommt hier vom sanitären Standpunkt noch ein andrer, sehr entscheidender Umstand hinzu ... Man muß sich erinnern, daß Beraubung an Nahrungsmitteln nur sehr widerstrebend ertragen wird, und daß in der Regel große Dürftigkeit der Diät nur im Gefolge andrer, vorhergegangner Entbehrungen nachhinkt. Lange bevor der Nahrungsmangel hygienisch ins Gewicht fällt, lange bevor der Physiolog daran denkt, die Grane Stickstoff und Kohlenstoff zu zählen, zwischen denen Leben und Hungertod schwebt, wird der Haushalt von allem materiellen Komfort ganz und gar entblößt sein. Kleidung und Heizung werden noch dürftiger gewesen sein als die Speise. Kein hinreichender Schutz wider die Härte des Wetters; Abknappung des Wohnraums zu einem Grad, der Krankheiten erzeugt oder verschärft; kaum eine Spur von Hausgeräth oder Möbeln; die Reinlichkeit selbst wird kostspielig oder schwierig geworden sein. Werden noch aus Selbstachtung Versuche gemacht, sie aufrecht zu erhalten, so repräsentirt jeder solcher Versuch zuschüssige Hungerpein. Die Häuslichkeit wird dort sein, wo Obdach am wohlfeilsten kaufbar; in Quartieren, wo die Gesundheitspolizei die geringste Frucht trägt, das jämmerlichste Gerinne, wenigster Verkehr, der meiste öffentliche Unrath, kümmerlichste oder schlechteste Wasserzufuhr, und, in Städten, größter Mangel an Licht und Luft. Dieß sind die Gesundheitsgefahren, denen die Armuth unvermeidlich ausgesetzt ||623| ist, wenn diese Armuth Nahrungsmangel einschließt. Wenn die Summe dieser Uebel von furchtbarer Größe für das Leben ist, so ist der bloße Nahrungsmangel an sich selbst entsetzlich ... Dieß sind qualvolle Gedanken, namentlich wenn man sich erinnert, daß die Armuth, wovon es sich handelt, nicht die selbstverschuldete Armuth des Müßiggangs ist. Es ist die Armuth von Arbeitern. Ja, mit Bezug auf die städtischen Arbeiter, ist die Arbeit, wodurch der knappe Bissen Nahrung erkauft wird, meist über alles Maß verlängert. Und dennoch kann man nur in sehr bedingtem Sinn sagen, daß diese Arbeit selbsterhaltend ist .... Auf sehr großem Maßstab kann der nominelle Selbsterhalt nur ein kürzerer oder längerer Umweg zum Pauperismus sein“114).
Der innere Zusammenhang zwischen Hungerpein der fleißigsten Arbeiterschichten und auf kapitalistischer Akkumulation begründetem, grobem oder raffinirtem Verschwendungskonsum der Reichen, enthüllt sich nur mit Kenntniß der ökonomischen Gesetze. Anders mit dem Wohnungszustand. Jeder unbefangne Beobachter sieht, daß je massenhafter die Centralisation der Produktionsmittel, desto größer die entsprechende Anhäufung von Arbeitern auf demselben Raum, daß daher, je rascher die kapitalistische Akkumulation, desto elender der Wohnungszustand der Arbeiter. Die den Fortschritt des Reichthums begleitende „Verbesserung“ (improvements) der Städte durch Niederreißen schlecht gebauter Viertel, Errichtung von Palästen für Banken, Waarenhäuser u. s. w., Streckung der Straßen für Geschäftsverkehr und Luxuskarossen, Einführung von Pferdebahnen u. s. w. verjagt augenscheinlich die Armen in stets schlechtere und dichter gefüllte Schlupfwinkel. Andrerseits weiß jeder, daß die Theuerkeit der Wohnungen im umgekehrten Verhältniß zu ihrer Güte steht und daß die Minen des Elends von Häuserspekulanten mit mehr Profit und weniger Kosten ausgebeutet werden als jemals die Minen von Potosi. Der antagonistische Charakter der kapitalistischen Akkumulation und daher der kapitalistischen Eigenthumsverhältnisse überhaupt115) wird hier so handgreifbar, daß selbst die officiellen englischen Berichte über diesen Gegenstand wimmeln von heterodoxen Ausfällen auf das „Eigenthum und seine Rechte“. Das ||624| Uebel hielt solchen Schritt mit der Entwicklung der Industrie, der Akkumulation des Kapitals, dem Wachsthum und der „Verschönerung“ der Städte, daß die bloße Furcht vor ansteckenden Krankheiten, welche auch der „Ehrbarkeit“ nicht schonen, von 1847 bis 1864 nicht weniger als 10 gesundheitspolizeiliche Parlamentsakte ins Leben rief, und die erschreckte Bürgerschaft in einigen Städten wie Liverpool, Glasgow u. s. w. durch ihre Municipalitäten eingriff. Denoch, ruft Dr. Simon in seinem Bericht von 1865: „Allgemein zu sprechen, sind die Uebelstände in England unkontrolirt.“ Auf Befehl des Privy Council fand 1864 Untersuchung über die Wohnungsverhältnisse der Landarbeiter, 1865 über die der ärmeren Klassen in den Städten statt. Die meisterhaften Arbeiten des Dr. Julian Hunter findet man im siebenten und achten Bericht über „Public Health“. Auf die Landarbeiter komme ich später. Für den städtischen Wohnungszustand schicke ich eine allgemeine Bemerkung des Dr. Simon voraus: „Obgleich mein officieller Gesichtspunkt“, sagt er, „ausschließlich ärztlich ist, erlaubt die gewöhnlichste Humanität nicht die andre Seite dieses Uebels zu ignoriren. In seinem höheren Grad bedingt es fast nothwendig eine solche Verläugnung aller Delikatesse, so schmutzige Konfusion von Körpern und körperlichen Verrichtungen, solche Bloßstellung geschlechtlicher Nacktheit, die bestial, nicht menschlich sind. Diesen Einflüssen unterworfen zu sein ist eine Erniedrigung, die sich vertieft, je länger sie fortwirkt. Für die Kinder, die unter diesem Fluch geboren sind, ist er Taufe in Infamie (baptism into infamy). Und über alles Maß hoffnungslos ist der Wunsch, daß unter solche Umstände gestellte Personen in andren Hinsichten nach jener Atmosphäre der Civilisation aufstreben sollten, deren Wesen in physischer und moralischer Reinheit besteht“116).
Den ersten Rang in überfüllten oder auch für menschliche Behausung absolut unmöglichen Wohnlichkeiten nimmt London ein. „Zwei Punkte“, sagt Dr. Hunter, „sind sicher; erstens gibt es ungefähr 20 große Kolonien in London, jede ungefähr 10000 Personen stark, deren elende Lage alles übersteigt, was jemals anderswo in England gesehen worden ist, und sie ist fast ganz das Resultat ihrer schlechten Hausakkommodation; zweitens, der überfüllte und verfallne Zustand der Häuser dieser Kolonien ist viel schlechter als 20 Jahre zuvor“117). „Es ist nicht zu viel zu sagen, ||625| daß das Leben in vielen Theilen von London und Newcastle höllisch ist“118).
Auch der besser gestellte Theil der Arbeiterklasse, zusammt Kleinkrämern und andren Elementen der kleinen Mittelklasse, fällt in London mehr und mehr unter den Fluch dieser nichtswürdigen Behausungsverhältnisse, im Maße, wie die „Verbesserungen“ und mit ihnen die Niederreißung alter Straßen und Häuser fortschreiten, wie Fabriken und Menschenzustrom in der Metropole wachsen, endlich die Hausmiethen mit der städtischen Grundrente steigen. „Die Hausmiethen sind so übermäßig geworden, daß wenige Arbeiter mehr als ein Zimmer zahlen können“119). Es giebt fast kein Londoner Hauseigenthum, das nicht mit einer Unzahl von „middlemen“ belastet wäre. Der Preis des Bodens in London steht nämlich stets sehr hoch im Vergleich zu seinen jährlichen Einkünften, indem jeder Käufer darauf spekulirt, ihn früher oder später zu einem Jury Price (durch Geschworene festgesetzte Taxe bei Expropriationen) wieder loszuschlagen oder durch Nähe irgend eines großen Unternehmens außerordentliche Wertherhöhung zu erschwindeln. Folge davon ist ein regelmäßiger Handel im Ankauf von Miethkontrakten, die ihrem Verfall nahen. „Von den Gentlemen in diesem Geschäft kann man erwarten, daß sie handeln, wie sie handeln, so viel wie möglich aus den Hausbewohnern herausschlagen und das Haus selbst in so elendem Zustand wie möglich ihren Nachfolgern überlassen“120). Die Miethen sind wöchentlich, und die Herren laufen kein Risico. In Folge der Eisenbahnbauten innerhalb der Stadt „sah man kürzlich im Osten Londons eine Anzahl aus ihren alten Wohnungen verjagter Familien umherwandern eines Samstags Abends mit ihren wenigen weltlichen Habseligkeiten auf dem Rücken, ohne irgend einen Haltplatz außer dem Workhouse“121). Die Workhouses sind bereits überfüllt und die vom Parlament bereits bewilligten „Verbesserungen“ sind erst im Beginn ihrer | |626| Ausführung. Werden die Arbeiter verjagt durch Zerstörung ihrer alten Häuser, so verlassen sie nicht ihr Kirchspiel, oder siedeln sich höchstens an seiner Grenze, im nächsten fest. „Sie suchen natürlich möglichst in der Nähe ihrer Arbeitslokale zu hausen. Folge, daß an der Stelle von zwei Zimmern, eins die Familie aufnehmen muß. Selbst zu erhöhter Miethe wird die Wohnlichkeit schlechter als die schlechte, woraus man sie verjagt. Die Hälfte der Arbeiter im Strand braucht bereits zwei Meilen Reise zum Arbeitslokal.“ Dieser Strand, dessen Hauptstraße auf den Fremden einen imposanten Eindruck vom Reichthum Londons macht, kann als Beispiel der Londoner Menschenverpackung dienen. In einer Pfarrei desselben zählte der Gesundheitsbeamte 581 Personen auf den Acre, obgleich die Hälfte der Themse mit eingemessen war. Es versteht sich von selbst, daß jede gesundheitspolizeiliche Maßregel, die, wie das bisher in London der Fall, durch Niederschleifen untauglicher Häuser die Arbeiter aus einem Viertel verjagt, nur dazu dient, sie in ein andres desto dichter zusammen zu drängen. „Entweder“, sagt Dr. Hunter, „muß die ganze Procedur als eine Abgeschmacktheit nothwendig zum Stillstand kommen, oder die öffentliche Sympathie (!) muß erwachen für das, was man jetzt ohne Uebertreibung eine nationale Pflicht nennen kann, nämlich Obdach für Leute zu verschaffen, welche aus Mangel an Kapital sich selbst keins verschaffen, wohl aber durch periodische Zahlung die Vermiether entschädigen können“122). Man bewundre die kapitalistische Justiz! Der Grundeigenthümer, Hauseigner, Geschäftsmann, wenn expropriirt durch „improvements“, wie Eisenbahnen, Neubau der Straßen u. s. w., erhält nicht nur volle Entschädigung. Er muß für seine erzwungne „Entsagung“ von Gott und Rechts wegen noch obendrein durch einen erklecklichen Profit getröstet werden. Der Arbeiter wird mit Frau und Kind und Habe aufs Pflaster geworfen und – wenn er zu massenhaft nach Stadtvierteln drängt, wo die Municipalität auf Anstand hält, gesundheitspolizeilich verfolgt!
Außer London gab es Anfang des 19. Jahrhunderts keine einzige Stadt in England, die 100000 Einwohner zählte. Nur fünf zählten mehr als 50000. Jetzt existiren 28 Städte mit mehr als 50000 Einwohnern. „Das Resultat dieses Wechsels war nicht nur enormer Zuwachs der städtischen Bevölkerung, sondern die alten dichtgepackten kleinen Städte sind nun Centra, die von allen ||627| Seiten umbaut sind, nirgendwo mit freiem Luftzutritt. Da sie für die Reichen nicht länger angenehm sind, werden sie von ihnen für die amüsanteren Vorstädte verlassen. Die Nachfolger dieser Reichen beziehn die größeren Häuser, eine Familie, oft noch mit Untermiethern, für jedes Zimmer. So ward eine Bevölkerung gedrängt in Häuser, nicht für sie bestimmt, und wofür sie durchaus unpassend, mit einer Umgebung, die wahrhaft erniedrigend für die Erwachsnen und ruinirend für die Kinder ist“123). Je rascher das Kapital in einer industriellen oder kommerciellen Stadt akkumulirt, um so rascher der Zustrom des exploitablen Menschenmaterials, um so elender die improvisirten Wohnlichkeiten der Arbeiter. Newcastle-upon-Tyne, als Centrum eines fortwährend ergiebigeren Kohlen- und Bergbaudistrikts, behauptet daher nach London die zweite Stelle in dem Wohnungsinferno. Nicht minder als 34000 Menschen hausen dort in Einzelkammern. In Folge absoluter Gemeinschädlichkeit sind kürzlich in Newcastle und Gateshead Häuser in bedeutender Anzahl von Polizei wegen zerstört worden. Der Bau der neuen Häuser geht sehr langsam voran, das Geschäft sehr rasch. Die Stadt war daher 1865 überfüllter als je zuvor. Kaum eine einzelne Kammer war zu vermiethen. Dr. Embleton vom Newcastle Fieberhospital sagt: „Ohne allen Zweifel liegt die Ursache der Fortdauer und Verbreitung des Typhus in der Ueberhäufung menschlicher Wesen und der Unreinlichkeit ihrer Wohnungen. Die Häuser, worin die Arbeiter häufig leben, liegen in abgeschloßnen Winkelgassen und Höfen. Sie sind mit Bezug auf Licht, Luft, Raum und Reinlichkeit wahre Muster von Mangelhaftigkeit und Ungesundheit, eine Schmach für jedes civilisirte Land. Dort liegen Männer, Weiber und Kinder des Nachts zusammengehudelt. Was die Männer angeht, folgt die Nachtschicht der Tagesschicht in ununterbrochnem Strom, so daß die Betten kaum Zeit zur Abkühlung finden. Die Häuser sind schlecht mit Wasser versehn und schlechter mit Abtritten, unfläthig, unventilirt, pestilenzialisch“124). Der Wochenpreis solcher Löcher steigt von 8 d. zu 3 sh. „Newcastle-upon-Tyne“, sagt Dr. Hunter „bietet das Beispiel eines der schönsten Stämme unsrer Landsleute, der durch die äußern Umstände von Behausung und Straße oft in eine beinah wilde Entartung versunken ist“125).
In Folge des Hin- und Herwogens von Kapital und Arbeit ||628| mag der Wohnungszustand einer industriellen Stadt heute erträglich sein, morgen wird er abscheulich. Oder die städtische Aedilität mag endlich sich aufgerafft haben zur Beseitigung der ärgsten Mißstände. Morgen wandert ein Heuschreckenschwarm von verlumpten Irländern oder verkommenen englischen Agrikulturarbeitern ein. Man steckt sie weg in Keller und Speicher oder verwandelt das früher respektable Arbeiterhaus in ein Logis, worin das Personal so rasch wechselt wie die Einquartierung während des dreißigjährigen Kriegs. Beispiel: Bradford. Dort war der Municipalphilister eben mit Stadtreform beschäftigt. Zudem gab es daselbst 1861 noch 1751 unbewohnte Häuser. Aber nun das gute Geschäft, worüber der sanft liberale Herr Forster, der Negerfreund, jüngst so artig gekräht hat. Mit dem guten Geschäft natürlich Ueberfluthung durch die Wellen der stets wogenden „Reservearmee“ oder „relativen Uebervölkerung“. Die scheußlichen Kellerwohnungen und Kammern, registrirt in der Liste ❲Note126)❳, die Dr. Hunter vom Agenten einer Assekuranzgesellschaft erhielt, waren meist von gutbezahlten Arbeitern bewohnt. Sie erklärten, sie würden gern bessere Wohnungen zahlen, wenn sie zu haben wären. Unterdeß ||629| verlumpen und verkranken sie mit Mann und Maus, während der sanftliberale Forster, M. P., Thränen vergießt über die Segnungen des Freihandels und die Profite der eminenten Bradforder Köpfe, die in Worsted machen. Im Bericht vom 5. September 1865 erklärt Dr. Bell, einer der Armenärzte von Bradford, die furchtbare Sterblichkeit der Fieberkranken seines Bezirks aus ihren Wohnungsverhältnissen: „In einem Keller von 1500 Kubikfuß wohnen 10 Personen ... Die Vincentstraße, Green Air Place und the Leys bergen 223 Häuser mit 1450 Einwohnern, 435 Betten und 36 Abtritten ... Die Betten, und darunter verstehe ich jede Rolle von schmutzigen Lumpen oder Handvoll von Hobelspänen, halten jedes im Durchschnitt 3,3 Personen, manches 5 und 6 Personen. Viele schlafen ohne Bett auf nacktem Boden in ihren Kleidern, junge Männer und Weiber, verheirathet und unverheirathet, alles kunterbunt durch einander. Ist es nöthig hinzuzufügen, daß diese Hausungen meist dunkle, feuchte, schmutzige Stinkhöhlen sind, ganz und gar unpassend für menschliche Wohnung? Es sind die Centra, wovon Krankheit und Tod ausgehn und ihre Opfer auch unter den Gutgestellten (of good circumstances) packen, welche diesen Pestbeulen erlaubt haben in unsrer Mitte zu eitern“127).
Bristol behauptet den dritten Rang nach London im Wohnungselend. „Hier, in einer der reichsten Städte Europa’s, größter Ueberfluß an barster Armuth („blank poverty“) und häuslichem Elend“128).
c) Das Wandervolk.
Wir wenden uns nun zu einer Volksschicht, deren Ursprung ländlich, deren Beschäftigung großentheils industriell ist. Sie bildet die leichte Infanterie des Kapitals, die es je nach seinem Bedürfniß bald auf diesen Punkt wirft, bald auf jenen. Wenn nicht auf dem Marsch, „kampirt“ sie. Die Wanderarbeit wird verbraucht für verschiedne Bau- und Drainirungsoperationen, Backsteinmachen, Kalkbrennen, Eisenbahnbau u. s. w. Eine wandelnde Säule der Pestilenz importirt sie in die Orte, in deren Nachbarschaft sie ihr Lager aufschlägt, Pocken, Typhus, Cholera, Scharlachfieber u.s.w.129). In Unternehmen von bedeutender Kapitalauslage, wie Eisenbahnbau u. s. w., liefert meist der Unternehmer selbst seiner Armee Holzhütten oder dergl., improvisirte Dörfer ohne alle Gesundheitsvorkehrung, jenseits der Kontrole der Lokal||630|behörden, sehr profitlich für den Herrn Kontraktor, der die Arbeiter doppelt ausbeutet, als Industriesoldaten und als Miether. Je nachdem die Holzhütte 1, 2 oder 3 Löcher enthält, hat ihr Insasse, Erdarbeiter u.s.w., 2, 3, 4sh. wöchentlich zu zahlen130). Ein Beispiel genüge. Im September 1864, berichtet Dr. Simon, ging dem Minister des Innern, Sir George Grey, folgende Denunciation Seitens des Vorstehers des Nuisance Removal Committee der Pfarrei von Sevenoaks zu: „Pocken waren dieser Pfarrei ganz unbekannt bis etwa vor 12 Monaten. Kurz vor dieser Zeit wurden Arbeiten für eine Eisenbahn von Lewisham nach Tunbridge eröffnet. Außerdem daß die Hauptarbeiten in der unmittelbaren Nachbarschaft dieser Stadt ausgeführt wurden, ward hier auch das Hauptdepot des ganzen Werks errichtet. Große Personenzahl daher hier beschäftigt. Da es unmöglich war, sie alle in Cottages unterzubringen, ließ der Kontraktor, Herr Jay, längs der Linie der Bahn auf verschiednen Punkten Hütten aufschlagen zur Behausung der Arbeiter. Diese Hütten besaßen weder Ventilation noch Abzugsgerinne und waren außerdem nothwendig überfüllt, weil jeder Miether andre Logirer aufnehmen mußte, wie zahlreich immer seine eigne Familie, und obgleich jede Hütte nur zweizimmrig. Nach dem ärztlichen Bericht, den wir erhielten, war die Folge, daß diese armen Leute zur Nachtzeit alle Qualen der Erstickung zu erdulden hatten, zur Vermeidung der pestilenzialischen Dünste von dem schmutzigen stehenden Wasser und den Abtritten dicht unter den Fenstern. Endlich wurden unsrem Comité Klagen eingehändigt von einem Arzte, der Gelegenheit hatte diese Hütten zu besuchen. Er sprach über den Zustand dieser sog. Wohnlichkeiten in den bittersten Ausdrücken und befürchtete sehr ernsthafte Folgen, falls nicht einige Gesundheitsvorkehrungen getroffen würden. Ungefähr vor einem Jahr verpflichtete sich p. p. Jay ein Haus einzurichten, worin die von ihm beschäftigten Personen, beim Ausbruch ansteckender Krankheiten, sofort entfernt werden sollten. Er wiederholte dieß Versprechen Ende letzten Juli’s, that aber nie den geringsten Schritt zur Ausführung, obgleich seit diesem Datum verschiedne Fälle von Pocken und in Folge davon zwei Todesfälle vorkamen. Am 9. September berichtete mir Arzt Kelson weitere Pockenfälle in denselben Hütten und beschrieb ihren Zustand als entsetzlich. Zu Ihrer (des Ministers) Information muß ich hinzufügen, daß unsere Pfarrei ein isolirtes Haus besitzt, das sog. Pest-| |631|haus, wo die Pfarreigenossen, die von ansteckenden Krankheiten leiden, verpflegt werden. Dieß Haus ist jetzt seit Monaten fortwährend mit Patienten überfüllt. In einer Familie starben fünf Kinder an Pocken und Fieber. Vom 1. April bis 1. September dieses Jahres kamen nicht weniger als 10 Todesfälle an Pocken vor, 4 in den besagten Hütten, den Pestquellen. Es ist unmöglich, die Zahl der Krankheitsfälle anzugeben, da die heimgesuchten Familien sie so geheim als möglich halten“131).
Die Arbeiter in Kohlen- und anderen Bergwerken gehören zu den bestbezahlten Kategorien des britischen Proletariats. Zu welchem Preis sie ihren Lohn erkaufen, wurde an einer früheren Stelle gezeigt132). Ich werfe hier einen raschen Blick auf ihre Wohnlichkeitsverhältnisse. In der Regel errichtet der Exploiteur des Bergwerks, ob Eigenthümer oder Miether desselben, eine Anzahl Cottages für seine Hände. Sie erhalten Cottages und Kohlen zur Feuerung „umsonst“, d. h. letztre bilden einen in natura gelieferten Theil des Lohns. Die nicht in dieser Art Unterbringbaren erhalten zum Ersatz 4 Pfd. St. per Jahr. Die Bergwerksdistrikte ziehn rasch eine große Bevölkerung an, zusammengesetzt aus der Minenbevölkerung selbst und den Handwerkern, Krämern u. s. w., die sich um sie gruppiren. Wie überall, wo die Bevölkerung dicht, ist die Bodenrente hier hoch. Der Bergbauunternehmer sucht daher auf möglichst engem Bauplatz am Mund der Gruben so viel Cottages aufzuwerfen, als grade nöthig sind, um seine Hände und ihre Familien zusammenzupacken. Werden neue Gruben in der Nähe eröffnet oder alte wieder in Angriff genommen, so wächst das Gedränge. Bei der Konstruktion der Cottages waltet nur ein Gesichtspunkt, „Entsagung“ des Kapitalisten auf alle nicht absolut unvermeidliche Ausgabe von Baarem. „Die Wohnungen der Gruben- und andrer Arbeiter, die mit den Bergwerken von Northumberland ||632| und Durham verknüpft sind“, sagt Dr. Julian Hunter, „sind vielleicht im Durchschnitt das Schlechteste und Theuerste, was England auf großer Stufenleiter in dieser Art bietet, mit Ausnahme jedoch ähnlicher Distrikte in Monmouthshire. Die extreme Schlechtigkeit liegt in der hohen Menschenzahl, die ein Zimmer füllt, in der Enge des Bauplatzes, worauf eine große Häusermasse geworfen wird, im Wassermangel und Abwesenheit von Abtritten, in der häufig angewandten Methode, ein Haus über ein andres zu stellen oder sie in flats (so daß die verschiednen Cottages vertikal über einander liegende Stockwerke bilden) zu vertheilen ... Der Unternehmer behandelt die ganze Kolonie, als ob sie nur kampire, nicht residire“133). „In Ausführung meiner Instruktionen“, sagt Dr. Stevens, „habe ich die meisten großen Bergwerksdörfer der Durham Union besucht ... Mit sehr wenigen Ausnahmen gilt von allen, daß jedes Mittel zur Sicherung der Gesundheit der Einwohner vernachlässigt wird... Alle Grubenarbeiter sind an den Pächter („lessee“) oder Eigenthümer des Bergwerks für 12 Monate gebunden („bound“, Ausdruck, der wie bondage aus der Zeit der Leibeigenschaft stammt). Wenn sie ihrer Unzufriedenheit Luft machen oder in irgend einer Art den Aufseher („viewer“) belästigen, so setzt er eine Marke oder ein Memorandum hinter ihre Namen im Aufsichtsbuch und entläßt sie bei der jährlichen Neu-Bindung ... Es scheint mir, daß kein Theil des Trucksystems schlechter sein kann als das in diesen dichtbevölkerten Distrikten herrschende. Der Arbeiter ist gezwungen, als Theil seines Lohns ein mit pestilenzialischen Einflüssen umgebnes Haus zu empfangen. Er kann sich nicht selbst helfen. Er ist in jeder Rücksicht ein Leibeigner (he is to all intents and purposes a serf). Es scheint fraglich, ob jemand sonst ihm helfen kann außer seinem Eigenthümer, und dieser Eigenthümer zieht vor allem sein Bilanzkonto zu Rath, und das Resultat ist ziemlich unfehlbar. Der Arbeiter erhält von dem Eigenthümer auch seine Zufuhr an Wasser. Es sei gut oder schlecht, es werde geliefert oder zurückgehalten, er muß dafür zahlen oder sich vielmehr einen Lohnabzug gefallen lassen“134).
Im Konflikt mit der „öffentlichen Meinung“ oder auch der Gesundheitspolizei genirt sich das Kapital durchaus nicht, die theils gefährlichen, theils entwürdigenden Bedingungen, worin es Funktion und Häuslichkeit des Arbeiters bannt, damit zu „rechtfertigen“, das sei ||633| nöthig, um ihn profitlicher auszubeuten. So, wenn es entsagt auf Vorrichtungen zum Schutz gegen gefährliche Maschinerie in der Fabrik, auf Ventilations- und Sicherheitsmittel in den Minen u.s.w. So hier mit der Behausung der Minenarbeiter. „Als Entschuldigung“, sagt Dr. Simon, der ärztliche Beamte des Privy Council, in seinem officiellen Bericht, „als Entschuldigung für die nichtswürdige Hauseinrichtung wird angeführt, daß Minen gewöhnlich pachtweise exploitirt werden, daß die Dauer des Pachtkontrakts (in Kohlenwerken meist 21 Jahre) zu kurz ist, damit der Minenpächter es der Mühe werth halte, gute Hauseinrichtung für das Arbeitsvolk und die Gewerbsleute u. s. w. zu liefern, welche die Unternehmung anzieht; hätte er selbst die Absicht, nach dieser Seite hin liberal zu verfahren, so würde sie vereitelt werden durch den Grundeigenthümer. Der habe nämlich die Tendenz, sofort exorbitante Zuschußrente zu verlangen für das Privilegium, ein anständiges und komfortables Dorf auf der Grundoberfläche zu errichten zur Behausung der Bearbeiter des unterirdischen Eigenthums. Dieser prohibitorische Preis, wenn nicht direkte Prohibition, schrecke ebenfalls andre ab, welche sonst wohl bauen möchten ... Ich will den Werth dieser Entschuldigung nicht weiter untersuchen, auch nicht, auf wen denn in letzter Hand die zuschüssige Ausgabe für anständige Wohnlichkeit fallen würde, auf den Grundherrn, den Minenpächter, die Arbeiter oder das Publikum ... Aber Angesichts solcher schmählichen Thatsachen, wie die beigefügten Berichte ❲des Dr. Hunter, Stevens u.s.w.❳ sie enthüllen, muß ein Heilmittel angewandt werden ... Grundeigenthumstitel werden so benutzt, um ein großes öffentliches Unrecht zu begehn. In seiner Eigenschaft als Mineneigner ladet der Grundherr eine industrielle Kolonie zur Arbeit auf seiner Domaine ein, und macht dann, in seiner Eigenschaft als Eigenthümer der Grundoberfläche, den von ihm versammelten Arbeitern unmöglich, die zu ihrem Leben unentbehrliche, geeignete Wohnlichkeit zu finden. Der Minenpächter ❲der kapitalistische Exploiteur❳ hat kein Geldinteresse, dieser Theilung des Handels zu widerstehn, da er wohl weiß, daß wenn die letztern Ansprüche exorbitant sind, die Folgen nicht auf ihn fallen, daß die Arbeiter, auf die sie fallen, zu unerzogen sind, um ihre Gesundheitsrechte zu kennen, und daß weder obscönste Wohnlichkeit noch faulstes Trinkwasser jemals Anlaß zu einem Strike liefern“135). |
|634| d) Wirkung der Krisen auf den bestbezahlten Theil der Arbeiterklasse.
Bevor ich zu den eigentlichen Agrikulturarbeitern übergehe, soll an einem Beispiel noch gezeigt werden, wie die Krisen selbst auf den bestbezahlten Theil der Arbeiterklasse, auf ihre Aristokratie, wirken. Man erinnert sich:
das Jahr 1857 brachte eine der großen Krisen, womit der industrielle Cyklus jedesmal abschließt. Der nächste Termin wurde 1866 fällig. Bereits diskontirt in den eigentlichen Fabrikdistrikten durch die Baumwollnoth, welche viel Kapital aus der gewohnten Anlagesphäre zu den großen Centralsitzen des Geldmarkts jagte, nahm die Krise dießmal einen vorwiegend finanziellen Charakter an. Ihr Ausbruch im Mai 1866 wurde signalisirt durch den Fall einer Londoner Riesenbank, dem der Zusammensturz zahlloser finanzieller Schwindelgesellschaften auf dem Fuß nachfolgte. Einer der großen Londoner Geschäftszweige, welche die Katastrophe traf, war der eiserne Schiffsbau. Die Magnaten dieses Geschäfts hatten während der Schwindelzeit nicht nur maßlos überproducirt, sondern zudem enorme Lieferungskontrakte übernommen, auf die Spekulation hin, daß die Kreditquelle gleich reichlich fort fließen werde. Jetzt trat eine furchtbare Reaktion ein, die auch in andren Londoner Industrien136) bis zur Stunde, Ende März 1867, fortdauert. Zur Charakteristik der Lage der Arbeiter folgende Stelle aus dem ausführlichen Bericht eines Korrespondenten des Morning Star, welcher Anfang 1867 die Hauptsitze des Leidens besuchte. „Im Osten von London, den Distrikten von Poplar, Millwall, Greenwich, Deptford, Limehouse und Canning Town befinden sich mindestens 15000 Arbeiter sammt Familien in einem Zustand äußerster Noth, darunter über 3000 geschickte Mechaniker. Ihre Reservefonds sind erschöpft in Folge sechsoder achtmonatiger Arbeitslosigkeit ... Ich hatte große ||635| Mühe, zum Thor des Workhouse (von Poplar) vorzudringen, denn es war belagert von einem ausgehungerten Haufen. Er wartete auf Brodbillets, aber die Zeit zur Vertheilung war noch nicht gekommen. Der Hof bildet ein großes Quadrat mit einem Pultdach, das rings um seine Mauern läuft. Dichte Schneehaufen bedeckten die Pflastersteine in der Mitte des Hofes. Hier waren gewisse kleine Plätze mit Weidengeflecht abgeschlossen, gleich Schafhürden, worin die Männer bei besserem Wetter arbeiten. Am Tage meines Besuchs waren die Hürden so verschneit, daß Niemand in ihnen sitzen konnte. Die Männer waren jedoch unter dem Schutz der Dachvorsprünge mit Macadamisirung von Pflastersteinen beschäftigt. Jeder hatte einen dicken Pflasterstein zum Sitz und klopfte mit schwerem Hammer auf den frostbedeckten Granit, bis er 5 Bushel davon abgehauen hatte. Dann war sein Tagewerk verrichtet und erhielt er 3 d. (2 Silbergroschen, 6 Pfennige) und ein Billet für Brod. In einem andren Theil des Hofes stand ein rhachitisches kleines Holzhaus. Beim Oeffnen der Thür fanden wir es gefüllt mit Männern, Schulter an Schulter gedrängt, um einander warm zu halten. Sie zupften Schiffstau und stritten mit einander, wer von ihnen mit einem Minimum von Nahrung am längsten arbeiten könne, denn Ausdauer war der point d’honneur. In diesem einen Workhouse allein erhielten 7000 Unterstützung, darunter viele Hunderte, die 6 oder 8 Monate zuvor die höchsten Löhne geschickter Arbeit in diesem Land verdienten. Ihre Zahl wäre doppelt so groß gewesen, gäbe es nicht so viele, welche nach Erschöpfung ihrer ganzen Geldreserve dennoch vor Zuflucht zur Pfarrei zurückbeben, so lange sie noch irgend etwas zu versetzen haben ... Das Workhouse verlassend, machte ich einen Gang durch die Straßen von meist einstöckigen Häusern, die in Poplar so zahlreich. Mein Führer war Mitglied des Comité für die Arbeitslosen. Das erste Haus, worin wir eintraten, war das eines Eisenarbeiters, seit 27 Wochen außer Beschäftigung. Ich fand den Mann mit seiner ganzen Familie in einem Hinterzimmer sitzend. Das Zimmer war noch nicht ganz von Möbeln entblößt, und es war Feuer darin. Dieß war nöthig, um die nackten Füße der jungen Kinder vor Frost zu schützen, denn es war ein grimmig kalter Tag. Auf einem Teller gegenüber dem Feuer lag ein Quantum Werg, welches Frau und Kinder zupften in Erstattung des Brods vom Workhouse. Der Mann arbeitete in einem der oben beschriebenen Höfe für ein Brodbillet und 3 d. per Tag. Er kam jetzt nach Haus zum Mittagessen, sehr hungrig, wie er uns mit ||636| einem bittern Lächeln sagte, und sein Mittagessen bestand aus einigen Brodschnitten mit Schmalz und einer Tasse milchlosen Thees ... Die nächste Thür, an der wir anklopften, wurde geöffent durch ein Frauenzimmer mittleren Alters, die, ohne ein Wort zu sagen, uns in ein kleines Hinterzimmer führte, wo ihre ganze Familie saß, schweigend, die Augen auf ein rasch ersterbendes Feuer geheftet. Solche Verödung, solche Hoffnungslosigkeit hing um diese Leute und ihr kleines Zimmer, daß ich nicht wünsche, je eine ähnliche Scene wieder zu sehn. ‚Nichts haben sie verdient, mein Herr‘, sagte die Frau, auf ihre Jungen zeigend, ‚nichts für 26 Wochen, und all unser Geld ist hingegangen, alles Geld, das ich und der Vater in den beßren Zeiten zurücklegten, in dem Wahn, einen Rückhalt während schlechten Geschäfts zu sichern. Sehn sie es‘, schrie sie fast wild, indem sie ein Bankbuch hervorholte mit allen seinen regelmäßigen Nachweisen über eingezahltes und rückerhaltnes Geld, so daß wir sehn konnten, wie das kleine Vermögen begonnen hatte mit dem ersten Deposit von 5 Shilling, wie es nach und nach zu 20 Pfd. St. aufwuchs und dann wieder zusammenschmolz, von Pfunden zu Shillingen, bis der letzte Eintrag das Buch so werthlos machte, wie ein leeres Stück Papier. Diese Familie erhielt ein nothdürftiges Mahl täglich vom Workhouse ... Unsere folgende Visite war zur Frau eines Irländers, der an den Schiffswerften gearbeitet hatte. Wir fanden sie krank von Nahrungsmangel, in ihren Kleidern auf eine Matratze gestreckt, knapp bedeckt mit einem Stück Teppich, denn alles Bettzeug war im Pfandhaus. Die elenden Kinder warteten sie und sahen aus, als bedürften sie umgekehrt der mütterlichen Pflege. Neunzehn Wochen erzwungnen Müßiggangs hatten sie so weit heruntergebracht, und während sie die Geschichte der bittern Vergangenheit erzählte, stöhnte sie, als ob alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren wäre ... Beim Austritt aus dem Hause rannte ein junger Mann auf uns zu und bat uns, in sein Haus zu gehn und zu sehn, ob irgend etwas für ihn geschehen könne. Ein junges Weib, zwei hübsche Kinder, ein Kluster von Pfandzetteln und ein ganz kahles Zimmer war alles, was er zu zeigen hatte.“
Ueber die Nachwehen der Krise von 1866 folgender Auszug aus einer torystischen Zeitung. Man muß nicht vergessen, daß der Osttheil Londons, um den es sich hier handelt, nicht nur Sitz der im Text des Kapitels erwähnten eisernen Schiffsbauer, sondern auch einer stets unter dem Minimum bezahlten sog. „Hausarbeit“ ist. „Ein entsetzliches Schauspiel entrollte sich gestern in einem ||637| Theil der Metropole. Obgleich die arbeitslosen Tausende des Ostendes mit schwarzen Trauerflaggen nicht in Masse paradirten, war der Menschenstrom imposant genug. Erinnern wir uns, was diese Bevölkerung leidet. Sie stirbt vor Hunger. Das ist die einfache und furchtbare Thatsache. Es sind ihrer 40000 ... In unsrer Gegenwart, in einem Viertel dieser wundervollen Metropole, dicht neben der enormsten Akkumulation von Reichthum, welche die Welt je sah, dicht dabei 40000 hülflos verhungernd! Diese Tausende brechen jetzt ein in die andren Viertel; sie, in allen Zeiten halbverhungert, schreien uns ihr Weh ins Ohr, sie schreien es zum Himmel, sie erzählen uns von ihren elendgeschlagenen Wohnungen, daß es unmöglich für sie, Arbeit zu finden und nutzlos, zu betteln. Die lokalen Armensteuerpflichtigen sind durch die Forderungen der Pfarreien selbst an den Rand des Pauperismus getrieben.“ (Standard. 5. April, 1867.)
Da es Mode unter den englischen Kapitalisten ist, Belgien als das Paradies des Arbeiters zu schildern, weil „die Freiheit der Arbeit“ oder, was dasselbe ist, „die Freiheit des Kapitals“, dort weder durch den Despotismus der Trades’ Unions noch durch Fabrikgesetze verkümmert sei, hier ein paar Worte über das „Glück“ des belgischen Arbeiters. Sicher war niemand tiefer eingeweiht in die Mysterien dieses Glücks als der verstorbene Herr Ducpétiaux, Generalinspektor der belgischen Gefängnisse und Wohlthätigkeitsanstalten, und Mitglied der Centralkommission für belgische Statistik. Nehmen wir sein Werk: „Budgets économiques des classes ouvrières en Belgique, Bruxelles 1855“. Hier finden wir u. A. eine belgische Normalarbeiterfamilie, deren jährliche Ausgaben und Einnahmen nach sehr genauen Daten berechnet, und deren Nahrungsverhältnisse dann mit denen des Soldaten, des Flottenmatrosen und des Gefangnen verglichen werden. Die Familie „besteht aus Vater, Mutter und vier Kindern“. Von diesen sechs Personen „können vier das ganze Jahr durch nützlich beschäftigt werden“; es wird vorausgesetzt, „daß es weder Kranke noch Arbeitsunfähige darunter gibt“, noch „Ausgaben für religiöse, moralische und intellektuelle Zwecke, ausgenommen ein sehr Geringes für Kirchenstühle“, noch „Beiträge zu Sparkassen oder Altersversorgungskassen“, noch „Luxus- oder sonstige überflüssige Ausgaben“. Doch sollen der Vater und der älteste Sohn Tabak rauchen und Sonntags das Wirthshaus besuchen dürfen, wofür ihnen ganze 86 Centimen die Woche ausgesetzt sind. „Aus der Gesammtzusammenstellung der den Arbeitern der ver||638|schiednen Geschäftszweige bewilligten Löhne folgt ... daß der höchste Durchschnitt des täglichen Lohns ist: 1 fr. 56 c. für Männer, 89 c. für Frauen, 56 c. für Knaben und 55 c. für Mädchen. Hiernach berechnet, würden sich die Einkünfte der Familie allerhöchstens auf 1068 fr. jährlich belaufen ... In der als typisch angenommenen Haushaltung haben wir alle möglichen Einkünfte zusammengerechnet. Wenn wir aber der Mutter einen Arbeitslohn anrechnen, entziehen wir dadurch die Haushaltung ihrer Leitung; wer besorgt das Haus, wer die kleinen Kinder? Wer soll kochen, waschen, flicken? Dieß Dilemma tritt jeden Tag vor die Arbeiter.“
Der Budget der Familie ist demnach:
| Der Vater, | 300 Arbeitstage zu | fr. | 1,56 | fr. | 468,—. | |
| Die Mutter | „ | 0,89 | „ | 267,—. | ||
| Der Junge | „ | 0,56 | „ | 168,—. | ||
| Das Mädchen | „ | 0,55 | „ | 165,—. | ||
| Total | fr. | 1068,—. |
Die Jahresausgabe der Familie und ihr Deficit würden ausmachen, falls der Arbeiter die Nahrung hätte:
| Des Flottenmatrosen | fr. | 1828,— | Deficit | fr. | 760,—. |
| Des Soldaten | „ | 1473,— | „ | „ | 405,—. |
| Des Gefangenen | „ | 1112,— | „ | „ | 44,—. |
„Man sieht, daß wenig Arbeiterfamilien sich die Nahrung verschaffen können, nicht etwa des Matrosen oder des Soldaten, sondern selbst des Gefangnen. Im Durchschnitt hat jeder Gefangne 1847/49 in Belgien 63 c. täglich gekostet, was gegen die täglichen Unterhaltungskosten des Arbeiters einen Unterschied von 13 c. ergibt. Die Verwaltungs- und Ueberwachungskosten gleichen sich aus dagegen, daß der Gefangne keine Miethe zahlt. .... Wie aber geht es zu, daß eine große Zahl, wir könnten sagen die große Mehrzahl der Arbeiter in noch sparsameren Verhältnissen lebt? Nur indem sie zu Nothbehelfen flüchtet, wovon der Arbeiter allein das Geheimniß hat; indem sie an der täglichen Ration abknappt; Roggenbrod statt Weizenbrod ißt; weniger oder gar kein Fleisch ißt; ebenso mit Butter und Gewürzen; indem sie die Familie in eine oder zwei Kammern packt, wo Mädchen und Jungen zusammen schlafen, oft auf demselben Strohsack; indem sie an der Kleidung spart, der Wäsche, den Reinigungsmitteln; indem sie den Sonntagsvergnügungen entsagt, kurz sich zu den schmerzlichsten Entbehrungen entschließt. Ein||639|mal bei dieser letzten Grenze angelangt, vermehrt der geringste Preisaufschlag der Lebensmittel, eine Arbeitsstockung, eine Krankheit das Elend des Arbeiters und ruinirt ihn vollständig. Die Schulden häufen sich, der Kredit wird versagt, die Kleider, die nothwendigsten Möbel wandern ins Pfandhaus, und schließlich bittet die Familie um Einschreibung in die Armenliste.“137) In der That folgt in diesem „Paradiese der Kapitalisten“ auf die geringste Aenderung im Preise der nothwendigsten Lebensmittel eine Aenderung in der Zahl der Todesfälle und Verbrechen! (Sieh Manifest der Maatschappij: „De Vlamingen Vooruit! Brussel 1860“, p. 13,14.) Ganz Belgien zählt 930000 Familien, davon, nach officieller Statistik: 90000 Reiche (Wähler) = 450000 Personen; 390000 Familien der kleinen Mittelklasse, in Stadt und Dorf, großer Theil davon stets ins Proletariat fallend, = 1950000 Personen. Endlich 450000 Arbeiterfamilien = 2250000 Personen, von welchen die Musterfamilien das durch Ducpétiaux geschilderte Glück genießen. Unter den 450000 Arbeiterfamilien über 200000 auf der Armenliste!
e) Das britische Ackerbauproletariat.
Der antagonistische Charakter der kapitalistischen Produktion und Akkumulation bewährt sich nirgendwo brutaler als in dem Fortschritt des englischen Landbaus (Viehzucht eingeschlossen) und dem Rückschritt des englischen Landarbeiters. Bevor ich zu seiner gegenwärtigen Lage übergehe, ein rascher Rückblick. Die moderne Agrikultur datirt in England von der Mitte des 18. Jahrhunderts, obgleich die Umwälzung der Grundeigenthumsverhältnisse, wovon die veränderte Produktionsweise als Grundlage ausgeht, viel früheren Datums.
Nehmen wir Arthur Young’s, eines genauen Beobachters, obgleich oberflächlichen Denkers, Angaben über den Landarbeiter von 1771, so spielt letztrer eine sehr elende Rolle, verglichen mit seinem Vorgänger Ende des 14. Jahrhunderts, „wo er in Fülle leben und Reichthum akkumuliren konnte“138), gar nicht zu sprechen vom 15. Jahrhundert, „dem goldnen Zeitalter der eng||640|lischen Arbeiter in Stadt und Land“. Wir brauchen jedoch nicht soweit zurückzugehn. In einer sehr gehaltreichen Schrift von 1777 liest man: „Der große Pächter hat sich beinahe erhoben zum Niveau des Gentleman, während der arme Landarbeiter fast zu Boden gedrückt ist ... Seine unglückliche Lage zeigt sich klar durch eine vergleichende Uebersicht seiner Verhältnisse von heute und von 40 Jahr früher. ... Grundeigenthümer und Pächter wirken Hand in Hand zur Unterdrückung des Arbeiters“139). Es wird dann im Detail nachgewiesen, daß der reelle Arbeitslohn auf dem Lande von 1737 bis 1777 um beinahe ¼ oder 25 % gefallen ist. „Die moderne Politik“, sagt gleichzeitig Dr. Richard Price, „begünstigt die höheren Volksklassen; die Folge wird sein, daß früher oder später das ganze Königreich nur aus Gentlemen und Bettlern, aus Granden und Sklaven besteht“140).
Dennoch ist die Lage des englischen Landarbeiters von 1770 bis 1780, sowohl was seine Nahrungs- und Wohnlichkeitszustände, als sein Selbstgefühl, Belustigungen u. s. w. betrifft, ein später nie wieder erreichtes Ideal. In Pints Weizen ausgedrückt betrug sein Durchschnittslohn 1770 bis 1771 90 Pints, zu Eden’s Zeit (1797) nur noch 65, 1808 aber 60141).
Der Zustand der Landarbeiter Ende des Antijakobinerkriegs, während dessen Grundaristokraten, Pächter, Fabrikanten, Kaufleute, Banquiers, Börsenritter, Armeelieferanten u. s. w. sich so außerordentlich bereichert, ward bereits früher angedeutet. Der nominelle Lohn stieg in Folge theils der Banknoten-Depreciation, theils einer hiervon unabhängigen Zunahme im Preis der ersten Lebensmittel. Die wirkliche Lohnbewegung ist aber auf sehr einfache Art zu konstatiren, ohne Zuflucht zu hier unzulässigen Details. Das Armengesetz und seine Administration waren 1795 und 1814 dieselben. Man erinnert sich, wie dieß Gesetz auf dem Land gehandhabt wurde: in der Gestalt von Almosen ergänzte ||641| die Pfarrei den Nominallohn bis zu der für bloße Vegetation des Arbeiters erheischten Nominalsumme. Das Verhältniß zwischen dem vom Pächter gezahlten Lohn und dem von der Pfarrei gutgemachten Lohndeficit zeigt uns zweierlei, erstens die Senkung des Arbeitslohns unter sein Minimum, zweitens den Grad, worin der Landarbeiter aus Lohnarbeiter und Pauper zusammengesetzt war, oder den Grad, worin man ihn in einen Leibeignen seiner Pfarrei verwandelt hatte. Wir wählen eine Grafschaft, die das Durchschnittsverhältniß in allen andren Grafschaften repräsentirt. 1795 betrug der durchschnittliche Wochenlohn in Northamptonshire 7 sh. 6 d., die jährliche Totalausgabe einer Familie von 6 Personen 36 Pfd. St. 12 sh. 5 d., ihre Totaleinnahme 29 Pfd. St. 18 sh., das von der Pfarrei gut gemachte Deficit: 6 Pfd. St. 14 sh. 5 d. In derselben Grafschaft betrug 1814 der Wochenlohn 12 sh. 2 d., die jährliche Totalausgabe einer Familie von 5 Personen 54 Pfd. St. 18 sh. 4 d., ihre Totaleinnahme 36 Pfd. St. 2 sh., das von der Pfarrei gutgemachte Deficit: 18 Pfd. St. 6 sh. 4 d. 142), 1795 betrug das Deficit weniger als ¼ des Arbeitslohns, 1814 mehr als die Hälfte. Es versteht sich von selbst, daß unter diesen Umständen die geringen Komforts, die Eden noch in der Cottage des Landarbeiters fand, 1814 verschwunden waren143). Unter allen Thieren, die der Pächter hält, blieb von nun an der Arbeiter, das instrumentum vocale, das meist geplackte, schlechtest gefütterte und brutalst behandelte.
Derselbe Zustand der Dinge dauerte ruhig fort, bis „die Swing Aufstände 1830 uns (d. h. den herrschenden Klassen) beim Lichtflammen der Kornschober enthüllten, daß Elend und dunkle aufrührerische Unzufriedenheit eben so wild unter der Oberfläche des agrikolen als des industriellen Englands lodre“144). Sadler taufte damals im Unterhaus die Landarbeiter „weiße Sklaven“ („white slaves“), ein Bischof hallte das Epithet im Oberhaus wieder. Der bedeutendste politische Oekonom jener Periode, E. G. Wakefield, sagt: „Der Landarbeiter Südenglands ist kein Sklave, er ist kein freier Mann, er ist ein Pauper“145).
Die Zeit unmittelbar vor der Aufhebung der Korngesetze warf neues Licht auf die Lage der Landarbeiter. Einerseits lag es im ||642| Interesse der bürgerlichen Agitatoren nachzuweisen, wie wenig jene Schutzgesetze den wirklichen Kornproducenten beschützten. Andrerseits schäumte die industrielle Bourgeoisie auf von Ingrimm über die Denunciation der Fabrikzustände seitens der Grundaristokraten, über die affektirte Sympathie dieser grundverdorbnen, herzlosen und vornehmen Müßiggänger mit den Leiden des Fabrikarbeiters, und ihren „diplomatischen Eifer“ für Fabrikgesetzgebung. Es ist ein altes englisches Sprichwort, daß wenn zwei Diebe sich in die Haare fallen, immer etwas Nützliches geschieht. Und in der That, der geräuschvolle, leidenschaftliche Zank zwischen den zwei Fraktionen der herrschenden Klasse über die Frage, welche von beiden den Arbeiter am schamlosesten ausbeute, wurde rechts und links Geburtshelfer der Wahrheit. Graf Shaftesbury, alias Lord Ashley, war Vorkämpfer im aristokratischen Antifabrikphilanthropiefeldzug. Er bildet daher 1844 bis 1845 ein Lieblingsthema in den Enthüllungen des Morning Chronicle über die Zustände der Agrikulturarbeiter. Jenes Blatt, damals das bedeutendste liberale Organ, schickte in die Landdistrikte eigne Kommissäre, welche sich keineswegs mit allgemeiner Schilderung und Statistik begnügten, sondern die Namen sowohl der untersuchten Arbeiterfamilien als ihrer Grundherrn veröffentlichten. Die folgende Liste gibt Löhne, gezahlt auf drei Dörfern, in der Nachbarschaft von Blanford, Wimbourne und Poole. Die Dörfer sind Eigenthum des Mr. G. Bankes und des Grafen von Shaftesbury. Man wird bemerken, daß dieser Pabst der „low church“, dieß Haupt der englischen Pietisten, ebenso wie p. p. Bankes von den Hundelöhnen der Arbeiter wieder einen bedeutenden Theil unter dem Vorwand von Hausrente einsteckt.
Erstes Dorf.
| a) | b) | c) | d) | e) | f) | g) | h) |
| Kinder. | Zahl | Wöchentl- | Wöchentl- | Wochen- | Wöchentl- | Gesammt- | Wochen- |
| der | licher | licher- | einnahme | liche | wochenlohn | lohn | |
| Familien- | Arbeits- | Kinder- | der | Haus- | nach Abzug | per Kopf. | |
| glieder. | lohn der | lohn. | Gesammt- | miethe. | der Haus- | ||
| Männer. | familie. | miethe. | |||||
| 2 | 4 | 8 sh. | 8 sh. | 2 sh. | 6 sh. | 1 sh. 6 d. | |
| 3 | 5 | 8 sh. | 8 sh. | 1 sh. 6 d. | 6 sh. 6 d. | 1 sh. 3½ d. | |
| 2 | 4 | 8 sh. | 8 sh. | 1 sh. | 7 sh. | 1 sh. 9 d. | |
| 2 | 4 | 8 sh. | 8 sh. | 1 sh. | 7 sh. | 1 sh. 9 d. | |
| 6 | 8 | 7 sh. | 1 sh. 6 d. | 10 sh. 6 d. | 2 sh. | 8 sh. 6 d. | 1 sh. 0¾ d. |
| 3 | 5 | 7 sh. | 2 sh. | 7 sh. | 1 sh. 4 d. | 5 sh. 8 d. | 1 sh. 1½ d. | |
|643| Zweites Dorf.
| 6 | 8 | 7 sh. | 1 sh. 6 d. | 10 sh. | 1 sh. 6 d. | 8 sh. 6 d. | 1 sh. 0¾ d. |
| 6 | 8 | 7 sh. | 1 sh. 6 d. | 7 sh. | 1 sh. 3½ d. | 5 sh. 8½ d. | 0 sh. 8½ d. |
| 8 | 10 | 7 sh. | 7 sh. | 1 sh. 3½ d. | 5 sh. 8½ d. | 0 sh. 7 d. | |
| 4 | 6 | 7 sh. | 7 sh. | 1 sh. 6½ d. | 5 sh. 5½ d. | 0 sh. 11 d. | |
| 3 | 5 | 7 sh. | 7 sh. | 1 sh. 6½ d. | 5 sh. 5½ d. | 1 sh. 1 d. |
| [a) | [b) | [c) | [d) | [e) | [f) | [g) | [h) |
| Kinder.] | Zahl | Wöchentl- | Wöchentl- | Wochen- | Wöchentl- | Gesammt- | Wochen- |
| der | licher | licher- | einnahme | liche | wochenlohn | lohn | |
| Familien- | Arbeits- | Kinder- | der | Haus- | nach Abzug | per Kopf.] | |
| glieder.] | lohn der | lohn.] | Gesammt- | miethe.] | der Haus- | ||
| Männer.] | familie.] | miethe.] |
Drittes Dorf.
| 4 | 6 | 7 sh. | 7 sh. | 1 sh. | 6 sh. | 1 sh. | |
| 3 | 5 | 7 sh. | 2 sh. | 11 sh. 6 d. | 0 sh. 10 d. | 10 sh. 8 d. | 2 sh. 1½ d. |
| 0 | 2 | 5 sh. | 2 sh. 6 d. | 5 sh. | 1 sh. | 4 sh. | 2 sh.146). |
Die Abschaffung der Korngesetze gab dem englischen Landbau einen ungeheuren Ruck. Drainirung auf der größten Stufenleiter147), neues System der Stallfütterung und des Anbaus der künstlichen Futterkräuter, Einführung mechanischer Düngapparate, neue Behandlung der Thonerde, gesteigerter Gebrauch mineralischer Düngmittel, Anwendung der Dampfmaschine und aller Art neuer Arbeitsmaschinerie u. s. w., intensivere Kultur überhaupt charakterisiren diese Epoche. Der Präsident der königlichen Gesellschaft für Agrikultur, Herr Pusey, behauptet, daß die (relativen) Wirthschaftskosten durch die neu eingeführte Maschinerie beinahe um die Hälfte verringert worden sind. Andrerseits ward der positive Bodenertrag rasch erhöht. Größere Kapitalauslage per Acre, also auch beschleunigte Koncentration der Pachten, war Grundbedingung der neuen Methode148). Zugleich dehnte sich das Areal der Bebauung von 1846 bis 1856 um 464119 Acres aus, nicht zu sprechen von den großen Flächen der östlichen Grafschaften, welche aus Kaninchengeheg und armer Viehweide in üppige Kornfelder umgezaubert wurden. Man weiß bereits, daß gleichzeitig die Gesammtzahl der in der Agrikultur betheiligten Personen abnahm. Was die eigentlichen Ackerbauer, beiderlei Geschlechts ||644| und aller Altersstufen, betrifft, so sank ihre Zahl von 1241269 im Jahr 1851 auf 1163227 im Jahr 1861149). Wenn der englische Generalregistrator daher mit Recht bemerkt: „Der Zuwachs von Pächtern und Landarbeitern seit 1801 steht in gar keinem Verhältniß zum Zuwachs des agrikolen Produkts“150), so gilt dieß Mißverhältniß noch viel mehr von der letzten Periode, wo positive Abnahme der ländlichen Arbeiterbevölkerung Hand in Hand ging mit Ausdehnung des bebauten Areals, intensiverer Kultur, unerhörter Akkumulation des dem Boden einverleibten und des seiner Bearbeitung gewidmeten Kapitals, Steigerung des Bodenprodukts ohne Parallele in der Geschichte der englischen Agronomie, strotzenden Rentrollen der Grundeigenthümer und schwellendem Reichthum der kapitalistischen Pächter. Nimmt man dieß zusammen mit der ununterbrochnen raschen Erweiterung des städtischen Absatzmarkts und der Herrschaft des Freihandels, so war der Landarbeiter post tot discrimina rerum endlich in Verhältnisse gestellt, die ihn, secundum artem, glückstoll machen mußten.
Professor Rogers gelangt dagegen zum Resultat, daß der englische Landarbeiter heutigen Tags, gar nicht zu sprechen von seinem Vorgänger in der letzten Hälfte des 14. Jahrhunderts und im 15. Jahrhundert, sondern nur verglichen mit seinem Vorgänger aus der Periode 1770–1780, seine Lage außerordentlich verschlechtert hat, daß „er wieder ein Leibeigner geworden ist“ und zwar schlecht gefütterter und behauster Leibeigner151). Dr. Julian Hunter, in seinem epochemachenden Bericht über die Wohnlichkeit der Landarbeiter, sagt: „Die Existenzkosten des hind (der Zeit der Leibeigenschaft angehöriger Name für den Landarbeiter) sind fixirt zu dem möglichst niedrigen Betrag, womit er leben kann ... sein Lohn und Obdach sind nicht berechnet auf den aus ihm herauszuschlagenden Profit. Er ist eine Null in den Berechnungen des Pächters152) ... Seine Subsistenzmittel werden stets als eine fixe ||645| Quantität behandelt“153). „Was irgend eine weitere Reduktion seines Einkommens angeht, so kann er sagen: nihil habeo, nihil curo. Er hat keine Furcht für die Zukunft, weil er über nichts verfügt außer dem, was zu seiner Existenz absolut unentbehrlich ist. Er hat den Gefrierpunkt erreicht, von dem die Berechnungen des Pächters als Datum ausgehn. Komme was wolle, er hat keinen Antheil an Glück oder Unglück“154).
Im Jahre 1863 fand eine officielle Untersuchung über die Verpflegungsund Beschäftigungszustände der zu Transportation und öffentlicher Zwangsarbeit verurtheilten Verbrecher statt. Die Resultate sind in zwei dickleibigen Blaubüchern niedergelegt. „Eine sorgfältige Vergleichung“, heißt es unter anderem, „zwischen der Diät der Verbrecher in den Gefängnissen von England und der der Paupers in Workhouses und der freien Landarbeiter desselben Landes zeigt unstreitig, daß die erstern viel besser genährt sind als irgend eine der beiden andren Klassen“155), während „die Arbeitsmasse, die von einem zu öffentlicher Zwangsarbeit Verurtheilten verlangt wird, ungefähr die Hälfte der vom gewöhnlichen Landarbeiter verrichteten beträgt“156). Einige wenige charakteristische Zeugenaussagen: John Smith, Direktor des Gefängnisses zu Edinburg, verhört. Nr. 5056: „Die Diät in den englischen Gefängnissen ist viel besser als die der gewöhnlichen Landarbeiter.“ Nr. 5057: „Es ist Thatsache, daß die gewöhnlichen Agrikulturarbeiter Schottlands sehr selten irgend welches Fleisch erhalten.“ Nr. 3047: „Kennen Sie irgend einen Grund für die Nothwendigkeit, die Verbrecher viel besser (much better) zu nähren als gewöhnliche Landarbeiter? – Sicher nicht.“ Nr. 3048: „Halten Sie es für angemessen, weitere Experimente zu machen, um die Diät zu öffentlichen Zwangsarbeiten verurtheilter Gefangenen der Diät freier Landarbeiter nahe zu bringen?“157). „Der Landarbeiter“, heißt es, „könnte sagen: Ich arbeite hart und habe nicht genug zu essen. Als ich im Gefängniß war, arbeitete ich nicht so hart und hatte Essen in Fülle, und darum ist es besser für mich im Gefängniß als im Freien zu sein“158). Aus den dem ersten Band des Berichts | |646| angehängten Tabellen ist eine vergleichende Uebersicht zusammengestellt.
Wöchentlicher Nahrungsbetrag.158a)
| Stickstoff- | Stickstoff- | Mineralische | Gesammt- | |
| haltige | freie | Bestand- | summe. | |
| Bestand- | Bestand- | theile. | ||
| theile. | theile. | |||
| Unzen. | Unzen. | Unzen. | Unzen. | |
| Verbrecher im Gefängniß | ||||
| von Portland | 28,95 | 150,06 | 4,68 | 183,69 |
| Matrose in der königl. Marine | 29,63 | 152,91 | 4,52 | 187,06 |
| Soldat | 25,55 | 114,49 | 3,94 | 143,98 |
| Kutschenmacher (Arbeiter) | 24,53 | 162,06 | 4,23 | 190,82 |
| Setzer | 21,24 | 100,83 | 3,12 | 125,19 |
| Landarbeiter | 17,73 | 118,06 | 3,29 | 139,08 |
Das allgemeine Resultat der ärztlichen Untersuchungskommission von 1863 über den Nahrungszustand der schlechter genährten Volksklassen ist dem Leser bereits bekannt. Er erinnert sich, daß die Diät eines großen Theils der Landarbeiterfamilien unter dem Minimalmaß „zur Abwehr von Hungerkrankheiten“ steht. Es ist dies namentlich der Fall in allen rein agrikolen Distrikten von Cornwall, Devon, Somerset, Wilts, Stafford, Oxford, Berks und Herts. „Die Nahrung, die der Landarbeiter erhält“, sagt Dr. Simon, „ist größer, als das Durchschnittsquantum anzeigt, da er selbst einen viel größeren, für seine Arbeit unentbehrlichen, Theil der Lebensmittel erhält als seine übrigen Familienglieder, in den ärmeren Distrikten fast alles Fleisch oder Speck. Das Quantum Nahrung, das der Frau zufällt, und ebenso den Kindern in ihrer Periode raschen Wachsthums, ist in vielen Fällen, und zwar in fast allen Grafschaften, mangelhaft, hauptsächlich an Stickstoff“159). Die bei den Pächtern selbst wohnenden Knechte und Mägde werden reichlich genährt. Ihre Zahl fiel von 288272 im Jahre 1851 auf 204962 im Jahr 1861. „Die Arbeit der Weiber auf freiem Feld“, sagt Dr. Smith, „von welchen sonstigen Nachtheilen auch immer begleitet, ist unter gegenwärtigen Umständen von großem Vortheil für die Familie, denn sie liefert derselben Mittel für Beschuhung, Kleidung, Zahlung der Hausrente, und befähigt sie so besser zu essen“160). Eins der merkwürdigsten Resultate dieser Untersuchung ||647| war, daß der Landarbeiter in England bei weitem schlechter genährt ist als in den andren Theilen des Vereinigten Königreichs („is considerably the worst fed“), wie die Tabelle zeigt.
Wöchentlicher Konsum von Kohlenstoff und Stickstoff durch den ländlichen Durchschnittsarbeiter.
| Kohlenstoff. | Stickstoff. | |
| England | 40 673 Gran | 1 594 Gran |
| Wales | 48 354 Gran | 2 031 Gran |
| Schottland | 48 980 Gran | 2 348 Gran |
| Irland | 43 366 Gran | 2 434 Gran161)| |
|648| „Jede Seite von Dr. Hunters Bericht“, sagt Dr. Simon in seinem officiellen Gesundheitsbericht, „gibt Zeugniß von der unzureichenden Quantität und elenden Qualität der Wohnlichkeit unsres Landarbeiters. Und seit vielen Jahren hat sich sein Zustand progressiv in dieser Hinsicht verschlechtert. Es ist jetzt viel schwerer für ihn, Hausraum zu finden, und, wenn gefunden, ist er seinen Bedürfnissen viel weniger entsprechend, als vielleicht seit Jahrhunderten der Fall war. Besonders innerhalb der letzten 30 oder 20 Jahre ist das Uebel in raschem Wachsthum begriffen, und die Wohnlichkeitsverhältnisse des Landmanns sind jetzt im höchsten Grad kläglich. Außer soweit diejenigen, die seine Arbeit bereichert, es der Mühe werth halten, ihn mit einer Art von mitleidiger Nachsicht zu behandeln, ist er ganz hülflos in der Sache. Ob er Behausung findet auf dem Land, welches er bebaut, ob sie menschlich oder schweinisch ist, ob mit kleinem Garten, der den Druck der Armuth so sehr erleichtert, alles das hängt nicht von seiner Breitheit oder Fähigkeit zur Zahlung einer angemeßnen Miethe ab, sondern von dem Gebrauch, den Andre von ‚dem Recht mit ihrem Eigenthum zu thun, was sie wollen‘ zu machen belieben. Eine Pachtung mag noch so groß sein, es existirt kein Gesetz, daß auf ihr eine bestimmte Anzahl von Arbeiterwohnungen, und nun gar anständigen, stehen muß; ebensowenig behält das Gesetz dem Arbeiter auch nur das kleinste Recht auf den Boden vor, für welchen seine Arbeit so nothwendig ist wie Regen und Sonnenschein ... Ein notorischer Umstand wirft noch ein schweres Gewicht in die Wagschale gegen ihn ..., der Einfluß des Armengesetzes mit seinen Bestimmungen über Niederlassung und Belastung zur Armensteuer162). Unter seinem Einfluß hat jede Pfarrei ein Geldinteresse, | |649| die Zahl ihrer residirenden Landarbeiter auf ein Minimum zu beschränken; denn unglücklicher Weise führt die Landarbeit, statt sichre und permanente Unabhängigkeit dem hartschanzenden Arbeiter und seiner Familie zu verbürgen, meist nur auf längerem oder kürzerem Umweg zum Pauperismus, einem Pauperismus, der während des ganzen Wegs so nahe ist, daß jede Krankheit oder irgend ein vorübergehender Mangel an Beschäftigung unmittelbar die Zuflucht zur Pfarreihülfe ernöthigt; und daher ist alle Ansässigkeit einer Ackerbaubevölkerung in einer Pfarrei augenscheinlich ein Zuschuß zu ihrer Armensteuer ... Große Grundeigenthümer163) haben nur zu beschließen, daß keine Arbeiterwohnungen auf ihren Gütern stehn sollen, und sie befreien sich sofort von der Hälfte ihrer Verantwortlichkeit für die Armen. Wie weit die englische Konstitution und das Gesetz dieser Art unbedingtes Grundeigenthum beabsichtigten, welches einen Landlord, der „mit seinem Eignen thut was er will“, befähigt, die Bebauer des Bodens wie Fremde zu behandeln und sie von seinem Territorium zu verjagen, ist eine Frage, deren Diskussion nicht in meinen Bereich fällt ... Diese Macht der Eviktion ist keine bloße Theorie. Sie wird praktisch auf der größten Stufenleiter geltend gemacht. Sie ist einer der Umstände, welche die Wohnlichkeitsverhältnisse des Landarbeiters beherrschen ... Den Umfang des Uebels mag man aus dem letzten Census beurtheilen, wonach die Zerstörung von Häusern, trotz vermehrter lokaler Nachfrage für dieselben, während der letzten 10 Jahre, in 821 verschiednen Distrikten von England fortschritt, so daß, abgesehn von den Personen, die gezwungen wurden, Nichtresidirende (nämlich in dem Kirchspiel, worin sie arbeiten) zu werden, 1861 verglichen mit 1851 eine um 5⅓ % größere Bevölkerung in einen um 4½ % kleineren Hausraum gedrängt wurde ... Sobald der Entvölkerungsproceß sein Ziel erreicht hat, ist das Resultat, sagt Dr. Hunter, ein Schaudorf (show-village), wo die Cottages auf wenige reducirt sind und wo niemand leben darf außer Schafhirten, Gärtnern und Wildhütern, reguläre Bediente, welche die in ihrer Klasse gewohnheitsmäßige gute Behandlung von der gnädigen Herrschaft erhalten164). Aber das | |650| Land bedarf der Bebauung, und man wird finden, daß die darauf beschäftigten Arbeiter keine Haussassen des Grundeigenthümers sind, sondern von einem offnen Dorf herkommen, vielleicht 3 Meilen weit entfernt, wo eine zahlreiche kleine Hauseigenthümerschaft sie aufnahm, nach Zerstörung ihrer Cottages in den geschloßnen Dörfern. Wo die Dinge diesem Resultat zustreben, bezeugen die Cottages meist durch ihr elendes Aussehn das Schicksal, zu dem sie verdammt sind. Man findet sie auf den verschiednen Stufen natürlichen Verfalls. So lange das Obdach zusammenhält, wird dem Arbeiter erlaubt, Rente dafür zu zahlen, und er ist oft sehr froh, dieß thun zu dürfen, selbst wenn er den Preis einer guten Wohnung zu zahlen hat. Aber keine Reparatur, keine Ausbesserung, außer die der pfenniglose Inhaber leisten kann. Wird es endlich zuletzt ganz unbewohnbar, so ist es nur eine zerstörte Cottage mehr und so viel künftige Armensteuer weniger. Während die großen Eigenthümer die Armensteuer so von sich abwälzen durch Entvölkerung des von ihnen kontrolirten Grund und Bodens, nimmt das nächste Landstädtchen oder offne Ortschaft die hinausgeworfnen Arbeiter auf; die nächste, sage ich, aber dieß „nächste“ mag 3 oder 4 Meilen vom Pachthof sein, wo der Arbeiter sich täglich abzuplakken hat. So wird seinem Tageswerk, als ob es gar nichts sei, die Nothwendigkeit eines täglichen Marsches von 6 oder 8 Meilen zur Verdienung seines täglichen Brodes hinzugefügt. Alle von seiner Frau und seinen Kindern verrichtete Landarbeit geht jetzt unter denselben erschwerenden Umständen vor. Und dieß ist nicht das ganze Uebel, welches ihm die Entfernung verursacht. In der offnen Ortschaft kaufen Bauspekulanten Bodenfetzen, welche sie so dicht wie möglich mit den wohlfeilsten aller möglichen Spelunken besäen. Und in diesen elenden Wohnlichkeiten, die sogar, wenn sie auf das offne Land münden, die ungeheuerlichsten Charakterzüge der schlechtesten Stadtwohnungen theilen, locken die Ackerbauarbeiter Englands165) ... Andrerseits ||651| muß man sich nur nicht einbilden, daß selbst der auf dem Grund und Boden, den er bebaut, behauste Arbeiter eine Wohnlichkeit findet, wie sie sein Leben produktiver Industrie verdient. Selbst auf den fürstlichsten Gütern ist seine Cottage oft von der allerjämmerlichsten Art. Es gibt Landlords, die einen Stall gut genug für ihre Arbeiter und deren Familien glauben, und die es dennoch nicht verschmähn, aus ihrer Miethe so viel Baares als möglich herauszuschlagen166). Es mag nur eine verfallende Hütte mit einer Schlafstube sein, ohne Feuerherd, ohne Abtritt, ohne öffenbare Fenster, ohne Wasserzufuhr außer dem Graben, ohne Garten, der Arbeiter ist hülflos gegen die Unbill. Und unsre gesundheitspolizeilichen Gesetze (The Nuisances Removal Acts) sind ein todter Buchstabe. Ihre Ausführung ist ja grade den Eigenthümern anvertraut, welche solche Löcher vermiethen ... Man muß sich ||652| durch ausnahmsweise lichtvollere Scenen nicht blenden lassen über das erdrückende Uebergewicht der Thatsachen, die ein Schandfleck der englischen Civilisation sind. Schauderhaft muß in der That die Lage der Dinge sein, wenn, trotz der augenfälligen Ungeheuerlichkeit der gegenwärtigen Behausung, kompetente Beobachter einstimmig zu dem Schlußresultat gelangen, daß selbst die allgemeine Nichtswürdigkeit der Wohnungen noch ein unendlich minder drückendes Uebel ist als ihr bloß numerischer Mangel. Seit Jahren war die Ueberstopfung der Wohnungen der Landarbeiter ein Gegenstand tiefen Kummers nicht nur für Personen, die auf Gesundheit, sondern für alle, die auf anständiges und moralisches Leben halten. Denn, wieder und wieder, in Ausdrücken so gleichförmig, daß sie stereotypirt zu sein scheinen, denunciren die Berichterstatter über die Verbreitung epidemischer Krankheiten in den ländlichen Distrikten Hausüberfüllung als eine Ursache, die jeden Versuch, den Fortschritt einer einmal eingeführten Epidemie aufzuhalten, durchaus vereitelt. Und wieder und wieder ward nachgewiesen, daß den vielen gesunden Einflüssen des Landlebens zum Trotz die Agglomeration, welche das Umsichgreifen ansteckender Krankheiten so sehr beschleunigt, auch die Entstehung nicht ansteckender Krankheiten fördert. Und die Personen, welche diesen Zustand denuncirt haben, verschwiegen weitres Unheil nicht. Selbst wo ihr ursprüngliches Thema nur die Gesundheitspflege betraf, waren sie beinahe gezwungen, auf die andren Seiten des Gegenstandes einzugehn. Indem sie nachwiesen, wie häufig es sich ereignet, daß erwachsne Personen beiderlei Geschlechts, verheirathet und unverheirathet, zusammengehudelt (huddled) werden in engen Schlafstuben, mußten ihre Berichte die Ueberzeugung hervorrufen, daß unter den beschriebenen Umständen Scham- und Anstandsgefühl aufs gröbste verletzt und alle Moralität fast nothwendig ruinirt wird167). ... Z. B. im Appendix meines letzten Berichts erwähnt ||653| Dr. Ord, in seinem Bericht über den Fieberausbruch zu Wing in Buckinghamshire, wie ein junger Mann von Wingrave mit Fieber dorthin kam. In den ersten Tagen seiner Krankheit schlief er mit 9 andren Personen in einem Gemach zusammen. In zwei Wochen wurden verschiedne Personen ergriffen, im Verlauf weniger Wochen verfielen 5 von den 9 Personen dem Fieber und eine starb! Gleichzeitig berichtete mir Dr. Harvey von St. George’s Spital, der Wing während der Epidemiezeit in Angelegenheiten seiner Privatpraxis besuchte, in demselben Sinne: „Ein junges, fieberkrankes Frauenzimmer schlief Nachts in derselben Stube mit Vater, Mutter, ihrem Bastardkind, zwei jungen Männern, ihren Brüdern, und ihren zwei Schwestern, jede mit einem Bastard, in allem 10 Personen. Wenige Wochen vorher schliefen 13 Kinder in demselben Raume“168).
Dr. Hunter untersuchte 5375 Landarbeiter-Cottages, nicht nur in den reinen Agrikulturdistrikten, sondern in allen Grafschaften Englands. Unter diesen 5375 hatten 2195 nur eine Schlafstube (oft zugleich Wohnstube), 2930 nur 2 und 250 mehr als 2. Ich will für ein Dutzend Grafschaften eine kurze Blüthenlese geben.
1) Bedfordshire.
Wrestlingworth: Schlafzimmer ungefähr 12 Fuß lang und 10 breit, obgleich viele kleiner sind. Die kleine einstöckige Hütte wird oft durch Bretter in zwei Schlafstuben getheilt, oft ein Bett in einer Küche 5 Fuß 6 Zoll hoch. Miethe 3 Pfd. St. Die Miether haben ihre eignen Abtritte zu bauen, der Hauseigenthümer liefert nur ein Loch. So oft einer einen Abtritt baut, wird letzterer von der ganzen Nachbarschaft benutzt. Ein Haus Namens Richardson von unerreichbarer Schöne. Seine Mörtelwände bauschten aus wie ein Damenkleid beim Knix. Ein Giebelende war konvex, das andre konkav, und auf dem letztren stand unglücklicher Weise ein Schornstein, ein krummes Rohr von Lehm und Holz gleich einem Elephantenrüssel. Ein langer Stock diente als Stütze, um den Fall des Schornsteins zu verhindern, Thür und Fenster rautenförmig. Von 17 besuchten Häusern nur 4 mit mehr als 1 Schlafzimmer und diese 4 überstopft. Die einschläfrigen Cots bargen 3 Erwachsne mit 3 Kindern, ein verheirathetes Paar mit 6 Kindern u. s. w.
Dunton: Hohe Hausrenten, von 4 bis 5 Pfd. St., Wochenlohn der Männer 10 sh. Sie hoffen durch Strohflechten der Familie ||654| die Miethe herauszuschlagen. Je höher die Hausmiethe, desto größer die Zahl, die sich zusammenthun muß, um sie zu zahlen. Sechs Erwachsne, die mit 4 Kindern in einer Schlafstube, zahlen dafür 3 Pfd. 10 sh. Das wohlfeilste Haus in Dunton, von der Außenseite 15 Fuß lang, 10 breit, vermiethet für 3 Pfd. St. Nur eins von den 14 untersuchten Häusern hatte zwei Schlafstuben. Etwas vor dem Dorf ein Haus, von den Insassen bekothet vor seinen Außenwänden, die untern 9 Zoll der Thür verschwunden durch reinen Verfaulungsproceß, einige Ziegelsteine von innen sinnreich des Abends beim Zuschließen vorgeschoben und mit etwas Matte verhangen. Ein halbes Fenster, sammt Glas und Rahmen, war ganz den Weg alles Fleisches gegangen. Hier, ohne Möbel, hudelten 3 Erwachsne und 5 Kinder zusammen. Dunton ist nicht schlimmer als der Rest der Biggleswade Union.
2) Berkshire.
Beenham: Juni 1864 lebte ein Mann, Frau, 4 Kinder in einem Cot (einstöckigen Cottage). Eine Tochter kam heim aus dem Dienst mit Scharlachfieber. Sie starb. Ein Kind erkrankte und starb. Die Mutter und ein Kind litten am Typhus, als Dr. Hunter gerufen wurde. Der Vater und ein Kind schliefen auswärts, aber die Schwierigkeit, Isolirung zu sichern, zeigte sich hier, denn im vollgepropften Markt des elenden Dorfs lag das Leinen des fiebergeschlagnen Hauses, auf Wäsche wartend. – Die Miethe von H.’s Haus 1 sh. wöchentlich; das eine Schlafzimmer für ein Paar und 6 Kinder. Ein Haus vermiethet zu 8 d. (wöchentlich), 14 Fuß 6 Zoll lang, 7 Fuß breit, Küche 6 Fuß hoch; das Schlafzimmer ohne Fenster, Feuerplatz, Thür, noch Oeffnung, außer nach dem Gang zu, kein Garten. Ein Mann lebte hier vor kurzem mit zwei erwachsnen Töchtern und einem aufwachsenden Sohn; Vater und Sohn schliefen auf dem Bett, die Mädchen auf dem Hausgang. Jede hatte ein Kind, so lange die Familie hier lebte, aber eine ging zum Workhouse für ihre Entbindung und kehrte dann heim.
3) Buckinghamshire.
30 Cottages – auf 1000 Acres Land – enthalten hier ungefähr 130–140 Personen. Die Pfarrei von Bradenham umfaßt 1000 Acres; sie hatte 1851 36 Häuser und eine Bevölkerung von 84 Manns- und 54 Weibspersonen. Diese geschlechtliche Ungleichheit geheilt 1861, wo sie 98 männlichen und 87 weiblichen Geschlechts zählte, Zuwachs in 10 Jahren von 14 Männern und ||655| 33 Weibern. Unterdeß hatte die Häuserzahl um 1 abgenommen.
Winslow: Großer Theil davon neu gebaut in gutem Styl; Nachfrage nach Häusern scheint bedeutend, weil sehr armselige Cots vermiethet zu 1 sh. und 1 sh. 3 d. per Woche.
Water Eaton: Hier haben die Eigenthümer im Angesicht wachsender Bevölkerung ungefähr 20 % der existirenden Häuser zerstört. Ein armer Arbeiter, der ungefähr 4 Meilen zu seinem Werk zu gehn hatte, antwortete auf die Frage, ob er kein Cot näher finden könnte: „Nein, sie werden sich verdammt hüten, einen Mann mit meiner großen Familie aufzunehmen.“
Tinker’s End, bei Winslow: Eine Schlafstube, worin 4 Erwachsne und 5 Kinder, 11 Fuß lang, 9 Fuß breit, 6 Fuß 5 Zoll hoch am höchsten Punkt; ein andres 11 Fuß 7 Zoll lang, 9 Fuß breit, 5 Fuß 10 Zoll hoch, beherbergte 6 Personen. Jede dieser Familien hatte weniger Raum als nöthig für einen Galeerensträfling. Kein Haus hatte mehr als ein Schlafzimmer, keins eine Hinterthür, Wasser sehr selten. Wochenmiethe von 1 sh. 4 d. zu 2 sh. In 16 untersuchten Häusern nur ein einziger Mann, der 10 sh. wöchentlich verdiente. Das Luftreservoir, jeder Person in dem erwähnten Falle gegönnt, entspricht dem, das ihr zu gut käme, wenn des Nachts eingeschlossen in eine Schachtel von 4 Fuß Kubik. Allerdings bieten die alten Hütten eine Masse naturwüchsiger Ventilation.
4) Cambridgeshire.
Gamblingay gehört verschiednen Eigenthümern. Es enthält die lumpigsten Cots, die man irgendwo finden kann. Viel Strohflechterei. Eine tödtliche Mattheit, eine hoffnungslose Ergebung in Schmutz beherrscht Gamblingay. Die Vernachlässigung in seinem Centrum wird zur Tortur an den Extremitäten, Nord und Süd, wo die Häuser stückweis abfaulen. Die abwesenden Landlords lassen dem armen Nest flott zur Ader. Die Miethen sind sehr hoch; 8 bis 9 Personen gepackt in ein einschläfriges Zimmer, in zwei Fällen 6 Erwachsne mit je 1 und 2 Kindern in einer kleinen Schlafstube.
5) Essex.
In dieser Grafschaft gehn in vielen Pfarreien Abnahme von Personen und Cottages Hand in Hand. In nicht weniger als 22 Pfarreien hat jedoch die Häuserzerstörung den Bevölkerungsanwachs nicht aufgehalten, oder nicht die Expulsion bewirkt, ||656| welche unter dem Namen: „Wanderung nach den Städten“ überall vorgeht. In Fingringhoe, einer Pfarrei von 3443 Acres, standen 1851 145 Häuser, 1861 nur noch 110, aber das Volk wollte nicht fort und brachte es fertig, selbst unter dieser Behandlung zuzunehmen. Zu Ramsden Crays bewohnten 1851 252 Personen 61 Häuser, aber 1861 waren 262 Personen in 49 Häuser gequetscht. In Basildon lebten 1851 auf 1827 Acres 157 Personen in 35 Häusern, am Ende des Decenniums 180 Personen in 27 Häusern. In den Pfarreien von Fingringhoe, South Fambridge, Widford, Basildon und Ramsden Crays lebten 1851 auf 8449 Acres 1392 Personen in 316 Häusern, 1861 auf demselben Areal 1473 Personen in 249 Häusern.
6) Herefordshire.
Diese kleine Grafschaft hat mehr gelitten vom „Evictionsgeist“ als irgend eine andre in England. Zu Madley gehören die überstopften Cottages, meist mit 2 Schlafzimmern, großentheils den Pächtern. Sie vermiethen selbe leicht zu 3 oder 4 Pfd. St. per Jahr und zahlen Wochenlohn von 9 sh.!
7) Huntingdonshire.
Hartford hatte 1851 87 Häuser, kurz nachher 19 Cottages zerstört in dieser kleinen Pfarrei von 1720 Acres; Einwohnerschaft 1831: 452 Personen, 1851: 382 und 1861: 341. Vierzehn einschläfrige Cots untersucht. In einem 1 verheirathetes Paar, 3 erwachsne Söhne, 1 erwachsnes Mädchen, 4 Kinder, zusammen 10; in einem andren 3 Erwachsne, 6 Kinder. Eine dieser Stuben, worin 8 Personen schliefen, war 12 Fuß 10 Zoll lang, 12 Fuß 2 Zoll breit, 6 Fuß 9 Zoll hoch; Durchschnittsmaß, ohne Abzug der Vorsprünge, ergab ungefähr 130 Kubikfuß per Kopf. In den 14 Schlafstuben 34 Erwachsne und 33 Kinder. Diese Cottages selten mit Gärtchen versehn, aber viele der Insassen konnten kleine Fetzen Land, 10 oder 12 sh. per rood (¼ Acre) pachten. Diese allotments sind entfernt von den abtrittslosen Häusern. Die Familie muß entweder zu ihrer Parcelle gehn, um ihre Exkremente abzulagern, oder, wie es, mit Respekt zu melden hier geschieht, die Schublade eines Schranks damit füllen. Sobald sie voll, wird sie ausgezogen und dort entleert, wo ihr Inhalt nöthig ist. In Japan geht der Cirkellauf der Lebensbedingungen reinlicher von statten.
8) Lincolnshire.
Langtoft: Ein Mann wohnt hier in Wright’s Haus mit seiner ||657| Frau, ihrer Mutter und 5 Kindern; das Haus hat Vorderküche, Spülkammer, Schlafzimmer über der Vorderküche; Vorderküche und Schlafstube 12 Fuß 2 Zoll lang, 9 Fuß 5 Zoll breit, die ganze Grundfläche 21 Fuß 3 Zoll lang, 9 Fuß 5 Zoll breit. Die Schlafstube ist ein Dachraum, die Wände laufen zuckerhutig an der Decke zusammen, und ein Klappfenster öffnet sich in der Front. Warum wohnte er hier? Garten? Außerordentlich winzig. Miethe? Hoch, 1 sh. 3 d. per Woche. Nah seiner Arbeit? Nein, 6 Meilen entfernt, so daß er täglich 12 Meilen hin und her vermarschirt. Er wohnte da, weil es ein vermiethbares Cot war, und weil er ein Cot für sich allein haben wollte, irgendwo, zu irgend einem Preis, in irgend einem Zustand. Folgendes ist die Statistik von 12 Häusern in Langtoft mit 12 Schlafstuben, 38 Erwachsnen und 36 Kindern:
12 Häuser in Langtoft.
| Häuser. | Schlaf- | Er- | Kinder. | Per- | Häuser. | Schlaf- | Er- | Kinder. | Per- |
| stuben | wachsne. | sonen- | stuben. | wachsne. | sonen | ||||
| zahl. | zahl. | ||||||||
| 1 | 1 | 3 | 5 | 8 | 1 | 1 | 3 | 3 | 6 |
| 1 | 1 | 4 | 3 | 7 | 1 | 1 | 3 | 2 | 5 |
| 1 | 1 | 4 | 4 | 8 | 1 | 1 | 2 | 0 | 2 |
| 1 | 1 | 5 | 4 | 9 | 1 | 1 | 2 | 3 | 5 |
| 1 | 1 | 2 | 2 | 4 | 1 | 1 | 3 | 3 | 6 |
| 1 | 1 | 5 | 3 | 8 | 1 | 1 | 2 | 4 | 6 |
9) Kent.
Kennington, höchst traurig überfüllt 1859, als die Diptherie erschien und der Kirchspielsarzt eine amtliche Untersuchung über die Lage der ärmeren Volksklasse veranstaltete. Er fand, daß in dieser Ortschaft, wo viel Arbeit nöthig, verschiedne Cots zerstört und keine neuen erbaut worden waren. In einem Bezirk standen 4 Häuser, birdcages (Vogelkäfige) benamst; jedes hatte 4 Zimmer mit den folgenden Dimensionen in Fuß und Zoll:
| Küche | 9,5 | × 8,11 | × 6,6 |
| Spülkammer | 8,6 | × 4,6 | × 6,6 |
| Schlafzimmer | 8,5 | × 5,10 | × 6,3 |
| Schlafzimmer | 8,3 | × 8,4 | × 6,3 |
10) Northamptonshire.
Brixworth, Pitsford und Floore: In diesen Dörfern lungern im Winter 20–30 Mann aus Arbeitsmangel auf den Straßen herum. ||658| Die Pächter bestellen nicht immer hinreichend das Korn- und Wurzelland, und der Landlord hat es passend gefunden, alle seine Pachten in 2 oder 3 zusammenzuwerfen. Daher Mangel an Beschäftigung. Während von der einen Seite des Grabens das Feld nach Arbeit schreit, werfen ihm die geprellten Arbeiter von der andren Seite sehnsüchtige Blicke zu. Fieberhaft überarbeitet im Sommer und halbverhungert im Winter, ist es kein Wunder, wenn sie in ihrem eignen Dialekt sagen, daß „the parson and gentlefolks seem frit to death at them“168a).
Zu Floore Beispiele von Paaren mit 4, 5, 6 Kindern in einer Schlafstube kleinster Ausgabe, ditto 3 Erwachsne mit 5 Kindern, ditto ein Paar mit Großvater und 6 scharlachkranken Kindern etc.; in 2 Häusern mit 2 Schlafstuben 2 Familien von je 8 und 9 Erwachsnen.
11) Wiltshire.
Stratton: 31 Häuser besucht, 8 mit nur einer Schlafstube; Penhill in derselben Pfarrei. Ein Cot vermiethet zu 1 sh. 3 d. wöchentlich an 4 Erwachsne und 4 Kinder, hatte außer guten Wänden nichts Gutes an sich, vom Estrich aus rauhgehaunen Steinen bis zum faulen Strohdach.
12) Worcestershire.
Hauszerstörung hier nicht ganz so arg; doch von 1851–1861 vermehrte sich das Personal per Haus von 4,2 zu 4,6 Individuen.
Badsey: Viele Cots und Gärtchen hier. Einige Pächter erklären die Cots „a great nuisance here, because they bring the poor“. (Die Cots großer Mißstand, weil sie die Armen herbringen.) Auf die Aeußerung eines Gentleman: „Die Armen sind deßwegen um nichts besser dran; wenn man 500 Cots baut, gehn sie wie die Wecken ab, in der That je mehr man davon baut, desto mehr sind nöthig“ – die Häuser bringen nach ihm die Einwohner hervor, die naturgesetzlich auf „die Mittel der Behausung“ drücken –, bemerkt Dr. Hunter: „Nun, diese Armen müssen irgend woher kommen, und da keine besondre Attraktion, wie milde Gaben, in Badsey existirt, muß Repulsion von einem noch unbequemeren Platz existiren, der sie hierhin treibt. Könnte jeder ein Cot und ein Stückchen Land in der Nähe seines Arbeitsplatzes finden, so würde er solche sicher Badsey vorziehn, wo er für seine Handvoll Boden zweimal soviel zahlt als der Pächter für den seinen.“ |
|659| Die beständige Emigration nach den Städten, die beständige „Ueberzähligmachung“ auf dem Land durch Koncentration von Pachtungen, Verwandlung von Acker in Weide, Maschinerie u. s. w., und die beständige Eviktion der Landbevölkerung durch Zerstörung der Cottages gehn Hand in Hand. Je menschenleerer der Distrikt, desto größer seine „relative Uebervölkerung“, desto größer ihr Druck auf die Beschäftigungsmittel, desto größer der absolute Ueberschuß des Landvolks über seine Behausungsmittel, desto größer also in den Dörfern die lokale Ueberpopulation und die pestilenzialischste Menschenzusammenpackung. Die Verdichtung des Menschenknäuels in zerstreuten kleinen Dörfern und Marktflecken entspricht der gewaltsamen Menschenentleerung auf der Oberfläche des Landes. Die ununterbrochne „Ueberzähligmachung“ der Landarbeiter trotz ihrer abnehmenden Anzahl und mit der wachsenden Masse ihres Produkts, ist die Wiege ihres Pauperismus. Ihr eventueller Pauperismus ist ein Motiv ihrer Eviktion und die Hauptquelle ihrer Wohnlichkeitsmisère, welche die letzte Widerstandsfähigkeit bricht und sie zu reinen Sklaven der Grundherrn169) und Pächter macht, so daß das Minimum des Arbeitslohns sich zum Naturgesetz für sie befestigt. Andrerseits ist das Land trotz seiner beständigen „relativen Uebervölkerung“ zugleich untervölkert. Dies zeigt sich nicht nur lokal auf solchen Punkten, wo der Menschenabfluß nach den Städten, Minen, Eisenbahnbauten u. s. w. zu rasch vorgeht, es zeigt sich überall sowohl zur Erntezeit als im Frühling und Sommer während der zahlreichen Momente, wo die sehr sorgfältige und intensive englische Agrikultur Extrahände braucht. Es sind der Landarbeiter stets zu viel für die mittleren und stets zu wenig für die ausnahmsweisen oder temporären Bedürfnisse des Landbaus170). Da||660|her findet man in den officiellen Dokumenten die widerspruchsvolle Klage derselben Orte über gleichzeitigen Arbeitsmangel und Arbeitsüberfluß registrirt. Der temporäre oder lokale Arbeitsmangel bewirkt keine Erhöhung des Arbeitslohns, sondern Pressung von Weibern und Kindern in den Feldbau und Herabsteigen zu stets niedrigeren Altersstufen. Sobald die Weiber- und Kinderausbeutung größeren Spielraum gewinnt, wird sie ihrerseits ein neues Mittel zur Ueberzähligmachung des männlichen Landarbeiters und Niederhaltung seines Lohns. Im Osten Englands blüht eine schöne Frucht dieses cercle vicieux – das sog. Gangsystem (Gang- oder Bandensystem), worauf ich hier kurz zurückkomme171).
Das Gangsystem haust fast ausschließlich in Lincolnshire, Huntingdonshire, Cambridgeshire, Norfolk, Suffolk und Nottinghamshire, sporadisch in den benachbarten Grafschaften von Northampton, Bedford und Rutland. Als Beispiel diene hier Lincolnshire. Ein großer Theil dieser Grafschaft ist neu, früheres Moor oder auch, wie in andren der genannten östlichen Grafschaften, der See erst abgewonnenes Land. Die Dampfmaschine hat für die Entwässerung Wunder gewirkt. Früherer Morast und Sandboden trägt jetzt ein üppiges Kornmeer und die höchsten Grundrenten. Dasselbe gilt von dem künstlich gewonnenen Alluvialland, wie in der Insel von Axholme und den andren Pfarreien am Ufer des Trent. Im Maß wie die neuen Pachten entstanden, wurden nicht nur keine neuen Cottages gebaut, sondern alte niedergerissen, die Arbeitszufuhr aber verschafft aus den meilenweit entfernten offnen Dörfern längs den Landstraßen, die an Hügelrükken vorbeischlängeln. Dort hatte die Bevölkerung früher allein Schutz vor | |661| den langanhaltenden Winterüberschwemmungen gefunden. Auf den Pachten von 400 bis 1000 Acres ansässige Arbeiter (sie heißen hier „confined labourers“) dienen ausschließlich zur permanenten schweren und mit Pferden verrichteten Landarbeit. Auf je 100 Acres (1 Acre = 40,49 Aren oder 1,584 preußische Morgen) kommt im Durchschnitt kaum eine Cottage. Ein Fenlandpächter z. B. sagt aus vor der Untersuchungskommission: „Meine Pachtung erstreckt sich über 320 Acres, alles Kornland. Sie hat keine Cottage. Ein Arbeiter wohnt jetzt bei mir. Ich habe vier Pferdemänner in der Umgegend logirend. Das leichte Werk, wozu zahlreiche Hände nöthig, wird durch Gänge vollbracht“172). Der Boden erheischt viel leichtes Feldwerk wie Ausjäten des Unkrauts, Behackung, gewisse Düngeroperationen, Auflesen der Steine u. s. w. Es wird verrichtet durch die Gänge oder organisirten Banden, deren Wohnsitz in den offnen Ortschaften.
Der Gang besteht aus 10 bis 40 oder 50 Personen, nämlich Weibern, jungen Personen beiderlei Geschlechts (13–18 Jahr), obgleich Jungen meist mit dem 13. Jahr ausscheiden, endlich Kindern beiderlei Geschlechts (6–13 Jahr). An der Spitze steht der Gangmaster (Gangmeister), immer ein gewöhnlicher Landarbeiter, meist ein sog. schlechter Kerl, Liederjahn, unstät, versoffen, aber mit einem gewissen Unternehmungsgeist und savoir faire. Er wirbt den Gang, der unter ihm arbeitet, nicht unter dem Pächter. Mit letztrem akkordirt er meist auf Stückwerk, und sein Einkommen, das im Durchschnitt nicht sehr hoch über das eines gewöhnlichen Landarbeiters steigt173), hängt fast ganz ab vom Geschick, womit er in kürzester Zeit möglichst viel Arbeit aus seiner Bande flüssig zu machen weiß. Die Pächter haben entdeckt, daß Frauenzimmer nur unter männlicher Diktatur ordentlich arbeiten, daß aber Frauenzimmer und Kinder, wenn einmal im Zug, mit wahrem Ungestüm, was schon Fourier wußte, ihre Lebenskraft verausgaben, während der erwachsne männliche Arbeiter so heimtückisch ist damit, soviel er kann, hauszuhalten. Der Gangmeister zieht von einem Gut zum andren und beschäftigt so seine Bande 6–8 Monate im Jahr. Seine Kundschaft ist daher viel einträglicher und sicherer für die Arbeiterfamilien als die des einzelnen Pächters, welcher nur gelegentlich Kinder beschäftigt. ||662| Dieser Umstand befestigt seinen Einfluß in den offnen Ortschaften so sehr, daß Kinder meist nur durch seine Vermittlung dingbar sind. Individuelles Verpumpen der letztren, getrennt vom Gang, bildet sein Nebengeschäft.
Die „Schattenseiten“ des Systems sind die Ueberarbeit der Kinder und jungen Personen, die ungeheuren Märsche, die sie täglich zu und von den 5, 6 und manchmal 7 Meilen entfernten Gütern zurücklegen, endlich die Demoralisation des „Gangs“. Obgleich der Gangmeister, der in einigen Gegenden „the driver“ (Treiber) heißt, mit einem langen Stabe ausgerüstet ist, wendet er solchen jedoch nur selten an, und Klage über brutale Behandlung ist Ausnahme. Er ist ein demokratischer Kaiser oder eine Art Rattenfänger von Hameln. Er bedarf also der Popularität unter seinen Unterthanen und fesselt sie an sich durch das unter seinen Auspicien blühende Zigeunerthum. Rohe Ungebundenheit, lustige Ausgelassenheit und obscönste Frechheit leihen dem Gang Flügel. Meist zahlt der Gangmeister in einer Kneipe aus und kehrt dann wohl wankend, rechts und links gestützt auf ein stämmiges Frauenmensch, an der Spitze des Zugs heim, die Kinder und jungen Personen hinterher tollend, Spott und Zotenlieder singend. Auf dem Rückweg ist das, was Fourier „Phanerogamie“ nennt, an der Tagesordnung. Die Schwängerung dreizehn- und vierzehnjähriger Mädchen durch ihre männlichen Altersgenossen ist häufig. Die offnen Dörfer, welche das Kontingent des Gangs stellen, werden Sodoms und Gomorrhas174) und liefern doppelt so viel uneheliche Geburten als der Rest des Königreichs. Was in dieser Schule gezüchtete Mädchen als verheirathete Frauen in der Moralität leisten, ward schon früher angedeutet. Ihre Kinder, soweit Opium ihnen nicht den Garaus macht, sind geborne Rekruten des Gangs.
Der Gang in seiner eben beschriebenen klassischen Form heißt öffentlicher, gemeiner, oder Wandergang (public, common or tramping gang). Es giebt nämlich auch Privatgänge (private gangs). Sie sind zusammengesetzt wie der Gemeingang, zählen aber weniger Köpfe und arbeiten, statt unter dem Gangmeister, unter einem alten Bauernknecht, den der Pächter nicht besser zu verwenden weiß. Der Zigeunerhumor verschwindet hier, aber nach allen Zeugenaussagen verschlechtern sich Zahlung und Behandlung der Kinder. |
|663| Das Gangsystem, das sich seit den letzten Jahren beständig ausdehnt175), existirt offenbar nicht dem Gangmeister zu lieb. Es existirt zur Bereicherung der großen Pächter176), resp. Grundherrn177). Für den Pächter giebt’s keine sinnreichere Methode, sein Arbeiterpersonal tief unter dem normalen Niveau zu halten und dennoch für alles Extrawerk stets die Extrahand bereit zu haben, mit möglichst wenig Geld möglichst viel Arbeit herauszuschlagen178) und den erwachsnen männlichen Arbeiter „überzählig“ zu machen. Nach der früheren Auseinandersetzung versteht man, wenn einerseits die größere oder geringere Beschäftigungslosigkeit des Landmanns zugestanden, andrerseits zugleich das Gangsystem wegen Mangels an männlicher Arbeit und ihrer Wanderung nach den Städten für „nothwendig“ erklärt wird179). Das unkrautreine Feld und das Menschenunkraut von Lincolnshire u. s. w. sind Pol und Gegenpol der kapitalistischen Produktion180).|
|664|f) Irland.
Zum Schluß dieses Abschnitts müssen wir noch einen Augenblick nach Irland wandern. Zunächst die Thatsachen, worauf es hier ankommt.
Irlands Bevölkerung war 1841 auf 8 222 664 Personen angewachsen, 1851 auf 6 623 985 zusammengeschmolzen, 1861 auf 5 850 309, 1866 auf 5½ Million, ungefähr auf ihr Niveau von 1801. Die Abnahme begann mit dem Hungerjahr 1846, so daß Irland in weniger als 20 Jahren mehr als seiner Volksmenge verlor181). Seine Gesammtemigration von Mai 1851 bis Juli 1865 zählte 1 591 487 Personen, die Emigration während der letzten 5 Jahre 1861–1865 mehr als eine halbe Million. Die Zahl der bewohnten Häuser verminderte sich von 1851–1861 um 52 990. Von 1851–1861 wuchs die Zahl der Pachthöfe von 15–30 Acres um 61 000, die der Pachthöfe über 30 Acres um 109 000, während die Gesammtzahl aller Pachten um 120 000 abnahm, eine Ab||665|nahme, die also ausschließlich der Vernichtung von Pachten unter 15 Acres, alias ihrer Centralisation geschuldet ist.
Die Abnahme der Volksmenge war natürlich im Großen und Ganzen von einer Abnahme der Produktenmasse begleitet. Für unsren Zweck genügt es, die 5 Jahre 1861–1865 zu betrachten, während deren über ½ Million emigrirte und die absolute Volkszahl um mehr als ⅛ Million sank. (s. Tab. A.)
Tabelle A. Viehstand.
| Jahr. | Pferde. | Hornvieh. | |||
| Gesammt- | Abnahme. | Gesammt- | Abnahme. | Zunahme. | |
| zahl. | zahl. | ||||
| 1860 | 619 811 | 3 606 374 | |||
| 1861 | 614 232 | 5 579 | 3 471 688 | 134 686 | |
| 1862 | 602 894 | 11 338 | 3 254 890 | 216 798 | |
| 1863 | 579 978 | 22 916 | 3 144 231 | 110 659 | |
| 1864 | 562 158 | 17 820 | 3 262 294 | 118 063 | |
| 1865 | 547 867 | 14 291 | 3 493 414 | 231 120 | |
| Jahr. | Schafe. | Schweine. | ||||
| Gesammt- | Abnahme. | Zunahme. | Gesammt- | Abnahme. | Zunahme. | |
| zahl. | zahl. | |||||
| 1860 | 3 542 080 | 1 271 072 | ||||
| 1861 | 3 556 050 | 13 970 | 1 102 042 | 169 030 | ||
| 1862 | 3 456 132 | 99 918 | 1 154 324 | 52 282 | ||
| 1863 | 3 308 204 | 147 928 | 1 067 458 | 86 866 | ||
| 1864 | 3 366 941 | 58 737 | 1 058 480 | 8 978 | ||
| 1865 | 3 688 742 | 321 801 | 1 299 893 | 241 413 | ||
Aus der vorhergehenden Tabelle ergiebt sich:
| Pferde. | Hornvieh. | Schafe. | Schweine. |
| Absolute Abnahme. | Absolute Abnahme. | Absolute Zunahme. | Absolute Zunahme. |
| 71 944 | 112 960 | 146 662 | 28 821182) |
Wenden wir uns jetzt zum Ackerbau, der die Lebensmittel für | |666| Vieh und Mensch liefert. In der folgenden Tabelle ist Ab- oder Zunahme für jedes einzelne Jahr mit Bezug auf das unmittelbar vorhergehende berechnet. Die Kornfrucht umfaßt Weizen, Hafer, Gerste, Roggen, Bohnen und Erbsen, die Grünfrucht Kartoffeln, Turnips, Mangold- und Runkelrübe, Kohl, gelbe Rüben, Parsnips, Wicke u. s. w.
Tabelle B. Zu- oder Abnahme des zum Fruchtbau und als Wiese (resp. Weide) benutzten Bodenareals in Acres.
| Korn- | Grünfrucht. | Grasland | Flachs. | Alles zu | |||||
| frucht. | und Klee. | Ackerbau | |||||||
| und Viehzucht | |||||||||
| dienende Land. | |||||||||
| Jahr. | Ab- | Ab- | Zu- | Ab- | Zu- | Ab- | Zu- | Ab- | Zu- |
| nahme. | nahme. | nahme. | nahme. | nahme. | nahme. | nahme. | nahme. | nahme. | |
| Acres | Acres | Acres | Acres | Acres | Acres | Acres | Acres | Acres | |
| 1861 | 15 701 | 36 974 | 47 969 | 19 271 | 81 373 | ||||
| 1862 | 72 734 | 74 785 | 6 623 | 2 055 | 138 841 | ||||
| 1863 | 144 719 | 19 358 | 7 724 | 63 922 | 92 431 | ||||
| 1864 | 122 437 | 2 317 | 47 486 | 87 761 | 10 493 | ||||
| 1865 | 72 450 | 25 421 | 68 970 | 50 159 | 28 218 | ||||
| 1861–1865 | 428 041 | 108 013 | 82 834 | 122 850 | 330 370 | ||||
Im Jahr 1865 kamen unter der Rubrik „Grasland“ 127 470 Acres hinzu, hauptsächlich weil das Areal unter der Rubrik „unbenutztes wüstes Land und Bog (Torfmoor)“ um 101 543 Acres abnahm. Vergleichen wir 1865 mit 1864, so Abnahme in Kornfrucht 246 667 Qrs., wovon 48 999 Weizen, 166 605 Hafer, 29 892 Gerste u.s.w.; Abnahme an Kartoffeln, obgleich das Areal ihrer Bebauung 1865 wuchs, 446 398 Tonnen u.s.w. (S.Tab.C.)
Von der Bewegung der Bevölkerung und Bodenproduktion Irlands gehn wir über zur Bewegung in der Börse seiner Landlords, größeren Pächter und industriellen Kapitalisten. Sie spiegelt sich im Ab und Zu der Einkommensteuer. Zum Verständniß der folgenden Tabelle D sei bemerkt, daß Rubrik D (Profite mit Ausnahme der Pächterprofite) auch sog. „professionelle“ Profite einbegreift, d. h. die Einkommen von Advokaten, Aerzten u.s.w., die nicht besonders aufgezählten Rubriken C und E aber die Einnahmen von Beamten, Offizieren, Staatssinekuristen, Staatsgläubigern u.s.w.|
[Hier folgt die Tabelle S. 631.]
|668| Tabelle D. Der Einkommensteuer unterliegende Einkommen in Pfd. St.
| 1860. | 1861. | 1862. | 1863. | 1864. | 1865. | |||
| Rubrik A. | ||||||||
| Grundrente. | 12 893 829 | 13 003 554 | 13 398 938 | 13 494 091 | 13 470 700 | 13 801 616 | ||
| Rubrik B. | ||||||||
| Pächterprof. | 2 765 387 | 2 773 644 | 2 937 899 | 2 938 923 | 2 930 874 | 2 946 072 | ||
| Rubrik D. | ||||||||
| Industrielle | ||||||||
| etc. Profite. | 4 891 652 | 4 836 203 | 4 858 800 | 4 846 497 | 4 546 147 | 4 850 199 | ||
| Sämmtliche | ||||||||
| Rubriken | ||||||||
| A bis E. | 22 962 885 | 22 998 394 | 23 597 574 | 23 658 631 | 23 236 298 | 23 930 340 | 184) | |
Unter Rubrik D betrug die Zunahme des Einkommens im Jahresdurchschnitt von 1853–1864 nur 0,93, während sie in derselben Periode in Großbritannien 4,58 betrug. Die folgende Tabelle zeigt die Vertheilung der Profite (mit Ausschluß der Pächterprofite) für die Jahre 1864 und 1865: Tabelle E. Rubrik D. Einkommen aus Profiten (über 60 Pfd. St.) in Irland.
| 1864. | 1865. | |||||||||
| Pfd. St. | Pfd. St. | |||||||||
| Jährliche | ||||||||||
| Gesammt- | ||||||||||
| einnahme von: | 4 368 610 | vertheilt | unter | 17 467 | Pers. | 4 669 979 | vertheilt | unter | 18 081 | P. |
| Jährliche | ||||||||||
| Einkommen | ||||||||||
| über 60 und | ||||||||||
| unter 100 | ||||||||||
| Pfd. St. | 238 726 | ” | ” | 5 015 | ” | 222 575 | ” | ” | 4 703 | ” |
| Von der jährl. | ||||||||||
| Gesammt- | ||||||||||
| einname: | 1 979 066 | ” | ” | 11 321 | ” | 2 028 571 | ” | ” | 12 184 | ” |
| Rest der jährl. | ||||||||||
| Gesammt- | ||||||||||
| einname von: | 2 150 818 | ” | ” | 1 131 | ” | 2 418 833 | ” | ” | 1 194 | ” |
| 1 073 906 | ” | ” | 1 010 | ” | 1 097 927 | ” | ” | 1 044 | ” | |
| 1 076 912 | ” | ” | 121 | ” | 1 320 906 | ” | ” | 150 | ” | |
| Davon: | 430 535 | ” | ” | 95 | ” | 584 458 | ” | ” | 122 | ” |
| 646 377 | ” | ” | 26 | ” | 736 448 | ” | ” | 28 | ” | |
| 262 819 | ” | ” | 3 | ” | 274 528 | ” | ” | 3 | „185) |
England, ein Land entwickelter kapitalistischer Produktion und vorzugsweis industriell, wäre verblutet an einem Volksaderlaß, ||669| gleich dem irischen. Aber Irland ist gegenwärtig nur ein durch einen breiten Wassergraben abgezäunter Agrikulturdistrikt Englands, dem es Korn, Wolle, Vieh, industrielle und militärische Rekruten liefert.
Die Entvölkerung hat viel Land außer Bebauung geworfen, das Bodenprodukt sehr vermindert186), und, trotz des erweiterten Areals der Viehzucht, in einigen ihrer Zweige absolute Abnahme erzeugt, in andren kaum nennenswerthen, durch beständige Rückschritte unterbrochnen Fortschritt. Dennoch stiegen mit dem Fall der Volksmasse fortwährend Bodenrenten und Pachtprofite, obgleich letztere nicht so konstant wie die erstren. Der Grund ist leicht verständlich. Einerseits verwandtelte sich mit der Zusammenwerfung der Pachtungen und der Verwandlung von Ackerland in Viehweide ein größerer Theil des Gesammtprodukts in Mehrprodukt. Das Mehrprodukt wuchs, obgleich das Gesammtprodukt, wovon es einen Bruchtheil bildet, abnahm. Andrerseits stieg der Geldwerth dieses Mehrprodukts noch rascher als seine Masse, in Folge der seit den letzten 20 und ganz besonders seit den letzten 10 Jahren steigenden englischen Marktpreise für Fleisch, Wolle u. s. w.
Zersplitterte Produktionsmittel, die den Producenten selbst als Beschäftigungs- und Subsistenzmittel dienen, ohne sich durch Einverleibung fremder Arbeit zu verwerthen, sind eben so wenig Kapital als das von seinem eigenen Producenten verzehrte Produkt Waare ist. Wenn mit der Volksmasse auch die Masse der in der Agrikultur angewandten Produktionsmittel abnahm, so nahm die Masse des in ihr angewandten Kapitals zu, weil ein Theil früher zersplitterter Produktionsmittel in Kapital verwandelt ward.
Das außerhalb der Agrikultur, in Industrie und Handel angelegte Gesammtkapital Irlands akkumulirte während der letzten zwei Decennien langsam und unter beständiger großer Fluktuation. Um so rascher entwikkelte sich dagegen die Koncentration seiner individuellen Bestandtheile. Endlich, wie gering immerhin sein absolutes Wachsthum, relativ, im Verhältniß zur zusammengeschmolzenen Volkszahl, war es angeschwollen.
Hier entrollt sich also, unter unsren Augen, auf großer Stufenleiter, ein Proceß, wie die orthodoxe Oekonomie ihn nicht schöner wünschen konnte zur Bewähr ihres Dogmas’s, wonach das Elend aus absoluter Uebervölkerung entspringt und das Gleichgewicht ||670| durch Entvölkerung wieder hergestellt wird. Es ist dies ein ganz anderes wichtiges Experiment als die von den Malthusianern so sehr verherrlichte Pest in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. Nebenbei bemerkt. War es an sich schulmeisterlich naiv, den Produktions- und entsprechenden Bevölkerungsverhältnissen des 19. Jahrhunderts den Maßstab des 14. Jahrhunderts anzulegen, so übersah diese Naivetät noch obendrein, daß wenn jener Pest und der sie begleitenden Decimation diesseits des Kanals, in England, Befreiung und Bereicherung des Landvolks, ihr jenseits, in Frankreich, größere Knechtung und erhöhtes Elend auf dem Fuß nachfolgten186a).
Die Hungersnoth erschlug 1846 in Irland über eine Menschenmillion, aber nur arme Teufel. Sie that dem Reichthum des Landes nicht den geringsten Abbruch. Der nachfolgende zwanzigjährige und stets noch anschwellende Exodus decimirte nicht, wie etwa der dreißigjährige Krieg, mit den Menschen zugleich ihre Produktionsmittel. Das irische Genie erfand eine ganz neue Methode, ein armes Volk tausende von Meilen vom Schauplatz seines Elends wegzuhexen. Die in die Vereinigten Staaten übergesiedelten Auswanderer schicken jährlich Geldsummen nach Haus, Reisemittel für die Zurückgebliebenen. Jeder Trupp, der dieses Jahr auswandert, zieht nächstes Jahr einen andren Trupp nach. Statt Irland etwas zu kosten, bildet die Auswanderung so einen der einträglichsten Zweige seines Exportgeschäftes. Sie ist endlich ein systematischer Proceß, der nicht etwa vorübergehend ein Loch in die Volksmasse bohrt, sondern aus derselben jährlich mehr Menschen auspumpt, als der Nachwuchs ersetzt, so daß das absolute Bevölkerungsniveau von Jahr zu Jahr sinkt64a).
Welches waren die Folgen für die zurückbleibenden, von der Uebervölkerung befreiten Arbeiter Irlands? Daß die relative Uebervölkerung heute so groß ist wie vor 1846, daß der Arbeitslohn eben so niedrig steht und die Arbeitsplackerei zugenommen hat, daß die Misère auf dem Land wieder zu einer neuen Krise ||671| drängt. Die Ursachen sind einfach. Die Revolution in der Agrikultur hielt Schritt mit der Emigration. Die Produktion der relativen Uebervölkerung hielt mehr als Schritt mit der absoluten Entvölkerung. Ein Blick auf Tabelle B zeigt, wie die Verwandlung von Ackerbau in Viehweide in Irland noch akuter wirken muß als in England. Hier wächst mit der Viehzucht der Bau von Grünfrucht, dort nimmt er ab. Während große Massen früher bestellter Aecker brachgelegt oder in permanentes Grasland verwandelt werden, dient ein großer Theil des früher unbenutzten wüsten Landes und Torfmoors zur Ausdehnung der Viehzucht. Die kleineren und mittleren Pächter – ich rechne dazu alle, die nicht über 100 Acres bebauen – machen immer noch ungefähr der Gesammtzahl aus64a). Sie werden progressiv in ganz andrem Grad als zuvor von der Konkurrenz des kapitalistisch betriebenen Ackerbaus erdrückt und liefern daher der Klasse der Lohnarbeiter beständig neue Rekruten. Die einzige große Industrie Irlands, die Leinenfabrikation, braucht verhältnißmäßig wenig erwachsne Männer und beschäftigt überhaupt, trotz ihrer Expansion seit der Vertheuerung der Baumwolle 1861–66, nur einen verhältnißmäßig unbedeutenden Theil der Bevölkerung. Gleich jeder andren großen Industrie producirt sie durch stete Schwankungen in ihrer eignen Sphäre beständig eine relative Uebervölkerung, selbst bei absolutem Wachsthum der von ihr absorbirten Menschenmasse. Die Misère des Landvolks bildet das Piedestal riesenhafter Hemdenfabriken etc., deren Arbeiterarmee zum größten Theil über das flache Land zerstreut ist. Wir finden hier das früher geschilderte System der Hausarbeit wieder, welches in Unterzahlung und Ueberarbeit seine methodischen Mittel der „Ueberzähligmachung“ besitzt. Endlich, obschon die Entvölkerung nicht zerstörende Folgen hat, wie in einem Land entwickelter kapitalistischer Produktion, vollzieht sie sich nicht ohne beständigen Rückschlag auf den innern Markt. Die Lücke, welche die Auswanderung hier schafft, verengert nicht nur die lokale Arbeitsnachfrage, sondern auch die Einkünfte der Kleinkrämer, Handwerker, kleinen Gewerbsleute überhaupt. Daher der Rückgang der Einkommen zwischen 60 und 100 Pfd. St. in Tabelle E.
Eine durchsichtige Darstellung der Lage der ländlichen Tagelöhner in Irland findet sich in den Berichten der irischen Armenver||672|waltungsInspektoren (1870)186d). Beamte einer Regierung, die sich nur durch die Bayonnete und den bald offnen, bald verhüllten Belagerungszustand hält, müssen sie alle die Rücksichten der Sprache beobachten, die ihre Kollegen in England verachten; trotzdem aber erlauben sie ihrer Regierung nicht, sich in Illusionen zu wiegen. Nach ihnen hat sich die, immer noch sehr niedrige Lohnrate auf dem Lande, in den lezten 20 Jahren doch um 50–60 % erhöht und steht jetzt im Durchschnitt auf 6–9 sh. die Woche. Hinter dieser scheinbaren Erhöhung aber verbirgt sich ein wirkliches Fallen des Lohns, denn sie gleicht nicht einmal den inzwischen erfolgten Preisaufschlag der nothwendigen Lebensmittel aus; Beweis folgender Auszug aus den amtlichen Rechnungen eines irischen Workhouse:
Wochendurchschnitt der Unterhaltungskosten pr. Kopf.
| Jahr. | Nahrung. | Kleidung. | Zusammen. |
| 29. Sept. 1848 bis 29. Sept. 1849 | 1 sh. 3¼ d. | 0 sh. 3 d. | 1 sh. 6¼ d. |
| 29. Sept. 1868 bis 29. Sept. 1869 | 2 sh. 7¼ d. | 0 sh. 6 d. | 3 sh. 1¼ d. |
Der Preis der nothwendigen Lebensmittel ist also beinah zweimal, und der der Kleidung genau zweimal so hoch als vor zwanzig Jahren.
Selbst abgesehen von diesem Mißverhältniß, ergäbe bloße Vergleichung der in Geld ausgedrückten Lohnrate noch lange kein richtiges Resultat. Vor der Hungersnoth wurde die große Masse der ländlichen Löhne in natura entrichtet, in Geld nur der kleinste Theil; heute ist Geldzahlung Regel. Schon daraus folgt daß, welches auch die Bewegung des wirklichen Lohns, seine Geldrate steigen mußte. „Vor der Hungersnoth besaß der Akkerbautagelöhner ein Stückchen Land, worauf er Kartoffeln baute und Schweine und Geflügel zog ... Heutzutage muß er nicht nur alle seine Lebensmittel kaufen, sondern es entgehn ihm auch die Einnahmen aus dem Verkauf von Schweinen, Geflügel und Eiern“187). In der That flossen früher die Landarbeiter zusammen mit den kleinen Pächtern und bildeten meistens nur den Nachtrab der mittleren und großen Pachtungen, auf denen sie Beschäftigung fanden. Erst seit der Katastrophe von 1846 hatten sie angefangen einen Bruchtheil der Klasse reiner Lohnarbeiter zu bilden, einen ||673| besonderen Stand, der mit seinen Lohnherren nur noch durch Geldverhältnisse verknüpft ist.
Man weiß, was ihr Wohnungszustand von 1846 war. Seitdem hat er sich noch verschlimmert. Ein Theil der Landtaglöhner, der indeß von Tag zu Tag abnimmt, wohnt noch auf den Ländereien der Pächter in überfüllten Hütten, deren Scheußlichkeiten das Schlimmste weit übertreffen, das uns die englischen Landdistrikte in dieser Art vorführten. Und das gilt allgemein, mit Ausnahme einiger Striche von Ulster; im Süden in den Grafschaften Cork, Limerick, Kilkenny etc.; im Osten in Wicklow, Wexford etc.; im Centrum in King’s und Queen’s County, Dublin etc.; im Norden in Down, Antrim, Tyrone etc.; im Westen in Sligo, Roscommon, Mayo, Galway etc. „Es ist“, ruft einer der Inspektoren aus, „es ist eine Schande für die Religion und die Civilisation dieses Landes“187a). Um den Taglöhnern die Wohnlichkeit ihrer Höhlen erträglicher zu machen, konfiscirt man systematisch die seit undenklicher Zeit dazugehörigen Stückchen Land. „Das Bewußtsein dieser Art von Acht, in die sie von den Grundherrn und ihren Verwaltern gethan sind, hat bei den Landtaglöhnern entsprechende Gefühle des Gegensatzes und Hasses hervorgerufen gegen die, welche sie als eine rechtlose Race behandeln.“187a).
Der erste Akt der Ackerbaurevolution war, auf allergrößtem Maßstab und wie nach einem von oben gegebenen Losungswort, die auf dem Arbeitsfeld gelegenen Hütten wegzufegen. Viele Arbeiter wurden so gezwungen, in Dörfern und Städten Schutz zu suchen. Dort warf man sie wie Schund in Dachkammern, Löcher, Keller und in die Schlupfwinkel der schlechtesten Viertel. Tausende irischer Familien, die sich selbst nach dem Zeugniß von, in nationalen Vorurtheilen befangnen, Engländern durch ihre seltne Anhänglichkeit an den heimischen Herd, durch ihre sorglose Heiterkeit und durch häusliche Sittenreinheit auszeichneten, fanden sich so plötzlich verpflanzt in die Treibhäuser des Lasters. Die Männer müssen jetzt Arbeit suchen bei benachbarten Pächtern und werden nur auf den Tag gemiethet, also in der prekärsten Lohnform; dabei „haben sie jetzt weite Wege zur Pachtung und zurück zu machen, oft naß wie die Ratten, und andren Unbilden ausgesetzt, die häufig Abschwächung, Krankheit und damit Mangel herbeiführen“.187b) |
|674| „Die Städte hatten Jahr um Jahr aufzunehmen, was als Ueberschuß von Arbeitern in den Landdistrikten galt“187c), und dann wundert man sich noch, „daß in den Städten und Dörfern Ueberschuß, und auf dem Lande Mangel an Arbeitern herrscht!“187d). Die Wahrheit ist, daß dieser Mangel nur fühlbar wird „zur Zeit dringlicher Ackerbauarbeiten, im Frühjahr und Herbst, während den Rest des Jahres viele Hände müßig bleiben“187e); daß „nach der Ernte, vom Oktober bis zum Frühling, es kaum Beschäftigung für sie giebt“187f), und daß sie auch während der beschäftigten Zeit „häufig ganze Tage verlieren und Arbeitsunterbrechungen aller Art ausgesetzt sind“187g).
Diese Folgen der agrikolen Revolution, d. h. der Verwandlung von Akkerland in Viehweide, der Anwendung von Maschinerie, der strengsten Arbeitsersparung etc. – werden noch verschärft durch die Muster-Grundherren, solche die statt ihre Renten im Ausland zu verzehren, so gnädig sind in Irland auf ihren Domainen zu wohnen. Damit das Gesetz von Nachfrage und Angebot ganz ungekränkt bleibe, ziehen diese Herren „jetzt fast ihren ganzen Arbeitsbedarf aus ihren kleinen Pächtern, die so gezwungen sind für ihre Grundherrn zu schanzen für einen im Allgemeinen geringeren Lohn als der der gewöhnlichen Taglöhner, und das ohne alle Rücksicht auf die Unbequemlichkeiten und Verluste, die daraus entstehn, daß sie zur kritischen Zeit der Saat oder Ernte ihre eignen Felder vernachlässigen müssen“.187h)
Die Unsicherheit und Unregelmäßigkeit der Beschäftigung, die häufige Wiederkehr und lange Dauer der Arbeitsstockungen, alle diese Symptome einer relativen Uebervölkerung figuriren also in den Berichten der Armenverwaltungs-Inspectoren als ebensoviel Beschwerden des irischen Ackerbauproletariats. Man erinnert sich, daß wir beim englischen Landproletariat ähnlichen Erscheinungen begegnet sind. Aber der Unterschied ist, daß in England, einem industriellen Lande, die industrielle Reserve sich auf dem Lande rekrutirt, während in Irland, einem Ackerbauland, die Ackerbaureserve sich in den Städten, den Zufluchtsorten der vertriebenen Landarbeiter, rekrutirt. Dort verwandeln sich die Ueberzähligen des Landbaus in Fabrikarbeiter; hier bleiben die in die Städte ||675| Gejagten, während sie gleichzeitig auf den städtischen Lohn drücken, Landarbeiter und werden beständig aufs Land auf Arbeitsuche zurückgeschickt.
Die amtlichen Berichterstatter fassen die materielle Lage der Ackerbautaglöhner zusammen, wie folgt: „Obwohl sie mit der äußersten Frugalität leben, reicht ihr Lohn doch kaum hin, ihnen und ihren Familien Nahrung und Wohnung zu bestreiten; für Kleidung bedürfen sie weiterer Einnahmen ... Die Atmosphäre ihrer Wohnungen, im Verein mit andern Entbehrungen, setzt diese Klasse in ganz besondrem Grade dem Typhus und der Schwindsucht aus“187i). Hiernach ist es kein Wunder, daß, nach dem einstimmigen Zeugniß der Berichterstatter, ein finstres Mißvergnügen die Reihen dieser Klasse durchdringt, daß sie die Vergangenheit zurückwünscht, die Gegenwart verabscheut, an der Zukunft verzweifelt, „sich den verwerflichen Einflüssen von Demagogen hingiebt“ und nur die eine fixe Idee hat, nach Amerika auszuwandern. Das ist das Schlaraffenland, worin das große malthusische Allerweltsheilmittel, die Entvölkerung, das grüne Erin verwandelt hat!
Welches Wohlleben die irischen Manufakturarbeiter führen, dafür genügt ein Beispiel:
„Bei meiner neulichen Inspektion des Nordens von Irland“, sagt der englische Fabrikinspektor Robert Baker, „frappirte mich die Bemühung eines geschickten irischen Arbeiters, aus den allerdürftigsten Mitteln seinen Kindern Erziehung zu verschaffen. Ich gebe seine Aussage wörtlich, wie ich sie aus seinem Mund erhielt. Daß er eine geschickte Fabrikhand, weiß man, wenn ich sage, daß man ihn zu Artikeln für den Manchester Markt verwendet. Johnson: Ich bin ein beetler und arbeite von 6 Uhr Morgens bis 11 Uhr in der Nacht, von Montag bis Freitag; Samstag endigen wir um 6 Uhr Abends und haben 3 Stunden für Mahlzeit und Erholung. Ich habe 5 Kinder. Für diese Arbeit erhalte ich 10 sh. 6 d. wöchentlich; meine Frau arbeitet auch und verdient 5 sh. die Woche. Das älteste Mädchen, zwölfjährig, wartet das Haus. Sie ist unsre Köchin und einzige Gehülfin. Sie macht die jüngeren zur Schule fertig. Meine Frau steht mit mir auf und geht mit mir fort. Ein Mädchen, welches unser Haus entlang geht, weckt mich um halb 6 Uhr Morgens. Wir essen nichts, bevor wir zur Arbeit gehn. Das zwölfjährige Kind sorgt für ||676| die Kleineren des Tags über. Wir frühstücken um 8 und gehn dazu nach Hause. Wir haben Thee einmal die Woche; sonst haben wir einen Brei (stirabout), manchmal von Hafermehl, manchmal von Maismehl, je nachdem wir fähig sind es zu beschaffen. Im Winter haben wir ein wenig Zucker und Wasser zu unsrem Maismehl. Im Sommer ernten wir einige Kartoffeln, womit wir selbst ein Bodenfetzchen bepflanzen, und wenn sie zu Ende sind, kehren wir zum Brei zurück. So geht’s Tag aus Tag ein, Sonntag und Werkeltag, das ganze Jahr durch. Ich bin stets sehr müde des Abends nach vollbrachtem Tagwerk. Einen Bissen Fleisch sehn wir ausnahmsweis, aber sehr selten. Drei unsrer Kinder besuchen Schule, wofür wir 1 d. per Kopf wöchentlich zahlen. Unsre Hausmiethe ist 9 d. die Woche, Torf und Feuerung kosten mindestens 1 sh. 6 d. vierzehntägig“188). Das sind irische Löhne, das ist irisches Leben!
In der That, das Elend Irlands ist wieder Tagesthema in England. Ende 1866 und Anfang 1867 machte sich in der Times einer der irischen Landmagnaten, Lord Dufferin, an die Lösung. „Wie menschlich von solch’ großem Herrn!“
Aus Tabelle E sah man, daß während 1864 von 4368610 Pfd. St. Gesammtprofit 3 Plusmacher nur 262819, dieselben 3 Virtuosen der „Entsagung“ 1865 von 4669979 Pfd. St. Gesammtprofit dagegen 274528 Pfd. St. einsteckten, 1864: 26 Plusmacher 646377 Pfd. St., 1865: 28 Plusmacher 736448 Pfd. St., 1864: 121 Plusmacher 1 076 912 Pfd. St., 1865: 150 Plusmacher 1320906 Pfd. St., 1864: 1131 Plusmacher 2150818 Pfd. St., beinahe die Hälfte des jährlichen Gesammtprofits, 1865: 1194 Plusmacher 2418833 Pfd. St., mehr als die Hälfte des jährlichen Gesammtprofits. Der Löwenantheil aber, welchen eine verschwindend kleine Anzahl Landmagnaten in England, Schottland und Irland vom jährlichen Nationalrental verschlingt, ist so monströs, daß die englische Staatsweisheit es angemessen findet, für die Vertheilung der Grundrente nicht dasselbe statistische Material zu liefern wie für die Vertheilung des Profits. Lord Dufferin ist einer dieser Landmagnaten. Daß Rentrollen und Profite jemals „überzählig“ sein können, oder daß ihre Plethora mit der Plethora des Volkselends irgendwie zusammenhängt, ist natürlich eine ebenso „irrespektable“ als „ungesunde“ (unsound) Vorstellung. Er hält sich an Thatsachen. Die Thatsache ist, daß wie die irische Volkszahl ||677| abnimmt, die irischen Rentrollen schwellen, daß die Entvölkerung dem Grundeigenthümer „wohlthut“, also auch dem Grund und Boden, also auch dem Volk, das nur Zubehör des Bodens. Er erklärt also, Irland sei immer noch übervölkert und der Strom der Emigration fließe stets noch zu träg. Um vollständig glücklich zu sein, müsse Irland wenigstens noch ⅓ Million Arbeitsmenschen ablassen. Man wähne nicht, dieser obendrein noch poetische Lord sei ein Arzt aus der Schule Sangrado’s, der, so oft er seinen Kranken nicht besser fand, Aderlaß verordnete, neuen Aderlaß, bis der Patient mit seinem Blut auch seine Krankheit verlor. Lord Dufferin verlangt einen neuen Aderlaß von nur ⅓ Million, statt von ungefähr 2 Millionen, ohne deren Ablaß in der That das Millennium in Erin nicht herstellbar ist. Der Beweis ist leicht geliefert.
Anzahl und Umfang der Pachten in Irland 1864.
| 1. | 2. | 3. | 4. | ||||
| Pachten | Pachten über 1, | Pachten über 5, | Pachten über 15, | ||||
| nicht über 1 Acre. | nicht über 5 Acres. | nicht über 15 Acres. | nicht über 30 Acres. | ||||
| Anzahl | Acres | Anzahl | Acres | Anzahl | Acres | Anzahl | Acres |
| 48 653 | 25 394 | 82 037 | 288 916 | 176 368 | 1 836 310 | 136 578 | 3 051 343 |
| 5. | 6. | 7. | 8. | ||||
| Pachten über 30, | Pachten über 50, | Pachten | Gesammtareal | ||||
| nicht über 50 Acres. | nicht über 100 Acres. | über 100 Acres. | |||||
| Anzahl | Acres | Anzahl | Acres | Anzahl | Acres | ||
| 71 961 | 2 906 274 | 54 247 | 3 983 880 | 31 927 | 8 227 807 | 20 319 924 Acr.188a) | |
Die Centralisation hat von 1851 bis 1861 hauptsächlich Pachten der ersten drei Kategorien, unter 1 und nicht über 15 Acres, vernichtet. Sie müssen vor allem verschwinden. Dies giebt 307058 „überzählige“ Pächter, und die Familie zum niedrigen Durchschnitt von 4 Köpfen gerechnet, 1228232 Personen. Unter der extravaganten Unterstellung, daß ¼ davon nach vollbrachter agrikoler Revolution wieder absorbirbar, bleiben auszuwandern: 921174 Personen. Die Kategorien 4, 5, 6, von über 15 und nicht über 100 Acres, sind, wie man längst in England weiß, für den kapitalistischen Kornbau zu klein, für Schafzucht aber fast verschwindende Größen. Unter denselben Unterstellungen wie vorher sind also fernere 788358 Personen auszuwandern, Summe: 1709532. Und, comme ||678| l’appétit vient en mangeant, werden die Augen der Rentrolle bald entdecken, daß Irland mit 3½ Millionen immer noch elend, und elend, weil übervölkert ist, also seine Entvölkerung noch viel weiter gehn muß, damit es seinen wahren Beruf erfülle, den einer englischen Schaftrift und Viehweide188b).
Diese einbringliche Methode hat wie alles Gute in dieser Welt ihren Mißstand. Mit der Akkumulation der Grundrente in Irland hält Schritt die Akkumulation der Irländer in Amerika. Der durch Schaf und Ochs beseitigte Ire ersteht auf der andren Seite des Oceans als Fenier. Und gegenüber der alten Seekönigin erhebt sich drohend und drohender die junge Riesenrepublik.
Acerba fata Romanos agunt. Scelusque fraternae necis. |